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Ernst Axel Knauf, Hermann Michael Niemann Geschichte Israels und Judas im Altertum Ernst Axel Knauf, Hermann Michael Niemann Geschichte Israels und Judas im Altertum ISBN 978-3-11-014543-4 e-ISBN (PDF) 978-3-11-041168-3 e-ISBN (EPUB) 978-3-11-042341-9 Library of Congress Control Number: 2020948400 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbiblio- grafie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar. © 2021 Walter de Gruyter GmbH, Berlin/Boston Umschlagabbildung: Satellitenaufnahme des Nahen Ostens vom 30. März 2011. www.eosnap.com (Chelys srl, Rom, Italien.) Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck www.degruyter.com Vorwort Alles prüfe der Mensch, sagen die Himmlischen, Daß er, kräftig genährt, danken für Alles lern’, Und verstehe die Freiheit, Aufzubrechen, wohin er will. Friedrich Hölderlin   Nicht simpler Fortschritt soll hier für ein Gebiet der Wissenschaft dargestellt wer- den, als wären unter unseren Vorfahren nicht zahllose Menschen von überragen- der und auch heute nicht übertroffener Weisheit gewesen. Aber die menschliche Erkenntnis bedarf immer wieder der Formulierung eines Zwischenstandes. Das gilt auch für den Bereich der Geschichte des antiken Israel und Juda. Diesen Be- reich theologischer Studien halten wir für wichtig, stellt er doch die Basis für Exe- gese und Literaturgeschichte und schließlich die Theologie der biblischen Schrif- ten dar. Genau vor biblischen 40 Jahren lernten wir uns im märkischen Buckow öst- lich von Berlin kennen. In der Zeit des Lehrens und Forschens seitdem, wenn auch an unterschiedlichen Orten bzw. Universitäten, mit Ausnahme der archäo- logischen Ausgrabung in Megiddo, die uns 1999 und 2000 zusammenführte, aber stets in engem Kontakt, haben wir die Bibel studiert und dabei immer mit beson- derem Interesse auf eine Konstruktion (nicht Rekonstruktion, die ist unmöglich) der Geschichte Israels geschaut: „Konstruiren muss man bekanntlich die Ge- schichte immer …. Der Unterschied ist nur, ob man gut oder schlecht konstruirt.“ (J. Wellhausen, Prolegomena zur Geschichte Israels, 1886, 383). Der eine von uns hat sich nicht nur, aber besonders intensiv mit der biblischen Exegese und semi- tischen Philologie beschäftigt, der andere sich der Geschichte Israels und Judas 20 Jahre lang aktiv durch Teilnahme an und Leitung von archäologischen Aus- grabungen und Surveys in Israel gewidmet. Daraus ergeben sich die Schwer- punkte der Darstellung, die Literatur bis Ende 2019 berücksichtigt. Der 40-jährige Austausch mündet nun in einen gemeinsamen Entwurf eines Bildes der Ge- schichte Israels und Judas im Altertum, wie es sich uns zur Zeit ergibt. Dieses Buch sollte idealerweise zweimal gelesen werden: Einmal zu Beginn des theologischen Studiums, auch wenn dann noch nicht alles verständlich sein mag, das zweite Mal am Ende des Studiums (oder später) mit dem im Studium und der eigenen Lektüre Gelernten im Kopf und einem kritischen Geist gegenüber dem hier Niedergeschriebenen, dem Motto von Friedrich Hölderlin entspre- https://doi.org/10.1515/9783110411683-001   VI | Vorwort chend. Sollten auch Mit-Forschende das Buch lesen, freuen wir uns auf konstruk- tive Kritik. Die zahlreichen Lehrbücher zur „Geschichte Israels“ haben wir na- hezu an keiner Stelle zitiert; sie stehen für die Positionen und Gesamtauffassun- gen der jeweiligen Autorin oder des Autors wie auch unsere Darstellung; die ständige Auseinandersetzung würde zu viel Platz einnehmen. Wir beziehen uns aber auf die den Lehrbüchern zugrundeliegenden Publikationen. Wir wissen: Dies diem docet. Immer haben wir uns bemüht, hinter den theo- logischen Texten der Bibel den Natur- und den Sozialraum, die Lebenswelt des 1. Jahrtausends vC in der Region des östlichen Mittelmeers zu erkennen und ein we- nig zu erhellen, in deren Kontext die biblischen Schriften entstanden. Herzlicher Dank gilt Gunnar Lehmann (Beer Sheva), dem inspirierenden Freund und Ausgrabungspartner, Steven A. Rosen für abendliche Gespräche vie- ler Monate in Beer Sheva, Klaus Bieberstein (Bamberg) für wertvolle Hinweise, Israel Finkelstein, David Ussishkin und Baruch Halpern für ihre Kollegialität nicht nur während der Ausgrabung in Megiddo 1998–2000 sowie vielen Kollegin- nen und Freunden für Kritik und guten Rat. Anfangs hat sich Frank Hamburger (Rostock) sorgfältig um Karten und Layout bemüht, Christoph Müller (Rostock und Münster) das Bibelstellenregister entworfen und Ruben Burkhardt (Berlin) die Register der Orts- und der Personennamen erarbeitet. Wir danken unseren Studierenden in Kiel, Genf, Heidelberg, Bern, Rostock, Hamburg und Jerusalem für kritische Fragen. Im Verlag haben Dr. Albrecht Döh- nert und Katrin Mittmann nach langer Zeit des Wartens auf das Manuskript wäh- rend der Produktion des Buches unschätzbare Hilfe geleistet. Dr. Döhnert hat sich für das Layout und die Korrekturen außerordentlich intensiv, mit großem Inte- resse und Zeitaufwand engagiert. Dafür sind wir sehr dankbar. Ernst Axel Knauf Hermann Michael Niemann (Bern und Watertown) (Rostock) Inhalt Vorwort | V Abkürzungen | XII Prolegomena | 1 1 Geschichten, Geschichte und Israels Vergangenheit | 1 1.0 Anfang und Ende der Geschichte Israels im Altertum: von Merenptah bis Bar Kochba | 1 1.1 „Israel“ | 3 1.2 „Geschichte“ | 3 1.3 Exkurs: Wie die Griechen ihre (mythische) Vergangenheit (re-) konstruierten | 6 1.4 ‚Geschichte Israels‘ | 10 1.5 Zeit und Raum | 17 I Die Vorgeschichte des biblischen Israel: die Staaten Israel und Juda | 45 2 Die ägyptische Provinz Kanaan und das Ende der bronzezeitlichen Mittelmeerwelt | 45 2.1 Die ägyptische Provinz Kanaan | 46 2.2 JHWH und Edom | 52 2.3 Merenptah, oder: Wie kamen Israeliten nach Ägypten (1208 vC)? | 53 2.4 Sethnacht und der Exodus (1186 vC) | 57 2.5 Ramses III., die Philister und das Ende der ägyptischen Provinz Kanaan | 61 2.6 Die tribale Kupferindustrie der Bronze-Eisen-Zwischenzeit: die ʿArava | 68 3 Die Stämme des zukünftigen Israel. Das Hl. Land in der frühen Eisenzeit (1130–950/925 vC) | 74 3.1 Die Entstehung der Stämme Israels | 75 3.2 Das Leben der Stämme | 88 3.3 Philister, Teukrer und Phönizier | 92   VIII | Inhalt 3.4 Religion und Literatur in der Eisen-I-Zeit | 101 3.5 Feste und Gebräuche | 107 4 Der Beginn der Staatenbildung: Das 10. Jh. – von Saul über David und Šošenq I. zu Jerobeam I. | 112 4.1 Der beginnende Wirtschaftsaufschwung seit der 2. Hälfte des 11. Jh. vC | 116 4.2 Saul und Eschbaal | 121 4.3 David | 130 4.4 Exkurs: Die baugeschichtliche und demographische Entwicklung Jerusalems | 136 4.5 Šošenq und Rehabeam | 163 4.6 Exkurs: ‚Salomo‘ | 171 4.7 Jerobeam I. | 178 4.8 Die Nachfolger Rehabeams und Jerobeams bis Omri | 180 4.9 Religion und Literatur des 10. Jh. vC | 184 5 Der Staat Israel unter der Omriden- und der Nimschiden-Dynastie (9./8. Jh. vC) | 187 5.1 Die Staatenbildung in Südsyrien-Palästina im 9. und 8. Jh. | 187 5.2 Israel und Aram von Jerobeam I. bis Omri | 190 5.3 Die Dynastie Omri | 192 5.4 Israel unter Aram-Damaskus | 210 5.5 Religion und Literatur im 9. Jh. | 215 5.6 Jerobeam II. | 221 5.7 Der Schatten Assurs | 230 5.8 Religion und Literatur des 8. Jh. | 232 6 Juda unter Assur (734 vC bis 609 vC) und der Untergang Israels (727–720 vC) | 239 6.1 Tiglat-Pileser III. | 240 6.2 Der Untergang Israels 727–720 | 248 6.3 Die Eingliederung Judas in das assyrische Reich 720–701 vC | 257 6.4 Die Nachbarn Judas: Ammon, Moab, Edom, die Araber und die Philister | 264 6.5 Juda unter Assur | 270 6.6 Der Untergang Assurs und die Rückkehr Ägyptens nach Kanaan | 281 Inhalt | IX 6.7 Joschija 640–609 | 283 6.8 Die Religion des 7. Jh. vC | 288 6.9 Die Literatur der assyrischen und sub-assyrischen Zeit | 290 7 Zwischen den Mächten: der Aufstieg Babylons und der dreifache Untergang Judas | 294 7.1 Das neubabylonische Reich | 294 7.2 Die erste Eroberung Jerusalems 597 vC und die erste Deportation | 297 7.3 Die zweite Eroberung Jerusalems 586 vC und die zweite Deportation | 299 7.4 König Gedalja (586–582) und die dritte Deportation 581 vC | 302 7.5 Das Ende des Königreichs Judas als Anfang der Geschichte des ‚biblischen Israel‘ | 304 II Die Formation des biblischen Israel aus Judäa und Samaria in der Perserzeit | 311 8 Von Nebukadnezar II. zu Darius I. | 311 8.1 Vom neubabylonischen zum persischen Reich | 311 8.2 Judäa von 581 bis 525 vC | 318 8.3 Die Gola in Babylonien (597–525 vC) | 323 8.4 Kambyses, Dareios und der Bau des Zweiten Tempels (525–515 vC) | 328 9 Das 5. Jahrhundert vC – der Wiederaufbau Jerusalems, Esra und die Thora | 335 9.1 Perser, Phönizier, Araber und Griechen | 335 9.2 Nehemija und der Wiederaufbau Jerusalems | 342 9.3 Esra und die Thora | 353 10 Das 4. Jh. vC – Persien verliert Ägypten. Die Folgen | 359 10.1 Der Verlust Ägyptens | 359 10.2 Die Auswirkungen des Verlustes Ägyptens auf Arabien, Idumäa und Judäa | 365 10.3 Das Leben im ‚biblischen Israel‘: Judäa und Samaria im 4. Jh. vC | 367 X | Inhalt III Die Aufspaltung des biblischen Israel in Samaritaner, Juden und andere in hellenistischer und frührömischer Zeit | 377 11 Judentum und Hellenismus von Alexander dem Makedonen bis Salome Alexandra | 377 11.1 Der Alexanderzug 336–323 und die Diadochen bis 301 vC | 377 11.2 Das dritte Jahrhundert vC: Israel/Palästina unter den Ptolemäern | 383 11.3 Antiochos III. und der Hellenismus | 391 11.4 Der Zusammenbruch des Seleukiden-Reichs und der Aufstieg der Hasmonäer | 396 11.5 Die Herrschaft der Hasmonäer: Von Johannes Hyrkan bis Salome Alexandra | 404 12 Pax Romana | 412 12.1 Pompeius, 63 vC | 415 12.2 Herodes der Große 40/37–4 vC | 417 12.3 Tetrarchen und Prokuratoren | 421 12.4 Die jüdischen Kriege 66–73 und 132–135 nC | 424 12.5 Von ‚Judäa‘ zu ‚Palästina‘ | 431 Anhänge Appendix 1 Fernand Braudel und die Schule der „Annales“ | 437 Appendix 2 2 Samuel bis 1 Könige 3 – theologische Strukturierung der Erzählungen über David und Salomo | 438 Appendix 3 Maximale und minimale Jahreszahlen der Könige Israels und Judas | 440 Appendix 4 Daten auf dem Weg zum Untergang Judas und Jerusalems. ‚Exil und Heimkehr‘ | 441 Appendix 5 Ptolemäer in Ägypten (und Seleukiden) im Überblick | 443 Appendix 6 Zeittafel zur Sammlung und Kanonisierung der heiligen Schriften | 445 Inhalt | XI Register der Bibelstellen | 447 Register der Namen und Personen | 464 Register der Orte | 470 XII | Abkürzungen Abkürzungen Biblische Bücher Gen Genesis Hos Hosea Ex Exodus Joel Joel Lev Levitikus Am Amos Num Numeri Ob Obadja Deut Deuteronomium Jona Jona Jos Josua Mi Micha Ri Richter/Judices Nah Nahum Rut Rut Hab Habakuk 1/2 Sam 1/2 Samuel Zef Zefania 1/2 Kön 1/2 Könige/Regum Hag Haggai 1/2 Chron 1/2 Chronik/Chronica Sach Sacharja Esra Esra Mal Maleachi Neh Nehemia EsrNeh Esra und Nehemia Mt Matthäus Tob Tobit Mk Markus Jud Judith Lk Lukas 1/2 Makk 1/2 Makkabäer Joh Johannes Ijob Hiob Apg Apostelgeschichte Ps Psalmen Röm Römerbrief Spr Sprüche/Proverbia 1/2 Kor 1/2 Korintherbrief Koh Kohelet/Ecclesiastes Gal Galaterbrief Hld Hoheslied/Canticum Phil Philipperbrief Sir Jesus Sirach Heb Hebräerbrief Jes Jesaja Jak Jakobusbrief III Jes Tritojesaja 1 Petr 1 Petrusbrief Jer Jeremia Offb Offenbarung Klg Klagelieder des Jeremia Ez Ezechiel Dan Daniel Allgemeine Abkürzungen Jh Jahrhundert nC nach Christi Geburt vC vor Christi Geburt Periodika und Reihen | XIII Periodika und Reihen ÄA Ägyptologische Abhandlungen AASOR Annual of the American Schools of Oriental Research ÄAT Ägypten und Altes Testament AAWG.PH Abhandlungen der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Philologisch- Historische Klasse ABD The Anchor Bible Dictionary ABG Arbeiten zur Bibel und ihrer Geschichte ADAJ Annual of the Department of Antiquities of Jordan ADPV Abhandlungen des Deutschen Palästina-Vereins AfO Archiv für Orientforschung AfO.B Archiv für Orientforschung, Beiheft AION Annali, hg. vom Istituto Universitario Orientale di Napoli AJA American Journal of Archaeology ANEM Ancient Near Eastern Monographs ANES Ancient Near Eastern Studies, Leuven ANET Ancient Near Eastern Texts, Princeton ANRW Aufstieg und Niedergang der römischen Welt, Berlin AOAT Alter Orient und Altes Testament AOS American Oriental Series, New Haven, CT AP A. Cowley, Aramaic Papyri of the Fifth Century, Osnabrück 1967 AThANT Abhandlungen zur Theologie des Alten und Neuen Testaments ATS.AT Arbeiten zu Text und Sprache im Alten Testament BA Biblical Archaeologist BAR Biblical Archaeology Review BAR.IS BAR International Series BASOR Bulletin of the American Schools of Oriental Research BBB Bonner Biblische Beiträge BBVO Berliner Beiträge zum Vorderen Orient BE Biblische Enzyklopädie BEATAJ Beiträge zur Erforschung des Alten Testaments und des antiken Judentums BETL Bibliotheca Ephemeridum Theologicarum Lovaniensium BEvTh Beiträge zur evangelischen Theologie BiKi Bibel und Kirche BiOr Bibliotheca Orientalis BN Biblische Notizen BNB Biblische Notizen, Beihefte BRL2 K. Galling ed., Biblisches Reallexikon (Tübingen 1977) BSJS Brill´s Series in Jewish Studies BTAVO Beihefte zum Tübinger Atlas des Vorderen Orients BThSt Biblisch-Theologische Studien BTS Beiruter Texte und Studien BZAW Beihefte zur Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft CB.OTS Coniectanea Biblica. Old Testament Series CBET Contributions to Biblical Exegesis and Theology CBQ Catholic Biblical Quarterly XIV | Abkürzungen CBQ.MS Catholic Biblical Quarterly. Monograph Series CEJL Commentaries on Early Jewish Literature CHANE Culture and History of the Ancient Near East CHS Copenhagen International Seminar CIIP Corpus Inscriptionum Iudaeae/Palaestinae CoS W. W. Hallo / K. Lawson Younger eds., The Context of Scripture, Vol. 1 (Leiden – New York – Köln 1997), Vol. 2 (2000), Vol. 3 (2002), Vol. 4 (2017). DBAT Dielheimer Blätter zum Alten Testament und seiner Rezeption in der Alten Kirche DDD K. van der Toorn/B. Becking/P. W. van der Horst eds., Dictionary of Deities and Demons in the Bible, Second extensively Revised Edition (Leiden/Boston/Köln and Cambridge, U.K. 1999) DMOA Documenta et Monumenta Orientis Antiqui EdF Erträge der Forschung EI Eretz Israel ESHM European Seminar in Historical Methodology EThL Ephemerides Theologicae Lovanienses FAT Forschungen zum Alten Testament FRLANT Forschungen zur Religion und Literatur des Alten und Neuen Testaments FThSt Frankfurter Theologische Studien FWG Fischer Weltgeschichte FzB Forschungen zur Bibel GAT Grundrissen zum Alten Testament GGG O. Keel und C. Uehlinger, Göttinnen, Götter und Gottessymbole. Neue Erkennt- nisse zur Religionsgeschichte Kanaans und Israels aufgrund bislang uner- schlossener ikonographischer Quellen (Quaestiones Disputatae 134; Freiburg – Basel – Wien 52001) GM Göttinger Miszellen HB Hebräische Bibel HBS Herders Biblische Studien HeBAI Hebrew Bible and Ancient Israel HTAT M. Weippert, Historisches Textbuch zum Alten Testament (Grundrisse zum Alten Testament; Das Alte Testament Deutsch, Ergänzungsreihe, Band 10; Göttingen 2010) HThKAT Herders Theologischer Kommentar zum Alten Testament IEJ Israel Exploration Journal IJS Institute of Jewish Studies, London: Conference Proceedings of the Institute of Jewish Studies, University College London, Studies in Judaica INJ Israel Numismatic Journal IPIAO S. Schroer/O. Keel, Die Ikonographie Palästinas/Israels und der Alte Orient. Eine Religionsgeschichte in Bildern. Band 1: Vom ausgehenden Mesolithikum bis zur Frühbronzezeit, Fribourg 2005; S. Schroer, Band 2: Die Mittelbronzezeit, Fribourg 2008; S. Schroer, Band 3: Die Spätbronzezeit, Fribourg 2011; Band 4: Basel 2018. JAJ Journal of Ancient Judaism JANER Journal of Ancient Near Eastern Religions JARCE Journal of the American Research Center in Egypt JBL Journal of Biblical Studies Periodika und Reihen | XV JCS Journal of Cuneiform Studies JEOL Jaarbericht van het Vooraziatisch-Egyptisch Genootschap Ex Oriente Lux JESHO Journal of the Economic and Social History of the Orient JHS The Journal of Hebrew Scriptures JNES Journal of Near Eastern Studies JNWSL Journal of Northwest Semitic Languages JRAI Journal of the Royal Anthropological Institute JRS Journal of Roman Studies JSchrHRZ Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit JSJ.S Journal for the Study of Judaism in the Persian, Hellenistic and Roman Periods. Supplements JSOT.S Journal for the Study of the Old Testament. Supplement Series JSP.S Journal for the Study of the Pseudepigrapha. Supplements KAANT Kleine Arbeiten zum Alten und Neuen Testament KAI5 H. Donner und W. Röllig, Kanaanäische und aramäische Inschriften. Band 1, 5., erweiterte und überarbeitete Auflage, Wiesbaden 2002 KT Kaiser Taschenbücher KUSATU Kleine Untersuchungen zur Sprache des Alten Testaments LÄ Lexikon der Ägyptologie LAOS Leipziger Altorientalistische Studien LAPO Littératures anciennes du Proche-Orient LBH.OTS Library of Hebrew Bible. Old Testament Studies LSTS Library of Second Temple Studies MÄS Mitteilungen aus der ägyptischen Sammlung MDAIK Mitteilungen des Deutschen Archäologischen Instituts, Abteilung Kairo NAWG.PH Nachrichten der Akademie der Wissenschaften in Göttingen, Philologisch-His- torische Klasse NEA Near Eastern Archaeology NEAEHL The New Encyclopedia of Archaeological Excavations in the Holy Land NSR Numismatic Studies and Researches, Jerusalem NTOA Novum Testamentum et Orbis Antiquus ÖAW Österreichische Akademie der Wissenschaften ÖAW.PH Österreichische Akademie der Wissenschaften, Philosophisch-Historische Klasse OBO Orbis Biblicus et Orientalis OBO.SA Orbis Biblicus et Orientalis, Series Archaeologica OIP Oriental Institute Publications, Chicago OIS Oriental Institute Seminars, Chicago OLA Orientalia Lovaniensia Analecta ORA Orientalische Religionen in der Antike OTS Oudtestamentische studiën PEQ Palestine Exploration Quarterly PNAS Proceedings of the National Academy of Sciences of the United States of America QEDEM Monographs of the Institute of Archaeology, The Hebrew University of Jerusalem RB Revue Biblique RBL Review of Biblical Literature RGG Religion in Geschichte und Gegenwart, 4. Auflage, 1998–2007 XVI | Abkürzungen RIMB The Royal Inscriptions of Mesopotamia. Babylonian Periods RIME The Royal Inscriptions of Mesopotamia. Early Periods RINAP The Royal Inscriptions of the Neo-Assyrian Period RThPh Revue de théologie et de philosophie SAA State Archives of Assyria SAM Sheffield Archaeological Monographs SANER Studies in Ancient Near Eastern Records SAOC Studies in Ancient Oriental Civilisation SBA Saarbrücker Beiträge zur Altertumskunde SBAB.AT Stuttgarter Biblische Aufsatzbände, Altes Testament SBF.CM Publications of the Studium Biblicum Franciscanum. Collectio Maior SBL Society for Biblical Literature SBL.MS Society of Biblical Studies, Monograph Series SBL.SS Society of Biblical Literature, Supplement Series SBS Stuttgarter Bibelstudien SCI Scripta Classica Israelica SEG Supplementum Epigraphicum Graecum SEL Studi Epigrafici e Lingistici sul Vicino Oriente antico SHAJ Studies in the History and Archaeology of Jordan SHCANE Studies in the History and Culture of the Ancient Near East SJOT Scandinavian Journal of the Old Testament SOR Serie orientale Roma SSAW.PH Sitzungsberichte der Sächsischen Akademie der Wissenschaften zu Leipzig, Philosophisch-Historische Klasse STh Studienbücher Theologie StSem Studi Semitici StUNT Studien zur Umwelt des Neuen Testaments SWBA The Social World of Biblical Antiquity Series SWGJWGUF Sitzungsberichte der Wissenschaftlichen Gesellschaft an der Johann-Wolfgang- Goethe-Universität Frankfurt am Main TA Tel Aviv TAD B. Porten/A. Yardeni, Textbook of Aramaic Documents from Ancient Egypt TANZ Texte und Arbeiten zum Neutestamentlichen Zeitalter TAU.MS Tel Aviv University. Monograph Series TCS Texts from Cuneiform Sources TGI K. Galling (Hg.), Textbuch zur Geschichte Israels (Tübingen 31979) ThExH Theologische Existenz heute ThLZ Theologische Literaturzeitung ThQ Theologische Quartalschrift ThR Theologische Rundschau TSAJ Texte und Studien zum Antiken Judentum TSO Texte und Studien zur Orientalistik TUAT Texte aus der Umwelt des Alten Testaments TzF Texte zur Forschung UF Ugarit-Forschungen UMSS University Museum Symposium Series, Museum of Archaeology and Anthropol- ogy Abgekürzt zitierte Literatur | XVII UTB Uni-Taschenbücher VT Vetus Testamentum VT.S Vetus Testamentum, Supplements VWGTh Veröffentlichungen der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie WdO Die Welt des Orients WMANT Wissenschaftliche Monographien zum Alten und Neuen Testament WSSS N. Avigad / B. Sass, Corpus of West Semitic Stamp Seals, Jerusalem 1997 WUB Welt und Umwelt der Bibel WUNT Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament YNER Yale Near Eastern Researches ZA Zeitschrift für Assyriologie und Vorderasiatische Archäologie ZAR Zeitschrift für altorientalische und biblische Rechtsgeschichte ZÄS Zeitschrift für ägyptische Sprache und Altertumskunde ZAW Zeitschrift für die alttestamentliche Wissenschaft ZBK AT Zürcher Bibelkommentare, Altes Testament ZDMG Zeitschrift der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft ZDPV Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins ZNT Zeitschrift für Neues Testament ZPE Zeitschrift für Papyrologie und Epigraphik ZThK Zeitschrift für Theologie und Kirche Abgekürzt zitierte Literatur Aḥituv (2008) S. Aḥituv, Echoes from the Past. Hebrew and Cognate Inscriptions from the Bib- lical Period (Jerusalem 2008) Finkelstein/Silberman (2001) I. Finkelstein and N.A. Silberman, The Bible Unearthed. Archae- ology’s New Vision of Ancient Israel and the Origin of its Sacred Texts (New York 2001; dt. Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel. München 62011). Finkelstein/Silberman (2006) I. Finkelstein und N.A. Silberman, David und Salomo. Archäolo- gen entschlüsseln einen Mythos (München 2006) GGG O. Keel/C. Uehlinger, Göttinnen, Götter und Gottessymbole. Neue Erkenntnisse zur Reli- gionsgeschichte Knaans und Israels aufgrund bisher unerschlossener ikonographischer Quellen (Quaestiones Disputatae 134; Freiburg/Basel/Wien 52001) Grabbe (22017) L.L. Grabbe, Ancient Israel. What Do We Know and How Do We Know It? (London etc. 22017) Herzog (1997) Z. Herzog, Archaeology of the City. Urban Planning in Ancient Israel and Its So- cial Implications (TAU.MS 13; Tel Aviv 1997) HTAT M. Weippert, Historisches Textbuch zum Alten Testament (Grundrisse zum Alten Testa- ment; Das Alte Testament Deutsch, Ergänzungsreihe, Band 10; Göttingen 2010) Kratz (22017) R. G. Kratz, Historisches und biblisches Israel. Drei Überblicke zum Alten Testa- ment (Tübingen 22017) Mildenberg (1998) L. Mildenberg, Vestigia Leonis. Studien zur antiken Numismatik Israels, Pa- lästinas und der östlichen Mittelweerwelt (NTOA 36; Freiburg Schweiz und Göttingen 1998) Miller/Hayes (22006) A History of Ancient Israel and Judah (Louisville / London 22006) Schäfer (22010) P. Schäfer, Geschichte der Juden in der Antike (Tübingen) Prolegomena Nicht alle, die über ‚Geschichte‘ reden, wissen, worum es sich dabei handelt. Also ist wenigstens zu klären, was ‚Geschichte‘ im vorliegenden Buch bedeutet. 1 Geschichten, Geschichte und Israels Vergangenheit „Vergangenheit“ und „Geschichte“ werden oft synonym gebraucht, aber sie sind es nicht: wenn es nur eine Welt gibt (was die meisten von uns, und meist unbewusst, annehmen), dann gibt es auch nur eine Progression vergangener Zustände dieser Welt. „Geschichte“ ist die mentale Repräsentation von „Ver- gangenheit“. Es gibt wahrscheinlich nur eine Vergangenheit, aber viele ver- schiedene Geschichten davon: falsche und richtigere, spannendere und lang- weiligere, im kulturellen Gedächtnis jeder Gesellschaft und im Kopf der Historikerin. Wissenschaftlich ist eine Geschichte dann, wenn sie vollständige oder re- präsentative Datensätze verarbeitet, rationale und überprüfbare Methoden zur Datengewinnung einsetzt, diese Daten gemäß rational konstruierter und empi- risch überprüfbarer Hypothesen zu Theorien verarbeitet und aufgrund allge- mein anerkannter Falsifikationskriterien unvollständige, überholte oder falsche Hypothesen ablehnt. 1.0 Anfang und Ende der Geschichte Israels im Altertum: von Merenptah bis Bar Kochba Auf dem Buchmarkt sind „Geschichten Israels“ vertreten, die mit Abraham beginnen und solche, die erst mit David einsetzen, die bis zum ‚Exil‘ führen (587 vC), bis Alexander d. Gr. (333/332 vC) oder bis Bar Kochba (132–136 nC) reichen. Die Abgrenzung, die hier vorgenommen wird, ist durch zwei Dokumen- te gesetzt, die sich nicht weginterpretieren lassen („ein Text, der sich nicht weg- interpretieren lässt“ ist geradezu die Definition des „Dokuments“). 1208 vC hält der Pharao Merenptah fest, er habe in Kanaan die Städte Asch- kalon, Geser und Yenoam sowie einen Personenverband namens „Israel“ be- siegt (HTAT S. 168–171 Nr. 066). Wo immer dieses „Israel“ innerhalb Kanaans zu suchen ist (nördlich oder östlich der genannten Städte?), was immer mit ihm https://doi.org/10.1515/9783110411683-002 2 | Geschichten, Geschichte und Israels Vergangenheit geschah (besiegte es der Pharao vernichtend, ein bisschen oder gar nicht?) und wie immer sich dieses „Israel“ zur biblischen Tradition verhält (waren diese Israeliten gerade aus Ägypten gekommen, oder wurden sie jetzt erst einmal dorthin verbracht oder saßen dort seit längerem?) – die Merenptah-Stele ist der Erstbeleg des Namens „Israel“ in Raum und Zeit und damit der Punkt, an dem eine Geschichte Israels tunlichst einsetzt. Weil aber die Vergangenheit zwar ein Ende hat (heute, jetzt), aber keinen Anfang abgesehen von einem mythischen (Schöpfung) oder hypothetischen (Urknall), stellen sich sofort weitere Fragen: Wie kommt ein Pharao dazu, in Kanaan Krieg zu führen? Die Antwort findet sich im 16. Jh. vC, oder im 17. Jh., oder im 4. Jahrtausend … und vor 500 Mio. Jahren lag das Hl. Land am Südpol und der Rest ist Plattentektonik, die wiede- rum dafür verantwortlich ist, dass es dort, zwischen Rotem und Totem Meer, einen Rohstoff gibt, der von Ägypten wie Assyrien heiß begehrt war: Kupfer. 136 nC schlugen 4 römische Legionen den Aufstand des Simeon Bar-Kosiba (der im Nachhinein zu Bar Kochba, ‚Sternensohn‘ wurde) in dessen 5. Jahr nie- der. Während des Krieges gegen Rom hatte Simeon eigene Münzen geprägt, auf denen z. B. stand „Jahr Eins der Erlösung Israels“, „Jahr 2 der Freiheit Israels“, „Simon der Fürst Israels“ (Mildenberg 384 Tf. LXIV). Nach 136 nC setzte eine eigene Münzprägung Israels erst wieder 1948 ein. Bar Kochba ist der letzte vor- neuzeitliche Herrscher einer politischen Größe „Israel“ und damit der vorläufi- ge Endpunkt einer Geschichte, die 1208 vC bereits begonnen hatte. Dass 136 nC die Größe „Israel“ keineswegs aus der Geschichte verschwand, sondern dass sich sogar mehrere, allerdings durchweg nichtstaatliche Perso- nenverbände weiterhin als „Israel“, gar „wahres Israel“ bezeichneten, ist eine der Folgen dieser Geschichte von 1208 vC–136 nC. Die Betrachtung dieser Fol- gen fällt aber nicht mehr in das Gebiet der „Geschichte Israels“, sondern in die Zuständigkeit der Geschichte der Samaritaner, des rabbinischen Judentums und des Christentums. Man kann diese Geschichte aufteilen in ‚Geschichte des Ersten Tempels‘ (bis 587) und ‚Geschichte des Zweiten Tempels‘ (520 vC–70 nC). Die „Geschichte I“ behandelte die Zeit, von der in der Hebräischen Bibel erzählt wird (abgesehen von Hag, Sach, Ps, EsrNeh, Ester, Dan), die „Geschichte II“ jene Zeit, die diese Groß-Erzählung zwar nicht in jedem Punkt erfunden, aber im Ganzen grundle- gend gestaltet hat. Die Lücke zwischen 587 und 520 bezeichnete die Zeit, in der JHWH ‚tempellos‘, also unbehaust ‚im Exil‘ war. „Geschichte“ | 3 1.1 „Israel“ M. Noth, Geschichte Israels (Göttingen 31956) 9–15; R.G. Kratz, Prophetic Discourse on „Isra- 1 el“: Z.I. Farber / J.L. Wright eds., Archaeology and History of Eighth-Century Judah (ANEM 23; Atlanta 2018) 503–515; Sh. Sand, The Invention of the Jewish People (London/New York 2009) 64–128; Ph.R. Davies, Whose History? Whose Israel? Whose Bible? Biblical Histories, Ancient and Modern: L.L. Grabbe ed., Can a ‚History of Israel’ Be Written (JSOT.S 245; Sheffield 1997) 104–122. Als historische Größe bezeichnete „Israel“ zu verschiedenen Zeiten Verschiede- nes. Es ist Aufgabe der Geschichtsforschung, diese Verschiedenheiten heraus- zuarbeiten – im Gegensatz zum ‚kulturellen Gedächtnis’ des Judentums und der Kirche, das Identität durch die Betonung der Kontinuität herstellt. Israel war ein Stamm im Bergland Kanaans am Ende des 13. Jh. vC, ein Stammeskönigtum im 10. Jh. und eine nahöstliche Mittelmacht im 9. und 8. Jh., das in den Provinzen Judäa und Samaria wurzelnde ‚Thora-Israel‘ der Perserzeit, danach die Selbst- bezeichnung zweier religiöser Gemeinschaften (der Juden und Samaritaner), denen sich ab dem 2. Jh. nC eine dritte beigesellte (das Christentum; vgl. Lk 1,54.68; 2,32; Heb 1,1; Jak 1,1; Offb 21,12), … und schließlich ein moderner Natio- nalstaat seit 1948 nC, dessen Staatsvolk nach der Auffassung einiger seiner Bürger zugleich eine Religionsgemeinschaft darstellt und nach der anderer keineswegs. Der Begriff „Israel“ ist mehrfach konfessionell aufgeladen; gerade darum muss sich die Geschichte mit allen Gruppen gleichermaßen befassen, die einmal beanspruchten, „Israel“ zu sein. Für die Historikerin ist „Israel“, was sich „Israel“ nennt. 1.2 „Geschichte“ G.G. Iggers / Q.E. Wang / S. Mukherjee, Geschichtskulturen (Göttingen 2013); U. Becker, Ab- 1 schied von der Geschichte? Bemerkungen zu einem aktuellen Grundproblem der alttestament- lichen Hermeneutik: A. Berlejung / R. Heckl eds., Ex oriente Lux. Studien zur Theologie des Alten Testaments. FS für Rüdiger Lux zum 65. Geburtstag (ABG 39; Leipzig 2012) 591–604; A. Rüth, Narrativität in der wissenschaftlichen Geschichtsschreibung: M. Aumüller ed., Narrativi- tät als Begriff. Analysen und Anwendungsbeispiele zwischen philologischer und anthropologi- scher Orientierung (Berlin / New York 2012) 21–46; N. Furrer, Geschichtsmethode. Eine Einfüh- rung für Historiker menschlicher Gesellschaften (Zürich 2011); H. Swain ed., Big Questions in History (London 2005, TB 2006); S.A. Rosen, The Tyranny of Texts: A Rebellion against the Primacy of Written Documents in Defining Archaeological Agendas: A.M. Maeir / P. de Miro- schedji eds., „I Will Speak the Riddle of Ancient Times“. Archaeological and Historical Studies in Honor of Amihai Mazar on the Occasion of His Sixtieth Birthday (Winona Lake, IN 2006) 879– 4 | Geschichten, Geschichte und Israels Vergangenheit 893; J.L. Gaddis, The Landscape of History. How Historians Map the Past (Oxford 2002); E.A. Knauf, History, Archaeology and the Bible: Theologische Zeitschrift 57 (2001) 262–268; H.M. Niemann, Von Oberflächen, Schichten und Strukturen. Was leistet die Archäologie fü die Erfor- schung der Geschichte Israels und Judas?: C. Hardmeier ed., Steine – Bilder – Texte. Histori- sche Evidenz außerbiblischer und biblischer Quellen (Leipzig 2001) 79–121 = AOAT 418 (2015) 23–61; E.J. Hobsbawm, On history (London 1997); M. Bloch, Apologie der Geschichte oder der Beruf des Historikers / herausgegeben von Lucien Febvre ; aus dem Französischen übertragen von Siegfried Furtenbach, revidiert durch Friedrich J. Lucas (Stuttgart 1992) = Apologie pour l’histoire ou métier d’historien (Paris 1949); E.A. Knauf, From History to Interpretation: D. Edelman ed., The Fabric of History. Text, Artefact and Israel’s Past (JSOT Suppl. 127; Sheffield 1991), 26–64; W.C. Sellar & R.J. Yeatman, 1066 and all that : a memorable history of England, comprising all the parts you can remember, including 103 good things, 5 bad kings and 2 genuine dates (London 1930 und Nachdrucke); F. Braudel, La Méditerranée et le monde mé- diterranéen à l’époque de Philippe II (1949; fr., engl. und deutsche TB-Ausgaben); L. Strachey, Eminent Victorians: Cardinal Manning, Florence Nightingale, Dr. Arnold, General Gordon (Lon- don 1928). „Geschichte“ besteht nicht in der mehr oder weniger kritischen Nacherzählung ihrer ‚Quellen‘, sondern in der Auswertung aller verfügbaren Daten unter der Grundfrage, was wann wo wie gewesen und geschehen sei und warum. Dabei sind Daten über Kollektive (Landschaften, Staaten, Wirtschaftsräume) wichtiger als Daten über Individuen (ein Etwas, das erst die Griechen erfunden haben und das der Alte Orient nicht kannte). Die Lebenswelt wie makro-politische und makro-ökonomische Konstellationen haben immer die Rahmenbedingungen definiert, innerhalb derer je und je politisches (wirtschaftliches, religiöses etc.) Handeln möglich war. Neben den Ereignisfolgen, die bereits nur hypothetisch durch die kritische Aufbereitung aller Daten konstituiert werden können, fragt die Geschichtswis- senschaft nach den Konjunkturen und nach den Strukturen, die in Raum und Zeit feststellbar sind. Im Meer der Geschichte sind die Strukturen die Strömun- gen, die Konjunkturen die Wellen, und die Ereignisse die Schaumkronen auf den Wellen. Aufstieg und Fall des neuassyrischen Reiches sind eine Konjunk- tur, innerhalb derer der Fall Samarias, der Abschluss der judäischen Staaten- bildung wie die Innen- und Außenpolitik König Joschijas von Juda (640–609) zu verstehen sind; der Gegensatz von Bergland und Ebene in Palästina ist eine Struktur, die sich durch die Jahrtausende bewahrt. Sie trennt in der frühen Ei- senzeit Kanaanäer (in den Ebenen) von (Proto-)Israeliten in den Bergen, in hel- lenistischer Zeit ‚freie Städte‘ von Juden und Samaritanern, heute Israel von den besetzten Gebieten. Geschichte kann man immer noch erzählen, man kann sie aber auch kartieren und beschreiben. Im Zeitalter des Nationalismus schrieb man die Geschichte von Völkern und Staaten und nannte es ‚Weltgeschichte‘, „Geschichte“ | 5 wenn man über mehr als drei davon schrieb. Im globalen Zeitalter ist Geschich- te die Erforschung vergangener Zustände der Welt (oder eines regionalen Aus- schnitts davon) und die Rekonstruktion der Vektoren, die vom Zustand Z1 zum Zeitpunkt t1 nach Zn(tn) führen. Das deutsche Wort ‚Geschichte‘ ist mehrdeutig (wenn verschiedene Leute von „Geschichte“ reden, meinen sie in der Regel völlig Verschiedenes, und nicht nur inhaltlich). Im Englischen hat sich lateinisch historia hingegen aufge- spalten. Eine erzählte Geschichte ist immer ein literarischer (und ideologischer) Entwurf, story, was den Historiker interessiert, ist history. Um diese Unterschei- dung im Deutschen nachzubilden, hilft die Kategorie der ‚geschehenen Ge- schichte‘ nicht wirklich weiter, da Geschichten nicht zu geschehen pflegen: ein Bild ist nie mit dem Original identisch, das Bild ist bestenfalls adäquat oder repräsentativ. Was geschehen ist, ist vergangen und liegt damit gerade nicht mehr vor. Auch die Geschichtswissenschaft kann nur mit Daten arbeiten, die hier und jetzt vorliegen und überprüft werden können. Die Vergangenheit wird aufgrund der Relikte, die sie in der Gegenwart hinterlassen hat, (re-)konstruiert. Wissenschaftliche Geschichte ist politisch – und religionspolitisch – notwendig als permanente Kritik der „stories“, der politischen und religiösen Mythen, die gesellschaftliche Gruppen zur Versicherung ihrer Identität wie ihrer Ansprüche und Hoffnungen von sich erzählen. Der auch in der Moderne immer und überall verbreitete Mythos wird damit nicht notwendigerweise des in ihm mit- enthaltenen Zukunftsprogramms entkleidet, wohl aber des rhetorischen An- spruchs auf die ‚Normativität des Faktischen‘. Geschichte als Teil des ‚kol- lektiven Gedächtnis‘ ist immer ein ideologisches Konstrukt, das nach seiner Dekonstruktion durch kritische Geschichtswissenschaft verlangt. J. Diamond, Collapse. How Societies Choose to Fall or Succeed (New York 2005; TB 2006); id., 1 Guns, Germs, and Steel. The Fates of Human Societies (New York 21999); J. Boardman: The Archaeology of Nostalgia. How the Greeks re-created their mythical past (London 2002); A.J. Sokal & J. Bricmont, Eleganter Unsinn. Wie die Denker der Postmoderne die Wissenschaften missbrauchen (München 1999); R.J. Evans, In Defense of History (London 1997); W. Rösler, Dichter und Gruppe. Eine Untersuchung zu den Bedingungen und zur historischen Funktion früher griechischer Lyrik (München 1980); K.R. Popper, Objective knowledge: an evolutionary approach (Oxford 1979); id., Conjectures and refutations: the growth of scientific knowledge (London 1972); id., The poverty of historicism (London 1969); id., The logic of scientific dis- covery (London 1968). – Zum ‚kollektiven Gedächtnis‘: E.J. Hobsbawm & T. Ranger ed., The Invention of Tradition (Cambridge 1983); M. Halbwachs, Stätten der Verkündigung im Heiligen Land. Eine Studie zum kollektiven Gedächtnis (Paris 1941; dt. Konstanz 2003). 6 | Geschichten, Geschichte und Israels Vergangenheit Geschichte ist als empirische Sozialwissenschaft aus dem Ghetto der Narrativi- tät ausgewandert, auch in Folge der ‚postmodernen Geschichtsvernichtung‘: wenn alle Erzählungen gleichermaßen irrelevant geworden sind, lohnt sich das Erzählen nicht mehr; gesellschaftliche und wirtschaftliche Prozesse hingegen, die mit quantitativen Daten unterfüttert sind, haben als ‚Lehrmittel‘ über den Menschen und seine Welt kein Plausibilitätsproblem. Wie alle Wissenschaft arbeitet auch die Geschichtswissenschaft unter der Prämisse sicut Deus non daretur ‚als ob es einen Gott nicht gäbe‘. Das ist ein methodisches Postulat, keine Sachverhaltsfeststellung; es besagt, dass mit ‚Wundern‘ nicht argumentiert und nichts bewiesen werden kann, was schon die Rabbinen wussten. Dass es keine Wunder ‚gibt‘, ist damit nicht behauptet, was die Rabbinen ebenfalls wussten. Sie versucht die vorliegenden Daten vollstän- dig, widerspruchsfrei, empirisch überprüfbar und mit dem kleinstmöglichen Theorie-Aufwand in den Griff zu bekommen. Empirisch-rationale Wissenschaft untersucht alles, was der Fall ist. In der Welt, die alles ist, was der Fall ist, of- fenbart sich kein Gott (Ludwig Wittgenstein). Die Bibel wurde schon von ande- ren geschrieben. Auf den Streit mit wissenschaftlichen Erkenntnissen sollte sich religiöse Rede gar nicht erst einlassen, sie kann ihn nur verlieren und hat dabei nichts zu gewinnen. Aufgabe der Theologie, die ihr niemand abnehmen kann, ist es, immer wieder daran zu erinnern, dass die Welt, die alles ist, was der Fall ist, nicht Alles ist. „Ah, but a man’s reach should exceed his grasp / Or what’s a heaven for?“ (R. Browning). 1.3 Exkurs: Wie die Griechen ihre (mythische) Vergangenheit (re-)konstruierten 1.3 Exkurs: Wie die Griechen ihre (mythische) Vergangenheit (re-)konstruierten (8.–4. Jh. vC) Der britische Archäologe John Boardman (2002) hat faktenreich beschrieben, wie die den Judäern durch vielfältigen ostmediterranen Austausch bekannten zeitgenössischen Griechen (Ionier: Gen 10,2.4; 1 Chr 1,5.7; Jes 66,19; Ez 27,13; Griechen: Joel 4,6; Sach 9,13; Dan 8,21; 10,20; 11,2) im 8.–4. Jh. mit ihrer Ver- gangenheit als Orientierung (und Unterhaltung) für ihre Gegenwart umgingen. Gewiss gibt es bei zeitlicher Parallelität der Entstehung der Literatur in Isra- el/Juda und Griechenland (Rösler 1980; Niemann 1998) und strukturellen Ver- gleichsmöglichkeiten deutliche Unterschiede; vor einem unreflektierten Kom- paratismus ist zu warnen. Durch die Unterschiede werden aber auch Spezifica des jeweiligen Umgangs mit der eigenen Vergangenheit und deren literarischer Gestaltung deutlich. Exkurs: Wie die Griechen ihre (mythische) Vergangenheit (re-)konstruierten | 7 Boardman berichtet, wie das Erzählen von Vergangenheit bei den Griechen narrativ Bilder malt, Häuser baut, Städte, Tempel und Gärten anlegt, Land- schaften mit Orten belebt, mit Menschen und Ereignissen. Es entsteht eine Geo- graphie, für ferne Vergangenheit eine mythische Geographie. Solch eine er- zählt-gemalte (imaginäre) Landschaft spiegelt teilweise die reale Welt. Rückwirkende Ein- und Übersicht gestaltet die imaginäre Landschaft der erzähl- ten Vergangenheit mit. So ist Geschichte immer konstruierte Geschichte. Wich- tig ist für den Historiker, ob das Konstruieren gut oder schlecht geschieht (J. Wellhausen) Für den Nichthistoriker, den Unterhalter, ist das unwichtig. Er konstruiert frei. Griechischen Dichtern, Priestern und Politikern war die Gestal- tung des mythischen Spiegels der Vergangenheit als Paradigma wichtig für die Gestaltung der Gegenwart. Die erzählte Vergangenheit sollte nicht nur der pu- ren Illustration dienen, sondern sie schuf in Verbindung mit den anschaubaren Spuren derselben zugleich konstruierte Vergangenheit und Vor-Bilder für die Gegenwart. Sie dienten der „Identitätsstiftung“ und Orientierung – wie jede Geschichtsschreibung. Die Griechen schufen ihre Geschichte erzählerisch sozusagen auf physi- scher Grundlage anhand von Objekten und Landschaften. Dabei konnten frühe- re Erzählungen und Texte aktuell ausgeschmückt werden. Spuren des Früheren konnten z.B. anhand von Gräbern wahrgenommen werden. Dichter, Autoren ergänzten diese Wahrnehmungen aus eigener Imagination. Texte wurden ge- sammelt, nacherzählt, umerzählt, neu gesammelt und paraphrasiert. Fossile Knochenfunde wurden zu Giganten, seltsame und auffällige Felsformationen stellten erstarrte Helden oder Heldinnen dar. Mauern, Ruinen und Gräber der Bronzezeit waren das Werk von Giganten und Helden. Gefundene Artefakte wurden zur Gürtelschnalle von Herakles, zur Haarspange der Helena, zum Be- cher oder zur Speerspitze des Achill. Man „fand“ die Höhle, wo Odysseus sich zeitweilig in Ithaka versteckt und wo Athene einen Olivenbaum gepflanzt hatte. Mit all dem konnte das Empfinden für die hellenische Geschichte und die Prä- gung der Geschichte durch das Griechentum entstehen und wachsen. Das war noch nichts Selbstverständliches. Das wird daran klar, dass diese Art der geo- graphischen Identifizierung die Römer sehr beeindruckt hat. Erste Touristen, selbst Kaiser, zog es an. Julius Caesar soll gewarnt worden sein, im hohen Gras um Troja nicht zu fest aufzutreten, um nicht versehentlich auf den Geist oder Schatten Hektors zu treten. Vergangenheit war für die Griechen bedeutend, kein „fremdes Land“. Kunst und Literatur war in der „heroic past“, der Bronzezeit vor dem 6. Jh. vC – voll von Göttern und göttlichem sowie heroischen, mythischen Figuren und Ereig- nissen, Verbindungen zwischen Göttern und Heroen/Menschen. In der Eisenzeit 8 | Geschichten, Geschichte und Israels Vergangenheit entwickelte sich eine neue Gesellschaft mit neuen Strukturen, unabhängigen Städten bzw. Stadtstaaten statt Königtümern. „Urgeschichten“ und Genealogien hatten ihren Platz in der mündlichen Tradition im 8. Jh. Aus dem alten „geomet- rischen Stil“ und dem östlichen Einfluss in der „Orientalisierenden Revolution“ des 8.–7. Jh. konnte sich eine neue künstlerische Tendenz entwickeln. Im 6. Jh. kamen in Griechenland auch Geographie und fremde Völker stärker in den Blick der literaten Elite. Im 5. Jh. geriet das, was man mythische Geschichte nennen kann, in engeren Kontakt mit dem, was wir heute eher „reale“ Geschichtsbe- trachtung nennen würden; Boardman spricht von „myth-history“ (2002, 8). Die Trennlinie zwischen Gott-Held und real-menschlichen Ahnen war unscharf. Im 4. Jh. vC beginnt Alltagsleben Thema für Künstler zu werden, für Poeten und auch auf der Bühne. Boardman (2002, 13) bietet ein Schema einer Vorstellung der Griechen der frühklassischen Zeit von ihrer Vergangenheit im Vergleich zur archäologischen Geschichte Griechenlands: Tab. 1: Griechische Mythen und Archäologische Perioden (nach Boardman [2003, 13]) Griechische Mythen Archäologische Perioden Erde und Olympier, Titanen und Giganten Minoische 1. Palastperiode ca. 2000 vC Olympische Familien Minoische 2. Palastperiode ca. 1600 vC Herakles und Theseus Argonauten, Krieg um Theben Mykener übernehmen Kreta, ca. 1300 vC Trojanischer Krieg Kollaps der bronzezeitlichen Palastgesellschaft, ca. 1000 vC Man kann strukturelle Vergleiche mit der „Periodisierung“ biblischen Autoren von der Schöpfung über die Erzväter – Wüstenväter – Ahnen bis zur exilisch- nachexilischen Zeit erwägen. Herodot (geb. ca. 484 vC) hat nicht ganz Unrecht, dass Hesiod (ca. 700 vC) und Homer (7. Jh. vC) „den Griechen ihre Götter gaben“ durch sammelnde und kombinierende Gestaltung des „heroischen Zeitalters“ (der Bronzezeit). Homer komponierte mündlich, aber es wurde in seiner Le- benszeit noch aufgeschrieben. Boardman zeigt, was die Griechen „glaubten“, nicht das, was historische Realität war. Homer bezog sich auf allgemein zugäng- liche lebendige Tradition, nicht auf Annalen und Königslisten. Insofern konnte das auch von Homer benutzte Material überprüft, bearbeitet und ergänzt wer- den von wem auch immer. Das macht die „Welt Homers“ zu einer Fata Morgana ‚Geschichte Israels‘ | 9 über einer realen Landschaft, in der poetische Imagination wirken konnte, wie sie wollte, die jeweils zeitgenössisch neuformuliert auch neue zeitgenössische (Vor-)Urteile wie auch deren neue aktuelle Lebenswirklichkeit spiegeln konnte. Boardman zeigt, was die Griechen mit und aus den physischen Hinterlassen- schaften ihrer Vergangenheit machten und wie sie sie inspirierten zur Konstruk- tion ihrer Vergangenheit. An Früheres erinnern Gräber, Plätze von Gottesverehrung, Ahnen als die größeren, besseren, stärkeren Menschen. Vergangenheit wirkt oft golden. Auch Griechen fragen, warum etwas und warum es so geschah, wie es geschah. Ein bedeutender Ahn kann Prestige steigern oder einen Anspruch auf Land oder Macht unterstützen. Relikte können machtvoll wirken, legitimierend. Ahnen und Relikte können passend gemacht (erzählt) werden. Solche Identifikationen und Legitimationen begegnen spätestens ab dem 8. Jh. im archaischen Grie- chenland. Sie materialisieren sich in Orakeln, in einer sich entwickelnden Iko- nographie und realen Antiquitäten (Reliquien), in topographischen Elementen und schließlich in Erzählungen und Texten. Dramatiker wie Euripides bewah- ren in ihrer Dramatik „Historisches“ (z.B. Kleidung der Amazonen). Homer be- richtet gegenüber seiner Zeit andersartige Waffenausrüstung, die in die Bronze- zeit gehört. Griechen führen mit ihren Überlieferungen nahe an ihre Frühzeit. Sie be- wohnten ein relativ kleines Gebiet, differenziert (kleinkammerig wie das zent- ralpalästinische Bergland) und nicht dominiert durch eine einzelne religiöse, militärische und politische Elite. Vielleicht hatten Griechen eine besondere Fähigkeit, aus physikalischen Quellen Mythen zu schaffen und sie in erzählerischen und bildlichen Objekten zu illustrieren. Sie rechtfertigten daraus Macht und Status. Plinius spricht von der Obsession der Griechen für ihre eigene ruhmreiche Geschichte (Boardman 2002, 191). Der Kern der griechischen Mythologie schuf eine griechische Identi- tät. Nicht zu vergessen ist das bei Boardman nicht behandelte ursprünglich religiöse Tanzen und Spielen von Mythen und Geschichten im Theater. Mytho- logie war eng eingebunden in die griechische Umwelt und die Erinnerung der Geschichte, kaum beeinflusst durch geschriebene (kanonische) Dokumente und daher unbegrenzt flexibel in den Händen von Autoren und Künstlern. 10 | Geschichten, Geschichte und Israels Vergangenheit 1.4 ‚Geschichte Israels‘ 1 T. Römer, Die Erfindung der Geschichte im antiken Juda und die Entstehung der Hebräischen Bibel: M. Meyer-Blanck ed., Geschichte und Gott. XV. Europäischer Kongress für Theologie (14.–18. September 2014 in Berlin) (VWGTh 44; Leipzig 2016) 37–57; H.M. Niemann, Abschied von der „Theologie des Alten Testaments“? Einige vorläufige strukturelle Überlegungen zu einer „zusammenfassenden Disziplin“ des Faches „Altes Testament“: id., History of Ancient Israel, Archaeology, and Bible. (AOAT 418; Münster 2015), 413–421; E.A. Knauf, Can a ‚History of Palestineʻ Be Written?: M.L. Chaney et al. eds., Reading a Tendentious Bible. Essays in Honor of Robert B. Coote (Sheffield 2014) 114–124; O. Keel, Kanaan – Israel – Christentum. Plädoyer für eine ‚vertikale‘ Ökumene: J.C. de Vos & F. Siegert ed., Interesse am Judentum. Die Franz-Delitzsch-Vorlesungen 1989–2008 (Berlin 2008) 363–391; I. Finkelstein and A. Mazar: The Quest for the Historical Israel: Debating Archaeology and the History of Early Israel, ed. B.B. Schmidt (Archaeology and Biblical Studies 17; Atlanta 2007); E. Blum, Historiographie oder Dichtung? Zur Eigenart alttestamentlicher Geschichtsüberlieferung: id. et al., Das Alte Testament – ein Geschichtsbuch? Beiträge des Symposiums „Das Alte Testament und die Kultur der Moderne“ anlässlich des 100. Geburtstages Gerhard von Rads (1901–1971) Heidel- berg, 18.–21. Oktober 2001 (Altes Testament und Moderne, 10; Münster 2005) 65–86; Recenti tendenze nella riconstruzione della storia antica d’Israele (Roma, 6–7. Marzo 2003) (Contributi del Centro Linceo Interdisciplinare „Beniamino Segre“ N. 110; Accademia Nazionale die Lincei, Roma 2005); E.A. Knauf, Die Mitte des Alten Testaments: M. Weippert & S. Timm ed., Meilen- stein (FS Herbert Donner = ÄAT 30; Wiesbaden 1995) 79–86; O. Kaiser, Der Gott des Alten Testaments. Theologie des AT 1: Grundlegung (UTB 1747; Göttingen 1993) 126–138; D. Ritschl, Zur Logik der Theologie. Kurze Darstellung der Zusammenhänge theologischer Grundgedanken (KT 38; München 21988) 40–108; ders. – H. Jones, ‚Story‘ als Rohmaterial der Theologie (ThExH 192; München 1976); J. Wellhausen, Prolegomena zur Geschichte Israels (Berlin 1878). ‚Geschichte Israels‘ ist diejenige Disziplin innerhalb der alttestamentlichen Wissenschaft, in der die Erkenntnisse der eher atomisierenden, analytischen ‚Einleitung‘ und ‚Einzelexegese‘ mit der Welt des Alten Orients vermittelt und zu einem Gesamtbild zusammengesetzt werden, in dem chronologisch wie geo- graphisch eine gewisse natürliche Ordnung herrscht. ‚Geschichte Israels‘ ist in schlechterdings jedem exegetischen und bibeltheologischen Zusammenhang zu gebrauchen (und oft unabdingbar), da die Verfasser der Hl. Schrift sich in der Regel an Menschen ihrer Zeit wenden und sich auf deren Lebensverhältnisse beziehen. ‚Geschichte Israels‘ ist wegen der Logik der zeitlichen Abfolge besser geeignet, als ‚Zusammenfassung‘ des Alten oder Ersten Testaments zu dienen als die ‚Theologie des Ersten Testaments‘, über deren Gegenstand wie Methode in der Disziplin keine Einigkeit zu erzielen ist (Niemann 2015). Als „Geschichte Israels“ ist sie nie die Geschichte nur Israels und leistet dadurch innerhalb der Theologie(geschichte) einen Beitrag zu deren politischer, sozialer und wirt- schaftlicher Kontextualisierung, aber auch zur ‚vertikalen Ökumene‘ (O. Keel), ‚Geschichte Israels‘ | 11 die von den Religionen Kanaans und der altorientalischen Imperien zu Juden- tum und Christentum und darüber hinaus zum Islam führt. Die Primärdaten zur Geschichte Israels bestehen aus: (a) den zeitgenössi- schen Texten und Bildern (= Dokumenten), die aus den Ereignissen selbst her- rühren (ägyptische, assyrische, israelitische, judäische, moabitische, ptolemäi- sche und seleukidische Königsinschriften, Briefe, Wirtschaftstexte, Graffiti) sowie (b) dem Befund der Archäologie des Hl. Landes in der Eisenzeit. Die Ar- chäologie liefert relativ schlechte Daten zu Ereignissen, abgesehen von Erdbe- ben und kriegerischen Zerstörungen, die jedoch nur in einem Bruchteil der Fälle vorliegen, in denen sie in der Vergangenheit des Faches angenommen wurden; wenn unter einer massiven Brandschicht Skelette liegen, denen die Dolche und Speerspitzen noch im Brustkorb stecken, denen sie erlegen sind, liegt eine Er- oberung vor, sonst eher nicht. Sie ist unersetzbar zur Rekonstruktion des All- tags. Sie liefert Daten zum relativen Wohlstand der Haushalte (synchron wie diachron), zu Siedlungsformen und Siedlungshierarchien, zur natürlichen Um- welt (zB durch Pollen-Analysen), zur Bevölkerungsentwicklung und zu Impor- ten (materiellen wie immateriellen). Die Ikonographik ist die einzige konsistente Datenbasis zur Religionsgeschichte durch die Jahrtausende; religiöse (Klein-) Kunst erlaubt einen Blick auf die Götterwelt auch in Zeiten (und gesellschaftli- chen Schichten), die gar nicht oder nur wenig schrieben (GGG; IPIAO). Schrift- dokumente sind unersetzlich, wenn es um Namen und Sprachen geht und, ja, ‚Ereignisse‘. Schon damals war nicht das Gewöhnliche, sondern das Außerge- wöhnliche Anlass für Nachricht und Mitteilung. ‚Hund beißt Briefträger‘ kommt allenfalls in die lokalste aller Lokalnachrichten, ‚Briefträger beißt Hund‘ macht die Runde um die Welt. Den theoretischen Rahmen zur Interpretation der Daten bezieht die Ge- schichtswissenschaft (wie die Archäologie) mit Vorteil von der Kulturanthropo- logie (Kulturgeographie, Ethnologie). Die bäuerlichen Lebensbedingungen und Lebensweisen im spätosmanischen Palästina, die relativ gut erforscht sind, können unsere Vorstellungen leiten, wie bäuerliche Tribalgesellschaften in diesem Land zu anderen Zeiten lebten. Über die bloße ‚Analogie‘ hinaus muss aber im Vergleichsfall nachgewiesen werden, dass die strukturalen Rahmenbe- dingungen vergleichbar sind (sonst ließe sich bei genügend Fleiß eine ‚Analo- gie‘ zu allem und jeden irgendwo finden). Man könnte die Geographie und Eth- nologie des Hl. Landes als Lieferanten von ‚Sekundärdaten‘ bezeichnen. Die Beachtung der geographischen Verhältnisse ist ein probates Mittel, um haltlo- sen Analogien auf die Spur zu kommen. König Salomo soll sein Reich in 12 Dis- trikte eingeteilt haben, von denen jeder den Hof einen Monat lang ernähren musste (1 Kön 4,7). Dabei soll er dem Beispiel des ägyptischen Pharaos gefolgt 12 | Geschichten, Geschichte und Israels Vergangenheit sein. Nur: Ägypten hatte den Nil, auf dem auch Lieferungen aus entfernteren Gauen schnell und preiswert an den Hof gelangen konnten. Israel hat und hatte Berge, und zur Zeit Salomos den Esel als einziges Transportmittel. Die Übertra- gung des ägyptischen Modells funktioniert hier nicht, sie erweist sich als Ge- dankenspiel antiker und neuzeitlicher Historiker. 1 B.G. Trigger, Understanding Early Civilizations. A Comparative Study (Cambridge 2007); T.E. Levy ed.,The Archaeology of Society in the Holy Land (New York 1995); J.M. Wagstaff, The Evolu- tion of Middle Eastern Landscapes. An Outline to A.D. 1840 (London & Sidney 1985); I.M. Wal- lerstein, The politics of the world- economy: the states, the movements, and the civilizations: essays (Cambridge 1984); M. Harris, Cultural Materialism. The Struggle for a Science of Culture (New York 1979; TB 1980; Walnut Creek, CA 22001); X. de Planhol, Kulturgeographische Grundlagen der islamischen Geschichte (fr. 1968; dt. Zürich – München 1975); A. Alt, Der Rhythmus der Geschichte Syriens und Palästinas im Altertum: Beiträge zur Arabistik, Semitis- tik und Islamwissenschaft (Leipzig 1944) 284–306 = id., Kleine Schriften zur Geschichte des Volkes Israel III (München 1959) 1–19. Die Historikerin ist gut beraten, Theorien zur Organisation ihrer Daten dem Fach zu entnehmen, das in der Gegenwart für den betreffenden Wirklichkeits- bereich zuständig ist, dessen Vergangenheit uns gerade interessiert: der Psy- chologie und Psychopathologie für Individuen, der Sozialanthropologie für vorindustrielle Gesellschaften, der Ökonomie für weltwirtschaftliche Zusam- menhänge. Die theoretischen Grundlagen der vorliegenden Darstellung, die hier wenigstens zu nennen sind, bestehen aus (a) dem Kulturmaterialismus (cultural materialism) vom Marvin Harris (Menschen tun, was ihren Interessen dient, bzw. dem, was sie für ihre Interessen halten) und (b) dem Weltsysteman- satz (world systems approach) von Immanuel Wallerstein (in jedem Weltwirt- schaftssystem gibt es Zentren und Peripherien, die sich gegenseitig ausbeuten) sowie dem Verfolgen der großen raumzeitlichen Prozesse (la longue durée) der Annales-Schule (bekanntester Vertreter: Fernand Braudel), zu der Albrecht Alts ‚Territorialgeschichte‘ einen Seitenzweig bildet. Dass Daten primär sind, heißt noch lange nicht, dass sie vollständig oder auch nur repräsentativ sind (gilt besonders für die Archäologie) oder dass sie interesselos, ideologiefrei und alle ihre Aussagen ‚wahr‘ sind (gilt besonders für die Texte und Bilder); es heißt lediglich, dass deren raumzeitliche Koordinaten nicht bereits hypothetisch sind. Die Inschrift des Königs Mešaʿ von Moab ist ein Text aus Moab, genauer aus der Residenz Dibon, vom Ende des 9. Jh. vC; daran besteht kein vernünftiger Zweifel. Für den Text zur Thronfolge David/Salomo in 1 Kön 1 wurden und werden Datierungen vom 10.–4. Jh. vC vorgeschlagen und möglicherweise haben mehrere davon irgendwie Recht. ‚Geschichte Israels‘ | 13 R. Smend, Kritiker und Exegeten. Porträtskizzen zu vier Jahrhunderten alttestamentlicher 1 Wissenschaft (Göttingen 2017); id., Epochen der Bibelkritik. Gesammelte Studien 3 (BevTh 109; München 1991); H. Donner, Geschichte des Volkes Israel und seiner Nachbarn in Grundzügen I (Göttingen 1984, 32000), II (Göttingen 1986, 32001); J.G. Droysen, Historik. Vorlesungen über Enzyklopädie und Methodologie der Geschichte (ed. R. Hübner; Darmstadt 1977); M. Noth, Geschichte Israels (1950, 31956 und Nachdrucke); J. Wellhausen, Israelitische und jüdische Geschichte (Berlin 1894, 71914 und Nachdrucke). Die Bibel ist heute nicht mehr die ‚Hauptquelle‘ für die Geschichte Israels. Überhaupt haben wir den Begriff der ‚Quelle‘ bislang vorsätzlich vermieden. Er stammt aus der Zeit, als den Historikern des Altertums an Datenmaterial über- haupt nur die Werke der antiken Historiker zur Verfügung standen, zu denen – irrtümlich – auch ein Großteil der biblischen Schriften gezählt wurde. Aufgrund von quellen- und tendenzkritischen Überlegungen wurden deren Erzählungen ‚kritisch‘ nacherzählt. Einen Klassiker dieser Epoche der Forschung legte Julius Wellhausen 1894 vor, der freilich wie J.G. Droysen wusste, dass die ‚Geschichte‘ nicht in den ‚Quellen‘ steht: „Konstruiren muß man bekanntlich die Geschichte immer …Der Unterschied ist nur, ob man gut oder schlecht konstruirt“ (J. Well- hausen, Prolegomena zur Geschichte Israels [Berlin 1878; 61905, 365). Die ‚bibli- sche Archäologie‘ begann als Gegenbewegung gegen Wellhausens kritische Geschichte in der Hoffnung, archäologische Funde könnten zeigen, dass die Bibel ‚doch recht‘ habe. Herausgekommen ist das Gegenteil. Für Martin Noth 1950 und Herbert Donner 1984–86 war die Archäologie die Basis der Darstellung der Geschichte Israels in ‚vorstaatlicher Zeit‘, denn ab David und Salomo glaub- te man, zeitgenössische ‚Quellen‘ in der biblischen Überlieferung rekonstruie- ren zu können. Anders als Noth bettet Donner Israel systematisch in seinen vorderorientalischen Kontext ein. All diese ‚Klassiker‘ sind bis heute lesenswert und nicht nur aus wissenschaftshistorischem Interesse; aber als Lehrbücher sind sie nicht mehr zu gebrauchen. I. Finkelstein / N.A. Silberman, The Bible Unearthed. Archaeology’s New Vision of Ancient 1 Israel and the Origin of Its Sacred Texts (New York 2001; dt. Keine Posaunen vor Jericho. Die archäologische Wahrheit über die Bibel, München 62011); M. Liverani, Israel’s History and the History of Israel (London / Oakville 2005); J.M. Miller / J.H. Hayes, A History of Ancient Israel and Judah (Louisville and London 22006); L.L. Grabbe, Ancient Israel: What Do We Know and How Do We Know It? (London/New York 22017); I. Finkelstein, The Forgotten Kingdom. The Archaeology and History of Northern Israel (Atlanta 2013; dt. Das vergessene Königreich. Israel und die verborgenen Ursprünge der Bibel (dtv 34916; München 2017). 14 | Geschichten, Geschichte und Israels Vergangenheit Inzwischen liegen archäologische und epigraphische Daten bis in die römische Zeit vor, die dazu zwingen, die alten Erzählungen wesentlich radikaler ‚umzu- schreiben‘ als früher – oder eher noch, neue Erzählungen zu entwerfen. Finkel- stein / Silberman kann als erste ‚Geschichte Israels‘ betrachtet werden, die von der Archäologie her auf den Text eingeht, die das frühere Verhältnis von ‚Haupt-‘ und ‚Hilfswissenschaft‘ also auf den Kopf stellt. Entscheidend ist, dass die Archäologie heute Datierungen mit genügender Präzision liefert, die von den Texten unabhängig sind. Das Fast-Monopol der israelischen Archäologie der Gegenwart auf die Generierung neuer Primär-Daten hat zur Folge, dass der Fach-Diskurs zur Geschichte des vorhellenistischen Israel den deutschen Sprachraum verlassen hat. 1 M.S. Smith, Why was „Old Poetry“ Used in Hebrew Narrative? Historical and Cultural Consider- ations about Judges 5: M.J. Lundberg / S. Fine / W.T. Pitard eds., Puzzling Out the Past. Studies in Northwest Semitic Languages and Literatures in Honor of Bruce Zuckerman (Leiden – Boston 2012) 197–212; K. van der Toorn, The Books of the Hebrew Bible As Material Artifacts: J.D. Schloen ed., Exploring the Longue Durée. Essays in Honor of Lawrence Stager (Winona Lake, IN 2009) 465–471; F. Blanco Wißmann, ‚Er tat das Rechte …‘. Beurteilungskriterien und Deuteron- omismus in 1Kön 12–2Kön 25 (AThANT 93; Zürich 2008); L.L. Grabbe, Mighty oaks from (genet- ically manipulated?) acorns grow: „The chronicle of the kings of Judah“ as a source of the deuteronomistic history: R. Rezetko / T. Lim / W.B. Aucker eds., Reflection and refraction. Studies in biblical historiography in honour of A. Graeme Auld (Leiden 2007) 155–173; Acca- demia Nazionale die Lincei ed., Recenti tendenze nella riconstruzione della storia antica d’Israele. Convegno international, Roma, 6–7 Marzo 2003 (Contributi del Centro Linceo Inter- disciplinare „Beniamino Segre“ N. 110; Rom 2005); – Zum sogenannten ‚Deuteronomistischen Geschichtswerk‘: R.G. Kratz, Die Komposition der erzählenden Bücher des Alten Testaments (UTB 2157; Göttingen 2000) 155–219. Die Zuversicht, man könne mit Hilfe literar- und redaktionskritischer Operatio- nen der Bibel alte, zuverlässige Dokumente entnehmen, ist im Abklingen begrif- fen. Thora und Propheten sind so, wie sie vorliegen, Texte aus der Perserzeit. Linguistische Hinweise darauf, dass beim Redaktionsprozess Quellen aus dem 9. (Ri 5) bis 6. Jh. verarbeitet wurden, liegen vor, doch wortwörtlich lassen sich die Vorlagen aus ihrer Rezeption nicht herauspräparieren. Die ‚Schriften‘ stam- men überwiegend erst aus hellenistischer Zeit. ‚Geschichtswerke‘ – wie man früher geglaubt hat – gibt es in der Hebräischen Bibel nicht. Im sogenannten ‚Rahmen‘ von 1–2 Kön ist eine ‚Chronik Israels und Judas‘ wohl aus dem 6. Jh. verarbeitet, deren Angaben zu den Regierungszeiten der Könige weitgehend Vertrauen verdienen. Andere Texte in Sam und Kön gehören zur Gattung der ‚historischen Kurzgeschichte‘ bzw. der ‚Novelle‘ (die Davidhaus-Geschichte, 1 Kön 20 und 22), die zwar auf Überlieferung beruhen, damit aber freier umgehen ‚Geschichte Israels‘ | 15 als eine ‚Chronik‘. In ihrer kanonischen Endgestalt sind sowohl Sam wie Kön Prophetenbücher. Autorenintendierte Historiographie liegt nur vor in Esra/Neh (in der Hebräischen Bibel [HB] ein Buch) aus dem ausgehenden 4. Jh. und 1–2 Chr aus dem 3./2. Jh., doch ist deren Informationsgehalt, was die dargestellte Vergangehneit betrifft, eher gering. Im AT kommen noch 1–2 Makk hinzu, wobei 1 Makk auf ein hebräisches Original aus der 2. Hälfte des 2. Jh. zurückgeht, wäh- rend 2 Makk original griechische Historiographie darstellt. 1 Makk ist metho- disch und stilistisch (Kön und) Chr verpflichtet und sachkritischer zu lesen, als meistens der Fall ist. Die historische Novellistik wird durch Judit und Tobit (ein hellenistischer Roman) bereichert, von deren chronologischer Phantastik jede Leserin sich selbst überzeugen möge. Textausgaben: CIIP; WSSS, CoS; M. Weippert, Historisches Textbuch zum Alten Testament 1 (Grundrisse zum Alten Testament 10; Göttingen 2010), im Folgenden HTAT; S. Aḥituv, Echoes from the Past. Hebrew and Cognate Inscriptions from the Biblical World (Jerusalem 2008) [das hebräische Original erschien unter dem eher angemessenen Titel ʾĂsufat kǝtuvot ʿivriyot] ; – G. Frame, Rulers of Babylonia. From the Second Dynasty of Isin to the End of Assyrian Domination (1157–612 BC) (RIMB 2; Toronto 2016); A.K. Grayson / J. Novotny, The Royal Inscriptions of Sennacherib, King of Assyria (704–681) 1–2 (RINAP 3/1–2; Winona Lake 2012–2014); H. Tad- mor / S. Yamada, The Royal Inscriptions of Tiglath-Pileser III (744–727) and Shalmaneser V (726–722), Kings of Assyria (RINAP 1; Winona Lake 2011); E. Leichty, The Royal Inscriptions of Esarhaddon, King of Assyria (680–669 BC) (RINAP 4; Winona Lake 2011); H.J.-J. Glassner, Mes- opotamian Chronicles (Writings from the Ancient World 19; Atlanta 2004); H. Schaudig, Die Inschriften Nabonids von Babylon und Kyros’ des Großen samt den in ihrem Umfeld entstand- enen Tendenzschriften. Textausgabe und Grammatik (AOAT 256; Münster 2001); E. Frahm, Einleitung in die Sanherib- Inschriften (AfO.B 26; Wien 1997); R. Borger, Beiträge zum Inschrif- tenwerk Assurbanipals. Die Prismenklassen A, B, C = K, D, E, F, G, H, J und T sowie andere Inschriften (Wiesbaden 1996); A.K. Grayson, Assyrian Rulers of the Early First Millennium BC. 2. 858–745 BC (Royal Inscriptions of Mesopotamia, Assyrian Periods 3; Toronto 1996); H. Tadmor, The Inscriptions of Tiglath-Pileser III, King of Assyria (Jerusalem 1994); A. Fuchs, Die Inschriften Sargons. II aus Khorsabad (Göttingen 1994); A.K. Grayson, Assyrian Rulers of the Early First Millennium BC. 1. 1114–859 BC (Royal Inscriptions of Mesopotamia, Assyrian Periods 2; Toron- to 1991); A.K. Grayson, Assyrian and Babylonian Chronicles (TCS 5; Locust Valley, NY 1975); R. Borger, Die Inschriften Assarhaddons, Königs von Assyrien (AfO.B 9; Wien 1956); D.D. Luckenbill, The Annals of Sennacherib (OIP 2; Chicago 1924). – Bei Übersetzungen (z.B. TUAT, ANET [überholt!]) ist zu überprüfen, ob sie auf aktuellen Editionen beruhen, bei Zitaten akka- discher Texte in der Sekundärliteratur ebenfalls. Die ‚Annalen‘ der neuassyrischen Könige, die babylonischen ‚Chroniken‘ und die Königsinschriften all dieser Herrscher sowie des Kyros sind eine Hauptquel- le für die Geschichte Israels vom 9. bis zum 6. Jh., da sie für die verzeichneten Ereignisse genaue Daten angeben und oft selbst exakt datiert sind. Für die meis- 16 | Geschichten, Geschichte und Israels Vergangenheit ten von ihnen liegen verlässliche Textausgaben erst seit den 90er Jahren des letzten Jahrhunderts vor. Bei ihrer Auswertung ist das ‚Tiglatpileser-Prinzip‘ (B. Halpern) zu beachten: besonders die Assyrer logen, dass sich die Zedernbalken des Palastes bogen, aber sie konnten nur mit der Wahrheit lügen, denn die Göt- ter lasen mit! Sie sagen gewissermaßen nichts als die Wahrheit, aber nie die ganze Wahrheit, und sie sagen die Wahrheit so, dass man schon genau hinse- hen muss, um sie zu finden. Der Großkönig siegte immer, und wenn er einmal nicht siegte, siegte er in seinen Annalen trotzdem. Was hilft, ist ein Blick auf die Landkarte, oder der Vergleich der Darstellung der letzten Regierungsjahre eines Königs, wie z. B. Salmanassers III., in seinen Annalen mit denen seines Nach- folgers, oder der Glücksfall, dass amtliche Dokumente (Briefe) erhalten sind, deren Daten von den Annalen-Komponisten verarbeitet wurden (z. B. bei den Araberkämpfen Assurbanipals). 1 D. Ussishkin, Biblical Lachish. A Tale of Construction, Destruction, Excavation and Restoration (Jerusalem 2014); I. Finkelstein, What the Biblical Authors Knew about Canaan before and in the Early Days of the Hebrew Kingdoms: UF 48 (2017) 173–198; L.L. Grabbe, Enquire from the Former Age: Ancient Historiography and Writing the History of Israel (LBH.OTS 554 = ESHM 9; New York 2011); M.B. Moore, Philosophy and Practice in Writing a History of Ancient Israel (LHB.OTS 435; New York / London 2006). Übertriebenem Skeptizismus (Minimalismus: „Alle Texte lügen immer, außer man kann das Gegenteil beweisen“) wie übertriebenem Credulismus (Maxima- lismus: „Jeder Text sagt die Wahrheit, nichts als die Wahrheit und die ganze Wahrheit, außer man kann das Gegenteil beweisen“) ist mit pragmatischem Probabilismus zu begegnen. Wenn alle Stimmen gehört und alle Daten gesichtet sind, lässt sich meistens eine Version als die wahrscheinlichste eruieren, die allen Daten Rechnung trägt, aber selten einer antiken Darstellung zu 100% folgt. Ob eine Aussage ganz oder zum Teil ‚historisch richtig‘ ist, ist relativ un- abhängig davon, wer sie wann machte. Tendenzkritik hilft meistens weiter. Wenn es die Absicht der Samuel-Bücher ist, David möglichst groß und Saul möglichst klein zu machen, dann ist der Sachverhalt, dass dennoch Saul der erste König Israels war, wahrscheinlich eine ihrem Publikum zu bekannte Grö- ße, als dass die Erzähler sie hätten ignorieren können. Außerdem fand Sauls Bildung eines Stammesstaates geographisch an einem Punkt statt, wo sie nach den Konjunkturen seiner Zeit auch zu erwarten war. Liegen genügend sichere Punkte für ein Gesamtbild vor, darf man auch weniger gesicherte Punkte darin einfügen, wenn sie passen. Wie die Forschung zu weiter zu diskutierenden Er- gebnissen kommen kann, zeigt z.B. I. Finkelstein (2017), indem er auf der Basis Zeit und Raum | 17 archäologischer Ergebnisse, geographischer, soziokultureller und sozioökono- mischer Betrachtungen und literarischer Analysen fragt, was biblische Autoren an lokalen und regionalen Erinnerungen in vordeuteronomistischen Schichten der Daviderzählungen der Samuelbücher sowie in den „Eroberungsgeschich- ten“ in Jos 1; 6–11. 12, im Richter- und Numeribuch über Kanaan vor und wäh- rend der frühen Zeit der Königtümer im Norden und im Süden des zentralpaläs- tinischen Berglandes (das spätere „Nordreich“ Israel und das „Südreich“ Juda) aus mündlichen Erinnerungen verarbeiteten und ab 1. Hälfte des 8. Jh. vC ver- schriftlichten. Dabei handelt es sich bei den frühesten territorialen Erinnerun- gen des 10. und frühen 9. Jh. (späte Eisenzeit I – Eisenzeit IIA, ca. 980–880 vC) um Traditionen aus dem Zentralbergland einschließlich Jesreeltal und Schefela, aus dem Gebiet jenseits des Jordans und aus dem Jordantal (z.B. Abel, Megiddo, Taanach, Meros, Anaharath (Tel Rekhesh), Geschur, Kinneret, Sichem, Gezer, Gat, Ir Moab, Hesbon u.a.), während bezeichnenderweise die Küste in dieser Zeit noch außerhalb des Interesses der Berglandbewohner lag und kaum vor- kommt. Die spätbronzezeitlich wichtigen Orte Hazor (in E I unbedeutend und in E IIA früh unbesiedelt) und Lachisch (in E I unbewohnt und in E IIA früh, Str. V, unbedeutend, Ussishkin 2014) kommen zu Recht in den alten Lokaltraditionen nicht vor, die also bis in die Epochen E IIA und späte E I zurückreichen dürften. Viele Debatten, die auf dem Gebiet der Geschichte Israels ausgetragen wer- den, drehen sich im Grunde nicht um diese Geschichte, sondern um die kosmo- logischen, anthropologischen und epistemologischen Voraussetzungen der Beteiligten. Auseinandersetzungen um die wahrscheinlicheren Theorien sind nur zwischen Beteiligten möglich, die Grundregeln des wissenschaftlichen Dis- kurses einhalten. Mit Evolutionsleugnern, Ursprungsromantikern und Irrationa- listen ist in diesem Rahmen keine Auseinandersetzung möglich. 1.5 Zeit und Raum Die raumzeitlichen Koordinaten von Personen und Ereignissen festzustellen, ist nicht die letzte, aber die erste Aufgabe der Historikerin, und im Fall der Ge- schichte des Alten Orients bisweilen eine ziemlich schwierige. 18 | Geschichten, Geschichte und Israels Vergangenheit Tab. 2: Grundzüge der Geschichte in der Levante Neolithikum 8000–3600 vC Palästina: Zentrum der Entwicklung Chalkolithikum 3600–3200   Frühbronzezeit 3200–2200 Palästina zwischen den primären Staaten Mesopotamien und Ägypten 1. Zwischenzeit 2200–2100 Mittelbronzezeit 2100–1650 2. Zwischenzeit 1650–1550 Palästina zwischen den 4 stabilen Großen (Ägypten, Mesopotamien, Ḫatti, Ägäis) Spätbronzezeit 1550–1150/30 3. Zwischenzeit/Eisenzeit I 1250/1130 bis 950/25 Palästina frei von Großmächten: Umbruch im Mittelmeerraum Eisenzeit II 950–550 Palästina unter Großmacht Assur im 8.–7. Jh. Palästina unter Großmacht Babylon im 6. Jh. Persische Zeit 550–300/250 Palästina unter Großmacht Persien im 6.–4. Jh.   Hellenistische Zeit 300/250 vC–70 nC Palästina unter der Großmacht der Grie- chen/Makedonen   Römische Zeit ab 70 nC Palästina unter der Großmacht Rom ab 1. Jh. nC Zeit und Raum | 19 1.5.1 Zeit A. Laato, Guide to Biblical Chronology (Sheffield 2015); H. Gasche et al., Dating the Fall of 1 Babylon: A Reappraisal of Second Millennium Chronology (Mesopotamian History and Envi- ronment 2/4; Ghent / Chicago 1998); J. v. Beckerath, Chronologie des pharaonischen Ägypten (MÄS 46; Mainz 1997) [hier wegen einiger Fehler im 1. Jahrtausend nicht berücksichtigt]; A. Millard, The Eponyms of the Assyrian Empire 910–612 B.C. (State Archives of Assyria Studies 11; Helsinki 1994); E. Hornung, Grundzüge der ägyptischen Geschichte (Darmstadt 21978) [von alternativen Daten werden hier die jeweils tiefsten rezipiert]; R.A. Parker / W.H. Dubberstein, Babylonian Chronology 626 B.C.–A.D. 45 (SAOC 24; Chicago 1942). Die erste Ära, eine Zählung der Jahre fortlaufend von einem fixen Zeitpunkt aus, war die ‚Alexander-Ära‘ der Seleukiden, die im Herbst 312 (für Kleinasien und Syrien) bzw. Frühjahr 311 (für Babylonien) begann (ihr folgt die Jahreszählung in 1–2 Makk). Zuvor zählte man die Regierungsjahre der Könige. Sie einfach von einem absolut datierten Ereignis (wie der 1. Eroberung Jerusalems, 597) rück- wärts zu addieren, führt aber nicht weiter. Wenn König A in seinem x-ten Regie- rungsjahr starb, bestieg in Ägypten sein Nachfolger B den Thron und zählte dasselbe Jahr als sein ‚Jahr 1‘. In Mesopotamien hingegen wurde das Akzessi- onsjahr nicht mitgezählt, König B wartete bis zum nächsten Neujahrsfest, um sein ‚Jahr 1‘ zu beginnen. Weder in Mesopotamien noch in Ägypten ist die Über- lieferung der Herrscher und ihrer Regierungszeiten lückenlos (hin und wieder helfen astronomische Beobachtungen der antiken Wissenschaftler). Die absolu- te Chronologie ist für Mesopotamien gesicherter als für Ägypten. Es gibt für beide Bereiche lange, mittlere, kurze und ‚ganz kurze‘ Chronologien, von denen die kürzeren meistens den Vorzug verdienen. Hammurapi von Babylon regierte danach entweder von 1792–1750 (‚mittlere Chronologie‘) oder – wahrscheinli- cher – von 1728–1686 (‚kurze Chronologie‘); daneben gibt es noch eine ‚ultra- kurze Chronologie‘ (1696–1654) und eine – inzwischen fast ganz vergessene – ‚lange Chronologie‘ (1848–1806). Mesopotamische Daten im 1. Jahrtausend vC sind von dieser Kontroverse nicht betroffen. M. Liverani, The Chronology of the Biblical Fairy-Tale: P.R. Davies / D.V. Edelman ed., The 1 Historian and the Bible. Essays in Honour of Lester L. Grabbe (LBH.OTS 530; New York / London 2010) 73–88; R. Kletter, Chronology and United Monarchy. A Methodological Review: ZDPV 120 (2004) 13–54; G. Galil, The Chronology of the Kings of Israel and Judah (SHCANE 9; Leiden 1996); J.H. Hayes / J.M. Miller, Appendix: Chronology of the Israelite and Judaean Kings: id. eds., Israelite and Judaean History (London 1977) 678–683. 20 | Geschichten, Geschichte und Israels Vergangenheit Für die Könige von Israel und Juda lässt sich keine schlüssige absolute Chrono- logie aufbauen, da zu viele Fragen offen sind: Wie verfuhr man mit dem Akzes- sionsjahr, ‚ägyptisch‘ oder ‚mesopotamisch‘, in Juda anders als in Israel, oder wurde irgendwann von der ‚ägyptischen‘ in die ‚mesopotamische‘ Einflusssphä- re gewechselt? Gab es Ko-Regentschaften? Wann war Neujahr? Im Judentum wird der Nisan (März/April) als 1. Monat gezählt (wie in Babylon), aber Neujahr (‫ ראש השנה‬roʾš ha-šana) wird am 1.7. gefeiert. Vermutlich lag das kanaanäi- sche Neujahrfest im Herbst, irgendwann stellte man in Juda vom ‚kanaanäi- schen‘ auf den ‚babylonischen‘ Kalender um – spätestens unter persischer Herr- schaft (vgl. die Datierungen in Esra/Neh), frühestens unter assyrischer, 200 Jahre zuvor. Es ist auch nicht sicher, dass Israel und Juda am gleichen Termin Neujahr feierten (vgl. 1 Kön 12,32). Im Gegensatz zu den Kalendern Mesopotami- ens und Ägyptens kennen wir die Kalender Israels und Judas überhaupt nicht: operierten sie mit Schalt-Tagen, -Wochen, -Monaten, oder verzichteten sie auf jede Schaltung wie der islamische Mondkalender? Alle Kalender der Welt müs- sen irgendwie damit zurechtkommen, dass weder Mond-Monat noch Sonnen- jahr ganzzahlige Vielfache des Tages sind. Für die absolute Chronologie der Königszeit stehen daher verschiedene Berechnungen im Raum (zB von J. Be- grich, A. Jepsen, K.T. Andersen, E.R. Thiele, W.F. Albright, J.H. Hayes, J.M. Mil- ler, G. Galil und A. Laato). Wir geben die jeweils höchste und tiefste an (also Omri 886/876–875/869, vgl. Appendix: Maximale und minimale Jahreszahlen der Könige Israels und Judas). Es ist nicht sinnvoll oder notwendig, diese Zahlen auswendig zu lernen, es genügt, mit den Namen das richtige Jahrhundert zu assoziieren. Sich um ein Jahr zu streiten, ist bei dieser Ausgangslage müßig; erst ab dem Todesjahr Manasses beträgt der ‚Unsicherheitsraum‘ nur noch 2 Jahre, nur für die letzten drei Könige Judas ist die Datierung gesichert. Während die Angaben zu den Königen Israels offenbar unverändert aus der Annalen- Tradition übernommen wurden (das einzige Problem sind die 20 Jahre Pekachs 2 Kön 15,27), wurden die judäischen Zahlen im 4. Jh. manipuliert, um 480 Jahre zwischen dem Bau des Ersten und des Zweiten Tempels zu ergeben (E.A. Knauf, 1 Könige 1–14 [HThKAT; Freiburg 2016] 235) – so erhielt u.a. Hiskija unmögliche 27 Jahre. Nebukadnezar hat Jerusalem 597 zum ersten Mal erobert, aber ob die zweite Eroberung mit der Zerstörung des Ersten Tempels 587 oder 586 stattfand, ist umstritten, denn die babylonische Chronik ist für diese Zeit nicht erhalten. Das babylonische Datum der zweiten Eroberung Jerusalems ist jedoch indirekt über- liefert insofern, als Jer 52,28–30 alle drei Deportationen nach Regierungsjahren Nebukadnezzars angibt, nämlich mit Nebukadnezzar 7, 18 und 23. Nebukadnez- zar 1 begann Nisan 604 vC (605 war sein Akzessionsjahr). Also begann Ne- Zeit und Raum | 21 bukadnezzar 7 am 1. Nisan 598 vC, und Jerusalem wurde am 2. Adar (16. März 597) erobert. Der Erste Tempel wurde am 10. Av Nebukadnezzar 18 zerstört, also am 25. August 587, und Nebukadnezzar 23 dauerte vom 1. Nisan 582 bis zum 29. Adar 581. I. Finkelstein / A. Kleiman, The Archaeology of the Days of Baasha?: RB 126 (2019) 277–296; I. 1 Finkelstein / A. Fantalkin / E. Piasetzky, Iron Age Mediterranean Chronology: a rejoinder: Radiocarbon 53 (2011) 1–20; I. Finkelstein / E. Piasetzky, Radiocarbon dating the Iron Age in the Levant: a Bayesian model for six ceramic phases and six transitions: Antiquity 84 (2010) 374–385; id., The Iron Age I/IIA Transition in the Levant: A Reply to A. Mazar and Bronik Ram- say and a New Perspective: Radiocarbon 52 (2010) 1667–1680; id., Radiocarbon-dated De- struction Layers: a Skeleton for Iron Age Chronology in the Levant: Oxford Journal of Archaeol- ogy 28 (2009) 255–274; L.L. Grabbe, From Merneptah to Shoshenq: If we had only the Bible…: L.L. Grabbe ed., Israel in Transition. From the Late Bronze II to Iron IIa (c. 1250–850 B.C.E.) Vol. 2: The Texts (LHB. OTS 521; ESHM 8; New York / London 2010) 62–129; A.E. Killebrew, Aegean- Style Pottery and Associated Assemblages in the Southern Levant: Chronological Implications Regarding the Transition from the Late Bronze II to the Iron I and the Appearance of the Philis- tines: L.L. Grabbe ed., Israel in Transition. From the Late Bronze II to Iron IIa (c. 1250–850 B.C.E.) Vol. I: The Archaeology (LHB. OTS 491; ESHM 7; New York / London 2008) 54–71; A. Mazar, From 1200 to 850 B.C.E.: Remarks on Some Selected Archaeological Issues: ibid., 86– 120; I. Sharon / A. Gilboa / E. Boaretto, The Iron Age Chronology of the Levant: The State-of- Research at the 14C Dating Project, Spring 2006: ibid., 177–192; Z. Herzog / L. Singer-Avitz, Sub-dividing the Iron Age IIA in Northern Israel: A Suggested Solution to the Chronological Debate: TA 33 (2006) 163–195; Z. Herzog / L. Singer-Avitz, Redefining the Centre: The Emer- gence of State in Judah: TA 31 (2004) 209–244; S. Münger, Stamp-Seal Amulets and Iron Age Chronology – an Update: T.E. Levy / T. Higham ed., The Bible and Radiocarbon Dating – Ar- chaeology, Text and Science (London & Oakville 2005) 381–404; id., Egyptian Stamp-Seal Amulets and Their Implication for the Chronology of the Early Iron Age: TA 30 (2003) 66–82; H.J. Bruins / I. Carmi / E. Boaretto, Proceedings of the 17th International Radiocarbon Confer- ence June 18–13, 2000, Part 3/3: Radiocarbon 43 (2001) 1147–1430; E.A. Knauf, The ‚Low Chro- nology‘ and How Not to Deal With It: BN 101 (2000) 56–63. Neben der ‚politischen‘ Chronologie, die mit Tages-, Monats- und Jahreszahlen aus der Menge der natürlichen Zahlen arbeitet, steht die Kulturchronologie der Archäologie. Sie arbeitet erstens mit ‚statistischen [also reellen] Zahlen‘, die einen Kern und weiche Ränder haben (zB ‚875±15‘ heißt: ‚Unser Datum fällt mit einer Wahrscheinlichkeit von 68% zwischen 890 und 860‘). Zweitens liegen zwischen zwei Phasen Phasenübergänge bzw. Übergangsphasen, eine kulturel- le Innovation breitet sich nie schlagartig aus (jedenfalls tat sie das nicht vor der Erfindung des Internets). Während früher auch die Kulturchronologie ‚politisch‘ definiert wurde (‚1200 – Besiedlung des Berglandes – Stämmebildung Israels  Beginn der ‚Eisen-I-Zeit‘; ‚1000 – Regierungsantritt Davids – Staatenbildung 22 | Geschichten, Geschichte und Israels Vergangenheit Israels  Beginn der ‚Eisen-IIA- Zeit‘), werden heute die Kulturepochen durch typische Keramikensembles charakterisiert und durch Sequenzen von 14C- Proben datiert. Es hat sich ergeben, dass alle in der Bibel Salomo zugeschriebe- nen Bauprojekte entweder auf Ahab, Atalja oder auf Jerobeam II. zurückgehen oder fiktiv sind. Die Diskussion um I. Finkelsteins ‚low chronology‘ kann heute faktisch als beendet angesehen werden; verbleibende Differenzen von ca. 25 Jahren decken sich mit Übergangsphasen. Da die traditionelle Kulturchronolo- gie aber in der Literatur, auch in Handbüchern, noch weit verbreitet ist, nennen wir beide (nach der Tabelle ist die veraltete Chronologie leicht in die neue um- zurechnen). Tab. 3: Chronologien Epoche Traditionell Neu Spätbronze IIA 1350–1250 1350–1300/1275 Spätbronze IIB 1250–1200 1300/1275–1250/1225 Spätbronze III – 1225–1130 Eisen IA 1200–1130 1250/1150–1050 Eisen IB 1130–1000 1050–1025 Eisen IC – 1025/1000–950/25 Eisen IIA früh 1000 – 950/25–880/75 Eisen IIA spät 925 880/75–800/775 Eisen IIB 925–750 800/775–725/700 Eisen IIC 750–586 (!) 725/700–575/550 Persisch 539–333 (!) 575/550–300/250 Hellenistisch 333–63 (!) 300/250 vC–70 nC Römisch 63 vC–323 nC (!) 70 nC– … Die neue Chronologie rechnet mit Übergangsphasen von meist 25 Jahren. Kultu- rell macht der Hellenismus, auch wenn er im Hl. Land politisch 333/332 vC be- gann, erst ab dem 2. Jh. vC wirklich Furore, und der Beginn der römischen Herr- schaft 63 vC änderte zunächst gar nichts an der lokalen hellenistischen Kultur. Zeit und Raum | 23 1.5.2 Raum H.M. Niemann, Juda und Jerusalem. Überlegungen zum Verhältnis von Stamm und Stadt und 1 zur Rolle Jerusalems in Juda: UF 47 (2016) 147–190; O. Lipschits / A.M. Maeir eds., The Shephe- lah during the Iron Age: Recent Archaeological Studies (Winona Lake, Indiana 2017); R.E. Tap- py, The Archaeology and History of Tel Zayit: A Record of Liminal Life: Ibid., 155–179; A.M. Maeir, „And the Canaanite was then in the Land“? A Critical View of the „Canaanite Enclave“ in Iron I Southern Canaan: Alphabets, Texts and Artifacts in the Ancient Near East. Studies Presented to B. Sass (Paris 2016) 209–226; S. Höhn, Das Beerscheba-Tal zur Zeit der Könige Judas (AOAT 442; Münster 2016); D. Abulafia, Das Mittelmeer. Eine Biographie (Frankfurt am Main 2013); K. Freitag, Ethnogenese, Ethnizität und die Entwicklung der griechischen Staaten- welt in der Antike. Historische Zeitschrift 285 (2007), 373–399; K. Freitag / P. Funke / M. Haake eds., Kult – Politik – Ethnos. Überregionale Heiligtümer im Spannungsfeld von Kult und Politik (Historia 189; Stuttgart 2006); A.F. Rainey / R. Steven Notley. The Sacred Bridge: Carta’s Atlas of the Biblical World (Jerusalem 2006); P. Horden / N. Purcell, The Corrupting Sea. A Study of Mediterranean History (Oxford 2002); F. Braudel, The Mediterranean in the Ancient World (London 2002); H.M. Niemann, Nachbarn und Gegner, Konkurrenten und Verwandte Judas. Die Philister zwischen Geographie und Ökonomie, Geschichte und Theologie: U. Hübner / E.A. Knauf eds., Kein Land für sich allein. Studien zum Kulturkontakt in Kanaan, Israel/Palästina und Ebirnâri für Manfred Weippert zum 65. Geburtstag (OBO 186; Fribourg / Göttingen 2002) 70–91; G. Krämer, Geschichte Palästinas. Von der osmanischen Eroberung bis zur Gründung des Staates Israel (München 2002); S. Mittmann / G. Schmitt eds., Tübinger Bibelatlas (Stutt- gart 2001); W. Khalidi ed., All That Remains. The Palestinian Villages Occupied and Depopulat- ed by Israel in 1948 (Washington DC 1992); [Karta], The Atlas of Israel: Cartography, Physical and Human Geography (Jerusalem 1985); Y. Karmon, Israel. Eine geographische Landeskunde (Darmstadt 1983); E. Höhne, Palästina. Historisch-archäologische Karte (Göttingen 1981); Y. Aharoni, The Land of the Bible. A Historical Geography (Philadelphia 21979); W.-D. Hütteroth / K. Abdulfattah, Historical Geography of Palestine, Transjordan and Southern Syria in the Late 16th Century (Erlangen 1977); G.A. Smith, The Historical Geography of the Holy Land (Jerusalem 1974; zuerst London 1894); E. Wirth, Syrien. Eine geographische Landeskunde (Darmstadt 1971); D. Baly, Geographisches Handbuch zur Bibel (Neukirchen-Vluyn 1966). Schon bei der Lektüre biblischer Schriften, vor allem aber bei der Beschäftigung mit der Geschichte Israels muss der Leserin die physische Gestalt des Hl. Landes klar vor Augen stehen. Von West nach Ost liegt auf der Höhe von Jerusalem die Küstenebene am Mittelmeer (dort lebten Philister, im Norden Phönizier), dann das ‚Hügelland‘ der Schefela (‫)שפלה‬, das judäische Bergland, der wüstenhafte Gebirgsabfall, der Jordangraben, dann der transjordanische Gebirgsabfall und schließlich das moabitische Plateau, im Norden das Bergland von Gilead (‫)גלעד‬. Von Nord nach Süd machen die Hochgebirge des Libanon und des An- tilibanos mit dem Hermon den Anfang. Dem gebirgigen Obergaliläa folgt das hügelige Untergaliläa. Vom samarischen Gebirge (‫ )שמרון‬wird Galiläa (‫)הגליל‬ 24 | Geschichten, Geschichte und Israels Vergangenheit   Abb. 1: Die regionalpolitische Gliederung Palästinas in der Eisenzeit. Zeit und Raum | 25 durch die Bucht von Akko (‫)עכו‬, die Jesreel-Ebene (‫ )עמק יזרעאל‬und die Bucht von Bet-Schean (‫ )בית שאן‬getrennt. Im Süden wird die Jesreel-Ebene vom Kar- mel (‫ )כרמל‬begrenzt, einem Finger, den das samarische Gebirge zum Mittelmeer vorstreckt. Die Küstenebene südlich des Karmel heißt Scharon (‫)שרון‬. Zwischen den Bergen von Samaria und Judäa liegt das Hochplateau von Benjamin. Zum Negev (‫ )נגב‬flacht das Gebirge ab. Das Jordantal (‫ )עמק הירדן‬ist in seinem Ober- lauf so wasserreich, dass es meist versumpft war; dort befand sich halbwegs zwischen den Jordanquellen und dem Kinneret (‫ים כנרת‬, See Genezaret) der Ḥūle-See, in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts trockengelegt, heute teilweise renaturiert. Östlich des Kinneret erstreckt sich das Hochplateau des Golan (‫גולן‬, arab. Ǧōlān) bis zum Hermon (‫ )חרמון‬mit seinen erloschenen Vul- kanen, denen der östlich anschließende Baschan (‫ ;בשן‬arab. Ḥaurān) seinen Basalt und seine Fruchtbarkeit verdankt. Zwischen Kinneret und Totem Meer nimmt der Jordan (‫ ירדן‬Yarden) von Osten nacheinander den Yarmūk auf, un- mittelbar nach dem Ausfluss aus dem Kinneret, dann auf halbem Weg zum Toten Meer den Jabbok (‫יבק‬, arab. Nahr ez-Zerqāʾ ‚der blaue Fluss‘) auf, der Gilead durchschneidet und an dessen Oberlauf das Kernland der Ammoniter lag. Der Arnon (‫)ארנון‬, Moabs Fluss, nicht Moabs Grenze, mündet ins nördliche Tote Meer (‫ ים המלח‬Yam ha-mélaḥ, ‚Salz-See‘), der Sered (‫זרד‬, arab. Wādī l- Ḥasā ‚Tal der Wasserstellen‘) bildete die Grenze zwischen Moab und Edom und fließt in das Südende des Toten Meeres. Vom Mittelmeer bis nach Jerusalem (‫ )ירושלים‬steigt man ca. 800 m hinauf, von dort nach Jericho (‫ )ירחו‬1200 m hin- ab. Der Jordangraben und seine Fortsetzung, die Aravah (‫הערבה‬, arab. Wādī l- ʿAraba) ist ein Teil des syrisch-afrikanischen Grabenbruchs, der vom Taurus bis zum Kilimandscharo reicht; hier schieben sich die arabische Platte im Osten und die mediterrane Platte im Westen mit einer Geschwindigkeit von 2 cm/Jahr aneinander vorbei. Der Grabenbruch ist das sichtbare Zeichen einer Serie von Epizentren von verheerenden Erdbeben. 26 | Geschichten, Geschichte und Israels Vergangenheit Abb. 2: Der Regen nimmt von Nordwest nach Südost ab (Steigungsregen, Wasserscheide [auf dem Gebirgskamm], Regenschatten). Klima, geographische Lage, Vegetation, Geomorpholo- gie, makro- und mikrohistorische Situation (Nachbarn und Nachbarn der Nachbarn) beeinflus- sen die Entwicklung. Zeit und Raum | 27 Von West nach Ost und von Nord nach Süd nimmt der Niederschlag ab. Die Küstenebene, die Jesreel-Ebene und der obere Jordangraben neigen zum Ver- sumpfen, wenn sie nicht intensiv kultiviert werden. Das westliche Jordantal ist von Bet-Schean an wüstenhaft, Jericho bildet darin eine große Oase, die Ost- hälfte des Tals ab der Jabbok-Mündung. Die Gebirge eignen sich zum Anbau von Oliven und Reben, die Ebenen für die Getreide-Produktion. Ohne die Fruchtbarkeit der Jesreel-Ebene konnte sich Israel, ohne die Schefela als sein westliches Vorfeld und als wirtschaftlich bedeutendes Gebiet zwischen der Handels-Küstenebene und dem Gebirge Juda (Niemann 2002; Maeir 2016; Lip- schits / Maeir eds. 2017; Tappy 2017) und/oder ohne das Benjamin-Gebiet konn- te sich Juda Staatlichkeit nicht leisten. Südlich des judäischen Gebirges und auf der anderen Seite des Grabenbruchs, südlich des nordedomitischen Gebirges (arab. el-Ǧibāl; ‫ גבל‬in Ps 83,8) sinkt der Jahresniederschlag sehr schnell unter 250 mm, womit Landwirtschaft ohne Bewässerung unmöglich wird (siehe Abb. 3). Mit Häfen ist die Küste des Hl. Landes nicht besonders gut ausgestattet. Im Norden bildeten Akko, Dor (‫ )דור‬und Jaffa (‫ יפו‬Yafo, heute der Süden von Tel Aviv) Israels Tore zur Welt (alle phönizisch besiedelt, Dor vielleicht schon unter Omriden unter israelitischem Einfluss und mit Handelsstation, unter den Nim- schiden dann wohl unter israelitischer Herrschaft, Jaffa um 700 unter Aschdod ‫)אשדוד‬. Mit diesem Ort beginnen die philistäischen Metropolen. Im Süden fol- gen die Hafenstädte Askalon (‫ עשקלון‬ʿAšqǝlon) und Gaza (‫ עזה‬ʿAzza, arab. Ġaz- za), Judas Verbindung zum Welthandel. Im libanesischen Phönizien wird der Küstenstreifen so schmal, dass die Handelsmetropolen Tyrus und Sidon für ihre Getreideversorgung u.a. auf die Jesreel-Ebene und den Scharon angewiesen waren. In Hl. Land liegen vier Klimazonen, zT in wenigen Kilometern Luftlinie, bei- einander: die mediterrane (z.B. Galiläa, Samaria und Gilead), die iranisch- turanische Steppe (z.B. im nördlichen Negev und z.T. im Jordantal), die sahari- sche (z.B. in der Aravah) und die subtropische (z.B. in der Oase von Jericho). Die Aufsplitterung der Ebenen, vor allem aber das kleinkammerige Gebirge mit seiner tribalen Bergbauernkultur machen das Hl. Land zum Nährboden von ethnischem Pluralismus und als Heimat für einen ‚Nationalstaat‘ so ungünstig wie nur möglich. „Palestine has never belonged to one nation, and probably never will.“ (G.A. Smith 1894; 251931 = 1974, 61). Eine Betrachtung von Ethnoge- nese, Ethnizität und die Entwicklung der griechischen Welt im 8.–4. Jh. vC (Freitag 2007), die mit Israel und Juda nicht nur den Raum des Ostmittelmeeres teilt, sondern auch den landschaftlichen Charakter der Kleinkammerigkeit, ist mutatis mutandis erhellend: Man findet eine späte Ausbildung einer (pan-)helle- nischen Identität erst im 6.–5. Jh. vC. Die aus regionalen tribalen Gruppen her- vorgegangenen intrahellenischen Ethnien der Achäer, Dorer, Ionier und Aioler 28 | Geschichten, Geschichte und Israels Vergangenheit   Abb. 3: Isohyeten in Israel und Jordanien (nach E. Orni and E. Efrat, Geography of Israel. Jerusa- lem 41980, 145) bildeten nie eine echte politische Einheit bei ähnlichen Institutionen und dem Bewusstsein gemeinsamer Abstammung, allenfalls unter Druck von außen. Zeit und Raum | 29 Identität, Integration und Zusammenhalt manifestierten und stabilisierten sich in gemeinsamen Kulten, Heiligtümern und Festen (Freitag / Funke / Haake eds., 2006) mit einem religiösen Symbolsystem, in dem sich Kult und Politik verzah- nen konnten (wie sich bei König Joschija Politik, Ökonomie und Zentralisie- rungsbemühung des Kults in Jerusalem verbanden). Die Phoker als Ethnos z.B. sind künstlich geschaffen als Reaktion auf eine thessalische Expansion, auch wenn es bei den Phokern schon vorher eine lockere Basis der Zusammengehö- rigkeit gab, wurde sie nun durch Transformation lokaler Mythen und Heroen und gemeinsame Aktivitäten an zentralen Heiligtümern stabilisiert; Ethnizität wurde als (politisches) Konzept für Unabhängigkeit, Abgrenzung, Landan- spruch genutzt (Freitag 2007, 390f). Ein anderes Beispiel: Um 400 vC konstitu- ierte sich unter spartanischem Einfluss ein nordwestpeloponnesisches Periö- kengebiet zu einem Föderalstaat der „Triglypher“ („Drei-Stämmler“) und wurde 371 in das Ethnos der Arkader politisch integriert, verbunden mit der Integration des eponymen Heros „Triglyphos“ in die arkadische Genealogie (Freitag 2007, 390–392). Es gibt die Vermutung (Niemann 2016), dass der „Stamm Juda“, im Unterschied zu tribalen Gruppen wie z.B. Benjamin, im biblisch-narrativen Stämmesystem Israels eine politisch-ideologische Schöpfung der Davididen- Dynastie war, die damit die verschiedenen selbständigen Clans südlich Jerusa- lems zu einer Einheit unter dem alle verbindenden Namen des Gebirges Juda unter der Herrschaft der Davididen integrieren wollte; nicht zufällig spielt der Eponym Juda biblisch wichtige Rollen und Juda hat erzählerisch eine Rolle als „Königsstamm“ (Gen 49, 8–12). Das moderne Israel hat sein Staatsvolk aus Europa importiert, das von den Segnungen des demokratischen Rechtsstaates bereits überzeugt war. Seit dem Zusammenbruch des zionistischen (= säkularen und sozialistischen) Konsen- sus, verstärkt durch die millionenfache Einwanderung aus dem zusammenbre- chenden Sowjet-Imperium ohne demokratische Tradition entwickelt sich auch das heutige Israel zu einem Flickenteppich von jüdischen ethnischen Ghettos. Wer von Tel Aviv nach Jerusalem pendelt, lebt faktisch in zwei Welten, die loka- len Dialekte des Ivrit entwickeln sich auseinander. Die Ethnogenese eines paläs- tinischen Volkes, die ca. 1935 begonnen hat, ist bis heute zu keinem Abschluss gekommen, noch immer sind die Bindungen an die Solidargemeinschaften von Familie und Clan stärker als alle anderen. Trotzdem hätte das Hl. Land eine zweite Schweiz werden können, in der nach 550 Jahren Bürgerkrieg (1291–1847 nC) kleine Völkchen verschiedener Sprachen, Konfessionen und Wirtschaftweisen friedlich mit- bzw. nebeneinan- der leben, wenn es in einer anderen Ecke der Welt läge (und rechtzeitig den Segnungen der Aufklärung hätte teilhaftig werden können). Seit dem ausge- 30 | Geschichten, Geschichte und Israels Vergangenheit henden 4. Jahrtausend war der Nachbar Ägypten, früh auf dem Weg zum kolo- nialistischen Imperium, brennend an Rohstoffen interessiert, die es im eigenen Land nicht hatte: Bauholz (am besten Zedern), Kupfer, Olivenöl und Wein, die es aber in der südlichen Levante fand. Der ‚Handel‘ zwischen Ägypten und dem Hl. Land hatte von Anfang an den Charakter der Beziehungen zwischen Erster und Dritter Welt: Ägypten, später Phönizier und Assyrer, lieferten Luxuspro- dukte (u.a. Gold/Silber), mit denen die einheimische Elite ihre politische Stel- lung (und damit Herrschaft) befestigen konnte, und importierten dafür Rohstof- fe. Spätestens im Laufe des 2. Jahrtausends vC wurde Kanaan zum Durchgangs- land für den Handel zwischen Ägypten, Mesopotamien und Kleinasien, wie auch Durchmarschgebiet der imperialen Armeen im Kampf um die Vorherr- schaft. Spätestens seit der Mitte des 2. Jahrtausends beteiligte sich auch die Mittel- meerwelt an diesem Austausch (sie importierte aus Kanaan damals, wie es scheint, vorwiegend Opium). Seit der Mitte des 8. Jh. führte die ‚Weihrauchstraße‘ von Süd- arabien nach Gaza – das Hl. Land war nun wirklich ‚nach allen Seiten offen‘. Die Via Maris ‚Straße am Meer‘ (‫ ;דרך הים‬Jes 8,23 = Mt 4,15), die Ägypten mit Syrien verbindet, folgte der Nordküste der Sinaihalbinsel und dann der Küstenebene bis zum Karmel. Diesen durchquerte sie durch das Nahal ʿIron (‫ )נחל עירון‬arab. Wādī ʿĀra), dessen Austritt in die Jesreel-Ebene Megiddo (‫)מגדו‬ kontrollierte. Sie kreuzte danach Untergaliläa bis zum Kinneret, folgte dann dem Jordan bis halbwegs zwischen Kinneret und dem Ḥūle-See, wo sie den Fluss überquerte, den Golan erstieg und Damaskus ansteuerte. West-Ost- Verbindungen gab es vier: (a) durch die Jesreel-Ebene nach Pella (altkanaanä- isch Piḥilum, arab. Ṭabaqāt el-Faḥl ‚die Terrassen von Pella’, in der Spätbronze und Eisenzeit besiedelt, aber in der Bibel nicht erwähnt); (b) über Sichem durch das Wādī Farʿa zur Jabbok-Mündung; (c) über Jerusalem oder Gibeon nach Je- richo und von dort auf das transjordanische Plateau nach Ammon oder Moab; (d) während diese Verbindungen schon in der Bronzezeit operativ waren, kam die südlichste erst in der Eisenzeit in Gebrauch – der letzte Abschnitt der ‚Weih- rauchstraße‘ vom Südende des Toten Meeres nach Gaza, der in der frühen Ei- senzeit als ‚Kupferstraße‘ von den Minen in der Arava nach Philistäa begonnen hat. Die Nord-Süd-Verbindung auf dem transjordanischen Plateau, von Damas- kus nach Elat (‫אילת‬, arab. Aila bzw. ʿAqabat Aila, el-ʿAqaba) und weiter nach Arabien, in der Bibel als ‚Straße des (Groß-)Königs‘ (‫ )דרך המלך‬bekannt (Num 20,17.21) kam, wie schon der Name sagt, frühestens unter assyrischer, wahr- scheinlich aber erst unter persischer Herrschaft auf; zuvor existierten regionale Teilrouten. Unter Trajan wurde sie nach der Annexion des Nabatäer-Reiches 106 nC als Via Traiana von Bostra (Buṣrā š-Šām) nach Aila und weiter nach Hegra ausgebaut (‫ ;חגרא‬el-Ḥiǧr). Zeit und Raum | 31 Abb. 4: Straßenkarte des Hl. Landes, 7. bis 5. Jh. vC (nach Y. Aharoni, Das Land der Bibel. Eine historische Geographie. Neukirchen-Vluyn 1984, S. 45 Karte 3). 32 | Geschichten, Geschichte und Israels Vergangenheit 1.5.3 Sozialer Raum – soziale Zeit Die physische Raumzeit wird historisch dadurch belangreich, dass und wie die Menschheit (als Kollektiv) damit in Beziehung tritt. Als von Natur aus kulturel- les Lebewesen1 lebt der Mensch von Anfang an in einer selbstgeschaffenen kon- zeptionellen Welt der Anschauungen und Deutungen, die im Dialog mit dem bedrohlichen Chaos der Wirklichkeit nach Ordnung und Dauer sucht. 1.5.3.1 Bauern, Städter und Nomaden 1 T. Staubli, Nomadentum: Das Wissenschaftliche Bibellexikon im Internet (www.wibilex.de) 2020 (http://www.bibelwissenschaft.de/stichwort/29392/); G. Wilhelm ed., Die Beduinen. Stammesgesellschaften und Nomadismus im Nahen Osten (Akten des I. Symposiums der Max Freiherr v. Oppenheim-Stiftung 17.–18. März 2016 im Rautenstrauch-Joest-Museum, Köln (Schriften der Max von Oppenheim Stiftung 19; Wiesbaden 2018); S.A. Rosen, Revolutions in the Desert. The Rise of Mobile Pastoralism in the Southern Levant (New York /London 2017); L. Sapir-Hen / E. Ben-Yosef, The Introduction of Domestic Camels to the Southern Levant: Evi- dence from the Aravah Valley: TA 40 (2013) 277–285; A. Yasur-Landau / J.R. Ebeling / L.B. Mazow eds., Household Archaeology in Ancient Israel and Beyond (CHANE 50; Leiden / Boston 2011); U. Pietruschka u.a (ed), Symbolische Repräsentation und Wirklichkeit nomadischen Lebens (Wiesbaden 2010); S.A. Rosen / G. Lehmann, Hat das bibliche Israel einen no- madischen Ursprung? Die Welt des Orients 40 (2010) 160–189; J. Szuchman ed., Nomads, Tribes, and the State in the Ancient Near East. Cross-Disciplinary Perspectives (The University of Chicago, Oriental Institute Seminars, 5; Chicago 2009); L.G. Herr, The House of the Father at Iron I Tall al-ʿUmayri, Jordan: J.D. Schloen ed., Exploring the Longue Durée. Essays in Honor of L.E. Stager (Winona Lake, Ind. 2009) 191–198; R. Kletter, Can a Proto-Israelite Please Stand Up? Notes on the Ethnicity of Iron Age Israel and Judah: A.M. Maeir / P. de Miroschedji eds., „I Will Speak the Riddle of Ancient Times“. Archaeological and Historical Studies in Honor of Amihai Mazar on the Occasion of His Sixtieth Birthday (Winona Lake, IN 2006) 573–586; E. Wirth, Die orientalische Stadt im islamischen Vorderasien und Nordafrika. Städtische Bausub- stanz und räumliche Ordnung, Wirtschaftsleben und soziale Organisation, 2 Bde. (Mainz 2000); A. Faust, Differences in family structure between cities and villages in Iron Age II: TA 26 (1999) 233–252; A. Sasson, The Pastoral Component in the Economy of Hill Country Sites during the Intermediate Bronze and Iron Ages: Archaeo-Ethnographic Case Studies: TA 25 (1998) 3–51; Z. Herzog, Archaeology of the City. Urban Planning in Ancient Israel and Its Social Implications (Tel Aviv 1997); D. Edelman, Ethnicity and Early Israel: M.G. Brett ed., Ethnicity and the Bible (Biblical Interpretation Series 19; Leiden 1996) 25–55; T.E. Levy ed., The Archaeology of Society in the Holy Land (New York 1995); A.V.G. 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Diese Lebensweisen sind, wie alles in der evolutionären Welt, nicht ‚schon immer‘ dagewesen, sondern haben sich zu bestimmten Zeiten und unter bestimmten Bedingungen herausgebildet und verändert. Seit dem 10. Jahrtausend vC sind Jäger- und Sammlerinnen-Gruppen unter günstigen Klima-Bedingungen (warm und feucht) sesshaft geworden. Nachdem die Frauen das Geheimnis von Aussaat und Ernte enträtselt hatten, konnten sie es unter sich verschlechternden Bedingungen (kälter und trockener) bleiben. In den frühen Hackbäuerinnen-Kulturen gingen die Männer weiter jagen, während die Frauen die Felder bestellten und 80% oder mehr zum Familien-Kalorien- Einkommen beitrugen. Die Domestikation der Tiere setzte verfütterbare Getrei- deüberschüsse voraus (mit Ausnahme des fleischfressenden Wolfes, der schon in der Jäger- und Sammlerinnen-Epoche zum Hund wurde). Sie begann mit Ziege und Schaf, dann folgten Rind, Esel und Schwein. Das Kamel wurde in Teilen Arabiens seit dem 3. Jahrtausend als Milchtier gehalten, in der zweiten Hälfte des 2. Jahrtausend sind vereinzelt Kamelkarawanen belegt, es ist also zum Lasttier geworden. Reiterkriegerische Kamelnomaden mit Großherdenhal- tung sind erst seit dem 9. Jh. vC dokumentiert. Das Pferd wandert zu Beginn des 2. Jahrtausends von Norden ein und zieht für die nächsten 1000 Jahre aus- schließlich Streitwagen. Wie Esel und Schwein ist es ein ausgesprochenes Lu- xustier (Rinder, Schafe und Ziegen muss man nicht schlachten, um von ihnen Nutzen zu haben – Milch, Wolle und Dung; Pferde und Esel hingegen liefern nichts als Transportleistung). Geritten wird das Pferd in Syrien und im Hl. Land seit dem 9. Jh. vC. 34 | Geschichten, Geschichte und Israels Vergangenheit Am Anfang der zivilisatorischen Evolution stand also die Bäuerin. Ver- schlechterten sich die Lebensbedingungen weiter, konnte das Zusammenleben in Großdörfern nicht mehr aufrechterhalten werden. Die Familienverbände machten sich wieder auf die Wanderschaft, um ein größeres Territorium exten- siv auszunützen, als bei Sesshaftigkeit möglich gewesen wäre. Der Nomade vom Typ 1 war geboren: nichtsesshafte Verbände, die weiterhin Ackerbau und Vieh- zucht betrieben. Zu diesem Typ gehören alle Nomaden des 3. und 2. Jahrtau- sends. 1 E. Ben-Yosef, The Architectural Bias in Current Biblical Archaeology: VT 69 (2019) 361–387; D. Ilan, The „Conquest“ of the Highlands in the Iron Age I: A. Yasur-Landau et al. eds., The Social Archaeology of the Levant. From Prehistory to the Present (Cambridge 2019) 283–309; B. Alpert Nakhai, Contextualizing Village Life in the Iron Age I: L.L. Grabbe ed., Israel in Transi- tion. From the Late Bronze II to Iron IIa (c. 1250–850 B.C.E.) Vol. I: The Archaeology (LHB. OTS 491; ESHM 7; New York and London 2008) 121–137; A. Sasson, Reassessing the Bronze and Iron Age Economy: Sheep and Goat Husbandry in the Southern Levant as a Model Case Study: A. Fantalkin / A. Yasur-Landau ed., Bene Israel. Studies in the Archaeology of Israel and the Levant during the Bronze and Iron Ages in Honour of Israel Finkelstein (CHANE 31; Leiden 2008) 113–134; H.M. Niemann / G. Lehmann, Klanstruktur und charismatische Herrschaft. Juda und Jerusalem 1200–900 v. Chr.: ThQ 186 (2006) 134–159 = AOAT 418, 249–274; U. Zwingenberger, Dorfkultur der frühen Eisenzeit in Mittelpalästina (OBO 180; Freiburg/CH und Göttingen 2001); J. Bintliff, Settlement and Territory: a socio-ecological approach to the evolution of settlement systems: G. Bailey /R. Charles / N. Winder eds., Human Ecodynamics (Oxford 2000) 21–30; id., Settlement and Territory: G. Barker ed., Companion Encyclopedia of Archaeology (London 1999) 505–545; T. Staubli, Das Image der Nomaden im Alten Israel und in der Ikonographie seiner sesshaften Nachbarn (OBO 107; Freiburg/CH und Göttingen 1991) 100–107; A. Nippa, Haus und Familie in arabischen Ländern. Vom Mittelalter bis in die Gegenwart (München 1991). Zeit und Raum | 35 Abb. 5: Typische Dorfstrukturen der Eisenzeit (Tell Qiri, QEDEM 24 [1987], S. 138 Plan 63) Dorf Gemüse, Obst und Milch Getreide, Hülsenfrüch- te, Brache und Weide Weide Abb. 6: Landnutzung um das Dorf herum (nach Wagstaff 1985, S. 53, fig. 4.2.)  36 | Geschichten, Geschichte und Israels Vergangenheit Seit dem 4. Jahrtausend bildet sich das orientalische Dorf heraus, wie wir es in den letzten 5.000 Jahren antreffen (Abb. 5–6). Die Siedlung bildet das Zentrum. Unmittelbar um das Zentrum herum liegen die besonders schützenswerten Baumgärten; sie bringen erst nach der Investition von mehreren Jahren Pflege Ertrag, dann aber sehr lange. Unter den Bäumen wächst das Gemüse. Einen zweiten Kreis bilden die Getreidefelder, den dritten Kreis das Weideland für die Herden (‫ מדבר‬midbar, ‚Wüste‘, eigentlich ‚Trift‘ – das, wohin man das Vieh treibt). In Gen 2–4 durchschreitet die Menschheit diese drei Kreise von innen nach außen. Dieses Modell setzt voraus, dass zwischen den Dörfern agrarisch ungenutztes Land liegt. Tatsächlich waren die kultivierbaren Landreserven im Hl. Land bis in die römische Zeit nie ausgeschöpft, wie die Knochen von Wild- und Waldtieren im Siedlungsabfall zeigen. Sie sind es auch heute nicht, trotz einer Bevölkerung, die von 1 Million (römisch und spätosmanisch) auf 10 Milli- onen gestiegen ist. Das Dorf wird gewöhnlich von einem Clan (einer Sippe) be- wohnt und bewirtschaftet. Mehrere Dörfer schließen sich zu Stämmen zusam- men, der Sitz des Häuptlings (bzw. der führenden Familie) wird zum politischen Zentrum, die anderen Dörfer dessen Satelliten. Eine zweistufige Siedlungshie- rarchie ist ein Indiz für ein Häuptlingstum bzw. eine Stammesgesellschaft. Der Häuptling (eine Form der institutionalisierten, aber noch nicht professionali- sierten Herrschaft) reitet zum Zeichen seines Prestiges und seines Reichtums auf einem Esel (vgl. Ri 5,10; 10,4; 12,14). Hat das Dorf in seiner näheren Umgebung kein geeignetes Weideland, grei- fen seine Bewohner zum Verfahren der Transhumanz. Während der Vegetati- onsperiode zieht ein Teil der Bevölkerung, zB die jungen Männer, mit den Her- den in die Berge oder in entfernte Weidegebiete, um besonders die Ziegen in dieser Zeit von den Gärten und Feldern fern zu halten. Nach der Ernte kehren sie zurück, die Tiere dürfen jetzt die Stoppeln abweiden und den Boden für die nächste Ernte düngen. Dieser Rhythmus liegt dem Pessach-Fest zugrunde. Bau- ern neuerer Zeit, die z.T. keine Herden mehr hielten, ließen im Herbst die Her- den von Nomaden des Typs 2 (s.u.) auf ihre Felder. A. Alt hat daraufhin die Transhumanz irrtümlich für eine typisch nomadische Wirtschaftsweise gehalten und daraus falsche Schlüsse über die Vorfahren der Israeliten abgeleitet. Wenn ein Ober-Häuptling die Loyalität mehrere Unter-Häuptlinge gewinnt, entsteht ein komplexes Häuptlingstum (oder ein Groß-Stamm) mit einer dreistu- figen Siedlungshierarchie. Sein Sitz wird zur Stadt (einem Zentralort), in der neben Ackerbau Handwerk und Handel angesiedelt sind. Die Stadt ist die Schnittstelle zwischen ihrem Umland und dem jeweiligen Weltwirtschaftssys- tem. Sie ist eine notwendige, aber keine hinreichende Bedingung für Staatlich- keit. Mit dem Staat nimmt die Siedlungshierarchie um eine weitere Stufe zu (die Zeit und Raum | 37 Hauptstadt gegenüber den Landstädten), mit dem Imperium um wiederum eine weitere Stufe (die Metropole gegenüber den Provinz-Hauptstädten). Der Staat lässt sich für die Bedürfnisse der Geschichte des Alten Orients am besten defi- nieren als ein System, in dem einige Menschen davon leben, sich in die Angele- genheiten ihrer Mitmenschen einzumischen, also Politik als Beruf betreiben (das ist in Häuptlingstümern noch nicht der Fall). Im Staat gibt es eine Bürokra- tie, damit auch Archive und Bibliotheken und Schulen, in denen Schreiber ihre Nachfolger ausbilden. Staatlichkeit gibt es nicht ohne Schriftlichkeit. Staatlich- keit im Vollsinn gibt es im Hl. Land seit dem Beginn des 2. Jahrtausends vC. Was wir uns landläufig unter ‚Nomaden‘ vorstellen, sind Nomaden des Typs 2: Nichtsesshafte Stämme, die Großherden-Haltung in Monokultur betreiben und vegetarische Nahrung durch Handel (gegen Vieh und/oder Transportkapa- zitäten), Raub oder Erpressung (‚Schutzgeld‘) erwerben. Dieses Nomadentum ist eine Form der ethnischen Arbeitsteilung und mit dem Aufkommen von Imperi- en verbunden. Es ist nicht vor dem 9. Jh. vC belegt. Wie sich die kulturelle Land- schaft durch sein Aufkommen verändert hat, zeigen Galiläa und Samaria. Vom 16. bis zum 13. vC Jh. gab es dort so gut wie keine Siedlungen, aber die Wieder- bewaldung hielt sich in Grenzen, weil Nachfahren von Bewohnern der aufgelas- senen Dörfer das Gebiet weiterhin als Nomaden vom Typ 1 bewirtschafteten und ihre Ziegen den Baumwuchs begrenzten (Sasson 2008). In assyrischer und per- sischer Zeit kam es im gleichen Gebiet zu massiver Wiederbewaldung, weil in- zwischen Nomaden vom Typ 2 den Fleischbedarf der Städte deckten und die aufkommende Geldwirtschaft mit Lohnarbeit den Entwurzelten attraktivere Lebensbedingungen boten. Bezeichnenderweise hat das biblische Hebräisch kein Wort für ‚Nomade‘ (Ivrit hat ‫ נומד‬aus den europäischen Sprachen ent- lehnt), es sei denn, 2 Chr 14,14 wäre ‫ אהלי מקנה‬ʾohŏle miqne nicht ‚Zelte des Viehs‘ zu lesen, sondern *ʾah(ă)le miqne ‚Leute des Viehs‘ mit einem Lehnwort nach arab. ʾahl ‚Leute‘. Genauso bezeichnend wurde das arabische Wort für ‚Nomade‘ [Typ 1 und 2], ʿarab, von ihren Nachbarn seit dem 9. Jh. vC als Ethno- nym rezipiert: ‚Araber‘. 38 | Geschichten, Geschichte und Israels Vergangenheit 1.5.3.2 Mensch und Raum: Ortsnamen 1 I.K.H. Halayqa, Natural and Cultural Factors Influenced the Toponyms of Al-Shuyoukh Town in Hebron District: UF 40 (2008) 405–419; S. al-Ma’ani, Nordjordanische Ortsnamen. Eine ety- mologische und semantische Untersuchung (TSO 7; Hildesheim 1992); E.A. Knauf, The West Arabien Place Name Province: Proceedings of the Seminar for Arabian Studies 18 (1988) 39– 49; B. Rosen, Early Israelite Cultic Centres in the Hill Country: VT 38 (1988) 114–17; R. Zadok, Notes on Modern Palestinian Toponymy: ZDPV 101 (1985) 156–61; S. Aḥituv, Canaanite Topo- nyms in Ancient Egyptian Documents (Jerusalem 1984); A.F. Rainey, The Toponymics of Eretz Israel: BASOR 231 (1978) 1–17; A. Kuschke, Historisch-topographische Bemerkungen zu Stefan Wilds ‚Libanesischen Ortsnamen‘: [Centre de recherche sur le Proche-Orient et la Grèce an- tiques] ed., La toponymie antique. Acts du colloque de Strasbourg, 12–14 juin 1975 (Travaux du Centre de recherche sur le Proche-Orient et la Grèce antiques 4; Leiden 1977) 75–82; S. Wild, Libanesische Ortsnamen (BTS 9; Wiesbaden 1973); W. Borée, Die alten Ortsnamen in Palästina (Hildesheim 21968); B.S.J. Isserlin, Place Name Provinces in the Semitic-speaking Ancient Near East: Proceedings of the Leeds Philosophical and Literary Society A VII/2 (1956) 83–110; G. Kampffmeyer, Alte Namen im heutigen Palästina und Syrien (Leipzig 1892). Nunmehr kommt ein kognitiver Aspekt der Mensch-Raum-Beziehung in den Blick: die Namen, mit denen Menschen Örtlichkeiten aller Art zu Elementen ihrer konzeptionellen Welt machen. Ortsnamen sind – oft vernachlässigte – historische Daten. Mentalitätsgeschichtlich bzw. historisch- anthropologisch ist zu beachten, dass die semitischen Orts- und Personennamen (mit Ausnahme einiger ererbter) semantisch transparent sind: Muḥammad ist für einen Araber ‚der sehr Gepriesene‘, Petach Tiqwa (‫ )פתח התקו‬für einen Israeli ein ‚Tor der Hoffnung‘; für uns sind diese Namen (wie die meisten Namen in unserer Kultur) undurchsichtig. Diachron helfen sie nicht nur zur Identifizierung antiker Orts- lagen, sondern auch zur Rekonstruktion regionaler Siedlungsgeschichte. So gibt es ein ‚kanaanäisches‘ und ein ‚aramäisches‘ Substrat in der arabischen Topo- nymie des Hl. Landes. Kanaanäisch sind Rabbat (bǝne) ʿAmmon ‚die Große der Ammoniter‘ (‫ – )רבת בני עמון‬ʿAmmān; Heschbon (‫ – )חשבון‬Ḥisbān; Rabbat Moab – er-Rabba. Die Ortsnamenkontinuität deutet auf ununterbrochene Be- siedlung seit dem Beginn des 1. Jahrtausends vC hin. Aramäisch sind Kraḵ Mōbā ‚die Festung von Moab‘ – el-Kerak und Rāmṯā ‚die Hohe‘ (hebr. Ramot Gilead, aber das Plateau von Irbid war seit dem 11. Jh. von Aramäern besiedelt) – er- Ramṯā. Wo der aramäische Name überliefert wurde, hat es zuvor keinen ka- naanäischen gegeben, oder der Ort hat eine Besiedlungslücke mit Wechsel der Bevölkerung irgendwo im 1. Jahrtausend vC/nC, oder der Ort ist frühestens in der Perserzeit prominent geworden (wie Kerak). Kanaanäische Namen bezeugen eine prinzipielle Kontinuität der Bevölkerung, z.T. seit dem 3. Jahrtausend vC. Ihre Frequenz ist im Kernland höher als an den Rändern der Steppe, wo die Zeit und Raum | 39 Besiedlung je nach weltwirtschaftlicher Konjunktur vor- oder zurückging. Be- stimmte Namenstypen, z.B. Namen auf –ān/-ōn, können bis ins 3. Jahrtausend zurückgehen. Namen mit báʿal ‚Herr von …‘ oder der ‚Baal von …‘ sind typisch für Neugründungen der Eisenzeit im Bergland. Eine länger anhaltende Zwei- sprachigkeit der lokalen Bevölkerung belegen ‚übersetzte‘ Namen wie Dan (ver- standen als hebr. ‚Richter‘) – Tell el-Qāḍī ‚Ruinenhügel des Richters‘). Es fällt auf, dass die über 1.000 Jahre (333/2 vC–694 nC), in denen Grie- chisch (und für die Armee Latein) Amts- bzw. Verwaltungssprachen waren, fast keine Spuren in der Toponomastik hinterlassen haben, obwohl mit der Erhe- bung zur ‚Polis‘ jede vorhellenistische Siedlung einen griechischen Namen bekam. ‚Philadelphia‘ ist wieder ʿAmmān, ‚Antiochia am Chrysorrhoas‘ wieder Ǧeraš, Scythopolis wieder Bēsān (Bet-Schean). Allerdings lebt Hippos in Ḫirbet Sūsīye ‚die pferdige Ruine‘ weiter, und Capitolias, eine römische Gründung, hat in arabisierter aramäischer Übersetzung überlebt: Bēt Rās ‚Höhen-Haus‘ ( Bēt Rēšā). Griechisch sind weiterhin Nāblus (aus Neapolis, ‚Neustadt‘, eine Grün- dung von Vespasian zur Ansiedlung von Veteranen, 72 nC) und Sebasṭīye, eine Gründung Herodes d. Gr. auf den Ruinen der Stadt Samaria zu Ehren des Au- gustus (gr. Sebastos ‚[der] Hocherhabene‘). Römisch sind Qēsarīye aus Caesa- rea, eine weitere Stadtgründung Herodes d. Gr. zu Ehren des Augustus, diesmal aufgrund seines Familiennamens, sowie zwei La(ǧ)ǧū̄n, eins bei Megiddo und eins östlich von Kerak, aus (castra) legion(is) ‚Legionslager‘, was beide Orte bei ihrer Gründung waren. Die Kreuzfahrer haben Laṭrūn hinterlassen (aus La Toron ‚der Turm‘) und Sandaḥanna aus Santa Anna, wobei der Name der Heili- gen im lokalen Aramäisch überliefert ist, das die christlichen Bauern in der Kreuzfahrerzeit noch sprachen. Synchron gehen Ortsnamen auf Geländeformen zurück, zB Geba, Gibea und Gibeon auf ‫ גבע‬geva‘ ‚Hügel‘ oder auf die lokale Flora (Lus ‫ לוז‬luz ‚Mandel- baum‘; Tamar ‫‚ תמר‬Dattelpalme‘; ‫ תפוח‬Tappuach ‚Apfelbaum‘; Elot ‫‚ אילות‬gro- ße Bäume, Eichen, Tamarisken, Terebinthen‘, Aroer ‫‚ ערוער‬Wacholder‘). Die Fauna wurde berücksichtigt bei Ajjalon ‫‚ אילון‬Hirschrevier‘, Bet-Nimra ‫בית נמרה‬ ‚Pantherhausen‘, Hazar-Schual ‫‚ חצר שעל‬Fuchshof‘, Engedi ‫‚ עין גדי‬Bocksquell‘ und Lajisch ‫‚ ליש‬Löwe‘. Landnutzung führte zu Gat (mit vielen Komposita) ‚Kel- ter‘ und Geder, Gedera, Gedora ‚(Terrassen-)Mauer(n)‘. Den soziopolitischen und siedlungshierarchischen Status reflektieren Attarot ‫‚ עטרות‬Viehhürden‘, Hazerot ‫‚ חצרות‬Hof, Höfe‘, ‫ סכות‬Sukkot ‚Hütten‘, Mahanaim ‫‚ מחנים‬Lager- platz‘, Migdol ‫‚ מגדל‬Turm, Fort‘, Mizpa ‫‚ מצפה‬Aussichtspunkt‘, Kerijot ‫קריות‬ ‚Stadt‘, Rabba ‫‚ רבה‬Hauptstadt‘. Religionsgeschichtlich ist klar, dass in Bet- Anat und Anatot ‫ ענתות‬einmal die Göttin Anat verehrt wurde; zur gleichen Ka- tegorie gehören Bet-Schemesch ‫( בית שמש‬Sonnengotthausen), Bet-Horon ‫בית‬ 40 | Geschichten, Geschichte und Israels Vergangenheit ‫חרון‬, Aschtarot ‫עשתרות‬, Baal-Hazor ‫בעל חצור‬, Baalat-Juda ‫‚ בעלת יהודה‬die Herrin/Göttin von Juda‘, Bet-Dagon ‫בית דגון‬, Jericho (‚Mondgott[ort]‘) und wohl auch Betlehem ‫‚( בית לחם‬Tempel des Laḥmu‘). 1.5.3.3 Soziale Zeit: ‚Epochen‘ und Konjunkturen 1 I. Finkelstein / B. Sass, The West Semitic Alphabetic Inscription, Late Bronze II to Iron IIA: Archeological Context, Distribution and Chronology: HeBAI 2 (2013) 149–220; A. Neuwirth, Der Koran als Text der Spätantike. Ein europäischer Zugang (Frankfurt/M. 2010); E.J. Hobsbawm, Zwischenwelten und Übergangszeiten (Köln 2009); E.A. Knauf, From Archeology to History, Bronze and Iron Ages. With Special Regard to the Year 1200 B.C.E., and the Tenth Century: L.L. Grabbe ed., Israel in Transition. From Late Bronze II to Iron IIa (c. 1250–850 B.C.E.). Volume 1. The Archaeology (LHB. OTS 491 = ESHM 7; New York, London 2008) 72–85; P. Horden / N. Purcell, The Corrupting Sea. A Study of Mediterranean History. Oxford 2000); W. Koller ed., Apokalypse oder Goldenes Zeitalter? Zeitenwenden aus historischer Sicht (Zürich 1999); A. Parker, Ancient Shipwrecks of the Mediterranean and the Roman Provinces (BAR 580; Oxford 1992); R.B. Coote / K.W. Whitelam, The Emergence of Early Israel in Historical Perspective (The Social World of Biblical Antiquity 5; Sheffield 1987); H. Pirenne, Mahomet et Charlemagne (Paris / Brüssel 1936). Die soziale Aneignung der Zeit im ‚kollektiven Gedächtnis‘ geschieht durch die Gliederung der Geschichte in Epochen. Nach der biblischen Makro-Erzählung unterscheidet man Väterzeit, Ägyptenaufenthalt, Wüstenwanderung, Einzug in Kanaan, Richterzeit, Königszeit, Exil und Restauration. In der jüngeren Histori- ographie Israels kann man die Entstehungszeit Israels und Judas (Ethnogenese; Freitag 2007), die frühe, mittlere und späte Königszeit ausmachen, wobei die letztere bereits mit der Zeit der assyrischen Oberherrschaft zusammenfällt, der die neubabylonische, persische, hellenistische und römische folgt. Die hier vorgenommene Epochen-Einteilung geht von der historischen Erkenntnis aus, dass das ‚biblische Israel‘ ein theologisches Konstrukt der Perserzeit ist, das zwischen den Eliten von Judäa (Juda und Benjamin) und Samaria ausgehandelt wurde und in der Geschichte der Staaten Israel und Juda seine Vorgeschichte, in der Konfessionalisierung von Juden, Samaritanern und schließlich Christen in hellenistischer und römischer Zeit seine Nachgeschichte hatte. ‚Epochen‘ sind immer ein Stück subjektiv, wer darüber die Definitionsmacht ausübt, deklariert damit, was er oder sie für wichtig und bemerkenswert hält. Protestanten lassen die ‚Neuzeit‘ gerne mit der Reformation beginnen, Wirtschafts- und Sozialhisto- riker eher mit dem Frieden von Münster und Osnabrück 1648, bei dem endlich alle einsahen, dass Geld (und Frieden, um es zu akkumulieren) für den moder- nen Staat wichtiger ist als Gott. Zeit und Raum | 41 Es dient der Objektivierung der Historiographie, stattdessen den Versuch zu machen, in Jahrhunderten zu denken, doch haben auch Jahrhunderte als sozia- le Kategorien die Eigenschaft, sich nicht mit arithmetischen ‚100 Jahren‘ zu decken. In der jüngeren europäischen Geschichte gibt es das ‚lange‘ 16. Jh. (1492–1618), das ‚lange‘ 19. (1789–1914) und das ‚kurze‘ 20. (1914–1989). In der Geschichte Israels und Judas könnten wir von einem ‚kurzen‘ 8. Jh. sprechen (796–734) und einem ‚langen‘ 7. Jh. (734–609). Großräumiger ließen sich die Braudel’schen Konjunkturen zur Epochengliede- rung nutzen (Appendix 1). Sie haben den Vorteil, dass sie die Geschichte Israels mit der Makro-Geschichte des Wirtschaftsraumes synchronisieren, zu dem Israel gehör- te, und dass sie zugleich neben der räumlichen Einordnung Israels in unsere Welt (als Randgebiet des Mittelmeerraumes) auch so etwas wie den zeitlichen Großraum markieren, in den die Geschichte des antiken Israel einzuordnen ist. J.M. Wagstaff: The Evolution of Middle Eastern Landscapes. An Outline to A.D. 1840 (London 1 and Sydney 1985); E.A. Knauf, Die Umwelt des AT (NSK.AT 29; Stuttgart 1994; E.A. Knauf, From Archaeology to History: Bronze and Iron Ages with Special Regard to the Year 1200 B.C.E., and the Tenth Century: Id., Data and Debates. Essays in the History and Culture of Israel and Its Neighbors in Antiquity. Daten und Debatten. Aufsätze zur Kulturgeschichte des antiken Isrel und seiner Nachbarn (AOAT 407; Münster 2013) 333–345. In der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends vC entsteht das erste mediterrane Wirt- schaftssystem, in dem Ägypten, Babylonien, Kleinasien, und Kreta miteinander in wirtschaftlichen und kulturellen Austausch treten. Die Spätbronzezeit ist die Epoche seines Niedergangs. Es umfasst nur das östliche Mittelmeer (s. Tab. 4). Das zweite mediterrane Wirtschaftssystem beginnt mit dem ‚Canaanite revi- val‘ des 11. Jh. vC und endet mit dem Zusammenbruch des Mittelmeerhandels im 7. Jh. nC. Phönizische, später griechische Kolonisation erschließt nun auch das Westbecken des Mittelmeeres der Zivilisation. Um 750 vC reicht der Welt- handel von Südspanien bis Südarabien. 671 unterwirft Assyrien (für kurze Zeit) Ägypten: die ostmediterrane Welt ist zum ersten Mal monopolar geworden, das ‚Weltreich’ seit dem 3. Jahrtausend eine ägyptische und mesopotamische Idee, ist zum ersten Mal Wirklichkeit. In immer neuen Anläufen wird es von Neubaby- loniern, Persern, Makedonen und Römern übernommen und erweitert. Im 42 | Geschichten, Geschichte und Israels Vergangenheit Tab. 4: Syrien-Palästina im Rahmen der Weltwirtschaft 9.–4. Jahrtausend vC Jungsteinzeitliche Revolution Entstehung des Sippenbauerntums Erste Häuptlingstümer SYRIEN-PALÄSTINA: ZENTRUM DER ENTWICKLUNG! 3. Jahrtausend vC Staatenbildung in Mesopotamien und (dann) Ägypten PALÄSTINA WIRD ZUM RANDGEBIET, Z.T. ZUR KOLONIE. 1800–1200 vC Erstes mediterranes Weltwirtschaftssystem Konkurrenz und Kooperation zwischen den 4 Zentren Ägypten, Babylonien, Kleinasien, Kreta. IN PALÄSTINA ÜBERSCHNEIDEN SICH DIE KULTURELLEN EINFLÜSSE 1100 vC–750 nC Zweites mediterranes Weltwirtschaftssystem Phönizische, später griechische Kolonisation 750 vC: Welthandel von Spanien bis Südarabien. 720/716/667 unterwirft Assyrien Ägypten: Geburt des Weltreiches, von Neubabyloniern, Persern, Makedonen, Römern übernommen und erweitert. Im 2./3. Jh. nC zivilisatorischer Höhepunkt. Seit der Römischen Reichskrise 2. Hälfte des 3. Jh.: Niedergang. Germanische Völkerwanderung und islamische Erobe- rung sind Indikatoren (nicht Auslöser) des Endes. Das Reich der Umayyadenkalifen erstreckt sich von Afghanistan bis Spanien, übertrifft das Reich Alexand- ers. Mit dem Sturz der Umayyaden wendet sich der Orient (vorläufig) vom Mittelmeer ab. PALÄSTINA-SYRIEN GEHÖRT ZUM KERN DER ZIVILISIERTEN WELT! 850–1600/1650 nC Drittes mediterranes Weltwirtschaftssystem von Genua und Venedig dominiert. Letzte vor-neuzeitliche Blüte Syrien-Palästinas von 1100–1600. 1600/1650–1950 Die atlantische Zivilisation KULTURVERFALL IN SYRIEN-PALÄSTINA (wie im ganzen Ost- Mittelmeer) bis ca. 1850. Der amerikanische Bürgerkrieg führt zu Baumwoll-, dann zu Orangenproduktion um Jaffa: Die atlantische Wirtschaft hat damit Palästina erreicht und gestaltet es um. Eisenbahnbau und neue Siedler Ab 1950 Die globale Zivilisation Der Pazifik konkurriert erfolgreich mit dem Atlantik Zeit und Raum | 43 5. Jh. verschiebt sich das wirtschaftliche und militärische Schwergewicht nach Westen, erst zu den Griechen, im 2. Jh. nach Rom. Zwischen 30 vC, als Ägypten römische Provinz wird, und 106 nC, als Nordarabien das gleiche widerfährt, ist die römische Herrschaft im östlichen Mittelmeer total. Mit dem Höhepunkt be- ginnt – wie oft in der Geschichte – der Niedergang. Seit der Reichskrise in der 2. Hälfte des 3. Jh. nC wird offenkundig, wie ausgebrannt das mediterrane Zent- rum mittlerweile ist, ein Vakuum, in der die Peripherie größere Bedeutung ge- winnt und z.T. vom Zentrum angesaugt wird. Germanische Völkerwanderung und islamische Eroberung sind Indikatoren (nicht Auslöser) des Endes. Das dritte mediterrane Wirtschaftssystem wird von Genua und Venedig, Mameluken und Osmanen dominiert. Der Aufstieg beginnt (langsam) im 9. Jh. nC. Die letzte vor- neuzeitliche Blütezeit Syrien-Palästinas ist darin eingebettet, sie dauert von 1100–1600 nC. Sein Ende wird nicht, wie zuvor, durch systemi- schen Zusammenbruch herbeigeführt, sondern durch die Ablösung der mediter- ranen durch die atlantische Zivilisation. 1500–1900 dominieren erst Spanien und Portugal, dann die Niederlande und England den Welthandel und unter- werfen sich auch den Pazifik. Syrien-Palästina ist marginalisiert, bis es in der 2. Hälfte des 19. Jh. in das atlantische System integriert wird. Der amerikanische Bürgerkrieg (1861–1865) führt zur Rekultivierung großer Anbauflächen bei Jaffa, erst zur Baumwoll-, dann Orangen-Produktion. Seit 1900 leben wir in der globa- len Zivilisation, auch wenn wir das erst gegen Ende des 20. Jh. gemerkt haben. Europa besiegelt seinen Niedergang in zwei verheerenden Bürgerkriegen (1914– 18 und 1939–45), die USA und Japan, dann China steigen zu Hegemonialmäch- ten auf. Das ‚zweite mediterrane Wirtschaftssystem‘ bildet den zeitlichen Kontext der Geschichte Israels. Wäre dies keine ‚Geschichte Israels im Altertum‘, son- dern eine ‚Geschichte des Hl. Landes im Altertum‘ müsste sie die letzte spätan- tike Nachblüte in Form des Umayyadenreiches (660–750 nC) noch umfassen. Damals gehörte das Land noch einmal zum Kern der zivilisierten Welt. Doch sei wenigstens angedeutet, dass mit dem Ende jenes Zeitraumes, der in diesem Buch behandelt wird, kein End- oder Ruhepunkt der soziopolitischen Evolution erreicht ist. Mit dem Abschluss des letzten Buches, das in eine der verschiede- nen Formen des biblischen Kanons bei Juden oder Christen aufgenommen wur- de, war der Denk-Prozess nicht abgeschlossen, der mit den ältesten altorientali- schen Vorlagen einiger biblischer Traditionen begonnen hatte. Aus der gleichen Wurzel wuchsen alsbald Mischna und Talmud, Neues Testament, die Schriften der Kirchenväter und der Islam. Die Epoche von 1125 vC bis 750 nC hat am Ende nicht eine, sondern drei monotheistische Religionen hervorgebracht. 44 | Geschichten, Geschichte und Israels Vergangenheit Die drei mediterranen Wirtschaftssysteme, die Aufstieg und Fall von Städ- ten und Staaten im ganzen Mittelmeerraum (und damit auch im Hl. Land) er- möglicht und z.T. verursacht haben, lassen sich – auch an Umfang und Mäch- tigkeit – an der Statistik von mediterranen Schiffswracks ablesen. Da sich zwischen 2000 vC und 1500 nC schifffahrtstechnologisch nichts Wesentliches änderte (Schiffe bestanden aus Holz und wurden gesegelt oder gerudert) und es auch klimageschichtlich nicht zur katastrophalen Veränderungen kam, kann die Verlustrate durch Schiffbruch als Indikator der Intensität des mediterranen Handels gelesen werden (Knauf 2013, 337–344). Das 1., das ‚kanaanäische‘ Me- diterrane Wirtschaftssystem der Bronzezeit macht sich vom 17. bis zum 12. Jh. bemerkbar, aber nur schwach. Es umfasste nur die Levante (den Ostteil des Mittelmeeres). Die Zahl der Schiffswracks ist zu gering, um eine eindeutige Normalisierung zu erlauben. Das 2. Mediterrane Wirtschaftssystem wird im 9. Jh. vC sichtbar und endete im 8. Jh. nC; das 3., mächtiger als das 1., aber weit schwächer als das 2., begann gegen Ende des 9. Jh nC. ‚Geschichte Israels‘ fällt in den Zusammenbruch des 1. und die Anfänge des 2. Systems. Der makrohisto- rische Zusammenhang hilft erklären, warum es im 10. Jh. noch keine ‚Staaten‘ in Israel und Juda geben konnte, sondern erst im 9. und 8. Jh. Die neubabyloni- sche Herrschaft, das sog. ‚babylonische Exil‘ zeichnet sich in der Welthandels- kurve überhaupt nicht ab, Juda war im 7. Jh. (auf dem Höhepunkt seiner Pros- perität bis Ende des 4. Jh. vC) global gesehen immer noch unbedeutend. Erst das 4. Jh., in dessen letztes Drittel die Ablösung des Perserreiches durch die Makedonen fällt, macht sich als Rezession bemerkbar, auf die im 3.–1. Jh. vC ein unerhörter Aufschwung folgt, der im Hl. Land erst in der 2. Hälfte des 19. Jh. nC überboten werden wird. In dem Moment, wo die politische Vereinigung des ganzen Wirtschaftraums durch Rom abgeschlossen ist, setzt der Niedergang ein. I Die Vorgeschichte des biblischen Israel: die Staaten Israel und Juda In diesem Abschnitt geht es um die Zeit, in der es noch keine ‚Bibel‘ gab – und auch nichts Vergleichbares in ‚mündlicher‘ Form, in der aber viele der Traditio- nen entstanden, die von den Jerusalemer Schreibern der Perserzeit aufgegriffen wurden, und in denen ein Teil der Konflikte ihre Wurzeln haben, auf die Thora und Propheten zu antworten versuchen. Das heißt nicht, dass in dieser Periode ab dem 9. Jh. keine Texte entstanden, die redaktionell bearbeitet in der Bibel Aufnahme fanden. Neben dem Debora-Lied Ri 5 ist hier besonders die israeliti- sche und judäische Annalen-Tradition zu nennen. 2 Die ägyptische Provinz Kanaan und das Ende der bronzezeitlichen Mittelmeerwelt D. Ilan, The Conquest of the Highlands in the Iron Age I: A. Yasur-Landau et al. eds., The Social 1 Archaeology of the Levant. From Prehistory to the Present (Cambridge 2019) 283–309; J. van Oorschot and M. Witte eds., The Origins of Yahwism (BZAW 484; Berlin/Boston 2017); N. Naʾaman, The Exodus Story: Between Historical Memory and Historiographical Composition: Journal of Ancient Near Eastern Religions 11 (2011) 39–69; M. Görg, Die Beziehungen zwischen dem Alten Israel und Ägypten von den Anfängen bis zum Exil (EdF 290; Darmstadt 1997); D.B. Redford, Egypt, Canaan, and Israel in Ancient Times (Princeton 1992); E. Hornung, Grundzüge der ägyptischen Geschichte (Darmstadt 21978); W. Helck, Die Beziehungen Ägyptens zu Vorderasien im 3. und 2. Jahrtausend v. Chr (ÄA 5; Wiesbaden 21971). In ägyptischen Texten finden wir die Erstbelege für eine politische Größe ‚Israel‘ wie für den Gottesnamen JHWH, letzteres nicht umunstritten (Van Oorschot and Witte eds. 2017). Umgekehrt beginnt nach einigen Positionen in der Hebräi- schen Bibel die Geschichte Israels in Ägypten (Hos 11,1; Ez 20,5–9; Ex 1,1–8; anders Dtn 32,8–9 LXX; Dtn 32,10–14 mit Hos 9,10; Ez 16,3). Der historische Hintergrund der ‚Exodus-Tradition‘: in der Spätbronzezeit (1550–1130 vC) war das Hl. Land eine ägyptische Provinz namens ‚Kanaan‘ – wir würden von einer ‚Kolonie‘ reden, aber dieser Begriff war dieser Zeit fremd. Nach dem Zusam- menbruch der ägyptischen Herrschaft (u.a. durch einen Niltiefstand, Streit zwi- schen der Monarchie und der Amunpriesterschaft und durch Ereignisse wie den Tod Ramses III. durch eine Verschwörung und nachfolgenden Streit unter sei- nen Erben, D. Ilan 2019) füllten das nunmehr unbeanspruchte Randgebiet (wie- https://doi.org/10.1515/9783110411683-003 46 | Die ägyptische Provinz Kanaan und das Ende der bronzezeitlichen Mittelmeerwelt der) autonome Stadtherrschaften der Philister und Kanaanäer – und die Stäm- me des zukünftigen Israel und Juda. 2.1 Die ägyptische Provinz Kanaan 1 S. Bunimovitz, „Canaan is Your Land and Its King are Your Servant“: Conceptualizing the Late Bronze Age Egyptian Government in the Southern Levant: A. Yasur-Landau et al. eds., The Social Archaeology of the Levant. From Prehistory to the Present (Cambridge 2019) 265–279; D. Ilan, The Conquest of the Highlands in the Iron Age I: ebd., 283–309; L.L. Grabbe ed., The Land of Canaan in the Late Bronze Age (London / New York 2016); M. Jasmin, The Political Organiza- tion of the City-States in Southwestern Palestine in the Late Bronze Age IIB (13th Century BC): A.M. Maeir / P. de Miroschedji eds., „I Will Speak the Riddle of Ancient Times“. Archaeological and Historical Studies in Honor of Amihai Mazar on the Occasion of His Sixtieth Birthday (Winona Lake, IN 2006) 161–191; A.F. Rainey, Sinuhe’s World: ibid., 277–299; J. v. Beckerath, Handbuch der ägyptischen Königsnamen (MÄS 49; 21999); E.D. Oren ed., The Hyksos. New historical and archaeological perspectives (University Museum Monograph 30; Philadelphia 1997); M. Bietak, Avaris the Capital of the Hyksos: Recent Excavations at Tell el-Dabaa (London 1996); W. Helck / W. Westendorf eds., Lexikon der Ägyptologie I-VII (Wiesbaden 1975–1992); W.L. Moran, Les Lettres d'el-Amarna. Correspondance diplomatique du pharaon (LAPO 13; Paris 1987; englisch: Baltimore 31996). Dass es eine ägyptische Provinz Kanaan einmal gab, weiß die Hebräische Bibel nicht mehr, eine unverstandene Reminiszenz bietet ‫ מעין מי נפתוח‬maʿyan me neftóaḥ ‚Die Wasser-Quelle von Neftoach‘ (biblisch-hebräisch) statt ‚Die Quelle des (Pharao) Merenptah‘ (historisch-linguistisch) Jos 15,9; 18,15. ‚Kanaan‘ als Sohn ‚Hams‘ und Bruder ‚Ägyptens‘ in der Völkertafel Gen 10,6 hingegen reflek- tiert das Wiederaufleben des ägyptischen Anspruchs auf seine alte Provinz im 7. Jh. vC (E.A. Knauf, Ismael [Wiesbaden 21989] 61f). Das Hl. Land war immer das strategische ‚Glacis‘ Ägyptens in Vorderasien und lieferte wichtige Rohstoffe (Bauholz, Kupfer, Olivenöl). Schon im ausgehenden 4. Jahrtausend vC unter- hielt Ägypten Handelsstationen in Südpalästina (z.B. in Arad), seit 2600 vC in Phönizien (besonders Byblos). Um 2000 vC bildete Südsyrien (Golan, Ḥaurān) das Hinterland der ägyptisch kontrollierten Küste (Sinuhe-Erzählung, HTAT S. 51–65 Nr. 004). Auf ägyptischen Feldzügen deportierte Kanaanäer, aber auch syropalästinische Arbeitsmigranten bevölkerten besonders den ägyptischen Norden, entwickelten kurz vor 2000 vC das Konsonantenalphabet und gründe- ten schließlich einen kanaanäischen Stadtstaat auf ägyptischem Boden im Ost- delta: Avaris (Tell eḍ-Ḍabʿa), das sich 1680–1550 Nord-Ägypten unterwarf (die sogenannte ‚Hyksos-Herrschaft‘; ‚Hyksos‘ ist die Gräzisierung von äg. ḥq3wt ḫ3śwt ‚Herrscher der Fremdländer‘, womit seit dem 3. Jahrtausend vC auch die Die ägyptische Provinz Kanaan | 47 Kleinkönige Kanaans bezeichnet wurden – ein ‚Volk‘ waren die Hyksos nicht). Das war das Ende des ägyptischen ‚Mittleren Reichs‘ (Middle Kingdom). Im Ge- genzug unterwarfen die Gründer des Neuen Reiches (New Empire) ab 1550 das Hl. Land militärisch (HTAT S. 84–124 Nr. 030–042). Im 15. Jh. vC drang der Pha- raoh Thutmosis III. bis an den Euphrat vor. Aus dem 14. Jh. ist ein großer Teil der diplomatischen Korrespondenz erhalten, die Kanaans Könige mit ihren ägyptischen Oberherren führten (das Archiv von Tell el-Amarna; HTAT S. 125– 147 Nr. 043–062). GGG S. 55–122; J.-P. Vita, Canaanite Scribes in the Amarna Letters (AOAT 406; Münster 22015); 1 id., Scribes and Dialects in Late Bronze Age Canaan: L. Kogan et al. eds., Proceedings of the 53e Rencontre Assyriologique Internationale. Vol. 1, Part 2: Language in the Ancient Near East (= Babel und Bibel 4/2) (Winona Lake 2010) 863–894; R. Byrne, The Refuge of Scribalism in Iron I Palestine: BASOR 345 (2007) 1–31; J.-P. Vita, The Town of Musihuna and the Cities of the ‚Beqa Alliance’ in the Amarna Letters: SEL 22 (2005) 1–7; Y. Goren et al., Inscribed in Clay. Provenance Study of the Amarna Tablets and other Ancient Near Eastern Texts (TAU MS 23; Tel Aviv 2004); J.-P. Vita, Der Schreiber der Amarnabriefe EA 221–223: SEL 19 (2002) 33–36; id., Das Gezer-Corpus von El-Amarna: Umfang und Schreiber: ZA 90 (2000) 70–77; C.R. Hig- ginbotham, Egyptianization and Elite Emulation in Ramesside Palestine (CHANE 2; Leiden 2000); L. Marfoe, Kamid el-Loz 14: Settlement History of the Biqa‘ up to the Iron Age (Bonn 1998) 153–216; Z. Herzog, Archaeology of the City ( Tel Aviv 1997) 164–5; N. Naʾaman, The Contribution of the Amarna Letters to the Debate on Jerusalem's Political Position in the Tenth Century B.C.E.: BASOR 304 (1996) 17–27; D. Ilan, The Dawn of Internationalism – The Middle Bronze Age: T.E. Levy ed., The Archaeology of Society in the Holy Land (New York 1995) 297– 319; Sh. Bunimovitz, On the Edge of Empires – Late Bronze Age (1500–1200 BCE): ibid., 320– 331; I. Finkelstein, The Emergence of Israel: A Phase in the Cyclic History of Canaan in the Third and Second Millenia BCE: I. Finkelstein / N. Naʾaman ed., From Nomadism to Monarchy. Ar- chaeological and Historical Aspects of Early Israel (Jerusalem 1994) 150–178; I. Finkelstein, The Archaeology of the Israelite Settlement (Jerusalem 1988); E.A. Knauf, Midian (Wiesbaden 1988), 97–124; M. Liverani, Political lexicon and political ideologies in the Amarna Letters: Berytus 31 (1983) 67–74. Die Stadtstaaten Kanaans waren in der 1. Hälfte des 2. Jahrtausends vC entstan- den als Süd-Ausläufer der syrischen Kultur. Schon vor der ägyptischen Erobe- rung war das System zusammengebrochen, wahrscheinlich durch Überausbeu- tung der dörflichen Peripherie in den Bergen durch die Städte in den Ebenen. Die überlebenden ‚Bergler‘ nomadisierten sich, d.h. sie gingen von intensiver zu extensiver Bodennutzung über. Unter ägyptischer Herrschaft waren die ‚Städte‘ nur noch ein Schatten ihrer selbst. Wirklich Städte waren nur noch Hazor und Megiddo, der Rest nicht mehr als Häuptlingsburgen (Sichem, Gezer, Jerusalem) Die ca. 20 Städte lagen in den Ebenen mit den zwei Ausnahmen Sichem und Jerusalem, den Zentralorten des Berglandes mit jeweils großem, aber dünn und 48 | Die ägyptische Provinz Kanaan und das Ende der bronzezeitlichen Mittelmeerwelt überwiegend nicht-sesshaft bevölkertem Territorium. Sie betrachteten sich als unabhängig und bekämpften sich gegenseitig (Tenor der Amarna-Korrespon- denz: mein Nachbar ist ein Rebell, weil ich ein loyaler Gefolgsmann des Pharaos bin; weil ich ein ‚Freund‘ Pharaos bin, muss mein Nachbar Pharaos Feind sein. Natürlich dachte der Nachbar über seinen Nachbarn genauso). Für das zentral- staatliche Ägypten waren die Könige schlicht ägyptische Dorfbürgermeister, die einfach Anweisungen des Pharaos auszuführen hatten. Für die Kanaanäer- Könige (die eher Raubrittern zu vergleichen wären als den Duodez-Fürsten des ‚Hl. Römischen Reiches‘) war Pharao primus inter pares, so wie sie selber ge- genüber ihrer eigenen Stadt- oder Stammesaristokratie. Die Kommunikation funktionierte nicht und konnte nicht funktionieren (M. Liverani). Zwar kommu- nizierten sie mit dem Pharao auf Akkadisch, der damaligen Diplomatensprache, doch hatten die wenigsten einen eigenen Schreiber. Besonders in Südpalästina sind die Briefe von zwei oder drei Städten auf dem gleichen Ton geschrieben. Ein ambulanter Keilschriftschreiber machte also die Tour zwischen diesen Hö- fen, nahm bei Gelegenheit das kanaanäische Diktat des Lokalherren auf, schrieb es, so gut er konnte, akkadisch nieder und schickte es an seinen ägypti- schen Kollegen, der das Geschriebene dann Pharao auf Ägyptisch vorlas. Infolge des Systemzusammenbruchs im 16. Jh., der anschließenden ägypti- schen Unterwerfung mit massiven Deportationen (HTAT S. 114–122 Nr. 041), der sich verschlechternden wirtschaftlichen Lage infolge zunehmender politischer Unsicherheit und der Verbreitung von Seuchen infolge der zunehmenden inter- nationalen Kontakte in Form von Armeen wie Händlern ging die Bevölkerung des Hl. Landes gegenüber der Mittelbronzezeit (20.–16. Jh. vC) stark zurück. Die Gesamtbevölkerung der Städte betrug im 15. Jh. ca. 30–45.000 Personen (ge- genüber 140–180'000 im 17. Jh.). Die Ägypter boten minimalen militärischen Schutz (mit Kontingenten von 10 bis 400 Mann) und verlangten dafür Tribut und Kontributionen. Die herrschende Schicht bediente sich ägyptischer Ikono- graphie zum Ausdruck ihrer kanaanäischen Kultur, z.B. auf ihren Siegeln, oder trat in den Dienst der ägyptischen Kolonialverwaltung, wobei sie z.T. ägyptische Namen annahm. Die gesamte Spätbronzezeit, vom 16. bis ins 12. Jh vC, ist eine Periode des kontinuierlichen Niedergangs der kanaanäischen Kultur. Es scheint, als hätten die Herrscher über das zentralpalästinische bzw. südpalästinische Gebirge des 14. Jh., Labʾayu von Sichem und ʿAbdiḫepa von Jerusalem, im 13. und 12. Jh. keine Nachfolger mehr gehabt. Erst im 11. Jh. wendete sich der Trend, und im 10. Jh. finden wir Saul und Jerobeam I. anstelle Labʾayus, David und Rehabeam am Platz ʿAbdiḫepas. Beschreibt ‚f‘ das soziopolitische Entwicklungsniveau eines Jahrhunderts (-n = n-tes Jh. vC), gilt für Kanaan ungefähr: f(–14) > f(–13) > Die ägyptische Provinz Kanaan | 49 f(–12); f(–12)< f(–11), und f(–14) = f (–10): die politische Komplexität des 14. Jh. vC wurde erst im 10. Jh. wieder erreicht. I. Finkelstein, The Earliest Israel: Territorial History of Canaan: A. Azzoni / A. Kleinerman / D.A. 1 Knight / D.I. Owen eds., From Mari to Jerusalem and Back: Assyriological and Biblical Studies in Honor of Jack Murad Sasson (University Park, PA 2020) 404-412; I. Finkelstein, First Israel, Core Israel, United (Northern) Israel: NEA 82 (2019) 8–15; Sh. Bunimowitz, Socio-Political Transformations in the Central Hill Country in the Late Bronze – Iron I Transition: I. Finkelstein / N. Naʾaman eds., From Nomadism to Monarchy (Jerusalem 1994) 179–202; Th. Staubli, Das Image der Nomaden im Alten Israel und in der Ikonographie seiner sesshaften Nachbarn (OBO 107; Freiburg/CH und Göttingen 1991) 20–66; M. Weippert, Semitische Nomaden des zweiten Jahrtausends. Über die š3św der ägyptischen Texte: Biblica 55 (1974) 265–280; 427–433. In den Bergen Palästinas, im Ostjordanland und in den südlich anschließenden Steppen lebte eine nichtsesshafte Bevölkerung, die Subsistenz-Ackerbau und Viehzucht betrieb und in Familienverbänden (Sippen) organisiert war, noch nicht in Stämmen. In den ägyptischen Texten heißen sie š3św, im Folgenden zu Shasu vereinfacht. In den akkadischen Texten erscheinen sie als Sutû. Man kann das Wort mit ‚Nomaden‘ (vom Typ 1: Lokalnomaden, Ziehbauern) überset- zen, aber nicht mit ‚Beduinen‘ (Typ 2). Den Ägyptern und Kanaanäern galten sie als eine bedrohliche fremde Bevölkerung außerhalb der Zivilisation (HTAT S. 179–198 Nr. 073–088). Hervorgegangen sind sie aus der sesshaften Bevölke- rung dieses Gebietes in der Mittelbronzezeit. Die Grenze zwischen ‚Kulturland‘ und ‚Wüste‘ (hier: Bergwald-‚Wüste‘) verlief innerhalb des Hl. Lands, sie war identisch mit der Grenze zwischen Ebenen und Bergen. HTAT S. 93f; E. Hobsbawm, Die Banditen: Räuber als Sozialrebellen (München 2007  London 1 2 2000); A.F. Rainey, Whence came the Israelites and their language?: SEL 22 (2005) 1–7; Y. Goren et al., Inscribed in Clay. Provenance Study of the Amarna Tablets and other Ancient Near Eastern Texts (TAU MS 23; Tel Aviv 2004); J.-P. Vita, Der Schreiber der Amarnabriefe EA 221– 223: SEL 19 (2002) 33–36; id., Das Gezer-Corpus von El-Amarna: Umfang und Schreiber: ZASEL 22 (2005) 1–7; J.-P. Vita, Der Schreiber der Amarnabriefe EA 221–223: SEL 19 (2002) 33–36; id., Das Gezer-Corpus von El-Amarna: Umfang und Schreiber: ZA 90 (2000) 70–77; C.R. Hig- ginbotham, Egyptianization and Elite Emulation in Ramesside Palestine (CHANE 2; Leiden 2000); L. Marfoe, Kamid el-Loz 14: Settlement History of the Biqa‘ up to the Iron Age (Bonn 1998) 153–216; Z. Herzog, Archaeology of the City ( Tel Aviv 1997) 164–5; N. Naʾaman, The Contribution of the Amarna Letters to the Debate on Jerusalem's Political Position in the Tenth Century B.C.E.: BASOR 304 (1996) 17–27 [audiatur et altera pars]; E.A. Knauf, Midian (Wiesba- den 1988) 108–110; O. Loretz, Ḫabiru-Hebräer. Eine soziolinguistische Studie über die Her- kunft des Gentiliziums ʿibrî vom Appellativum ḫabiru (BZAW 160; Berlin/New York 1984); M. Weippert, Die Landnahme der israelitischen Stämme in der neueren wissenschaftlichen Dis- 50 | Die ägyptische Provinz Kanaan und das Ende der bronzezeitlichen Mittelmeerwelt kussion (FRLANT 92; Göttingen 1967) 66–102; E.J. Hobsbawm, Primitive Rebels. Studies in Archaic Forms of Social Movement in the 19th and 20th Centuries (Manchester 1959). Wer die Forderungen des Staates (Fron, Abgaben) als übertrieben im Vergleich zu dessen Leistungen (Sicherheit) empfand und der Zivilisation den Rücken kehrte und in die ‚wilden‘ Berge ging, wurde zum ʿApiru (*ʿāpiru ‚Staub- Mensch‘; falsche Formen des gleichen Wortes in der Literatur: Habiru/Hapiru, Chabiru/Chapiru nach der keilschriftlichen Transkription des kanaanäischen Ausdrucks), ein ‚outlaw‘ (wie der legendäre Robin Hood und seine Männer in grünen Strumpfhosen). Die ʿApiru bildeten Banden, die von Raub oder Kriegs- dienst lebten, bei Sklavenjagden eingefangen wurden oder sich selbst in die Sklaverei verkauften. ‚Hebräer‘ (‫ עברי‬ʿivri) geht etymologisch auf ʿApiru zurück (mit partieller regressiver Assimilation des /p/ an das stimmhafte /ʿ/). 1 M. Görg, Abraham – historische Perspektiven: BN 41 (1988) 11–14; N. Naʾaman, The Town of Ibirta and the Relations of the ʿApiru and the Shosou: GM 57 (1982) 27–33; M. Liverani, Un’ ipotesi sul nome di Abramo: Henoch 1 (1979) 1–18. Shasu und ʿApiru, die sich das gleiche Gebiet teilten, bildeten gelegentlich Koa- litionen gegen den Staat im Kulturland. Der Übergang von einem kleinen Stamm zu einer großen Räuberbande und umgekehrt ist fließend. Am Ende des 13. Jh.s bekämpft Sethos I. in den Bergen bei Bet-Schean eine Shasu-Gruppe namens Tayru, die zusammen mit ʿApiru des Berges Yarmut Ägypten gegenüber loyale ‚Asiaten‘ vom Ort oder Stamm rwhm bekämpften, deren Ahnvater *Abi- Ruham geheißen haben könnte (HTAT S. 158–159 Nr. 064). Wichtiger als die Möglichkeit von ‚Abraham-Leuten‘ im 13. Jh. (allerdings im Norden des Hl. Lan- des) ist aber, dass hier statt der generischen ‚Nomaden‘ ein oder sogar zwei Sippen- bzw. Stammesnamen genannt werden: unter den ‚Wilden‘ hat eine Art Ethnogenese eingesetzt. ‚Tayru‘ könnte auf *Tāyǝru zurückgehen und wäre dann eine typisch aramäische Form (√TWR). Texte zu Shasu und ʿApiru Amarna-Brief (EA) 292; aus Geser (HTAT S. 134–135 Nr. 053). … (28) Es ist Krieg vom Gebirge her (29) gegen mich … (48–50) Vom Gebirge kauft man Menschen für 30 (Schekel) Silber frei … Der Kaufpreis eines Sklaven (um die 30 Schekel) ist in Ägypten und Syrien-Palästina bis in die Perserzeit erstaunlich konstant. Die ägyptische Provinz Kanaan | 51 Die folgenden Szenen eines ägyptischen Schul-Textes aus den ersten 5 Regierungsjahren Ramses II. spielen in Libanon und im Aruna-Pass (Naḥal ʿIron/Wādi ʿĀra) oder zwischen diesem Pass und Jafo: Pap. Anastasi I 19,1–4; 23,7–24,4. 1279–1275 vC; HTAT S. 191–193 Nr. 082. Übersetzung hier: H.-W. Fischer-Elfert, Die satyrische Streitschrift des Papyrus Anastasi I. Übersetzung und Kommentar (ÄA 44; 1986) 160; 202f. Bist du nicht zur Shasu-Quelle [in der libanesischen Biqāʿ] gegangen (19,2) mit den Heeres- truppen? / Hast du nicht den Weg nach Magara [wohl einer Höhle in Libanon oder Antiliba- nos] betreten, / wo der Himmel verdunkelt ist am Tage? / Es [das Gebirge] (19,3) ist bewach- sen mit Wacholder und Eichen, / die Tannen erreichen den Himmel. / (Es ist) zahlreich (bevölkert) mit Löwen, / Panthern und (19,4) Bären, / umgeben von Shasu auf beiden Seiten … Der Engpass [von Aruna] ist gefährlich wegen der Shasu, die sich unter Büschen verber- gen … (23,8) Es gibt welche unter ihnen von 4 Ellen (Größe), / (sogar) von 5 Ellen <von> ihrer Nase zu den Füßen, / mit grimmigen Gesichtern; sie sind nicht freundlich, / auf Schmeiche- leien hören sie nicht. / … Dein Weg ist voll von Felsbrocken und Geröll, / ohne passierbares Terrain, (da) von Gesträuch (ü)be(r)wachsen, / (24,3) und gefährlichem Dorngestrüpp (und) Wolfssohlen. / Die Abgründe sind auf deiner einen Seite, / das Gebirge steht auf deiner (24,4) anderen (an). KL 1.1–9. Pharao an den König von Damaskus. Amarnazeitlich. D.O. Edzard: id. et al., Ka- mid el-Loz – Kumidi (SBA 7; Bonn 1970) 55–60; cf. auch M. Dietrich – O. Loretz, TUAT I, 511f. Ein gleichlautendes Schreiben Pharaos ging an den König von Šazaena (KL 2). Ob die Briefe auf dem ‚Postweg‘ liegengeblieben sind oder ob es sich um Kopien für ein Zentralarchiv (in Kumidi?) handelt, ist offen. Zu Zalaya [oder Salaya], dem Mann von Damaskus, sprich: folgendermaßen der König: Die- se Tafel schicke ich dir, um zu dir zu sprechen. Weiterhin: Schicke mir die ʿApiru, wegen de- nen ich dir geschrieben habe folgendermaßen: ‚Ich werde sie in die Städte des Landes Kusch [Nubien] legen, damit sie dort wohnen anstelle derer, die ich weggeführt habe‘. Kuschiten (Nubier) sind unter den ägyptischen Truppen in Kanaan gut bezeugt (EA 131,10– 14; 133,16–18; EA 287,32f; 71–75; EA 288, 35–38). Der Austausch von Eliten und Soldaten zwischen entgegengesetzten Enden des Imperiums war keine neuassyrische Erfindung. Ob die Könige (in den Augen Pharaos die ‚Männer‘ der Orte) von Damaskus und Šazaena die ʿApiru erst einfangen oder anheuern sollten oder bereits eingefangene oder angeheuerte weiterleiten, geht aus dem Brief nicht hervor. Er erklärt aber, wie ʿApiru nach Ägypten ka- men, um dort bei Bauarbeiten eingesetzt zu werden: „Gib Getreideproviant den Leuten des Heeres und den ʿprw, welche für den großen Pylon von ‚… Ramses Miamun‘ Steine ziehen“ (TGI Nr. 12D, 13. Jh. vC). Papyrus Anastasi I 20,2–4. (20,2) Unterdessen sind heimliche Diebe in das Feldlager eingedrungen, /… (20,3) gestoh- len sind deine Kleider und der Pferdeknecht ist aufgewacht in der Nacht./ Er erkennt, was er 52 | Die ägyptische Provinz Kanaan und das Ende der bronzezeitlichen Mittelmeerwelt angerichtet hat, nimmt den Rest. / Er (20,4) tritt ein unter die Übeltäter / und mischt sich unter die Shasu-Sippen, / und nimmt die Gestalt eines Asiaten an. Aus Shasu wie ʿApiru rekrutierten die Territorialherrscher ihre Heere: EA 195,16–32. Aus Kumidi. W.L. Moran, Les Lettres d’el-Amarna. Correspondance diploma- tique du pharaon (LAPO 13; Paris 1987) 195. Mein Herr ist die Sonne am Himmel, und wie auf das Erscheinen der Sonne am Himmel er- warten (deine) Diener die Erscheinung der Worte aus dem Mund ihres Herrn. Ich werde si- cherlich von meinen Truppen und Wagen begleitet sein wie von meinen Brüdern, meinen ʿApiru und meinen Shasu [akk. Sutû], zur Verfügung der [ägyptischen] Bogenschützentrup- pen, wohin immer mich der König, mein Herr, entbietet. 2.2 JHWH und Edom 1 GGG S. 157–158; – E. Ben-Yosef, The Architectural Bias in Current Biblical Archaeology: VT 69 (2019) 361–387; E. Ben-Yosef ed., Mining for Ancient Copper. Essays in Memory of Beno Rothenberg. TAU.MS 37 (University Park, PA and Tel Aviv 2018); J. van Oorschot and M. Witte eds., The Origins of Yahwism (BZAW 484; Berlin/Boston 2017; E. Ben-Yosef et al., A New Chronological Framework for Iron Age Copper Production at Timna (Israel): BASOR 367 (2012) 31–71; M. Leuenberger, Jhwhs Herkunft aus dem Süden. Archäologische Befunde – biblische Überlieferungen – historische Korrelationen: ZAW 122 (2010) 1–19; H. Pfeiffer, Jahwes Kommen von Süden. Jdc 5; Hab 3; Dtn 33 und Ps 68 in ihrem literatur- und theologiegeschichtlichen Umfeld (FRLANT 211; Göttingen 2005); E.A. Knauf, JHWH: RGG4 IV (2001) 504f; M. Görg, YHWH – ein Toponym? Weitere Perspektiven: BN 101 (2000) 10–14; K. van der Toorn, Yahweh: DDD2 (1999) 910–919 [DDD1 (1995) 1712–1730]; M. Görg, Die Beziehungen zwischen dem alten Israel und Ägypten von den Anfängen bis zum Exil (EdF 290; Darmstadt 1997) 63–67; E.A. Knauf, Midian (ADPV; Wiesbaden 1988) 43–63; 100–104; 110–114; M. Görg, BN 1 (1976) 7–14. Ein ‚Shasu-Land‘, mit dem die Ägypter durch ihre Bergbauinteressen in der ʿArava in Timnaʿ immer wieder in friedlichen wie unfriedlichen Kontakt kamen, war Edom. Dort lernten sie im 14. Jh. vC einen Ort (Berg?) oder Stamm kennen, dessen Name mit dem des späteren israelitischen Gottes JHWH identisch ist (yhw3 geschrieben). Auch nach der HB kommt JHWH aus Sëir (Edom; Ri 5,4f) oder [seit dem 7. Jh. vC?] aus Midian, dem südlich an Edom angrenzenden nordwestarabischen Bergland (Hab 3,7; Ex 2,15–4,26; 18). Bei präventiven Polizeiaktionen wurden Gefangene gemacht, die man nach Ägypten brachte (HTAT S. 191 Nr. 081). In Notzeiten wandten sich Shasu aus Edom nach Ägypten, um zu überleben (TGI S. 40–41 Nr. 16): man hatte sich bei den Kupferbergbauunternehmen kennengelernt und brauchte einander. Dass alle Shasu Hunderte von Kilometern zu wandern pflegten, kann man diesem Merenptah, oder: Wie kamen Israeliten nach Ägypten (1208 vC)? | 53 Beleg nicht entnehmen. So oder so ist aber nachvollziehbar, wie JHWH nach Ägypten kam. Aus der Ortsnamenliste Amenophis III. (1391–1353 vC). HTAT S. 183–184 Nr. 075. [IV a 6] 92 Shasu-Land: Sëir [IV a 5] 93 Shasu-Land: Laban [IV a 4] 94 Shasu-Land: Pispis. IV a 3 / 95 Shasu-Land: Sammat IV a 2 / 96 Shasu-Land: Yhw IV a 1 / 97 Shasu-Land: T/Da rib’il. 2.3 Merenptah, oder: Wie kamen Israeliten nach Ägypten (1208 vC)? J. van Oorschot / M. Witte eds., The Origins of Yahwism (BZAW 484; Berlin / Boston 2017); J. 1 Assmann, Herrschaft und Heil. Politische Theologie in Altägypten, Israel und Europa (Mün- chen/Wien 2000); D.B. Redford, Akhenaten. The Heretic King (Princeton 1984); E. Hornung, Der Eine und die Vielen. Ägyptische Gottesvorstellungen (Darmstadt 1971). Während in der ersten Hälfte des 2. Jahrtausends vC die Großmächte am Nil einerseits, am Euphrat und Tigris andererseits so tun konnten, als wären ihre Imperien die einzigen auf der Welt (den Handel wickelten Mittelsmänner bzw. Mittelmächte ab), traten sie seit dem 15. Jh. in kriegerischen wie diplomatischen Kontakt miteinander. Das löste zumindest in Ägypten eine ideologische Krise aus. Zur Idee des Imperiums, die im 3. Jahrtausend vC sowohl in Ägypten wie Mesopotamien aufgekommen war, gehörte die Herrschaft über die ‚ganze Welt‘ (so viel man davon kannte). Symptom dieser Krise ist z.B. der Aton- Henotheismus Amenophis IV./Echnatons (1353–1336; Henotheismus bezeichnet die Alleinverehrung eines bestimmten Gottes zulasten aller anderen Kulte), eine Art Lösung erreicht am Ende des 2. Jahrtausends der ‚implizite Monotheismus‘ des ‚Tausendstrophen-Liedes‘. ‚Impliziter Monotheismus‘ bezeichnet die Auf- fassung, dass ein einziges, verborgenes göttliches Wesen in den bekannten Göttern erscheint und ihnen zugrunde liegt. 54 | Die ägyptische Provinz Kanaan und das Ende der bronzezeitlichen Mittelmeerwelt Aus dem ‚Tausendstrophenlied‘ (nach H. Brunner: W. Beyerlin ed., Religionsgeschichtliches Textbuch zum Alten Testament [GAT 1; Göttingen 1975] 46–52). Zweihundertste Strophe … Einer ist Amun, der sich vor [den anderen Göttern] verbirgt, Der sich geheim hält vor den Göttern, dessen Wesen man nicht kennt. Er ist ferner als der Himmel und tiefer als die Unterwelt – Kein Gott kennt seine wahre Gestalt. Sein Wesen ist nicht in Schriften ausgebreitet, man kann nicht verläßlich über ihn lehren. … Plötzlich aus Schrecken tot umzufallen ist dem bestimmt, Der seinen geheimen Namen, wissentlich oder unwissentlich, ausspricht. Es gibt auch keinen Gott, der ihn damit rufen könnte, den mächtigen. ‚Der Verborgene‘ ist sein Name entsprechend dem, wie er geheimnisvoll ist. Dreihundertste Strophe Drei sind alle Götter: Amun, Re und Ptah, und ihresgleichen gibt es nicht. Der seinen Namen verbirgt als Amun, er ist Re im Gesicht und sein Leib ist Ptah … Im 13. Jh. kam es zum frontalen Zusammenstoß zwischen dem ägyptischen und dem hethitischen Reich. Die Hethiter expandierten nach Nord- und Mittelsyrien und drangen im Libanon in Ägyptens vorderasiatisches Kolonialreich ein. Die Schlacht von Kadesch am Orontes 1275 vC endete für die Ägypter bestenfalls mit einem Remis, obwohl sich Ramses II. (1279–1213) den Sieg zuschrieb, weil er mit dem Leben davongekommen war. In ihren Inschriften siegen die Großkönige immer, man muss auf die Details achten, um zu eruieren, was nach unserem Wirklichkeitsverständnis geschah; so geht aus Ramses’ Text Erzählung hervor, dass eine von vier ägyptischen Divisionen abgeschnitten und weitgehend ver- nichtet wurde und dass der Pharao Mühe hatte, sich zu seinen eigenen Truppen durchzuschlagen. Im Friedensvertrag – den ersten seiner Art, vorher akzeptierten die Pharao- nen nur die Unterwerfung ihrer Gegner – wurde die Grenze wenig nördlich der heutigen israelisch-libanesischen Waffenstillstandslinie fixiert. Das Hl. Land war jetzt Grenz- und Militärregion, die ägyptische Herrschaft wurde intensiviert, womit der Vater und Vorgänger von Ramses II., Sethos I. (1293–1279) bereits begonnen hatte. Ägyptischen Tempeln wurden Latifundien in Kanaan übertra- gen, Gouverneure ersetzten Vasallen, und die ‚Selbstägyptisierung‘ der ka- naanäischen Oberschicht verstärkte sich. Gleichzeitig baute Ramses II. im Ost- Merenptah, oder: Wie kamen Israeliten nach Ägypten (1208 vC)? | 55 delta (also Kanaan so nahe wie möglich, ohne ägyptischen Boden zu verlassen) eine neue Hauptstadt, die in Ex 1,15 erwähnte ‚Ramsesstadt‘. J. Van Seters, The Geography of the Exodus: J.A. Dearman & M.P. Graham ed., The Land That I 1 Will Show You. Essays on the History and Archaeology of the Ancient Near East in Honour of J. Maxwell Miller (JSOT.S 343; Sheffield 2001) 255–276; E.A. Knauf, Midian (1988) 104–105. Wegen dieser biblischen Erwähnung, und weil ein Stamm ‚Israel‘ unter Ramses’ Nachfolger Merenptah (1213–1203) in Kanaan belegt ist, gilt in vielen ‚Geschich- ten Israels‘ Ramses II. als der ‚Pharao des Exodus‘. Da er über 60 Jahre regierte, hätten in seiner Regierungszeit auch die ‚40 Jahre‘ der Wüstenwanderung Platz. Diese Spekulation scheitert an verschiedenen Sachverhalten: die ‚Moses-Josua-‘ bzw. ‚Exodus-Landnahme-Erzählung‘ (Ex 2-Jos 10*) ist kein Tatsachenbericht aus dem 13. Jh. vC, sondern eine theologische Konstruktion judäischer Intellek- tueller am Ende des 7. Jh. vC. Im Namen des Anführers beim Exodus, ‫משה‬ Moše, wie im Namen der Ramsesstadt, ‫ רעמסס‬Raʿmǝses, liegt das gleiche ägyp- tische /s/ vor (in mśj ‚gebären‘; ‚Ramses‘ = ‚(Der Sonnengott) Re hat ihn (den Pharao) geboren‘). Um 1000 vC fand im Kanaanäischen eine Lautverschiebung statt: s3, alt ƾamak, wurde samak (‚Sameḵ‘), s1, alt sin, wurde šin). Das /s/ in ‚Moses‘ wurde also vor dem 11./10. Jh. vC ins Kanaanäische entlehnt, das /s/ in ‚Ramesses‘ nach dem 10. Jh. Dazu passt, dass die ‚Ramsesstadt‘ in Ägypten im 8. und 7. Jh. ein blühendes literarisches Nachleben hatte, von dem sich die zeitge- nössischen israelitischen und judäischen Gelehrten inspirieren lassen konnten. Die Mumie von Ramses II. liegt im Ägyptischen Museum in Kairo, nicht auf dem Grund des Roten Meeres, wie Ex 14,15–15,21 höchst eindrucksvoll erzählt. E.A. Knauf, The Impact of the Late Bronze III Period on the Origins of Israel: L.L. Grabbe ed., The 1 Land of Canaan in the Late Bronze Age (London / New York 2016) 125–132; E. van der Steen, The Archaeology of the Late Bronze Age in Palestine: ibid., 159–175; D. Kahn, A Geo-Political and Historical Perspective of Merneptah’s Policy in Canaan: G. Galil et al. eds., The Ancient Near East in the 12th–10th Centuries BCE. Culture and History. Proceedings of the International Conference held at the University of Haifa, 2–5 May, 2010 (AOAT 392; Münster 2012) 255–268; G. Gilmour / K.A. Kitchen, Pharaoh Sety II and Egyptian Political Relations with Canaan at the End of the Late Bronze Age: IEJ 62 (2012) 1–21; M. Dijkstra, Origins of Israel Between History and Ideology: B. Becking / L.L. Grabbe eds., Between Evidence and Ideology. Essays on the History of Ancient Israel read at the Joint Meeting of the Society for Old Testament Study and the Oud Testamentisch Werkgezelschap Lincoln, July 2009 (Oudtestamentische Studiën 59; Leiden / Boston 2011) 41–82; L.D. Morenz, Wortwitz – Ideologie – Geschichte: ‚Israel’ im Hori- zont Mer-en-ptahs: ZAW 120 (2008) 1–13; A.J. Spalinger, War in Ancient Egypt (Oxford 2005); K.W. Whitelam, „Israel Is Laid Waste; His Seed Is No More“: What If Merneptah's Scribes Were Telling the Truth? Biblical Interpretation 8 (2000) 8–22; C.R. Higginbotham, Egyptianization 56 | Die ägyptische Provinz Kanaan und das Ende der bronzezeitlichen Mittelmeerwelt and Elite Emulation in Ramesside Palestine (CHANE 2; Leiden 2000); M.G. Hasel, Domination and Resistance. Egyptian Military Activity in the Southern Levant, ca. 1300–1185 BC (Probleme der Ägyptologie 11; Leiden 1998); R.B. Coote, Early Israel (Minneapolis 1990) 71–93; I. Singer, Merenptah's Campaign to Canaan, BASOR 269 (1988), 1–10; E.A. Knauf, Midian (Wiesbaden 1988) 97–105; L.E. Stager, Merenptah, Israel and the Sea People: New Light on an Old Relief: EI 18 (1985), 56*–64*; H. Engel, Die Vorfahren Israels in Ägypten (FThSt 27; Frankfurt 1979), 189– 80; W. Helck, Rez. von S. Herrmann, Israels Aufenthalt in Ägypten (1970): ThLZ 97 (1972) 178– 82. Solange es die Shasu mit kleinen Stadtstaaten (Raubritterburgen) zu tun hatten, bildeten sie keine Stämme. Jetzt, wo der Bergbevölkerung eine Großmacht ent- gegentrat, die den Griff auf ihr kanaanäisches Vorfeld wieder verstärkte und damit, zwar regional unterschiedlich, nicht nur (zer)störend, sondern sozusa- gen ordnungspolitisch durchaus auch (wirtschaftlich) anregend wirkte (Knauf 2016; E. van der Steen (2016), schlossen sich die Sippen zu Stämmen zusammen. Zwischen 1213 und 1208 unterwarf Merneptah drei revoltierende kanaanäische Städte (Askalon, Geser und Jenoam) und einen Stamm namens ‚Israel‘ (HTAT S. 168–171 Nr. 066). Als ägyptische Kriegsgefangene kamen Israeliten aller Wahr- scheinlichkeit nach an den Nil. Bereits 1211 vC ist auf dem Kamm des judäischen und samarischen Gebirges die von ‚Bogenschützentruppen‘ besetzte ‚Brunnen- straße des Merneptah‘ belegt, die man sich als Verbindungslinie zwischen Wachtürmen an den einzelnen Brunnen vorstellen muss. Eine dieser Stationen waren ‚die Wasser von Neftoach‘ (s. o. 2.1, S. 46), das ehemalige Dorf Lifta (jetzt ein nordwestlicher Vorort von Jerusalem). Damit kam auch das Bergland unter direkte ägyptische Herrschaft, dem Massen-Exodus aus dem ägyptischen Unter- tanenland in den Ebenen zu den ‚freien‘ Bergen war damit ein vorläufiges Ende gesetzt. Die Unterwerfung des ersten Israel muss unmittelbar vor oder während der Anlage der ‚Brunnenstraße‘ erfolgt sein. Möglicherweise begann die Pazifi- zierung des Berglandes durch Militärbasen schon unter Ramses II. (HTAT S. 190 Nr. 080). Die Identifikation von Merneptahs Israel mit dem biblischen ‚Zwölf- Stämme-Israel‘ bzw. eines seiner realgeschichtlichen Vorläufers ab dem 10. Jh. vC ist nicht möglich. Doch zeigt die Siedlungsgeschichte des samarischen (oder galiläischen) Berglandes, wo man dieses Israel zu suchen hätte, dass die Be- hauptung des Pharaos, dieses Israel vernichtet zu haben, keine bloße Phrase ist – am Ende des 13. Jh. herrscht dort große Leere. Die HB hat aber möglicherweise eine Erinnerung daran bewahrt, dass es vor jenem Israel, dessen Gott JHWH ist, ein anderes gegeben hat, das einen Gott El verehrte (Gen 33,20; in ‫אל אלהי‬ ‫ ישראל‬ʾel ʾĕlohe Yiśraʾel ʾEl [ist] der Gott Israels‘ ist ‚El‘ Gottesname, nicht Ap- pellativ für ‚Gott‘). Sethnacht und der Exodus (1186 vC) | 57 Die ‚Israel-Stele‘ Merenptahs, Z. 26–28 (1208 vC) nach E. Edel, TGI3 Nr. 15; cf. auch U. Kaplony-Heckel, TUAT I 6, 544–552; M. Weippert, HTAT S. 168–171 Nr. 066. Die Fürsten sind niedergeworfen und sagen „Schalom“, keiner von den ‚Neun Bogen‘ erhebt mehr sein Haupt. Čehenu [Libyen] ist zugrunde gegangen, Hatti [das Hethiterreich/Nordsyrien] ist friedlich. ‚Das Kanaan‘ [die Provinzhauptstadt Gaza] ist mit allem Schlechten erobert, Aschkalon ist fortgeführt, Geser gepackt, Jenoʿam ist zunichte gemacht. Israel ist verwüstet, es hat keinen Samen mehr, Ḫāru [die südliche Levante] ist zur Witwe geworden für Ägypten. Alle Länder insgesamt sind in Frieden, jeder, der umherschweifte, ist gebändigt. Die ‚Neun Bogen‘ sind die traditionellen ‚sandbewohnenden‘ Feinde Ägyptens aus Urzeiten. Kanaan mit Artikel bezeichnet die Hauptstadt der Provinz, Gaza (musste Merenptah dort bei Regierungsantritt für Ordnung sorgen?). Die weiteren unterworfenen Städte folgen von Süd nach Nord. ‚Israel‘ wird nicht als Land, sondern als Personenverband determiniert, es steht im poetischen Parallelismus zu ‚Hurriterland‘, was dem Stammesnamen eine gewisse Aus- dehnung gibt. Die Bildlichkeit (‚keinen Samen mehr‘ – ‚zur Witwe geworden‘) suggeriert, dass Merenptah in größerem Umfang Israeliten getötet bzw. nach Ägypten deportiert hat. 2.4 Sethnacht und der Exodus (1186 vC) L.L. Grabbe, Ancient Israel (22017) 92–98; I. Finkelstein / N. Silberman (2001) 48–122; N. Am- 1 zallag, Who was the Deity Worshipped at the Tent-Sanctuary of Timna?: E. Ben-Yosef ed., Mining for Ancient Copper. Essays in Memory of Beno Rothenberg (TAU.MS 37; University Park, Pa. 2018) 127–138; E.A. Knauf, The Impact of the Late Bronze III Period on the Origins of Israel: L.L. Grabbe ed., The Land of Canaan in the Late Bronze Age (London / New York 2016) 125–132; E. Blum, Der historische Moses und die Frügeschichte Israels: HeBAI 1/1 (2012) 37–63; N. Naʾaman, The Exodus Story: Between Historical Memory and Historiographical Composition: Journal of Ancient Near Eastern Religions 11 (2011) 39–69; S. Timm, Der Tod des Staatsfeinds. Neues zu B3j: VT 58 (2008) 87–100; H. Donner, Geschichte des Volkes Israel und seiner Nach- barn in Grundzügen 1 (GAT 4/1; Göttingen 32000) 123–134; M. Görg, Die Beziehungen zwischen dem Alten Israel und Ägypten von den Anfängen bis zum Exil (EdF 290; Darmstadt 1997) 63–67; 124–151; E.A. Knauf, Midian (1988) 98–99; 135–141; M. Görg, Ausweisung oder Befreiung?: Kairos 20 (1978) 272–280; A.R. Schulman, The Royal Butler Ramessesemperre: JARCE 13 (1976) 117–130. Als die 19. Dynastie ausstarb, versuchte der Großwesir Bay/Beya (vorderasiati- scher Herkunft) die Macht zu ergreifen, wurde aber von einer ägyptischen ‚nati- onalistischen‘ Reaktion hinweggefegt, die vom Begründer der 20. Dynastie, 58 | Die ägyptische Provinz Kanaan und das Ende der bronzezeitlichen Mittelmeerwelt Sethnacht, angeführt wurde. Im Zuge der Wirren wurden ‚Asiaten‘ (Kanaanäer und Verwandte) aus Ägypten vertrieben. Für einen möglichen ‚historischen Kern‘ der Exodus-Tradition bietet sich damit folgendes Szenario an: 1208 kamen Israeliten als Kriegsgefangene nach Ägypten. Schon dort können sie den Gott JHWH kennen gelernt haben, alternativ erst auf dem mehr oder weniger langen Weg zurück nach Kanaan. Überlebende der Vertreibung aus Ägypten gelangten nach dem Zusammenbruch der ägyptischen Herrschaft (1150–1130) ins samari- sche Bergland und schrieben ihre Rettung dem Gott JHWH zu. So ließe sich das ‚Urbekenntnis‘ des zweiten, jetzt jahwistischen Israel ereignisgeschichtlich situieren: JHWH hat Israel aus Ägypten geführt ‫כי הוציא יהוה את ישראל‬ ‫ ממצרים‬ki hoṣiʾ YHWH ʾet Yiśraʾel mim-miṣráyim – so Ex 18,1, was aus diesem Kapitel freilich keinen alten Text macht). Dieses Grundbekenntnis Israels war für die Shasu- und ʿApiru-Gruppen, unter denen die Exodus-Tradition Aufnah- me fand, attraktiv: zum einen erlebten sie gerade selbst die Befreiung von ägyp- tischer Kolonialherrschaft im eigenen Land, zum anderen mag die eine oder andere Familie erinnert haben, was ihre Vorfahren aus den Ebenen in die Berge geführt hatte. Demographisch fand der ‚Exodus‘ aber innerhalb Palästinas statt als Bevölkerungsverlagerung aus dem zusammenbrechenden Stadtstaaten- System ins Bergland. Insofern kann man das ‚Urbekenntnis Israels‘ auch aus der Konjunktur der zusammenbrechenden Herrschaft Ägyptens und der folgen- den Stammesbildung der zukünftigen Israeliten ableiten und auf eine ereignis- geschichtliche Herleitung verzichten (N. Naʾaman). Andere Szenarien sind denkbar, zB die Flucht einer edomitischen Shasu- Gruppe aus Timnaʿ, die von den Ägyptern dort zur Zwangsarbeit in den Minen oder an den Kupferschmelzöfen gepresst worden war (N. Amzallag 2018), oder ein Export des Gottes zusammen mit dem Rohstoff aus dem tribal-industriellen Komplex von Fēnān im 12. bis 9. Jh. Zu beachten ist nur, dass die Exodus- Tradition von Israel nach Juda kam und nicht umgekehrt. Die ‚Historizität‘ eines Exodus-Ereignisses lässt sich mit solchen Szenarien, wie plausibel sie auch sein mögen, nicht beweisen. Allerdings widerlegen sie die kategorische Bestreitung der Möglichkeit eines historischen Kerns der Tradition. Wichtiger als die Ebene der ‚Ereignisse‘ sind aber die makrohistorischen Dimensionen. Das Exodus- Bekenntnis lässt sich nicht nur als eine Verdichtung alles dessen lesen, was den Einwohnerinnen des Hl. Lands seitens Ägyptens vom 16. bis zum 12. Jh. wider- fahren ist, sondern auch als Verarbeitung ägyptischer Eingriffe von Šošenq bis Necho und darüber hinaus der assyrischen und neubabylonischen Herrschaft. Der Name ‚Moses‘ gehört aus rein sprachlichen Gründen zum Urbestand der Exodus-Tradition (s.o.). Ägyptische Amtsträger der Ramessiden-Zeit tragen häufig Namen, die mit mśj gebildet sind (wie ihre Pharaonen auch). Der ägypti- Sethnacht und der Exodus (1186 vC) | 59 sche Name des Beya/Bay lautete Raʿ-mes-su-ġaʿu-em-nečeru ‚Re hat ihn geboren als Aufgang unter den Göttern‘. Eine ganze Reihe von ägyptischen Expeditionen in das Kupferminengebiet von Timnaʿ standen unter dem Kommando des pha- raonischen Haushofmeisters Ra‘messes-em-per-Reʿ (‚Re ist im Hause des Re geboren‘), dessen Karriere sich über mehrere Jahrzehnte verfolgen lässt. Beide ägyptischen Beamten vorderasiatischer Herkunft kommen als Ausgangspunkte der Traditionsbildung um den biblischen Moses in Betracht, aber natürlich auch kanaanäische Amtsträger im Dienst des Pharaos, deren mśj-haltige Namen bis- lang nicht epigraphisch belegt sind. Beide hatten auf verschiedene Weise Gele- genheit, unter ägyptischer Aufsicht Stämme aus dem Heimatland des Gottes JHWH mit 1208 vC deportierten Israeliten zusammenzubringen. Das Bay/Beya in Ägypten starb und Ramses III. eine andere Person als ‚Oberaufrührer‘ nennt, ist hingegen für die Eignung der Person als Ausgangspunkt einer Legendenbildung irrelevant. In Sardanipal lebt der Verlierer von 648 vC fort, Šamaššumukin, sein siegreicher Bruder Assurbanipal nur im Namen der legendarischen Person. Es lässt sich zusammenfassend nicht mehr sagen, als dass es sich beim Namen ‚Moses‘ um eine historische Erinnerung handelt, deren ursprüngliche Bezugs- person in die Zeit vor 1130 vC gehört. Elephantine-Stele des Sethnacht, 3–18. 1185 vC. Text nach R. Drenkhahn, Die Elephantine- Stele des Sethnacht und ihr historischer Hintergrund (ÄA 36; Wiesbaden 1980) 62–67. (3) Reʿ bildete seines [des Königs Sethnacht] Gestalt nach seiner Art, indem das Bild des Atum sein Leib ist und indem die große Götter-Neunheit zufrieden ist über seine Pläne [wie (4) sein Vater] Reʿ, als dieses Land in Unordnung war. Ägypten ist es, das in einen Zustand des Vergessens Gottes geraten war. Da streckte (5) [dieser große G]ott seinen Arm aus und erwählte S(eine) M(ajestät) (Er) l(ebe, sei) h(eil und) g(esund) [vor] Millionen, indem er Hunderttausende vor ihm missachtete. [Alle (6) Länder] sind unter seiner Leitung, [der das Übel vertreibt …] wie Reʿ, indem er alle Oberhäupter von [ihren Sitzen vertrieben hat, um] (7) Treffliches zu tun für den Boden von Ägypten. S. M. lhg ist wie sein Vater Seth, (8) der seine beiden Arme ausbreitet, um Ägypten zu reinigen durch [Vertreibung] dessen, der ihn [an- greift], indem seine Stärke um ihn herum als Schutz ist. [Es fallen (9) die Geg]ner vor ihm, denn die Furcht vor ihm hat ihre Herzen gepackt. Sie fliehen zurück [wie (10) kleine Vögel], wenn der Falke hinter ihnen ist. Sie lassen Silber, Gold (und) Kupfer fallen, (11) den Besitz von Ägypten, das sie diesen Asiaten geben wollten, um die Elite-Soldaten zu ihnen herbeiei- len zu lassen (12) [als Ober]ste von Ägypten, als ihre (feindlichen) Absichten keinen Erfolg hatten und ihre Drohungen (bzw. Versprechungen) sich nicht erfüllt hatten. (13) Jeder Gott und jede Göttin sind erschienen, wobei ihre Wunder(zeichen) bei dem guten Gott waren, indem sie prophezeiten das [Gemetzel (14) (und) die Schlacht] unter ihm. Die Götter fällten die Entscheidung und der Himmel erstrahlte. (15) Jahr 2 / Sommer II / 10. Nicht gibt es (mehr) einen Feind S. M. lhg in allen Ländern. [Die Höflinge (aber) sprachen (16) zu] S. M. lhg: „Dein Herz sei fröhlich, Herr dieses Landes, in- 60 | Die ägyptische Provinz Kanaan und das Ende der bronzezeitlichen Mittelmeerwelt dem die Prophezeiung des Gottes erfüllt ist. Deine Feinde, [nicht (17) existieren sie (mehr)] auf der Erde. Nicht gibt es die Macht des Heeres und der Streitwagentruppe außer der (durch) deinen Vater (18) [Gottesname] … Die Sprache war den Ägyptern gegeben, um die Sachverhalte so gut wie mög- lich zu verschleiern. Sethnacht war ein Usurpator, der bis zum drittletzten Mo- nat seines 2. Regierungsjahres in einen Bürgerkrieg verwickelt war. Dem Gegner oder den Gegnern wird vorgeworfen, Asiaten angeheuert zu haben, um Ägypten zu unterjochen (das Hyksos-Trauma wird wiederbelebt). Der Bürgerkrieg endete mit der Vertreibung der Feinde wie ihrer Asiaten. Aber wie Merenptah erklärt, wann und wie Israel nach Ägypten kam, so erklärt die Elephantine-Stele am besten, wann und wie ‚Israel‘ aus Ägypten wieder herausfand. Was 1186/1185 genau geschah, wird durch eine Darstellung aus größerer Distanz, im ‚Rechen- schaftsbericht‘ von Sethnachts Sohn und Nachfolger Ramses III. (1184–1153), auch nicht klarer. Der Text belegt aber die ‚Formbarkeit‘ historischer Überliefe- rung im Alten Ägypten (wie im Alten Orient). 1 Pap. Harris I 75,2–9. Vor 1153 vC. W. Erichsen, Papyrus Harris I. Hieroglyphische Transkrip- tion (Bibliotheca Aegyptiaca 5; Brüssel 1933) 91–92; vgl. R. Drenkhahn (1980) 68–83. Das Land Ägypten wurde (von den Göttern) beiseite geworfen, jeder war sich selbst Gesetz … Das Land Ägypten bestand aus Beamten und Bürgermeistern [dh es gab keinen Pharao], die einander töteten, die Hohen wie die Niedrigen. Dann kam eine Zeit von leeren Jahren, und Irsu, ein Syrer unter ihnen, machte sich selbst zum Fürsten. Er machte sich das Land tributpflichtig. Man schloss sich ihm an, um ihr (der Ägypter) Eigentum zu rauben. Sie be- handelten die Götter wie die Menschen, und in den Tempeln wurden keine Opfer darge- bracht. Aber als die Götter umkehrten, um Erbarmen zu erweisen und das Land in seine richtige Ordnung zurückzubringen, setzten sie ihren Sohn, der aus ihrem Leib hervorgekommen war, um Herrscher lhg eines jeden Landes zu sein, auf ihren großen Thron [folgen die Na- men des Sethnacht]. Er war Chepre-Seth in seinem Zorn. Er ordnete das ganze Land, das sich empört hatte. Er vernichtete die Übelgesinnten, die in Ägypten waren. Er reinigte den großen Thron Ägyptens. Chepre ist der Sonnengott als Verborgener, Seth das Rauhbein unter den Göttern Ägyptens. Ramses III., die Philister und das Ende der ägyptischen Provinz Kanaan | 61 2.5 Ramses III., die Philister und das Ende der ägyptischen Provinz Kanaan I. Finkelstein, First Israel, Core Israel, United (Northern) Israel: NEA 82 (2019) 8–15; A.M. Maeir, 1 Iron Age I Philistines. Entangled Identities in a Transformative Period: A. Yasur-Landau et al. eds., The Social Archaeology of the Levant. From Prehistory to the Present (Cambridge 2019) 301–323; P.W. Stockhammer, Rethinking Philistia as a Contact Zone: I. Shai et al. eds., Tell it in Gath. Studies in the History and Archaeology of Israel. Essays in Honor of Aren M. Maeir on the Occasion of his Sixtieth Birthday (ÄAT 90; Münster 2018) 375–384; I. Koch: Settlements and Interactions in the Shephelah during the Late Second through Early First Millennia BCE: O. Lipschits / A.M. Maeir eds., The Shephelah during the Iron Age. Recent Archaeological Studies (Winona Lake, 2017) 181–207; M.H. Wiener, Causes of Complex Systems Collapse at the End of the Bronze Age: P.M. Fischer / T. Bürge eds., „Sea Peoples“ Up-to-Date. New Research on Transformations in the Eastern Mediterranean in the 13th–11th Centuries BCE (Contributions to the Chronology of the Eastern Mediterranean, Vol. XXXV = ÖAW, Denkschriften der Gesamta- kademie, Band LXXXI; Wien 2017) 43–74; H. Whittaker, The Sea Peoples and the Collapse of Mycenaean Palatial Rule: ibid., 75–81; J.M. Millek, Sea Peoples, Philistines, and the Destruc- tion of Cities: A Critical Examination of Destruction Layers ‚Caused‘ by the ‚Sea Peoples‘: ibid., 113–140; A. Yasur-Landau, Some Notes on Philistines, Migration and Mediterranean Connectiv- ity: ibid., 141–148; A.M. Maeir / L.A. Hitchcock, The Appearance, Formation and Transformation of Philistine Culture: New Perspectives and New Finds: ibid., 149–162; A. Gilboa / I. Sharon, Fluctuations in Levantine Maritime Foci across the Late Bronze/Iron Age Transition: Charting the Role of the Sharon-Carmel (Tjeker) Coast in the Rise of Iron Age Phoenician Polities: ibid., 285–298; L.H. Hitchcock / A.M. Maeir, A Pirate’s Life for Me: The Maritime Culture of the Sea Peoples: PEQ 148 (2016) 245–264; Id. / Id., Pulp Fiction: The Sea Peoples and the Study of ‚Mycenaean‘ Archaeology in Philistia: J. Driessen ed., RA-PI-NE-U. 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Niemann, Pentapolis, RGG4 Bd. 6, 2003, 1088–1089; id., Na- chbarn und Gegner, Konkurrenten und Verwandte Judas: Die Philister zwischen Geographie und Ökonomie, Geschichte und Theologie. Studien zum Kulturkontakt in Kanaan, Isra- el/Palästina und Ebirnâri für Manfred Weippert zum 65. Geburtstag (OBO 186; Freiburg Schweiz und Göttingen 2002) 70–91; I. Finkelstein, The Date of the Settlement of the Philis- tines in Canaan: TA 22 (1995) 213–239; I. Singer, Egyptians, Canaanites, and Philistines in the Period of the Emergence of Israel: I. Finkelstein / N. Naʾaman ed., From Nomadism to Monarchy (Jerusalem 1994) 282–338; Ch. Uehlinger; Der Amun-Tempel Ramses' III. in Gaza, seine südpa- lästinischen Tempelgüter und der Übergang von der Ägypter- zur Philister-Herrschaft. Ein Hinweis auf einige wenig beachtete Skarabäen: ZDPV 104 (1988) 6–25 = OBO 100 (1990), 3– 26; W.H. Stiebing, The End of the Mycenaean Age: BA 43 (1980) 7–21; G.A. Lehmann, Die ‚See- völker‘-Herrschaften an der Levanteküste: Jahresbericht des Instituts für Vorgeschichte der Universität Frankkfurt a. M. 1976 (München 1977) 78–111. Im Zuge des Zusammenbruchs des spätbronzezeitlichen Wirtschafts- und Staa- tensystems treten seit dem 13. Jh. vC kriegerische Banden auf – sozusagen Söld- nertruppen, die sich selbständig gemacht haben – und von den Ägyptern (und in deren Gefolge, der altorientalischen Geschichtswissenschaft) als ‚Seevölker‘ zusammengefasst werden (HTAT S. 199–213). Da es sich aber nicht um „Völker“ und um ein Phänomen handelt, das zahlreiche verschiedene (gemischte) Grup- pen mit „mixed cultural identity“ (Maeir / Hitchcock 2017) aus verschiedenen (ost-)mediterranen Bereichen umfasste und nicht in einer monolithischen Ein- wanderung, sondern zeitlich in der gesamten Übergangsphase von der Spät- bronze- zur Eisenzeit zu beobachten ist, sollte besser vom „Sea Peoples Pheno- menon“ gesprochen werden (Fischer / Bürge eds., 2017; Maeir / Hitchcock 2017); auch das Phänomen der Migration erfordert Differenzierungen (Yasur- Landau 2017). Sowohl von ihren verschiedenen Herkunftsgebieten im Ostmit- telmeerraum als auch von ihrer Ansiedlungsregion in Südwestpalästina her sind die Seevölker-Philister daher ein transkulturelles Phänomen, als Resultat einer interkulturellen Interaktion anzusehen, nicht als ein Staat, sondern als ein „performative and dynamic social space“, „a contact space“, „entangling local and non-local traditions“ (Stockhammer 2018). Schon bei Kadesch (1275) hatte Ramses II. Sarden (š3-r-d–3-n3) in seinem Dienst; später bekämpft Merneptah in Lybien Achäer (3-q–3-w3-š3), Tyrsener (t- w-rw-š3), Lyker (rw-k-w), Sikuler (š-k-rw-š3) und Sarden. Ebendort ist Ramses III. mit Philistern (p-w-r–š3-t) und Teukrern (č–3-k-k3-r) konfrontiert, in Mittelsyrien zusätzlich mit Danäern/Danuna (d–3-yn-yw-n–3) und Issos-Leuten (w3-š3-š3). Soweit man die Namen – mit aller Vorsicht – identifizieren kann, kommen diese Gruppen aus Randgebieten des Hethiterreiches, das am Anfang des 12. Jh. zer- fällt, allerdings in Nordsyrien und Südostkleinasien in Form der ‚luwischen‘ Kleinkönigtümer bis ins 8. Jh. vC (vgl. S. 66, Abb. 7) fortbesteht (Singer 2012). Ramses III., die Philister und das Ende der ägyptischen Provinz Kanaan | 63 Einige von ihnen hat es offenbar ins westliche Mittelmeer verschlagen, wo sie Sardinien, Sizilien und dem tyrrhenischen Meer ihre Namen hinterließen. Man kann das Zusammentreffen und die Interaktion mehrerer Ursachen beobachten: der Zusammenbruch des Hethiterreiches und seiner Randgebiete hatte seine Auslöser in einer Klimaveränderung, Trockenheit, Epidemien, Erdbeben, Hun- gersnöte und Kriegen um bzw. ab 1200 vC (Finkelstein 2019; Wiener 2017; Whittaker 2017). In Kleinasien wird von einer Hungerkatastrophe berichtet; der alte Feind Ägypten versuchte Lebensmittelhilfe zu leisten, aber nach den logis- tischen Kapazitäten der Zeit blieb diese unzureichend. Das Weltwirtschaftssys- tem befand sich im Niedergang. Mit dem Zusammenbruch des Handels entfiel die Existenzgrundlage vieler Städte, die Zivilisation zog sich aus ihrer Periphe- rie (Kleinasien, Mittel- und Südsyrien) zurück und überlebte nur in den Zentren (Nordsyrien, Phönizien, den Flusstälern von Nil, Euphrat und Tigris). Auch die Handelsmetropole Ugarit in Nordsyrien ging unter (nach 1190), Hazor XIII folgte sogleich. A.M. Maeir et al., Technological Insights on Philistine Culture: Perspectives from Tell es- 1 Safi/Gath. Journal of Eastern Mediterranean Archaeology & Heritage Studies 7 (2019) 76–118; A.M. Maeir, The Philistines be upon thee, Samson (Jud. 16:20): Reassessing the Martial Nature of the Philistines – Archaeological Evidence vs. Ideological Image?: Ł. Niesiołowski-Spanò / M. Węcowski eds., Change, Continuity, and Connectivity. North-Eastern Mediterranean at the turn of the Bronze Age and in the early Iron Age (Wiesbaden 2018) 158–168; J. Maran, Goliath’s Peers: Interconnected Polyethnic Warrior Elites in the Eastern Mediterranean of the 13th and 12th centuries BCE: I. Shai et al. eds., Tell it in Gath. Studies in the History and Archaeology of Israel. Essays in Honor of Aren M. Maeir on the Occasion of his Sixtieth Birthday (ÄAT 90; Münster 2018) 223–241; L.A. Hitchcock, ‚All the Cherethites, and all the Pelethites, and all the Gittites‘ (2 Samuel 2:15–18) – An Up-to-Date Account of the Minoan Connection with the Philis- tines: Ibid., 304–321; L. H. Hitchcock / A. M. Maeir, Fifteen Men on a Dead Seren’s Chest: Yo Ho and a Krater of Wine: A. Batmazet al. eds., Context and Connection. Studies on the Archaeolo- gy of the Ancient Near East in Honour of A. Sagona (OLA 268; Leuven, Paris, Bristol, Ct. 2018) 147–159; Id. / Id., A Pirate’s Life for Me: The Maritime Culture of the Sea Peoples: PEQ 148 (2016) 245–264; Id. / Id., Pulp Fiction: The Sea Peoples and the Study of ‚Mycenaean‘ Archae- ology in Philistia: J. Driessen ed., RA-PI-NE-U. Studies on the Mycenaean World offered to Robert Laffineur for his 70th Birthday (Louvain 2016a) 145–155; A. Gilboa and I. Sharon, Fluctua- tions in Levantine Maritime Foci across the Late Bronze/Iron Age Transition: Charting the Role of the Sharon-Carmel (Tjeker) Coast in the Rise of Iron Age Phoenician Polities, in: P.M. Fischer und T. Bürge eds., „Sea Peoples“ Up-To-Date. New Research on Transformations in the Eastern Mediterranean in the 13th–11th Centuries BCE (ÖAW, Denkschriften der Gesamtakademie, Band LXXXI; M. Bietak and H. Hunger eds., Contributions to the Chronology of the Eastern Mediter- ranean, Vol. XXXV, Wien 2017) 285–298; A. Berlejung / A.M. Maeir / A. Schüle eds., Wandering Aramaeans: Aramaeans Outside Syria. Textual and Archaeological Perspectives; Wiesbaden 2016); O. Sergi et al. eds., In Search for Aram and Israel (ORA 20; Tübingen 2016); I. Finkel- stein, To Date or Not to Date: Radiocarbon and the Arrival of the Philistines: Ägypten und Le- 64 | Die ägyptische Provinz Kanaan und das Ende der bronzezeitlichen Mittelmeerwelt vante/Egypt and the Levant 26 (2016) 275–284; I. Finkelstein / B. Sass, The West Semitic Alphabet Inscriptions, Late Bronze II to Iron Age IIA: Archeological Context, Distribution and Chronology: HeBAI 2/2 (2013) 149–220; A. Berlejung / M.P. Streck eds., Aramaeans, Chaldae- ans, and Arabs in Babylonia and Palestine in the First Millennium B.C. (LAOS 3; Wiesbaden 2013); I. Singer, The Philistines in the North and the Kingdom of Taita: G. Galil et al. eds., The Ancient Near East in the 12th–10th Centuries BCE: Culture and History (AOAT 392; Münster 2012) 451–471; T.P. Harrison, Lifting the Veil on a „Dark Age“: Taʿyinat and the North Orontes Valley During the Early Iron Age: J.D. Schloen ed., Exploring the Long Durée. Essays in Honor of Law- rence E. Stager (Winona Lake, Ind. 2009) 172–184; F. Giusfredi, The Problem of the Luwian Title tarwanis: AoF 36 (2009) 140–145; A.M. Maeir / S.J. Wimmer / A. Zukermann / A. Demsky, A Late Iron Age/early Iron Age IIA Old Canaanite Inscription from Tell es-Sâfi/Gath, Israel: Palaeogra- phy, Dating, and Historical-Cultural Significance: BASOR 351 (2008) 39–71. In Analogie zur gründlich missverstandenen ‚Völkerwanderung‘ der Spätantike hat man lange diese Gruppen für Ethnien gehalten und von einem ‚Seevölker- sturm‘ gesprochen, dem die Zivilisation der Spätbronzezeit samt dem Hethiter- reich zum Opfer gefallen sein soll. Bei dieser Vorstellung sind – wie bei dem zugrundeliegenden Verständnis von ‚Völkerwanderung‘ – Ursache und Wir- kung vertauscht. Es ist das Vakuum im Zentrum, das Elemente der ehemaligen Peripherie ansaugt, zusammen mit dem Wohlstandsgefälle zwischen Zentrum und Peripherie. Auch die Goten waren eher eine – große – Krieger- und Räuber- bande als ein ‚Volk‘. Das Phänomen, dass sich in einer zerfallenden Staats- und Wirtschaftsordnung einzelne Gruppen, Banden selbständig machen, um im allgemeinen Niedergang so viel wie möglich für sich selber herauszuschlagen, ließ sich nicht nur kürzlich beim Zerfall Jugoslawiens beobachten, es betraf im 13. bis 11. Jh. vC auch nicht nur die See, sondern ebenfalls den ‚fruchtbaren Halbmond‘, wo in derselben Zeit Banden von Aḫlamu (‚Jungvolk‘) zu ‚Aramä- ern‘ werden, die ab dem 10. Jh. auf den Trümmern der syromesopotamischen Bronzezeit ihre Kleinkönigtümer errichten. Ein aramäisches ‚Volk‘ hat es nie gegeben, die Aramäer bildeten von Anfang an eine lose Sprachgemeinschaft von kulturell diversen Banden und Stämmen (A. Berlejung /M.P. Streck eds., 2013; A. Berlejung / A.M. Maeir / A. Schüle eds., 2016; O. Sergi et al. eds., 2016). Die Mechanismen von Migration und Staatenbildung hat P. Heather (2009) anhand der germanischen und slawischen Geschichte im 1. Jahrtausend nC klar herausgearbeitet. Migrationen erfolgen in Etappen, und in jeder Etappe setzt sich die wandernde Gruppe ethnisch neu zusammen. Piraterie ist ein Erwerbs- zweig besonders in Zeiten eines Machtvakuums, ein Nebenerwerb und von den Migrationen ziemlich unabhängig. Vorfahren der späteren Philister fielen be- reits im letzten Viertel des 13. Jh. in Kilikien ein und machten sich 50 Jahre spä- ter nach Syrien auf. Die sog. ‚Seevölker‘ waren entgegen früheren Annahmen kaum wandernde mykenische Elitekrieger und Kolonisten (Whittaker 2017), Ramses III., die Philister und das Ende der ägyptischen Provinz Kanaan | 65 sondern weitgehend „ethnically mixed tribal cultures that inhabited ships, engaged in piracy, and settled in various regions in the eastern and western Mediterranean“ (Hitchcock / Maeir 2016, 15), identifizierten sich als Interessen- gemeinschaften symbolisch z.B. durch Feste, bestimmte Trinkgefäß-Typen und Dekorationsmotive, Kopfbedeckungen bzw. Helme (Hitchcock / Maeir 2016, 15; Id. / Id., 2018). Sie verursachten gewaltsame Übernahmen von Siedlungen, aber integrierten sich auch friedlich (Hitchcock / Maeir 2016; Id. / Id. 2016a). Die Mehrheit der Zerstörungen dieser Zeit im Ostmittelmeerraum sind nicht feindli- chen Angriffen der sog. Seevölkergruppen zuzuschreiben, so dass der Übergang von der Spätbronze- zur Eisenzeit wohl etwas weniger gewaltsam gewesen ist als früher angenommen (Millek 2017). Dazu passt, dass das martialische Bild hochgerüsteter Philister in der Bibel allem Anschein nach überzeichnet ist durch narrativ-ideologische Abgrenzungsbemühung biblischer Autoren gegen- über den westlichen Nachbarn, wie nicht nur einige biblische Erzählungen von relativ friedlicher Nachbarschaft und connubium zeigen (Niemann 2002), son- dern auch der Mangel an Waffenfunden in philistäischen Siedlungen (Maeir 2018; Maeir et al., 2019). Die Goliat-Tradition mithilfe der biblisch beschriebe- nen Waffen und Ausrüstung hinsichtlich Zeit und Herkunft historisch und regi- onal genauer einzugrenzen, ist nicht möglich sowohl aufgrund der großen Mo- bilität als auch der gemischten Krieger-, Söldner- und Piratengruppen (Maran 2018; Maeir et al., 2019, 76–118). 1175 schlug Pharao Ramses III. eine Invasion der – in seinen Worten – ‚ver- einigten Seevölker‘ zurück. Es kam zu mindestens einer Seeschlacht im Nildelta (zumindest zur Abwehr von Piraten) und einer Landschlacht in Mittelsyrien (HTAT S. 204–208 Nr. 093-094; Finkelstein 2016). Die verbreitete Annahme, der Pharao habe danach die besiegten Philister als Militärkolonen in Aschdod, Aschkelon, Gaza, Ekron und Gat angesiedelt, ist nicht länger haltbar. Zwar wurden Kriegsgefangene von den Ägyptern gerne in den eigenen Dienst gestellt, doch sicher nicht an jener Grenze, die ihre Stammes- oder Bandenbrüder be- drohten, sondern an der entgegengesetzten (vgl. HTAT S. 190 Nr. 079). Von 1175 bis 975 bestand in Nord- und Mittelsyrien (von Tell Taʿyīnāt über Aleppo bis Hamat) ein Königreich ‚Palastin(a)‘, das später den Kleinstaat Pattina-Unqi bildete (Harrison 2009; Singer 2012), d.h. am Nordende des Libanon hat Ramses III. die Invasion zum Stehen gebracht. 66 | Die ägyptische Provinz Kanaan und das Ende der bronzezeitlichen Mittelmeerwelt Abb. 7: Das in früheisenzeitliche sog. „neohethitische“ Nachfolgestaaten zerfallene hethiti- sche Groß-Reich mit dem Reich Palastin(a) an der Mittelmeerküsten östlich von Zypern (Alašiya) nach T.P. Harrison (2009, 175 Fig. 1; bearbeitet: G. Lehmann). Erst nach dem Ende der ägyptischen Herrschaft in Kanaan (ab ca. 1130) konnte eine Philister-Gruppe in die spätere sog. ‚philistäische Pentapolis‘ (Niemann 2003) vorstoßen, die ethnisch inhomogen war. Kriegerbanden, die demogra- phisch immer eine Minderheit blieben wie die Normannen in England, ergriffen in kanaanäischen Städten die Herrschaft und stellten für die nächsten 500 Jahre die herrschenden Dynastien. Ganz in der Tradition Kanaans bekämpften sich die fünf Städte mit wechselnden Bündnispartnern bis zur Pax Assyriaca gegen- seitig. Die Vorstellung von einem ‚Philisterland‘, das alle fünf Orte umfasst, ist zuerst unter Adadnirari III. (796 vC) belegt. Alle Inschriften aus Philistäa vom 10. bis zum 7. Jh. sind kanaanäisch; philistäisch sind nur einige Personennamen wie ‫ אכיש‬Aḵiš und ‫ עלית‬ʿOlyat ‚Goliat‘ (Maeir / Wimmer / Zukerman / Demsky 2008; Finkelstein / Sass 2013), der Ortsname ‫‚ צקלג‬Ziklag‘ sowie wahrscheinlich zwei Lehnwörter im Hebräischen: ‫ סרן‬séren (nur für Militärführer der sog. „Seevöl- ker“ [luwisch tarwanis, Giusfredi 2009; Singer 2012; Hitchcock / Maeir 2018] bzw. philistäische Herrscher gebraucht, vgl. [vor-]griechisch tyrannos) und ‫ פלגש‬pilégeš ‚Nebenfrau‘ (vgl. gr. pallax und pallakis, lateinisch pellex). Die Hafenstadt Dor fiel in die Hand einer Gruppe von Teukrern (čkr; zu ihnen A. Gilboa and I. Sharon 2017). Ramses III., die Philister und das Ende der ägyptischen Provinz Kanaan | 67 Medinet Habu. 1175 vC. HTAT S. 204–207 Nr. 093. Die Fremdländer verschworen sich auf ihren Inseln. Alle Länder wurden auf einmal vernich- tet. Kein Land konnte ihren Waffen widerstehen, von Hatti [hier: das Hethiterreich], Kode, Karkemisch, Arzawa und Alaschia [Zypern] an, indem sie [gleichzeitig] niedergemacht wur- den. [Man errichtet] ein Lager in Amurru [nördlicher Libanon, Mittelsyrien]. Sie stürzten sei- ne Bewohner ins Elend, und sein Land war, als wäre es nie gewesen. Sie bewegten sich auf Ägypten zu [dessen Grenze immer noch nördlich des Hl. Landes verlief!], während das Feuer ihnen voranging. Ihr Bund bestand aus den Philistern, Teukrern (čkr), Sikulern, Danäern und Issos-Leuten (wšš), den vereinigten Ländern. Sie legten ihre Hand auf die Länder, so weit die Erde reicht, ihre Herzen waren zuversichtlich: „Unsere Pläne gelingen!“ … Ich berei- tete meine Grenze in Čahi [Südsyrien] vor, stellte für sie bereit: (Vasallen-)Fürsten, Garni- sons-Kommandeure und Streitwagen-Ritter. Ich machte die Nil-Mündungen zu einer starken Mauer, mit Kriegsschiffen, Galeeren und Küstenfahrzeugen, vollständig ausgerüstet, denn sie waren von Bug bis Heck gänzlich mit bewaffneten Kriegern bemannt. Die Truppen be- standen aus allen auserlesenen Männern Ägyptens. Sie waren wie Löwen, die auf den Gip- feln der Berge brüllen. Die Streitwagentruppe bestand aus Elite-Soldaten, auserlesenen Leuten, aus jedem guten und fähigen Streitwagen-Fahrer. Die Pferde zitterten (vor Begierde) am ganzen Körper, bereit, die Fremdländer unter ihren Hufen zu zertreten. Ich (Ramses III.) war der starke Mont [der Kriegsgott], standhaft an ihrer Spitze, so dass sie bewundernd zum Fang meiner Hände aufschauen konnten … Diejenigen, die meine Grenze erreichten: sie haben keinen Samen mehr, ihr Herz und ihre Seele sind für immer vernichtet. Diejenigen, die zur See herankamen, Feuer empfing sie an den Nilmündungen, während eine Palisade von Lanzenträgern sie an der Küste umgab. Sie wurden an Land gezogen, umzingelt, und lagen niedergestreckt am Ufer, getötet, von Kopf bis Fuß. Ihre Schiffe und ihre Besitztümer waren, als wären sie ins Wasser gefallen. Pap. Harris I 76,6–9. HTAT S. 207 Nr. 094. Ich [Ramses III.] erweiterte alle Grenzen Ägyptens und überwältigte jene, die sie von ihren Ländern her angriffen. Ich schlachtete die Danäer auf ihren Inseln, während die Teukrer und die Philister zu Asche gemacht wurden. Die Sarden und die Issos-Leute wurden zunichte gemacht, sämtlich gefangen genommen und nach Ägypten gebracht wie der Sand der Mee- resküste. Ich siedelte sie in Festungen an, meinem Namen verpflichtet. Ihre Wehrfähigen zählten nach hunderttausenden. Ich wies ihnen allen Rationen an jährlich, an Kleidung und Nahrung aus den Schatzhäusern und Vorratshäusern. Indem Ramses III. der von ihm bekämpften Seevölkergruppe den zwischen 1190 und 1175 erfolgten Zusammenbruch des Hethiterreichs und seiner südostanatolisch-nordsyrischen Satelliten zuschreibt, vergrößert er den eigenen Sieg, aber Karkemisch überstand den ‚Sturm‘ unbeschadet. Trotz der zeittypischen Übertreibungen ist den Texten zu entnehmen: Ramses III. hat gesiegt. Weder haben die Philister damals ihre spätere ‚Pentapolis‘ (Asch- dod, Aschkelon, Gaza; Ekron, Gat) erobert (so etwa L.E. Stager), noch wurden sie dort (so A. Alt) als ägyptische Militärkolonen angesiedelt, sondern entweder im Westdelta, wo Ramses III. Baumaßnahmen vornahm, oder eher noch in Nubien. 68 | Die ägyptische Provinz Kanaan und das Ende der bronzezeitlichen Mittelmeerwelt Aus dem ‚Onomastikon des Amenope‘ Ca 1100. A.H. Gardiner, Ancient Egyptian Onomastica (Oxford 1947) 1*–256*; A. Alt, Syrien und Palästina im Onomastikon des Amenope: Kleine Schriften I (München 1953) 231–245; M. Görg, Ascher außerbiblisch? Zum Problem der Ne- benüberlieferungen des israelitischen Stammesnamens: BN 100 (1999) 11–17. (1f*) Anfang der Lehre, um das Herz zu erleichtern, den Unwissenden zu unterweisen und um alle Dinge zu lernen, die es gibt: was Ptah schuf, was Thot niederschrieb, den Himmel mit seinen ganzen Heer, die Erde und was auf ihr ist, was die Berge ausspeien, was die Flut bewässert, alle Dinge, auf die Reʿ seit jeher scheint, alles, was auf dem Rücken der Erde an- gebaut wird, bedacht vom Schreiber der heiligen Schriften im ‚Lebenshaus‘, Amenope Sohn des Amenope. Und zwar: (4*) 1. Himmel. 2. Sonne. 3. Mond. 4. Stern … (150*) 257. GublaLand [Byblos] …262. AsqalonLand. (191*) 263. AsdodLand. 264. GazaLand. 265. AsirLand. … 268. Sa- rdenLeute; (199*) 269. TeukrerLand. (200*) 270. PhilisterLand … Ein typisches Dokument der altorientalischen ‚Listenwissenschaft‘: das vollständige Inven- tar des Kosmos, dass sich mit der Gesamtheit der Wörter deckt. Es fällt auf, wie prominent die philistäische Küste im Vergleich zur phönizischen geworden ist. Der Sequenz der altbe- kannten Hafenstädte folgt eine Sequenz ihrer neuen Herren. Askalon und Asdod erscheinen noch mit /s/ statt /š/ s. o. 2.3, S. 53) Aleppo 6. 10./9. Jh. vC. Luwisch. J.D. Hawkins, Cilicia, the Amuq, and Aleppo. New Light in a Dark Age: NEA 72 (2009) 164–173; I. Singer (2012). Hier setzt sich die Feudalgesellschaft der Bronzezeit ungebrochen fort. § 1. Ich bin Taita, der Held, der König von Palas(a)tin(i). § 2 Für meinen Herrn, den Sturm- Gott von Aleppo/Halab ehrte ich [sein] Bild. § 3 Der Sturm-Gott von Aleppo machte mich […] § 4 Wer zu diesem Tempel kommt, den Gott zu feiern, § 5 wenn er ein König ist, § 6 soll er einen Ochsen [und] ein Schaf opfern. § 7 Wenn er andererseits ein … Königs-Sohn ist, § 8 oder Herr eines (kleinen) Landes, § 9 oder Herr einer Fluss-Landschaft, § 10 soll er auch ein Schaf opfern. § 11 Wenn er andererseits ein Untertan ist, § 12 (soll er opfern) Brot, ein Trankopfer, … 2.6 Die tribale Kupferindustrie der Bronze-Eisen- Zwischenzeit: die ʿArava 1 E. Ben-Yosef, The Architectural Bias in Current Biblical Archaeology: VT 69 (2019) 361–387; E. Ben-Yosef ed., Mining for Ancient Copper. Essays in Memory of Beno Rothenberg (TAU.MS 37; Tel Aviv 2018); I. Finkelstein, The Southern Steppe of the Levant ca. 1050–750 BCE: A Frame- work for a Territorial History: PEQ 146 (2014) 89–104; T.E. Levy / M. Najjar / E. Ben-Yosef, New Insights into the Iron Age Archaeology of Edom, Southern Jordan: Surveys, Excavations, and Research from the University of California, San Diego – Department of Antiquities of Jordan, Edom Lowlands Regional Archaeology Project (ELRAP) (Monumenta Archaeologica 35/1–2; Los Angeles 2014); T. Erickson-Gini, Timna Site 2 Revisited: J.M. Tebes ed., Unearthing the Wilder- ness: Studies on the History and Archaeology of the Negev and Edom in the Iron Age (Leuven Die tribale Kupferindustrie der Bronze-Eisen-Zwischenzeit: die ʿArava | 69 2014) 47–83; M.A.S. Martin / I. Finkelstein, Iron IIA Pottery from the Negev Highlands: Petro- graphic Investigation and Historical Implications: TA 40 (2013) 6–45; E. Ben-Yosef et al., A New Chronological Framework for Iron Age Copper Production at Timna (Israel): BASOR 367 (2012) 31–71; E. Ben-Yosef, Technology and Social Process: Oscillations in Iron Age Copper Produc- tion and Power in Southern Jordan (Ph. D. dissertation University of Southern California, San Diego 2010); T.E. Levy, Pastoral Nomads and Iron Age Metal Production in Ancient Edom: J. Szuchman ed., Nomads, Tribes, and the State in the Ancient Near East: Cross-disciplinary Perspectives (OIS 5. Chicago 2009) 147–177; I. Finkelstein / L. Singer-Avitz, The Pottery of Khirbet en-Nahas: a rejoinder: PEQ 141 (2009) 207–18; T.E. Levy et al., The Jabal Hamrat Fidan Project: Excavations at the Wadi Fidan 40 Cemetery, Jordan (1997): Levant 31 (1999) 293–308; E.A. Knauf, Midian (Wiesbaden 1988) 110–16; id. / C.J. Lenzen, Edomite Copper Industry: SHAJ 3 (1987) 83–88; B. Rothenberg, Timnaʿ, NEAEHL 4 (1993) 1475–1486; id., The Egyptian Mining Temple at Timna (London 1988); B. Rothenberg, Were These King Solomon’s Mines? (New York 1982); id., Die Archäologie des Verhüttungslagers Site 30: H.-G. Conrad / id. ed., Antikes Kup- fer im Timna-Tal (Der Anschnitt Beiheft 1; Bochum 1980) 187–213. Noch in der Spätbronzezeit begannen Nomaden (Typ 1) in der ʿArava Kupfer zu schmelzen (T. Erickson-Gini 2014; Ben-Yosef 2019). War dies auf der Höhe der zyprischen Kupferexporte nur ein Nebenerwerb mit Absatz-Garantie (Nomaden, die nur Freizeit investierten, kein Kapital, konnten professionelle Händler im- mer unterbieten), wurde die tribale Kupferindustrie mit dem Zusammenbruch des zyprischen Handels im 12. Jh. der Haupt-Kupferversorger Kanaans und Süd- syriens und konnte diese Position bis zum Ende des 9. Jh. halten. Unter Ramses III. (1184–1153) war die ägyptische Herrschaft in Mittel- und Süd-Kanaan ungebrochen; der Amun-Tempel in Gaza wurde renoviert (HTAT S. 173–174 Nr. 068), andere ägyptische Tempel erhielten Schenkungen an ka- naanäischem Land und Leuten. Die Kupferbergbau-Expeditionen nach Timnaʿ, die unter Ramses II. (1279–1213) begonnen hatten, wurden unter ihm und noch seinem Nachfolger Ramses V. (1146–1142) unvermindert fortgesetzt. Diese mehrmonatigen Expeditionen, bei denen Ägypter mit der mehr oder weniger freiwilligen Mithilfe der lokalen Bevölkerung (Amalekiter, Keniter, Kenisiter, Sëiriter, Edomiter?) und von Bergbauexperten aus Nordwestarabien (Midian) die Kupfervorkommen in der südlichen West-ʿAraba abbauten und wahrschein- lich Kupfer aus dem reicheren Minengebiet von Fēnān (biblisch ‫ פונון‬Punon ‫ פינון‬Pinon) in der mittleren Ost-ʿAraba einhandelten, waren ein Indiz des be- ginnenden Zusammenbruchs des Seehandels, denn der Hauptlieferant des wichtigsten Rohstoffs der Bronzezeit für den östlichen Mittelmeerraum war eigentlich die ‚Kupferinsel‘ Zypern, deren Erz leicht abbaubar und vor allen in relativ großen Mengen kostengünstig – per Schiff – zu transportieren war. In der Amarna-Zeit bezogen Ägypten wie Syrien-Palästina ihr Kupfer aus Zypern (EA 33–37; 40, wo es um Kupfer-Lieferungen zwischen 150 kg und 15 t geht). Das 70 | Die ägyptische Provinz Kanaan und das Ende der bronzezeitlichen Mittelmeerwelt ʿAraba-Kupfer, zu dessen Gewinnung in größerem Umfang eine kleine Armee auszurüsten und vor allem in der Wüstensteppe zu versorgen war und das nur mit Esel- und Kamelkarawanen bis zu den nächsten Häfen gebracht werden konnte, war nur konkurrenzfähig, wenn die Kupferproduktion auf Zypern nicht zur Verfügung stand. Solange das der Fall war, setzten Midianiter und Lokal- nomaden in Timnaʿ und in weit größerem Umfang im nördlich davon gelegenen Minengebiet von Punon/Fēnān den Kupferabbau fort (E. Ben-Yosef ed., 2018; Id., 2019). Aus dem Minen- und Verhüttungsgebiet wurde das Metall entlang des Grabenbruchs nach Norden gebracht (Tell Dēr ʿAllā, Kinneret V, Dan VI waren nachweislich Kupferhandelsstationen) und durch den Negev von den dortigen Lokalnomaden über Tel Maśoś/Ḫirbet el-Mšāš nach Nordwesten zu den Philisterstädten transportiert (Martin / Finkelstein 2013). 1 E. Ben-Yosef, The Architectural Bias in Current Biblical Archaeology: VT 69 (2019) 361–387; E.A. Knauf, Genesis 36,1–43: Id., Data and Debates. Essays in the History and Culture of Israel and Its Neighbors in Antiquity [AOAT 407; Münster 2013] 587–595). Nomaden, auch die im Negev, wurde lange in der Archäologie wegen ihrer Le- bensweise in Zelten und ohne Architektur als archäologisch kaum sichtbar und ihre Gesellschaftsstruktur als simpel angesehen, nicht über Clans hinausge- hend. Das stimmt nicht immer, wie im Negev gezeigt werden konnte. Impulsge- ber für wirtschaftliche und – damit verbunden – gesellschaftliche Entwicklung war dort das Kupfer der ʿAraba, das zu komplexen gesellschaftlichen Strukturen und einem bedeutenden („non-dynastic“) Stammeskönigtum in Edom in der Früheisenzeit führte, das seine nomadische Lebensweise lange beibehielt. Die Möglichkeit und Fähigkeit von Nomaden, bei bestimmten Voraussetzungen komplexe Gesellschaftsformen zu entwickeln, sollte nicht mehr unterschätzt werden (Ben-Yosef 2019). Das zeigt die Langzeitperspektive auf die Kuperge- winnung in der ʿAraba: In Punon/Fēnān (ca. 20 km von Bosra) blühte Kupferin- dustrie im 8.–7. Jh. vC, für die Assyrer interessant, in Timna im Süden förderte ägyptisches Interesse den Kupferabbau schon im späten 14. bis Mitte 12. Jh. vC. Neueste Untersuchungen zeigen aber, dass die umfänglichste Kupferindustrie der ʿAraba nach Abzug der Ägypter blühte, ca. 1130 bis zur 2. Hälfte des 9. Jh. vC, begünstigt durch die Unterbrechung des Kupferhandels von Zypern her. Sie wurde – diesmal ohne den Hintergrund einer Großmacht – von einer „tribal, agro-pastoralist nomadic society“ betrieben, „centralized and hierarchical, and its social complexity was at a level that can be attributed to an early state“ (Ben- Yosef 2019, 365–367) mit Höhepunkt im 10. (Timna) und 10.–9. Jh. (Feinan). Die Elite dieser Stämmekoalition hatte Zugang zu Luxustextilien und importierten Die tribale Kupferindustrie der Bronze-Eisen-Zwischenzeit: die ʿArava | 71 Nahrungsmitteln, und der Kupferexport ist nicht nur bis Dan im Norden, son- dern bis Ägypten und Griechenland verfolgbar (Ben-Yosef 2019, 369f). Ben- Yosef vermutet hinter diesem Phänomen „Shasu of Edom“, „bevor ein König in Israel regierte“ (Gen 36,31–43; cf. aber E.A. Knauf 2013). Ein Prozess des Sess- haftwerdens erfolgte in Edom nach Ben-Yosef erst im 8. Jh. (2019, 372); manches erinnert an die späteren Nabatäer (Ben-Yosef 2019, 372–4). Im Zusammenhang mit diesen Bergbauinteressen sind die Kontakte Ägyp- tens mit Edom zu verstehen. Edomitische Shasu wurden sowohl Opfer von ägyptischen ‚präventiven Strafexpeditionen‘ (HTAT S. 190–191 Nr. 080-081; S. 193–194 Nr. 084) unter Ramses II. und III. als auch Empfänger ägyptischer Ent- wicklungs- und Katastrophenhilfe (HTAT S. 171–173 Nr. 067). Letzterer Text ist von den ‚Nomaden-Romantikern‘ unter den Historikern der Ursprünge Israels verschiedentlich so interpretiert worden, als hätten alle Shasu im 13. und 12. Jh., also auch jene aus den Bergen Judäas und Samarias, bei Hungersnöten ge- wohnheitsmäßig Ägypten aufgesucht. Dabei wird stillschweigend unterstellt, die Ägyptenaufenthalte Abrahams (Gen 12) und Jakobs mit seinen Söhnen (Gen 46) enthielten ‚historische Erinnerung‘, was nur insofern zutrifft, dass Ägypten im 1. Jahrtausend vC (wie schon im 2. Jahrtausend vC) Ziel von ‚Arbeitsmigran- ten‘ aus dem Hl. Land war, die aber in den seltensten Fällen nomadischen Be- rufs waren. Die schon bestehenden spezifischen ägyptisch-edomitischen Bezie- hungen, brachten in diesem Fall Edomiter auf die Idee, sich nach Ägypten zu wenden, und veranlassten die Ägypter, sie auch aufzunehmen. Pap. Harris I 78,1–5. Kurz vor 1153 vC. W. Erichsen, Papyrus Harris I (Bibliotheca Aegytiaca 5; 1933) 95. – Übersetzung nach B. Rothenberg, Die Archäologie des Verhüttungslagers Site 30: H.-G. Conrad / id. ed., Antikes Kupfer im Timna-Tal (Der Anschnitt Beih. 1; 1980) 187– 213, 212; A.R. Schulman: The Royal Butler Ramessesemperreʿ: JARCE 13 (1976) 117–130, 124. Ich entsandte meine Boten zum Land ʿAtika, zu den großen Kupferminen, die dort sind. Ihre (der Boten) Schiffe trugen sie. Andere, auf dem Landweg, saßen auf ihren Eseln … In den Minen fand man Überfluss an Kupfer. Es wurde zu Zehntausenden [Schekeln? Deben?] in ihre Schiffe geladen. Es wurde nach Ägypten expediert und kam sicher an. Über die Arbeitsteilung bei der Kupfergewinnung schweigt sich der Pharao aus (aber sie lässt sich aus den Resten der Verhüttungslager rekonstruieren). Es wird auch verunklart, dass alle seine ‚Gesandten‘ zuerst bis Elat zur See fahren und dann die ʿArava hinaufreiten mussten. Das ägyptische Deben hat 91 Gramm (≈10 Schekel). Die Kupferausbeute wurde also entweder in Tonnen oder, wahrscheinlicher, in Hunderten Kilogramm gemessen. Pap. Harris I 76,9–11. HTAT S. 193–194 Nr. 083. Ich [Ramses III.] vernichtete die Shasu-Sippen von Sëir, (10) ich plünderte ihre Zelte, Leute 72 | Die ägyptische Provinz Kanaan und das Ende der bronzezeitlichen Mittelmeerwelt und Besitztümer, gleicherweise ihr Vieh ohne Zahl. Sie wurden gefangengenommen und als Beute, als Abgabe nach Ägypten gebracht. Ich gab sie der (Götter-)Neunheit als Sklaven auf ihre (Tempel-)Güter. Und nun das Zuckerbrot zur Peitsche: Pap. Anastasi VI 54–58. 1204 (oder 1196) vC. HTAT S. 171–173 Nr. 067. Wir sind damit fertig, die Shasu-Sippen von (55) Edom die Festung des Merenptah lhg von Čeku passieren zu lassen (56) zu den Wasserstellen des Amuntempel(lande)s des Meren- ptah (57) von Čeku, um sie und ihr (Klein-)Vieh am Leben zu erhalten durch den großen Ka des Pharao lhg, die gute Sonne (58) eines jeden Landes; im Regierungsjahr 8 (während der Epagomenen), (Tag der) Geburt des Seth. Der Text ist auf den drittletzten Tag des ägyptischen Jahres datiert (G. Poettke: LÄ I, 1232). Den Namen ‚Mer-en-Ptah‘ führte auch Sethos II. (1203–1196), doch ist fraglich, ob dieser Herrscher ein 8. Regierungsjahr erlebt hat. Die Shasu von Edom waren keine ethnische oder politische Einheit: neben ägyptenfreundlichen wird es darunter auch ägyptenfeindliche Sippen gegeben haben, ‚akkulturationswillige‘ neben ‚Akkulturationsverweigerern‘. 1 P.M. Fischer, The Transjordanian Jordan Valley in the Late Bronze Age: under Egyptian control? A.M. Maeir / I. Shai / C. McKinny eds., The Late Bronze and Early Iron Ages of Southern Canaan (Archaeology of the Biblical World, 2; Berlin / Boston 2019) 217–232; D. Luria, Who Destroyed Canaanite Lachish? An Analysis of the Potential Suspects by the Occam’s Razor Approach: ZDPV 134 (2018) 151–162. Als letzte Pharaonen sind im Hl. Land Ramses IV. (1153–1146) in Lachisch und Ramses VI. (1142–1135) in Megiddo belegt. Während mit der Zerstörung von Lachisch VI (kaum durch Philister oder Ägypter oder eine andere Stadt, nach D. Luria [2018] eher durch eine gemeinsame Aktion einer konkurrierenden Stadt und einer [oder mehrerer] „military band[s]“) um 1130 die kanaanäische Kultur an diesem Ort abrupt endete und erst im 9. Jh. ein judäisches Dorf folgte (La- chisch V), bewohnten nach der Zerstörung von Megiddo VIIA die Überlebenden zuerst die Ruinen und hielten sich danach im Umland auf, um im 11. Jh. (Me- giddo VI) und noch einmal vom ausgehenden 10. Jh. bzw. frühen 9. Jh. (Megid- do VB) bis zur Mitte des 9. Jh. (Megiddo VA) ihre Stadt wieder aufleben zu las- sen. Östlich des Jordans kann man nicht von einem Rückzug Ägyptens spre- chen, denn dort war in der Spätbronzezeit der Einfluss ohnehin begrenzt. Wäh- rend der Südwesten Palästinas seit Pharao Ahmose, dem Begründer der 18. Dynastie und mit Höhepunkt durch Thutmose III. unter ägyptischer Kontrolle stand, scheint Ägypten im Land östlich des Jordans vor allem Wert auf freie (Handels-)Passage nach Norden gelegt zu haben, wo sich die Via Maris durch Die tribale Kupferindustrie der Bronze-Eisen-Zwischenzeit: die ʿArava | 73 die Jesreelebene zieht und bei Beth Schean südlich des Sees Genezareth mit dem „Königsweg“ verbindet, der von Süden aus der ʿAraba kommt und Rich- tung Damaskus nach Mesopotamien weiterführt. (Karte Fischer 2019, 228 Fig. 11.1). Einige pharaonische Stelen deuten auf ägyptische Anwesenheit und Aktivität im Zusammenhang mit Handel und dürften Hinweise auf Handelssta- tionen unter lokalen Häuptlingen sein, aber keine ägyptischen Herrschaftszei- chen. Keiner der von P.M. Fischer (2019) diesbezüglich untersuchten Orte (Pella, Tell Abu al-Kharaz, Tell Deir ʿAlla und Tell es-Saʿidiye) zeigt, dass das Ostjor- danland in der Spätbronzezeit unter direkter ägyptischer Herrschaft stand. 3 Die Stämme des zukünftigen Israel Das Hl. Land in der frühen Eisenzeit (1130–950/925 vC) Die Stämme des zukünftigen Israel 1 I. Koch, Settlements and Interactions in the Shephelah during the Late Second through Early First Millennia BCE: O. Lipschits / A.M. Maeir eds., The Shephelah during the Iron Age. Recent Archaeological Studies (Winona Lake, 2017) 181–207; E.A. Knauf, The Impact of the Late Bronze III Period on the Origins of Israel: L.L. Grabbe ed., The Land of Canaan in the Late Bronze Age (London / New York 2016) 125–132; A.M. Maeir / L.A. Hitchcock, „And the Canaanite was then in the Land“? A Critical View of the „Canaanite Enclave“ in Iron I Southern Canaan: I. Finkel- stein et al. eds., Alphabets, Texts and Artifacts in the Ancient Near East. Studies Presented to Benjamin Sass (Paris 2016) 209–226; R. Kletter, In the Footsteps of Bagira. Ethnicity, archae- ology and ‚Iron Age I ethnic Israel‘: Approaching Religion 4/2 (2014) 2–15; L.L. Grabbe, From Merneptah to Shoshenq: If we had only the Bible…: L.L. Grabbe ed., Israel in Transition. From the Late Bronze II to Iron IIa (c. 1250–850 B.C.E.) Vol. 2: The Texts (LHB. OTS 521 = ESHM 8; New York and London 2010) 62–129; W.G. Dever, Ethnicity and the archaeological record: the case of early Israel: D.R. Edwards / C.Th. McCollough eds., The archaeology of difference. Gender, ethnicity, class and the ‚other‘ in antiquity. Studies in honor of Eric M. Meyers (AASOR 60–61; Boston 2007) 49–66; R. Kletter, Can a Proto-Israelite Please Stand Up? Notes on the Ethnicity of Iron Age Israel and Judah: A.M. Maeir / P. de Miroschedji eds., „I Will Speak the Riddle of Ancient Times“. Archaeological and Historical Studies in Honor of Amihai Mazar on the Occa- sion of His Sixtieth Birthday. (Winona Lake 2006) 573–586; R.G. Kratz, Israel als Staat und Volk: ZThK 97 (2000) 1–17; Ch. Levin, Das vorstaatliche Israel: ZThK 97 (2000) 385–403; W.G. Dever, ‚Will the Real Israel Please Stand Up?‘ Archaeology and Israelite Historiography: Part I: BASOR 297 (1995) 61–80; Part II: Archaeology and the religions of ancient Israel: BASOR 298 (1995) 37–58. Was ‚Israel‘ war zwischen dem Untergang des ‚ersten Israel‘ vor 1208 (vgl. § 2.3) und der Gründung des Stämmestaates unter Saul ben Kisch am Anfang des 10. Jh. (vgl. § 4.2) ist zurzeit völlig unklar; möglicherweise nicht mehr als die Menge aller Bewohner des Berglandes, die neben anderen Göttern den aus der südost- kanaanäischen Steppe (oder nordwestarabischen) Wüste eingewanderten Gott JHWH verehrten. Ein eingewanderter Wüstengott, der ‚Herr der Strauße‘ ist im ikonographischen Befund nachweisbar (GGG S. 157–58 Nr. 162a–d; s.u. S. 106 aber als einer der kleineren Götter und noch weit entfernt von landesweiter Verbreitung. Ganz gewiss war das ‚vorstaatliche Israel‘ kein ‚Volk‘, es war kein ‚Stämmebund‘, und jene Stämme, die sich zwischen dem 11. und dem 9. Jh. in Galiläa, Samaria, Gilead und Judäa bildeten und später in der Bibel als ‚Stämme Israels‘ bezeichnet werden, hatten keine gemeinsame Sprache, keine gemein- same Religion (jedenfalls vor der Bildung der Königtümer) und keine stammes- https://doi.org/10.1515/9783110411683-004 Die Entstehung der Stämme Israels | 75 übergreifende Identität. ‫ עם יהוה‬ʿam YHWH (z.B. Ri 5,11.13) ist das ‚Kriegsvolk JHWHs‘, das kann eine Bande, ein Sippen- oder Stammesaufgebot gewesen sein. Später ist es der ‚Heerbann‘ des Königreichs Israel, der seinem Gott in dem Kampf folgt und das ebenso gut Dutzende, Hunderte oder Tausende von Män- nern umfassen kann. Alles, was sich sicher sagen lässt, ist, dass JHWH und damit eine Verehrer-Gruppe dieses Gottes präsent und attraktiv war, als Saul seine Herrschaft begründete. 3.1 Die Entstehung der Stämme Israels Grabbe, Ancient Israel (22017) 71–134; Finkelstein / Silberman (2001) 72–122; I. Finkelstein, 1 First Israel, Core Israel, United (Northern) Israel: NEA 82 (2019) 8–15; D. Ilan, The Conquest of the Highlands in the Iron Age I: A. Yasur-Landau et al. eds., The Social Archaeology of the Levant. From Prehistory to the Present (Cambridge 2019) 283–309; E.A. Knauf, The Impact of the Late Bronze III Period on the Origins of Israel: L.L. Grabbe ed., The Land of Canaan in the Late Bronze Age (London / New York 2016) 125–132; S.A. Rosen / G. Lehmann, Hat das bib- lische Israel einen nomadischen Ursprung? Die Welt des Orients 40 (2010) 160–189; W.G. Dever, Who Were the Early Israelites and Where Did They Come From (Grand Rapids / Cam- bridge 2003); D. Ilan, Northeastern Israel in the Iron Age I: Cultural, Socioeconomic and Politi- cal Perspectives (Diss. Phil. Tel Aviv 1999); I. Finkelstein, The Rise of Early Israel: Archaeology and Long-Term History: S. Ahituv / E. Oren eds., The Origins of Early Israel – Current Debate (Beer-Sheva Studies 12; London 1998) 7–39; D. Jericke, Die Landnahme im Negev. Protoisrael- itische Gruppen im Süden Palästinas. Eine archäologische und exegetische Studie (ADPV 20; Wiesbaden 1997); I. Finkelstein, Pots and People Revisited: Ethnic Boundaries in the Iron Age I: N.A. Silberman / D. Small eds., The Archaeology of Israel. Constructing the Past, Interpreting the Present (JSOT.S 237; Sheffield 1997) 216–237; B. Hesse / P. Wapnish, Can Pig Remains Be Used for Ethnic Diagnosis in the Ancient Near East? Ibid., 238–270; D.B. Small, Group Identifi- cation and Ethnicity in the Construction of the Early State of Israel. From the Outside Looking In: ibid., 271–288; Sh. Bunimovitz, Socio-Political Transformations in the Central Hill Country in the Late Bronze – Iron I Transition: I. Finkelstein / N. Naʾaman ed., From Nomadism to Mon- archy (Jerusalem 1994) 179–202; I. Finkelstein, The Emergence of Israel in Canaan: Consensus, Mainstream and Dispute: SJOT I (1991), 47–59; id., The Archaeology of the Israelite Settlement (Jerusalem 1988); B. Mershen / E.A. Knauf, From Gadara to Umm Qais: ZDPV 104 (1988) 128– 145. Die Stämme, die seit dem 10. Jh. die Königreiche Israel und Juda bilden sollten, sind in der Eisen-I-Zeit (1130–950/900) als Bauernstämme im vormals nicht sesshaft besiedelten Shasu-Land der Berge entstanden: innerhalb des Hl. Lan- des, aber außerhalb Kanaans. Trockenheit, Hunger und Instabilität, die am See Genezareth, aber auch in der genamten Levante zwischen 1250 und 1100 vC nachgewiesen wurde, sinkende Feuchtigkeit in der Steppe hatten die Routine 76 | Die Stämme des zukünftigen Israel des Weidewechsels der Hirten ruiniert (Finkelstein 2019). Das Leben von Hir- tennomaden hängt auch an der Fähigkeit der Sesshaften, Getreidesurplus zu erwirtschaften; das Absinken der Getreideproduktion nötigte Hirten im späten 13.–12. Jh. zum Niederlassen. Auch Gruppen aus verwüsteten Städten und ab- hängigen Dörfern siedelten im mehr geschützten Bergland. Die Klimakrise brachte eine Verschiebung von spezialisierter Ökonomie zu „more self- sufficient subsistence strategies“ (Finkelstein 2019, 9). Der Stamm ‚Efraim‘ hat seinen Namen vom ‚Gebirge Efraim‘ (‫)הר אפרים‬, in dem er entstand, der sich südlich anschließende und nach ihm entstandene Stamm orientierte sich an seinem älteren Bruder und nannte sich ‚Südleute‘, ‫ בני ימין‬Bǝne Yamin – oder wurde vom größeren Verband so genannt. Auch ‫ יהודה‬Yǝhuda ist primär ein Landschaftsname (vgl. arab. wahda mit der unge- fähren Bedeutung ‚zerklüftetes Gebirge‘). Aufgrund ihrer Namens unterschei- den sich solche ‚Territorialstämme‘ von ‚Personenverbandsstämmen‘, deren Name formal ein Personenname ist und auf die führende Sippe bei der Stämme- bildung zurückgehen kann (wie formal ‚Simeon‘ oder ‚Manasse‘, deren Namen sich bei genauerem Hinsehen jedoch als Pseudo-Personennamen herausstel- len). Der Prozess der Stämmebildung wird weithin mit der archäologisch nach- weisbaren Gründung von dörflichen Siedlungen im Bergland verbunden, wo es in der Spätbronzezeit so gut wie keine gab. Hier ist aber Vorsicht geboten. Dass sich Sippen (oder Banden, oder Sippen und Banden) zu Stämmen zusammen- schließen, ist ein politischer Entscheid, dass nichtsesshafte Bauern und Vieh- züchter sich niederlassen, ein wirtschaftlicher. Anders als es sich deutsche So- zialromantiker seit dem 19. Jahrhundert nC vorstellen, sind Nomaden nicht landhungrig (es sei denn, auf Weideland), sondern eher arbeitsscheu. Intensive Landwirtschaft erfordert nun einmal einen höheren Arbeitseinsatz als extensi- ve. Intensive Landwirtschaft – und damit Sesshaftigkeit – lohnt sich, wenn man Überschüsse produzieren will, setzt damit aber auch einen Markt voraus, wo diese abgesetzt werden können. Nicht von ungefähr wird bei genauer Betrach- tung deutlich, dass der Siedlungsprozess zwar in der frühen Eisenzeit einsetzt, aber erst in der Königszeit seinen Höhepunkt und Abschluss erreichte. Aus politischen Gründen (Untergang der Königreiche Israel und Juda) brach er ab, bevor er an die Grenze der verfügbaren Landreserven stieß: auch während der Blütezeit des Nordreichs Israel teilten sich die Israeliten ihr Land mit Löwen und Bären. Eine Erklärung der früheisenzeitlichen Siedlungstätigkeit durch ‚Bevölkerungsdruck‘ wegen der vielen Zuwanderer aus dem untergehenden Kanaan ist ausgeschlossen, es gab viel Land und wenig Menschen, um 1000 vC in den Stammesgebieten in Galiläa, Samaria und Gilead ca. 40.000, in Juda 2– Die Entstehung der Stämme Israels | 77 4.000 (nach I. Finkelstein). Sie hätten ihr Getreide für den Eigengebrauch auch weiter als Zeltbewohner anbauen können. Wir schlagen darum vor, den langsamen und kleindimensionalen Beginn des Siedlungsprozesses mit der Durchsetzung der Pax Aegyptiaca auf dem Ge- birge 1225–1150 zu verbinden. Die ägyptischen Militärstationen boten unter- nehmerisch denkenden Einheimischen Schutz und einen minimalen Markt. Wegen dieser kleinräumigen Marktfunktion konnten sie den Abzug der Ägypter überleben, Stammesgesellschaften huldigen zwar häufig dem Ideal der Autar- kie, aber sie erreichen es nie vollständig. Für dieses Modell spricht die Analogie der Urbanisierung Mitteleuropas, die von den ‚Eingeborenen-Vorstädten‘ der römischen Militärlager im Westen ausging: Utrecht (Traiectum), Nijmegen (Op- pidum Batavorum – Noviomagus), Xanten (Castra vetera – Colonia Ulpia Traia- na), Neuss (Novaesium), Köln (Colonia Claudia Ara Agrippinensis), Koblenz (Ad confluentem), Mainz (Castrum Mogontiacum), Basel (Basilea), Kaiseraugst (Au- gusta Rhaetorum), Zürich (Turicum). Dörfer, die im Hl. Land am Anfang des 11. Jh. die Funktion der weithin nicht mehr vorhandenen Städte übernehmen muss- ten, werden in Zeiten wirtschaftlichen Aufschwungs weitere Dörfern als Satelli- ten gründen, deren Flur zuvor nichtsesshaft bewirtschaftet worden war (vgl. das Beispiel von Gadara/Umm Qēs im 19. und 20. Jh. nC). Stämmebildung erfolgt hingegen in der vor-staatlichen/nicht-urbanen Peri- pherie, wenn sich im staatlichen/urbanen Zentrum mehrpolige Machtstruktu- ren herausbilden (monopolare Machtverhältnisse führen in der Peripherie hin- gegen zur Fragmentierung, man vergleiche die Hunderte von safaitischen ‚Stämmen‘ in einem kleinen Teil Arabiens zur Blüte der Römerherrschaft im 2. Jh. nC mit den Stammeskönigtümern der Ġassāniden und der Laḫmiden im Spannungsfeld zwischen Byzanz und den Sāsāniden im 6. Jh. nC. Mit anderen Worten: der Beginn des Stämmebildung der späteren Israeliten setzt das ‚Canaanite revival‘ seit der Mitte des 11. Jh. voraus mit den Polen Philistäa (für Samaria und Judä), Phönizien (für Galiläa) und die Kupferproduktions- und Distributionszone ‚Grabenbruch‘ (Jordantal und ʿArava). Von den Verbindun- gen zwischen Küste und Grabenbruch (Bucht von Bet-Schean und Jesreel- Ebene, den Pass von Sichem und das benjaminitische Plateau) kontrollierten die Stämme die beiden südlichsten (vgl. S. 31 Abb. 4). Das ‚neue Kanaan‘ der Eisen-IC- und IIA-Zeit unterschied sich vom ‚alten‘ der Spätbronzezeit durch das demographische und politische Gewicht, das nun der Berglandbevölkerung zukam. Es gab wieder etwas zu verteilen, und darum lohnte es sich jetzt, die Kosten und Mühen politisch/militärischer Organisation auf sich zu nehmen. Der Schritt ‚vom Stamm zum Staat‘ war mit dem weiteren wirtschaftlichen Aufschwung des 10. und 9. Jh. unvermeidlich; die Alternative wäre Fragmentie- 78 | Die Stämme des zukünftigen Israel rung gewesen. Schon jetzt ist aber darauf hinzuweisen, dass ‚Stamm‘ und ‚Staat‘ im Orient bis heute keine Alternativen darstellen, so als würde ‚Stamm‘ augenblicklich aufhören, sobald sich ein Häuptling als König deklariert. ‚Staat‘ ist in dieser Weltgegend etwas, was zum ‚Stamm‘ hinzukommt und diesen über- lagert. Schwächelt der Staat oder wird er eliminiert, tritt sofort wieder der Stamm zutage. Noch der urbane Hellenist Paulus wusste, dass er von Benjamin abstammte (Röm 11,1; Phil 3,5), nicht von Juda. Darum können biblische Texte, deren ‚Erinnerungshorizont‘ nicht hinter das 10. Jh. zurückgeht (abgesehen von Exodus und Mose-Namen) überhaupt zur Rekonstruktion der früheisenzeitli- chen Stammesgesellschaft herangezogen werden. Die Sammlungen von ‚Stam- messprüchen‘ in Gen 49,3–27 und Dtn 33,6–29 gehen auf den Schulbetrieb an den Palastschulen von Samaria und Jerusalem zurück (zB Gen 49,21; Dtn 33,22 in die Zeit Jerobeams II.), setzen in ihrer jetzigen Form aber die abgeschlossene Hexateuch-Erzählung voraus (zB Gen 49,5–7). Die z.T. leidenschaftlich diskutierte Frage, ob die Proto-Israeliten des 11. Jh. – und dann die Israeliten und Judäer seit dem 10. Jh. – aus den Shasu oder den ʿApiru hervorgingen (vgl. § 2.1), ist kaum relevant zum Verständnis der Ge- schichte Israels und Judas, der Bibel und des Judentums. ‚Ursprünge‘ verleihen einem ‚Volk‘ nur im Ursprungsromantizismus des 19. Jh. nC einen character indelebilis (und ein ‚Volk‘ wird Israel noch für einige Jahrhunderte nicht sein). Es ist plausibel, dass die Stämme sowohl aus Shasu wie ʿApiru hervorgingen, wobei den ʿApiru als dem weniger von Großfamilie und Tradition geprägtem Element wahrscheinlich die Pionierrolle zukam. Zentrale Großdörfer mit ‚ka- naanäischem‘ Keramikrepertoire (und einer Oberschicht, die über ‚Tafelge- schirr‘ verfügte) waren von Satelliten umgeben (wie Giloh), deren Bewohner vorzugsweise Viehzucht trieben (sippeninterne Arbeitsteilung). Dort findet sich an Keramik nur das ‚Unterschichtsrepertoire‘ an Vorratskrügen (für die Grund- nahrungsmittel Weizen, Wein und Olivenöl) und Kochtöpfen aus denen auch gegessen wurde. Jakobs Frauen hießen ‫ לאה‬Lea („Kuh“; Rinderzucht ist im Nahen Osten immer ein Indiz für Ackerbau) und ‫ רחל‬Rachel („Mutterschaf“). Die Herkunftsfrage ist wie die Frage danach, was beim ‚Exodus‘ nun genau geschah, darum weitgehend irrelevant, weil die Identität Israels, wie sie in Tho- ra und Propheten definiert wurde, von den Erfahrungen der jüngeren Vergan- genheit und der Auseinandersetzung mit ihnen weit stärker geprägt ist als von der ferneren Vergangenheit. Das ‚Urerlebnis‘ von Exodus und Landgabe hat nur deshalb Tradition bilden können, weil es durch die Bedrohungen, schließlich den Untergang von Israel und Juda ständig aktualisiert und transformiert wur- de. Wenn ‚f‘ der Impakt eines Jahrhunderts auf die biblische Traditionsbildung Die Entstehung der Stämme Israels | 79 ist und ‚-n‘ ein Jahrhundert vC, dann gilt: f(–5) > f(–6) > f(–7) > f(–8) > f(–9) > f(– 10) > f(–11) > f(–12) > f(–13). R. Smend, Albrecht Alt: id., Kritiker und Exegeten. Porträtskizzen zu vier Jahrhunderten alttes- 1 tamentlicher Wissenschaft (Göttingen 2017) 648–677; S.A. Rosen/ G. Lehmann, Hat das bibli- sche Israel einen nomadischen Ursprung?: Die Welt des Orients 40 (2010) 160–189; A.M. Bagg, Interaktionsformen zwischen Nomaden und Sesshaften in Palästina: Die Welt des Orients 40 (2010) 190–215; K. Lamprecht, Alternative zu Ranke. Schriften zur Geschichtstheorie (ed. H. Schleier; Leipzig 1988); N.P. Lemche, Early Israel. Anthropological and Historical Studies on the Israelite Society Before the Monarchy (SVT 37; Leiden 1985); M. Weippert, Die Landnahme der israelitischen Stämme in der neueren wissenschaftlichen Diskussion (FRLANT 92; Göttin- gen 1967). Die Diskussion um die sogenannte ‚Landnahme der israelitischen Stämme‘ drehte sich im 20 Jh. nC weitgehend um drei Modelle, die sämtlich mit den der- zeitigen Datensätzen und der sozialanthropologischen Theoriebildung unver- einbar sind. Sie sind alle drei gute Beispiele, wie man die Synthese von archäo- logischen und epigraphischen Befund und narrativer Tradition nicht betreiben kann. Schon der Begriff ‚Landnahme‘ ist falsch: er basiert auf einer falschen Analogie zur falsch verstandenen ‚Völkerwanderung‘ in der Spätantike. Die Bibel kennt keine Landnahme Israels, sondern eine göttliche Landgabe an die Stämme und Familien Israels. Die Shasu und ʿApiru des 16.–12. Jh. haben kein Territorium ‚genommen‘, das jemand anderes gleichzeitig beanspruchte, es war genug Land für alle da. Nach dem Eroberungsmodell (W.F. Albright) wanderten die Stämme Israels geschlossen aus der Wüste ein und eroberten das Land, wie in Jos 1–12 geschil- dert. Nun ist aber evident, dass sich die Stämme erst im Land gebildet haben (s.o.), und die spätbronzezeitlichen Zerstörungshorizonte verteilen sich über einen weit größeren Zeitraum als die 5 Jahre von Jos 14,7–10; sie fehlen bei den beiden Städten, deren Zerstörung in Jos 6 und 8 ausführlich geschildert wird (Jericho und Ai); und die Zerstörer haben selten ihre Fingerabdrücke hinterlas- sen. Vor allem aber herrschte in der ‚Bibelarchäologie‘ von Albright und seinen Schülern die Überzeugung, dass jeder Brandschicht eine Eroberung entspricht. Diese Grundannahme ist falsch: die meisten Brände der Weltgeschichte brachen wegen Erdbeben aus oder der Unachtsamkeit eines Bäckers oder Töpfers. In einem besonders krassen Fall (Dan VII) wurde die Aschenschicht, die aus dem Abbrennen der inzwischen nachgewachsenen Macchia durch die Neusiedler von Dan VI herrührte, als ‚Zerstörungsschicht‘ der kanaanäischen Stadt be- trachtet – die hingegen schlicht verlassen wurde und dann 50–100 Jahre brach- lag. Das Infiltrationsmodell (A. Alt) beruht auf der richtungsweisenden Be- 80 | Die Stämme des zukünftigen Israel obachtung, dass sich die Stämme des zukünftigen Israel in Gebieten bildeten, in denen es 1600–1100 vC abgesehen von Sichem und Jerusalem keine kanaanäi- schen Städte gab. Alt verdankte die Sensibilisierung für die makrohistorische Perspektive (la longue durée) möglicherweise dem Leipziger Historiker Karl Lamprecht (†1915), der auch Lehrer und Inspirator von M. Bloch und F. Braudel war. Er bringt dann allerdings Nomaden aus dem Ostjordanland (wegen Jos 1– 5?) durch eine falsche Auffassung von ‚Transhumanz‘ (vgl. § 1.5.3.1) in die unbe- siedelten Berge des Westjordanlandes – aber die von Alt postulierten Wande- rungsbewegungen sind viehzuchttechnisch unmöglich. Dass die ‚Vorfahren Israels‘ überhaupt ‚Nomaden‘ gewesen sein sollen, beruht auf einem historisti- schen Missverständnis von Väter- und Exodus-Geschichte (Rosen / Lehmann 2010) und dem inzwischen widerlegten Irrtum, alle Menschen semitischer Sprache seien der arabischen Wüste entsprungen. Im Hebräischen (wie im Phönizischen) leben aber die Dialekte des Kanaanäischen der 2. Hälfte des 2. Jahrtausends fort. Während Alt die ʿApiru bei seiner Modellbildung ignoriert, basiert das Re- volutionsmodell (G. Mendenhall; N. Gottwald) auf ihnen. Die Vorfahren der Israeliten waren danach kanaanäische Untertanen-Bauern, die sich im Namen JHWHs sowie von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit gegen ihre Feudalher- ren erhoben und einen antifeudalen ‚Bund‘ bildeten. Dieses Modell ist anachro- nistisch. Endergebnisse der biblischen Traditionsbildung werden ursprungsmy- thisch in die Anfänge zurückprojiziert. Die Shasu bleiben in diesem Modell unberücksichtigt. Gegenüber diesen überholten Modellen geht die gegenwärti- ge Forschung von möglichst kleinräumigen und evolutionären Ansätzen aus: Israel ist in Kanaan entstanden und aus Kanaan ‚gekommen‘. Antiken Men- schen ging es in erster Linie ums Überleben. So etwas wie ‚Freiheitsrhetorik‘ findet sich in der biblischen Tradition erst seit dem 6. Jh., besonders virulent in Texten des 2. Jh. vC bis 2. Jh. nC, die im TNK keine Aufnahme fanden (vgl. Tob 1,14; Jud 6,18, 1Esdras 4,49.53; Röm 8,21; 1Kor 10,29; 2Kor 3,17; Gal 2,4; 4,31; 5,13; Jak 1,25; 2,12; 1Petr 2,16.19 –alle Stellen nach der lateinischen Bibel). 1 A. Tobolowsky, The Sons of Jacob and the Sons of Herakles. The History of the Tribal System and the Organization of Biblical Identity (Tübingen 2017); H.M. Niemann, Juda und Jerusalem. Überlegungen zum Verhältnis von Stadt und Stamm und zur Rolle Jerusalems in Juda: UF 47 (2016) 147–190; I. Finkelstein, The Old Jephtah Tale in Judges: Geographical and Historical Considerations: Biblica 97 (2016) 1–15; A. Faust / H. Katz, A Canaanite Town, a Judahite Center, and a Persian Period Fort: Excavating Over Two Thousand Years of History at Tel ʿEton: NEA 78 (2015) 88–102; E.A. Knauf, Josua (ZBK-AT 6; Zürich 2008); Z. Gal, Die Besiedlung des unteren Galiläa und der Ränder der Jesreelebene durch israelitische Stämme im Licht archäologischer Quellen: ThQ 186 (2006) 80–95; E. Gass, Das Gebirge Manasse zwischen Bronze- und Eisen- zeit: ThQ 186 (2006) 96–117; J. Kamlah, Das Ostjordanland im Zeitalter der Entstehung Israels: ThQ 186 (2006) 118–133; G. Lehmann / H.M. Niemann, Klanstruktur und charismatische Herr- Die Entstehung der Stämme Israels | 81 schaft: Juda und Jerusalem 1200–900 v. Chr.: ThQ 186 (2006) 134–159; E. van der Steen, Tribes and Territories in Transition (Louvain 2004); A. Faust, Ethnic Complexity in Northern Israel during the Iron Age II: PEQ 132 (2000) 2–27; C. Levin, Dina: Wenn die Schrift wider sich selbst lautet: R.G. Kratz / Th. Krüger / K. Schmid eds., Schriftauslegung in der Schrift (FS O.H. Steck = BZAW 300; Berlin etc. 2000) 61–72; H.M. Niemann, Zorah, Eshtaol, Beth Shemesh and Dan’s Migration to the South: A Region and its Traditions in the late Bronze and Iron Ages: JSOT 86 (1999) 25–48; E.A. Knauf, Kinneret and Naftali: A. Lemaire / M. Sæbø eds., Congress Volume Oslo 1998 (VT.S 80; Leiden 2000) 219–233; U. Schorn, Ruben und das System der zwölf Stäm- me Israels (BZAW 248; Berlin etc. 1997); C. Levin, Das System der zwölf Stämme Israels: J.A. Emerton ed., Congress Volume Paris 1992 (VT.S 61; Leiden 1995) 163–178; I. Finkelstein / N. Naʾaman eds., From Nomadism to Monarchy. Archaeological and Historical Aspects of Early Israel (Jerusalem 1994); E. Lipińsky, The Territory of Tyre and the Tribe of Asher: id. ed., Phoe- nicia and the Bible (OLA 44; Leuven 1991) 153–166; E.A. Knauf, Eglon and Ophrah. Two Topo- nymic Notes on the Book of Judges: JSOT 51 (1991) 25–44; I. Finkelstein, The Archaeology of the Israelite Settlement (Jerusalem 1988); A. Lemaire, Inscriptions hébraïques I: Les ostraca (LAPO; Paris 1977) 283–9 [zu Asriël]; M. Wüst, Untersuchungen zu den siedlungsgeographischen Texten des Alten Testaments I. Ostjordanland (BTAVO B 9; Wiesbaden 1975). Das ‚System der zwölf Stämme Israels‘ ist eine geschichtstheologische Kon- struktion frühestens der Zeit Jerobeams II., wahrscheinlich aber der spätvorexi- lisch-exilischen (Tobolowsky 2017) oder nachexilischen Zeit (Levin 1995). Die Zwölfzahl entstand, als Juda zu den 10 Stämmen Israels (Ri. 5; 1 Kön 11,30–32) hinzugezählt wurde. Die zugrundeliegende Arithmetik (10 + 1 + x = 12) verrät sich durch die doppelte Auflösung des ‚x‘: entweder wird der ‚Priesterstamm‘ Levi mitgezählt und dann Efraim und Manasse zum ‚Haus Josef‘ zusammenge- fasst (etwa Gen 35,23–26; 49,2–27; Jos 17,17; 18,5), oder Levi entfällt, dann zäh- len Efraim und Manasse getrennt (etwa Gen 48,5; Num 1,4–16). Eine feste Rei- henfolge der Stämmenamen gibt es ebenfalls nicht. Addiert man alle belegten Stämmenamen (wie Machir und Gilead in Ri 5, wo dafür Manasse fehlt), sind es mehr als zwölf, aber es haben nie zwölf davon gleichzeitig existiert. Im 11. Jh. bestand ‚Israel‘ aus den Verehrern des Gottes JHWH. Für welche Sippen oder Stämme das zutraf (oder ob überhaupt für einen Stamm zur Gänze), wissen wir nicht. Der Prozess der Stämmebildung ist für die einzelnen Territorien getrennt zu betrachten: Galiläa, das Ostjordanland, Samaria, Judäa. 82 | Die Stämme des zukünftigen Israel Tyros GESCHUR Kinneret Megiddo Tell Der ʿAlla AMMONITER Benjamin Asdod EKRON Jerusalem MOABITER GAT Gaza KALEB JERACHMEEL KENITER   Abb. 8: Die Stämme Israels um 975 vC. (zur Zeit König Sauls); Efraim = Stamm Israels; KALEB = (noch) nicht Israel (nach E.A. Knauf, Richter [Zürcher Bibelkommentare AT 7; Zürich 2016] 27). Die Entstehung der Stämme Israels | 83 Tyros ARAM DA MASK US ARAM BET MAACHA GESCHUR Kinneret Megiddo Tell Der ʿAlla AMMONITER Asdod Jerusalem EKRON GAT Gaza AMALEK   Abb. 9: Die Stämme Israels um 950 vC. (zur Zeit der Könige Eschbaal in Israel und David in Juda); Gilead = Stamm Israels; GAD = (noch) nicht Israel (nach E.A. Knauf, Richter [Zürcher Bibelkommentare AT 7; Zürich 2016] 28). 84 | Die Stämme des zukünftigen Israel ARAM ZOBA Tyros Dan ARAM BET MAACHA Kinneret Megiddo Tell Der ʿAlla Gilead AMMON Benjamin Asdod Jerusalem GAT Gad Gaza MOAB   Abb. 10: Die Stämme Israels um 850 vC. (unter den Omriden); Naftali = Stamm Israels; Geschur = nicht Israel (nach E.A. Knauf, Richter [Zürcher Bibelkommentare AT 7; Zürich 2016] 29). Die Entstehung der Stämme Israels | 85 Tyros Dan Halb- Manasse? Kinneret Megiddo Tell Der ʿAlla Benjamin Asdod Jerusalem Gaza Simeon ARABER   Abb. 11: Die Stämme Israels um 750 vC. (unter Jerobeam II.); Dan = Stamm/Provinz Israels; AMMON = nicht Israel (nach E.A. Knauf, Richter [Zürcher Bibelkommentare AT 7; Zürich 2016] 30). 86 | Die Stämme des zukünftigen Israel In Galiläa sind ‫ זבולון‬Sebulon (Untergaliläa) und ‫ נפתלי‬Naftali (Obergaliläa) ‚alte‘ Namen. Beides sind eher Territorial- als Personenverbandsstämme (vgl. zu ‚Naftali‘ die aramäische √ PTL ‚flechten‘ – der Name könnte sich auf die ‚in sich verflochtene‘ Macchia vor der Besiedlung beziehen; wenn –on in ‚Sebulon‘ Lokal-Affix ist, bezeichnet es das ‚fürstliche‘, reiche Land). ‫ דן‬Dan war vielleicht nie etwas anderes als eine (aramäische) Stadt, die durch das Verwaltungssys- tem Jerobeams II. in die ‚historische Geographie Israels‘ und damit unter die Söhne Jakobs geriet und in Ri 1,34f; 17–18 eine Ätiologie erhielt. ‫ יששכר‬Issachar (ein ʿApiru-Stamm: ‚Lohnarbeiter‘) wurde nicht vor dem 10/9. Jh. konstituiert: er umfasst die kanaanäische Bevölkerung der Jesreel-Ebene unter israelitischer Herrschaft. ‫ אשר‬Ascher ist ein ‚Geisterstamm‘. In Jos 19,24–31 gehört zu diesem ‚Stamm‘ das phönizische Hinterland von Tyrus, das möglicherweise unter Jero- beam II. unter israelitscher Herrschaft stand. Gen 49,13 weist dieses Territorium Sebulon zu. Ungelöst ist zurzeit die Frage, wo und wann in Galiläa die Sprach- grenze zwischen Aramäisch und Kanaanäisch (Phönizisch/Hebräisch) verlief. Die in Galiläa zwischen dem 10. und 8. Jh. gefundenen Inschriften sind phöni- zisch (hauptsächlich im Westen) und Aramäisch (hauptsächlich im Osten). Hebräische (israelitische) Siegel und Ostraka gibt es nur aus dem 8. Jh. (Jerobe- am II). Im Stammesspruch über Naftali Gen 49,21 liest man ‫ אמרי שפר‬besser nicht hebräisch als ʾimre šáfer ‚schöne Worte‘, sondern aramäisch als ʾimmǝrē šappīr ‚schöne Lämmer‘. Im Ostjordanland finden wir die Stämme ‫ גלעד‬Gilead (Landschaftsname, Stammesname in Ri 5,17) und ‫ מכיר‬Machir (Personenverband, Ri 5,14, dort al- lerdings zwischen Efraim und Sebulon genannt; dem Namen nach ‚der Verkauf- te‘), der später (im 9.–8. Jh oder 5. Jh.?) zu Sohn und Enkel von Manasse werden wird (Num 26,29; 27,1; 32,39–40; 36,1). Gilead ist wieder ein Landschaftsname. Daneben siedelten in Gilead efraimitische / manassitische (Jos 17,1.14–18?) und benjaminitische (1 Chr 8,6f?) Sippen. Südlich von Gilead, am nördlichen moabi- tischen Gebirgsabfall, ist der Stamm ‫ ראובן‬Ruben zu vermuten (Num 32,37–38; Ri 5,15f), der als besonders alt galt (Erstgeborener Jakobs), wohl weil er nach dem 10. Jh. nicht mehr nachweisbar ist. ‫ גד‬Gad (zwischen dem Gebirgsabfall und dem Arnon; Num 32,34–36) kam erst im 9. Jh. unter Omri zu Israel und wurde von dem Diboniter bzw. Moabiterkönig Mešaʿ (§ 5.3) ‚heimgeholt‘; Gad könnte Ruben im gleichen Territorium abgelöst haben. Die Aufteilung des israe- litischen Ostjordanlandes unter ‚Ruben, Gad und Halbmanasse‘ in Jos 13 und die dortigen Stammesgrenzen sind reine historisch- geographische Phantasie der Perserzeit (M. Wüst). Im zentralen Bergland (Samaria) ist der Primärstamm ‫ אפרים‬Efraim, der seinen Namen von dem Gebirge hat (‚Aschenberge‘ – eine Erinnerung an Brand- Die Entstehung der Stämme Israels | 87 rodung?). Da Merneptahs Israel im gleichen Gebiet zu suchen ist, setzt die Stammesbildung von Efraim das Verschwinden dieses ersten Israel voraus. Ein Rest von Merenptahs Israel hat wohl als Sippe ‫ אשראל‬Aśriël Jos 17,2 (erst in Efraim und schließlich) in Manasse Aufnahme gefunden (A. Lemaire). Von Ef- raim hat sich ‫( מנשה‬Mǝnašše) Manasse abgespalten (formal ein Personenver- band, doch könnte ‚Der vergessen macht‘ auch auf den Bruch mit Efraim deu- ten, wahrscheinlich während der ‚Bürgerkriege‘ zwischen Baascha und Omri, cf. 1 Kön 16,21). Jedenfalls besiedelt Manasse den größten Teil des Gebirges Efraim. Südlich von Efraim hat sich ‫ בנימין‬Benjamin gebildet; der Name, ‚Sohn des Südens‘, setzt Efraim als ‚Orientierungsstamm‘ voraus – und dass das südli- chere Juda zur Zeit der Entstehung des Namens noch nicht existierte. Um 850 vC teilen sich das Gebirge Efraim drei Stämme: Efraim, Manasse und Benjamin. Die Anlehnung Benjamins an Efraim hinsichtlich der Namensform lässt möglich erscheinen, dass die Tradition von Jakob als gemeinsamer Ahnherr der Stämme auf dem samarischen Gebirge schon im 11. Jh. aufkam, doch die galiläischen und judäischen Stämme können damals noch nicht als ‚Jakobssöhne‘ gegolten haben. Die Erzählungen von der Geburt der Söhne Jakobs (Gen 29,31–30,24; 35,16–20 sind erst perserzeitlich. Die Söhne Rachels (Josef und Benjamin) bilden den Kern der Tradition, Lea (Ruben, Simeon, Levi, Juda, Issachar und Sebulon) fasst die Nachbarschaft des Gebirges Efraim zusammen (bis und mit Untergali- läa), die Konkubinen Bilha (Dan, Naftali) und Silpa (Gad, Ascher) teilen den Rest Galiläas und des Ostjordanlandes unter sich auf. In Judäa finden wir um 1000 vC verschiedene Clans, aber keinen Stamm des Namens ‫ יהודה‬Juda. Eine Sippe Efrat(a) nördlich und südlich (Bethlehem- Efrata, Mi 5,1) von Jerusalem, aus der der Dynastie-Gründer David stammte, gewann durch diesen König großes Gewicht. Das führte vermutlich dazu, dass davidische Ideologen bzw. Theologen die Clans des Gebirges Juda (‫ הר יהודה‬har Yǝhudah) unter diesem Territorial-Namen als (Stammes-)Staat des Gründer- Königs David zusammenbinden wollten (Niemann 2016). In Hebron, dem Zent- ralort Judas, saßen Kalibbiter, weiter südlich, in den Negev hinein, Otnieliter, Jerachmeeliter und Keniter. Hebrons Name ‫ קרית ארבע‬Qiryat ‚Arba‘ ‚Vierstadt‘ (Jos 14,15; 15,13) könnte andeuten, dass Hebron in vor-, früh- und selbst in nachdavidi- scher Zeit das Zentrum von vier Sippen oder Kleinstämmen war und blieb. Das wür- de heißen, dass in monarchischer Zeit der ‚Stamm‘ Juda kein traditioneller Stamm, sondern ein ideologisches Gebilde des Jerusalemer Hofes war. Im Falle Judas fallen ‚Stammesbildung‘ und ‚anfängliche Staatenbildung‘ zusammen. Seit dem 8./7. Jh. ließen sich am Südrand Judas Angehörige arabischer Stämme nieder, die später (nach dem 6. Jh. und aufgrund des nunmehrigen Ahnen aller Araber ‫ ישמעאל‬Isma- el) im Pseudo-Stamm ‫ שמעון‬Simeon zusammengefasst wurden (Jos 19,1–9). 88 | Die Stämme des zukünftigen Israel 3.2 Das Leben der Stämme 1 D. Ilan, The Conquest of the Highlands in the Iron Age I: A. Yasur-Landau et al. eds., The Social Archaeology of the Levant. From Prehistory to the Present (Cambridge 2019) 283–309; P. Guil- laume, Poor by Necessity or by Choice? Ancient Israelite Egalitarianism: L.L. Grabbe ed., The Land of Canaan in the Late Bronze Age (LHB.OTS 636; London etc. 2016) 102–111; R. Kletter, Land Tenure, Ideology and the Emergence of Ancient Israel: A Conversation with Philippe Guillaume: ibid. 112–4; E.A. Knauf, The Impact of the Late Bronze III Period on the Origins of Israel: ibid., 125–132; Y. Gadot et al., The Formation of Terraced Landscapes in the Judaean Highlands in Israel, and its Implications for Biblical Agricultural History: HeBAI 5 (2016) 437– 455; I. Finkelstein, Historical-Geogaphical Observations on the Ehud-Eglon Tale in Judges: id., C. Robin and T. Römer eds., Alphabets, Texts and Artifacts in the Ancient Near East. Studies presented to Benjamin Sass (Paris 2016) 100–108; I. Finkelstein, The Old Jephthah Tale in Judges: Geographical and Historical Considerations: Biblica 97 (2016) 1–15; L. Sapir-Hen et al., Environmental and Historical Impacts on Long Term Animal Economy: The Southern Levant in the Late Bronze and Iron Ages: JESHO 57 (2014) 703–744; C. Meyers, Recovering Eve. Ancient Israelite Women in Context (New York 2013); Ph. Guillaume, Land, Credit and Crisis: Agrarian Finance in the Hebrew Bible (Sheffield 2012); A. Sasson, Animal Husbandry in Ancient Israel. 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Stämme trachten in der Regel nach Autarkie; sie vereinigen Sippen, die verschiedene Ökozonen bewirtschaften (Wald, Savanne, Steppe, Seeufer) und integrieren sich Spezialisten (z.B. Schmiede, aber auch Priester) als Klienten (‫ גרים‬gerim, bibeldeutsch ‚Fremdlinge‘). Statt von ‚Stämmen‘ kann man ebenso gut von (einfachen) Häuptlingstümern sprechen. Die Institution des Häuptlings ist ein politisches Amt, aber kein Beruf: er wird für seine Führungsrolle, die er zusam- men mit den Sippenhäuptern und aufgrund der freiwilligen Zustimmung der 90 | Die Stämme des zukünftigen Israel ‚Stammesbrüder‘ ausübt, nicht bezahlt. Die ständigen Palaver erfordern ein großes Maß an Gastfreundschaft. Nur ein reicher Mann kann es sich leisten, Häuptling zu werden. Erst im Staat leben Menschen davon, das Leben ihrer Mitmenschen zu organisieren und zu verwalten. Die tribale Klassengesellschaft gliedert sich in vier Schichten: die Stammes- aristokratie der Sippenhäupter und Häuptlingsfamilien, die Stammesbrüder, die Klienten und die Sklaven (vgl. Ex 21,18–32). Im frühen Staat (oder komplexen Häuptlingstum) kamen der König (Oberhäuptling) mit Gefolge (die berufsmäßig Machtausübenden) als fünfte Schicht hinzu. Die soziale Stratifikation zeichnet sich auch in der Siedlungsstruktur ab: Großdörfer mit ihren Satelliten zeigen die Sippen an, als Häuptlingssitz bildet sich ein Zentralort 1. Ordnung heraus, der in der Geschichte des Stammes ‚wandern‘ kann. Als letztlich freiwillige politi- sche Zusammenschlüsse von Sippen können Stämme stark fluktuieren, sich fortwährend spalten und vereinigen. Die Stammesaristokratie, die ‫חוקקים‬ ‫ מתנדבים בעם‬ḥoqǝqim mitnaddǝvim ba-ʿam ‚die Regeln-Macher, die sich im Stammesaufgebot durch besonderen Einsatz hervortun‘ Ri 5,9) stellte die Häuptlinge, hebräisch ‫ נשיא‬naśiʾ Ex 22,27 u.ö. ‚Exzellenz, Hochwohlgeboren‘ (heute ‚Staatspräsident‘, bibeldeutsch oft ‚Fürst‘), häufiger ‫ שפט‬šofeṭ ‚Herr- scher‘ (in deutschen Bibeln ‚Richter‘, was das Wort vor dem 6./5. Jh. vC nicht bedeutete). Sie können sich Esel leisten, um darauf zu reiten, und Teppiche, um darauf zu sitzen (Ri 5,10). Da der Esel außer seiner Transportleistung nichts zu bieten hatte, war er ein ausgesprochener Luxus. Als Häuptlinge sind sie auf die immer wieder einzuholende Zustimmung ihrer Stammesgenossen angewiesen – zumindest die der Sippenhäupter (realitätsvernebelnd sprechen manche Sozio- logen im Gefolge Max Webers hier von ‚charismatischer Herrschaft‘). Als Be- zeichnung für den ‚Oberhäuptling‘ eines komplexen Häuptlingstums kommt ‫ נגיד‬nagid in Frage. Das Wort ist für eine führende Rolle in frühen Staat von Saul (1 Sam 9,16) bis Baascha (1 Kön 16,2) verwendet, dann archaisierend für Hiskija (2 Kön 20,5) und in den Hinteren Propheten, nachexilisch ‚Tempelaufseher‘ Neh 11,11 u.ö. Die Stammesbrüder haben Rechte am sippeneigenen Grundbesitz und Sitz und Stimme in der Stammesversammlung, die mit dem Aufgebot (‘Heerbann’: ‫ עם‬ʿam, erst später ‚Volk‘) identisch ist. In Dtn 1–28 redet Moses zum ʿam Isra- els, dem Heerbann, der Speer bei Fuß am Jordanufer steht, um im Gelobten Land einzumarschieren; Frauen und Kinder gehören explizit nicht zum ʿam (Dtn 3,19; 29,11). Die Stammesbrüder gelten untereinander wie gegenüber der Stammesaristokratie als Gleiche (‫ אח‬ʾaḥ ‚Bruder‘ oder ‫ רעה‬reʿe ‚Freund, Gefähr- te‘, bibeldeutsch ‚Nächster‘; das Gebot der ‚Nächstenliebe‘ Lev 19,18 ist nichts weiter als die Aufforderung zur Stammessolidarität, ‫ אהבת ישראל‬ʾahăvat Das Leben der Stämme | 91 Yiśraʾel). Die ‚Bruderschaft‘ innerhalb des Stammes ist fiktiv, daher instabil, und muss genährt werden. Die Bruderschaft innerhalb der Sippe ist real, inso- fern das Ideal der Sippen-Endogamie gilt (im 19./20. Jh. nC zu 80% eingehalten; G. Lehmann 2004), insbesondere die ‚Parallel-Cousinen-Heirat‘, die Ehe mit der ‫ בת עם‬bat ʿam ‚Tochter des Onkels väterlicherseits‘, vgl. Gen 24; 29–30; unter ultra-orthodoxen Juden und Arabern in der südlichen Levante ist sie bis heute verbreitet (A. Nippa 1991). Die Klienten (‫ גר‬ger, ungleich ‫ נכרי‬noḵri ‚Fremder, Ausländer‘) sind persön- lich freie Angehörige des Stammes ohne Grundbesitzrecht, Stimmrecht und Wehrdienstpflicht. Ein ger ist gewöhnlich ein Israelit aus einer anderen Sippe oder einem anderen Stamm, oder ein Handwerker, etwa Schmied, der wegen seiner Spezialkenntnisse gebraucht wird. Die Leviten (wohl ‚Gefolgsleute‘, näm- lich JHWHs) gelten als gerim (Num 18,19- 24; Dtn 10,9; 12,12; 14,27.29; 18,1) und bilden gleichzeitig einen ‚Priesterstamm‘. Die Sklaven (‫ עבד‬ʿéved, bibeldeutsch ‚Knecht‘) unterstehen wie die Frauen und Kinder der Autorität des pater famili- ae. Sie sind Kriegsgefangene oder verelendete Stammesgenossen (ʿApiru – ʿivri). In letzterem Fall sind sie ‚Sklaven auf Zeit‘ (Ex 21,2–6). Sklaven haben die glei- chen Rechte und Pflichten wie die anderen Familienangehörigen unter dem Hausherrn (Ex 20,20; Dtn 5,14; 12,18); sie erben (wie die Töchter) allerdings nichts, sondern werden vererbt. Männliche Sklaven werden ebenfalls beschnit- ten (Gen 17,12–13) und damit Israeliten. Aufgrund der Familienmitgliedschaft kann ein ʿéved je nach dem Stand seines Herren einen hohen gesellschaftlichen Rang einnehmen, zum Beispiel ein ‫ עבד המלך‬ʿéved ha-méleḵ ‚Sklave des Kö- nigs‘ hochrangiger ‚Minister‘ sein. Zu Großhandel mit und Export von Sklaven kam es erst in persischer Zeit, als die Athener industrielle Massen- Sklavenhaltung den entsprechenden Markt bereitstellten. Nur im Fall der Klienten kann man von Ansätzen gesellschaftlicher Arbeits- teilung reden. Sonst herrscht Arbeitsteilung nach Gender und Generationen. Der ältesten Frau untersteht die Produktion ‚im Haus‘ (Nahrungsaufbereitung und –zubereitung, Textilproduktion, Töpferei, Flechtarbeiten, Geschichten- Erzählen), dem Mann die ‚Produktion außer Haus‘ (Pflügen, Säen, Jagen, Fi- schen, Holzschlagen). Die älteren Menschen arbeiten im Zentrum (Dorf, Gärten, Felder), die jüngeren Menschen beider Geschlechter in der Peripherie (bei den Herden, vgl. Gen 31,12ff; Ri 5,16). Bei der Ernte arbeitet aber mit, was laufen kann; sie ist eine Fest- und Ausnahmezeit (Rut 2; Jes 9,2; 16,10). Der Boden ist Eigentum der Sippe, d.h. des Dorfes, und wird unter den Familien nach Kopf- zahl der Arbeiter, die sie stellen, aufgeteilt. Abgesehen von der Bodenqualität und dem Wetter, die der Mensch nicht oder kaum manipulieren kann, hängt der Ertrag ausschließlich von der verfügbaren Arbeitskraft ab. Die Verteilung ist 92 | Die Stämme des zukünftigen Israel kein Nullsummenspiel, Reserven an urbar zu machendem Land sind reichlich vorhanden. Die Kolonisation lässt sich im Bergland mit kollektivem Arbeitsein- satz zwischen Ernte und Aussaat effizienter vorantreiben als wenn jede Familie für sich wirtschaftet. Allerdings deuten neuere Forschungen darauf hin, dass der arbeitsintensive (kollektive) Terrassenbau in der Levante zwar eine lange Geschichte hat, freilich im zentralpalästinischen Bergland nicht, wie bisher angenommen, ein wesentlicher Faktor der früheisenzeitlichen Besiedlung des Berglandes war, sondern erst in persisch-hellenistischer Zeit in großem Ausmaß geschah. Freilich ist seit dem 8. Jh. vC eine deutliche, ebenfalls kollektive An- strengungen erfordernde Intensivierung der Landwirtschaft im Bergland an- hand von Fels-Weinpressen außerhalb von Siedlungen, Anlagen zur künstli- chen Bewässerung von Feldern und Gärten und Herstellung von Felstunneln zum Wassersammeln festzustellen (Y. Gadot et al. 2016). 3.3 Philister, Teukrer und Phönizier 1 A.M. Maeir, Iron Age I Philistines. Entangled Identities in a Transformative Period: A. Yasur- Landau et al. eds., The Social Archaeology of the Levant. From Prehistory to the Present (Cam- bridge 2019) 301–323; A.M. Maeir et al., Technological Insights on Philistine Culture: Perspec- tives from Tell es-Safi/Gath: Journal of Eastern Mediterranean Archaeology and Heritage Stud- ies 7,1 (2019) 76–118; A.M. Maeir, Philistine Gath after 20 Years: Regional Perspectives on the Iron Age at Tell es-Safi/Gath: O. Lipschits / A.M. Maeir eds., The Shephelah during the Iron Age: Recent Archaeological Studies (Winona Lake, In 2017) 133–154; P.M. Fischer / T. Bürge eds., „Sea Peoples“ Up-To-Date. New Research on Transformations in the Eastern Mediterra- nean in the 13th–11th Centuries BCE (Contributions to the Chronology of the Eastern Mediterra- nean, Vol. XXXV = ÖAW, Denkschriften der Gesamtakademie, Band LXXXI; Wien 2017); A.M. Maeir / L.A. Hitchcock, Rethinking the Philistines: A 2017 Perspective: O. Lipschits et al. eds., Rethinking Israel. Studies in the History and Archaeology of Ancient Israel in Honor of Israel Finkelstein (Winona Lake, In. 2017) 247–266; Id. / Id., The Appearance, Formation and Trans- formation of Philistine Culture: New Perspectives and New Finds: F.M. Fischer / T. Bürge eds., „Sea Peoples“ Up-To-Date. New Research on Transformations in the Eastern Mediterranean in the 13th–11th Centuries BCE (Contributions to the Chronology of the Eastern Mediterranean, Vol. XXXV = ÖAW, Denkschriften der Gesamtakademie, Band LXXXI; Wien 2017a) 149–162; A. Gilboa / I. Sharon, Fluctuations in Levantine Maritime Foci across the Late Bronze/Iron Age Transition: Charting the Role of the Sharon-Carmel (Tjeker) Coast in the Rise of the Iron Age: ibid., 285– 298; L.A. Hitchcock / A.M. Maeir, A Pirate’s Life for Me: The Maritime Culture of the Sea Peo- ples: PEQ 148 (2016) 245–264; A.M. Maeir / L.A. Hitchcock, „And the Canaanite was then in the Land“? A Critical View of the „Canaanite Enclave“ in Iron I Southern Canaan: I. Finkelstein et al. eds., Alphabets, Texts and Artifacts in the Ancient Near East. Studies Presented to Benjamin Sass (Paris 2016c) 209–226; S. Frumin et al., Studying Ancient Anthropogenic Impacts on Current Floral Biodiversity in the Southern Levant as reflected by the Philistine Migration: Science Report 5, 13308 (2015) [doi: 10.1038/srep13308]; D. Ussishkin, Gath, Lachish and Philister, Teukrer und Phönizier | 93 Jerusalem in the 9th Cent. B.C.E. – an Archaeological Reassessment: ZDPV 131 (2015) 129–149; B. Davis / A.M. Maeir / L.A. Hitchcock, Disentangling Entangled Objects: Iron Age Inscriptions from Philistia as a Reflection of Cultural Processes: IEJ 65 (2015) 140–166; A.M. Maeir / E. Eshel, Four Short Alphabetic Inscriptions from Late Iron Age IIa Tell es-Safi/Gath and their Implications for the Development of Literacy in Iron Age Philistia and Environs: E. Eshel / Y. Yadin eds., „See I will bring a scroll recounting what befell me“ (Ps 40:8). Epigraphy and Daily Life from the Bible to the Talmud Dedicated to the Memory of Professor Hanan Eshel (JAJ.Suppl. 12; Göttingen 2014) 69–88; J. R. Spencer / R. A. Mullins / A. J. Brody eds., Material Culture Matters: Essays on the Archaeology of the Southern Levant in Honor of Seymour Gitin (Winona Lake 2014); A. E. Killebrew / G. Lehmann eds., The Philistines and Other "Sea Peoples" in Text and Archaeology (Archaeology and Biblical Studies 15. Atlanta 2013); P.M. Fischer / T. Bürge, Cultural Influences of the Sea Peoples in Transjordan: ZDPV 129 (2013) 132–170; A.M. Maeir / L.A. Hitchcock / L. Kolska-Horwitz, On the Constitution and Transformation of Philistine Identi- ty: Oxford Journal of Archaeology 32 (2013) 1–38; E. Stern, The Material Culture of the Northern Sea Peoples in Israel (Studies in the Archaeology and History of the Levant 5; Winona Lake 2013); A.M. Maeir ed., Tell es-Safi/Gath I: The 1996–2005 Seasons. Volume 1: Text. Volume 2: Plates (ÄAT 69; Wiesbaden 2012); D. Elkowicz, Tempel und Kultplätze der Philister und der Völker des Ostjordanlandes. Eine Untersuchung zur Bau- und zur Kultgeschichte während der Eisenzeit I-II (AOAT 378; Münster 2012); I. Shai, Philistia and the Philistines in the Iron Age IIA: ZDPV 127 (2011) 119–134; A.M. Maeir, Insights on the Philistine Culture and Related Issues: An Overview of 15 Years of Work at Tell es-Safi/Gath: G. Galil et al. eds., The Ancient Near East in the 12th–10th Centuries BCE. Culture and History. Proceedings of the International Conference held at the University of Haifa, 2–5 May, 2010 (AOAT 392; Münster 2012) 345–404; A. Yasur- Landau, The Philistines and Aegean Migration at the End of the Late Bronze Age (Cambridge 2010); S. Gitin, Philistines in the Book of Kings: A. Lemaire / B. Halpern eds., The Book of Kings. 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Gilboa, Frag- menting the Sea Peoples, with an emphasis on Cyprus, Syria and Egypt: a Tel Dor Perspective: Scripta Mediterranea 27/28 (2006–7) 209–244; dies., Sea peoples and Phoenicians along the southern Phoenician coast – A reconciliation: An interpretation of Šikila (SKL) material culture: 94 | Die Stämme des zukünftigen Israel BASOR 337 (2005) 47–78; H.M. Niemann, Pentapolis: RGG4 VI (2003) 167–68; E.D. Oren ed., The Sea Peoples and Their World: A Reassessment (UMSS 108; Philadelphia 2003); R. Byrne, Philistine Semitics and Dynastic History at Ekron: UF 34 (2002) 1–23; G. Lehmann, Phoenicians in Western Galilee: A. Mazar ed., Studies in the Archaeology of the Iron Age in Israel and Jordan (JSOT.S 331; Sheffield 2001) 65–112; S. Gitin / A. Mazar / E. Stern, Mediterranean Peoples in Transition: Thirteenth to Tenth Centuries BCE (Jerusalem 1998); I. Finkelstein, The Philistine Countryside: IEJ 46 (1996) 225–242; I. Singer, Egyptians, Canaanites, and Philistines in the Period of the Emergence of Israel: I. Finkelstein / N. Naʾaman ed., From Nomadism to Monarchy (Jerusalem 1994) 282–338; A. A. Bauer, Cities of the Sea: Maritime Trade and the Origin of Philistine Settlement in the Early Iron Age Southern Levant: Oxford Journal of Archaeology 17 (1998) 149–168. Nach dem Zusammenbruch der ägyptischen Herrschaft 1150–30 vC überlebte kanaanäische Rest-Urbanität in den fünf Philisterstädten Aschkelon, Aschdod, Gaza, Ekron und Gat (die aber keinen Städtebund bildeten, H.M. Niemann 2003) und in Phönizien. Gat hatte andere Koch- und dann wohl auch Ess-Sitten als Ekron. Die Philister waren kein ‚Volk‘, sondern ein auf der ‚Wanderschaft‘ im Ost-Mittelmeerraum immer wieder neu zusammengesetzter Interessenverband aus verschiedenen Ethnien, Gruppen und Banden mit verschiedenen geogra- phischen, kulturellen und soziopolitischen Hintergründen (Hitchcock and Ma- eir 2016; Maeir / Hitchcock 2017); Maeir 2017; Maeir 2019; Maeir et al., 2019). Überdies assimilierten sie sich erst allmählich, viel langsamer als früher ange- nommen, nicht bereits bis zum Ende der Eisenzeit IIA an die kanaanäische Be- völkerung, Sprache und Kultur; dies alles macht es schwer, einen Ort als phi- listäisch oder nichtphilistäisch zu bezeichnen (Maeir / Hitchcock 2017a; Maeir et al. 2019). Ihre entstehende („entangled“) Misch-Kultur an der südlichen Levan- teküste mit Technologie und Elementen verschiedener ostmediterranen Her- kunftsgebiete kann man als „lokallevantinisch-kanaanäisch“ bezeichnen wie auch die frühisraelitische Kultur lokallevantinisch-kanaanäisch war (Maeir 2017, 136f; Maeir et al. 2019). Philistäa übte mangels Konkurrenten die wirt- schaftliche Vormacht in Palästina aus (Bevölkerung im 10. Jh. nach I. Finkel- stein: ca. 36.000, gegenüber ca. 40.000 in Galiläa und Samaria zusammen). Da durch den Zusammenbruch des Seehandels kein Kupfer mehr aus Zypern kam (diesen Handel kontrollierten die Phönizier), verlagerte sich das wirtschaftliche Zentrum des Landes nach Süden aufgrund der ʿArava-Kupferindustrie. Entlang der Kupferhandelsstraßen kam es Ende des 11. Jh. im Grabenbruch (Jordantal) und entlang der Handelswege zur Küste zu einem Canaanite Revival (vgl. 4.0.1). An eine effiziente Beherrschung des Stämme-Gebietes durch die beiden land- einwärts gelegenen Philisterstädte Ekron und Gat war aber nicht zu denken. Herrschaftsausübung im Alten wie gar nicht so alten Orient dient in erster Linie der Bereicherung der Herrschenden, und in den Bergen war einstweilen nichts Philister, Teukrer und Phönizier | 95 zu holen (anders im 10./9. Jh., vgl. Ri 5,30). Die intensive archäologische Tätig- keit im Philistergebiet hat übrigens wenig Evidenz von „warfare-related materi- al in the Iron I Philistine culture“ (Maeir 2017, 137; cf. Hitchcock / Maeir 2016c) ans Licht gebracht – entgegen dem überwiegend kriegerischen Bild, das die sich von den Philistern scharf abgrenzende Bibel von den Philistern zeichnet. Die Philisterkeramik dominierte den Markt für Luxusware (Ersatz für die ägäi- schen Importe, die nicht mehr kamen); anhand ihrer Verbreitung lässt sich das philistäische Zentrum (hohe Konzentration) von der philistäischen Peripherie unterscheiden (gelegentliche Funde). In der phönizischen Hafenstadt Dor hatte sich eine andere Gruppe der Seevölker niedergelassen, die Teukrer (äg. čkr), die sich bald an die Phönizier assimilier- ten. Ihre materielle Kultur ist uneinheitlich. In Phönizien hatte die Stadtkultur den spätbronzezeitlichen Zusammenbruch überlebt. Dor war die südlichste phönizische Stadt (Gilboa / Sharon 2017). Auch die Phönizier strebten nie zu einer territorialen (oder gar ‚nationalen‘) Einheit, die einzelnen Stadtstaaten handelten auf eigene Rechnung und Gefahr. Sie identifizierten sich als Bürger ihrer Heimatstadt; bei Homer gibt es noch keine ΦΟΙΝΙΚΕΣ, sondern nur ‚Sido- nier‘. Erst nach dem Untergang Karthagos im 3. Römisch-Punischen Krieg 149- 146 vC dachten die ethnischen Punier in den römischen Provinzen Africa und Numidia an ihr Heimatland und nannten sich ‚Kanaanäer‘. Da es im Augenblick nichts zu handeln gab bzw. Philister und Teukrer sie nach Kräften daran hinder- ten (vgl. den Reisebericht des Unamun), auch die alte Partnerschaft mit Ägyp- ten gerade nicht viel wert war, waren die Phönizier ohne größeren Einfluss, aber sie hatten überlebt – und würden wiederkommen (vgl. Abb. 12C). Ägypten war machtlos, relativ arm und mit sich selbst beschäftigt. Handelsbeziehungen zur philistäischen und phönizischen Küste wurden notdürftig aufrechterhalten, doch mit großen Schwierigkeiten. 96 | Die Stämme des zukünftigen Israel Abb. 12 A–D: Zentren und Peripherien in der Geschichte des Hl. Lands. (A) Um 1100 und wieder unter neubabylonischer Herrschaft im 6 Jh. ist das Land sozusagen ‚zentrumslos‘, die Wirt- schaft befindet sich auf einem Tiefpunkt. (B) Im ausgehenden 11. und 10. Jh. (und wieder im 7. Jh.) ist Philistäa das Zentrum, Juda und Benjamin liegen in der Peripherie, Nord-Israel im Nir- gendwo. (C) Im 9./8. Jh. verschiebt sich das Wirtschaftszentrum nach Phönizien, Israel gerät in die Peripherie (‚2. Welt‘), Juda ins Nirgendwo (‚3. Welt‘). (D) In persischer, hellenistischer und römischer Zeit (wie im 15.–12. Jh.) ist die ganze Küste Zentrum, das ganze Bergland Peripherie. Philister, Teukrer und Phönizier | 97 Aus dem Reisebericht des Unamun. 2. Hälfte 10. Jh. vC. A.H. Gardiner, Late Egyptian Stories (Bibliotheca Aegyptiaca 1; 1932) 61–76; E. Blumenthal, Altägyptische Reiseerzählungen (Leipzig 1982) 27–40 (hier benutzt); E. Edel: TGI3 S. 41–48 Nr. 17; HTAT S. 214–223 Nr. 100; Cf. D.B. Redford: LÄ II (1977) 1129–33; W. Helck: LÄ VI (1986) 1215–17; B. U. Schipper, Die Erzählung des Wenamun. Ein Literaturwerk im Span- nungsfeld von Politik, Geschichte und Religion (OBO 209; Fribourg und Göttingen 2005). Das Werk entstand unter Šošenq I., aber unter Benutzung von Quellen (einem Reisehand- buch?) der 1. Hälfte des 11. Jh. Unamun wird von Theben nach Byblos geschickt, um Zedern- holz für den Bau der Gottesbarke des Amun-Reʿ zu besorgen. (1,1) Jahr 5 [des Hohenpriesters Herihor, der nach 1089 sein Amt antrat] / Sommermonat IV / Tag 16: der Tag, an dem Unamun, Ältester der Halle vom Tempel des Amun-Re (1,2) … (von Theben) abreiste, um das Bauholz für die große herrliche Barke des Götterkönigs Amun-Reʿ … (1,3) zu holen … (1,6) Ich blieb bis zum IV. Sommermonat in Tanis. Dann sandten mich Smendes [Lokalherrscher von Tanis, ab 1070 erster Pharao der 21. Dynastie] (1,7) und Tent- Amun [seine Ko-Regentin] zusammen mit dem Kapitän Manqabat [kanaanäisch ‚Hammer‘; die Hochseeschiffahrt Ägyptens lag immer noch oder wieder in phönizischer Hand] aus. Ich zog zum (1,7) Großen Syrischen Meer [dem Mittelmeer] hinab im I. Sommermonat, Tag 1, und gelangte nach Dor, einer Hafenstadt der (1,8) Čeker. Beder, ihr Fürst, ließ mir 50 Brote, einen Krug Wein (1,9) und eine Rinderkeule bringen. Der Proviant gilt dem Schiff. Es ist zu befürchten, dass Unamun und der Kapitän der Mann- schaft vom Wein und dem Fleisch nicht allzuviel abgegeben haben. Denn einer der Matro- sen desertiert und erleichtert Unamun um die Reisekasse. Unamun fordert vom Fürsten von Dor Schadenersatz: (1,13) „Ich bin in deinem Hafen bestohlen worden. Du aber bist der Fürst des Landes, du bist (1,14) also auch sein Richter. Suche mein Silber! Dieses Silber aber gehört dem Götterkönig (1,15) Amun-Reʿ, dem Herrn der Länder, es gehört dem Smendes, es gehört dem Herihor, meinem Herrn, und den anderen (1,16) Großen Ägyptens. Es gehört auch dir [für die Hafen- und Verpflegungskosten], und es gehört dem Weret [ein Seevölkername?], es gehört dem Mikmar [semitisch; zwei Herren von Anlegeplätzen auf dem Weg nach Byblos?], und es ge- hört dem Zakir-Baʿal (1,17), dem Fürsten von Byblos“. Er sagte zu mir: „Meinst du es ernst, oder machst du Spaß? Schau her, ich weiß (1,18) nichts von dieser Angelegenheit, von der du zu mir sprichst. Wenn der Dieb, der (1,19) in dein Schiff gestiegen ist und dein Silber ge- stohlen hat, zu meinem Land gehörte, so würde ich es dir aus meinem Vorratshaus erset- zen, bis man (1,20) deinen Dieb, welchen Namen er auch immer trägt, gefunden hat. Der Dieb aber, der dich bestohlen hat, gehört zu dir, und er gehört zu (1,20) deinem Schiff. Blei- be einige Tage hier bei mir, dass ich ihn suche“. Wodurch der desertierte Matrose erst recht einen Vorsprung bekommt. Unamun reist über Tyrus weiter und hält sich an einem anderen Schiff gütlich: (1,30) Ich fand 30 Deben Silber darin [2,7 kg] und nahm sie. [Ich sagte zu den Eigentümern: „Ich habe] (1,31) euer Silber [nicht gestohlen], sondern es liegt nur bei mir, bis ihr den Dieb 98 | Die Stämme des zukünftigen Israel findet, (1,32) der es gestohlen hat. (Ihr) habt es zwar nicht gestohlen, aber ich werde es trotzdem nehmen …“. Unterdessen kampiert Unamun im Hafen von Byblos. 29 Tage lang fordert ihn der Fürst von Byblos auf, sein Land zu verlassen, bis etwas geschieht: (1,38) Als er nun einmal seinen Göttern opferte, da ergriff der Gott einen von seinen (1,39) Sehern und ließ ihn rasen. Er sagte zu ihm (dem Fürsten): „Bring [den] Gott nach oben! [Un- amun führt ein transportables Bild des Amun mit sich.] Bring auch den Boten, der ihn bei sich hat! (1,40) Es ist Amun, der ihn gesandt hat. Er ist es, der ihn hat kommen lassen.“ Unamun wird endlich empfangen. Zakir-Baʿal, der Fürst von Byblos, ist anfangs weiterhin unbeeindruckt und halsstarrig: (1,58) „Sind nicht 20 Handelsschiffe (1,59) hier in meinem Hafen, die in Handelsverbindun- gen mit Smendes stehen? Was aber dieses Sidon anbelangt, (2,1) an dem du vorbeigekom- men bist, sind dort nicht weitere 50 Schiffe, die in Handelsbeziehung (2,2) mit Werekter [ein Seevölkername (?) und vielleicht ein Herrscher von Aschkelon, Aschdod oder Gaza?] stehen und zu seinem Haus ziehen? … (2,3) Mit was für einen Auftrag bist du gekommen?“ Ich sagte zu ihm: „Wegen des Bauholzes (2,4) für die Große Herrliche Barke des Götterkönigs Amun- Reʿ bin ich gekommen. Was dein Vater getan und (2,5) der Vater deines Vaters getan hat, das wirst auch du tun“. … „Sie haben es wahrhaftig getan. (2,6) Wenn du mir etwas dafür gibst, dass ich es tue, so will ich es auch tun …“ (2,8) Er ließ die Tagebücher [Annalen] sei- ner Väter holen und (2,9) ließ sie mir vorlesen [in ägyptischer Übersetzung!]. Es wurden insgesamt 1.000 Deben Silber [90 kg] in seinem Buch [als der übliche Preis?] gefunden. [Unamum hat 2,7 kg bei sich]. Der Fürst weigert sich, ohne Bezahlung Holz zu liefern: „(2,11) … Waren es etwa (2,12) Geschenke, die er [der damalige Herrscher Ägyptens] meinem Vater übersandt hat? Was aber mich, mich selbst, betrifft: Bin ich etwa dein (2,13) Vasall? Oder bin ich etwa der Vasall dessen, der dich gesandt hat? Wenn ich zum (2,14) Libanon rufe, so öffnet sich der Himmel [= die Bergstämme, oder ein Wolkenbruch mit Erdrutsch?], und das Holz liegt hier am Ufer des Meeres … (2,19) Sieh, am Himmel donnert Amun [der Phönizier sagte sicher ‚El‘], (aber erst,) nachdem er Seth [also Baʿal-Hadad] neben sich ge- setzt hat. Denn alle Länder hat (2,20) Amun gegründet, (aber erst,) nachdem er zuvor das Land Ägypten, aus dem du gekommen bist, gegründet hat, hat er sie (2,21) gegründet. Von ihm [Amun? Ägypten?] ist die Kunstfertigkeit ausgegangen bis zu dem Ort, wo ich bin [= „warum kommst du mit leeren Händen?“]. Von ihm ist die Gelehrsamkeit ausgegangen (2,22) bis zu dem Ort, wo ich bin [= „warum verhandelst du, wenn du nicht bezahlen kannst?“] … „[Unamun entgegnet:]“… (2,23) Es gibt keine Barke auf dem Fluss, (2,24) die nicht dem Amun gehört. Sein ist das Meer, und sein ist auch der Libanon, von dem du sagst: Mir gehört er. … (2,29) Du aber stellst dich hin, um wegen des Libanon mit Amun, seinem Herrn, zu handeln! Was aber deine Worte betrifft: ‚Die früheren Könige haben Silber und Gold bringen lassen‘ – wenn sie Leben und Gesundheit zur Verfügung gehabt hätten, so hätten sie diese Güter nicht bringen lassen. (2,30) Als Ersatz für Leben und Gesundheit ha- ben sie diese Güter deinen Vätern geschickt! Der Götterkönig Amun-Reʿ aber ist der (2,31) Philister, Teukrer und Phönizier | 99 Herr über das Leben und die Gesundheit. Er war auch der Herr deiner Väter, und sie haben ihr Leben lang dem Amun (2,32) geopfert. Auch du, du bist ein Vasall des Amun. Wenn du sagst: ‚(Ich) will es tun, (ich) will es tun, für Amun!‘, und erledigst seinen (2,33) Auftrag, so wirst du leben und heil und gesund sein und segensreich für dein ganzes Land und deine Leute. Begehre nicht (2,34) für dich das Eigentum des Götter(königs) Amun! Wahrlich, ein Löwe liebt seinen Besitz …“ Trotz dieser eindrücklichen Rede über die Weltherrschaft Amuns und der Vorteile, die aus ihrer Anerkennung erwachsen – literarisch der Kern und Höhepunkt der Erzählung – tritt Unamun nun in Korrespondenz mit Smendes und Tent-Amun und bestellt als Kaufpreis für das Zedernholz u.a. Gold und Silber in Form von Gefäßen, Kleider, Leinen, Seile, 20 Sack Linsen und 30 Körbe Fische. (2,42) Da freute sich der Fürst und beordete (2,43) 300 Mann und 300 Ochsen und setzte Aufseher an ihre Spitze, um das Holz fällen zu lassen. Sie fällten es, und es blieb die Wachs- tumszeit über dort (2,44) liegen. Sie fällten es, und es blieb den Frühling über dort liegen. Aber im 3. Sommermonat wurde es an die Küste des Meeres geschleppt … Es kommt noch einmal zu einem Wortwechsel zwischen dem Fürsten von Byblos und Un- amun, in dem auch einige seiner noch unglücklicheren Vorgänger erwähnt werden, die nach einem 17 Jahre währenden, offenbar ergebnislosen Aufenthalt in Byblos schließlich dort starben. Aber Unamun hat nun ein anderes Problem: (2,62) Ich ging zur Küste des Meeres, dorthin, wo das Holz lag, und erblickte 11 Schiffe, (2,63) die vom Meer gekommen waren. Sie gehörten den Čekern [also Dor] und hatten den Auftrag: „Sperrt ihn ein und lasst kein Schiff (2,64) mit ihm nach dem Land Ägypten!“ Der Fürst von Byblos tröstet den verzweifelten Unamun durch reichlich Wein, einen Hammel und eine ägyptische Sängerin. (2,70) Als der Morgen (2,71) gekommen war, ließ er seine Ratsversammlung rufen, stellte sich in ihre Mitte und sagte zu den Čekern: „Was sollen eure Reisen?“ (2,72) Sie sagten zu ihm: „Hinter den elenden Schiffen, die du mit unseren Feinden nach Ägypten sendest, sind wir her“. (2,73) Er sagte zu ihnen: „Ich kann den Boten des Amun nicht innerhalb meines Landes einsperren. Lasst mich ihn wegsenden und verfolgt ihn, (2,74) um ihn einzusper- ren“. Er verlud mich und sandte mich dort zum Hafen des Meeres. Der Sturm trieb mich zum Lande (2,75) Alaschia [Zypern]. Da kamen die Bewohner der Stadt zu mir heraus, um mich zu töten. Ich drängte mich zwischen ihnen durch bis dorthin, wo Hetibe, (2,76) die Fürstin der Stadt, war. Ich fand sie, wie sie aus ihrem einen Haus herauskam und im Begriff war, in ihr anderes einzutreten. Es findet sich selbst auf Zypern noch eine Person, die Ägyptisch versteht, so dass Unamun seine Gründe darlegen kann, warum es vernünftig wäre, ihn am Leben zu lassen: (2,80) „Wenn das Meer tobt und der Sturm mich in das Land verschlägt, in dem du bist, (2,81) wirst du zulassen, dass man mich aufnimmt, um mich zu töten, der ich ein Bote des Amun bin? Sieh, schau her, ich – ich werde gesucht werden (2,82) bis zum Ende der Tage. 100 | Die Stämme des zukünftigen Israel Aber diese Mannschaft des Fürsten von Byblos, die man zu töten versucht – wird nicht ihr Herr zehn Mannschaften (2,83) von dir finden und sie seinerseits töten?“ Die Fürstin kann sich dieser Logik nicht entziehen. Der Rest der Erzählung, die mit der glücklichen Heimkehr Unamuns geendet haben wird, ist verloren. Es handelt sich um einen literarischen Text, keinen ‚Tatsachenbericht‘, wie die chaotische und unrealistische Chro- nologie anzeigt (im ägyptischen Jahr wurden die Monate nach Winter/Überschwemmungs- zeit I-IV, Frühling/Wachstumszeit I-IV und Sommer/Hitzezeit I-IV gezählt). Die chronologi- schen Diskrepanzen können aber auch andeuten, dass verschiedene Erlebnisse verschiedener Gesandtschaften nach Byblos darin verarbeitet wurden. Als ‚Reisehandbuch‘ diente die Quelle des Textes der ägyptischen Beamtenausbildung. Die angehenden Ge- sandten erfuhren daraus, mit welchen Gefahren sie rechnen mussten, welches Verhalten in diesen Situationen angemessen sei und mit welchen Institutionen sie in welcher Sprache zu verhandeln hatten. Auch wenn diese Geschichte so nicht geschehen ist, zeigt sie doch, wovon man in der Welt des Verfassers glaubte, dass es geschehen könne. Die sozial- und wirtschaftsgeschichtlichen Aussagen sind also durchaus ernst zu nehmen. Danach bestand weiter eine regelmäßige Küstenschifffahrt zwischen Ägypten und Byblos (20 Schiffe), eine Verbindung zwischen Alaschia und Byblos (10 Schiffe), aber eine bedeutendere Route zwi- schen Byblos und Philistäa (50 Schiffe). Vor allem machten die Teukrer die Schifffahrtswe- ge weiter unsicher (11 Schiffe). Religion und Literatur in der Eisen-I-Zeit | 101 3.4 Religion und Literatur in der Eisen-I-Zeit GGG S. 124–138; 141–146; 157–174; – I. Koch, Late Iron Age I Southwestern Canaanite Multi- 1 Facet Stamp-Amulets: Innovative Imagery and Interpreted Egyptian Heritage I. Shai et al. eds., Tell it in Gath. Studies in the History and Archaeology of Israel. Essays in Honor of Aren M. Maeir on the Occasion of his Sixtieth Birthday (ÄAT 90; Münster 2018) 632–652; J. van Oorschot and M. Witte eds., The Origins of Yahwism (BZAW 484; Berlin/Boston 2017; I. Finkel- stein / O. Lipschits, Geographical and Historical Observations on the old North Israelite Gideon tale in Judges: ZAW 129 (2017) 1–18; E.A. Knauf, Richter (ZBK. AT 7; Zürich 2016); A. Fantalkin and I. Finkelstein, The Date of Abandonment and Territorial Affiliation of Khirbet Qeiyafa: An Update: Tel Aviv 44 (2017) 53–60; Eythan Levy / Frédéric Pluquet, Computer experiments on the Khirbet Qeiyafa ostracon: Digital Scholarship Humanities 32/4 (2017) 816–836, https://doi.org/10.1093/llc/fqw028 (Zugriff 17.06.2020); Y. Garfinkel et al., The ʾIšbaʿal In- scription from Khirbet Qeiyafa: BASOR 373 (2015) 217–233; D.T. Sugimoto ed., Transformation of a Goddess. Ishtar – Astarte – Aphrodite (OBO 263; Fribourg und Göttingen 2014); S. Aḥituv / A. Mazar, The Inscriptions from Tel Reḥov and their Contribution to the Study of Script and Writing during the Iron Age IIA: Maarav 20.2 (2013) 205–246; I. Finkelstein / B. Sass, The West Semitic Alphabetic Inscription, Late Bronze II to Iron IIA: Archeological Context, Distribution and Chronology: HeBAI 2 (2013) 149–220; I. Finkelstein / A. Fantalkin, Khirbet Qeiyafa: An Unsensational Archaeological and Historical Interpretation: TA 39 (2012) 38–63; A. Lemaire, West Semitic Epigraphy and the History of the Levant during the 12th–10th Centuries BCE: G. Galil et al. eds., The Ancient Near East in the 12th–10th Centuries BCE. Culture and History. Proceedings of the International Conference held at the University of Haifa, 2–5 May, 2010 (AOAT 392; Münster 2012) 291–307; C.A. Rollston, The Khirbet Qeiyafa Ostracon: Methodical Musings and Caveats: TA 38 (2011) 67–82; L. Singer-Avitz, The Relative Chronology of Khirbet Qeiyafa: TA 37 (2010) 79–83; I. Finkelstein / E. Piasetzky; Khirbet Qeiyafa: Absolute Chronolo- gy: TA 37 (2010) 83–88; E.A. Knauf, History in Joshua: L.L. Grabbe ed., Israel in Transition. From Late Bronze II to Iron IIa (c. 1250–850 B.C.E.). Volume 2. The Texts (LHB. OTS 521 = ESHM 8; New York & London 2010) 130–139; id., History in Judges: ibid. 140–149; K. Freitag, Ethnoge- nese, Ethnizität und die Entwicklung der griechischen Staatenwelt in der Antike. Historische Zeitschrift 285 (2007), 373–399; H.-P. Mathys, Zum Vergleich von Gesetzeskodizes: Einige allgemeine Überlegungen: L. Burckhardt & al. ed., Gesetzgebung in antiken Gesellschaften: Israel, Griechenland, Rom (Beiträge zur Altertumskunde 247; Berlin etc. 2007) 67–76; R. Byrne, The Refuge of Scribalism in Iron I Palestine: BASOR 345 (2007) 1–31; W. G. Dever, Did God Have a Wife? Archaeology and Folk Religion in Ancient Israel (Grand Rapids 2005); Z. Zevit, The Religions of Ancient Israel. A Synthesis of Parallactic Approaches (New York 2001); M. Weip- pert, Jahwe: id., Jahwe und die anderen Götter (FAT 18; Tübingen 1997), 35–44; id., Gott und Stier: Bemerkungen zu einer Terrakotte aus Yāfa: ibid. 45 –70; E.A. Knauf, Shadday: K. van der Torn & al. ed., Dictionary of Deities and Demons in the Bible (Leiden 1995) 1416–1423 [= 21999, 749–753]; O. Keel, Der Bogen als Herrschaftssymbol. Einige unveröffentlichte Skarabäen aus Ägypten und Israel zum Thema ‚Jagd und Krieg‘: id., Studien zu den Stempelsiegeln aus Isra- el/Palästina III (OBO 100; Freiburg/CH 1990) 27–65; 263–279; D. Römheld, Wege der Weisheit (BZAW 184; Berlin etc. 1989); B. Rosen, Early Israelite Cult Centers in the Hill Country: VT 38 (1988), 114–117. 102 | Die Stämme des zukünftigen Israel Für die Religionsgeschichte Israels/Palästinas in vorpersischer Zeit bietet aus- schließlich die Ikonographie einen konsistenten und flächendeckenden Daten- satz, ergänzt um die sporadischen epigraphischen Funde (einschließlich der Personennamen), wenige archäologische Befunde und Ortsnamen (vgl. 1.4.3.2). Die ‚Vorgeschichte des biblischen Israels‘ der Perserzeit in Gen–2 Kön ist ein ideologisches Konstrukt, in das zwar Daten aus dem 10. bis 6. Jh. vC eingegan- gen sind, die aber unter der Perspektive eines immer schon monotheistischen ‚wahren Israels‘ bearbeitet und organisiert worden sind, so dass uns biblische Texte zum israelitischen und judäischen Polytheismus, soweit überhaupt noch erkennbar, nur als Fragmente vorliegen. Der ägyptische Einfluss auf die Ikonographie des Hl. Lands setzt sich, und vielleicht nicht nur als ‚Erbe‘, in der frühen Eisenzeit fort. Amun, der ‚verborge- ne‘ höchste Gott (‚Tausendstrophen-Lied‘ § 2.3), wird von den Ägyptern weniger bildlich dargestellt als durch Namen und Symbol (z.B. den Löwen, der zugleich ein Element der Schrift sein kann). Amun-Siegel wurden von den Ägyptern aus propagandistischen Zwecken verbreitet und wurden in Palästina auch nach 1130 rezipiert – aber höchstwahrscheinlich als Symbole des höchsten Gottes Kanaans, Els, der bildlos (GGG Nr. 130b), aber auch thronend dargestellt werden kann. In dieser Amun- Anikonographie liegt zumindest eine Wurzel der (späte- ren) Bildlosigkeit JHWHs. Als höchster Gott ist Amun/El in dieser Zeit jedoch noch lange nicht einziger Gott – es gibt ohne weiteres Panthea (bzw. Götter- gruppen) ohne ihn (z.B. GGG Nr. 179c und 180b mit der Baumgöttin). Abb. 13: GGG Nr. 130b Abb. 14: GGG Nr. 179c Abb. 15: GGG Nr. 180b Die Eisen I-Zeit war keine friedliche Epoche (biblische Reflexe: Ex 15,21; in Jos und Ri sind zwar keine Erinnerungen verarbeitet, die vor das 10. Jh. vC zurück- gehen, doch fällt die Schlacht von Gibeon Jos 10,1–13 wohl in die erste Hälfte des 10. Jh., möglicherweise auch der Grundbestand der Gideon-Tradition (Ri 6– 8) aus dem Gebiet des Clans Abieser, westsüdwestlich von Sichem (Knauf 2016, 83–105; Finkelstein / Lipschits 2017) und der Jiftach-Tradition. Kriegerische Religion und Literatur in der Eisen-I-Zeit | 103 Götter standen hoch im Kurs, besonders Baʿal-Seth (GGG Nr. 138a; auch Nr. 135?) und ‫ רשף‬Reschef (GGG Nr. 137a+b, Nr. 138a+b, zeigt links den geflügelten Baʿal-Seth auf dem Löwen, rechts auf der Gazelle Reschef, auch der Gott von Kinneret V), deren kriegerischer Aspekt ihre anderen Aspekte übertönte (den des Wettergottes bei Baʿal, des Seuchengottes beim – wie Apollo – bogenschie- ßenden Reschef). Baʿal-Hadad/Reschef kann auch als ‚Pharao‘ dargestellt wer- den (GGG Nr. 144c, auch Nr. 144a-b?; Nr. 146a +b; Nr. 147b). ʿAnat kämpft mit, doch bleiben bei ihr die Aspekte Liebe/Fruchtbarkeit immer erhalten (GGG Nr. 163a +b). Auch in der Ortsnamenbildung – wie Baʿal-Gad, Baʿal-Hazor – ist der Gott Baʿal eine Innovation der Eisen I – Zeit. Abb. 16: GGG Nr. 138 a+b Abb. 17: GGG Nr. 135 Abb. 18: GGG Nr. 137 a+b Abb. 19: GGG Nr. 144 a–c Abb. 20: GGG Nr. 146 a+b Abb. 21: GGG Nr. 147 b 104 | Die Stämme des zukünftigen Israel Abb. 22: GGG Nr. 163 a+b Was den Gott ‚Baʿal‘ angeht, ist eine Warnung angebracht: nicht überall, wo ‚Baʿal‘ draufsteht, ist auch ‚Baʿal‘ drin. Das Nomen bezeichnet den ‚Herren, Besitzer‘ (auch im humanen Bereich). Als Göttername ist ‚Baʿal‘ also so aussa- gekräftig wie Adonay, Adonis, bibeldeutsch ‚Herr‘; wer diese Bezeichnung ver- wendete, wusste, an welchen Gott er oder sie dachte, wir können in vielen Fäl- len nur raten. Aufgrund der Baʿal-und-ʿAnat-Mythen aus Ugarit und der Komposition vom ‚Baʿal in Samaria‘ 1 Kön 16–2 Kön 10 wird ‚Baʿal‘ verbreitet für einen in Kanaan seit längerem und in weiten Kreisen verehrten Hochgott und ‚Konkurrenten‘ JHWHs gehalten. Solche Konkurrenten hat es tatsächlich gege- ben: den ‚Baʿal von Harran‘, also den Mondgott Sin, im 7. und 6. Jh., und den Baʿalschamim (‘Himmelsherren’) als hebräische Bezeichnung des Zeus Olympi- os in der ersten Hälfte des 2. Jh. Der ugaritische Baʿal heißt mit Eigennamen Haddu (später bei den Aramäern Hadad). Wenn in dieser Geschichte von ‚Baʿal‘ die Rede ist, ist Baʿal-Haddad gemeint. Wenn König Saul einen Sohn Jonatan nannte (‚JHWH hat [ihn] gegeben‘) und einen anderen Ischbaʿal/Eschbaʿal (‚Mann des Baʿal‘) hat er aller Wahrscheinlichkeit nach nicht an zwei verschie- dene Götter gedacht. Denn von Hause aus ist JHWH als Sturm- und Kriegsgott (wie im ältesten erhaltenen Text, der von ihm handelt, Ri 5) selbst ein ‚Gott vom Baal-Hadad-Typ‘ (J. van Oorschot / M. Witte eds. 2017). Baʿal-Gad (Jos 11,17 bis 13,5) z.B. ist es nicht, sondern der ‚Herr des Glücks‘ (möglicherweise Reschef). Anders als die Redaktoren von 1 Kön 16–2 Kön 10, die ein theologisches Kon- strukt als ‚Gegenspieler JHWHs‘ aufbauen, sprechen die Bearbeiter von Ri reli- gionsgeschichtlich zutreffend von den ‚Baʿalen‘ im Plural (abgesehen von Ri 6; in Hos und Jer findet sich sowohl der Plural [in älteren Schichten] wie der Sin- gular). Die Ikonographie kann, wo sich noch keine spezifischen Götter- oder Heiligen-Attribute herausgebildet haben und Beischriften fehlen, nur von Göt- tern des ‚Typs‘ El, Baʿal oder Aschera sprechen; mit welchen Namen oder Epitheta die Trägerinnen und Träger dieser Siegel die dargestellten Gottheiten anriefen, wissen wir nicht. Religion und Literatur in der Eisen-I-Zeit | 105 Abb. 23: GGG Nr. 154b Abb. 24: GGG Nr. 155 a+b Abb. 25: GGG Nr. 156 Abb. 26: GGG Nr. 165 a–c Die Göttinnen haben schon in der Spätbronzezeit angefangen, miteinander zu verschmelzen (später: ʿAnat + ʿAstarte = Atargatis). Die Göttin wird durch ihre Symbole repräsentiert: säugendes Muttertier (GGG Nr. 155b; Nr. 165abc), Taube (Nr. 165b), Löwe (Nr. 165c), Baum (Nr. 154b), aber nicht vollends ersetzt (Nr. 155 a+ b: die bogenschießende Gottheit neben dem säugenden Muttertier erlaubt, dieses Motiv speziell als Anat-Ikone anzusprechen). Neben unspezifischen Ver- weisen auf die ‚Göttin‘ stehen also weiterhin Referenzen, die spezifisch Aschera 106 | Die Stämme des zukünftigen Israel oder ʿAnat gelten. ‚Aschera‘ ist als Göttinnen-Name in der Bibel tabuisiert, wird aber für ihr Kultsymbol, den Lebensbaum bzw. dessen Repräsentanten, den Kultpfahl, verwendet. Insofern kann man Baum-Motivik als Aschera-Beleg le- sen. Im 11. und frühen 10. Jh. erlebt der Gebrauch der Schrift in Hl. Land einen Tiefpunkt, aber ganz ausgestorben war diese Kunst nicht. Die mit dem Namen ʿAbdlabi’at bin ʿAnat „Diener der ‚Löwin‘, Sohn der Anat“ beschrifteten Pfeil- spitzen von el-Ḫaḍr bei Betlehem (GGG Nr. 156) erlauben zusammen mit dem Ortsnamen Baalat Juda die Annahme, dass die Lokalgottheit Nord-Judäas eine Göttin war. Wer ʿAnats Temperament aus dem ugaritischen Mythos kennt, wird ‚Löwin‘ für ein passendes Epitheton halten. Der Name Baalat Juda ‚[Ort mit einem Kultort der] Herrin von Juda‘ ist allerdings aus drei unvollständigen Be- legen und einem verschriebenen rekonstruiert (Jos 19,44; 2 Sam 6,2; 1 Kön 9,18; 2 Chr 8,6): die monotheistische Redaktion spätestens der Hasmonäerzeit hat ihr Möglichstes getan, die Erinnerung an die polytheistische Vergangenheit des biblischen Israel zu tilgen. ʿAnat-Söhne (vgl. Ri 3,31; 5,6), auf nahezu allen sig- nierten Pfeilspitzen belegt, waren kriegerische Banden, Berufssoldaten, ein Fortleben des ʿApiru-Wesens in der Stammesgesellschaft der frühen Eisenzeit. Die Gattungen der Alphabet-Inschriften umfassen ABCs, einzelne Personenna- men und als fortgeschrittenste Gattung zwei Listen, eine von Personennamen (Ḫirbet Qēyāfa) und eine von agrarischen Monaten (Gezer) (HTAT S. 224–227 Nr. 101). 1 E. Blum, Die aramäischen Wandinschriften von Tell Dēr ʿAllā. In: TUAT NF 8 (Gütersloh 2015) 459–474; S. Aḥituv, Echoes from the Past (Jerusalem 2008) 433–465. Abb. 27: GGG Nr. 162 a–d Einen Gott, der aus der Wüste kam, belegen einige Siegel des 11./10. bis 9. Jh. aus Zentralpalästina als ‚Herrn der Strauße‘ (GGG Nr. 162a-d). Entweder war die JHWH-Verehrung auf der Ebene der Familienfrömmigkeit damals noch nicht sehr weit verbreitet, oder JHWHs Aspekt als ‚Wüstengott‘ war weniger wichtig als sein Wirken als Kriegs- und Regengott; in diesem Fall kann man JHWH- Bilder und Baʿal-Hadad-Bilder nicht unterscheiden. Als eine spezifische Unter- form des ‚Herrn der Tiere‘ wird JHWH dadurch zu einer der Schadday- Gotthei- Feste und Gebräuche | 107 ten (im Plural in Tell Dēr ʿAllā), d.h. eines Schutzgottes gegen die Gefahren der Wildnis. In der Priesterschrift im 5. Jh. gibt es den El Schadday nur noch im Singular, als Name, den sich JHWH Abraham gegenüber (einschließlich seiner nicht-israelitischen Nachkommen) zulegt (Gen 17,1), bevor er sich Moses mit Vornamen vorstellt (Ex 6,3). Außer dem Urbekenntnis Israels – „JHWH hat uns aus Ägypten geführt“ (und dem Moses-Namen) gibt es in der Bibel nichts, was mit Sicherheit vor dem 10. Jh. entstanden und überliefert worden sein muss; man kann vermuten, aber nicht beweisen, dass kurze poetische Texte wie das Mirjam-Lied Ex 15,21 oder das Fragment aus dem ‚Buch der Kriege JHWHs‘ Num 21,14–15 schon aus dem 12./11. Jh. stammen. Ägyptische Texte des 2. Jahrtausends vC, die den Weg in die Bibel gefunden haben (Ps 104, Spr 22–23*) sind im Laufe des 9.–5. Jh. durch phönizische Vermittlung nach Jerusalem gelangt. Die ‚Weisheit‘, d.h. der altori- entalische Wissenschaftsbetrieb, war schon immer international. Das ‚Bundes- buch‘ (Ex 21–23) ist zwar die älteste biblische Gesetzessammlung, aber kaum vor dem ausgehenden 8./7. Jh. verschriftet. Es wurde für die Rekonstruktion der früheisenzeitlichen tribalen Klassengesellschaft herangezogen aufgrund der Annahme, dass die Übereinstimungen zwischen dem Bundesbuch und dem ‚Codex Hammurapi‘ aus dem amurritischen Babylon des 17. Jh. vC auf einer gemeinsamen Tradition frühwestsemitischen Gewohnheitsrechts beruhen, die sich dann bis an den Anfang des 2. Jahrtausends vC zurückverfolgen ließe. An- gehende Beamte des Königreiches Juda lernten daraus die Regeln, nach denen sich die Sippen autonom Recht sprachen (ohne staatliche Einmischung). Sollte es sich bei diesem Text aber um eine literarische Übernahme aus der assyrisch- aramäischen Literatur handeln (so H.-P. Mathys), fiele diese Hypothese dahin. 3.5 Feste und Gebräuche I. Finkelstein, Y. Gadot, L. Sapir-Hen, Pig Frequencies in Iron Age Sites and the Biblical Pig 1 Taboo: Once Again: UF 49 (2018) 109–116; Ph. Guillaume, Debunking the Latest Scenario on the Rise of the Pork Taboo (Studia I Prace = Études et Travaux XXXI/2018) 145–166; L. Kolska Horwitz, A. Gardeisen, A. M. Maeir, L.A. Hitchcock, A Contribution to the Iron Age Philistine Pig Debate: J. Lev-Tov et al. eds., The Wide Lens in Archaeology. Honoring Brian Hesse’s Contribu- tions to Anthropological Archaeology (Archaeobiology 2; Atlanta 2017) 93–116; L. Sapir-Hen et alii, Pig Husbandry in Iron Age Israel and Judah. New Insights Regarding the Origin of the „Taboo“: ZDPV 129 (2013) 1–20; P. Altmann, Festive Meals in Ancient Israel. Deuteronomy’s Identity Politics in Their Ancient Near Eastern Context (BZAW 424; Berlin/Boston 2011); G. Lehmann / H.M. Niemann, Klanstruktur und charismatische Herrschaft: Juda und Jerusalem 1200-900 v. Chr.: ThQ 186 (2006) 134-159; G. Lehmann, Reconstructing the Social Landscape of Early Israel. Rural Marriage Alliances in the Central Hill Country: TA 31 (2004) 141-193; E.A. 108 | Die Stämme des zukünftigen Israel Knauf, Die Erntefeste Israels zwischen Sippe, Stamm und Staat: G. Theurer, Frauen feiern Feste (FrauenBibelArbeit 10; Stuttgart / Düsseldorf 2003) 39–42; J.M. Sasson, Ritual wisdom? On ‚Seething a kid in its mothers milk‘: U. Hübner / E.A. Knauf ed., Kein Land für sich allein. Stu- dien zum Kulturkontakt in Kanaan, Israel/Palästina und Ebirnâri für Manfred Weippert zum 65. Geburtstag (OBO 186; Freiburg/CH / Göttingen 2002) 294–308; I. Finkelstein, Pots and People Revisited: Ethnic Boundaries in the Iron Age I: N. A. Silberman / D. Small eds., The Archaeology of Israel. Constructing the Past, Interpreting the Present (JSOT.S 237; Sheffield 1997) 216–237; B. Hesse / P. Wapnish, Can Pig Remains Be Used for Ethnic Diagnosis in the Ancient Near East? Ibid., 238–270; D.B. Small, Group Identification and Ethnicity in the Construction of the Early State of Israel. From the Outside Looking in. Ibid., 271–288; M. Harris, The Abominable Pig: C. E. Carter / C. L. Meyers eds., Community, Identity, and Ideology (Winona Lake, IN 1996) 135– 151; I. Finkelstein, Ethnicity and the Origins of the Iron I Settlers in the Highlands of Canaan: Can the Real Israel Stand Up?: BA 59 (1996) 198–212; E.A. Knauf, Zur Herkunft und Sozi- algeschichte Israels: Das Böckchen in der Milch seiner Mutter“: Biblica 69 (1988) 153–169; S. Schroer, Die Zweiggöttin in Palästina/Israel. Von der Mittelbronze II B-Zeit bis zu Jesus Sirach: M. Küchler ed., Jerusalem. Texte – Bilder – Steine. (FS O. Keel = NTOA 6; Freiburg/CH 1987) 201– 225; O. Keel, Das Böcklein in der Milch seiner Mutter und Verwandtes (OBO 33; Frei- burg/CH / Göttingen 1980); M. Harris, Kulturanthropologie. Ein Lehrbuch (Frankfurt/New York 1989); id., Cows, Pigs, Wars and Witches. The Riddles of Culture (London 1975). In der bäuerlichen Stammesgesellschaft seit dem 11. Jh. vC wurzeln die Feste Israels (Pessach/Matzot, Schavuʿot und Sukkot) sowie das Schweinefleischtabu. ‫ פסח‬Pessach war das Fest zum Aufbruch der jungen Hirtinnen und Hirten mit den Ziegen und Schafen zu Beginn der Vegetationsperiode im Frühjahr in die Berge und in die Steppe (Transhumanz ≈ Alpaufzug und -abzug), wo die Tiere nach dem Winterregen Futter fanden und zugleich von der keimenden Saat auf den Feldern ferngehalten wurden. Die Häuser der Zurückbleibenden werden magisch geschützt (Ex 12,21–28), denn dem Dorf kommt mit dem Abzug der jungen Männer ein wichtiger Teil seiner Kampfkraft vorübergehend abhanden. ‫ מצות‬Matzot war das Fest zum Beginn der Getreideernte. Die Ernte des vergan- genen Jahres wird so vollständig aufgezehrt, das nicht einmal mehr Sauerteig übrig ist. Das Überleben hängt ganz und gar vom Segen der kommenden Ernte ab, wird damit der Gottheit signalisiert. ‫ שבעות‬Schavuʿot, das 7-Wochen-Fest, bezeichnete ursprünglich dem Abschluss der Getreideernte, die nicht immer 7 Wochen gedauert haben wird. ‫ סכות‬Sukkot, das Laubhüttenfest, ist das Fest der Wein- und Olivenernte, bei der die Familien in ihren Olivenhainen und Wein- bergen übernachten, um die kostbare Ernte zu bewachen. Diese Ernte erfolgte im höhergelegenen und daher kälteren Obergaliläa später als in Judäa, doch erlaubt das biblische Israel eine Verschiebung des jetzt biblisch begründeten Festes nicht mehr (1 Kön 12,32). In bäuerlichen Gesellschaften in regenbewässerten Bergländern (Griechen- land, Kleinasien, das Hl. Land) fällt auch das Neujahrfest in den Herbst, das Feste und Gebräuche | 109 neue Jahr (= ‚neues Leben‘, vgl. Gen 18,10 MT) beginnt mit dem einsetzenden Herbstregen. In den Flussoasen Mesopotamiens und Ägyptens hingegen be- ginnt das Jahr im Frühling mit der Schneeschmelze in den Bergen, welche die Quellen von Nil, Eufrat und Tigris speisen. Irgendwann zwischen 734 und 520 übernahmen Israel und/oder Juda aus politischen Gründen den ‚imperialen‘ mesopotamischen Kalender, so dass Pessach jetzt auf dem jüdischen 15.1., und Roʾš ha-Šana (Neujahr) auf den 1.7. fällt. Pessach und Matzot wurden Ende 5. Jh. zusammengelegt (AP 21, 419/8 vC, vgl. 10.1), als die traditionsbildenden und – verwaltenden Kreise Israels (nicht die Mehrheit der Israeliten!) vom Dorf in die Stadt gezogen waren. In ihrer biblischen Neu-Interpretation wurden Pessach und Matzot zur Gedenkfeier des Auszugs aus Ägypten (und des Einzugs in Ka- naan, Jos 5,10–12), Schavuʿot die Feier der Gabe der Thora vom Sinai, und Suk- kot das Fest des Landbesitzes unter dem Vorzeichen der Erinnerung an die Zeit der Landlosigkeit (Lev 23,39–43). Ein Vorläufer des Schweinefleisch-Tabus ist seit dem 12. Jh. im Siedlungs- gebiet der späteren Israeliten nachweisbar durch den Anteil von Schweinekno- chen unter den Resten gegessener Tiere (zu weiteren Differenzierungen vgl. Finkelstein et al. 2018; L. Kolska Horwitz et al. 2017; L. Sapin-Hen et al. 2013; in der Eisen-II-Zeit nehmen Schweineknochen auch unter Judäern und Israeliten [wieder] zu). Vereinfacht lassen sich die Verhältnisse so darstellen: Tab. 5: Funde von Schweineknochen in der Eisen-II-Zeit Bevölkerung % Schweineknochen im Küchenabfall Israeliten, Judäer, Edomiter p < 0.1 % Aramäer, Ammoniter, Moabiter 1%<p<5% Philister 10 % < p < 20 % Beim Schweinefleischtabu handelt es sich um eine Gewohnheit, die anfänglich nicht nur Israeliten hatten. Alle ‚Bergler‘ sind gegenüber den Bewohnern der Küstenebene mehr oder weniger davon betroffen. Dass die im 11. Jh. ethnisch noch gar nicht definierten Israeliten sich damit von den Philistern abgrenzen wollten, kann nach dieser Tabelle schon ausgeschlossen werden. Nach den Prinzipien des kulturellen Materialismus ist nach einem Grund für die Vermei- dung von Schweinezucht zu suchen. Dass Schweine nur tot einen Nutzen ab- werfen (im Gegensatz zu Rindern, Schafen und Ziegen) muss dabei außen vor bleiben; bis ins frühe 20. Jh. nC haben schwer arbeitende Menschen Schwein wegen des höheren Fettgehalts vor Rind bevorzugt. Es bieten sich zwei Erklä- rungen an: (a) In einer Gesellschaft, die knapp am Rand des Existenzminimums 110 | Die Stämme des zukünftigen Israel wirtschaftet, ist Schweinezucht ein unerschwinglicher Luxus, denn Schwein und Mensch beanspruchen die gleichen ökologischen Ressourcen (beide sind ‚Allesfresser‘). Die Kalorien, die Schweine brauchen würden, um von Menschen gegessen werden zu können, werden effizienter gleich den Menschen zugeführt. In einer Überflussgesellschaft (wie bei den Philistern?), in der Essensreste anfal- len, ist Schweinehaltung dagegen nicht nur profitabel, sondern auch ökolo- gisch sinnvoll. (b) In den Bergländern hätten Schweine im Wald gehalten wer- den können, wo keine Fresskonkurrenz mit Menschen bestanden hätte (Ph. Guillaume). Dass sie nicht gehalten wurden, könnte andeuten, dass sie auf der Waldweide vor Raubtieren (Bären, Löwen) ohne unverhältnismäßigen Aufwand an Personal nicht geschützt werden konnten. In der Konfrontation mit anderen Ethnien oder Religionen eignen sich Spei- segewohnheiten hervorragend zur Abgrenzung, so dass sie zu ‚Sitten‘ werden und die eigene Identität mitbestimmen. Was den Übergang von der Gewohnheit zum Gebot ausgelöst hat, ist zurzeit nicht sicher zu sagen: waren die Deportier- ten in Babylonien von Schweinefleisch-Konsumenten umgeben, oder haben im syrisch-kleinasiatischen Raum verbreitete Kulttabus gegen Schweine im Tem- peln, als Opfer und als Priesternahrung dazu beigetragen, dass JHWHs ‚König- reich von Priestern‘ (Ex 19,6) die totale Schweinefleischabstinenz einführte? Die hochentwickelte Tierethik der Bibel, die ebenfalls auf die Verhältnisse der bäuerlichen Stammesgesellschaft zurückgehen dürfte, spiegelt das Ange- wiesensein der damaligen Menschen auf ihre Tiere, um gemeinsam zu überle- ben. Das Gebot, ‚das Böckchen nicht in der Milch seiner Mutter zu kochen‘ (Ex 23,19; 34,26; Dtn 14,21) gehört in diesen Kontext (mit O. Keel), aber nur indirekt; mit J. Sasson ist hier ‫ חלב‬statt als ḥalav ‚Milch‘ (so MT) als ḥélev ‚Fett‘ zu lesen, d.h., es liegt eine Variante zum Verbot vor, Muttertier und Junges am gleichen Tag zu schlachten (Lev 22,28), was auf ein Verbot der Völlerei zugunsten einer nachhaltigen Bewirtschaftung der Herden hinausläuft. Mit der Lesung ‚Milch‘ hat sich das antike Judentum seit dem 5. Jh. im Hl. Land von seinen arabischen Nachbarn abgegrenzt, für die in Milch gekochtes Fleisch (manṣaf) der festlichste aller Genüsse war, zuerst im 20. Jh. vC in der Sinuhe-Erzählung (HTAT S. 51–62 Nr. 004) erwähnt. Auch die Tradition vom hl. Hain von Mamre (und damit der Kern der Abra- hams- Tradition) wurzelt im ausgehenden 2. Jahrtausend. Hinter der Tradition von Gen 18 (vgl. auch Jes 51,1–2) kann ein Heiligtum der Baumgöttin vermutet werden, zu der Frauen (und Männer?) mit bislang unerfüllten Kinderwunsch pilgerten; rituelles (oder therapeutisches?) Lachen könnte dabei eine Rolle ge- spielt haben (wenn ‚lachen‘ hier nicht ein Euphemismus ist). Der zeltbewoh- nende Abraham dieser Erzählung hat Rindvieh, ist also ein Bauer (die wichtigs- Feste und Gebräuche | 111 te Funktion des Rindes war es, den Pflug zu ziehen). Mamre liegt auf der Grenze zweier der von G. Lehmann (Lehmann 2004; Lehmann und Niemann 2006) festgestellten Sippen- Territorien Judäas, u.U. auf der Grenze zwischen Juda und Kaleb. Dann wäre der Abrahams-Figur ihr ‚ökumenischer‘ Charakter (er wird schließlich zum gemeinsamen Stammvater von Israeliten und Arabern) schon in die Wiege gelegt worden. 4 Der Beginn der Staatenbildung: Das 10. Jh. – von Saul über David und Šošenq I. zu Jerobeam I. Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) 1 Grabbe, Ancient Israel (22017), 138–150, Kratz, Israel (22017) 17–20. – N. Naʾaman, The Ju- dahite Temple at Tel Moza near Jerusalem: The House of Obed-Edom?: Tel Aviv 44 (2017) 3–13; I. Finkelstein, Compositional Phases, Geography and Historical Setting behind Judges 4–5 and the Location of Harosheth-ha-goiim: SJOT 31 (2017) 80–91; Id., Major Saviors, Minor Judges: The Historical Background of the Northern Accounts in the Book of Judges: JSOT 41 (2017a) 431–449; Id., Comments on the Abimelech-Story in Judges 9: UF 47 (2016) 69–84; N. Naʾaman, Queen Athaliah as a Literary-Historical Figure: Semitica 58 (2016) 181–202; id., Jebusites and Jabeshites in the Saul and David story-cycles: Biblica 95 (2014) 481–497; M. Leonard- Fleckman, The House of David. Between Political Formation and Literary Revision (Minneapolis 2016); Id., The bīt X Formula in Assyrian Documentation and Aramaean Social Structure: HeBAI 7 (2018) 140–171; O. Sergi et al. eds., In Search for Aram and Israel (ORA 20; Tübingen 2016); B. Pongratz-Leisten, Religion and Ideology in Assyria (SANER 6; Boston/Berlin 2015); L.L. Grabbe, From Merneptah to Shoshenq: If we had only the Bible…: L.L. Grabbe ed., Israel in Transition. From the Late Bronze II to Iron IIa (c. 1250–850 B.C.E.) Vol. 2: The Texts (LHB. OTS 521; ESHM 8; New York and London 2010) 62–129; A. Fuchs, Zur Geschichte von Guzana: N. Cholidis / L. Martin ed., Die geretteten Götter aus dem Palast vom Tell Halaf (Berlin 2011) 353– 358; H. Niehr, Religion in den Königreichen der Aramäer Syriens: C. Bonnet / H. Niehr, Reli- gionen in der Umwelt des AT II (STh 4.2; Stuttgart 2010), 189–324; Z. Herzog, State formation and the Iron Age I-Iron Age IIA transition: Remarks on the Faust-Finkelstein debate: NEA 70 (2007) 20–21; R.D. Miller II, Chieftains of the Highland Clans: A History of Israel in the Twelfth and Eleventh Centuries B.C. (Grand Rapids 2005); S. W. Holloway, Aššur is King! Aššur is King! Religion in the Exercise of Power in the Neo-Assyrian Empire (CHANE 10; Leiden/Boston/Köln 2002); A. H. Joffe, The Rise of Secondary States in the Iron Age Levant: JESHO 45 (2002) 425– 467; H. J. M. Claessen / J. G. Oosten eds., Ideology and the Formation of Early States (Studies in Human Society 11; Leiden / New York / Köln 1996); H.M. Niemann, The Socio-Political Shad- ow Cast by the Biblical Solomon, in: L. K. Handy ed., The Age of Solomon. Scholarship the Turn of the Millennium (SHCANE 11; Leiden/New York/Köln 1997) 252–299; B. Anderson, Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts (Frankfurt/New York 1996); E. Würthwein, Abimelech und der Untergang Sichems – Studien zu Jdc 9: id., Studien zum Deute- ronomistischen Geschichtswerk (BZAW 227; 1994) 12–28. H.M. Niemann, Herrschaft, Königtum und Staat (FAT 6; Tübingen 1993); E.A. Knauf, Bedouin and Bedouin States: ABD I (1992) 634– 638; E. J. Hobsbawm, Nationen und Nationalismus. Mythos und Realität seit 1780 (Frankfurt am Main 1991; dtv 4677, München 1996); M.B. Rowton, Dimorphic structure and the parasocial element: JNES 36 (1977) 181–198; id., Dimorphic Structure and the Tribal Elite: Al-Bâhith (FS Henninger; Bonn 1976) 219–57; id., Urban autonomy in a nomadic environment: JNES 32 (1973) 201–215; Ibn Khaldun [d.i. Abū Zaid ʿAbd ar-Raḥmān b. Muḥammad b. Ḫaldūn, starb 1406], The Muqaddimah. An Introduction to History. Abridged Edition, ed. N.J. Dawood (Bollingen Series; Princeton and Oxford 1969 = 2015; based on the translation of F. Rosenthal, 3 vols., 1958); M.H. Fried, The Evolution of Political Society (New York 1967). https://doi.org/10.1515/9783110411683-005 Feste und Gebräuche | 113 Nach der biblischen Darstellung vereinigte Saul die Stämme Israels zu einem Königtum, David die Sippen oder Stämme des Gebirges Juda zu einem anderen, um danach Sauls Sohn Eschbaal in Israel zu beerben und seinem Sohn Salomo ein ‚vereintes Königreich‘ in Form eines zentralisierten Staates zu hinterlassen. So schnell ging die Staatenbildung Israels und Judas aber nicht vor sich. Der ‚salomonische‘ Staat in 1 Kön 4–10 ist eine Rückprojektion aus dem 4. Jh. vC. Die Anfänge der Staatenbildung Israels kam erst mit Omri und Ahab zu einem gewissen Abschluss, diejenigen in Juda mit der omridischen Prinzessin Atalja, der Frau Jehorams und Mutter Ahasjas (Naʾaman 2016). Der ‚Staat‘ hat im Hl. Land den ‚Stamm‘ nicht ersetzt, sondern ergänzt, und die Stammessolidaritäten weniger verändert als instrumentalisiert. Im Orient – bis heute – sind die ver- schiedenen Staatsapparate die Fettaugen, die auf der Suppe der produktiven Schichten schwimmen. Die Fettaugen kommen und gehen, die Suppe ist seit ca. 5.000 Jahren ziemlich stabil in ihrer tribalgesellschaftlichen Instabilität. Die vier ‚Klassen‘ der tribalen Klassengesellschaft – die nichts mit den ‚Klas- sen‘ marxistischer oder Weberscher Soziologie zu tun haben (vgl. § 3.2) – wer- den durch die Funktionsträger, am Anfang nichts als das ‚Königshaus‘ samt Gefolge, ergänzt. Die frühen oder Stammes-Staaten werden deshalb als ‚Haus NN‘, der erweiterte Familienverband des Gründerkönigs NN angesprochen: ‫דוד‬ ‫ בית‬Bet Dawid, ‫ בית שאול‬Bet Šaʾul (2 Sam 3,1.6) (Leonard-Fleckman 2016; 2018). Die Staatenbildungen Israels und Judas sind im Zusammenhang flächende- ckender Staatenbildungen der ‚Aramäer‘ in Norden und der Südkanaanäer (Is- rael, Juda, Ammon, Moab, Edom) im großsyrischen Raum einschließlich Meso- potamiens zu sehen, bei denen in der Regel eine Häuptlingsfamilie die Herrschaft über eine noch oder wieder bestehende Stadt übernimmt: der Häupt- ling wird zugleich Stadtkönig. Der Stamm stellt das Militär, die Stadt die Büro- kratie. Der Prozess lässt sich im Nahen Osten vom 17. Jh. vC bis ins 19./20. Jh. nC verfolgen. Der Häuptling kann keine Steuern erheben, jedenfalls nicht vom eigenen Stamm. Um die Unkosten seiner Herrschaft zu decken (er braucht recht bald Söldner und Buchhalter), muss er auf Ressourcen außerhalb des Stammes zurückgreifen: Raubzüge, Kriegsbeute aus Söldnerdienst, Schutzgelderpres- sung, Wegzölle, Handel im eigenen Namen. Noch für das assyrische und neu- babylonische Reich war Kriegsbeute und Tribut ein wesentlicher Bestandteil der Staatseinnahmen. Stammesstaaten wie Imperien sind darauf angewiesen, dass die Überschüsse irgendwo erwirtschaftet werden, die sie abschöpfen. ‚Stammes- Staaten‘ sind instabil; die auf der Ereignis-Ebene möglicherweise unhistorische Erzählung von Abimelech und Sichem (Ri 9; vgl. Würthwein, anders Finkelstein 2016, der eine ältere Schicht, verschriftlicht zwischen 800 und 750 vC identifi- ziert, nach der zwei ʿApiru-Gruppen um Sichem kämpfen, worauf archäologisch 114 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) eine Zerstörung Sichems ca. 1030/980 vC weisen kann, während der biblische End-Text eine spätmonarchisch-judäische Polemik gegen das Nordreich erken- nen lässt) fasst Aufstieg und Fall eines solchen Gebildes paradigmatisch zu- sammen (inspiriert vom Schicksal Sauls?). In Israel haben die meisten Dynas- tien zwei Generationen lang regiert; die Ausnahmen sind die Omriden mit drei Generationen (und vier Königen), die Nimschiden mit fünf Generationen, und den beiden letzten Herrschern, je eine Generation (cf. für Parallelen in der isla- mischen Welt Ibn Ḫaldūn). Der ‚Staat Israel‘ war Zeit seines Bestehens fast nichts anderes als eine Abfolge von Militärdiktaturen; trotzdem brachte er es auf eine Gesamtlebenszeit von ca. 250 Jahren. In Juda hingegen war das urbane Element im 9. und dem größten Teil des 8. Jh. schwach, es lag weltpolitisch im Abseits; so erfreute es sich einer größeren Stabilität. Als Juda in der 2. Hälfte des 8. Jh. in diplomatischen Kontakt mit den Großmächten und ökonomischen Kon- takt mit dem Welthandel geriet, verlor es ebenfalls innerhalb von 150 Jahren seine Eigenständigkeit. Der Begriff der Nation ist neuzeitlich (E.J. Hobsbawm 1996) und nicht ohne weiteres auf antike Verhältnisse zu übertragen (jedenfalls nicht vor der Perserzeit). In der westlichen (britischen, amerikanischen und französischen) Tradition ist die Nation die Staatsbürgerschaft. In der östlichen (deutschen, balkanischen) Tradition ist die Nation die staatstragende ethnische Gruppe, die andere Ethnien marginalisiert, (oft gewaltsam) assimiliert (für Ke- mal Atatürk waren die Kurden einfach ‚Bergtürken‘) oder eliminiert (wie im Kroatien-, Bosnien-, Kosovo-Krieg). Der National-Staat (dessen Konzept zwi- schen westlichem demokratischem Liberalismus und östlichem Ethnozentris- mus2 schwankt), war eine schlechte Idee des 19. Jh. (1789–1914). Er ist allerdings bislang der einzige Rahmen, in dem manchmal Demokratie funktioniert – aber auch davon kann im Alten Orient nicht die Rede sein. Assyrien war das Reich des Gottes Assur, der assyrische König sein Stellvertreter auf Erden, der sich verpflichtet fühlte, alle Welt zu Untertanen der Stadt des Gottes Assur zu ma- chen (Holloway 2002; Pongratz-Leisten 2015). Für die meisten Anhänger der Makkabäer war deren Mission erfüllt, als Judäa (wieder) Religionsfreiheit und Lokalautonomie erhielt; dass die Nachkommen der Makkabäer als Hasmonäer die Gunst der Umstände nutzten und das Königreich Juda erneuerten, schuf für einen großen Teil ihrer Unterstützer eher Probleme. Und die Aufständischen von 66–74 und 132–135/6 nC wollten weniger einen unabhängigen Staat als den Himmel auf Erden. Die altorientalische Geschichte, einschließlich der Geschich- || 2 Für manche Deutschen bilden die Schweizer keine ‚Nation‘, weil sie vier Amtssprachen haben. Die Schweizer sehen das anders. Feste und Gebräuche | 115 te des antiken Israel, hilft, das Scheitern von Staaten im heutigen Nahen Osten und Afrika besser zu verstehen, aber Blaupausen für einen effizienten demokra- tischen Rechtsstaat sind ihr nicht zu entnehmen. Die biblische Tradition enthält einige (aber nach Zahl wie Umfang umstrit- tene) Erinnerungen aus dem 10. und 9. Jh., die aber durch die Brille der Erfah- rungen, der Kultur und der Mentalität des 7. bis 4. Jh. gesehen sind. Philister spielten in der Zeit Sauls und Davids in der Tat eine große Rolle für die entste- henden Staaten Israel und Juda, aber nicht ‚die Philister‘, sondern die mitei- nander verfeindeten Philisterstädte Ekron und Gat. Während ‚Gat‘ in der Da- vids-Überlieferung vorkommt, wurde die Rolle Ekrons vergessen, denn es war im 9. und 8. Jh. unbedeutend. Als Ekron im 7. Jh. wieder wichtig wurde, gerade für Juda, wusste niemand mehr, dass dies im 10. Jh. schon einmal der Fall war. Tendenzkritisch haben diejenigen Elemente der Überlieferung die größte histo- rische Wahrscheinlichkeit für sich, die dem biblischen Gesamtbild widerspre- chen, also Saul als erfolgreich und innovativ (Niemann 1997, 268f Anm. 38), David als listig und niederträchtig und letztlich scheiternd und Salomo als Jeru- salemer und judäischen Kleinkönig darstellen (Niemann 1993; 1997). Die Gestalt Samuels ist ein theologisches Konstrukt des 4. Jh.; sie setzt die Einschaltung von Ri zwischen Jos und Sam voraus (vgl. § 10.4). In einem wichtigen Punkt stimmen alte biblische Tradition, archäologischer und epigraphischer Befund überein, der im allgemeinen Bewusstsein der Rezi- pienten des ‚biblischen Israels‘ der hl. Schriften ausgeblendet wird: Im 10. Jh. entstand nicht ein Staat ‚Israel‘, sondern es begannen zwei Staaten zu entste- hen, Israel und Juda (Niemann 1993). Noch in den älteren Schichten des Jeremi- ja-Buches (6./5. Jh.) werden beide Bevölkerungen getrennt als ‫ בית יהודה‬Bet Yǝhuda und ‫ בית ישראל‬Bet Yiśraʾel, die ‚Häuser‘ Juda und Israel angesprochen. Die Sprache der Bibel, die wir ‚Hebräisch‘ nennen, ist eine jüngere Form der Amtssprache des Königreichs Juda bis 582; aus dem Reich Israel kennen wir drei verschiedene Schriftsprachen (omridisches, nimschidisches und benjaminiti- sches Hebräisch), die weder miteinander noch mit dem Judäischen überein- stimmen. Klar unterscheiden sich Israelitisch und Judäisch an der Form des Gottesnamen JHWH als theophores Element in Eigennamen: 116 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) Tab. 6: JHWH als theophores Element in Eigennamen ‚JHWH hat Israelitisch Judäisch (Spät-)Biblisch- gegeben‘ Hebräisch (in Judäa wie Samaria) Subjekt- ‫נתניו‬ Natanyau / -yō ‫נתניהו‬ Natanyahu/ ‫נתניה‬ Nǝtanya Prädikat Nǝtanyáhu Prädikat- ‫יונתן‬ Yō-/Yaunatan ‫יהונתן‬ Yahunatan/ ‫יונתן‬ Yonatan Subjekt Yǝhonatan Unbeschadet ihrer jeweiligen biblischen Orthographien werden hier alle judäi- schen Königsnamen judäisch, alle israelitischen israelitisch wiedergegeben, also Jehoram von Juda, aber Joram von Israel. 4.1 Der beginnende Wirtschaftsaufschwung seit der 2. Hälfte des 11. Jh. vC 1 E. Ben-Yosef ed., Mining for Ancient Copper. Essays in Memory of B. Rothenberg (TAU.MS 37; University Park, Pa. 2018); I. Finkelstein, The Southern Steppe of the Levant ca. 1050–750 BCE: A Framework for a Territorial History: PEQ 146 (2014) 89–104; T.E. Levy / M. Najjar / E. Ben- Yosef, New Insights into the Iron Age Archaeology of Edom, Southern Jordan: Surveys, Excava- tions, and Research from the University of California, San Diego – Department of Antiquities of Jordan, Edom Lowlands Regional Archaeology Project (ELRAP) (Monumenta Archaeologica 35/1–2; Los Angeles 2014); J. M. Tebes, Socio-economic Fluctuations and Chiefdom Formation in Edom, the Negev and the Hejaz during the First Millennium BCE: J.M. Tebes ed., Unearthing the Wilderness. Studies on the History and Archaeology of the Negev and Edom in the Iron Age (Ancient Near Eastern Studies Supplement 45; Leuven / Paris / Walpole, MA 2014) 1–29; E. Ben-Yosef et al., A New Chronological Framework for Iron Age Copper Production at Timna (Israel): BASOR 367 (2012) 31–71; E.A. Knauf, From Archeology to History, Bronze and Iron Ages. With Special Regard to the Year 1200 B.C.E., and the Tenth Century: L.L. Grabbe ed., Israel in Transition. From Late Bronze II to Iron IIa (c. 1250–850 B.C.E.), 1. 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Wengrow, The changing face of clay: continuity and change in the transition from village to urban life in the Near East.: Antiquity 72 (1998) 783–795; O. Keel / Ch. Uehlinger, Der beginnende Wirtschaftsaufschwung seit der 2. Hälfte des 11. Jh. vC | 117 Jahwe und die Sonnengottheit von Jerusalem: W. Dietrich / M.A. Klopfenstein ed., Ein Gott allein? JHWH-Verehrung und biblischer Monotheismus im Kontext der israelitischen und altori- entalischen Religionsgeschichte (OBO 138; Freiburg/Scheiz & Göttingen 1994) 269–306; I. Singer, Egyptians, Canaanites, and Philistines in the Period of the Emergence of Israel: I. Finkelstein – N. Naʾaman ed., From Nomadism to Monarchy (Jerusalem 1994) 282–338; E.A. Knauf / C.J. Lenzen, Edomite Copper Industry: SHAJ 3 (1987) 83–88. Nach dem Zusammenbruch des 1. mediterranen Weltwirtschaftssystems (1.4.3.3 und Tab. 4) im 12. Jh. und vor der Konstituierung des 2. mediterranen Weltwirt- schaftssystems seit dem 9. Jh., bildete sich im ausgehenden 11. Jh. ein regiona- les Wirtschaftssystem im Hl. Land, das die Epoche der ‚Staatenbildungen‘ ein- leitete. In bescheidenem Maß kam es wieder zu Seehandel (Unamun, vgl. § 3.3), aber das Binnenland hatte jetzt eine Chance: aus Zypern kam kein Kupfer mehr oder nicht mehr genug, so dass die Versorgung Kanaans und Ägyptens von den Kupferminen in der ʿArava abhing (Timnaʿ und vor allem Fēnān), wo die Pro- duktion nach dem Rückzug Ägyptens im 12. Jh. vC in die Hände lokaler sëiriti- scher Stämme unter Mitwirkung midianitischer (nordwestarabischer) Spezialis- ten und Händler überging (E. Ben-Yosef ed. 2018). Im ausgehenden 12. bis frühen 8. Jh. bildeten sich im Süden Palästinas und im südlichen Teil des Ost- jordanlandes einschließlich der ʿArava mehrere Häuptlingstümer, angeregt nicht zuletzt durch die Kupfergewinnung. Da Ackerbau hier nicht oder nur schwer möglich war, bot das Kupfer eine attraktive wirtschaftliche Ergänzung der Viehzucht. Es bildete sich spätestens seit dem 11. Jh. das Häuptlingstum von Fēnān / Punon, dessen wichtigster Ort Ḫirbet en-Naḥās im 10. Jh. mit ca. 10 ha – allerdings als Streusiedlung – doppelt so groß und wirtschaftlich viel bedeu- tender war als das zeitgenössische Jerusalem: Es umfasste vier Hauptstrata zwischen ca. 980 und 850/25 vC, ca. 100 Baukomplexe, darunter ein großes Fort mit einem Vierkammer-Tor. Es ist sehr wahrscheinlich, dass die wirtschaftliche Bedeutung der Region zwischen Gaza, Tel Maśoś und der ʿArava bei den Feld- zügen des Pharao Šošenq I. und seinem Interesse an der südlichen Levante eine Rolle gespielt hat. Die frühmoabitische Politie um den Ort Bālūʿa (ca. 1050– 950/25 vC) profitierte vom Transport von Kupfer im Ostjordanland nach Norden. Sie fand ihre Fortsetzung im 9. Jh. im Stammeskönigtum des Kamošyatt von Dibon-Gad (Mēšaʿs Vater und Vorgänger), dessen weitere Beteiligung am Kup- ferhandel das Interesse der Omriden und deren Besetzung von Jahaz und Atarot geweckt haben könnte. An den Kupfer-Handelswegen kam es auch zur Bildung weiterer neuer Städte oder stadtähnlicher Siedlungen westlich der ʿArava wie Tel Maśoś (Ḫirbet el-Mšāš) im Negev (ca. 950 bis 880 vC), dem Hauptort eines Häuptlingstums auf dem Handelsweg des Kupfers nach Philistäa, das in Stra- tum II mit ca. 3 ha bebauter Fläche und einem Gesamtgebiet von ca. 6 ha, einer 118 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) rudimentären Befestigung, kommunalen Vorratsbauten, einem Elite-Quartier mit Luxusgütern (Skarabäen, Elfenbein u.a.) jeden Vergleich mit dem zeitge- nössischen Jerusalem aushält. Bei dieser Situation muss man sich klarmachen, dass wirtschaftlich im 10.–9. Jh. das Gebiet südlich von Davids und Rehabeams Jerusalem bis Hebron eine deutlich geringere Rolle spielte, bis das Kupfer in Ḫirbet en-Naḥās um 800 vC gegenüber den phönizischen Importen aus Zypern nicht mehr konkurrenzfähig war. Als dann die Aramäer unter Hasaël nach Sü- den expandierten, konnte Juda in ihrem Windschatten in der 2. Hälfte des 9. Jh. erstmals das Gebiet südlich von Hebron (Beersheva Stratum V; Arad Stratum XI) beherrschen, das seitdem nicht mehr als „freies“ ʿApiru-Gebiet gelten konnte wie noch zur Zeit Davids (1 Sam 25; 31). Im Zusammenhang mit der blühenden Kup- ferproduktion in der ʿArava stehen auch Tel Reḥov (in der Bucht von Bet-Schean), Kinneret (VI und V) am gleichnamigen See, Dan V und Megiddo VIA als ‚Partner‘ – Lajisch/Dan an der Abzweigung des Handelsweges nach Phönizien, Megiddo an der Verbindung zur nördlichen Küstenebene, an der Mittelmeerküste Akko und Dor. An allen genannten Orten wurden Kupferbarren oder Spuren von Kupferverarbeitung aus der Eisen-I-Zeit gefunden. Dass dabei nicht nur ‚frisches‘ Kupfer verarbeitet, sondern auch altes recycelt wurde, versteht sich von selbst. Das 11. und beginnende 10. Jh. waren plurizentrisch: Neben den ‚alten Städ- ten‘ in Phönizien und Philistäa und den neugegründeten Kanaanäer-Städten bildeten die Stämme in Nord- und Mittelpalästina potentielle Machtbasen. Es gab bald wieder etwas zu beherrschen und auszubeuten – wer würde es tun? Zurzeit ist nicht klar, ob es in der Eisenzeit I im zentralpalästinischen Berg- land eine (nomadische) Ansiedlungswelle oder eine Expansion von Bewohnern aus den Rändern urbaner Regionen (der Küste) gab (oder beides?). Y. Gadot (2017) hat folgendes Szenario vorgeschlagen: Eine Siedlungswelle ins samari- sche Bergland zwischen Küstenebene, Jesreelebene und Jordantal begann be- reits im 12. Jh. und dauerte bis ins 10. Jh. Die kanaanäische Stadtkultur brach nicht zusammen, machte aber eine einige Jahrzehnte dauernde Unruhe mit Höhepunkt zwischen ca. 1200 bis 1150 vC durch. Die meisten Orte erholten sich aber, bis sich um 1100 die Ägypter aus Kanaan zurückgezogen hatten, so dass im Bergland eine Periode unabhängiger und wachsender Ansiedlung stattfand (ca. 1100–900 vC), in symbiotischer Verbindung mit den Ebenen im Westen und Norden. Die (Wieder-)Besiedlung des samarischen Berglandes wäre dann ab 1200 als eine Folge der sich dorthin ausdehnenden Stabilisierung der Städte zu sehen mit Höhepunkt am Ende des 10. Jh. Die ‚kanaanäische Renaissance‘ könnte sich in der ‚Schlacht von Gibe- on‘ (Jos 10,12–13) spiegeln zwischen Jerusalem und Gibeon, an der Stämme, wenn überhaupt, nur als Hilfsvölker teilnahmen und die in den Zeitraum von Der beginnende Wirtschaftsaufschwung seit der 2. Hälfte des 11. Jh. vC | 119 1025–925 fallen dürfte. Gibeon, Jerusalem und der Stamm Benjamin kontrollier- ten den wichtigen südlichen Übergang im zentralpalästinischen Gebirge zwi- schen der ʿArava im Osten und Nord-Philistäa im Westen. Jos 10,12c–13c. Alte polytheistische Überlieferung. 12c Sonnengott – zu Gibeon schweige still, und Mondgott – im Tal von Ajjalon. 13a Da schwieg der Sonnengott, 13b da rührte sich nicht der Mondgott, 13c bis der Stamm Rache genommen hatte an ihren Feinden. Dass es sich um einen Konflikt zwischen Gibeon und Jerusalem handelt (Keel & Uehlinger) geht nur aus der gegenwärtigen narrativen Einbettung dieses Fragments eines Siegesliedes hervor. Dessen Inhalt nach ging es eher um einen Konflikt zwischen Benjamin einerseits und Gibeon und Ajjalon andererseits. ‫ גוי‬goy, sonst althebräisch ‚Bevölkerung eines be- stimmten Gebietes gemeinsamer Sprache o.ä.‘ wird hier nach dem Mari-Amoritischen gāwum als ‚Stamm‘ übersetzt. J. Uziel / Y. Baruch / N. Szanton, Jerusalem in the Late Bronze Age – The Glass Half Full: A.M. 1 Maeir / I. Shai / C. McKinny eds., The Late Bronze and Early Iron Ages of Southern Canaan (Archaeology of the Biblical World, 2; Berlin / Boston 2019) 171–184; K. Bieberstein, A Brief History of Jerusalem. From the Earliest Settlement to the Destruction of the City in AD 70: ADPV 47; Wiesbaden 2017); H.M. Niemann, Juda und Jerusalem. Überlegungen zum Verhältnis von Stamm und Stadt und zur Rolle Jerusalems in Juda: UF 47 (2016) 147–190; H. Geva, Jerusalem’s Population in Antiquity. A Minimalist View: TA 41 (2014) 131–160; I. Finkelstein / I. Koch / O. Lipschits, The Mound on the Mount. A Possible Solution to the „Problem with Jerusalem“: The Journal of Hebrew Scriptures 11, Article 12 (pp. 1–24) DOI:10.5508/jhs.2011.v11.a12 (Zugriff 12.01.2019); A. Maeir / J. Uziel, A Tale of Two Tells: A Comparative Perspective on Tel Miqne- Ekron and Tell es-Sâfi/Gath in the Light of Recent Archaeological Research: S. Crawford et al. eds., ‚Up to the Gates of Ekron’: Essays on the Archaeology and History of the Eastern Mediter- ranean in Honor of Seymour Gitin (Jerusalem 2007) 29–42; I. Finkelstein / L. 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Niemann, The Socio-Political Shadow Cast by the Biblical Solomon: L.K. Handy ed., The Age of Solomon. Scholarship at the Turn of the Millennium (SHCANE 11; Leiden / New York / Cologne 1997) 252–299. 120 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) Die wirtschaftliche und politische Dynamik im philistäischen Wirtschaftszent- rum ist an der Größenentwicklung der Städte Ekron, Gat und Aschdod abzule- sen; im 11./10. Jh. war Ekron die Vormacht, die es im 10./9. Jh. an Gat verlor, das im 8. Jh. von Aschdod abgelöst wurde, um im 7. Jh. wieder an Ekron zu fallen (Siedlungsgröße jeweils in ha; für Gaza und Aschkelon fehlen z. Zt. Daten). Tab. 7: Siedlungsgrößen 12.–6 Jh. vC Jh. Aschdod Ekron Gat Jerusalem –12 7 20 4 3 –11 7 24 2 4 –10 1 24 4 5 –9 7 4 > 30 (50?) 8 –8 30 4 1 12 –7 15 24 1 60 –6 15 - 1 - Die Ablösung von Ekron durch Gat im 10. Jh. bietet einen Interpretationsrahmen für die Philisterkämpfe Sauls und Davids. Aus der Tabelle geht ebenfalls hervor, dass der Aufstieg Jerusalems zur kurzlebigen ‚Metropole des Hl. Landes‘ nicht im 10., sondern im ausgehenden 8. und besonders im 7. Jh. vC erfolgte. Im Übergang von der Spätbronze- zur Eisenzeit und bis in die Eisenzeit IIA-früh (950/30–880 vC) bestand Jerusalem ohne ein nennenswert mit Siedlungen be- setztes Umland wahrscheinlich im Wesentlichen nur aus einem festungsartigen Gebäudekomplex im Norden der sog. Davidstadt (weiter südlich mit einigen weiteren Häusern), am Ostabhang abgestützt durch Terrassen und einen massi- ven Steinmantel darüber, ohne Stadtmauer und ohne eine eigentliche Stadt (Steiner 2003). Ob dieser Gebäudekomplex für Lagerhaltung und Administrati- on des lokalen „chiefs“ diente oder auch für Wohnzwecke und daneben – schon aus militärstrategischen und repräsentativen Gründen – eine Art Burg mit Hei- ligtum weiter nördlich auf der Höhe des heutigen Tempelplatzes in beherr- schender Lage als Herrschaftssitz existierte (Knauf 2000; Finkelstein / Koch / Lipschits 2011; Bieberstein 2017), wird bestritten (Uziel / Baruch / Szanton 2019), hat aber einige Wahrscheinlichkeit für sich. Eine ortsflexible, bewegliche und schlagkräftige Truppe, wie sie für David in 1 Sam 21 –2 Sam 5 beschrieben wird, benötigt notfalls nicht mehr als solche Stützpunkte, wie es Jerusalem in der Eisenzeit IB-IIA mit 3–5 ha und einigen hundert Bewohnern bieten konnte (Niemann 1997; 2016; Geva 2014; Bieberstein 2017). Saul und Eschbaal | 121 4.2 Saul und Eschbaal A. Fantalkin / I. Finkelstein, The Date of Abandonment and Territorial Affiliation of Khirbet 1 Qeiyafa: An Update: Tel Aviv 44 (2017) 53–60; H. Bezzel, Saul. Israels König in Tradition, Re- daktion und früher Rezeption (FAT 97; Tübingen 2015); I. Finkelstein, The Forgotten Kingdom. The Archaeology and History of Northern Israel (Ancient Near Eastern Monographs 5; Atlanta 2013); id., Tell el-Ful Revisited: The Assyrian and Hellenistic Periods (with a new identification): PEQ 143 (2011) 106–18; I. Finkelstein / A. Fantalkin, Khirbet Qeiyafa: an unsensational archaeo- logical and historical interpretation: TA 39 (2012) 38–63; N. Naʾaman, Hirbet ed-Dawwāra – a Philistine Stronghold on the Benjamin Desert Fringe: ZDPV 128 (2012) 1–14; I. Finkelstein, The Last Labayu: King Saul and the Expansion of the First North Israelite Territorial Entity: Y. Amit ed al. eds., Essays on Ancient Israel in Its Near Eastern Context: A Tribute to Nadav Naʾaman (Winona Lake 2006) 171–177; I. Finkelstein / N. 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In einem wichtigen Sach- verhalt ist der Tradition zu folgen (weil er der Tendenz widerspricht): Saul war der erste König Israels. Was ‚Israel‘ zur Zeit Sauls war, ist allerdings nicht der perserzeitlichen Fiktion eines ‚Ganz-Israel‘ zu entnehmen, sondern allenfalls dem Urgestein der Überlieferung. Saul war Benjaminiter, also werden die Saul- Traditionen naturgemäß im Norden (im Stamm Benjamin) gepflegt worden sein. Möglicherweise kamen sie mit der omridischen Prinzessin Atalja Mitte des 9. Jh. an den Jerusalemer Hof. Sonst standen sie spätestens mit der Annektion Bet-Els durch Joschija in der 2. Hälfte des 7. Jh. vC der judäischen Bearbeitung zur Ver- 122 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) fügung. Wie sich Saul in israelitischer Überlieferung darstellte, wissen wir nicht (vermutlich positiver). Dass die Staatenbildung mit dem Stamm Benjamin be- gann, ist verkehrsgeographisch kein Zufall. Wie schon betont, kontrollierte der Stamm Benjamin den wichtigen südlichen Übergang im zentralpalästinischen Gebirge zwischen ʿArava im Osten und Nord-Philistäa an der Küste im Westen. Eine halbwegs verlässliche Chronologie setzt mit dem Regierungsantritt Jerobeams I. ein. Nach 1 Sam 13,1 war Saul [x +] 1 Jahr alt bei seinem Herrschaft- antritt; er regierte [y] + 2 Jahre (‫[ים ושתי שנה‬...]). Nach der Sachlogik wie der hebräischen Grammatik sind x, y Zehnerzahlen ≥ 20, die von der prodavidi- schen Redaktion von Sam gestrichen worden sind. Das gleiche geschah mit seinem Sohn und Nachfolger Eschbaal in 2 Sam 2,10, wo sein Alter bei Regie- rungsantritt erhalten blieb (40 Jahre), aber seine Regierungsdauer wieder auf ‚2 Jahre‘ verkürzt ist, diesmal aber auf Judäisch angegeben: ‫( שתים שנה‬wie bei Amnon 2 Kön 21,19 / 2 Chr 33,21). Bei allen Königen Israels, die zwei Jahre lang regierten, wird dieser Zeitraum hingegen durchgehend mit ‫ שנתים‬šǝnatáyim, dem Dual von ‚Jahr‘, bezeichnet (1 Kön 15,25; 16,8; 22,51; 2 Kön 15,23). Hier war wohl die David-Haus Redaktion des 7. Jh. am Werk (dafür spricht auch der Be- fund der LXX; 2 Sam 10 lautet dort gleich, während 1 Sam 13,1 ganz fehlt). Saul wie Eschbaal haben also je 22, 32, 42 … Jahre regiert. Minimal sind Saul am ehes- ten 32 Jahre zuzuschreiben, Eschbaal 22 (oder umgekehrt), die Dynastie brachte es damit auf 53 Jahre und war damit bereits die zweitlängste in der Geschichte Israels (nur von den Nimschiden übertroffen). Ein weiterer Schluss aus den längere Zeit präzise überlieferten Jahreszahlen: In Israel wurden von Anfang an, wenn nicht Annalen, so zumindest Jahreslisten geführt. König Saul war keine ‚Eintagsfliege‘ und auch kein Versager; immerhin hat er nach einen davididi- schen Propaganda-Spruch ‚Tausende‘ erschlagen (1 Sam 18,7–8; 21,12; 29,5, teilweise mit archaischer [judäischer] Orthographie (‫ באלפו‬1 Sam 18,7 und 21,12, ‫ ברבבתו‬21,12 und 29,5 statt ‫ אלפיו‬und ‫)רבבתיו‬. Für die Bibel braucht die ‚Entstehung des Königtums‘ eine Erklärung (1 Sam 8 und 12). Darin drückt sich die theologische Perspektive der Perserzeit aus, für die das Königtum in Israel und Juda ein tunlichst nicht zu wiederholender Be- triebsunfall der eigenen Geschichte war. Für Bibelarchäologen entstand das Königtum Sauls als Reaktion auf die ‚Bedrohung‘ durch ‚die Philister‘. Das ist nicht völlig falsch, aber auch nicht sehr richtig. Unbestreitbar ist, dass Saul sein benjaminitisches Stammeskönigtum in der philistäischen Peripherie gegründet hat (vgl. oben S. 96 Abb. 12B), konkret: in der Peripherie von Ekron. Wer in ei- nem Land, das in seinen heutigen Grenzen im 10. Jh. vC eine Gesamtbevölke- rung von 100–120.000 Bewohnern hatte, eine Gefolgschaft von 3.000 Kriegern mobilisieren konnte (1 Sam 13,2), stellte einen Machtfaktor dar und konnte sich Saul und Eschbaal | 123 nach Belieben eine Krone aufs Haupt setzen. Wirtschaftlich ‚lebte‘ Sauls König- tum von der Ausbeutung des Ost-West-Handels von Philistäa. Ob er ‚nur‘ Schutzgeld bzw. Wegzölle nahm oder auch Karawanen ausraubte, sei dahingestellt. Kriegerische Reaktionen von Ekron hatten den gleichen Charak- ter wie die ‚präventiven Polizeiaktionen‘ der Ägypter im 13. und 12. Jh. Zu einer systematischen ‚Besetzung‘ des zentralpalästinischen Berglandes war Ekron schon aus demographischen Gründen nicht imstande (es gab maximal 12.000 Ekroniter einschließlich Frauen, Greise und Kinder). Und es war nicht in einer Schlacht gegen Philister, in der Saul schließlich den Tod fand. Das Königtum Sauls war noch kein Staat, sondern ein komplexes Häupt- lingstum (H.M. Niemann): es gab noch keine Beamten/Staatsangestellten, son- dern die Führungspositionen wurden aus der Familie (Abner) bzw. dem Haus- halt Sauls (Doëg) besetzt, seine primäre Machtbasis war das Stammesaufgebot Benjamins (1 Sam 11). Saul war der Oberhäuptling jener Stämme, die ihm loyal waren. Der Schritt zum Stammeskönigtum scheint dasjenige Unterfangen zu sein, an dem er gescheitert ist wie Abimelech an Sichem (Ri 9). Für ein Stam- meskönigtum hätte Saul die Macht in einer Stadt des Canaanite revival erringen müssen. Dafür bot sich Gibeon an, und tatsächlich scheint Saul dort auch eine Zeitlang (oder zeitweilig) residiert zu haben; man kann begründet vermuten, dass seine Residenz ‚Gibea‘ – Giv ʿat Šaʾul – eine Namensvariante von ‚Gibe- on‘ ist (J. Blenkinsopp). In der Saul-Überlieferung scheint der Name der Stadt (wegen eines katastrophalen Zerwürfnisses zwischen König und Stadt?) getilgt zu sein (Indizien für Gibeon finden sich in Jos 9*; Jos 10,1–13*; 1 Sam 10,5; 2 Sam 21,1–14). Vielleicht bot Gibeon nur Kooperation an, keine Unterwerfung (wie in Jos 9–10*). Kämpfe in der Davidsüberlieferung finden vor den Mauern von Gibeon statt (2 Sam 2 und 20), man hat den Eindruck, dass die Stadt auch gegenüber David ihre Unabhängigkeit bewahrte. Gibeon wurde in der zweiten Hälfte des 10. Jh. von Šošenq I. zerstört und, im Gegensatz zu anderen Erobe- rungen dieser Kampagne, von Juda fürs erste nicht wieder aufgebaut (1 Kön 9,17–18). Der narrative Weg von Abimelech in Sichem zum Benjaminiter Saul reflek- tiert ganz zutreffend (aber deswegen nicht ‚historisch‘) eine Schwerpunkt- Verschiebung im Hl. Land zwischen dem 11. und dem 10. Jh. Im 11. Jh. hatte es im zentralpalästinischen Gebirge vier Häuptlingstümer gegeben: Dotan, Tirza, Sichem und Schilo (R.D. Miller II), sozusagen als Verfallsprodukte der Territori- alherrschaft des Labʾayu im 14. Jh. vC und seiner Nachfolger. Zwischen 1025 und 925 war Sichem aufgelassen; Schilo, mit dem die Tradition Samuel verbindet (historisch ist allenfalls 1 Sam 14,3), wo in der frühen Eisenzeit I ein zwar nicht gesamtisraelitisches, aber regionales Wallfahrtsheiligtum bestanden hatte, 124 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) wurde um 1050 vC Opfer einer sprichwörtlich gewordenen Zerstörung (Jer 7,12– 14; 26,6–9; Ps 78,60): 1 I. Finkelstein, First Israel, Core Israel, United (Northern) Israel: NEA 82 (2019) 8–15. Schilo war seit Ende des 12. Jh. ein Kultplatz ohne Wohnbebauung, jedoch mit großen Vorratsinstallationen, mit 2,5 ha größer als andere Berglandsiedlungen. Finkelstein (2019) vermutet, dass der Ort einer „Sichem-Schilo-Politie“ als kulti- sches Zentrum diente, wahrscheinlich parallel mit Sichem (Stratum XI) zerstört. Die Zerstörung steht nach Finkelsteins Rekonstruktion evtl. in Verbindung mit einer im späten 11. und der 1. Hälfte des 10. Jh. auf dem „Gibeon-Gibea- Plateau“ bestehenden System befestigter Siedlungen, die er mit dem alten Kern der Saul-Erzählungen und 2 Sam 2,9 in Verbindung bringt und als „Gibeon- Gibea-Politie“ Sauls bezeichnet; Saul herrschte Finkelstein zufolge über den Nordteil des zentralpalästinischen Gebirges und Teile Gileads (Jabesch) und versuchte zu expandieren; den Niedergang seiner Politie datiert Finkelstein um 950/940 vC, was den Aufstieg von anderen Herrschaften in Sichem und Jerusa- lem ermöglicht haben soll (Finkelstein 2019). Die Staatenbildung ging nicht vom Zentrum Israels, Efraim, aus, sondern von dessen südlichem Rand, Benjamin, der dem philistäischen Macht- und Wirtschaftszentrum am nächsten war. Exzentrische Hauptstädte sind bis heute ein Indiz, zu wessen Peripherie das zugehörige Land einmal gehört hatte (Bei- spiele: als Finnland zu Schweden gehörte, war seine Hauptstadt Turku/Åbo, mit der russischen Okkupation wurde es Helsinki; England/London – der Kanal war die Lebensader der Normannenherrschaft, USA/Washington – auch nach der Unabhängigkeit dominierte der Atlantik den Handel Amerikas). Sauls primäre Machtbasis war der Stamm Benjamin. Darüber hinaus waren ihm große Teile Efraims loyal (Manasse gab es wohl noch nicht) und die Stadt Jabesch in Gilead (1 Sam 11,1–13), vielleicht auch Jerusalem (Naʾaman). Die Eselinnen-Geschichte 1 Sam 9–10*, deren ursprünglicher Schluss verloren ist, scheint einmal erzählt zu haben, wie Saul ben Kisch auszog, zwei Eselinnen seines Vaters zu suchen und eine Krone fand. Das Gebiet, in dem er die Eselinnen sucht, war wohl seine primäre Machtbasis (vgl. S. 128 Abb. 28). Von Aktivitäten Sauls in Galiläa ist nichts bekannt; sie sind nach dem Ort seiner letzten Schlacht und aufgrund der Expansion seines Herrschaftsgebietes unter Eschbaal (s.u.) auch nicht zu erwar- ten. Den Stamm Juda gab es noch nicht (H.M. Niemann 2016; 2019). Trotzdem könnte Saul in der Landschaft Juda militärische Operationen durchgeführt ha- ben. Allerdings sind die Saul-David-Geschichten romanhaft und die Amalekiter- Saul und Eschbaal | 125 Schlacht 1 Sam 15 ist unhistorisch (H. Donner). Die endlich verlorene Schlacht auf dem Gebirge Gilboa (1 Sam 30; 2 Sam 1) könnte den nördlichsten Punkt be- zeichnen, den seine Machtausübung je erreicht hat. Meros (‫ )מרוז‬Ri 5,23 (heute el-Mazār) könnte eine Erinnerung an den genauen Ort der Schlacht erhalten haben; dort hätte Saul aber keine Philister bekämpft, sondern andere Stäm- me/Sippen des Gebirges, die sich seinem Oberhäuptlingstum widersetzten. Die Stämme Benjamin, Efraim und Gilead standen seit ihrer Entstehung in enger Beziehung miteinander. Es ist möglich, dass sie ihre Beziehungen schon vor Saul durch einen gemeinsamen Ahnvater Jakob definierten. Indem die ‚Söhne Jakobs‘ nun unter Saul das ‚Königtum Israel‘ bildeten, wurde ‚Jakob‘ = ‚Israel‘ (Gen 32,28). Nach Merneptah und vor Saul ist ‚Israel‘ nur als Gemein- schaft der JHWH-Verehrer vorstellbar. Saul mag JHWH als Schutz-Gott seines Königtums gewählt haben wegen dessen erwiesener Militanz. Durch Saul wurde ‚Israel‘ aus einer religiösen Gemeinschaft wieder eine politische Größe. ‚König von Benjamin‘ kam als Titel nicht infrage, weil dann Efraim und Gilead pikiert gewesen wären; dass Saul nicht ‚Jakob‘ wählte, mag daran gelegen haben, dass ‚Israel‘ anders als ‚Jakob‘ prinzipiell auch für das urbane Element (wie Gibeon) offen war: die Integration der Kanaanäer war von Anfang an eine Option. Über Sauls Persönlichkeit und persönliche Frömmigkeit wissen wir nichts; dass seine Söhne Jonatan, Meribaal und Eschbaal heißen, ist religionsgeschichtlich bedeu- tungslos (vgl. § 3.4). Saul fiel in seiner letzten Schlacht, aber nicht im Kampf gegen ‚Philis- ter‘ oder ‚Kanaanäer‘, sondern gegen ‚Israeliten‘, die noch keine sein wollten. Nicht jeder Stamm, der sich Israel anschloss, tat es freiwillig (Gad, Ascher). Würde man Saul wegen der Art seines Todes für ‚gescheitert‘ erklären, träfe das gleiche Verdikt auch Sargon II. oder Kyros. Als gescheitert schildert ihn nur die pro-davidische Tradition: sein Werk – Israel – lebte weiter und gedieh unter seinem Sohn und Nachfolger Eschbaal – jedenfalls fürs erste. Miller / Hayes, History (22006) 145–147. – H.M. Niemann, Judah and Jerusalem. Reflections on 1 the Relationship between Tribe and City and the Role of Jerusalem in Judah: ZDPV 135 (2019) 1– 31; B. Davis / A.M. Maeir / L.A. Hitchcock, Disentangling Entangled Objects: Iron Age Inscrip- tions from Philistia as a Reflection of Cultural Processes: IEJ 65 (2015) 140–166; M.S. Smith, Why was „Old Poetry“ Used in Hebrew Narrative? Historical and Cultural Considerations about Judges 5: M.J. Lundberg / S. Fine / W.T. Pitard eds., Puzzling Out the Past. Studies in Northwest Semitic Languages and Literatures in Honor of Bruce Zuckerman (Leiden / Boston 2012) 197– 212; I. Finkelstein, Stages in the Territorial Expansion of the Northern Kingdom: VT 61 (2011) 227–242; E.A. Knauf, Ashurites: EBR 2 (2009) 1004–1005; id., Deborah's Language. Judges ch. 5 in its Hebrew and Semitic Context: B. Burtea & al. eds., Studia Semitica et Semitohamitica (FS Rainer M. Voigt = AOAT 317; Münster 2005) 167–182; A.A. Fischer, Von Hebron nach Jerusa- lem: Eine redaktionsgeschichtliche Studie zur Erzählung von König David in II Sam 1–5 (BZAW 126 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) 335; Berlin etc. 2004); H.M. Niemann, Taanach und Megiddo: Überlegungen zur strukturell- historischen Situation zwischen Saul und Salomo: Vetus Testamentum 52 (2002) 93–102; E.A. Knauf, Saul, David and the Philistines: from Geography to History: BN 109 (2001) 15–18; Ph. Guillaume, Deborah and the seven tribes: BN 101 (2000) 18–21; H.M. Niemann, The Socio- Political Shadow Cast by the Biblical Solomon: L.K. Handy ed., The Age of Solomon (SHCANE 11; Leiden/New York/Köln 1997) 252–299; N. Naʾaman, The Kingdom of Ishbaal: BN 54 (1990) 33–37. Sauls Nachfolger wurde sein Sohn Eschbaal ‫‚( אשבעל‬Mann des Herrn‘) 1 Chr 8,33; 9,39 [der Name ist im 10. Jh. auch epigraphisch belegt, z.B. in Ḫirbet Qēyāfa]; in Sam entstellt zu ‫ איש בושת‬Isch-Boschet ‚Mann der Schande‘ wegen der Baal-Allergie der hasmonäischen Thora-Propheten-Redaktion). Die Traditi- on über ihn ist so knapp und unscheinbar, dass er als zweiter König Israels oft ganz vergessen wird – aber zu Unrecht. Schon der Sachverhalt der Nachfolge zeigt, dass der Tod Sauls keine totale Katastrophe für seinen Stämmestaat ge- wesen war. Wenn Eschbaal bei Regierungsantritt 40 Jahre alt war (2 Sam 2,10), regierte Saul eher 32 oder gar 42 als 22 Jahre; aber Eschbaal regierte selbst min- destens 22 Jahre (vgl. 2 Sam 3,1). Dass er in Mahanajim in Gilead residierte, muss nicht als ‚Ausweichen vor den Philistern‘ verstanden werden; allerdings war Benjamin Kriegsgebiet im Konflikt zwischen dem ‚Haus Davids‘ und dem ‚Haus Sauls‘ (2 Sam 2,12–32). Eher diente die Verlegung der Residenz der Festigung des Stammeskönigtums über die benjaminitische Basis hinaus; überdies lag Mahanajim dem ʿArava-Kupferhandelsweg näher als Gibeon. Nach 2 Sam 2,9 machte Sauls hinterlassener Heerführer Abner Eschbaal zum König ‚über‘ Ef- raim, Benjamin und ‚ganz Israel‘ – das Erbe Sauls – und zum König ‚nach‘ Gilead, ‚den Aschuriter‘ und Jesreel. Die ungewöhnliche Präposition ist keine Verschreibung und auch keine spät-bibelhebräische Verwechselung von ʿal und ʾel; die Orthographie ‫ישראל‬ ‫ כלה‬Yiśraʾel kullo von ‚ganz Israel‘ in 2 Sam 2,9 ist archaisch), sondern eine Ellipse: ‚Abner [brachte ihn] nach (Ortsname) und machte ihn [dort] zum Kö- nig‘. Das rätselhafte ‫‚ האשורי‬ha-ʾAšuri‘ ist am ehesten als ‚der Galiläer‘ aufzu- fassen und nur indirekt mit dem Stamm Ascher in Beziehung zu setzen, dessen Name die kanaanäische und phönizische Bezeichnung dieser Landschaft zu sein scheint. Unter Eschbaal sind dann – über das Territorium Sauls hinaus – die reichen Landschaften Gilead, die Jesreel-Ebene und Untergaliläa zu Israel gestoßen – bzw. ein Teil der tribalen Bevölkerung des Nordens, Die Städte der Jesreel-Ebene haben erst Šošenq I. oder sein Nachfolger Jerobeam I. übergeben. Eschbaal hat sein Erbe kräftig gemehrt, es umfasste nun etwa die Hälfte der 10 Stämme des Debora-Liedes Ri 5. Teile des Debora-Liedes sind darum frühestens in die Zeit Eschbaals zu datieren, wobei Jerobeam ben Nebat oder Baascha nicht Saul und Eschbaal | 127 auszuschließen sind. Am Omriden-Hof wurde es verschriftet und um Naftali ergänzt, Dan und Ascher sind Zusätze aus der Zeit Jerobeams II. Das Lied ruft zur Gefolgschaft JHWHs, des Gottes Israels auf: der frühe Staat ist immer eine ‚Theokratie‘. Der reife Staat kann sich durch seine Leistungen gegenüber den Untertanen/Bürgern legitimieren, der frühe Staat ist auf Hoffnung gebaut und braucht für seinen Zusammenhalt ein transzendentes Korsett. Der König kommt an zweiter Stelle: in Ri 5,23 ist aus stichometrischen Gründen entweder ‫מלך‬ méleḵ ‚König‘ oder ‫ יהוה‬zu lesen, aber nicht ‫ מלאך יהוה‬malʾaḵ YHWH ‚der Bote JHWHs‘; mit der Verfluchung von Meros bezieht es sich wahrscheinlich auf den Ort, vor dessen Mauern Saul den Tod fand. Dem Lied ist abzulesen, dass JHWH relativ neu ist: in der Schlacht kämpfen noch die Sterne (5,20; möglicherweise aramäischer Einfluss). Der Name des besiegten Feindes, der einen Plünde- rungszug im Sinn hatte, Sisera, ist am ehesten philistäisch oder teukrisch; dass Sisera als Anführer der ‚Könige Kanaans‘ auftritt, zeigt, wie weit die Seevölker im 10. Jh. akkulturiert waren. Doch haben Seevölker-Gruppen in der südlichen Levante auch Spuren ihrer Herkunft und Wanderung länger beibehalten als lange angenommen wurde (Davis / Maeir / Hitchcock 2015). Als Ganzes ist das Debora-Lied Hofpoesie eines Heer-Königs (war lord). I. Finkelstein, Compositional Phases, Geography and Historical Setting behind Judges 4–5 and 1 the Location of Harosheth-ha-goiim: SJOT 31 (2017) 80–91. 128 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) Abb. 28: Saul / Eschbaal. Saul und Eschbaal | 129 Eine andere Interpretation hat I. Finkelstein (2017) vorgetragen, wonach zwi- schen Ri 4 und Ri 5 zu differenzieren sei. Ri 4 bewahrte Ereignisse aus dem 10./9. Jh. um Barak, Sisera und Jael und die Stadt Anahareth und die Tabor-Region mit dem Hügelland östlich und nordöstlich davon, während hinter Ri 5 eine unab- hängige Tradition einer Konfrontation bei Megiddo ohne Nennung der Akteure stehe; jene sei in der 1. Hälfte des 8. Jh. in Israel unter Einführung von Debora aus der Bethel-Region und Erweiterung des Handlungsraumes durch Sebulon und Naphtali ergänzt, diese sei poetisch und dramatisch mit Debora, Israel und den Nordstämmen gestaltet unter Einbeziehung von Barak, Sisera und Jael aus der prosaischen Ri 4-Tradition. Schließlich sei von einem dtr. Autor des späten 7. Jh. vC Ri 4 gerahmt und mit Jabin und Hazor und JHWHʼs Eingreifen ergänzt, in Ri 5 die JHWH-Preisungen einschließlich v. 31b und der Richterbuch-Rahmen mit dem typi- schen Elementen Versündigung – Bestrafung – Notschrei – Rettung angefügt worden. Nach dem Tod Abners ging es mit Eschbaal bergab, wobei der Krieg zwi- schen dem ‚Haus Sauls‘ und dem ‚Haus Davids‘ (2 Sam 3,1) lediglich eins seiner Probleme war. In seinen letzten Lebensjahren könnte bereits Jerobeam ben Nebat sein Königtum in Sichem proklamiert haben (vgl. § 4.4), und beide Kon- flikte zusammen könnten Šošenq veranlasst haben, den Versuch zu machen, im „Vorgarten Ägyptens“ für stabile Verhältnisse zu sorgen. Das saulidische Israel kam dann wohl durch diesen Pharao an sein Ende. Nach der romanhaften Davidhaus-Geschichte ermorden zwei seiner Offizie- re Eschbaal, von denen einer den kanaanäisch-phönizischen Namen ‫בענא‬ Baʿănaʾ = ‚Ben ʿAnat‘ trägt, um sich beim zukünftigen Sieger gut einzuführen (2 Sam 4). Das ist hübsch und mit dramatischer Ironie erzählt, faktisch lässt sich nicht mehr sagen, als dass David Eschbaals Tod vermutlich nicht mehr erlebt hat und deshalb – im Gegensatz zu seinem Nachfolger und Schwieger-Enkel Rehabeam – nicht davon profitieren konnte. Die Krone Israels kann von einer Delegation von Stammesrepräsentanten erst Rehabeam angeboten worden sein (2 Sam 5,3) – nachdem dieser sie bereits von Šošenq erhalten hatte. In ähnlicher Situation fiel es König Abdullah von Transjordanien 1949 nicht schwer, im Westjordanland, das von seinen Truppen besetzt war, eine Versammlung von Notabeln aufzubieten, die ihn zum König ‚Jordaniens beiderseits des Jor- dans‘ ausriefen. Außer von Großbritannien ist die Annektion der ‚West- bank‘ von 1949–1967 durch Jordanien völkerrechtlich von niemandem aner- kannt worden. Die Dynastie Sauls ist nach ihrem zweiten Vertreter am Ende, der Normalfall in Israel (wie in der arabisch-islamischen Welt des Mittelalters, cf. Ibn Ḫaldūns Muqaddima). Israel wird nun zum Tummelfeld verschiedener Prä- tendenten, von denen die Davididen nur eine Partei bilden – bis Omri Israel zum dritten Mal ‚gründet‘. 130 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) 4.3 David 1 H.M. Niemann, Das Jerusalemer Stadt-Königtum der Davididen und ihr Einflussgebiet im Wan- del (10.–6. Jh.v. Chr.): ZDPV 136 (2020) (im Druck); id., Comments and Questions about the Interpretation of Khirbet Qeiyafa: Talking with Yosef Garfinkel: ZAR 23 (2017) 245–262; O. Sergi / A. Kleiman, The Kingdom of Geshur and the Expansion of Aram-Damascus into the Northern Jordan Valley: Archaeological and Historical Perspectives: BASOR 379 (2018) 1–18; R. Arav, Bethsaida: The Capital City of the Kingdom of Geshur: Z.I. Farber / J.L. Wright eds., Ar- chaeology and History of Eighth-Century Judah (ANEM 23; Atlanta 2018) 79–98; E. Ben-Yosef ed., Mining for Ancient Copper. Essays in Memory of Beno Rothenberg (TAU.MS 37; University Park, Pa. 2018); C. Levin / R. Müller eds., Herrschaftslegitimation in vorderorientalischen Reichen der Eisenzeit (ORA 21; Tübingen 2017); N. Naʾaman, Was Khirbet Qeiyafa a Judahite City? The Case against It: JHS 17, Article 7 (DOI:10.5508/jhs.2017.v17.a7; H.M. 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Als Šošenq das Reich der Sauliden zerstörte, war Davids bereits seit mindestens 5 Jahren tot, denn der Pharao gab Israel als Lehen an Rehabeam, den König von Juda, der als Davids Enkel in der judäischen Königsliste figuriert. Wahrschein- lich war Rehabeam der Schwiegersohn von Davids Sohn Abschalom (vgl. § 4,4). Damit entfällt der zweite Teil der Davidhaus-Geschichte, die sogenannte ‚Thron- folgegeschichte‘, als historische Quelle, aber sie bleibt großartige Literatur; nur in der ‚Geschichte von Davids Aufstieg‘, die mit der Einnahme von Jerusalem in 2 Sam 5 endet, sind noch historische Erinnerungen zu vermuten (Finkelstein 2013). Danach ist Davids Biographie die eines erfolgreichen ʿApiru, der als Frei- schärler und Bandenführer zwischen Schefela und judäischem Bergland be- ginnt, wahrscheinlich mit der Unterstützung des Stadtstaates Gat in Hebron das judäische Stammeskönigtum gründet und 7 Jahre später den Sauliden Jerusa- lem entreißt, womit Juda zum direkten Anlieger einer Kupferhandelsstraße wird (E. Ben-Yosef 2018). Damit war dem ‚Haus Davids‘ genügend anfängliche Stabi- lität gesichert, um auch Thronwirren nach Davids Tod zu überstehen, wenn 132 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) man der ‚Thronfolgegeschichte‘ soweit Glauben schenken kann, dass es derar- tiges gegeben hat. Insgesamt mag Davids Karriere 20 Jahre umfasst haben. Seit dem 9. Jh. ist mit ‚schriftgestütztem Erzählen‘ zu rechnen, seit dem 7. Jh. mit dem Übergang der Traditionspflege in die Hände der Palastschule und ihrer Lehrer. Die David-Tradition ist detailliert, was aber auf novellistische Aus- gestaltungen des 7. und späterer Jahrhunderte zurückgeht, worauf Parallelen mit der aramäischen ‚historischen Novellistik‘ des 7. und 6. Jh. hinweisen (Pa- pyrus Amherst). Die Übertragung des von Rehabeam hinterlassenen judäischen Anspruchs auf die Herrschaft in Israel auf den Dynastiegründer David erfolgte spätestens in den frühen Jahren Joschijas. Der frühe literarische David ist politi- sches Vorbild und persönlich abschreckendes Beispiel zugleich – für einen angehenden König. Wegen ihren Ungeheuerlichkeiten ist die Erzählung lange für glaubwürdig gehalten worden. Sie zeigt einen ebenso gewissenlosen wie erfolgreichen Politiker auf dem Weg zur Macht, der am Ende freilich als Spiel- ball verschiedener Parteien an seinem Hof und als Familienvater scheitert. Die biographische Verbindung zwischen Saul und David ist rein narrativ (damit entfällt auch die sogenannte ‚Ladegeschichte‘ 1 Sam 4–6; 2 Sam 6 als religions- geschichtlicher Datensatz). Diese Verbindung wurde frühestens im 9. Jh. unter Atalja konstruiert, um die Omriden als erfolgreiche Nachfolger beider ‚geschei- terter‘ Staatengründer, Saul wie David, zu präsentieren. Sie wurde allerdings bis ins 4. Jh. im Rahmen des Konflikts zwischen Benjaminitern und Judäern aktua- lisierend forterzählt. Davids Aufstieg vom höfischen Sänger- und Lustknaben (Stefan Heym) zum königlichen Schwiegersohn und General (1 Sam 18,7) trägt nichts zur Information über den Jerusalemer Hof des 10. Jh. bei, die Erzählung wirft aber vielleicht etwas Licht auf Zustände des 9. bis 7. Jh. An seiner messia- nischen Rezeption als Lichtgestalt im nachmonarchischen Israel und seinen Tochterreligionen ist der historische David gänzlich unschuldig. Die ‚Davidser- wählung‘ ist ein Nebenprodukt der Erwählung des Zions als irdischer Wohnsitz des Einen Gottes. Dass David der Gründervater des Stammesstaates (‚Haus Davids‘, 2 Sam 3,1) war, belegt auch die Dan-Inschrift des Aramäer-Königs Hasaëls (HTAT S. 266– 269 Nr. 116). Damit gehört auch Davids Königtum noch zur Kategorie des ‚kom- plexen Häuptlingstum‘ (H.M. Niemann 1993; 2016), wobei alle Unterhäuptlings- tümer zusammen ein beträchtliches Gebiet umfassen können (wie der Vergleich mit den Zulu unter ihren ‚Königen‘ Shaka, Dingane, Mpande und Cetshwayo 1816–1878 nC zeigt). Mit der Gründung des Stammes und Staates Juda und dem Gewinn der Residenz Jerusalem ist David zum Stiefvater des Judentums und ironischerweise zum ersten Verursacher der Heiligkeit Jerusalems für die drei monotheistischen Weltreligionen geworden (samt den politischen Aporien, die David | 133 nunmehr damit verbunden sind). Am Beginn seiner Karriere als Bandenführer auf eigene Rechnung im Süden (wie in 1 Sam 25, wo man kaum umhinkommt, ihn einen Mafioso zu nennen) war der junge David samt seinem Gefolge ein ʿApiru (wie Idrimi von Alalach [s.u.]; vgl. auch Jiftach nach Finkelstein 2016). Mit seiner Schar erprobter Raufbolde trat er möglicherweise in den Dienst des Königs von Gat und erhielt Ziklag (evtl. Tell el-Fāriʿ – ‚Faraʿ Süd‘ oder Tel Seraʿ) zum Lehen – der Bandenführer lernt regieren. In Ziklag hätte David den Auftrag gehabt, den ‚wilden Osten‘ Philistäas im Zaum zu halten. Er erledigte sich seines Auftrages derart, dass er sich bei den Sippen südlich von Jerusalem Freunde schuf (Jerachmeëliter, Keniter; 1 Sam 27,6–12; 30) – hier ‚integriert’ der literarische David einen Bereich, in den das Königreich Juda erst in der 2. Hälfte des 9. Jh. vorstieß. Auch kamelreitende Amalekiter hat es vor dem letzten Drittel des 10. Jh. nicht gegeben. Schließlich erobert er das kalibbitische Hebron und gründet dort das Stammeskönigtum Juda, ohne mit Gat gebrochen zu haben. 2 Sam 2,1–4a: in 2,1 holt er die vor ei- nem Feldzug üblichen Orakel ein, in 2,3 gibt er erobertes Territorium seinem Gefolge zum Lehen; die Erzählung der Eroberung Hebrons selbst ist aus Grün- den der judäischen Sozialpsychohygiene unterdrückt. 2 Sam 2,4 erweckt den irrigen Eindruck (was explizit nicht gesagt wird), dass Saul zu diesem Zeitpunkt gerade eben gefallen sei. Die bisherigen Taten Davids geschahen augenschein- lich zu Lebzeiten Sauls. Der Krieg zwischen dem ‚Haus Davids’ und dem ‚Haus Sauls’ mag zu dieser Zeit begonnen haben – immerhin war David Vasall von Gat, Saul im Zweifelsfall eher mit Ekron im Bund, um freie Hand für seine Ex- pansionspolitik im Norden zu haben. Dass David zugleich gegen ‚Philister’ kämpfte, ist plausibel, solange es sich dabei um Philister aus Ekron handelte (2 Sam 5,18–25). Spätestens im 7. Jh. wurde das ‚Vereinigte israelitisch-judäische König- reich‘ vom gescheiterten Rehabeam auf die Heldengestalt David übertragen. Der literarische David versucht, die Herrschaft der Sauliden in Israel systematisch zu destabilisieren (2 Sam 2,4b–7; 3,12–21). Nach dem Tod Eschbaals reklamiert er das israelitische Erbe. Wie Juda (2 Sam 2,4) wird auch dieses Königtum als ein (komplexes) Häuptlingstum (‘Wahlkönigtum’) geschildert: die Oberherrschaft Davids basiert auf der Zustimmung der Stämme (2 Sam 5,1–3); für die Stämme ist dies ein ‚Vertrag auf Gegenseitigkeit’, für den König – am Ende des 7. Jh. – eine Versuchung, darin eine ‫ ברית‬bǝrit, einen ‚Unterwerfungsvertrag’ nach assyrischem Vorbild zu sehen, wie 1 Kön 12,1–20 zeigt. (eine ‫ ברית‬ist kein ‚Bund‘ wie im Bibeldeutschen). Die kommunikative Asymmetrie der Amarna- Zeit droht, sich zu wiederholen (vgl. § 2.1). Die Zustimmung der Stämme ist, wie die folgenden ‚Aufstände‘ zeigen, weder unbedingt noch ungeteilt. In 1 Kön 12 134 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) kündigt Israel dem ‚Haus Davids‘ die Gefolgschaft endgültig auf. Auch das fikti- ve ‚Vereinigte Königreich‘ des 7. Jh. ist keine Real-Union (wie zwischen England und Schottland seit 1707), sondern eine Personalunion (wie zwischen England und Hannover 1714–1837). Historisch relevant ist daran, dass die Lehrer Joschi- jas in der 2. Hälfte des 7. Jh. vC es für nötig hielten, den Kind-König mit den Erzählungen auf die Bedeutung des tribalen Elements im eigenen Königreich so energisch hinzuweisen. Die Königtümer von Israel und Juda waren unabhängig voneinander entstanden und bleiben hier staatsrechtlich getrennt. Judäer wa- ren im 10. Jh., aber auch im 7. Jh. noch keine ‚Israeliten‘. Wie wenig Davids Herrschaft von der Mehrheit der Israeliten unbedingt und ungeteilt akzeptiert wurde, zeigen exemplarisch die Aufstände unter Abscha- lom (2 Sam 15–18) und Scheba (2 Sam 20). Der Bericht von Joabs Feldzug gegen Scheba bis in den äußersten Norden Israels, zur aramäischen Stadt Abel Bet Maacha (2 Sam 20), ist problematisch; der Konstruktion liegt die Idee eines ‚Ganz-Israel‘ ‚von Dan bis Beerscheba‘ zugrunde, die es im 10. Jh. noch nicht gab, weil sie frühestens unter Jerobeam II. im 8. Jh. entstehen konnte (vgl. Jos 13,13). Diesem Feldzugsziel weit im Norden widerspricht auch Davids Heirats- (d.h. Allianz-)politik mit Aram-Geschur (2 Sam 3,3), dessen damalige Haupt- stadt (nach Finkelstein 1999) Kinneret/Tel Kinrot V war, die Tel Hadar abgelöst hatte und im 9. Jh. ihrerseits von et-Tell/Pseudo-„Betsaida“, abgelöst wurde (R. Arav 2018), Hauptort einer Politie unter Hasaels Einfluss, die vermutlich nach 800 vC unter den Einfluss Israels kam (Sergi / Kleiman 2018). Scheba war Ben- jaminit und sein ‚Aufstand‘ eine judäisch-benjaminitische Auseinandersetzung. Die ‚Stadt und Mutter in Israel‘, die Scheba ausliefert, ist vermutlich Gibeon. Ein Krieg Davids mit dem Stamm Benjamin ist möglich, seine Herrschaft über Ben- jamin, Süd-Efraim (2 Sam 13,23) und Gilead (2 Sam 17,22–19,15) nicht. Die Liste der Offiziere Davids in 2 Sam 23,8–39, die sein Einflussgebiet andeutet, erfasst die ganze philistäische Peripherie in Mittel- und Süd-Palästina und ist eher Rehabeam zuzuordnen, dem Vasallen Šošenqs (vgl. oben S. 96 Abb. 12B; karto- graphische Umsetzung der „Heldenliste Davids“ 2 Sam 23,8-39: P. Kyle McCar- ter, II Samuel [The Anchor Bible 9; Garden City, NY 1984] 529). Archäologisch fehlen im samarischen und judäischen Gebirge Indizien für eine professionali- sierte Herrschaft im 10. Jh. wie z.B. Bürokratie und zentrale Bauplanung (H.M. Niemann 1993; 1997). Wie effizient David also in Israel (strukturelle) Macht aus- üben konnte, ist eine offene Frage. Die Art und Weise, wie David in den Besitz Jerusalems gelangte (2 Sam 5,6– 10), bleibt unklar, der Text ist weitgehend unverständlich; wahrscheinlich eher durch einen Kapitulationsvertrag als eine Eroberung, denn Jerusalem behielt weitgehende kulturelle Eigenständigkeit (vgl. 1 Kön 1–2, wo die Stadt-Elite die David | 135 Clan-/Stammes-Elite ausschaltet, und Ez 16,3). Da David das südliche und nörd- liche Umland Jerusalems kontrollierte (Niemann 2016; 2019; 2020), die Rücken- deckung von Gat hatte und Eschbaals Herrschaft möglicherweise schwächelte, war es für die Stadt ein Gebot der Vernunft, sich mit David gutzustellen. Sollte dabei das Kalkül eine Rolle gespielt haben, auf diese Weise die Rivalin Gibeon auszustechen, wäre es dann unter der Herrschaft Rehabeams – Šošenq sei Dank – aufgegangen (vgl. § 4.4). Jerusalem wurde die Residenz Davids, die ‚Haupt- stadt‘ der ‚vereinigten Königtümer‘ wurde es aber auch nicht unter Rehabeam: Hauptort auf dem Gebirge Juda blieb zunächst Hebron, was auch daran deutlich wird, dass Abschalom seinen Putsch gegen den Vater von diesem traditionsrei- chen Ort begann (2 Sam 15, 7–12). Hauptort Israels blieb bis zu dessen Zerstö- rung durch den Pharao Gibeon, auch wenn Eschbaal (seit der Okkupation von Jerusalem durch David?) in Mahanaim residierte (2 Sam 2,8–9). Noch im 9. Jh. und 8. Jh. hatten die Omriden wie die Nimschiden keine Hauptstädte, sondern nur Residenzen (H.M. Niemann 2007). Wo lag die Residenz Davids nach seiner Übernahme Jerusalems? Auf dem Jerusalemer Südosthügel? Auf dem heutigen Tempelplatz? Die Frage wird sich nicht mit Sicherheit beantworten lassen, weil die neuere Hypothese, dass sie auf dem Tempelplatz lag, sich nicht beweisen lässt, weil wegen der einzigarti- gen Konzentration von Jahrtausende umfassender Geschichte und der religiö- sen Würde dieses Ortes dort keine Ausgrabungen stattfinden können. Aber in der näheren Umgebung haben in den letzten Jahrzehnten Untersuchungen stattgefunden, die es erlauben, Vermutungen anzustellen. Im folgenden Exkurs wird dem zusammenfassend nachgegangen, was im Moment zur Siedlungsge- schichte und Entwicklung Jerusalems gesagt werden kann. 136 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) 4.4 Exkurs: Die baugeschichtliche und demographische Entwicklung Jerusalems 1 A. Mazar, Jerusalem in the 10th Century B.C.E.: A Response: ZDPV 136 (2020), im Druck; H.M. Niemann, Das Jerusalemer Stadt-Königtum der Davididen und ihr Einflussgebiet im Wandel (10.–6. Jh. v. Chr.): ZDPV 136 (2020) im Druck; L. 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Das bedeutet, dass die nur kurze Blüte (bis ca. 1700 vC) Jerusalems mindestens hinsichtlich der Größe zwar im Vergleich zum zeitgenössischen Hazor (63 ha), Aschkelon (60 ha) sehr beschei- den, im Vergleich mit Sichem (4,3 ha), und Hebron (Eisenberg 2011: 3,5 ha) immerhin gleichrangig, im Vergleich zu Silo (1,7 ha) und Bet-El (2 ha) leicht überlegen war (Bieberstein 2017, 24–37). Die Bevölkerung Jerusalems wird für die Mittelbronzezeit zwischen 1.000 (Steiner 2001, 22) und 500–700 Personen (Geva 2014, 137) geschätzt. Bereits in der Mittelbronzezeit begannen Arbeiten zum Schutz der Gihonquelle und zur Stützung des Ostabhangs des Südosthü- gels (Bieberstein 2017, 30–35), immer wieder mit Renovierungen bis ins (späte?) 9. Jh. vC (Finkelstein 2018, 192f). Exkurs: Die baugeschichtliche und demographische Entwicklung Jerusalems | 139 Abb. 29: Jerusalem in der Mittelbronzezeit (K. Bieberstein, A Brief History of Jerusalem. From the Earliest Settlement to the Destruction of the City in AD 70 (ADPV 47; Wiesbaden 2017, 26 Fig. 4. Mit Erlaubnis des Autors). 140 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) Abb. 30: Jerusalem in der Spätbronzezeit mit der sog. Davidstadt auf dem Südosthügel (K. Bieberstein, A Brief History of Jerusalem. From the Earliest Settlement to the Destruction of the City in AD 70 (ADPV 47; Wiesbaden 2017, 39 Fig. 12. Mit Erlaubnis des Autors). Exkurs: Die baugeschichtliche und demographische Entwicklung Jerusalems | 141 Abb. 31: Jerusalem in der Eisenzeit IIA (K. Bieberstein, A Brief History of Jerusalem. From the Earliest Settlement to the Destruction of the City in AD 70 (ADPV 47; Wiesbaden 2017, 52 Fig. 16. Mit Erlaubnis des Autors). Vgl. auch unten Abb. 35. 142 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) Die Spätbronzezeit wird durch Konflikte des Stadtherrschers Abdi-Ḫepa mit seinen westlichen Nachbarn in Gezer und Gat gekennzeichnet, die die Amarna- Briefe spiegeln (Naʾaman 1997, 607f; 2005; 2011; Finkelstein 1996). Umfang und Einwohnerzahl gingen zurück gegenüber der auch nicht großen Mittelbronze- zeit-Siedlung. Jerusalem der Spätbronzezeit, aus der im Ophelbereich (südöst- lich der Umfassungsmauer des heutigen Tempelplatzes) Siegelbullen gefunden wurden (Mazar and Ben-Arie 2015), war nur ein kleiner Weiler, ein Herrschafts- oder Fürstensitz (Bieberstein 2017, 37–41; Steiner 2007; Finkelstein u.a. 2011, 2f.11). Auch in der Eisenzeit I (1250/1150–950/925 vC) sind die archäologischen Funde äußerst spärlich. Bieberstein erwähnt 2 Mauerzüge, einen Bodenrest und Fragmente eines „collar rim jar“ sowie Terrassen am Südosthang der sog. Da- vidstadt, die sich über Hausreste der Eisenzeit I ziehen (Bieberstein 2017, 42–50; Steiner 2007; Finkelstein u.a. 2011, 12; Finkelstein 2018). Damit datieren die Terrassen frühestens aus dem späten 12./frühen 11. Jh. Wenn man berücksich- tigt, dass nach Finkelstein (2011a, 124–126) die sog. „collared rim jars“ vor allem ins 11. Jh. gehören, kann man die Terrassen sogar erst ins späte 11./frühe 10. Jh. datieren (Sergi, 2017, 3). Die als Mantel über die Terrassen gelegte sog. „Stepped Stone Structure“ stammt wohl aus der späten Eisenzeit IIA (ca. 880 – 835/800 vC) (Steiner 2001, 24–53; 2007; Finkelstein u.a. 2011, 5.12.; Finkelstein 2012, 841; Franklin 2014; Bieberstein 2017, 53). An dem ganzen Stützsystem (Abb. 32) ist wohl Jahrhunderte immer wieder gearbeitet worden (Finkelstein 2018). A. Mazar (2020) vertritt allerdings die Meinung, dass die „Stepped Stone Structure“ und die nordwestlich davon von E. Mazar (2007; 2009) ausgegrabene sog. „Large Stone Structure“ (s. u. Abb. 33) einen älteren zusammenhängenden, vermutlich bis ins frühe 6. Jh. genutzten Baukomplex bilden, der am Ende der Eisenzeit I (11.–frühes 10. Jh. vC) oder spätestens, durch Keramik der Eisenzeit IIA über der „Stepped Stone Structure“ belegt, in der frühen Eisenzeit IIA (10.[– 9.?] Jh.) errichtet wurde. Die Terrassen wurden nicht angelegt, um neuen Sied- lungsplatz zu schaffen, sondern als Stützung eines Gebäudekomplexes (Steiner 2001, 39. 113; Finkelstein u.a. 2011, 12), der (ein) Sitz des Stadtherrschers war. Bei der „Large Stone Structure“ (E. Mazar 2007; 2009; 2015a, 459 Plan III.1.1., 462 Plan III.1.2) könnte es sich um diesen Baukomplex handeln. Es scheint ins- gesamt z.Zt. am wahrscheinlichsten, dass der davidische Herrschersitz zunächst oberhalb der Terrassen der Eisenzeit I lag und bis zur späten Eisenzeit IIA in Gebrauch blieb. Sonst hätte man nicht in der späten Eisenzeit IIA die aufwändi- ge „Stepped Stone Structure“ errichtet. Doch entstanden daneben in der frühen Eisenzeit IIA auf dem Ophel südlich des Tempelplatzes Gebäude (s.u.).   Exkurs: Die baugeschichtliche und demographische Entwicklung Jerusalems | 143 Abb. 32: Terrassen der frühen Eisenzeit I, „Stepped Stone Structure“ der späten Eisenzeit IIA, Häuser der Eisenzeit IIC, Stadtmauer und Türme der Hasmonäerzeit (Zeichnung: K. Bieberstein, A Brief History of Jerusalem. From the Earliest Settlement to the Destruction of the City in AD 70 [ADPV 47; Wiesbaden 2017] 45 Fig. 14. Mit Erlaubnis des Autors). Dieselbe Situation wie Abb. 32 zeigt fotografisch Abb. 36 (unten). Jerusalem war dennoch im 10. Jh. z.Zt. Davids eine bescheidene Siedlung. Man kann sie ein großes Gehöft nennen im Sinne eines „Hofes“ eines lokal- regionalen Herrschers (Steiner 2007, 71; Finkelstein 1996, 235) mit einem Ge- bäudekomplex über der „Stepped Stone Structure“ und der seit der Mittelbron- zezeit befestigten Gihon-Quelle, die mit dem Gebäudekomplex durch einen gemauerten Korridor verbunden war (Rekonstruktionszeichnung: Uziel/Ba- ruch/Szanton 2019, 179 Fig 9.4, s.u. Abb. 34) sowie einzelnen administrativen Bauten im „Ophel“-Gebiet (s.u. Abb. 33), das nicht mit „Millo“ (d.h. eine „Fül- lung“ oder „Aufschüttung“ am nordöstlichen Rand der sog. Davidstadt [= Süd- osthügel] bzw. südlich des Tempelplatzes) gleichgesetzt werden kann (Bieber- stein 2019a gegen Franklin 2014), sondern nördlich des Wassertors (Neh 3,26– 27) lag, während sich der „Millo“ als Stütze unterhalb der frühen David-„Burg“ („Lar- ge Stone Structure“?) südlich des Wassertors befand (Neh 12,37; Karten bei E. Mazar 2007, 12.26; 2015a, 459). Bieberstein rechnet mit ca. 1 ha Fläche und ca. 200 Einwoh- nern (2017, 49–50; vgl. u.a. Finkelstein 1996, 244–246; Lipinski 2007; Geva 2014). 144 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) Abb. 33: Jerusalem, Südost- hügel mit sog. „Large Stone Structure“ nach E. Mazar, Pre- liminary Report on the City of David Excavations 2005 at the Visitor Center Area (Jerusalem and New York 2007) p. 12.26. Biblisch sind Bauarbeiten Davids in 2 Sam 5,9 (1 Chr 11,8) an „Haus“ (Burg) und „Millo“ belegt, wohl unzutreffend ohne archäologische Stütze auch Salomo (1 Kön 9,15.24; 11,27) und Hiskija (2 Chr 32,5) zugeschrieben. Nach Knauf (2000) war schon in der Spätbronzezeit und nach Finkelstein, Koch und Lipschitz Exkurs: Die baugeschichtliche und demographische Entwicklung Jerusalems | 145 (2011; Finkelstein 2015; 2018; vgl. Knauf 2014) sogar schon in der Mittelbronze- zeit der Herrschaftssitz auf der Kuppe, dem heutigen Tempelberg gegründet worden. Bieberstein (2017, 48–59) hält es nicht für ausgeschlossen, dass die Palast-Tempel-Akropolis auf dem Tempelberg bereits in der Zeit Salomos (10. Jh.) errichtet oder begonnen wurde, aber sie wurde wohl erst in der späten Ei- senzeit IIA, d.h. zwischen 880 und 800(–750) vC von einer Mauer umgeben. Ummauerungen in Lachisch IV, Beerscheva V und Arad XI stammen auch erst aus dieser Zeit (Finkelstein 2001; Herzog and Singer-Avitz 2004; Finkelstein and Piasetzky 2009; 2010; Finkelstein u.a. 2011, 6. 12; Finkelstein 2015). Abb. 34: Jerusalem, Südosthügel (Blickrichtung Osten) mit Gihonquelle und befestigtem Zu- gang von der Siedlung her. Rekonstruktionsversuch: J. Uziel / Y. Baruch / N. Szanton, Jerusa- lem in the Late Bronze Age – The Glass Half Full: A.M. Maeir / I. Shai / C. McKinny eds., The Late Bronze and Early Iron Ages of Southern Canaan (Archaeology of the Biblical World, 2; Berlin / Boston 2019) 171–184), p. 179 fig. 9.4. Bieberstein (2017, 48–59) will angesichts der starken biblischen Tradition, die den Tempel und Palast mit Salomo in Verbindung bringt, nicht ausschließen, dass die neue Akropolis schon von Salomo errichtet wurde, der vielleicht ein vorsalomonisches Heiligtum übernommen hat (2 Sam 12,20; 22,7), aber die in 1 Kön 6–7 beschriebenen Bauten spiegeln eher Bauten der späten Eisenzeit IIA oder IIB wieder. Für die Datierung ins späte 9. Jh. sprechen auch vergleichbare Tempel von Tell Tayinat und Moẓa (Bieberstein 2017, 49, Anm. 142; Bieberstein 2019). Wenn die „Stepped Stone Structure“ in der späten Eisenzeit IIA angelegt wurde, deutet dies darauf hin, dass der alte Herrschaftssitz oberhalb derselben auch in dieser Zeit noch in Gebrauch war und die neue Akropolis (auf dem 146 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) Tempelberg) erst in einer fortgeschrittenen Phase der späten Eisenzeit IIA, ver- mutlich nach dem Vorbild von Samaria, errichtet wurde, als auch Lachisch Stratum IV einen Stadtmauerring erhielt. Damit ist an den Zeitraum von ca. 840–750 zu denken, wo gemeinsame Aktionen Israels und Judas möglich und wahrscheinlich sind (Niemann 2011, 332–333). Neuere Grabungen gibt es im Nord(ost)en des Südosthügels, dem Ophel- Bereich (E. Mazar, Ben-Shlomo and Ahituv 2013; E. Mazar 2015; 2018). Mazar stieß an vier Stellen auf fragmentarische Befunde, die sie zu einer „Fortified Enclosure“ von 38,1 x 20,5 m verband, die zumindest an der dem Kidrontal zu- gewandten Seite Kasematten aufwies, und datiert sie in die frühe Eisenzeit II A1. Die sogenannte „Fortified Enclosure“ hat wohl nicht lange bestanden, sondern wurde ihr zufolge sehr bald überbaut, als in der frühen Eisenzeit IIA2 nordöst- lich derselben der sog. „Great Projecting Tower“ und in der frühen Eisenzeit IIA3 südwestlich derselben eine „Royal Bakery“, ein „Gatehouse“ und zwei zum Tal vorspringende Türme und zuletzt zwischen dem „Great Projecting Tower“ und der „Royal Bakery“ eine verbindende Mauer mit beachtlichen Quadern errichtet wurde, die an der östlichen Hangkante des Ophel möglicherweise als Stadtmauer diente (Mazar 2015a, 462 mit Plan III.1.2.). Die „Fortified Enclosure“ der frühen Eisenzeit IIA1 war nach E. Mazar unbefestigt und erst die folgenden Gebäude der frühen Eisenzeit IIA2–3 besaßen respektable Verbindungsmauern aus Quaderwerk, die wie eine frühe Stadtmauer wirken. Die „Stepped Stone Structure“ markiert vielleicht bis zur späten Eisenzeit IIA den südlichsten Punkt des davidischen Jerusalem. Etwas weiter nordwestlich im Bereich des sog. Givʿati Parking Lot beim Misttor (Ben-Ami 2014; Bieberstein 2017, 51f) traten Reste von eher einfachen Behausungen aus dem 9. Jh. zutage. Das bedeutet, dass in dieser Zeit der Südabhang des Tempelberges begonnen wurde zu be- bauen (Finkelstein 2018), während auf dem Südosthügel im wesentlich nur über und wenig südlich des Gihon Bauten zur Sicherung der Quelle existierten bzw. errichtet wurden, die nach D. Ben-Ami auch nicht in die von Finkelstein u.a. vermutete Ummauerung der Residenz auf dem Tempelberg einbezogen waren (Ben-Ami 2014; Finkelstein 2015, 198f). Der bisher in der Forschung als „David- stadt“ hoch geschätzte Südosthügel gehörte, abgesehen von den evtl. mit David zu verbindenden Bauten („Large Stone Structure“) über der „Stepped Stone Structure“ und den Ophel-Bauten, als die Residenz der Davididen schließlich im Norden auf dem Tempelplatz lag, anscheinend zu den ärmeren Sektoren Jerusa- lems, wenn man wenig Knochenfunde/Fleischkonsum in diesem Bereich so interpretieren darf (L. Sapir-Hen 2019, 230). Finkelstein schätzt den Umfang der Siedlung Jerusalem in dieser Phase auf ca. 8,5 ha, während die Residenz auf dem Tempelberg ca. 5 ha umfasst habe (Finkelstein 2015, 198f). Exkurs: Die baugeschichtliche und demographische Entwicklung Jerusalems | 147 In Jerusalem erwähnt wohl nicht zufällig erstmals 2 Kön 14,13 z.Zt. von Kö- nig Joasch von Israel (802–787 vC) eine Stadtmauer. Die Nichtummauerung bis in die späte Eisenzeit IIA spricht für eine bis dahin strukturell-organisatorische Schwäche von Herrschaft und Staat der Davididen in Jerusalem (Niemann 2020). Finkelstein, Koch und Lipschits (2011, 6; vgl. Finkelstein 2015, 199) halten es allerdings für unlogisch, dass Jerusalem nicht ummauert gewesen sein soll, wenn die o.g. judäischen Städte im Lande ummauert und befestigt wurden. Aber es muss nicht unlogisch sein, wenn eine stadtsässige Herrschaft in Jerusa- lem die evtl. gefährdeten Außengrenzen des Einflussbereichs mit befestigten Siedlungen deutlich markiert (Lachisch im Westen, Beerscheva und Arad im Süden) und danach erst oder bei akuter Bedrohung die bisher nichtummauerte, durch umliegende Abhänge und Täler im Osten, Westen, und auch im Nordwes- ten einigermaßen gesicherte Bergfestung als Zentrum und Residenz einer flexib- len Herrschaft von „war lords“ sicherheitshalber mit einer Mauer umgibt, auch deshalb, weil sie an der Nord-Grenze des beanspruchten Gebietes liegt. Damit wäre die Jerusalemer Herrschaft der Davididen partiell und zeitweise eine struk- turelle Parallele zu Samaria, das wie Jerusalem eine Residenzfestung war, wobei Samaria allerdings – mitten im beherrschten Gebiet liegend und deshalb weni- ger gefährdet – neben der starken Kasemattenmauer vermutlich keine weitere eisenzeitliche Stadtmauer besaß (Niemann 2007). Wenn Lachisch Stratum IV in die späte Eisenzeit IIA gehört, können Lachisch und Jerusalem dann zur selben Zeit vom selben Architekten gebaut und von einer Stadtmauer umgeben worden sein. Aber wo lag nun die von Joasch von Israel eingerissene Stadtmauer Jerusa- lems? Hier setzt – in Fortführung von Knauf (2000) – die Hypothese von Finkel- stein, Koch und Lipschits (2011) ein. Sie schlagen vor, Jerusalem der Bronzezeit und frühen Eisenzeit auf dem bzw. unter dem Herodianischen Tempelplateau zu suchen, was den relativen Mangel an Funden aus der Bronzezeit erklären soll. Dabei sollte man allerdings die sog. Kenyon-Shiloh-Mauer und den Sicher- heits-Korridor zur Gihonquelle aus der Mittelbronzezeit (Bieberstein 2017, 25– 33; Finkelstein 2018, 192f) und die o.g. – wenn auch spärlichen – Befunde der Spätbronzezeit und besonders die aus der frühen Eisenzeit (die Terrassen der Eisenzeit I), die „Stepped Stone Structure“ (und die „Large Stone Structure“?) der späten Eisenzeit IIA nicht vergessen. Gegen den Einwand, dass man dann am Rande des Südosthügels Funde aus der Mittel-, Spätbronze und der Eisen- zeit I–IIA hätte entdecken müssen, weisen sie auf die Kleinheit des „Mound on the Mount“ hin, auf die gute Verteidigungsmöglichkeit durch Kidron-, Ty- ropoion- und Bethesda-Tal. Auch im Nordwesten gebe es einen Graben. Wenn Tempel und Palast (Paläste) am höchsten Punkt des „Mound on the Mount“ gelegen habe (alles im Nordwestteil), sei der gesamte Süden und Osten des 148 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) Hügels frei für die Stadt, die genauso im 2. und frühen 1. Jt. bis vor der Eisenzeit IIB strukturiert gewesen sein könne, ebenso nach 587 vC bis zu der späthellenis- tischen Ausdehnung der Stadt. Finkelstein, Koch und Lipschits betonen aller- dings mit Recht, dass es sich um eine Hypothese handele. Das Problem der Entferntheit der Tempel-Palast-Siedlung auf dem Tempelberg von der Gihonquelle wollen Finkelstein, Koch und Lipschits (2011, 10) mit dem Hinweis auf Zisternen lösen. Uziel und Szanton (2015) meinen, dass die mittelbronzezeit- liche Befestigung der Gihonquelle auch in der Eisenzeit noch intakt und wirk- sam gewesen sei. Sie haben an der Nordseite des mittelbronzezeitlichen Korri- dors zum Gihon (Abb. bei Bieberstein 2017, 31 Fig. 7–8; 33 Fig. 9; s.o. unsere Abb. 34) zwar einen Anbau der späten Eisenzeit IIA ausgegraben. Aber dieser Anbau beweist nach Bieberstein nur, dass die Nordmauer des mittelbronzezeit- lichen Korridors noch so hoch anstand, dass man einen Schuppen anlehnen konnte, nicht aber, dass der Korridor noch seinem ursprünglichen Zweck als geschützter Zugang zur Quelle diente. Denn das würde voraussetzen, dass der Südosthügel in der späten Eisenzeit IIA (noch? wieder?) eine Stadtmauer hatte. Wahrscheinlich war der Korridor nur noch eine funktionslose Ruine, und wenn der Quellturm, wie die 14C-Daten nahelegen, im 9. Jh. noch einmal saniert wur- de, könnte er auch als Haus an der Quelle gedient haben, an der der Fischmarkt war (K. Bieberstein). Die Hypothese von Finkelstein, Koch und Lipschits besteht also – wie schon bei Knauf (2000) – u.a. darin, den bisher immer äußerst wich- tig genommenen Südosthügel in seiner Bedeutung als „Davidstadt“ zu relativie- ren: Entweder lagen Jerusalemer Tempel und Palast auf bzw. unter dem heuti- gen Tempelplatz. Dann war – neben Tempel und Palast auf dem Tempelplatz – die Stadt Jerusalem auf dem Südosthügel in Spätbronze-, Eisen-I- und Eisen IIA- sowie Perser- und frühhellenistischer Zeit eine relativ dürftige Streu-Siedlung. Oder – wie Finkelstein, Koch und Lipschits vorschlagen – die Stadt Jerusalem lag einschließlich Tempel und Palast/Palästen auf dem Tempelplateau, befes- tigt nur in der Mittelbronzezeit und ab Eisenzeit IIB, und hatte auf dem Süd- osthügel auch noch eine angeschlossene Streusiedlung. Voll aufgesiedelt waren Südost- und Südwesthügel nur in Eisenzeit IIB und IIC. In der Eisenzeit IIC wur- de der Abhang unterhalb der „Stepped Stone Structure“ erst richtig besiedelt (s.u. Abb. 36). Südost- und Südwesthügel waren dann wieder ab späthellenisti- scher Zeit stark besiedelt (Finkelstein 2015). Wie auch immer, auf dem Südosthügel bestand – außer der „Stepped Stone Structure“ von Stratum 14 aus der späten Eisenzeit IIA (Bieberstein 2017, 53f) und dem darüber anzunehmenden Herrschaftssitz – nur eine Streubesiedlung in der späten Eisenzeit IIA, sie lag gemäß den Hypothesen von Knauf sowie Finkelstein, Koch und Lipschits dann außerhalb der Stadt mit landwirtschaftli- Exkurs: Die baugeschichtliche und demographische Entwicklung Jerusalems | 149 chen Installationen und Flächen (Gärten?), versorgt von der Gihonquelle. Kein archäologischer Hinweis auf bedeutende Gebäude findet sich dort für das 10. oder 9. Jh. in Stratum 13 der Ausgrabung von Y. Shiloh (de Groot and Bernick- Greenberg 2012, 34f; Bieberstein 2017, 50–52). Die Funde und Befunde der „final phase of Iron Age IIA“ (ca. 835–750 vC) in Y. Shiloh´s Stratum 13 (Bieberstein 2017, 54f) sind so bescheiden, dass L. Singer-Avitz (2012, 11–12) fragt, ob man von einem eigenen Stratum sprechen kann. Die „Stepped Stone Structure“ aus der späten Eisenzeit IIA (Bieberstein 2017, 53f) neben der Streubesiedlung zeigt, dass der von ihr gestützte Gebäudekomplex (Franklin 2014) oben auf der Hügel- kante wohl in Benutzung blieb, als auf der Kuppe (seit Salomo?) begonnen worden war zu bauen. Wenn man die Situation einer Palast-Tempel-Akropolis auf der Kuppe und einer begleitenden Streusiedlung auf dem Südosthügel be- trachtet, erinnert das wiederum an die strukturell vergleichbare Residenz Sama- ria mit starker Palastfestung und nur Streubesiedlung auf den Abhängen (Nie- mann 2007): Samaria (1. Hälfte des 9. Jh.) könnte als Vorbild für den Ausbau Jerusalems im weiteren Verlauf des 9. Jh. z.Zt. der israelitisch-judäischen Köni- gin Atalja aus dem Hause Omri gedient haben (2 Kön 11; 2 Chr 22,10–23,21), bis Joasch von Samaria die Ambitionen des kleinen südlichen Nachbarn wieder zurückstutzte (2 Kön 14,8–14). Usija von Juda scheint als Juniorpartner des mächtigen Jerobeam II. Lehren aus dem törichten Handeln seines Vaters Amaz- ja (2 Kön 14,8–14) gezogen zu haben, was ihm Freiraum für eigene Unterneh- mungen (2 Chr 26) unter der Schirmherrschaft Jerobeams II. ermöglichte. Bieberstein (2017, 57–59) zieht aus seinen Beobachtungen den – von Knauf (2000) sowie Finkelstein, Koch und Lipschits (2011) abweichenden – Schluss, dass der Jerusalemer Herrschaftssitz der Spätbronze- und Eisen-I-Zeit oberhalb der sog. „Stepped Stone Structure“ frühestens in salomonischer oder eher spä- terer Zeit (späte Eisenzeit IIA, zwischen 880 und 800/750 vC) von der nordöstli- chen Hügelkante des Sporns weiter nach Norden auf den heutigen Tempelplatz verlegt und ummauert wurde und sich eine Streusiedlung begleitend auf den Südosthügel im Süden ausbreitete. Der Fund von 10 Siegeln und Skarabäen und mehr als 170 Siegelbullen(-fragmenten) (R. Reich / E. Shukron / O. Lernau 2007; R. Reich 2011; O. Keel 2012) zeigt dann, dass am Ende der Eisenzeit IIA (zwi- schen ca. 830 und 750 vC) Jerusalem zu einem kleinen Verwaltungssitz der Da- vididen geworden war. Man kann mit dieser Entwicklung seit der Herrschaft des Davididen Amazja (801–773) und Joasch von Israel (802–787) rechnen, als die Davididen in den (positiven wie negativen) Windschatten des mächtigeren Isra- el gerieten. Unter den Nachfolgern Asarja/Ussija (773–756/36) und Jerobeam II. (787–747) war die Übermacht Israels klar, was Asarja/Ussija bei Abstimmung mit dem „großen Bruder im Norden“ anscheinend Freiräume zur Stabilisation 150 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) und Expansion (2 Chr 26,2.6–10) geboten hatte. Als sich die Herrschaft in Sama- ria nach dem Untergang der Nimschiden-Dynastie 747 in den chaotischen Jahr- zehnten zwischen 747 und 720 selbst durch häufige Umstürze lähmte und die Assy- rer Israel bedrohten, wurde wahrscheinlich der Griff auf den kleinen südlichen Nachbarn in Jerusalem lockerer. In Jerusalem und Juda herrschte vergleichsweise Ruhe. Damit wird ein deutlicher Aufstieg Jerusalems möglich, der Jerusalem (erst- mals!) unter Hiskija und Manasse (zwischen 725 und 642 vC) zu ungeahnter Größe führte (Abb. 35): Erst jetzt wurde es zu einer großen Stadt mit bis 60 ha Fläche, ca. 12.000 Einwohnern und mit einer Ummauerung (Finkelstein and Silberman 2006a, 263–265), deren Teilstücke Bieberstein (2017, 63–70) zusammengestellt hat. Wichtig sind bei dieser Entwicklung die Einbeziehung in das assyrische Weltwirtschaftssystem und die Bevölkerungssteigerung durch den Zufluss von Israeliten aus Südsamarien nach 720/19 vC (Finkelstein and Silberman 2006a, 264–269; Naʾaman 2014; Finkelstein 2015), außerdem eine seit Hiskija begin- nende Kompilation einer Ideologie/Theologie, die die Integration von zuge- wanderten Israeliten fördern sollte. Diese Theologie unterstrich rückwirkend ein einheitliches „Israel“ mit Zentrum Jerusalem und vergoldete narrativ das Bild Jerusalems und seiner Dynastie so, wie es heute im biblischen Text entgegen dem realhistorischen Verlauf erscheint. Es ist freilich auffällig, dass die „Re- form“ Hiskias (2 Kön 18,3–6), wenn die Interpretation von Finkelstein und Sil- berman zu einem bewussten Abbau von Kultstätten im Lande richtig ist, sich auf königliche Funktionalorte (wie Arad) beschränkte. Wahrscheinlich blieben die Landorte und ihre Heiligtümer noch längere Zeit davon unberührt. Und: Wieso wurde in der z.Zt. Hiskias beginnenden Kompilation der Frühgeschichte Israels von den judäischen Autoren „Israel“ als Name für Israel und Juda ge- wählt und nicht Juda? War dies ein strukturell vergleichbares Verhaltensmuster zu Eschbaals (und später auch Omris) Propaganda, die im Deboralied (Ri 5,2.3.5.7 (2 x).8.11) als der Werbungshymne zur Einheit der Gruppen und Stäm- me des Nordens (Knauf 2007, 91–92) nicht den saulidischen Stammesnamen Benjamin als übergreifenden Gesamtnamen propagierten, sondern den auf dem zentralpalästinischen Gebirge seit dem 13. Jh. vC bekannten, aber von Pharao Merneptah „ausgerotteten“ und deshalb für eine neue Nutzung freien Namen „Israel“ wählten (2 Sam 2,9)? Und war die Wahl der Bezeichnung „Israel“ auch eine der taktvoll-klugen Integrationsmaßnahmen, wie sie Finkelstein und Sil- berman (2006b) bei ihrer Skizzierung der seit Hiskija entstehenden „pan- Israelite ideology“ beschreiben, die Nordtraditionen einbezog, auch david- und salomokritische Züge nicht verschweigt, aber beide Gründerkönige auch wieder theologisch entschuldigt und ausgleichend die angebliche, aber zweifelhafte Herkunft der Dynastie aus Juda (Niemann 2016) betont? Exkurs: Die baugeschichtliche und demographische Entwicklung Jerusalems | 151 Abb. 35: Jerusalem in der Eisenzeit IIB und C (K. Bieberstein, A Brief History of Jerusalem. From the Earliest Settlement to the Destruction of the City in AD 70 (ADPV 47; Wiesbaden 2017, 61 Fig. 18. Mit Erlaubnis des Autors). 152 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) Ebenfalls wird der gemeinsame Name Israel akzeptabel dadurch, dass Samaria in den Traditionen des Samuelbuches keine Rolle spielt, dafür aber umso mehr zentral Jerusalem erscheint. Das heißt aber auch, dass Jerusalem etwa bis zur Mitte des 8. Jh. noch ein bescheidener Häuptlingssitz an der Nordgrenze des davidischen Herrschaftsgebietes, des „Hauses David“ war. Dieses Jerusalem und seine Stadtherrscher durften gegenüber den unabhängigen Gruppen auf dem Gebirge Juda keineswegs eine erdrückende oder führende urbane Macht (als Hauptstadt o.ä.) ausgeübt haben (Niemann 2016). Dazu passt, dass die Davididen Ausdehnungen ihres Einflusses aus eigener Kraft nur in die Steppe östlich von Jerusalem und am Westufer des Toten Meeres erreichten, nach Nor- den, Süden oder Westen im wesentlichen aber nur mit direkter oder indirekter Hilfe und in begrenztem Ausmaß, u.a. durch Stützpunkte an der Peripherie in bestimmten Phasen erreichen konnten; sie waren Stadt-Herrscher Jerusalems, die im Laufe der Zeit u.a. durch punktuellen Festungsbau am Rand des Gebirges Juda eine Stabilitätsfunktion ausübten (Niemann 2020) und deren Residenz- Tempel in regionaler Tradition bemerkenswerte Bedeutung gewinnen sollte, zumal nach dem Untergang des Davididen-Staates (Bieberstein 2019). Die machtstrukturelle relative Schwäche der Davididen dagegen erklärt wohl u.a. auch das Selbstbewusstsein (Mi 3,8) des Ortsältesten Micha von Moreschet-Gat gegenüber Jerusalem und Samaria, die er zwar als Herrschaftsresidenzen aner- kennt (Mi 1,5.9), aber denen er dennoch die Leviten liest (Mi 1,6–9.12f; 2,1–11; 3,1–7.9–12). Der Untergang Israels 720 vC (Naʾaman 1990) und die Einbeziehung Judas in das assyrische Herrschafts- und Wirtschaftssystem haben zur positiven Ent- wicklung Judas und Jerusalems seit 720 vC besonders z. Zt. Hiskias und Manas- ses und zur Erweiterung der Stadt nach Westen auf den Südwesthügel geführt (Finkelstein and Silberman 2006a; Faust 2014). So lässt seit der 2. Hälfte des 8. Jh. auch der Südwesthügel zunächst eine Streubesiedlung erkennen einschließ- lich einer Stadtmauer um den Südost- und Südwesthügel. Bieberstein (2017, 59– 78) weist u.a. darauf hin, dass fast keine lmlk-Henkel gefunden wurden (Aus- nahmen: Steiner 1990, 30; I. Eshel and K. Prag eds., 1995, 16) und darauf, dass die Verfüllung des sog. Rock-Cut Pool am Gihon, in der nur wenig Keramik der Eisenzeit IIB gefunden wurde, auf ein Datum vor 725 für den Beginn der Besied- lung spricht. Dem entspricht, dass 2 Kön 22,14; Zeph 1,10 den neuen Stadtteil „Mischne“ sowie Zeph 1,11 den Stadtteil „Maktesch“ (im Tyropoiontal) erwähnt. Die Existenz einer Stadtmauer war wichtig für das Sicherheitsgefühl. Die Streu- siedlung verdichtete sich. Die Stadtfläche umfasste in der Eisenzeit IIB (ca. 2. Hälfte/Ende des 8. Jh. bis Mitte des 7. Jh., also ca. 750/20 bis 650 vC, Finkel- stein 2015, 191) ca. 60 ha; zum Vergleich: Ekron umfasste 20–30 ha, Lachisch, Exkurs: Die baugeschichtliche und demographische Entwicklung Jerusalems | 153 der Grenzort im Westen, 10 ha. Damit ist Jerusalem in einem halben Jahrhundert von einer kleinen Bergfestung zur größten Stadt der südlichen Levante gewor- den mit einer Bevölkerungszahl von mindestens ca. 8.000 Einwohnern (Bieber- stein 2017, 77f). Finkelstein (2015, 197. 199f) berechnet sogar einen Anstieg von 1500 Einwohnern in der Eisenzeit IIA auf zwischen 8.000 und 12.000 in der Eisenzeit IIB. Faust (2014, 266–268) dokumentiert verschiedene demographi- sche Schätzungen, die von 6.000 oder 10.000 (Steiner 2001) bis ca. 20.000 oder 26.000 (Faust 2014) reichen (vgl. Lipiński 2007). Die Bevölkerung erreichte ih- ren höchsten Stand vielleicht erst im 7. Jh., nicht schon am Ende des 8. Jh. (Faust 2014, 272–277). Südwest- und auch Südosthügel waren (letzterer erst- mals!) voll aufgesiedelt (Finkelstein u.a. 2011, 12f). Die Wasserversorgung wurde notwendigerweise angesichts der stark steigenden Bevölkerungszahl ausgebaut (Bieberstein 2017, 71–76). Auch südlich von Jerusalem im Bergland hatte sich die Bevölkerung mindestens verdoppelt, die Siedlungszahl war von 80 (dabei viele kleine Siedlungen) auf 120 (darunter viele größere) Siedlungen gestiegen (Finkelstein 2015, 197. 200). Die Eisenzeit IIC (ca. 675–587 vC) kann man die erste und letzte Blütezeit vor der Zerstörung Jerusalems durch Nebukadnezar II. nennen (Bieberstein 2016, 78–92). Bieberstein stellt treffend fest, dass Jerusalem mit dem Verlust der Schefela nach 701 vC einerseits und dem Ausbau Jerusalems andererseits zeit- weise fast zu einem Stadtstaat wurde, dessen Residenz ein Viertel der Bevölke- rung umfasste (Bieberstein 2016, 78). Am Nordostrand des Südosthügels, wo die Funde des „Hauses des Ahiel“, des „Burnt Room“ und des „House of the Bullae“ situiert sind (Abb. 36), fanden sich am Fuß der Stadtmauer am nördli- chen Rand der „Stepped Stone Structure“ in mehreren Abraumschichten aus neubabylonischer und achämenidischer Zeit fast 150 Siegel(abdrücke) (E. Mazar and R.L. Ben-Arie 2015; Bieberstein 2017, 82). Das deutet wiederum auf einen Verwaltungssitz oberhalb der Fundstellen bzw. der „Stepped Stone Structure“ und eine entsprechende Verwaltung. Also konnte und wurde neben der Ver- dichtung der örtlichen Binnenbesiedlung sogar der für Bebauung durch seine steilen Hänge nicht sehr günstige Südostabhang wieder bebaut.   154 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) Abb. 36: „Haus des Ahiel“, „Burnt Room“ und „House of the Bullae“ (Foto: Klaus Bieberstein) Neuestens wurde nordwestlich der „Stepped Stone Structure“ und der „Large Stone Structure“ (E. Mazar 2007) im Bereich der sog. „Givʿati Parking Lot“ ne- ben einem Siegel auch ein Siegelabdruck (Bulle) eines königlichen Funktionärs („Netanmelek, Diener des Königs“) aus der Eisenzeit IIB (ca. 650–586 vC) ge- funden (Mendel-Geberovich et al. 2019). Das bestätigt den bisherigen, durch Siegel- bzw. Bullenfunde und z.B. das Fragment eines sog. protoäolischen Kapi- tells untermauerten Eindruck, dass südlich des Palast- und Tempelbezirks im Norden des Südosthügels im 7. Jh. bis zur Zerstörung Jerusalems ein Bereich von „administrative activity of the Jerusalemite bureaucratic cadre“ existierte (Mendel-Geberovich et al. 2019, 167). Nach dieser „Hoch-Zeit“ fiel Jerusalem im 5. Jh. wieder hinsichtlich der Größe und Bevölkerung in vergangene, sehr bescheidene Quantitäten zurück (Bieberstein 2017, 93–104; Geva 2014; Finkelstein u.a. 2011, 13; Lipschits 2009; 2015). Im Verhältnis zwischen Jerusalem und dem Gebirge Juda war Juda wieder der wichtigere Faktor, dessen Bewohner sich freilich wenig um Jerusalem kümmerten, bis Nehemia (Neh 11; Neh 3 bezieht sich nach Finkelstein u.a. 2011, 13 in den Details erst auf die hellenistischen Befestigungen) durch seinen er- zwungenen Synoikismos und die notdürftige Renovierung der eisenzeitlichen Stadtmauer einen bescheidenen neuen Anfang machte. Freilich war noch in frühhellenistischer Zeit Jerusalem eine kleine, um den Tempel gruppierte Sied- lung (Bieberstein 2017, 99–115), die dann in hellenistisch-hasmonäischer Zeit langsam zu früherer Größe zurückkehrte und in herodianischer Zeit prächtig aufblühte (Bieberstein 2017, 104–132; Abb. 37). Exkurs: Die baugeschichtliche und demographische Entwicklung Jerusalems | 155 Abb. 37: Jerusalem in der hasmonäisch-herodianischen Periode (K. Bieberstein, A Brief History of Jerusalem. From the Earliest Settlement to the Destruction of the City in AD 70 (ADPV 47; Wiesbaden 2017, 106 Fig. 31. Mit Erlaubnis des Autors). 156 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) Die Entwicklungsgeschichte legt nahe, dass Jerusalem vom 10. bis zum letzten Viertel des 8. Jh. vC, also fast drei der insgesamt etwas mehr als vier Jahrhun- derte der Existenz des Staates Juda von begrenzter Bedeutung und Auswirkung auf den Alltag der Bewohner des Gebirges Juda südlich Jerusalems war (Nie- mann 2016; 2020), sieht man von einigen Grenzfestungsaktivitäten vor allem im Westen und Süden seit dem ausgehenden 9. Jh. vC ab (Niemann 1993, 96–132, aktualisiert: Finkelstein 2001; Herzog and Singer-Avitz 2004; Finkelstein and Piasetzky 2009; dies., 2010; Finkelstein u.a. 2011, 6.12; Finkelstein 2013: erste Grenzbefestigungen im Süden in Arad XI und Tel Beersheva V zwischen 830 und 800 vC; Finkelstein 2015; Na´aman 2016). Von einer urbanen administrati- ven Bedeutung Jerusalems bis in alle Ecken und Winkel des Berglandes, einer administrativen Durchstrukturierung kann nicht die Rede sein. Wie weit die administrative Gliederung Jerusalemer Hof-Schreiber, die sich in Jos 15 spiegelt, irgendwelche Alltagsauswirkungen hatte, ist unbekannt. Einer Steuererhebung kann sie nicht gedient haben, weil es in der monarchischen Zeit keine regelmä- ßige und flächendeckende Steuererhebung in Juda gab (Rüterswörden 1985, 127ff; Niemann 1993, 26 mit Anm. 103; 35–37. 78–82. 157–159. 164f. 247–249. 260f.263), während es seit der Perserzeit dann zahlreiche Anzeichen eines impe- rialen und lokalen Steuersystems gibt (M.L. Miller et al. eds., 2015; Lipschits 2015). [Ende des Exkursus]   David David | 157 Davids Kriege gegen alle Nachbarn Judas und Israels sind der Tradition seit dem 9. Jh. zugewachsen. Es gab im 10. Jh. Moabiter und Edomiter, wie es sie schon im 13. Jh. gegeben hatte (‚Moab‘ und ‚Edom‘ sind Landschaftsnamen), die, wie die Ammoniter, an der ʿArava-Handelsroute Anteil hatten und daher als Ziele von Beutezügen infrage kamen; einen ammonitischen, moabitischen oder gar edomitischen Staat gab es noch nicht. Allerdings wird der Kampf vor Rabbat- Ammon in 2 Sam 10–12 geschildert wie die Raufereien der Achäer vor Troja; der Text verrät keine Kenntnisse effizienter Belagerungstechniken, wie sie in der 2. Hälfte des 9. Jh. Hasaël von Damaskus bei der Belagerung und Eroberung von Gat (2 Kön 12,18) aufbrachte und dann, perfektioniert, Tiglat-Pileser III. am Ende des 8. Jh. Diese Beobachtung spricht für alte Überlieferung – oder Autoren, die sich archaisierend ‚vor-assyrische Verhältnisse‘ ausmalen konnten. Die Liste der Eroberungen in 2 Sam 8 ist sprachlich wie sachlich dagegen als proto- chronistisch anzusprechen. ‚Von Gibeon bis Gezer‘ (2 Sam 5,25) im Territorium von Ekron gab es vor Šošenq für einen Judäer nichts zu erobern. Nach Šošenqs Eingriff wurde Ekron als philistäische Vormacht von Gat abgelöst, und David war Vasall von Gat. Man kann daraus folgern, dass die Rivalität von Ekron und Gat schon zuvor bestan- den haben wird, und dass von David bekämpfte Philister Truppen von Ekron waren. Könnte David den Landstreifen ‚von Gibeon bis Gezer‘ im Gebiet Ekrons im Dienst von Gat angegriffen oder auf eigene Faust geplündert haben und damit eventuelle Vorstöße Sauls von Gibeon nach Westen wiederaufgenommen haben (Niemann 1997, 268 A. 38)? In 2 Sam 15,18 besteht Davids Kern-Truppe aus ‚den Pleti und Kreti und den Leuten von Gat, zusammen 600 Mann‘. Der Befund ist eindeutig: David hat nicht gegen, sondern für die Philister von Gat deren Hinterland kontrolliert, die ‚Handschelle der Philister‘ ‫ מתג האמה‬méteg ha-ʾamma (2 Sam 8,1) war er für die Stämme des Gebirges Juda selbst. Davids Königtum war der teilweise wiederhergestellte Herrschaftsbereich Abdiḫepas von Jerusalem der Amarnazeit, so wie Saul ein Labʾayu redivivus war: f(–14) = f(–10). Ein ‚Großreich‘ hat David nur in der Phantasie von Nachgeborenen re- giert. Bedeutend war das ‚Reich‘ Davids nicht in der Geschichte, in der es von Ahab und Jerobeam II. (vgl. unten S. 197 Abb. 43; S, 229 Abb. 47) weit übertrof- fen wurde (um nur Israeliten zu nennen), bedeutend wurde es durch seine Lite- ratur- und Wirkungsgeschichte: vielleicht schon seit Joschija. Sicher aber nah- men sich die Hasmonäer und Herodes d.Gr. den biblischen David (der Literatur des 7. bis 3. Jh.) zum Vorbild und versuchten die ‚Wiederherstellung‘ von dessen Königtum. Von diesen Epigonen war Herodes der Erfolgreichste – als Vasall Roms. Um die vermutlichen herrschaftsorganisatorischen Leistungen Davids ein- zuschätzen, ist es aufschlußreich, diejenigen seiner Vorgänger Saul und Esch- 158 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) baal mit heranzuziehen. Historisch weist der Gründerkönig Saul eine bessere Bilanz auf als der Gründerkönig David, der letztlich bibeltextlich-theologisch besser dasteht. David Tab. 8: Die Herrschaft Sauls, Eschbaals und Davids Kriterium Saul Eschbaal David 1. Zentral-Ort Wahrscheinlich Gibeon, am Ende Maha- Hebron, dann Jerusa- Gibeon / Gibea naim lem (1 Sam 13–14; 2 Sam 21) 2. Regierungsdau- 32 (oder 22, 42?) 22 (oder 32?) Jahre weniger als 15 Jahre er Jahre 3. Bürokratie Ja (mindestens ein Ja (mindestens ein Barde (?) eher Nein Schreiber am Hof) und/oder Schreiber: Ri 5*) 4. Expansion Ja: anfänglich Ja: Ja: Von Benjamin über (Gilead, Jesreel) Von Ziklag über Hebron das ganze samari- später Gebietsverluste im nach Jerusalem sche Gebirge Süden an David, im Nor- den an Jerobeam I. Von Šošenq entthront, der das benjaminitische Kernland Salomo/ Reha- beam zum Lehen gab und den Rest Jerobeam. 5. Monumental- Nein Nein (?) (s. Exkurs Jerusa- Architektur lem) 6. Aufbau einer Ja Nein Jein: sein Sohn Abscha- Dynastie, d.h. lom putschte gegen ihn Verstetigung der und wurde selbst durch Macht. Salomo / Rehabeam bzw. von der Jerusale- mer Kamarilla wegge- putscht. Biographien wie die Davids – vom ‚gesetzeslosen‘ Räuberhauptmann zum König – hat es im Orient vor wie nach dem 10. Jh. vC immer wieder gegeben. David | 159 Die Autobiographie des Idrimi von Alalaḫ. Ca. 1426 vC. Text S. Smith, The Statue of Idri-mi (London 1949) Pl. 9–13; Pl. 2–8. – Übersetzung M. Dietrich – O. Loretz: TUAT I 501–504; R. Borger: TGI3 S. 21–24 Nr. 6. – M. Dietrich – O. Loretz, Die Inschrift der Statue des Königs Idrimi von Alalaḫ: UF 13 (1981) 201–268; W. Mayer, Die historische Einordnung der der ‚Au- tobiographie’ des Idrimi von Alalaḫ: UF 27 (1995) 333–350. Alalaḫ liegt in der ʿAmūq-Ebene im Hatay, dem Stück Nordwestsyrien, das heute unter türkischer Herrschaft steht. (1) Ich bin Idrimi, der Sohn des Ilimilimma, (2) Diener des Tešub [des hurritischen Himmels- und Wettergottes], der Ḫebat [Himmelskönigin, Frau des Tešub] und der Šauška [Schwester Tešubs], der Herrin von Alalaḫ meiner Herrin. (3) In Ḫalab [Aleppo], meinem Vaterhaus, (4) hatte sich eine Untat ereignet, und wir flohen. (5) Die Herren von Emar [= Meskene am Euphrat] stammten von den Schwestern (6) meiner Mutter ab, so dass wir uns in Emar niederließen [vgl. 1 Sam 22,3–4]. (7) Meine Brüder, die älter waren als ich, (8) lebten auch bei mir. Aber keiner (9) erwog Dinge, die ich überlegte [vgl. 1 Sam 16,1–13; 17,12–15]; – (10) denn folgendes dachte ich mir: „Wer im Hause seines Vaters ist, (11) der ist der große Sohn eines Fürsten; wer aber (12) bei den Leuten von Emar ist, der ist ein Sklave“. (13) Mein Pferd, meinen Streitwagen und meinen Pferdeburschen (14) hatte ich genommen und war durch die Wüste (15) gezogen. Bei den Sutû [dem akkadischen Äquivalent der Shasu [ § 2.1] (16) kehrte ich ein. Zusammen mit ihm [dem Pferdeburschen? dem Fürsten der Sutû?] hatte ich vor (17) dem Thron des Zakkār [Name oder Beiname eines auf das ‚Ge- denken’ spezialisierten Gottes] übernachtet. Am nächsten Tag (18) brach ich auf und zog nach Kanaan. (19) In Kanaan liegt (20) Amiya [im Süd-Libanon]. In Amiya weilten (21) auch Leute aus Ḫalab, Leute aus dem Land Mukiš [dessen Hauptstadt Alalaḫ war], (22) Leute aus dem Lande Niḫi/Niʿi [um Apamea am Orontes] und Leute aus dem Land (23) Amaʾe [zwischen Aleppo und Apamea?]. Sie wohnten dort. (24) Als sie mich sahen (und erkannten), (25) dass ich der Sohn ihres Herren war, (26) versammelten sie sich um mich. So wurde ich groß ge- macht (27) (und) erhielt Befehlsgewalt. Unter den ʿApiru-Leuten (28) weilte ich sieben Jahre lang. Vgl. 1 Sam 22,2; in Idrimis Fall sind die ʿApiru die Asylanten aus seiner Heimat, die er in Kanaan organisiert, dh er errichtet eine Art Exilregierung. Wer ihm ‚Befehlsgewalt’ verlieh, verschweigt er: es war Thutmosis III. nach der Schlacht und Belagerung von Megiddo. Die 7 Jahre von Z. 28 (und 43) sowie die 30 Jahre von Z. 102 sind nicht unbedingt wörtlich zu nehmen, sowenig wie die Daten in 2 Sam 5,4; 2 Kön 2,11. Ich ließ Vögel fliegen, (29) führte an Lämmern Opferschauen durch [vgl. 1 Sam 23,1–4; 2 Sam 2,1]. Im siebten Jahr wandte sich Tešub (30) mir zu. Daraufhin baute ich Schiffe. (31) Die Nulla [hurritisch für ʿApiru]-Soldaten ließ ich die Schiffe besteigen. (32) Über das Meer hatte ich mich dem Lande Mukiš (33) genähert und hatte vor dem Berg Ḫazzi [Mons Casius, Ǧebel el-Aqraʿ] (34) das Festland erreicht. Ich stieg hinauf. (35) Als mein Land von mir hörte, hat man Rinder und Schafe (36) zu mir gebracht. An einem einzigen Tag (37) haben sich wie ein einziger Mann das Land Niḫi, das Land Amaʾe, (38) das Land Mukiš und Alalaḫ, meine Stadt, (39) mir wieder zugewandt [vgl. 2 Sam 2,4; 5,3; 17,27–29; 19,10ff]. Meine Brüder hörten (da- von) und kamen zu mir. (41) Meine Brüder verbrüderten sich mit mir. (42) Meine Brüder nahm ich in Schutz [vgl. 2 Sam 9]. 160 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) Die folgende Episode geht zeitlich und sachlich der in Z. 29–42 geschilderten ‚Rückkehr‘ (von Aleppo über Kanaan nach Alalaḫ) voraus: Ferner: (43) Sieben Jahre lang hat mich Barattarna, der mächtige König, (44) der König der Hurriter, befeindet [da Idrimi im Dienst der ägyptischen Konkurrenz stand]. (45) Im siebten Jahr habe ich dem Barattarna, dem König, (46) dem König der [Hurri]ter, Anwanda geschickt und (47) über die Bemühungen meiner Väter (46) berichtet: (47) dass (48) meine Väter sich untereinander verbrüdert hatten, (49) unsere Vorfahren den Königen der Hurriter genehm waren (50) und gegenseitig einen starken Eid (51) geleistet hatten. Der mächtige König hör- te von den Bemühungen (52) unserer Vorfahren und von dem gegenseitigen Eid (53) und fürchtete sich vor dem Inhalt des Eides [hier wurde also Tešub aktiv, vgl. Z. 29f]. Wegen des Wortlautes (54) des Eides und wegen unserer Bemühungen hat er mein Begrüßungsge- schenk [= Tribut] (55) angenommen. Im folgenden Kinûnu-[Winter-]Monat habe ich Gussop- fer reichlich gespendet. Das flüchtige Haus [von Aleppo, Idrimis Erbe] habe ich ihm so wie- der zugeführt. (57) In meiner vornehmen Gesinnung, in meiner Treue habe ich ihm freundschaftlich (58) geschworen. So wurde ich König über Alalaḫ. Im Klartext: der heimatlose Prinz und Söldnerführer im ägyptischen Dienst wechselt die Seiten und wird hurritischer Lehnsmann (vgl. 1 Sam 27). Für die Selbstdarstellung gilt aber: kein altorientalisches Königtum ist zu klein, um sich selbst für den Nabel der Welt zu halten (Levin / Müller eds. 2017). (59) Die Könige zu meiner Rechten und zu meiner Linken kamen zu mir, (60) und wie sie be- fand ich mich unter ihresgleichen [vgl. 2 Sam 5,11f]. Ihre [d.h. seiner Städte] Mauern, (61) welche die Väter mit Erde aufgeschüttet hatten, (62) ließ ich in die Höhe führen, (63) und zwar für den Kampf habe ich sie erhöht. Auf diesen ersten Baubericht folgt ein Kriegsbericht (Z. 64–80: Idrimi fällt in einen Winkel des Hethiterreiches ein und kommt zu seiner eigenen Überraschung ungeschoren davon) und nach der Beuteliste wieder ein Baubericht: Ich baute einen Palast: (81) Meinen Thron machte ich den Thronen der Könige gleich, (82) meine Brüder den Brüdern der Könige, meine Söhne (83) ihren Söhnen, und meine Genos- sen (84) machte ich (83) ihren Genossen (84) gleich. Bewohner, die in meinem Land bereits (85) eine Wohnstätte hatten, ließ ich besser wohnen; die aber keine Wohnstätte hatten, (86) denen gab ich eine. Ich ordnete mein Land und (87) gestaltete meine Städte wie unsere Vorfah- ren. Wie unsere Väter (88) die Zeichen der Götter von Alalaḫ festgesetzt hatten, so habe auch ich (89) die Gussopfer für unsere Väter, die sie haben durchführen lassen, (90) zur dauernden Ein- richtung gemacht. Diese habe ich ausgeführt (91) und meinem Sohn Tešub- nirāri anvertraut. Zum rollengerechten Verhalten des altorientalischen Königs gehört neben dem Krieg als Abwehr des äußeren Chaos der Landesausbau als Zähmung des inne- ren Chaos, die Fürsorge für die Götter, die Ahnen und die Armen. In der bibli- schen Darstellung der Anfänge des Königtums sind diese Funktionen geradezu systematisch zwischen David und Salomo aufgeteilt. Idrimi nannte sich ‚König‘, David | 161 verfügte aber über weniger reale Macht als ein Herzog von Burgund im 15. Jh. nC (der seine Territorien nominell als Lehen entweder der französischen Krone oder des römischen Kaisers innehatte). Im 18. Jh nC errichtete in Zentral- und Nordpalästina Ẓāhir al-ʿUmar, Ab- kömmling eines kleinen galiläischen Beduinenstammes ein Herrschaftskonglo- merat, das die Herrschaft Davids nach Umfang wie ‚Staatlichkeit‘ übertroffen hat. Er kontrollierte einen teil-monetarisierten Wirtschaftsraum; nominell war er nie mehr als ein Steuerpächter. Sein Aufstieg wie Fall resultierten einmal mehr aus der Randlage Palästinas im Spannungsfeld zweier Großmächte, jetzt des osmanischen und des russischen Reiches. Aufstieg und Fall Ẓāhir al-ʿUmars (gest. 1775 nC). Der Auszug folgt der bereits gekürzten und in der Orthographie modernisierten Niebuhr-Ausgabe von W. Stammler: C. Niebuhr, Reisebeschreibung nach Arabien und anderen umliegenden Ländern. Mit einem Vorwort von Stig Rasmussen und einem biographischen Porträt von Barthold Georg Niebuhr (Zürich 1992); die Reise dauerte von 1761–1767 nC. – Cf. A. Cohen, Palestine in the 18th Century. Patterns of Government and Administration (Jerusalem 1973) 7–19, 30–53; A. Carmel, Ge- schichte Haifas in der türkischen Zeit 1516–1918 (ADPV; Wiesbaden 1975) 32–44; M. Mishâqa [1799–1888], Murder, Mayhem, Pillage, and Plunder [ Englisch v. W.M. Thackston Jr.] (Albany 1988) 16–17; H.M. Niemann, The Socio-Political Shadow Cast by the Biblical Solomon: L.K. Handy ed., The Age of Solomon. Scholarship at the Turn of the Millennium (SHCANE XI; Leiden – New York – Köln 1997) (252-299) 265-267. (813) Schech Daher [Ẓāhir oder Ḍāhir], der Wiederhersteller der Stadt Akka [ʿAkkā, Akko], war in vieler Hinsicht ein vortrefflicher Herr. Seine Geschichte gibt uns ein deutliches Bei- spiel von der schlechten Regierungsverfassung in den entfernten Provinzen des otmanischen [osmanischen, ottomanischen] Reichs; ich [C. Niebuhr] will daher einiges davon anführen. Er war ursprünglich von der Familie Omar, einem unter Zelten wohnenden arabischen Stamme, und wird daher oft Daher Omar genannt. Ein ebenso guter Haushalter als Soldat, wusste er die Schwäche der türkischen Statthalterschaft jederzeit vortrefflich zu nutzen. Anfänglich pachtete er einen kleinen Distrikt [d.h. dessen Steuerschuld mit dem Recht, diese seinerseits bei dessen Einwohnern mit Gewinn einzutreiben], und wenn nun ein ihm be- nachbarter Distrikt von einer Familie regiert ward, die sich nicht immer in einem guten Ver- teidigungsstande befand, so suchte er damit Händel und zerstörte ihre Dörfer. Die türki- schen Paschas [Provinzstatthalter] halten es nicht so sehr für ihre Pflicht, ihre Unterpächter in dem ruhigen Besitz der ihnen anvertrauten Distrikte zu schützen, als darauf zu sehen, wie sie das meiste Geld erhalten können. Wenn also ein Nachbar des Schech Daher nicht mehr imstande war, seine Pacht gehörig zu bezahlen, so suchte er auch dessen Distrikt zu be(814)kommen, und dies hielt oft nicht schwer; denn er bezahlte seine Pacht nicht nur rich- tig, sondern wohl gar zum voraus und wusste zu rechter Zeit und an gehörigen Orten Ge- schenke zu geben. So ward Schech Daher Omar nach und nach Herr von Taberia [Tiberias, arabisch Ṭabarīye], Nazareth und Safet [Tsǝfat, arabisch Ṣafad, in Obergaliläa], welches alles zum Paschalik [Provinz] Damaskus gehört, und zuletzt auch von Akka, welches zu der Zeit in einem nicht besseren Zustande war als jetzt Sor [Tyrus, arabisch Ṣūr], und zum Pa- 162 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) schalik Seide [Sidon, arabisch Ṣaidā] gerechnet wird. Unter dem Vorwande, dass er das Eigentum der Untertanen des Sultans gegen die herumziehenden Araber schützen müsse, baute er zu Taberia ein Kastell und befestigte Akka, und dies alles litten die türkischen Pa- schas von ihrem Pächter. Budani, sein ältester Bruder, welcher die fruchtbare Ebene Merdsch ibn Amer [Merǧ Ibn ʿĀmir, die Jesreel-Ebene] gepachtet hatte, wiegelte den Pascha von Damakus gegen Schech Daher auf, indem er hoffte, durch dessen Fall sein Gebiet zu vergrößern; der Pascha zog auch gegen ihn zu Felde. Schech Daher aber hatte sein Kastell zu Taberia reichlich mit Le- bensmitteln und Kriegsvorrat versehen lassen und begab sich mit seinen Truppen dahin, und da der Pascha zu einer förmlichen Belagerung nicht vorbereitet war, so ließ er sich durch eine Summe Geldes zum Rückzug bewegen. Endlich bekam Schech Daher seinen Bru- der Budani durch List in seine Gewalt, tötete ihn und erhielt nun auch den Distrikt Merdsch ibn Amer gegen eine jährliche Pacht von dem Pascha. Sein jüngerer Bruder Saad, Schech zu Deir Henna [jetzt Kfar Yoḥanna in Untergaliläa], hatte kein besseres Schicksal. Diesen über- raschte Schech Daher des Nachts in seinem eigenen Hause, tötete ihn und nahm dessen Kinder mit nach Akka. Schech Daher hatte in den letzten Jahren viel Verdruss mit seinen Söhnen, welchen er zu lange lebte. Sleibe, der älteste, verlangte, dass der Vater ihm den Distrikt Merdsch ibn Amer abtreten sollte, und da er solchen in der Güte (815) nicht erhalten konnte, suchte er den Bei- stand eines großen Schechs der Drusen. Dieser schickte auch einen seiner Bedienten an Schech Daher mit dem Befehl, ihm eigenhändig einen Brief zu übergeben und den Distrikt Merdsch ibn Amer für seinen Sohn zu verlangen und, wenn er sich dessen weigerte, ihm sogleich sein großes Messer in die Brust zu stoßen. Der Anschlag misslingt, doch muss Ẓāhir die Jesreel-Ebene auf weiteren Druck hin an sei- nen Erstgeborenen abtreten. Er hatte nicht nur mit allen seinen kleinen Nachbarn, den Beduinen, Drusen und Metauelis [Mutawallī, Zwölfer-Schiiten in Nordpalästina und Südlibanon], sondern oft selbst mit den türkischen Paschas zu streiten, und zu meiner Zeit [1766 nC] war er auf einem Feldzug gegen den Schech von Sor, einem Metaueli, der einen von seinen aufrührerischen Söhnen in Schutz genommen hatte. In seinem Gebiete blühete unterdes Handlung und Gewerbe, und ein jeder ward bei seinem Eigentume geschützt. Schech Daher bekümmerte sich zuletzt we- nig um die türkischen Paschas überhaupt. Nicht lange nach meiner Abreise aus diesen Gegenden hielt er den den Paschas zu Seide und Damaskus schuldigen Tribut oder die Pacht, welche er von den verschiedenen Distrik- ten, die er nach und nach an sich zu ziehen gewusst hatte, bezahlen sollte, ganz zurück. Im Jahre 1770 eroberte er verschiedene Städte in Palästina und darunter (816) auch Jaffa [Yafo, Tel Aviv]. Er vereinigte sich mit Ali Bey, welcher sich zu dieser Zeit in Ägypten unabhängig gemacht hatte, und auch die Schechs der Metaueli zu Sor stießen zu seiner Armee. Diese Unabhängigkeitsbestrebungen wurden durch den russisch-türkischen Krieg 1768– 1774 möglich, der zum ersten Mal eine russische Flotte ins Mittelmeer führte. 1771 erobern die Verbündeten den Paschasitz Sidon, 1772 Gaza, und 1773 für kurze Zeit Damaskus. (817) … Schech Daher setzte indes den Krieg gegen die türkischen Paschas fort und war noch Ende des Jahres 1773 den Russen behilflich, die Stadt Beirut zu erobern; er machte Šošenq und Rehabeam | 163 aber im Anfange des Jahres 1774 Friede mit den Paschas des Sultans und blieb gegen eine jährliche Abgabe im Besitz der meisten Distrikte, die er vor dem Krieg besessen hatte. Der Diwan [die Regierung] zu Konstantinopel aber bediente sich gegen Schech Daher seiner gewöhnlichen Politik. Als im Herbst 1775 der Capudan Pascha [osmanischer Großadmiral] mit einer Flotte nach Syrien kam und auch bei Akka anlegte, suchte er den alten Helden durch List in seine Hände zu bekommen und schickte seinen Kopf nach Konstantinopel. Schech Daher erreichte ein hohes Alter und hinterließ mehrere Söhne, aber diese wurden bald aufgesucht und hingerichtet, als der Vater nicht mehr war. Während seiner vieljährigen Regierung reisete man in seinem Gebiete mit völliger Sicherheit; er hatte das ganz verwüstete Akka wiederum zu einer Handelsstadt erhoben, und seine Untertanen liebten ihn als ihren Vater. Typisch für den ‚frühen Staat‘ oder ‚Stämmestaat‘ an der Peripherie bereits oder noch staatlich verfasster Gesellschaften scheinen folgende Merkmale zu sein: eine doppelte Verankerung der Herrschaft in ‚Stadt‘ und ‚Stamm‘; Instabilität innerhalb der herrschenden Familie und große Fluktuationen hinsichtlich des effektiv kontrollierten Territoriums; und die Angewiesenheit der peripheren Herrschaft auf einen Rückhalt im Zentrum, der Ẓāhir z.B. nach dem Frieden von Küçuk Kainarçi verloren ging. Weitere Parallelen zur Geschichte (Sauls und) Davids bieten der Aufstieg und Untergang der Šammar-Herrschaft von Ḥāʾil und die Staatenbildung der Āl Saʿūd im 19. und 20. Jh. nC in Nord- und Zentralarabien. A. Musil, Northern Nejd (American Oriental Society, Oriental Explorations and Studies 5; New 1 York 1928) 236–255; W. Caskel, Die Beduinen III (Wiesbaden 1952) 37–44; H. Palva, Orientalia Gothoburgensia 2 (1976) 56–93; J.W. Flanagan, David’s Social Drama. A Hologram of Israel’s Early Iron Age (JSOT.S 73 = SWBA 7; Sheffield 1988) 304–11; 325–41. 4.5 Šošenq und Rehabeam I. Finkelstein, The Forgotten Kingdom. The Archaeology and History of Northern Israel (Ancient 1 Near Eastern Monographs, 5; Atlanta 2013); dt. Das vergessene Königreich (München 2017); E.A. Knauf, 1 Könige 1–14 (Herders Theologischer Komentar zum Alten Testament; Freiburg / Basel / Wien 2016); A.D.H. Mayes, Pharaoh Shishak’s Invasion of Palestine and the Exodus from Egypt: B. Becking / L.L. Grabbe eds., Between Evidence and Ideology. Essays on the History of Ancient Israel read at the Joint Meeting of the Society for Old Testament Study and the Oud Testamentisch Werkgezelschap Lincoln, July 2009 (OTS 59; Leiden / Boston 2011) 1– 30; R.K. Ritner, The Libyan Anarchy. Inscriptions from Egypt’s Third Intermediate Period (Writ- ings from the Ancient World 21; Atlanta 2009); N. Franklin, Trademarks of the Omride Builders: A. Fantalkin / A. Yasur-Landau ed., Bene Israel. Studies in the Archaeology of Israel and the Levant during the Bronze and Iron Ages in Honour of Israel Finkelstein (CHANE 31; Leiden 2008) 45–54; I. Finkelstein / A. Fantalkin / E. Piasetzky, Three Snapshopt of the Iron IIA: Th Northern Valleys, the Southern Steppe and Jerusalem: L.L. Grabbe ed., Israel in Transition. From the Late 164 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) Bronze II to Iron IIa (c. 1250–850 B.C.E.) Vol. I: The Archaeology (LHB.OTS 491; ESHM 7; New York and London 2008) 32–44; E.A. Knauf, Was Omride Israel a Souvereign State?: L.L. Grabbe ed., Ahab Agonistes. The Rise and Fall of the Omri Dynasty (EHSM 6 = LHB.OTS 421; London 2007) 100–103; E. Hornung / R. Krauss / D. Warburton eds., Ancient Egyptian Chronology (Handbook of Oriental Studies; Leiden 2006); K.A. Wilson, The Campaign of Pharaoh Shoshenq I into Palestine (FAT 2. Reihe, 9; Tübingen 2005) [ein Rückschritt gegenüber Naʾaman 1998]; A.J. Shortland, Shishak, King of Egypt: The challenge of Egyptian calendrical chronology: T.E. Levy / T. Higham ed., The Bible and Radiocarbon Dating – Archaeology, Text and Science (Lon- don & Oakville 2005) 43–54; N. Franklin, Metrological Investigations at 9th and 8th c. Samaria and Megiddo, Israel: Mediterranean Archaeology and Archaeometry 4 (2004) 83–92; I. Finkel- stein, The Campaign of Shoshenq I to Palestine. A Guide to the 10th Century BCE Polity: ZDPV 118 (2002) 109–135; E.A. Knauf, Shoshenq at Megiddo: Biblische Notizen 107/108 (2001) 31; B.U. Schipper, Israel und Ägypten in der Königszeit (OBO 170; 1999); N. Naʾaman, ‫הארכיאולוגי‬ ‫מסע שישק לארץ ישראל בראי הכתובות המצריות המקרא והממצא‬: Zion 63 (1998) 247–276; H.M. Niemann, The Socio-Political Shadow Cast by the Biblical Solomon: L.K. Handy ed., The Age of Solomon (SHCANE XI; Leiden – New York – Köln 1997) 252–299, bes. 296–299; Z. Talshir, The Alternative Story: 3 Kingdoms 12:24a-z (Jerusalem Biblical Studies 6; 1993); D. Ussishkin, Notes on Megiddo, Gezer, Ashdod, and Tel Batash in the Tenth to Ninth Centuries B.C.: BASOR 277/78 (1990) 71–91. In Ägypten war mittlerweile die 22. (libysche) Dynastie an die Macht gekommen. Ihr erster Pharao, Šošenq, hebr. ‫שישק‬, bibeldeutsch Schischak, hebr. Qǝrē ‫שושק‬, äg. Š3šnq, erneuerte den nie aufgegeben Anspruch Ägyptens auf die kanaanäische Provinz; in imperialer Logik: semel ægyptica – semper ægyptica. Einerseits trat der libysche Häuptling damit in die Reihe seiner pharaonischen Vorgänger; andererseits war er imgrunde nichts als ein libyscher Häuptling, dessen Stamm sich einen Staat angeeignet hatte. Das Ägypten der 22. Dynastie war ebenfalls ein ‚Stammesstaat‘, nur ein sehr großer. Mentalitätsmäßig stand Šošenq Rehabeam und Jerobeam näher als den kanaanäischen Städten. Auch wenn die Pharaonen sonst ihre weibliche Verwandtschaft nicht an Ausländer verheirateten, bei diesem Pharao ist das nicht auszuschließen: So schlossen Familien, Sippen und Stämme Allianzen. Damit sind die ägyptischen Heiraten ‚Salomos‘ und Jerobeams I. durchaus plausibel, was nicht ausschließt, dass sie nichts weiter sind als der narrative Niederschlag der Vasallität Judas und Israels im ausgehenden 10. und frühen 9. Jh. unter distanzierter ägyptischer Oberherrschaft. Nach der von der Bibel geprägten allgemeinen Auffassung war es ein einzi- ger Feldzug, imgrunde nichts weiter als ein Plünderungszug, der Šošenq im 5. Jahr Rehabeams nach Jerusalem führte (1 Kön 14,25–26) (Knauf 2016, 290–292). Er hat eine Liste der im Hl. Land eroberten Orte hinterlassen, die kaum erst in seinem Todesjahr fertiggestellt wurde. Obwohl beschädigt, lassen sich nach ihr mindestens drei Feldzüge rekonstruieren: (a) von Philistäa nach Benjamin; (b) von Philistäa in den Negev (und womöglich weiter in die ʿAraba); (c) von Phi- Šošenq und Rehabeam | 165 listäa durch die Jesreel-Ebene ins Jordantal mit einem Abstecher nach Osten ins Jabbok-Tal (Abb. 38). Jerusalem wäre im Zusammenhang von (a) zu erwarten, wird dort aber (in unzerstörtem Kontext) nicht genannt. Ein Eintrag in der Liste setzt keineswegs die Zerstörung der betreffenden Ortschaft voraus – nicht je- dermann tötet, was er liebt. Wir können also schließen: bis zum Ende der Regie- rungszeit Šošenqs I. hat Jerusalem keinen Tribut bezahlt – dieser dient in der biblischen Erzählung nur zur Erklärung, wo Salomos sagenhafter Reichtum geblieben ist. Weiterhin gibt es eine Inschrift eines Angehörigen von Šošenqs Hofstaat, die besagt, er habe den Pharao auf seinen Feldzügen (Plural!) nach Syrien-Palästina begleitet (HTAT S. 239–240 Nr. 103). Die Kampagnen (a) bis (c) werden sich also auf mindestens drei Jahre verteilt haben (Niemann 1997, 296– 299). Šošenq errichtete überdies eine monumentale Siegesstele in Megiddo, die nicht im Zuge einer Exkursion hätte produziert werden können; er hat wohl Megiddo zeitweise als Hauptstadt der wiederhergestellten ägyptischen Provinz Kanaan im Auge gehabt, ehe er über seine kanaanäischen Eroberungen anders disponierte. Penuēl (Tell Dēr ʿAllā) Gibeon Gaza Arad Abb. 38: Šošenqs Feldzüge in Kanaan (nach E.A. Knauf, 1 Könige 1–14 [HThKAT], 2016, 291). 166 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) Indirekt bezeugen Šošenqs Feldzüge die Königtümer von Rehabeam (Jerusalem) und Jeroboam I. (Sichem), indem sie die Regionen Jerusalem und Sichem sorg- fältig aussparen. Offensichtlich führte der Pharao seine Feldzüge eher mit und für als gegen seine israelitischen und judäischen Schwiegersöhne. Er eroberte Gibeon, das nach I. Finkelstein Hauptort des benjaminitischen Häuptlingstums war, Gezer und Bet-Horon und übergab sie offenbar Juda zum Wiederaufbau (vgl. 1 Kön 9,17), was im Fall Gibeons zunächst unterblieb – Jerusalem war froh, die alte Rivalin bei der Kontrolle des Ost-West-Verkehrs erst einmal losgewor- den zu sein. Das im Zuge der Kampagne (c) im Ostjordanland eroberte Penuël (Tell Dēr ʿAllā) übergab er offenbar Jerobeam, der es als seine zweite Residenz ausbaute (1 Kön 12,25). Die an Juda übergebenen Orte wurden wohl frühestens von Asa wiederhergestellt, denn das Annalenexzerpt 1 Kön 15,22 belegt, was für eine zuvor unerhörte Anstrengung die Befestigung von Geba und Mizpa war, was diese beiden Festungen zu den ersten Fällen von Monumentalarchitektur im Königreich Juda macht. Alle diese Bautätigkeiten werden durch die vorauf- gegangene Zerstörung durch den Pharao erklärbar. Der Feldzug (b) in den Negev (und weiter in die ʿArava) steht im Zusammenhang mit der tribalen Kup- ferindustrie und den Handelswegen zwischen der Region von Punon und Phi- listäa. Megiddo VB scheint der Pharao (als neue Hauptstadt ‚Ägyptisch- Kanaans‘?) geradezu gegründet zu haben (Ussishkin; Knauf). Während der Stadtplan noch einmal die kanaanäische Stadt Megiddo VIIA und VIA aufgreift, gibt es in der materiellen Kultur nunmehr keine Unterschiede mehr zu den Berg- landbewohnern. Als ägyptisches Lehen wird Megiddo und damit die Jesreel- Ebene alsbald in Israel integriert. Bei alledem versteht sich von selbst, dass Ägypten Israel und Juda als seine Vasallen betrachtete – oder in libyscher Ter- minologie, als Unterhäuptlingstümer. Im Gegensatz zur bisherigen Forschung, die das Eingreifen Šošenqs für ein ephemeres Ereignis ohne Folgen betrachtet, ist mit der Wiederherstellung der ägyptischen Oberherrschaft über Kanaan bis ca. 850 vC zu rechnen, allerdings in der lockeren Form eines Oberhäuptlingstums. Die Pharaonen der 22. Dynastie sicherten sich die Loyalität ihrer Vasallen in Kanaan bis und mit Phönizien und Syrien (die sich selbst als Verbündete gefühlt haben mögen), indem sie ihnen Frauen schickten und ihre Statuen. Auf israelitischen und judäischen Siegeln des 9. und noch des 8. Jh. erscheint der Name š3šnq oder š3šq in Amulettfunkti- on, war also zum Titel für eine Art ‚Schutzmacht‘ geworden wie umgekehrt der Titel ‚Pharao‘ in der Bibel überwiegend als Eigenname gebraucht wird. Šošenq und Rehabeam | 167 Abb. 39: GGG Nr. 391–392; erläuternder Text dazu: GGG S. 484–486. Dabei mag geholfen haben, dass es die 22. Dynastie auf insgesamt fünf Šošenqs brachte. Auf alle Fälle zeigt sich auch hier ein längerer, prägender Einfluss der 22. Dynastie. Die omridischen Architekten maßen mit der ägyptischen Elle, nicht wie ihre Vorgänger und Nachfolger mit der syrischen (N. Franklin 2008). Noch an der Schlacht von Qarqar 853 vC nahmen 500 ägyptische Soldaten teil, wohl die Garnison der sonst nicht genannten Metropolen Tyrus und Sidon. Pharao Šošenq in Kanaan. Ca. 943/938–923/917 vC. B.U. Schipper, Israel und Ägypten in der Königszeit (OBO 170; Fribourg und Göttingen 1999) 119–132; – Die eroberten (nicht unbedingt: zerstörten) Städte sind als gefesselte Gefange- ne dargestellt, jeweils mit dem Ortsnamen in einer Kartusche beschriftet. Die ersten 10 Nummern sind konventionell. Der Pfeil verbindet Stationen auf dem gleichen Heereszug, || markiert einen Neuansatz. Um den Sieg größer zu machen, sind bisweilen Epitheta als ei- gene ‚Städte’ verzeichnet. Vgl. auch HTAT S. 228–238 Nr. 102. [Feldzug (a)] 11. Ge[ser]  12. M[…]  13. Rubute  26. Ayyalon  25. Gittaim  24. Bet Horon  23. Gibeon || [Feldzug (c1)] 22. Mahanaim  21. ‚Gefilde von […]‘  20. […] 19. Adoraim  18. Hafaraim  17. Rehob  16. Bet Schean  15. Schunem  14. Taanach  27. Megiddo, 28. ‚Gewaltig ist 29. die Hand des Königs, 30. [… l] 31. er war ihnen gnädig‘ [Beiname der neuen Hauptstadt, kanaanäisch] 32. ʿIron [ʿArūna im Naḥal ʿIron]  33. Bo- rim  34. Zēt Padalla  35. Yiḥam  36. ‚Grab des 37. KQRY‘ [Seevölkername?]  38. Socho [geschrieben Šoko]  39. ‚Apfelhausen‘ (Bēt Tapp[uaḥ]  40. ‚Trift von 41. […]‘  [42.–52. zerstört] || [Feldzug (c2)] 53. Pnuël 54. Ḥadašat (‚Neu-Pnuel‘)  55. Sukkot  56. Adama  57. Tsemaraim  58. [Mi]gdol  [59.–64. zerstört]  65. ‚Die Ebene‘ [d.i. Jesreel] || [Feldzug (b1)] 66. ʿAtsam  67. ʾNM(ʾ)L  68. Feld des 69. [ … ]  70. ʾEl-hal(l)al  71. Feld des 72. Abiram  73. Getreide (?) des 74. Nagbari (?)  75. Getreide (?) des 76. WRKT  77. Feld des/der 78. Načʾit  79. [.]DD[.]ʾ  80. Tsafata  81. M[…]  82. Tap[puaḥ]  83. ‚Gär- ten‘ (Gannot)  84. Negev des/der 85. ʿAzza-[..]t  86. TMḤDN  87. Feld der 88. beiden 89. Q[…]  90. Negev des/der 91. WHT-WRK[T]  92. Negev von 93. ʾAšḥit  94. Feld des 95. Ḥanani  96. Feld des 97. Eligad  98. Ackerland des 99. Ḥanani, 100. des Großen  101. Feld des 102. TLWN (oder TRWN)  103. Höhensiedlung des 104. ŠRLM 105. Höhensied- lung des 106. Doti (oder DWT/Dawid)  107. Felder  108. Arad, 109. das Große  110. Arad 111. des Hauses 112. Yeruḥam [Jerachmeel]  [113.–115]  116. Ein Großer  117. Ein Großer  [118. –120.]  121. Pletim  122. Trift des 123. Mandel-Brunnens  124. Bet ʿAnat  168 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) 125. Šaruḥen  126. ʾEl-Mattan  127. ‚Tenne‘ (Goren)  128. Ackerlan[d, 129. s]alziges  131. Sal[z]–130. [Br]unnen 132. ʾEl(i)ra[m]  133. Yurṣa  [134.–138.] 139. Yeruḥam  140. Anani  [141.–144.]  145. Maʾk[…], 146. der Große  [147.–149.]  Jordan || [Feldzug (b2)] 1a. […]  2a. Raphia  3a. Laban  4a. ʿEn Goren  5a. Ham. ‚Leserichtung‘ z.T. nach N. Naʾaman 1998. –18. Kaum der gleichnamige Ort im Karmel- Gebirge; vielleicht Ḫirbet Abū Habīl im östlichen Jordangraben, südöstlich von Rehob? – 19. Kaum das judäische Adoraim, geographisch etwa in der Gegend von Tell es-Sāʿidīye und Tell ʿAmmatā zu suchen. – 21. š-w-d-i, zu lesen als śade; das Kanaanäische in dieser Liste hat einen starken phönizischen (bzw. nordisraelitischen) Einschlag, vgl. zu šin für śin Nr. 38, für /ā, á/ /ō/ Nr. 28.–28.–31. 73.f, 75.f: Orte, die zwischen Megiddo und ʿAruna (32.) liegen könnten, sind nicht nur unbekannt, sie sind so gut wie undenkbar. Dass in der Liste längere Einträge auf mehrere Kartuschen verteilt worden sind, ist im Negev-Abschnitt all- gemein anerkannt (vgl 68.f, 71.f, 73.f, 75.f, 87.–89., 90.f, 92.f, 94.f, 96.f, 101.f, 103.f, 105.f, 108.f, 110.–112.), ebenso, dass 29. yad ham-malk zu lesen ist, ‚Hand‘ oder ‚Stele des Kö- nigs‘. Eine monumentale Stele von ursprünglich fast 4 m Höhe hat Šošenq in Megiddo hin- terlassen (ein Bruchstück: GGG S. 200 Nr. 194); weiterhin geht die zentrale Bedeutung des Ortes für die ägyptische Kanaan-Politik auch daraus hervor, dass die Jesreel-Ebene End- punkt der Itinerare 22.–14. und 5.3–65. ist. E.A. Knauf schlägt vor, 28.–31. als kanaanäi- sches Epitheton der designierten Provinzhauptstadt zu lesen: 28. ʾaddīrō 29. yad ham-malk [30. …t], ḥanna=m. Der auslautende Vokal von ʾaddīrō (< ʾaddīrat) wird durch den Determi- nativ-Strich unter der rfw-Hieroglyphe ausgedrückt und entspricht phönizischer Phonolo- gie. Dass sich das Westjordanland im Falle der Endung des Adjektivs im fem. sg. in 28. pro- gressiver zeigt als das Ostjordanland in 54., überrascht keineswegs. In 31. ‚er hat sie (pl.) begnadet‘ gibt die Aleph-Schreibung in der ersten Silbe den Vokal an. – 34. Vordem Gat Padalla; die Ablösung (oder Vergesellschaftung) von Wein und Öl auch im Fall von Abel Ke- ramim ‚Weinbergstrift‘ (kanaanäisch) – Ābil ez-Zait ‚Öl-Weide‘ (früh-arabisch). – 36f. Bet ʿolam = ‚Grab‘; der Name 37. ist wegen der Konsonantenfolge KQ weder semitisch noch ägyptisch; vermutlich ein Seevölker-Name, vgl. den Lokal-Heroen von Salamis, ΚΥΧΡΕΥΣ (H. v. Geisau, Kleiner Pauly 3, 390). – 39. Vgl. Tappuach Jos 16,8; 17,8. – 53f. Aus ‚Neu-Pnuël‘ geht nicht hervor, dass Jerobeam I. dort bereits eine Residenz ausgebaut hatte (1 Kön 12,25), bevor Šošenq nach Kanaan kam. – 56f. Adama ist der Jordan-Übergang von ed- Dāmye, also kann Tsemaraim mit dem benjaminitischen Ort Jos 18,22 identisch sein. – 66. Vgl ʿEtsem Jos 15,29; 19,3; ʿAtsmon Jos 15,4. – 67. Ein auf -(ʾ)el, -il endender Personen- oder Sippenname. – 68ff. p3 ḥqr, hier mit ‚das Feld von‘ übersetzt nach hebr. ‫ חלק‬ḥéleq, ist in HTAT (S. 236) mit ‚die Umfriedung von‘ wiedergegeben (vgl. arab. ḥiǧr). 69. Wir können den mit äg. f- (also emphatischem p) anlautenden Namen weder lesen noch deuten; Naʾaman: Futeis/Patisch. – 70. Personen- oder Sippenname. – 72. Personen- oder Sippenname. – 73. š-b-rw-t, nach äth. säbl, hebr. šibbolet und Verwandtem ‚Ähre‘, nach aram. šḇīl ‚Weg‘, nach aram. šḇaltā, hebr šibbolet ‚Strom‘ (so Naʾaman 258). Dass Wasserstellen im Negev Besit- zer haben, ist bekannt – aber Ströme? – 76. Der Name mit anlautendem W- ist arabisch oder, wahrscheinlicher, philistäisch (vgl. den ‚Negev der Kreter‘ 1 Sam 30,14). – 78. Vgl hebr. ‫ נעצוץ‬naʿătsuts ‚Dorngehege‘. – 80. čʾ-p-qʾ; eine sinnvolle Lesung setzt die Annahme eines Schreibfehlers voraus (<q> für <t>); vgl. Ri 1,17, wonach Tsǝfat ein früherer (?) Name für Horma gewesen sein soll. – 82. Vgl Bet Tappuach Jos 15,53; Tappuach 15,34. – 91. Cf 76. – 93. oder: ‚der Bewässerungsanlagen‘. – 98. Kan. ‫ אדמת‬ʾad(a)mat. – 100. Oder: ‚des Vor- nehmen, Großen‘ (zu 99.); vgl sonst Addar Jos 15,3 und Adir in Moab. – 102. Cf. zum Na- Šošenq und Rehabeam | 169 menstyp 86. – 103. Zu *Haydab s. Naʾaman, 258. – 104. Vgl. das Gentilizium (Num 26,20) zum judäischen Sippennamen Schela 1 Chr 2,3; 4,21. Das zweite rw wäre dann Dittographie (bzw. falsche Analogie zu den Namen auf -ʾel/il). – 106. Oder Dodi; K.A. Kitchen will hier ‚David‘ lesen, doch ist das -i gesichert und das -o- wahrscheinlicher als ein konsonanti- sches w. – 110. N. Naʾaman, TA 12 (1985) 91f lehnt die vorausgesetzte ägypto-kanaanäische Sprachmischung (äg. Relativpartikel n, kan. bt ‚Haus‘) ab und liest einen Sippennamen *Nebat. Aber solche Sprachmischung liegt auch in p3-ngb ‚der (äg.) Negev (kan.) von‘ 84 u.ö. vor. – 111. Vgl 1 Chr 6,12.19; 8,14; 9,8.12; Neh 11,12 und Jerachmeel 1 Chr 2,9.25–41; 1 Sam 27,10; 30,29. – 116. und 117. So viele Orte des Namens Addar, Adir kann es nebenei- nander kaum geben. Es ist anzunehmen, dass Šošenqs Truppen bisweilen mordeten und plünderten, ohne erst nach dem Namen zu fragen, bisweilen im Kreis marschierten oder verschiedene Lagerplätze der gleichen Stämme oder Sippen heimsuchten. – 118. bis 120. sind zu zerstört für eine Deutung. – 121. Vgl 1 Sam 30,14 mit 2 Sam 8,18 u.ö. – 122. Abel ‚Weide, Trift‘ wird als Ortsname gewöhnlich von einem Bestimmungswort gefolgt. – 125. = Tell ʿAǧǧūl; damit ist die Via Maris ereicht. – 126. Wieder ein zum Toponym gewordener Personen- oder Sippenname. Vgl. das Gentilizium Mitni (< Matteni?) 1 Chr 11,43. – 127. Oder ‚Tenne des 128f. Salz-Ackers‘. – 129. Kan. *malīḥat. – 133. Bei Asarhaddon Arzā; Tell Ǧem- me. – 145. 1 Sam 27,2 Vater (oder Mutter?) des Königs von Gat. 1 Kön 14,25 ist zu entnehmen, dass Šošenqs erster Feldzug (a) im 5. Jahr Reha- beams stattfand und sich in Jerusalem bemerkbar machte. Aber wie? Der Feld- zug traf den saulidischen Machtbereich ins Herz (I. Finkelstein) und beendete die Herrschaft Eschbaals. Offensichtlich verzichtete der Pharao auf direkte Herrschaft im tribalen Bereich und übergab das Gebiet dem König von Jerusa- lem als Lehen. Als sich Rehabeam als unfähig herausstellte und Jerobeam I. als sehr fähig, nahm ihn Šošenq ebenfalls unter seine Fittiche und unternahm zu dessen Unterstützung Feldzug (c): divide et impera. Rehabeam war der erste und letzte König eines von Jerusalem aus regierten ‚vereinten‘ judäo- israelitischen Königreichs; dass er in die Tradition als Verlierer gegenüber Jero- beam eingegangen ist, tut seiner Herrschaft wohl das Gegenteil von Unrecht. Es fällt nun auf, dass eine Reihe von Ereignissen, die nur nach Šošenqs Vernichtung der Sauliden-Herrschaft denkbar sind, statt von Rehabeam von Salomo erzählt werden: die ägyptische ‚Verschwägerung‘, die Übergabe von Geser, aber auch die Überführung eines JHWH-Bildes oder –Kultsymbols von Gibeon in den Tempel von Jerusalem (1 Kön 3,4.15*; 8,12–13); die ‚Lade‘, d.h. der Kasten oder Schrein, in dem sich das Kultobjekt befand, war in dieser Zeit nur die ‚Verpackung‘. Die einfachste Lösung des Problems: ‚Salomo‘ und ‚Reha- beam’ waren die gleiche Person. Dafür sprechen neben der ‚ägyptischen Ver- bindung’ weitere Indizien: die Chronologie, die zwischen David und Rehabeam keine Lücke oder nur eine von wenigen Jahren hat (s.u.); weiterhin, dass ‚Salo- mo‘ im Alter von 12 Jahren den Thron bestieg (1 Kön 2,12 LXX; Seder Olam 10) und ‚Rehabeam‘ im Alter von 16 Jahren (1 Kön 12,24a LXX; die ‚41 Jahre‘ von 170 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) 1 Kön 14,21 setzen die ‚40 Jahre‘ Davids und Salomos voraus) – nach judäischer Zählung war Salomo-Rehabeam, wenn er mit 12 angefangen hatte, zu regieren, in seinem 5. Jahr 16 Jahre alt; und die verschiedene Überlieferung der Regie- rungszeit Rehabeams: 17 Jahre nach dem MT, 12 Jahre nach 1 Kön 12,24a LXX, wobei 17 = 12+5 ist. Schließlich spricht auch der Name ‫ רחבעם‬Rehabeam, der ungefähr bedeutet ‚Er verschafft dem Volk weiten Raum‘ und in der hebräi- schen Namengebung ganz singulär ist, dafür, dass der König ihn erst nach Šošenqs Eingriff annahm. In Jerusalem scheint der ursprüngliche Name weiter in Gebrauch geblieben zu sein, was 1 Kön 3,1.4.15*; 8,12–13; 9,16–17 erklärt. In der Chronologie, die in der Bibel rezipiert ist (oder im Zuge ihrer Kompilation fabriziert wurde), wird der Name ‚Rehabeam‘ sozusagen zurückdatiert, unter ande- rem, weil ‚Salomo‘ jetzt eine eigene (und ganz andere) Geschichte bekommen hat. Das Problem, dass Salomo/Rehabeam jetzt zwei Mütter hat – Batscheba und die Ammoniterin Naʿama – lässt sich auf verschiedene Weise lösen, sei es, dass beide legendär sind, sei es, dass der König zu verschiedenen Zeiten oder in verschiedenen Kontexten – Jerusalem einerseits, die Stämme andererseits – verschiedene Frauen aus dem Harem seines Vaters als ‚Königinmutter‘ präsen- tierte. Sein Vater ist unbekannt, wird aber zum engeren Kreis Davids gehört haben (die ‚Thronfolgegeschichte‘ 1 Kön 1 legt nahe, an den Jebusiter Natan zu denken, doch ist diese Geschichte mittlerweile als Historiographie diskreditiert). Er war mit einer Tochter des David-Sohnes Abschalom/Abischalom verheiratet (1 Kön 15,2.10; 2 Chr 11,20 [Vorlage in Kön getilgt]), der zukünftigen Königinmut- ter Maacha, gleichnamig mit ihrer Großmutter (2 Sam 3,3) so dass deren Nach- fahren nicht nur im rechtlichen, sondern auch im biologischen Sinn ‚Söhne Davids‘ waren, während Salomo/Rehabeam ein ‫ בן דוד‬Ben-Dawid nur insofern war, als er König von ‫ בית דוד‬Bet-Dawid war. Šošenq hat 21 Jahre regiert und seine Herrschaft zwischen 943 und 938 vC angetreten (Hornung / Krauss / Warburton 2006, 474). Zwischen 923 und 917 ist er dann gestorben. Das Jahr, in dem er das Saulidenreich zerstört hat, lässt sich mithil- fe der israelitischen Königsliste errechnen. Ahab starb nach derzeitigem Konsens 853, 79 Jahre zuvor hatte Jerobeam den Thron bestiegen, also 932 (E.A. Knauf, 1 Könige 1– 14 [HThKAT, Freiburg/Basel/Wien 2016] 72–77 mit einem hier korrigierten Rechenfeh- ler). So ergeben sich von Saul bis Jerobeam ben Nebat folgenden Daten: Tab. 9: Von Saul bis Jerobeam ben Nebat Jahr vor/nach Šošenqs Jahr vC Ereignisse Eroberung von Gibeon –63? Saul wird König von Israel (angenommene Regie- rungszeit: 32 Jahre). Exkurs: ‚Salomo‘ | 171 Jahr vor/nach Šošenqs Jahr vC Ereignisse Eroberung von Gibeon –21? Eschbaal tritt die Nachfolge Sauls an (angenom- mene Regierungszeit: 22 Jahre). –5 932 Jerobeam ben Nebat rebelliert gegen Eschbaal. –4 931 „Salomo“/Rehabeam wird König von Jerusalem. 1 927 5. Jahr Rehabeams; Šošenqs Eingriff: Rehabeam erhält Benjamin, Jerobeam Efraim. 12 916 Rehabeam stirbt, nachdem er weitgehend erfolg- los Benjamin gegen Jerobeam verteidigt hat. 16 912 Jerobeam stirbt, nachdem er große Teile von Benjamin für Israel zurückerobert hat. 4.6 Exkurs: ‚Salomo‘ N. Naʾaman, Hiram of Tyre in the Book of Kings and in the Tyrian Records: JNES 78 (2019) 75– 1 85; P. 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An der Salomo-Gestalt ist nichts historisch außer dem Namen, den anscheinend Rehabeam während der ersten 4 Jahre seiner Herrschaft (und in Jerusalem darüber hinaus) führte und den Bege- benheiten anderer Könige, die aus deren Annalen und anderen Überlieferungen auf ‚Salomo‘ übertragen wurden. Das beginnt mit Rehabeams Verhältnis zu Šošenq und seiner Überführung eines JHWH-Kultobjekts in den kanaanäischen Tempel von Jerusalem. Der Wiederaufbau von Geser, Unter-Bet Horon und Baalat [Juda] (1 Kön 9,17–18) war Sache der Bewohner oder fand erst statt, nachdem Asa die Grenze gegen Israel stabilisiert hatte; der Außenposten am Südrand des Toten Meeres (Tamar = ʿAin al-ʿArūs) kann der Geschichte erst in der 2. Hälfte des 9. Jh. zugewachsen sein, da Juda erst jetzt in den Negev expan- diert. Eine Grundschicht der ‚Provinzliste‘ 1 Kön 4,7–20 ist vor-omridisch, aber darum nicht ‚salomonisch‘, sondern wohl in die Zeit Baaschas zu datieren. Sie wurde unter Omriden (um Naftali und Gad) und Nimschiden (um Ascher und Dan) erweitert. Exkurs: ‚Salomo‘ | 173 VIII IX IV X VI V III VII I II XI XII Abb. 40: Die Salomo in 1 Kön 4,8–19 zugeschriebenen Regionen I–XII kamen erst sukzessive unter Israels Einfluss. Vor-Omridisch (Dynastie Baascha): I–VI (VII?); Omridischer Zugewinn: VII, VIII, XII; Zugewinn Jerobeam II: VIII, IX, X, XI. Er beherrschte das Gebiet in 1 Kön 4,8–19 mit Juda. 174 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) Aus der Geschichte der Omriden (9. Jh.) wurden auf Salomo übertragen: die Prosperität Israels, die Kooperation mit Phönizien, die Chronologie des Tempel- und Palastbaus, die sich sinnvoll auf den Bau und Bezug von Samaria in Omris Regierungszeit einfügt, und das Kupferschmieden und –gießen im Jordantal (1 Kön 7,46). Das Verhältnis des ‚Kriegers‘ David zum ‚Bauherren‘ Salomo ist eine leicht überzeichnete Typisierung des Verhältnisses von Omri zu Ahab. Von Jerobeam II. hat der biblische Salomo die Bauherrschaft von ‚Hazor, Megiddo und Geser‘ (1 Kön 9,15) geerbt und wahrscheinlich den Pferdehandel von Ägyp- ten über Megiddo nach Assyrien (1 Kön 10,28–29). Einen Vertrag – Bauholz gegen Grundnahrungsmittel mit Hiram II. von Tyrus (ca. 738–731/30 vC: Naʾaman 2019) hat wahrscheinlich Menachem von Israel kurz nach 738 abge- schlossen (1 Kön 5,22–25). Von Hiskija hat ‚Salomo‘ den Bau der Mauer Jerusa- lems (1 Kön 3,1; 9,15) geerbt. Legendarische Bildungen des 5./4. Jh.s sind das ‚salomonische Urteil‘ 1 Kön 3,16–28 und die ‚Weisheit Salomos‘ (1 Kön 5,9–14) mit dem Besuch der Königin von Saba 1 Kön 10,1–10.13 sowie die gesamte Mo- numental-Architektur Salomos, die von den achämenidischen Residenzen Susa und Ekbatana inspiriert ist. Ob in diesen Zusammenhang auch das Jerusalemer „Libanonwaldhaus“ gehört (1 Kön 7,2–5.10.17.21//2 Chr 9,16.20; cf. Jes 22,8), mehr als viermal so groß wie der Tempel JHWHs (1 Kön 6), die davididische Palastkapelle, und ein ebenso kostbar ausgestatteter Tempel einer Göttin oder Göttinnen (der Himmelskönigin [Jer 44], Aschera, Astarte) war, im jetzigen mo- notheistischen Kontext freilich nur als eine Art Arsenal erscheint (P. Guillaume 2019)? Salomo konnte zur herausragenden Herrschergestalt am Anfang der Ge- schichte der beiden Königreiche herausgeputzt werden (Naʾaman 2019), weil er in den authentischen Traditionen des 10. Jh. nichts als ein Name in einer Liste war: Tab. 10: Namen der Könige im 10. Jh. vC David (Regierung unbekannt, pauschale 40 Jahre) Salomo (Regierung unbekannt, pauschale 40 Jahre) Rehabeam (17 Jahre) Abijam (3 Jahre) Asa (41 Jahre) usw. Bei der Überführung der Liste in Geschichtserzählung wurde dann automatisch jeder Vorgänger zum Vater seines Nachfolgers, was nicht nur im Fall Salomo- Rehabeam ein Trugschluss war, sondern auch bei Abijam und Asa. Bemerkens- Exkurs: ‚Salomo‘ | 175 wert ist, dass die israelitische Königsliste seit Saul mit der Angabe der Regie- rungszeit geführt wurde, die judäische hat Zahlen erst ab Rehabeam. Im 10. Jh. gab es keine Friedenszeit; ihre Erzählung beruht auf einer Volks- etymologie des Namens ‫שלמה‬, gelesen als Šǝlomo ‚Friedrich, Fried-reich‘ von ‫ שלום‬šalom ‚Friede, allgemeines Wohlergehen‘. Eher war der junge Rehabeam nach dem Jerusalemer Gott Schalem benannt, als Gott der Abendröte ein Beglei- ter des Sonnengottes (‚Jerusalem‘, seit dem beginnenden 2. Jahrtausend vC belegt, heißt ‚Gründung des Schalem‘); dies erklärt, dass der Name in Jerusalem auch nach Šošenqs Eingriff im Gebrauch blieb. Von Saul/David bis zu den un- mittelbaren Vorgängern der Omriden durchzieht die biblische Darstellung der ersten Könige ein ganz unfriedlicher Refrain: Es war lange Krieg zwischen dem ‚Haus Saul‘ und dem ‚Haus David‘ … (2 Sam 3,1). Es war ständig Krieg zwischen Rehabeam und Jerobeam (1 Kön 14,30). Der Krieg zwischen Rehabeam und Jerobeam dauerte, solange sie lebten (1 Kön 15,6). Es war Krieg zwischen Abija und Jerobeam (1 Kön 15,7). Der Krieg zwischen Asa und König Baascha von Israel dauerte, solange sie lebten (1 Kön 15,16.32). Für eine ‚Friedenszeit‘ war im 10. Jh. kein Platz, sie musste bis Ahab warten. Nach 1 Kön 1 kam ‚Salomo‘, zu Lebzeiten seines dynastischen, nicht leibli- chen Vaters David (T. Veijola 1979) durch einen Staatsstreich auf den Thron, bei dem die Jerusalemer Partei am Hof (der Höfling Natan, der Priester Zadok, der „Prätorianer“ Benaja) die judäische Elite (den Kronprinzen Adonja, den Heer- bann-Kommandanten Joab, den Priester Abjatar) ausschaltete. David erscheint in der Erzählung senil und impotent, er kann das Treiben der Mutter seines vermeintlichen ‚Sohnes‘ nur abnicken. Davids Erwerbung Jerusalems führt nun dazu, dass sich Jerusalem die tribale Bevölkerung des Gebirges Juda unterwirft, sie bzw. das Gebirge Juda wird als Untertanengebiet des Stadtstaates betrachtet (H.M. Niemann). Damit greift die Erzählung auf Verhältnisse des 7. Jh. vor, und es ist nicht auszuschließen, dass andere Staatsstreiche (die Erhebung Joschijas 640? Putsche in Assyrien?) hier Pate gestanden haben. Dass der Anspruch auf die Herrschaft über Israel in Jerusalem weitertradiert wurde, auch nachdem sie schon unter dem ersten und letzten ‚König von Juda und Israel‘, ‚Salomo‘/Rehabeam, weitgehend verloren ging, ist selbstverständ- lich (abgesehen davon, dass Juda immer wenigstens einen Zipfel von Benjamin behielt). Erst 1801 nC verzichtete die britische Krone auf den Titel ‚King of France‘, nachdem Calais als letzter Rest dieses Königtums schon 1558 nC verlo- rengegangen war. Kein festeres fundamentum in re hat die Tradition vom ‚Tem- 176 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) pelbauer Salomo‘. Noch im 7. Jh. war sie unbekannt – der David der Davidhaus- Geschichte kann bereits im Tempel von Jerusalem beten (2 Sam 12,20), den sein ‚Sohn‘ noch gar nicht gebaut hat. Tatsächlich ist die Behauptung, auf der höchsten Stelle der kanaanäischen Stadt Jerusalem habe sich kein Tempel be- funden, sondern eine Tenne (2 Sam 24), völlig unglaubwürdig (H. Donner). Der hl. Felsen, über dem ab 692 nC die Kuppel des Felsendoms errichtet wurde, birgt unter sich eine Grabhöhle der ‚Intermediate Bronze Age‘ (2300–2000 vC). Wahrscheinlich trieben die ersten Jerusalemer um 2000 vC auf dem Felsen Ah- nenkult. Somit geht die Heiligkeit des Ortes mindestens bis an den Anfang des 2. Jahrtausends vC zurück. Da jegliche jahwistische Kultlegende für den Jerusa- lemer Tempel fehlt, bis das himmlische Architekturmodell und das Wüstenhei- ligtum von Ex 25–40 sie lieferten – im Gegensatz etwa zu Bet-El, das gleich zwei hat (1 Kön 12,28 und Gen 28,11–19), ist der Schluss unabweislich, dass ‚Salo- mo‘ den Tempel nicht gebaut hat, sondern dass allenfalls Rehabeam den Gott JHWH aus Gibeon nach Jerusalem überführte, um ihn ins Pantheon von Jerusa- lem als einen El untergeordneten Gott einzuführen (1 Kön 8,12f LXX; diesen Zustand reflektiert auch Dtn 32,8–9 LXX, wohl aus assyrischer Zeit). Im ‚Tem- pelweihspruch‘ wird ein ehemals freier Stammesgott eingefangen und domesti- ziert: dieser Text klingt in der Tat nach dem 10. Jh. vC. 1 Kön 8,12–13. – 10. Jh. vC. [El] hat die Sonne an den Himmel […] JHWH aber gedachte, im Wolkendunkel zu wohnen. Jetzt aber habe ich dir einen Palast gebaut als Ort, wo du nun für immer residieren sollst. Der erste Halbvers fehlt im hebräischen Text, der Name des Schöpfergottes fehlt auch in der Septuaginta, wo JHWH zum Subjekt auch dieses Satzes wird. Religionsgeschichtlich musste JHWH erst oberster Gott werden, bevor er Schöpfergott werden konnte. Welches hebräische Verb Els Handeln bezeichnete, lässt sich zurzeit nicht sagen. Dtn 32,8–9. – 7. Jh. vC? Als der Höchste [Elyon] die Völker zu Lehen gab, die Menschenkinder verteilte, setzte er die Gebiete der Völker fest, nach der Zahl der Söhne Els. So wurde JHWHs Anteil sein Volk, Jakob der Umfang seines Lehens. Statt ‚Söhne Els‘ (LXX ‚Engel‘) hat der hebräische Text ‚Söhne Israels‘ und spielt darauf an, dass die Zahl der Völker nach Gen 10 identisch ist mit der Zahl der Nachkommen Jakobs (Gen 46,27). Exkurs: ‚Salomo‘ | 177 Die religionsgeschichtliche Tatsache, dass JHWH, der aus der Wüste gekommen war, in eine Wohngemeinschaft mit dem lokalen kanaanäischen Pantheon ein- trat, demnächst darin einheiratete und im Laufe der Zeit an dessen Spitze trat, war für das ‚kanonische‘ Geschichtsbild unerträglich: der einzig wahre Gott musste selbstverständlich einen jungfräulichen Tempel beziehen. So wurde aus dem Sprecher des Tempelweihspruches, dem JHWH-Bändiger, ‚Salomo der Tempelbauer‘ und der Sprecher eines ‚Tempelweihgebetes‘ 1 Kön 8, das im Wesentlichen eine Polemik gegen den alten Spruch ist. Bezeichnenderweise sind die polytheistischen Züge von 1 Kön 8,12–13 und Dtn 32,8–9 im hebräi- schen Text getilgt von der hasmonäischen Thora-Propheten-Redaktion (E.A. Knauf 2016) und nur in (Qumran und) der Septuaginta erhalten. Abb. 41: Erster Beleg des assyrischen Provinznamens Ebirnāri, d.h. „Jenseits des Stromes (Euphrat)“ z.Zt. Asarhaddons (681–669 vC), biblisch 2 Kön 24,7 in der Zeit Nebukadnezars II. (605–562 vC). Rückwirkend bekommt Salomos Herrschaft „vom Strom (Euphrat) bis zum Land der Philister, bis an die Grenze Ägyptens“ (1 Kön 5,1.4) durch den Provinznamen anachronis- tisch assyrisch-babylonische Weltreichsdimensionen. Die drei ‚Widersacher Salomos‘ in 1 Kön 11 verdienen nähere Betrachtung. Sie stehen einerseits im Dienst des theologisch-historiographischen Bemühens, Salomos rückwirkend maßlos überhöhte und überdehnte Herrschaft ‚vom Eufrat bis zum Grenzfluss Ägyptens‘ (1 Kön 5,1.4  2 Kön 24,7 [vgl. Abb. 41]) schon zu seinen Lebzeiten zu demontieren, einerseits, um seinen ‚Abfall‘ von einer Thora, die es im 10. Jh. noch nicht gab, umgehend zu bestrafen (1 Kön 178 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) 11,1–13), andererseits, um die ‚Ouverture‘ mit den folgenden Akten der Oper in Einklang zu bringen, in denen es von der Macht und dem Reichtum Salomos keine Spuren mehr gibt. Insofern ist dieses Kapitel unhistorisch. Es verarbeitet aber Daten, woher auch immer sie gekommen sein mögen, die das Zeitkolorit des 10. Jh. tragen. Dass ein edomitischer Stammesführer vor einem judäischen Raubzug über Midian nach Ägypten flieht (1 Kön 11,14–22), passt zum ʿArava- Kupferproduktions- und -handelssystem ebenso wie zum Befund, dass unter Šošenq die ägyptisch-lokalnomadische Kooperation beim Kupferabbau in Tim- naʿ noch einmal auflebte (E. Ben-Yosef ed. 2018). Dass dieser Edomiter ein Kö- nigssohn war, der vor flächendeckender judäischer Okkupation floh, ist hinge- gen eine Zutat des 5. Jh., und die Verheiratung mit einer Verwandten des Pharaos (11,19–20) passt besser zu Jerobeam (1 Kön 12,24e LXX) als zu einem Edomiter. Nach 1 Kön 11,23–25 gründete ein Söldner- oder Bandenführer aus Aram-Zoba in der libanesischen Biqāʿ das Königreich Aram-Damaskus. Dieser ‫ רזון‬Reson bar Elyadaʿ war ein ‚Kollege‘ Idrimis wie des jungen David, und scheint wie der letztere endlich gescheitert zu sein: Der nächste König von Da- maskus, von dem wir hören (1 Kön 15,18), führt sich nicht auf diesen Ahnherrn zurück (freilich ist die Historizität des ersten ‚Ben-Hadad‘ nicht über alle Zweifel erhaben). Unhistorisch ist der Schluss der Redaktion, aus Zeitgenossenschaft mit Salomo Gegnerschaft zu machen, wie auch die implizite Annahme, der erste König von Damaskus habe sogleich das Reich Hasaëls errichtet. Besondere Aufmerksamkeit gebührt dem dritten Widersacher Salomos. 4.7 Jerobeam I. 1 E.A. Knauf, Rezension zu O. Keel & C. Uehlinger, Göttinnen, Götter und Gottessymbole. Neue Erkenntnisse zur Religionsgeschichte Kanaans und Israels aufgrund bislang unerschlossener ikonographischer Quellen (Quaestiones disputatae 134; 1992) Biblica 75 (1994) 298–302; E.A. Knauf, 1 Könige 1–14 (Herders Theologischer Kommentar zum Alten Testament; Freiburg – Basel – Wien 2016); I. Finkelstein, The Forgotten Kingdom. The Archaeology and History of Northern Israel (Ancient Near Eastern Monographs, 5; Atlanta 2013); dt. id., Das vergessene Königreich (dtv 34916; München 2017); I. Finkelstein, Saul, Benjamin and the Emergence of „Biblical Israel“: An Alternative View: ZAW 121 (2011) 348–367; A. Berlejung, Twisting Tradi- tions: Programmatic Absence-Theology for the Northern Kingdom in 1 Kgs 12:26–33* (The ‚Sin of Jeroboam‘): JNWSL 35 (2009) 1–42; E. Arie, Reconsidering the Iron Age II Strata at Tel Dan: Archaeological and Historical Implications: TA 35 (2008) 6–64; E.A. Knauf, Bethel: The Israelite Impact on Judean Language and Literature: O. Lipschits / M. Oeming ed., Judah and the Jude- ans in the Persian Period (Winona Lake 2006) 291–349; H.M. Niemann, Core Israel in the High- lands and its Periphery: Megiddo, the Jezreel Valley and the Galilee in the 11th to 8th Centuries BCE.: I. Finkelstein / D. Ussishkin / B. Halpern, eds: Megiddo IV: the 1998–2002 seasons (Monograph Series of the Institute of Archaeology; Tel Aviv University – No. 24; Tel Aviv 2006) Jerobeam I. | 179 821–842; id., Kern-Israel im samarischen Bergland und seine zeitweilige Peripherie: Megiddo, die Jezreel-Ebene und Galiläa im 11.- bis 8. Jh. v. Chr: UF 35 (2003) 421–485; E.A. Knauf, Israel und seine Nachbarn in Syrien-Palästina: RGG4 IV (2001) 311–313); H.M. Niemann, Herrschaft, Königtum und Staat (FAT 6; Tübingen 1993), 56–60; 208–211; P. Galpaz, The Reign of Jeroboam and the Extent of Egyptian Influence: BN 60 (1991), 13–19; J.P.J. Olivier, In Search of a Capital for the Northern Kingdom: JNWSL 11 (1983) 117–132. Während die biblische Geschichtserzählung erst Rehabeam und dann Jerobeam zu Nachfolgern ‚Salomos‘ macht und die Haupt-Chronologie von Kön ihre Re- gierungen gleichzeitig beginnen lässt, deuten die Synchronismen in 1 Kön 15,1 und 9 an, dass Jerobeam ein Jahr vor ‚Salomo‘/Rehabeam den Thron bestieg. Möglicherweise war der Bürgerkrieg in Israel einer der Gründe, die Šošenq zu seinem Eingriff bewegten. Aus 1 Kön 11,26–403 ist nicht mehr zu entnehmen als dass Jerobeam ben Nebat Efraimiter war, nicht Benjaminiter wie die Sauliden, und – irgendwann – von Šošenq unterstützt wurde. Wenn er Sohn einer Witwe war und darum möglicherweise landlos (vgl. Ri 11,1–3), hatte er die Wahl zwischen einer ʿApiru-Existenz (wie Jiftach) oder dem Königsdienst, in diesem Fall Eschbaals. Die Erzählung vom ‚Landtag in Sichem‘ 1 Kön 12,1–20 ist in der vorliegen- den Form unhistorisch, aber sie knüpft an 1 Kön 1–2 an und ist, als ‚Fürsten- spiegel‘, auf alle Fälle noch im 7. Jh. entstanden. Der ‚Vater, der die Israeliten mit Peitschen geschlagen hat‘ (12,11), war David, der Sohn, der sie mit ‚Skorpio- nen‘ bedroht, Rehabeam. Eine ‚Reichsteilung‘ hat es allenfalls in der Form ge- geben, dass Šošenq das Erbe der Sauliden zwischen Rehabeam und Jerobeam aufteilte. Der Name ‫ ירבעם‬Jerobeam ist im gleichen Sinne programmatisch wie ‚Rehabeam‘: „Er vermehrt das Volk“, nämlich die Sippen von Sichem (Jos 17,2) um den Rest des Gebirges Efraim. Er baute Sichem wieder auf, das etwa 100 Jahre wüst gelegen hatte, und machte es zu seiner Residenz. In einem zweiten Schritt befestigte er auch Penuël (Tell Dēr ʿAllā), das ihm wahrscheinlich von Šošenq übergeben worden war (1 Kön 12,25). Jerobeam I. ist genausowenig vor dem ersten Pharao der 22. Dynastie nach Osten ‚geflohen‘ wie zuvor Eschbaal vor David nach Mahanaim. Mit Sichem kontrollierte er den nördlichen Pass vom Jordangraben zur Küste, mit Penuël im Bereich der kanaanäischen Renaissance || 3 Die persönliche Verbindung zwischen Salomo und Jerobeam (1 Kön 11,26–28) ist nicht glaubhafter als die Karriere Davids am Hof Sauls, der ‚Millo‘ (11,27) war im 10. Jh. längst ge- baut, das ‚Haus Josef‘ ist hier ein Anachronismus, und Ahija von Schilo gehört zur ‚Propheten- redaktion‘ des 4. Jh. Statt den Pharao nach Kanaan zu rufen, wie es vielleicht der Fall war, flieht Jerobeam nach 11,40 erst einmal nach Ägypten, um in 1 Kön 12,2 nach Sichem zurückzu- kehren – in eine Stadt, die er in 12,25 erst gründen wird. 180 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) besaß er eine Burg direkt an der ʿArava-Handelsstraße. 1 Kön 14,19 deutet knapp an, dass Jerobeam sich in den 22 Jahren seiner Herrschaft Ruhm als Regent wie als Krieger erwarb, während von Rehabeam offensichtlich nichts Bemerkens- wertes vorlag. So begann die ‚Rückeroberung‘ Benjamins wahrscheinlich unter Jerobeam. Einzelheiten sind verloren, doch deutet die Wahl des Namens ‚Jero- beam‘ durch denjenigen Nimschiden, unter dem das Königreich Israel seine größte territoriale Ausdehnung erreichte, Jerobeam II, vielleicht an, dass nicht nur der Benjaminit Saul und der Aramäer Omri ihre Anhänger hatten, die sie als ‚Gründer Israels‘ erinnerten, sondern auch Jerobeam ben Nebat. Die ‚Sünde Jerobeams‘ (1 Kön 12,26–33), d.h. die kultische Institutionalisie- rung der Exodus-Tradition durch die Errichtung von Stierpostamenten (oder auch Stier-Stelen) in Bet-El und Dan, hätte Jerobeam I. nicht begehen können, selbst wenn sie ihm in den Sinn gekommen wäre. Möglicherweise war die In- stallierung eines israelitischen Staatskultes eine kultische Maßnahme Jerobe- ams II., die von den ‚deuteronomistischen‘ Redaktoren von Kön auf den ersten Regenten seines Namens übertragen wurde, um das Nordreich von Anfang an zu delegitimieren. Benjamin und damit Bet-El war wenigstens bis ca. 900 vC umstrittenes Gebiet und judäisch-israelitischer Kriegsschauplatz (1 Kön 15,16– 22). Dan war um 925 wahrscheinlich unbesiedelt und kam auf alle Fälle erst unter Jerobeam II. an Israel (Niemann 2003; 2006; Finkelstein 2011). Stierbilder spielen im 8. Jh. eine größere Rolle als im 10. Jh. (GGG S. 149–321). Das 10. Jh. ist im ‚kollektiven Gedächtnis‘ Israels weitgehend ein Produkt des 9.–2. Jh. (ins 4.– 2. Jh. gehören die Prophetenerzählungen in 1 Kön 11, 13 und 14; Knauf 2016); reale Erinnerungen wurden nur wenige bewahrt. 4.8 Die Nachfolger Rehabeams und Jerobeams bis Omri 1 I. Finkelstein / A. Kleiman, The Archaeology of the Days of Baasha? RB 126 (2019) 277–296; A. Kleiman, Comments on the Archaeology and History of Tell el-Farʿah North (Biblical Tirzah) in the Iron IIA: Semitica 60 (2018) 85–104; N. Naʾaman, The Royal Dynasties of Judah and Israel: ZAR 22 (2016) 59–74; Z. Herzog / L. Singer-Avitz, Beer-Sheba III. The Early Iron IIA Enclosed Settlement and the Late Iron IIA-Iron IIB Cities (TAU.MS 33), Winona Lake 2016; H.M. Niemann, Juda und Jerusalem. Überlegungen zum Verhältnis von Stamm und Stadt und zur Rolle Jerusa- lems in Juda: UF 47 (2016) 147–190; I. Finkelstein, The Forgotten Kingdom. The Archaeology and History of Northern Israel (Ancient Near Eastern Monographs, 5; Atlanta 2013); dt. id., Das vergessene Königreich (dtv 34916; München 2017; id., The Great Wall of Tell en-Nasbeh (Mizpah), the first fortification in Judah, and 1 Kings 15:16–22: VT 62 (2012) 14–28; id., Tell el- Farʿah (Tirzah) and the early days of the Northern Kingdom: RB 119 (2012) 331–346; id., Saul, Benjamin and the Emergence of „Biblical Israel“: An Alternative View: ZAW 121 (2011) 348–367; id., Stages in the Territorial Expansion of the Northern Kingdom: VT 61 (2011) 227–242; Die Nachfolger Rehabeams und Jerobeams bis Omri | 181 S. Münger / J. Zangenberg / J. Pakkala, Kinneret – an urban center at the crossroads: Excava- tions on Iron IB Tel Kinrot at the Lake of Galilee: NEA 74 (2011) 67–89; H.M. Niemann, Royal Samaria – Capital or Residence? Or: The Foundation of the City of Samaria by Sargon II.: L.L. Grabbe ed., Ahab Agonistes: The Rise and Fall of the Omri Dynasty (LHB.OTS 421 = ESHM 6; London and New York 2007) 184–207; Id., Choosing brides for the crown-prince. Matrimonial politics in the Davidic dynasty: VT 56 (2006) 225–238; id. Kern-Israel im samarischen Bergland und seine zeitweilige Peripherie: Megiddo, die Jezreel-Ebene und Galiläa im 11.- bis 8. Jh. v. Chr: UF 35 (2003) 421–485; B. Halpern, David’s Secret Demons. Messiah, Murderer, Traitor, King (Grand Rapids 2001); E.A. Knauf, Kinneret and Naftali: A. Lemaire & M. Sæbø ed., Con- gress Volume Oslo 1998 (VT.S 80; Leiden 2000) 219–233; H.M. Niemann, Herrschaft, Königtum und Staat (FAT 6; Tübingen 1993); H. Rosenfeld, The Social Composition of the Military in the Process of State Formation in the Arabian Desert: JRAI 95 (1965) 73–86; 174–94. Bis zum Untergang Israels 724–720 steht Juda von nun an im Schatten des Nord- reichs. Schon vor Omri kamen Bet-El, Geser (vgl. Jos 16,10; Ri 1,29) und Bet- Horon (vgl. 1 Chr 7,24) wieder an Israel; Rehabeam scheint anfänglich Benjamin noch ganz beherrscht zu haben. Um 900 wurde die judäisch-israelitische Gren- ze nördlich von Rama fixiert (1 Kön 14,30; 15,6.16–22.32). Die Neugründung und Selbstbehauptung Israels seit dem letzten Drittel des 10. Jh ist ein Indiz für das langsame Ausgreifen der phönizischen Wirtschaftsmacht in ihre südliche Peri- pherie. Unter konkurrenzloser philistäischer Dominanz lief in Mittelpalästina nicht viel, damals blühten Benjamin und Juda (vgl. S. 96, Abb. 12 B–C). Aller- dings blieben die Residenzen der Könige Israels – Sichem und Penuël unter Jerobeam II., Tirza unter Baascha und seinen Nachfolgern (1 Kön 15,21.33; 16,6.8–9.23) – auf der Ostseite der zentralpalästinischen Wasserscheide, also im Bereich des ʿArava-Handelssystems. Erst Omri verlegte mit guten politischen und wirtschaftlichen Gründen die Residenz auf deren westliche, die ‚phönizi- sche‘ Seite (Niemann 2007). Die Politie (Häuptlingstum) mit Gibeon als Zentrum war spätestens mit Baascha durch ein Häuptlingstum mit Zentrum in Tirza ab- gelöst worden; Baascha verlegte die Residenz vom blutgetränkten Sichem nach Tirza, das I. Finkelstein (2013) als „rustic capital city“ und als „warlord resi- dence“ bezeichnet, die nach gegenwärtigem archäologischem Befund zwar keine (bisher gefundene) Stadtmauer hatte, aber in Stratum VIIb (ca. 925–890) öffentliche Bauten (1 Kön 16,18), Kult, auswärtige Kontakte (Prestigegüterfun- de!) besaß, zerstört wohl eher nicht von Hasael, sondern durch interne Konflikte, wie sie die Revolten Baaschas (1 Kön 15,27–29), Simris (1 Kön 16,9–12.16.20) und Omris (1 Kön 15,16–18) andeuten; Omri ersetzte die Konkurrenzresidenz dann durch Samaria, so dass Tirza bis in die Nimschidenzeit in den Schatten trat (Kleiman 2018). Die Residenzen Jerobeams I. sollten wir uns nicht großartiger vorstellen als Baaschas Tirza. Davon wird sich dann mit den Omriden die neue, auf der Westseite der Wasserscheide gelegene Residenz Samaria erstmals mit 182 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) Monumentalarchitektur unterscheiden (Niemann 2007), die auch in Jesreel, Hazor X, Geser VIII, Ein Gev, Har-Adir und im Ostjordanland in Ḫirbet Mudeyyine eṯ-Ṯemed, Atarot und Jahaz auftritt (I. Finkelstein). Mit den Omriden ist auch eine andere Veränderung zu beobachten: Auf Stammes-Herrscher auf dem Gebirge folgen nun erst einmal Militärs. Tab. 11: Von Jerobeam I. bis Omri: Übergang von Stammesherrschaft zu Militärherrschaft Herrschername Stammeszugehörigkeit, Funktion Wohnsitz, Residenz Jerobeam I. Ephraimit Sichem (samarisches Gebirge), Penuel (Ostjordanland) Nadab ben Jerobeam, Ephraimit ermordet von Baascha Issacharit Tirza (nach Nordosten orien- tiert) Ela ben Baascha, Issacharit ermordet von Simri, gestürzt von Streitwagen-Kommandeur Tirza Omri Armee-Kommandeur Erst Tirza, dann Neugründung Samaria (nach Westen bzw. Nordwesten orientiert) Tibni ben Ginat, unter- efraimitischer (?) Stammesaristo- liegt Omri krat Königinmutter in Jerusalem von Rehabeams Sohn und Nachfolger Abijam (ver- rät der Name phönizische Kontakte?) war Maacha bat Ab(i)schalom (1 Kön 15,2), wahrscheinlich also eine Enkelin Davids (B. Halpern). Da Rehabeam im Alter von ca. 38 Jahren nach 17 Jahren Herrschaft gestorben ist, war sein Nachfolger möglicherweise sehr jung. Nach zwei Neujahrfesten starb Abijam und wurde von seinem jedenfalls jüngeren Bruder Asa abgelöst. Maacha blieb Königinmut- ter, d.h. Abijam hinterließ keine Söhne. Nach den drei Jahren Abijams regierte Asa für 41 Jahre (1 Kön 15,9–10). In Israel folgte Jerobeams Sohn Nadab seinem Vater auf den Thron für etwa ein Jahr (die ‚zwei Jahre‘ von 15,25 sagen nur, dass in seine Regierungszeit ein Neujahrsfest fiel), dann ermordete ihn der führende Issacharit (also Jesreeliter bzw. ‚Kanaanäer‘) Baascha ben Ahija im Feldlager und machte sich selbst zum König (1 Kön 15,25). ‫‚ בעשא‬Baascha‘ ist ein Hypo- koristikon (wie dt. ‚Hans‘ von ‚Johannes‘) von ‫ בעלשמע‬Baʿalšamaʿ ‚Herr hat gehört‘ oder ‫ בעלשפט‬Baʿalšafaṭ ‚Herr regiert‘. Wie es in Israel zur Regel werden sollte, ermordete der Usurpator das ganze ‚Haus‘ seines Vorgängers (15,29), Die Nachfolger Rehabeams und Jerobeams bis Omri | 183 womit nicht nur die leiblichen Verwandten gemeint sind, sondern auch die Sklaven – also faktisch im frühen Staat der gesamte Staatsapparat. Damit ging jeder Dynastiewechsel in Israel im 10. und 9. Jh. mit einem Traditions- und Kul- turbruch einher. Es ist kein Zufall, dass wir Überlieferungen aus Israel (soweit nicht inschriftlich bezeugt) nur durch ihre judäische Rezeption haben. Unter Baascha sind zum ersten Mal israelitische Streitwagen erwähnt, von denen es mindestens 2 Kompanien gab, also insgesamt 100 Wagen (1 Kön 16,9). Auch das ist kein Zufall, weil Baascha aus der für Streitwagen geeigneten Jesreelebene, nicht aber aus dem Bergland kam. Der Erzählung vom Krieg zwischen Asa und Baascha 1 Kön 15,16–22 ist zu entnehmen, dass Asa Geba und Mizpa (bestätigt durch Jer 41,9, ebenfalls aus der Annalen-Tradition) befestigte und damit die Nordgrenze Judas stabilisierte, wobei die Formulierung in 15,22 ‚Er bot ganz Juda auf, ohne Ausnahme‘ zeigt, was für ein Kraftakt die Errichtung der ersten judäischen Festungen war. Die Aramäer-Episode 1 Kön 15,18–20 ist weitgehend unhistorisch – wie ihre bibli- sche Vorlage, die Gesandtschaft des Königs Ahasjahu von Juda an Tiglat-Pileser III. (2 Kön 16,7–9a: I. Finkelstein), und der Name des aramäischen Königs, Ben- Hadad I., wahrscheinlich erfunden – von den drei ‚Ben-Hadads‘ der Bibel ist nur der letzte, Hasaëls Sohn und Nachfolger Bar-Hadad, historisch. Kern der Tradition ist, dass jemand (möglicherweise eine Aramäer-Fürst, aber kaum von Damaskus) ‚[die Landschaft] Kinrot‘ verheerte (ein Indiz, dass die Stadt Kinne- ret V nicht mehr bestand). ‘Ijon, Abel-bet-Maacha, Dan und das ganze Land Naftali’ kommen aus 2 Kön 15,29 (wo ‚Dan‘ nach der Entlehnung ausgefallen ist) und gehörten im 10. Jh. weder zu Israel noch zu Aram-Damaskus (sondern zu Aram Bet-Rehob, Aram Bet-Maacha und Aram Geschur). Wieder einmal ver- wandelt altorientalische Geschichtsschreibung Koinzidenz in eine Ereignisfol- ge. Neue archäologische Untersuchungen legen nahe, dass Baascha noch be- deutender und erfolgreicher war als die Bibel vorsichtig andeutet, wenn sie ihm immerhin „Tüchtigkeit“ (1 Kön 16,5) zugesteht, daneben aber vor allem wie meist bei Königen des Nordreichs Israel unterstellt, er habe (theologisch) „Böses getan in den Augen JHWHs“ und sei „gegangen auf dem Weg Jerobeams und in der Sünde, zu der dieser Israel verführt“ habe (1 Kön 15,34). In seiner Herr- schaftszeit (ca. 908–885 vC) zeigen Megiddo, Baaschas Residenz Tirza (Tell el- Farʿah Nord), Tell Rehov und andere nahegelegene Orte um 900 vC bisher nicht erkannte Zeichen wachsender urbaner Kultur mit Monumentalarchitektur und Funde aus dem Fernhandel (Finkelstein / Kleiman 2019), so dass er in seinen beachtlichen 24 Herrschaftsjahren das zentrale Bergland, die Jesreel- und die Beth-Schean-Ebene beherrscht haben dürfte (wenn auch noch nicht Galiläa im Norden, Niemann 2003); er hat allem Anschein nach auch eine Ausdehnung 184 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) nach Süden angestrebt, um Jerusalem und das Gebirge Juda zu integrieren (1 Kön 15,16–22) wie schon sein(e) Vorgänger nach Süden strebte(n) (1 Kön 15,27), das die Nordreichsherrscher möglicherweise immer als durch (die) Da- vid(iden) abtrünnig gewordenes Gebiet betrachteten (Niemann 2016). Baascha kann also als Wegbereiter für die noch erfolgreicheren Expansionen der Omri- den betrachtet werden. Baaschas Sohn Ela regierte für etwa ein Jahr, dann fiel er während eines Ge- lages mit seinem Krongutverwalter einem Attentat des Offiziers des Streitwa- genkorps namens ‫ זמרי‬Simri zum Opfer (1 Kön 16,8–11). Simri regierte sieben Tage lang, bis ihn ‫ עמרי‬Omri, der Oberkommandierende des Heeres, beseitigte (1 Kön 16,15–18). Das ‚ganz Israel‘ Omri im Heerlager als König proklamierte, hat zur irrigen Theorie geführt, dass die Könige in Israel auch im 9. und 8. Jh. noch auf die ‚Akklamation des Volkes‘ angewiesen gewesen wären. Der ‫ עם‬ʿam von 16,15 ist aber nichts weiter als der Heerbann, die Armee, und die ganze Aktion war ein klassischer Militärputsch wie wohl schon die Usurpationen Baaschas und Simris. Bei Omri wie Simri fällt auf, dass sie ‚vaterlos‘ sind, kein Vatersna- me überliefert ist und dass sie Herkunftsbezeichnungen statt Eigennamen tra- gen. Die Suche nach vor-arabischen Ortsnamen (im Internet mit den Suchbegrif- fen ‚Gazetteer Lebanon‘ bzw. ‚Gazetteer Syria‘ leicht zu finden) führen für Simri zu Zimrīn (aus *Zamarayn o.ä), dem Namen zweier Dörfer bei Ṭarṭūs (in Phöni- zien) bzw. bei Derʿa (in Aram), für Omri zu ʿAmmūrīn bei Hama. Omri war dann wohl Aramäer, anders Naʾaman 2016, der vermutet, dass Omri als hoher Militär wie üblich selbst aus dem issacharitischen Clan Baaschas aus Tirza stammte und Ela ben Baascha rächte, indem er Simri tötete wie auch den konkurrieren- den Tibni oder Omri sei Efratiter aus der Dynastie Jerobeams I. gewesen. Das israelitische Königtum emanzipiert sich von den Stämmen, indem es sich eine mehr oder weniger ergebene und international zusammengesetzte Hausmacht von Söldnern (oder Sklaven) zulegt, die sich nun, wie die Mamluken in Ägypten 1250 nC, selbst zu Herren des Königreichs machen. 4.9 Religion und Literatur des 10. Jh. vC 1 Grabbe, Ancient Israel (22017) 150–154; – I. Finkelstein / B. Sass, Epigraphic Evidence from Jerusalem and Its Environs at the Dawn of Biblical History: Facts First: Y. Gadot et al. eds., New Studies in the Archaeology of Jerusalem and Its Region. Collected Papers Vol. XI; Jerusalem 2017) *21-*26; A. Mazar, Religious Practices and Cult Objects during the Iron Age IIA at Tel Rehov and their Implications regarding Religion in Northern Israel: HeBAI 4 (2015) 25–55; S. Aḥituv / A. Mazar, The Inscriptions from Tel Rehov and their Contribution to the Study of Script and Writing during Iron Age IIA: E. Eshel / Y. Yadin eds., „See I will bring a scroll recounting Religion und Literatur des 10. Jh. vC | 185 what befell me“ (Ps 40:8). Epigraphy and Daily Life from the Bible to the Talmud Dedicated to the Memory of Professor Hanan Eshel (Journal of Ancient Judaism Suppl. 12; Göttingen 2014) 39–68; D. Pardee, A Brief Case for the Language of the ‚Gezer Calendar‘ as Phoenician: R. Holmstedt / A. Schade eds., Linguistic Studies in Phoenician Grammar (Winona Lake 2013) 226–246; I. Finkelstein, The Forgotten Kingdom. The Archaeology and History of Northern Israel (Ancient Near Eastern Monographs 5; Atlanta 2013) 141–151; dt. Das vergessene Kö- nigreich (2017) 163–174; id. / B. Sass, The West Semitic Alphabetic Inscription, Late Bronze II to Iron IIA: Archeological Context, Distribution and Chronology: HeBAI 2 (2013) 149–220; S. Aḥituv / A. Mazar, The Inscriptions from Tel Reḥov and their Contribution to the Study of Script and Writing during the Iron Age IIA: Maarav 20.2 (2013) 205–246; A. Lemaire, West Semitic Epigraphy and the History of the Levant during the 12th–10th Centuries BCE: G. Galil et al. eds., The Ancient Near East in the 12th–10th Centuries BCE. Culture and History. Proceedings of the International Conference held at the University of Haifa, 2–5 May, 2010 (AOAT 392; Münster 2012) 291–307; I. Finkelstein et al., Writing in Iron IIA Philistia in the Light of the Tel Zayit/Zeta Abecedary: ZDPV 124 (2008) 1–14; E.A. Knauf, Towards an Archaeology of the Hexateuch: K. Schmid & al. ed., Abschied vom Jahwisten (BZAW 315; Berlin 2002) 275–294; F. Blanco Wißmann, Sargon, Mose und die Gegner Salomos. Zur Frage vor-neuassyrischer Ursprünge der Mose-Erzählung: BN 110 (2001) 42–54; H.M. Niemann, Kein Ende des Büchermachens in Israel und Juda (Koh 12,12) – Wann begann es? BiKi 53 (1998) 127–134. Die Religion des ausgehenden 10. Jh. und frühen 9. Jh. (Eisenzeit IIA früh) setzt diejenige der Eisen-I-Zeit ungebrochen fort. Bedeutend wurde für die Folgezeit, dass David den israelitischen Kriegsgott JHWH als Staats- und Dynastie-Gott auf dem Gebirge Juda, und dass ‚Salomo‘/Rehabeam ihn in den Kult und die Theo- logie Jerusalems einführte. Dass waren die ersten beiden Schritte auf einem noch sehr langen Weg, der Jerusalem zur heiligen Stadt dreier monotheistischer Religionen machen sollte. Texte des 10. Jh., die seit dem 9. Jh. (auch) schriftlich überliefert wurden, sind die kriegerischen, poetischen und polytheistischen Stücke Jos 10,12–13; Ri 5*; 1 Kön 8,12–13. In Israel kann die Jakobs-Tradition (deren älteste Schicht die beiden Residenzen Jerobeams, Sichem und Penuël, miteinander verbindet, Gen 31–33*) zwischen Saul und Jerobeam I. aufgekommen sein. Vor der 2. Hälfte des 9. Jh. vC (10. bis Mitte des 9. Jh.) gibt es (bisher) keine hebräische Inschrift aus dem zentralpalästinischen Bergland Israels und Judas. Erst in der Eisenzeit IIA/spät (ca. 900/880–800 vC) mit soziopolitischer Ent- wicklung wurden Schreiber aktiv(er), was Finkelstein und Sass (2017) mit den florierenden Städten Tel Rehov (nordöstlich des zentralpalästinischen Berglan- des, Aḥituv / Mazar 2014)) und Gat (westlich des Berglandes in der Schefela) in Verbindung bringen, wie mit dem frühen Nordreich Israel (ca. 900–850 vC, Baascha und der Omridendynastie) und dann auch in Juda (850–800 vC). Eine höfische Literatur setzt in Israel wohl erst mit Omriden und Nimschiden ein. Eine israelitische Königsliste mit Regierungszeiten wurde seit Saul, eine ju- 186 | Der Beginn der Staatenbildung (10. Jh. vC) däische seit Rehabeam geführt. In der assyrischen Königsliste stehen ‚Könige, deren Regierungszeiten nicht überliefert sind‘. So konnten David und Salomo, den ersten beiden Namen der Liste in der Legende je ‚40 Jahre‘ zugeschrieben werden, was so viel heißt wie ‚eine lange Zeit, die ein alter Mann gerade noch erinnern kann‘. Annalen und Memorialinschriften, die auf Annalen zurückgrei- fen, kommen erst im 9. Jh. auf. Listen wie das Qēyāfa-Ostrakon und der ‚Geser- Kalender‘ (HTAT S. 224–227 Nr. 101) sind Zeugnisse für die Gattung im 10. Jh., wobei das Qēyāfa-Ostrakon noch in der altkanaanäischen Tradition steht, der Geser-Kalender aber schon in der phönizischen und auch sprachlich eher phö- nizisch ist (D. Pardee). Eine semi-literate Tradition wie das ausgehende Altka- naanäische ist keine Basis für eine Verwaltungssprache. Man muss zumindest am Anfang eine schon vorhandene übernehmen (wie Latein im mittelalterlichen Europa), von dem die Umgangssprachen lernen konnten, was ihnen zur Schrift- sprache fehlte, und von dem sie es sich aneignen konnten. 5 Der Staat Israel unter der Omriden- und der Nimschiden-Dynastie: Das 9. und 8. Jh. vC 5 Der Staat Israel unter der Omriden- und der Nimschiden-Dynastie (9./8. Jh. vC) 5.1 Die Staatenbildung in Südsyrien-Palästina im 9. und 8. Jh. Finkelstein & Silberman (2006); N. Naʾaman, Queen Athaliah as a Literary-Historical Figure: 1 Semitica 58 (2016) 181–205; Id., The Royal Dynasties of Judah and Israel: ZAR 22 (2016a) 59– 74; M. Leonard-Fleckman, The House of David. Between Political Formation and Literary Revi- sion (Minneapolis 2016); D. Ussishkin, Gath, Lachish and Jerusalem in the 9th Cent. B.C.E. – an Archaeological Reassessment: ZDPV 131 (2015) 129–149; I. Finkelstein, The Forgotten Kingdom. The Archaeology and History of Northern Israel (Ancient Near Eastern Monographs, 5; Atlanta 2013); M. Weippert, Mōšiʿs Moab: Transeuphratène 46 (2014) 133–151; H. Sader, The Aramae- ans of Syria: Some Considerations on their Origin and Material Culture: A. Lemaire and B. Halpern eds., The Book of Kings. Sources, Composition, Historiography and Reception (VT.S 129; (Leiden, Boston 2010) 273–300; H. Niehr, Die Phönizier, der Libanon und das kulturelle Gedächtnis: Theologische Quartalschrift 184 (2004) 214–215; C. Sagona, The Phoenicians in Spain from a central mediterranean perspective. A review essay: Ancient Near Eastern Studies 41 (2004) 240–266; I. Finkelstein, From Canaanites to Israelites: When, How and Why: Recenti tendenze nella riconstruzione della storia antica d’Israele (Roma, 6–7. Marzo 2003) (Contributi del Centro Linceo Interdisciplinare „Beniamino Segre“ N. 110; Accademia Nazionale die Lincei, Roma 2005) 11–27; id., The Rise of Jerusalem and Judah: the Missing Link. Levant 32 (2001) 105–115; B. Peckham, Phoenicians and Aramaeans: The literary and epigraphic evidence: The world of the Aramaeans II. Studies in history and archaeology in honour of Paul-Eugène Dion. Vol. 2 (2001) 19–44; E. Lipiński, The Aramaeans. Their Ancient History, Culture, Religion (OLA 100; Leuven etc. 2000); I. Finkelstein, State Formation in Israel and Judah: A Contrast in Con- text, A Contrast in Trajectory. NEA 62 (1999) 35–52; H.M. Niemann, Choosing brides for the crown-prince. Matrimonial politics in the Davidic dynasty: VT 56 (2006) 225–238; id., „Wagen Israels und sein(e) Lenker“ (2 Kön 2,12). Neue Erwägungen zur Militär- und Wirtschaftspolitik der Omriden: Susanne Gillmayr-Bucher / Annett Giercke / Christina Nießen eds., Ein Herz so weit wie der Sand am Ufer des Meeres. Festschrift für Georg Hentschel. Erfurter Theologische Studien, 90. Würzburg 2006, 15–35; id., Herrschaft, Königtum und Staat (FAT 6; Tübingen 1993); E.A. Knauf, The cultural impact of secondary state formation: the cases of the Edomites and Moabites: P. Bienkowski ed., Early Edom and Moab: The Beginning of the Iron Age in Southern Jordan (Sheffield Archaeological Monographs 7; Sheffield 1992) 47–54; E. Lipinski ed., Phoenicia and the Bible. Proceedings of the conference held at the University of Leuven on the 15th and 16th of March 1990 (Studia Phoenicia XI; Leuven 1991); H.G. Niemeyer, Anno octogesimo post Troiam captam … Tyria classis Gadis condidit? Hamburger Beiträge zur Ar- chäologie 8 (1981) 9–33. Von den nukleären Wirtschafts-Zentren des 11./10. Jh. (Phönizien, Philistäa, nördliches Jordantal) machte Phönizien das Rennen und wurde zum Weltwirt- schaftszentrum, bis es im 5. Jh. von den Griechen abgelöst wurde. Philistäa stagnierte, und die Städte des ‚Canaanite Revival‘ in der Jesreel-Ebene und im https://doi.org/10.1515/9783110411683-006 188 | Der Staat Israel unter der Omriden- und der Nimschiden-Dynastie (9./8. Jh. vC) Jordantal wurden von den Staaten Israel und Aram-Damaskus integriert. Phöni- zischer Handel konstituierte die Mittelmeerwelt: 814 vC wurde Karthago (phöni- zisch ‫ קרת חדשת‬qart ḥadašt ‚Neu-Stadt‘) gegründet, Ende des 8. Jh.s Südspa- nien erreicht (Tartessos, biblisch Tarschisch ‫) תרשיש‬. Wie man das Reich Davids als ephemere Bildung am Rande des Zentrums Philistäa verstehen kann, kam es seit dem ausgehenden 10./9. Jh. im Hinterland Phöniziens zu ‚sekundä- ren Staatenbildungen‘, die sich wellenweise verbreiteten. Abb. 42: Ausbreitung der Staatlichkeit von der Küste (Philistia und Phönizien) her: ca. 900– 850 vC Aram-Damaskus und Israel; ca. 875–850 vC Ammon; ca. 850–825 vC Moab/Dibon; ca. 850–700 vC Juda/Jerusa- lem; ca. 725–600 vC Edom/ Bosra (ansatz- weise). Nach E.A. Knauf, Data and Debates (AOAT 407; Münster 2013) 185 Fig. 1. Die Staatenbildung in Südsyrien-Palästina im 9. und 8. Jh. | 189 Gentile Strukturen lebten in Wirtschaft und Gesellschaft weiter, doch waren diese Staaten keine ‚Stämmestaaten‘ mehr, sondern Königreiche mit einem (u.U. noch sehr einfachen) Verwaltungsapparat und einer (u.U. sehr kleinen) stehenden Armee, Bürokratie/Schriftverkehr und zentral kontrollierter Monu- mentalarchitektur (Paläste und Residenzen, Tempel und Festungen). Als Dreh- scheibe des Welthandels erlebten die Küstenstädte bald eine Bevölkerungsgrö- ße (Tyros: 50.000 Einwohner; zum Vergleich: Jerusalem zur Zeit seiner höchsten Blüte [vorexilisch] 15–20.000), die aus ihrem unmittelbaren Umland nicht ernährt werden konnten: erst kommt in kurzer Distanz der steil aufragen- de Libanon, dann die Biqâ‘-Ebene, wo überwiegend Viehzucht betrieben wurde, dann erhebt sich der Antilibanos, dann kommt das Territorium von Aram- Damaskus. Sidon und Tyrus erhielten Getreide und andere Agrarprodukte aus dem Baschan (Golan und Hauran), aus diesem Grund zwischen Israel und Da- makus umstritten, und aus der Jesreel-Ebene, die über Akko exportieren konn- te. Ohne ‫ יזרעאל‬Jesreel war in Israel kein Staat zu machen. Der jeweilige König hatte in allen diesen Staaten das Monopol für den Fernhandel (1 Kön 9,26 und 10,22 [9./8. Jh.]; 10,28 [8. Jh.]; 20,34); nur in Phönizien handelte die Aristokratie mit, und Tyrus war im 6. Jh. eine Zeitlang von zwei Suffeten (hebr. ‫שפטים‬ šofṭim), den römischen consules vergleichbaren gewählten Magistraten, statt Königen regiert. Den Staat Israel stellt man sich hingegen besser als eine Folge von Militär-Diktaturen vor, die sich in blutigen Putschen ablösten: die Nimschi- den (Nachfahren Jehus ben Nimschis) brachten es auf fünf Herrscher, die Omri- den auf vier, alle anderen ‚Dynastien‘ nur auf zwei (d.h. der Vater gründete die ‚Dynastie‘, mit dem Sohn endete sie). Da mit dem herrschenden ‚Haus‘ auch dessen ‚Sklaven‘ (die ‫ עבדי המלך‬avde ha-méleḵ), also die (zahlenmäßig kleine) ‚Beamtenschaft‘ und damit die Träger der Schriftkultur ausgerottet wurden, kam es in Israel immer wieder zur totalen Unterbrechung der Tradition. Wir kennen ‚Israel‘ deshalb nur aus judäischer Sicht. Die davidische Dynastie, die sich mit der Jerusalemer Stadtaristokratie ver- schwägerte (Niemann 2006) und eine patriarchalische Herrschaft ausgeübt zu haben scheint, geriet in den Windschatten der Weltwirtschaft und in die Vasal- lität Israels. König Asa ‫ אסא‬beendete den hundertjährigen Krieg zwischen Israel und Juda und Jehoschafat ‫ יהושפט‬ben Asa wurde ein Vasall Israels (1 Kön 22,45). In der Folge stellte Juda Israel Hilfstruppen bei seinen Kriegen (2 Kön 8,28; auch in den teils novellistischen, teils romanhaften Erzählungen 1 Kön 20; 21; in 2 Kön 9–10 reflektiert). Sein Sohn Jehoram ‫ יהורם‬heiratete Atalja, eine Tochter Omris (2 Kön 8,26; irrig 8,18) (Naʾaman 2016). Damit geriet auch Juda in den Einzugsbereich der phönizischen Zivilisation, zumindest der Hof von Jeru- 190 | Der Staat Israel unter der Omriden- und der Nimschiden-Dynastie (9./8. Jh. vC) salem. Wie ihre ägyptischen Oberherren war im Fall der Omriden der ‚Frauen- geber‘ der stärkere Partner bei der diplomatischen Heirat. 5.2 Israel und Aram von Jerobeam I. bis Omri 1 O. Sergi / A. Kleiman, The Kingdom of Geshur and the Expansion of Aram-Damascus into the Northern Jordan Valley: Archaeological and Historical Perspectives: BASOR 379 (2018) 1–18; I. Finkelstein, Israel and Aram: Reflections on their Border: O. Sergi et al. eds., In Search for Aram and Israel. Politics, Culture, and Identity (ORA 20; Tübingen 2016) 17–36; B. Sass, Aram and Israel during the 10th–9th centuries BCE, or Iron Age IIA: The Alphabet: Ibid., 199–227; A. Berlejung /A.M. Maeir / A. Schüle eds., Wandering Aramaeans: Aramaeans Outside Syria. Textual and Archaeological Perspectives (Leipziger Altorientalistische Studien 5; Wiesbaden 2016); E.A. Knauf, 1 Könige 1–14 (Herders Theologischer Kommentar zum Alten Testament (Freiburg / Basel / Wien 2016); A. Berlejung / M.P. Streck eds., Aramaeans, Chaldaeans, and Arabs in Babylonia and Palestine in the First Millennium B.C. (LAOS 3; Wiesbaden 2013); H. Sader, The Aramaeans of Syria: Some Considerations on their Origin and Material Culture: A. Lemaire and B. Halpern eds., The Book of Kings. Sources, Composition, Historiography and Reception (VT.S 129; (Leiden, Boston 2010) 273–300; I. Finkelstein & E. Piasetzky, Radiocar- bon-dated Destruction Layers: a Skeleton for Iron Age Chronology in the Levant: Oxford Journal of Archaeology 28 (2009) 255–274; H.M. Niemann, Kern-Israel im samarischen Gebirge und seine zeitweilige Peripherie: Megiddo, die Jezreelebene und Galiläa im 11. bis 8. Jahrhundert v. Chr. – Archäologische Grundlegung, biblische Spiegelung und historische Konsequenzen: UF 35 (2003) 421–485; N. Naʾaman, In Search of Reality Behind the Accounts of David’s Wars with Israel’s Neighbours: IEJ 52 (2002) 200–224; E. Lipiński, The Aramaeans (OLA 100; Leuven 2000); P.-E. Dion, Les araméens à l’âge du fer (Paris 1997); E.A. Knauf, Damaskus im Alten Testament: Welt und Umwelt der Bibel 3 (1997) 37–39; A. Lemaire, Les origines de Damas: Monde de la Bible 98 (1996) 21–24; H.M. Niemann, Herrschaft, Königtum und Staat (FAT 6; Tübingen 1993) 92–96; A. Lemaire, Bala‘am/Bela‘ fils de Be’ôr: ZAW 102 (1990) 180–187; W.T. Pitard, Ancient Damascus (Winona Lake 1987); J.P.J. Olivier, In Search of a Capital for the Northern Kingdom, JNWSL 11 (1983), 117–132. Dass Aram-Damaskus nicht zur ersten Welle der aramäischen Staatengründun- gen gehörte, ist der biblischen Tradition zu entnehmen, selbst wo sie in der vorliegenden Form unhistorisch ist. 2 Samuel 8,5–6 bilden einen Einschub im Bericht von der Auseinandersetzung ‚Davids’ mit Hadad-Ezer von Bet Rehob (in der libanesischen Biqā‘; 2 Samuel 8,3–4.7–8, wobei auch dieser Krieg eher von Omriden oder Nimschiden geführt worden ist). Die Anfänge der Damaszener Staatsbildung deutet 1 Könige 11,23–25 an: Bet-Rehob war der ältere, weil west- lichere, Phönizien nähere Staat. Dass Damaskus Ende des 10. Jh. in die Hände von Stammeskriegern aus dem Libanon fiel, wiederholte sich beinahe Anfang des 1. Jh.s. vC, als die Damaszener lieber den (entfernteren) Nabatäer-Scheich Israel und Aram von Jerobeam I. bis Omri | 191 Aretas III. zu ihrem König machten, als die Herrschaft der (nahen) Ituräer zu akzeptieren. Um 900 erlangten aramäische Dynastien die Herrschaft in Arpad, Hamat und anderen großen Städten Innersyriens, wie 1.000 Jahre zuvor amori- tische Häuptlings-Familien in Assur, Mari und Babylon die Macht übernommen hatten. Der Aufstieg von Aram-Damaskus verlief langsamer, als die biblischen Hinweise auf diesen Staat vor Hasaël glauben machen. Erst Hasaël ‫חזאל‬, der seit 842 bis etwa 805 oder 798 vC herrschte (Lipiński 2000, 377–390) unterwarf die aramäischen Kleinstaaten an der Grenze Israels (Bet-Rehob, Aram Bet Maacha, Geschur) (Kleiman 2016; Sergi / Kleiman 2018); eine Erinnerung daran: 1 Kön 20,1; 1 Kön 20,24 schreibt ihm zu Unrecht bereits die Politik des Assyrer- königs Tiglat-Pilesers III. zu. Erst seit Hasaël hatten Israel und Damaskus eine gemeinsame Grenze und gerieten prompt in Krieg miteinander. Nachbarn zu haben, die ihnen nicht untertan waren, schienen alle Könige des Alten Orients als eine Art von Unglück betrachtet zu haben. 1 Könige 15,18–20 mit der Erwäh- nung von ‫ בן הדד‬Ben-Hadad, dem Sohn ‫ טברמון‬Tabrimmons und Enkel ‫חזיון‬ Hesjons von Damaskus ist eine Rückprojektion aufgrund der Erfahrungen des aramäischen Imperialismus in der zweiten Hälfte des 9. Jh. und des assyrischen im 8. und 7. Jh. Man darf diesem ‚Ben-Hadad I.‘ als ‚König von Damaskus‘ ge- genüber skeptisch sein, denn in der Bibel heißen alle Könige von Aram- Damaskus Ben-Hadad (man zählt insgesamt deren drei), wenn sie nicht gerade Hasaël, Reson oder Rezin heißen. ‚Ben-Hadad II.‘, der Feind Ahabs (1 Kön 20; 22) und Vorgänger Hasaëls (2 Kön 8,7–15) ist gänzlich fiktiv und basiert auf der Rückprojektion von Kriegen Israels gegen Ben-Hadad ‚III‘, den Sohn Hasaëls, in die Zeit Ahabs. Der Zerstörungshorizont, den Finkelstein & Piasetzky (2009) mit den Aramäer-Kriegen Ahabs verbinden, gehört in den Zusammenhang der Staatsgründung und Erweiterung des omridischen Israel. Nach dem Untergang der ‚Dynastie’ Jerobeams ben Nebat verlegte der Put- schist Baascha die Residenz von Sichem nach Tirza (1 Kön 15,21.33; 16,6), nach- dem er durch einen Coup während der Belagerung des philistäischen Gibbeton, das zum niedergehenden Ekron gehörte, an die Macht gekommen war (1 Kön 15,27–30). Sein – alkoholkranker? – Sohn Ela fiel in Tirza einem Putsch des Streitwagen-Brigade-Generals Simri zum Opfer. Simri regierte sieben Tage, dann wurde er seinerseits von Omri, den die Armee vor Gibbeton (ist nur eine Erwäh- nung dieser Belagerung historisch oder gehörte die Bekämpfung des Küs- tenebenenortes in Richtung Nordreich Israel zu einem Dauerproblem nordisrae- litischer Herrscher?) zum König ausgerufen hatte, abgelöst (1 Kön 16,9–20). Omri kam nicht durch (einen Teil der) Tribalaristokratie an die Macht, sondern durch einen Militärputsch. Das Militär, wie klein auch immer, war die ganze 192 | Der Staat Israel unter der Omriden- und der Nimschiden-Dynastie (9./8. Jh. vC) Staatsgewalt des nukleären Staates. Omri musste sich für die ersten sechs Jahre, die Hälfte seiner Regierungszeit, gegen einen Gegenkönig, Tibni, durchsetzen (1 Kön 16,21f; vgl. die ‚Aufstände‘, 2 Sam 14–20; 1 Kön 11). Spätestens jetzt spal- tete sich der Stamm auf dem Gebirge Efraim in die Josef-Söhne Efraim und Ma- nasse. Mit ‚Tibni‘ haben wir neben Simri und Omri einen dritten ‚Herrscher ohne richtigen Namen’; im Libanon gibt es im kanaaäischen bzw. aramäischen Substrat ein Tibna und Tibnīn, Tibne auch in Gilead. Dass Simri in der Königs- liste mitgezählt wurde, andere Aspiranten auf den Thron aber nicht (wie Adon- ja), verweist darauf, dass wir in den Rahmen der Königsbücher zwar weithin verlässliche, aber keine vollständigen Angaben zur Geschichte Israels finden. Dass in Israel von 927–724 und in Juda von 926–586 die gleiche Zahl von Köni- gen regiert haben soll, nämlich je 18, verrät eine theologische Absicht (so ma- chen David und Salomo in beiden Staaten 10% der Herrscher aus; mit Saul sind es 21 (= 3 x 7) (Details und Tabellen: Knauf 2016, 68–75). 5.3 Die Dynastie Omri 1 Grabbe (2 2017) 159–209; Finkelstein & Silberman (2006) 188–215; dies. (2001) 169–195; Miller & Hayes (2006) 284–326; – N. Franklin, Megiddo and Jezreel Reflected in the Dying Embers of the Northern Kingdom of Israel: S. Hasegawa et al. eds., The Last Days of the Kingdom of Israel (BZAW 511; Berlin / Boston 2019) 189–208; I. Finkelstein / N. Naʾaman / T. Römer, Restoring Line 31 in the Mesha Stele: ‚The House of David’ or Biblical Balak?: TA 46 (2019) 3–11; Y. Gottlieb, Judah of Iron vs. Israel of Copper: The Metalworking Development in the Land of Israel and Its Historical Implications, in: E. Ben-Yosef ed., Mining für Ancient Copper. Essays in Memory of Beno Rothenberg (TAU.MS 37; Tel Aviv 2018) 435–454; E. Ben-Yosef / O. Sergi, The Destruction of Gath by Hazael and the Arabah Copper Industry: A Reassessment: I. Shai et al. eds., Tell it in Gath. Studies in the History and Archaeology of Israel. Essays in Honor of Aren M. Maeir on the Occasion of his Sixtieth Birthday (ÄAT 90; Münster 2018) 461–480; I. Finkel- stein, A Corpus of North Israelite Texts in the Days of Jeroboam II?: HeBAI 6 (2017) 262–289; N. Naʾaman, In Search of the Temples of YHWH of Samaria and YHWH of Teman: JANER 17 (2017) 76–95; E. Arie, The Omride Annexation of the Beth-Shean Valley: O. Lipschits et al. eds., Re- thinking Israel. Studies in the History and Archaeology of Ancient Israel in Honor of Israel Finkelstein (Winona Lake 2017) 1–18; I. Finkelstein / T. Römer, Early North Israelite „Memories“ of Moab: J.C. Gertz et al. eds., The Formation of the Pentateuch. Bridging the Academic Cul- tures of Europe, Israel, and North America (Tübingen 2016) 711–727; A. Kleiman, The Dama- scene Subjugation of the Southern Levant as a Gradual Process (ca. 842–800 BCE): O. Sergi et al. eds., In Search for Aram and Israel. Politics, Culture, and Identity (ORA 20; Tübingen 2016) 57–76; A. Mazar, Culture, Identity and Politics Relating to Tel Rehov in the 10th–9th Centuries BCE: Ibid., 89–119; H.M. Niemann, Juda und Jerusalem. Überlegungen zum Verhältnis von Stamm und Stadt und zur Rolle Jerusalems in Juda: UF 47 (2016) 147–190; M. Leonard- Fleckman, The House of David. Between Political Formation and Literary Revision (Minneapolis 2016); id., The bīt-X Formula in Assyrian Documentation and Aramaean Social Structure: HeBAI Die Dynastie Omri | 193 7 (2018) 140–171; N. Naʾaman, Queen Athaliah as a Literary-Historical Figure: Semitica 58 (2016) 181–205; Id., The Royal Dynasties of Judah and Israel: ZAR 22 (2016a) 59–74; N. Naᵓaman, King Meshaᵓ s Occupation of Jahaz: JNSL 42/1 (2016b) 101–107; K. Lawson Younger, Jr., The Assyrian Economic Impact on the Southern Levant in the Light of Recent Study: IEJ 65 (2015) 179–204; A. Mazar, Religious Practices and Cult Objects during the Iron Age IIA at Tel Rehov and their Implications regarding Religion in Northern Israel: HeBAI 4 (2015) 25–55; K. Radner, High Visibility Punishment and Deterrent: Impalement in Assyrian Warfare and Legal Practice: ZAR 21 (2015) 103–128; N. Naᵓaman, Judah and Edom in the Book of Kings and in Historical Reality: R.I. Thelle, T. Stordalen and M.E.J. Richardson eds., New Perspectives on Old Testament Prophecy and History (VT.S 168; Leiden – Boston 2015) 197–211; M. Weippert, Mōšiʿs Moab: Transeuphratène 46 (2014) 133–151; I. Finkelstein, The Southern Steppe of the Levant ca. 1050–750 BCE: A Framework for a Territorial History: PEQ 146 (2014) 89–104; id., The Forgotten Kingdom. The Archaeology and History of Northern Israel (Atlanta 2013; dt. Das vergessene Königreich, München 2017); J. Ebeling, N. Franklin and I. Cipin, Jezreel Revealed in Laser Scans. A Preliminary Report of the 2012 Survey Season: NEA 75 (2012) 232–239; J.M. Robker, The Jehu Revolution. A Royal Tradition of the Northern Kingdom and its Ramifications (BZAW 435; Berlin/Boston 2012); A.M. Maeir, Tell es-Safi/Gath I: The 1996–2005 Seasons. Vol. 1: Text; Vol. 2: Plates (ÄAT 69; Wiesbaden 2012); E.A. Knauf, Inside the Walls of Nehemiah’s Jerusalem: Naboth’s Vineyard: I. Finkelstein and N. Naʾaman eds., The Fire Signals of Lachish. 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Jahrhundert vor Christus (FRLANT 124; Göttingen 1982). Für die Assyrer war Omri der Begründer der Staatlichkeit Israels; sie nahmen Israel im 9. Jh. als ‚Stammesstaat’ wahr und sprachen meist abschätzig vom ‚Haus Omri‘ (assyrisch Bīt ʾUmrī); Aram-Damaskus und Moab redeten zur glei- chen Zeit schon von ‚Israel’, während Juda ‚Haus David’ blieb (HTAT S. 267–269 Nr. 116; S. 244–248 Nr. 105; Niemann 2016; Leonard-Fleckman 2016; 2018). In seinem ersten Bericht über die Schlacht von Qarqar 853 vC verwendet aber auch Salmanassar III ‚Israel‘ (HTAT S. 249–259 Nr. 106). Die Archäologie bestätigt dieses Urteil: mit Omri setzen Festungs- und Palastbauten ein, und seine neu- gegründete Residenz Samaria (1 Kön 16,23f; die dortige Namenserklärung ist unhistorisch) sollte es bis zum Ende des Staates bleiben und danach der israeli- tischen Nachfolge-Religionsgemeinschaft der ‚Samaritaner‘ den Namen geben. ‫ שמרון‬šomron ist ein guter kanaanäischer Ortsname, das Lokativ- Suffix –on dient nicht zur Ableitung von Orts- aus Personen-Namen. Mit dem ‚Kauf‘ wurde ursprünglich auf Omris Gerechtigkeit hingewiesen. Er hat den Vorbesitzer für seine Investitionen in die Infrastruktur des Landgutes, das auch archäologisch nachgewiesen ist, entschädigt; als König, noch dazu als Militärdiktator, hätte er das Land auch konfiszieren können. Der kleine Hinweis blieb trotz des anti- omridischen Ressentiment des Textes bewahrt, weil er im Licht der Thora Omri Die Dynastie Omri | 195 zu einem Sünder macht. Im altorientalischen Staat war jedoch der König (sei- nerseits als ‚Lehensnehmer‘ seines Gottes) Eigentümer allen Landes, der es den ‚Untertanen‘ – gegen Leistungen wie Heeresfolge– als Lehensbesitz überließ (‫ נחלה‬naḥala, gewöhnlich unzutreffend als ‚Erbbesitz‘ übersetzt). Als Lehen war das Land allerdings seitens des Lehensnehmers unveräußerlich. Im nachexili- schen Judäa treten Gott und der Tempel anstelle des Königs (Lev 25,23). Ob Sa- maria vor Sargon II. eine mächtige Palast-Burg war (H.M. Niemann 2007; 2011) oder – wenig wahrscheinlich – bereits eine Stadt, ist umstritten. Aber Samaria liegt jedenfalls auf der Westseite der Wasserscheide: der Staat Israel ist jetzt eindeutig nach Phönizien orientiert (H.M. Niemann 2007). Ob die Residenz Sa- maria einen Tempel (oder wenigstens eine Palastkapelle [JHWHs]) besaß (Fin- kelstein 2017), ist unklar (Timm 2002), wenngleich möglich, archäologisch nicht bewiesen, allenfalls ikonographisch zu vermuten; das Hauptheiligtum Israels befand sich jedenfalls in Bet-El (und ein anderes Heiligtum in Dan) (Naʾaman 2017). Das Bündnis mit Phönizien, wobei Phönizien der dominierende Partner war, zeigt sich auch in der Heirat von Omris Sohn ‫ אחאב‬Ahab mit der tyrisch- sidonischen Prinzessin ‫ איזבל‬Isebel (1 Kön 16,31); Tyrus und Sidon bildeten damals ein ‚vereinigtes Königreich‘. Mit dem summarischen Verweis auf ‫גבורתו‬ gvurto ‚seine Männlichkeit, Tapferkeit, Kriegskunst‘ 1 Kön 16,27 deutet die Über- lieferung an, dass Omri aller Wahrscheinlichkeit nach ein erfolgreicher Krieger war, der nach der Befriedung Israels die umliegenden Städte des ‚Canaanite revival‘ unterwarf und ihren in den letzten 100 bis 150 Jahren akkumulierten Reichtum abschöpfte. So konnte sein Sohn Ahab zwei Regimenter (2.000 oder 200?) Streitwagen unterhalten. Die Bibel verwendet auf Omri insgesamt acht Verse (1 Kön 16.21–28), von denen zwei (25–26) informationsfrei sind. Auch über die Leistungen seiner Nachfolger erfahren wir aus dem AT fast nichts: sie waren mit dem negativen Image der Dynastie und ihres Staates in der Jerusalemer bzw deuteronomistischen Tradition nicht vereinbar; die Elija- und Elischa- Traditio- nen in 1 Kön 17–2 Kön 8 enthalten keine Überlieferung aus dem 9. Jh. Histori- sche Leistungen der Omriden (wie diejenigen Jerobeams II. im 8. Jh.) –die guten politischen und wirtschaftlichen Beziehungen zu Phönizien, Bautätigkeit und die Oberherrschaft über den einen oder anderen kleineren Nachbarn – wurden im biblischen Geschichtsbild auf Salomo übertragen. Omri regierte 12 Jahre, sein Sohn Ahab 20 Jahre (1 Kön 16,29–34; 22,51), des- sen Sohn Ahazjaw 2 Jahre (22,51), und dessen Bruder Joram (2 Kön 1,17) 13 Jahre – das sind je nach dem angewandten Datierungssystem 46–49 Jahre mit vier Herrschern in drei Generationen; bislang hatten wir in Israel nur Zweipersonen- Dynastien. Ca. 843 vC wurde die Dynastie durch die ‚Revolution‘ des Streitwa- 196 | Der Staat Israel unter der Omriden- und der Nimschiden-Dynastie (9./8. Jh. vC) genkommandeurs Jehu beendet (ein Militärputsch, wieder einmal), nachdem die Omriden-Dynastie Israel auf eine bisher unerreichte Höhe von Wohlstand und politischem Einfluss gebracht hatte. Phönizien als stabilisierende Macht hinter den Omriden wird durch die diplomatische Heirat Ahabs mit der Prinzes- sin Isebel von Sidon-Tyrus greifbar (1 Kön 16,31). Hinter Phönizien stand Ägyp- ten. Der Import phönizischer Luxusgüter (gegen Rohstoffe) und der Einfluss der phönizischen Ikonographie auf die israelitischen Siegel der Zeit (s. u.) ist archä- ologisch nachweisbar. Israelitisch-judäische Schiffahrtsunternehmen auf dem Roten Meer sind nur mit phönizischem Knowhow denkbar (1 Kön 22,48f). Omri und/oder Ahab dehnten das Territorium Israels nach allen Richtungen aus (vgl. die Karte unten Abb. 43); vor den Omriden war Galiläa im Norden noch nicht in ihren Machtbereich integriert (Niemann 2003). Sie übernahmen nun die Jesreelebene bis zur Bucht von Bet-Schean im Osten (Arie 2017) und drangen bis Obergaliläa vor zulasten der dortigen aramäischen Kleinstaaten, was ihnen später Hasaël zur Ungerechtigkeit anrechnen wird, und gründeten die Festung Hazor als Garnison eines Streitwagen-Regiments (Hazor X) sowie zwei kleinere Festungen an der phönizischen Grenze, Har Adir und Tel Ḥarašim. Außer der befestigten Palast-Residenz Samaria gab es im ‚Inland’ nur das Militärlager ‫ יזרעאל‬Jesreel (N. Franklin 2019) in der gleichnamigen Ebene, wohl der Stand- ort des zweiten Streitwagen-Korps; die Städte (wie Megiddo VA) blühten auf, blieben aber, wie einst in der ägyptischen Provinz Kanaan, unbefestigt bis auf Gouverneursresidenzen und Kasernen in Tor-Nähe. Im Ostjordanland fügten die Omriden dem israelitischen Kernbesitz im Gebirge Gilead die nördlich anschlie- ßende, sehr fruchtbare Hochebene hinzu bis zum Yarmuk, wo sie die Festung ‫ רמת גלעד‬Ramot-Gilead gründeten (der Tell unter dem heutigen er-Ramṯā oder Tell el-Ḥuṣn). Da der Ort auf jeden Fall weit außerhalb des Gebirges liegt, war ‚Gilead‘ aus einer Landschafts- zu einer Provinzbezeichnung geworden. Diese Eroberungen umfassten wahrscheinlich den ‚Landstrich Argob‘ (Dtn 3,4) und annektierten wohl den größten Teil des aramäischen Territoriums ‚Tob‘ (Ri 11,3.5). Die Befestigungsmaßnahmen im Norden waren nicht gegen Aram- Damaskus gerichtet, das sich seinen aramäischen Nachbarn gegenüber auf einem ähnlichen Expansions-Kurs befand. „Da mein Nachbar mein natürlicher Feind ist, ist der Nachbar meines Nachbarn mein natürlicher Freund“, ein Prin- zip nahöstlicher Politik, das bis in die Gegenwart beobachtet werden kann. Die Dynastie Omri | 197 Abb. 43: Expansion unter Omriden bis Hazor , Juda dynastisch verbunden. Expansion unter Jerobeam II. , Juda als Verbündeten/Vasall bis Dan und weiter nördlich/östlich. 198 | Der Staat Israel unter der Omriden- und der Nimschiden-Dynastie (9./8. Jh. vC) Die Omriden nahmen auch die wirtschaftliche Attraktivität wahr, die der Kupferhandel über den sog. King’s Highway im Ostjordanland mit sich brachte, denn die Kupferförderung im Gebiet um Ḫirbet en-Nahas hatte ihren wirtschaft- lichen Höhepunkt zwischen 950 und 850 vC (Y. Gottlieb 2018). Ein Vordringen der Omriden ins mittlere Ostjordanland mit Stützpunktausbau in Jahaz und Atarot, konnte Moab zunächst nicht verhindern. Im Jahr 853 vC kam es bei Qarqar am Orontes-Fluss im Nordwestsyrien zur Schlacht gegen den nach Süden vordringenden Assyrer Salmanassar III. (Yamada 2000, 143–163; Niemann 2006), in der sich der Großkönig (wie immer) den Sieg zuschreibt, ohne einen strategischen Vorteil zu gewinnen; im Gegen- teil: er musste die gleiche Koalition 849, 848 und 845 immer nördlicher von Qarqar ‚besiegen‘ (HTAT S. 260–262 Nr. 108–110). Nur für Qarqar 853 liegt ein ausführlicher Bericht vor (HTAT S. 254–259 Nr. 106), wonach Ahab im Bund mit Damaskus und Hamat die Koalition anführte, zusammen mit Hamat das zweit- größte Kontingent an Infanterie (10 Regimenter) stellte, aber das größte Streit- wagen-Corps (2 Regimenter; er hatte den weitesten Weg und wahrscheinlich Garnisonen in Israel zurückgelassen). Die Zahlenangaben werden immer wieder bezweifelt, aber nur, wenn sie ungefähr stimmen, hatte die Koalition überhaupt die Chance, den Assyrern standzuhalten. Überdies basieren sie nicht auf der Zählung jeder einzelnen Nase, sondern auf dem Überblick der taktischen Ein- heiten zu Beginn der Schlacht und ‚Geheimdienstinformationen‘ über die mili- tärische Stärke der einzelnen Staaten. Natürlich war die Ist-Stärke eines Regi- ments fast nie mit seiner Soll-Stärke (20 Kompanien à 50 Mann) identisch, aber eine Einheit, die mit weniger als 50% ihrer Soll-Stärke antritt, wurde kaum noch als solche wahrgenommen. 1.200 Wagen, 1.200 Reiter, 20.000 Soldaten des Hadadeser von Aram, 700 Wagen, 700 Rei- ter, 10.000 Soldaten des Irhuleni von Hamat, 2.000 Wagen, 10.000 Soldaten des Ahab von Israel, 500 Soldaten aus Byblos, 1.000 ägyptische Soldaten, 10 Wagen aus Arqā, 2.000 Sol- daten des Matinbaal von Arwad, 200 Soldaten aus Ušnu/Ušanat, 30 Wagen, [.]00 Soldaten des Adon- Baal von Siyānu, 1.000 Kamele des Arabers Gindibu/Gundab, [.]00 Soldaten des Baascha von Bet-Rehob... (Salmanassar III.; vgl. TGI3 Nr.19 und HTAT S. 257f). Fünf kleinere phönizische Städte stellen zusammen 40 Wagen und 2.800 bzw. 2.600 Mann. Die 1.000 Ägypter repräsentieren wohl die ägyptischen Garnisonen in Sidon und Tyrus: Tyrus und Sidon kämpfen nicht, sie lassen kämpfen. Ägyp- ten stellte das Prestige zur Verfügung, Phönizien das Geld, Aramäer und Israel die Soldaten. Juda wie Ammon wurden wegen ihrer Bedeutungslosigkeit ent- weder gar nicht gefragt, der Koalition beizutreten, oder ihre Kontingente zählen Die Dynastie Omri | 199 unter Israel (Ammon vielleicht unter Damaskus). Aram-Bet-Rehob ist noch nicht Damaszener Vasall. Zum erstenmal tritt ein arabischer Groß-Stamm oder Stäm- mebund militärisch-politisch in Erscheinung, den wir uns um Palmyra herum vorstellen können: die assyrische Expansion bedrohte auch den Handel zwi- schen Phönizien/Syrien und Babylonien. Ein ins Gegenteil verkehrter Reflex der israelitisch-arabischen Bundesgenossenschaft bei Qarqar könnte ‫‚ קרקור‬Kar- kor‘ Ri 8,10 als Ort einer ‚Midianiter-Schlacht‘ Gideons sein. Und wer hat bei Qarqar gesiegt? Wahrscheinlich niemand, wie bei den meisten Schlachten der Militärgeschichte war das Kräfteverhältnis zwischen beiden Seiten nach dem Gemetzel unverändert. Da Ahab wahrscheinlich im Jahr der Schlacht von Qarqar starb, erwägt N. Naʾaman, ob eine in dieser Schlacht empfangene Wunde (vgl. 1 Kön 22,34–37) die Ursache war. Aber dann hätte Salmanasser III. den ‚Abschuss‘ für sich re- klamiert wie Hasaël später den Tod Jorams und Ahasjahus. Der ‚Tod Ahabs‘ ist eher eine Erzählvariante des Todes Jorams. Nach der Formel in 1 Kön 22,40 starb Ahab eines friedlichen Todes, ob an den Strapazen des Feldzuges oder einer Infektion, die er sich dabei zugezogen hat, sei dahingestellt. In Salmanassers Berichten von den Schlachten von 849, 848 und 845 gegen die syrische Koaliti- on wird Israel nicht mehr erwähnt. Daraus kann aber nicht geschlossen werden, dass Israel aus der Koalition ausgeschert war, denn alle diese Schilderungen gehören zum ‚kurzen Formular‘ der Schlachtschilderung – und in der Kurzfas- sung zu Qarqar 853 wird Israel auch nicht erwähnt (HTAT S. 259f Nr. 107). Zwar hatte Joram mit dem Abfall des Königs Meša von Moab zu tun, aber der erforder- te keineswegs Israels gesamte Militärmacht. Zu einer dramatischen Änderung der Gesamtlage kam es erst 842/41 vC mit der Thronbesteigung Hasaëls in Da- maskus. Wahrscheinlich war das israelitische Militär – wie das assyrische, über das wir genauer informiert sind – in Regimenter von je 1.000 Mann (Sollstärke) und Kompanien von 50 Mann organisiert (vgl. 1 Sam 8,12; 2 Kön 1). Auf diese Weise konnte auf der Basis der nur kurzfristig aufzubietenden Stammes-Miliz ein klei- nes ‚stehendes Heer‘ beibehalten werden, insofern von jedem Regiment in den Festungen immer und abwechselnd jeweils eine Kompanie Dienst tat. Die 10 Regimenter Infanterie korrespondieren den 10 Stämmen des omridischen Israel (Ri 5; 1 Kön 4,7–19 und 11,30). Die Streitwagen wurden mit Vorteil aus dem kö- niglichen Krongut rekrutiert und in den Festungen Jezreel in der gleichnamigen Ebene und in Hazor stationiert, wo die Versorgung der Pferde sichergestellt war (im Gegensatz zu anderen Landesteilen). Ein Mann aus 20 ist alles, was eine Agrarökonomie relativ geringer Produktivität an den Staat ‚abgeben‘ kann. In geringem Umfang kam noch Frondienst zwischen Ernte und Aussaat infrage. 200 | Der Staat Israel unter der Omriden- und der Nimschiden-Dynastie (9./8. Jh. vC) Mehr ‚Steuern und Abgaben‘ gab es im Staat der Omriden nicht und konnte es auch nicht geben. Über Militärdienst/Fronarbeit der Bevölkerung hinaus be- standen die Staatseinahmen aus den Erträgen des Krongutes, den Handelsge- winnen und – damals ein wichtiger Faktor – der Kriegsbeute. Assyrien, kein mit natürlichen Ressourcen besonders gesegneter Staat, musste Krieg führen, um seine Armee zu finanzieren (wie auch der Generalissimus Wallenstein). Die Samaria-Ostraka, die aus dem 8. Jh. stammen und oft als Lieferungen an den samarischen Hof von dessen (nur um Samaria herum gelegenen?) Krongütern interpretiert werden, können aber auch Begleitbriefe von Lebensmittellieferun- gen darstellen, die gerade in Samaria diensttuende oder aus sonstigen (Prestige- )Gründen sich dort zeitweilig aufhaltenden Angehörigen des Stammes Manasse aus ihren Samaria umgebenden Dörfern geschickt wurden (H.M. Niemann 2008). Jahr 10. Aus Geba für Adoni‘am: 1 Schlauch alter Wein. (Ostrakon 8) Jahr 9. Aus Hatzerot für Gaddyau: [1] Schlauch raffiniertes Öl (Ostrakon 18) Ein Reflex des omridischen Militärwesens könnte die sonst rätselhafte Mittei- lung Jos 17,11 sein, wonach Manasse, in dessen Gebiet die Residenz-Festung Samaria lag, auch Bet-Schean, Jibleam, Taanach und Megiddo ‚besaß‘, d.h., die ‚kanaanäischen‘ Neuerwerbungen der Omriden wurden mit Garnisonen aus Manasse versehen. Vielleicht gehören zu frühen militärorganisatorischen Ele- menten bzw. den Garnisonen die śry h-mdynwt (1 Kön 20,14f.17.19); mdynh (sg.) ist aramäisches Lehnwort im Hebräischen, die śry h-mdynwt könnten dann je- weils „Chef (śr) einer (militärischen) Regionalverwaltung“ gewesen sein, die eine Elitetruppe oder Garde zur Verfügung hatten (Niemann 1993, 67–69). In- schriften und Literaturproduktion (§ 5.5) belegen, dass es neben den Offizieren einen Beamten-Stand gab (die ‚Schreiber‘). Die ‚Verwaltung‘ war aber weiterhin ein Teil des königlichen Haushalts. Zwar konnten im vorexilischen Israel man- gels Privateigentum an Produktionsmitteln keine Klassen entstehen, wohl aber setzt im 9. Jh. vC die Entstehung einer staatstragenden (und vom Staat profitie- renden) Funktionärskaste ein (Niemann 1993, 41–91) – und führte angesichts der egalitären Ideologie der Tribalgesellschaft unweigerlich auch zu innenpoli- tischen Konflikten, die man ‚sozial‘ nennen kann. In einer westlichen Republik kann man Geld in Macht verwandeln (Marcus Licinius Crassus, gest. 53 vC), in der orientalischen Despotie – bis heute – erwirbt man Macht, um sich durch deren Ausübung zu bereichern. Die Dynastie Omri | 201 Da auch Gad erst unter Omri oder Ahab zu Israel kam, dürfte der Grundbe- stand von 1 Kön 4,7–19 die noch rudimentäre Verwaltungseinteilung Israels unter den Omriden wiedergeben. Von den zwölf ‚Distrikten‘ bilden nur die ers- ten sieben eine geographisch sinnvolle Reihenfolge (vgl. S. 173 Abb. 40 und Niemann 2000, 65 Fig. 1): Ausgehend vom Zentrum Efraim folgen im Uhrzeiger- sinn die nördliche Schefela, die Scharon-Ebene, die phönizisch besiedelte Küs- tenstadt Dor, die kanaanäischen Städte in der Jesreel-Ebene und der Bucht von Bet-Schean, Ramot-Gilead und dann das Gebirge Gilead. Von dort geht es in einem großen Sprung nach Naftali (Hazor), von dort in einem kleinen Kreis gegen den Uhrzeigersinn in die phönizische Grenzregion (in der die Omriden ebenfalls Festungen bauten) und nach Untergaliläa (‚Issachar‘). Von hier führt der nächste große Sprung nach Benjamin, von dort geht es weiter nach Gad (das dritte ‚Gilead‘ an dieser Stelle im MT ist wirklich eins zu viel). Es zeichnen sich drei Expansionswellen ab: an die Küste, in die Jesreel- Ebene und ins nördliche Ostjordan- land, dann nach Obergaliläa, zuletzt nach Benjamin und ins südliche Transjordanien. Die Befestigung von Jericho nach einer längeren Besiedlungslücke, in der die Oase versumpfte und von Malaria o.ä. infiziert wurde (1 Kön 16,34), diente als Basis für die Annektion Nord-Moabs (der nördlichen Hälfte des Stammes Gad) bis zum Wādī Wāla/Wādī eṯ-Ṯamad. Sie setzt zugleich die Beherrschung Benjamins (zulasten Judas) voraus. Der Rest von Moab wurde tributpflichtig gemacht, die Grenze mit zwei Festungen versehen (Atarot und Jahaz), von de- nen jederzeit Offensivstöße nach Rest-Moab geführt werden konnten. Die Ver- bindung nach Jericho bewachte die Stadt Nebo. Unter Joram fiel Mešaʿ aus dem Stamm Gad bzw. dem Clan Dibon von Israel ab und eroberte in zwei geschickt geführten Feldzügen den Norden Moabs zurück und ein Stück Israel um Nebo dazu (2 Kön 3,4f; Mešaʿ-Inschrift HTAT S. 242–248 Nr. 105). Nicht nur wird Mešaʿs Hauptstadt in der Bibel als ‫‚ דיבן גד‬Dibon-Gad‘ geführt (Num 33,45f), es kommt hinzu, dass Mešaʿ die Eroberung von Atarot damit begründet, dass Omri diese gaditische Stadt für Israel zur Festung ausgebaut habe. Im Falle der schon immer israelitischen Stadt Nebo braucht Mešaʿ einen Befehl seines Gottes Ka- mosch, um die Grenze zu seinen Gunsten zu verschieben. Als Text ist die Mešaʿ - Inschrift das Dokument einer Staatsgründung. Sie ist ungeschickt redigiert, verwendet aber Annalen-Exzerpte. Unter Mešaʿs Vater wurden noch keine An- nalen geführt, daher nennt die Inschrift die pauschalen ‚40 Jahre‘, d.h. ein Men- schengedächtnis lang, für die Zeit der omridischen Unterdrückung, die mit der Chronologie der Omriden nicht vereinbar ist. Schrift wie wohl auch Sprache von Mešaʿs Inschrift sind israelitisch (im 7. und 6. Jh. schreiben Moabiter anders), und auch die Gattung ‚Memorialinschrift‘ wird der Moabiter von Israel oder Damaskus übernommen haben; aus Samaria ist dagegen nur ein Stelenfrag- 202 | Der Staat Israel unter der Omriden- und der Nimschiden-Dynastie (9./8. Jh. vC) ment mit einem einzigen Wort erhalten. Der Text stellt einen Lebensrückblick Mešaʿs dar und stammt wohl vom Ende des 9. Jh. vC. Auch die geschilderten Taten haben sich wohl über mehrere Jahrzehnte verteilt (N. Naʾaman). Dass ‚Israel zugrunde gegangen ist‘ (Z. 7), konnte Mešaʿ um diese Zeit zurecht sagen. Was er verschweigt: er hat inzwischen die israelitische mit der damaszener Vasallität vertauscht. Die ‚exzentrische Hauptstadt‘ Dibon spiegelt die Macht- konstellationen des 9. Jh. Auch die Staatengründung Moabs verlief von Norden nach Süden, das ‚moabitische Plateau‘ zwischen Arnon und Sered, wo Horonajim (Z. 31ff) zu suchen ist, musste Mešaʿ erst unterwerfen. Diese Inschrift ist seit dem 14. und 13. Jh. der erste nachgewiesene epigraphische Beleg für den Gottesnamen JHWH, und seit Merneptah der dritte für den Namen ‚Israel‘, wenn man Hasaëls Dan-Inschrift als zweiten Beleg zählt. Aus der Mešaʿ-Inschrift. Text: Sh. Aḥituv, Echoes from the Past (Jerusalem 2008) [389–419], 390–393. 1a Ich bin Mešaʿ, der Sohn des Kamošyatt, König von Moab, der D|iboniter || 2a Mein Vater war König gewesen über Moab 30 Jahre lang, 2b und ich bin König | geworden nach meinem Vater || 3a Ich legte diese Kulthöhe an für Kamoš in QRḤH als Zeichen der | Rettung, 4a weil er mich von allen Bedrängern gerettet hat, 4b und weil er mich meine Lust sehen ließ an allen, die mich haßten. || 4c Als Omr|i König von Israel war, 5a unterdrückte er Moab lange Zeit, 5b denn es zürnte Kamoš gegen sein La|nd. || 6a Es folgte ihm sein Sohn, 6b und auch dieser sagte: 6c Ich will Moab unterdrücken. || 6d Zu meiner Zeit sprach er solcherart. 7a Ich aber sah meine Lust an ihm und an seinem Haus, || 7b und Israel ist zugrundegegangen, 7c zugrundegegangen für immer. 7d Omri nahm in Besitz das ganze Lan|d Madeba || 8a und wohnte darin zu seiner Zeit und die Hälfte der Zeit seines Sohnes/seiner Söhne, 40 Jahre lang. 8b Aber es wohnte | darin Kamoš zu meiner Zeit || 9a Ich baute Baʿal-Meʿon 9b und machte dortselbst die Zisterne, 9c und ich baute | Qiryatēn.|| 10a Der Mann von Gad lebte im Land Aṭarot seit jeher, 10b da baute der König von I|srael das Aṭarot für sich (aus). || 11a Ich kämpfte gegen die Stadt 11b und nahm sie. || 11c Ich erschlug das ganze Kriegs-Volk | der Stadt als Trankopfer für Kamoš und für Moab. || 12a Ich deportierte von dort den Feuer- altar ihres DWD 12b und schl|eppte ihn vor Kamoš in Qeriyyot.|| 13a Ich ließ dort wohnen den Mann von Šaron und von | Maḥarit. || 14a Kamoš sagte zu mir: 14b Auf, nimm Nebo zu- lasten von Israel. || 14c Ich mar|schierte in der Nacht 15a und kämpfte gegen es vom Tages- anbruch bis zur Höhe des Tages 15b und na|hm es ein 16a und erschlug es gänzlich, 7.000 Herren und Männer und Dam|en und Frauen und Konkubinen || 17a denn ʿAṯtar-Kamoš hatte ich es geweiht. || 17b Ich nahm von dort die Kult|geräte JHWHs 18a Und schleppte sie vor ʿAṯtar-Kamoš. || 18b Nun hatte der König von Israel | Jaḥaṣ gebaut 19a und residierte dort, als er gegen mich kämpfte. || 19b Da vertrieb ihn Kamoš vor mir. 19c Da | nahm ich aus Mo- ab 200 Mann, alle seine Sippenhäupter, || 20a brachte sie nach Jaḥaṣ 20b und nahm es, | um es Dibon hinzuzufügen. || 21a Ich, ich habe QRḤH gebaut, die ‚Mauer der Wälder’ und die | ‚Ophel-Mauer‘. || 22a Ich, ich habe seine Tore gebaut 22b und ich, ich habe seine Bas- tionen gebaut || … 25a Ich, ich schnitt die Befestigungsgräben für QRḤH ein durch Kriegs- ge|fangene Israels. || … 31b Was Ḥoronēn betrifft, so wohnte darin das ‚Haus [Da]vid‘ 32a ... Die Dynastie Omri | 203 32b Da sagte Kamoš zu mir: 32c Steige hinab, zu kämpfen gegen Ḥoronēn || 32d Ich stieg hinab ... 33a ... 33b Es wohnte darin Kamoš zu meiner Zeit ... Innerhalb der Zeilen werden die Sätze mit a, b, … durchgezählt; | bezeichnet Zeilenwechsel im Satz, || Paragraphen- Zeichen im moabitischen Text; Längenstriche nur bei Phonemen, die lang oder kurz sein können. Die moabitischen Ortsnamen auf –ēn enden in der bibli- schen Überlieferung alle auf /áyim. – Mešaʿ: moabitisch wahrscheinlich * Mōšiʿ, ‚Retter‘. – Kamošyatt: wohl aus * Kamošyatin ‚Kamoš hat gegeben‘ mit Elision des /i/ und regressiver Assimilation des /n/. – Dibon: moab. *Daybon, Sippen-, Stammes- oder Regionalname; die Hauptstadt von Dibon wie Moab hieß im 9. Jh. *Qarḥo o.ä. – 12a ‚den Feueraltar ihres DWD‘: eine befriedigende Erklärung von DWD, die mit der Orthographie der Inschrift vereinbar ist, wurde noch nicht gefunden (Stökl 2008). – 14a–19b: Wenn ein sachlicher Zusammenhang zwischen dem Handstreich gegen Nebo und der ‚Vertreibung‘ des ‚Königs von Israel‘ aus seiner östlichen Grenzfestung Jahaz (Jaḥaṣ) besteht, musste der ‚König von Israel‘ den Vor- posten aufgeben, da nach dem Fall von Nebo seine rückwärtigen Verbindungen unterbro- chen waren. Aber sicher ist das nicht. Der ‚König von Israel‘ kann durch Bedrohungen an einer anderen Front abberufen worden sein. Möglicherweise siedelte Mešaʿ landbesitzlose Moabiter nach dem Abzug Israels neu in Jahaz an (Naʾaman 2016). Mit dem Stilmittel, nach Omri keinen ‚König von Israel‘ mehr namentlich zu nennen, verbindet Mešaʿ seine Aktionen gegen Joram, Jehu und möglicherweise noch Joahas zu einem einzigen ‚Israel-Krieg‘. – 16a ‚7.000 Herren und Männer und Dam|en und Frauen und Konkubinen‘: Weippert, HTAT S. 246f: ‚Männer und Knaben und Frauen und Mädchen und Sklavinnen‘. – 25a ‚ich schnitt die Befestigungsgräben für QRḤH ein‘: Weippert, HTAT S. 247f ‚ich ließ das Bauholz für QRḤH schlagen‘. – 31b ‚Haus [Da]vid‘: wie für Hasaël ist auch für Mešaʿ ‚Israel‘ ein Territorialstaat, Juda immer noch ein ‚Stammesstaat‘. I. Finkelstein und T. Römer (2016) haben archäologischer Ausgrabungen, au- ßerbiblische Texte sowie biblischer Texte (sie nennen sie „akkumulierte Erinne- rung“, in denen Realitäten verschiedener Perioden zusammengearbeitet sind) analysiert und daraus frühe nordisraelitische „Erinnerungen“ an Moab rekon- struiert. Danach ergibt sich eine hypothetische Vorgeschichte und der Kontext eines Konflikts zwischen Israel und Moab im 9. Jh. vC.: Eine frühe moabitische Politie blühte, nicht zuletzt aufgrund der Kupferproduktion und Kupferhandel u.a. im Wadi Feinan, in der späten Eisenzeit I (spätes 11. und 10. Jh. vC) in Süd-Moab. Ihr Zentrum war Bālūʿa (Ir/Kir Moab). Sie erlitt einen Niedergang in der 2. Hälf- te des 10. Jh. Moab erholte sich südlich des Arnons erst im Windschatten (als Alliierter o- der Vasall?) des aufsteigenden Damaskus. Die Ebene Mischor (Dtn 3,10; 4,3), das Tafel- land nördlich des Arnon und östlich sowie 700 m über dem Toten Meer, nördlich von Dibon war damals von einer spätkanaanäischen Politie (biblisch: König Sihon, Num 21,13; 32,33; Dtn 3,8–17; 4,47–49; Jos 12,1–5; 13,9–12) mit Zentrum Hesbon (Num 21,26) be- herrscht. Sihon soll gegen einen früheren König von Moab gekämpft und ihm sein Land von Jabbok bis zum Arnon abgenommen haben. In der 1. Hälfte des 9. Jh. übernahmen die Omriden die Ebene Mischor einschließlich des Landes Dibon ca. 30 Jahre lang, was die Mescha-Inschrift bestätigt. Weitere Versuche Israels, nach Süden vorzustoßen, konkret die Belagerung von Ir/Kir Moab, scheiterte am Zorn von Kamosch (oder JHWH) (2 Kön 3,4– 204 | Der Staat Israel unter der Omriden- und der Nimschiden-Dynastie (9./8. Jh. vC) 27; Num 22–24). Diese Texte sind für Finkelstein und Römer kumulierte Erinnerung von Ansprüchen Israels auf das Ostjordanland. Moab scheint die Schwächung des omridi- schen Israel z.Zt. Hasaels nach der Schlacht von Ramoth (841 vC) erkannt zu haben. Es be- stand nach Finkelstein und Römer wohl eine Rivalität zwischen Mescha einerseits und dem (unsicher zu lesenden) bt[d]wd = „Haus David (?)“, das nach neuerer Analyse eher „Ba[lak]“ zu lesen sein könnte (Finkelstein/Naʾaman/Römer 2019) andererseits. Balak (er- innert in dem späteren Text Num 22–24) mag südlich des Arnon (in Horonaim) geherrscht haben, während Mescha sich nach Norden ins omridisches Gebiet (Mischor) und auch nach Süden Richtung Horonaim ausdehnte (Finkelstein/Naʾaman/Römer 2019, 8). Mescha konnte Horonaim einnehmen (Mescha-Inschrift 32ff) und übernahm (als Herrscher oder Usurpator) das Land Dibon nördlich des Wadi Wala sowie Jahaz, Atarot, Madeba und Nebo von Israel und machte Dibon zu seiner Residenz. Traditionen über diese Gescheh- nisse liefen Finkelstein und Römer zufolge in Israel mündlich um, evtl. aus dem JHWH- Heiligtum in Nebo stammend, das in der Mescha-Inschrift 14–18 (HTAT S. 246f Nr. 105) erwähnt wird. Sie wurden in der 1. Hälfte des 8. Jh. wohl in Penuel, Bet-El oder Samaria verschriftlicht, zeitlich wahrscheinlich nicht zufällig parallel zu den Inschriften von Kuntilet Ajrud und Tell Deir Alla. Der Übergang vom Stämmestaat zu einem Offiziers- und Funktionärs-Staat, vom Häuptlingstum zum dynastischen Königtum bzw. zur Militärdiktatur (s.o. S. 182 Tabelle 11: Von Jerobeam I. bis Omri) erfolgte nicht ohne Konflikte und gesell- schaftliche Verwerfungen; in Juda unterwarf sich die Stadt Jerusalem die Clans auf dem Gebirge Juda (bzw. die Gruppen, die dann im Rahmen politisch integ- rierender Ideologie der Davididen, später theologisch gewendet als Stamm be- trachtet werden [H.M. Niemann 2016]), oder versuchte es zumindest, seit dem 9. Jh. mit wachsendem, im 7. Jh. mit abschließendem Erfolg. Die Integration in den ‚Weltmarkt‘ betraf im 9. und 8. Jh. nur den Staat (= das erweiterte Königshaus). Über Kriegsdienst/Fronarbeit hinaus gab es im 9. und 8. Jh. noch keine Steuern oder andere regelmäßige Abgaben (H.M. Niemann 1993). Im 7. Jh. begann in Juda die Eintreibung von Naturalabgaben, monetäre Steuern wurden seit dem 5. Jh. erhoben, aber erst seit dem 3. Jh. vC wurden sie ausbeuterisch. Die im Kon- text der Omriden oft behandelte Geschichte von Nabots Weinberg in 1 Kön 21 gehört jedoch nicht hierher, sondern ins 4. Jh. (E.A. Knauf 2011), sie setzt die abgeschlossene Thora ebenso voraus wie das unter Nehemia wiederaufgebaute Jerusalem. Durch die Annexion der kanaanäischen und aramäischen Städte in den Ebenen, die das Bergland Samaria umgaben, füllten die Omriden ihre Kas- sen, um weiter Krieg zu führen und Festungen zu bauen. Die Städte stellten Kapital und knowhow, die Berge die manpower. Der neue ‚Dienstadel‘ aus Offizie- ren und Beamten trat neben den alten ‚Geburtsadel‘ der großen Familien der Stämme, und deklassierte sie u.U., sofern sie nicht ebenfalls in den Königs- dienst traten. Die Konfliktlinien verliefen im 9. Jh. nicht zwischen Ober- und Unterschicht, sondern zwischen Aufsteigern und Absteigern in der Oberschicht. Die Dynastie Omri | 205 Religiöse Konflikte spielten im 9. Jh. so wenig eine Rolle wie soziale (die Elija- Geschichten sind reine Rückprojektion). Unter den multiethnischen Untertanen der Omriden – altisraelitischen Bergbauern, kanaanäischen Städtern, aramäi- schen Städtern und Bauern – ist wohl mit ethnischen Konflikten zu rechnen. Das Ende der Dynastie Omri kam plötzlich und unerwartet. 842 bestieg Ha- saël den Thron von Damaskus. Aus bislang undurchsichtigen Gründen war seine Thronfolge das Ende der bisher erfolgreichen anti-assyrischen Koalition, es kam zum Krieg zwischen Aram und Israel um Ramot-Gilead. Juda leistete Heerfolge (2 Kön 8,28 [Annalentradition; 2 Kön 8,29 könnte bereits novellistisch sein]). In seiner Tel Dan-Inschrift behauptet Hasaël, Joram und Ahasjahu getö- tet zu haben; im Licht der biblischen Überlieferung sind beide Wunden erlegen, die sie sich im Kampf gegen Aram zugezogen haben können. Beide Könige star- ben offenbar zu jung, um schon regierungsfähige Nachfolger zu haben. In Israel versuchte die Königinmutter Isebel offenbar vergeblich, die Regentschaft zu übernehmen: im befestigten Lager von Jesreel fiel sie einem Putsch des Streit- wagenkommandeurs Jehu ben Nimschi zum Opfer (2 Kön 9,30–33). Ihre Schwä- gerin Atalja hielt in Jerusalem etwas länger aus. Salmanasser III. nützte den Zerfall der Koalition aus, um 841 nach Damaskus vorzustoßen (HTAT S. 263–264 Nr. 112). Er verwüstete das Umland, konnte die Stadt aber nicht einnehmen. Jehu unterwarf sich Salmanassar zusammen mit Tyrus und Sidon. Damit war die ägyptische Oberherrschaft über ‚Kanaan’ beendet, nachhaltige Feindschaft zwischen Jehu und Hasaël besiegelt, und für Assyrien (ein weiteres Imperium mit einem Elefanten-Gedächtnis) ein Präzedenzfall geschaffen, auf den es zu gegebener Zeit zurückkommen würde. Der Tribut Jehus (HTAT S. 264 Nr. 113), wenn nicht übertrieben dargestellt, erlaubt Vorstellungen vom omridischen Staatsschatz. Neben sehr viel Gold liefert Jehu Zinn (das man braucht, um aus Kupfer Bronze zu machen), dass Israel selbst nur von Phönizien eingehandelt haben kann, und ‚Spieße’, wahrscheinlich wegen ihrer Eisen-Spitzen erwähnt; im omridischen Herrschaftsbereich sind mit Bet-Schemesch und Tell Ḥamme in Gilead die ersten Eisenverarbeitungs-Betriebe belegt (Y. Gottlieb 2018). ‫ יהא בן נמשי‬Jehu ben Nimschi stammt aus einer in der Jesreel-Ebene und der Bucht von Bet-Schean begüterten Sippe, die durch mittlerweile drei Ostraka des späten 10. und frühen 9. Jh. belegt ist (A. Mazar 2015; 2016). Bemerkenswer- terweise schrieben die Nimschiden ihren Sippennamen in phönizischer Ortho- graphie (‫)נמש‬. Während die Omriden möglicherweise aramäischer Herkunft waren, waren die Nimschiden offensichtlich Kanaanäer. Der biblische Bericht in 2 Kön 9–10 lässt Jehu als einen Helden erscheinen, der für den wahren Glauben streitet. Diese Züge gehören aber zu Überarbeitungen der Perserzeit. Er geht im Grundbestand auf eine Gründungslegende der Dynastie zurück, die erst unter 206 | Der Staat Israel unter der Omriden- und der Nimschiden-Dynastie (9./8. Jh. vC) Joasch oder Jerobeam ben Nimschi entwickelt worden sein kann. A. Mazar (2015, 104–106; 2016, 112–114) vermutet einen historischen Kern in 2 Kön 9–10 durch Funde und Befunde seine Ausgrabung in Tel Rehov: nur ca. 10 km süd- östlich von Tel Rehov liegt Abel-Mehola, der Herkunftsort des Propheten Eli- scha, der eine bedeutende Rolle beim Aufstieg bzw. der Salbung Jehu ben Nim- schis spielt (2 Kön 9). Im Elite-Viertel von Tel Rehov Stratum IV (zerstört zwischen 836 und 830 vC, passend zum Jehu-Umsturz) wurde in einem mehr- räumigen Gebäude ein Ostrakon mit dem Namen (ʾ)lyšʿ = (ʾE)lischaʿ gefunden, zusammen mit zwei Tonaltärchen und vier weiteren kultischen Objekten, das Mazar – zugegeben spekulativ – an einen Aufenthalt des Propheten Elischa und seiner Anhänger bei dem von ihm „geförderten“ Jehu ben (Jehoschafat ben) Nimschi (2 Kön 9,1–10) denken lässt. Mit dem literarischen Jehu als kraftstrotzendem Gewalttäter haben die Nim- schiden (Jerobeam II.) ein Bild von sich selbst entworfen, aber der historische Jehu war ein schwacher und erfolgloser Herrscher. Die Rolle Hasaëls wurde in der Legende totgeschwiegen, obwohl er historisch bedeutend und erfolgreich war und eine wohlüberlegte, stufenweise Expansionspolitik von Damaskus aus betrieb, indem er in einer ersten Phase Gilead gegen Israel sicherte (2 Kön 8,28– 29), dann Galiläa, das Beth-Schean-Tal und die Jesreel-Ebene ohne weitgehende Zerstörungen besetzte, aus der sich Israel zurückziehen musste; schließlich stieß er in die zentrale Küstenebene vor und griff die Schefela an, wobei es um 830 vC zu Zerstörungen kam, vor allem in deren bedeutendster Stadt Gat, die Hasaël belagerte und eroberte (A.M. Maeir ed. 2012; Details: A. Kleiman 2016), um diesen wichtigen Machtfaktor im Südwesten zu beseitigen und vielleicht auch den Kupferhandel aus der ʿAraba nicht mehr über (Gat und) Gaza, sondern über den sog. „King’s Highway“ im Ostjordanland und damit in damaszeni- schen Zugriffsbereich umzuleiten (E. Ben-Yosef / O. Sergi 2018), s. Abb. 44. Das Grundprinzip der Jehu-Legende erschöpft sich in reiner Gewalt- Verherrlichung: so sind wir an die Macht gekommen, so sind wir, legt euch nicht mit uns an, oder: ‚Sei grausam und sprich darüber!‘ (Radner 2015). Das ist aus der assyrischen Annalistik (= Propaganda) übernommen, einen nennens- werten assyrischen Kultureinfluss hat es aber im 9. Jh. noch nicht gegeben, so wenig wie eine vermeintliche ‚JHWH-Allein-Partei‘ in Israel. Staatliche Religi- onspolitik scheint ebenfalls eine Innovation Jerobeams II. gewesen zu sein. Dass Jehu einen JHWH-haltigen Namen trägt (‚Jehu‘ durch Dissimilation aus *Jo-huʾ, ‚JHWH ist es‘), unterscheidet ihn in keiner Weise von den Ahab-Söhnen Ahasjau und Joram. Der Putsch Jehus war – im Gegensatz zur biblischen Dar- stellung – eine Katastrophe: Israel verlor seine internationale Stellung, Jehu musste sich dem Assyrerkönig Salmanassar III. unterwerfen (nicht im AT Die Dynastie Omri | 207 Abb. 44: Hasaëls Vorstoß in den Süden und dessen Zentralort Gat (2 Kön 12,18). 208 | Der Staat Israel unter der Omriden- und der Nimschiden-Dynastie (9./8. Jh. vC) erwähnt) und verlor Galiläa und die Jesreel-Ebene an Damaskus (in 2 Kön 10,32f untertrieben). Mešaʿ konnte zurecht feststellen: ‚Israel ist gänzlich zugrunde gegangen‘ (s.u. S. 209 Abb. 45). Die Hasaël-Inschrift vom Tel Dan. Die drei Fragmente wurden in zwei verschiedenen Kam- pagnen im Pflaster der ‚Plaza‘ vor bzw. im Stadttor von Dan II gefunden (Zeit Jerobeams II.). Die Inschrift, die eine Stele oder wahrscheinlicher ein Orthostat gewesen sein kann, wurde von Hasaël in Dan III aufgestellt und bei der israelitischen Eroberung zerschlagen und ver- baut. Der Zusammenhang von Fragment II und III (bzw. B1 und B2) ist unbestritten, der Zu- sammenhang zwischen Fragment I (bzw. A) und II+III keineswegs (zwei beliebige geometri- sche Körper berühren sich immer in mindestens einem Punkt). Im Gegensatz zur ‚Tel Dan- Vulgata‘, die mit (z.T. unbegründeten) Ergänzungen einen durchlaufenden Text herstellt und der auch HTAT S. 267–269 Nr. 116 folgt, präsentiere ich (E.A. Knauf) die Fragmente ge- trennt. Wir gehen davon aus, dass die Zeilenlänge z. Zt. unbestimmbar ist; im Verhältnis zueinander ist eine Verschiebung der Fragmente um eine Zeile nach oben oder unten mög- lich, aber kaum mehr. Fragment I Fragment II+III 1) ... 1) schnitt/entschied ... 2) ... mein Vater ... 2) ... sein Bündnis ... 3) Es legte sich mein Vater nieder, so dass er [zu 3) ... Es ging hinein mein König/der König seinen Vorfahren] ging ... [Der König von Is] von I[srael] ... 4) rael rückte vor gegen das Land meines 4) ... Es macht[e] Hadad zum König [mich]... Vaters ... 5) ..., ich. Hadad ging mir voran ... 5) Aphek … 6) ... mein König(tum). Ich tötete Kö[nige 6) … Gefangene … ]...[Wa] 7) gen, zweitausend/tausende Reiter ... 7) [… Jo]ram ben [Ahab.] 8) der/den König von Israel. [Ich] tötete ... 8) … Ahas]yahu ben [Jehoram…] 9) ... [Ich schlu]g Bet-Dawid. Ich stellte/legte - ... 10) ... ihr Land ... 11) ... andere ... [Jehu war K] - 12) önig geworden über Is[rael…] - 13) ... Belagerung ... - - Bei den ‚tausenden von Pferden/Reitern‘ muss es sich um Aramäer oder Assyrer gehandelt haben, Israel und Juda hatten damals noch keine Kavallerie. Die beliebte Übersetzung ‚kämpfen‘ in B 2 ist falsch, im Aramäischen bedeutet ‫‚ לחם‬zusammenschließen, sich ver- bünden‘. Es scheint sich um ein Bündnis zwischen Israel und dem ‚Land von Hasaëls Vater‘ gehandelt zu haben, das nach dem Tod des Vaters durch eine Aggression Israels gebrochen wurde. Erst in dieser Notsituation wurde Hasaël von Hadad zum König gemacht. Israel unter Aram-Damaskus | 209 Abb. 45: Unter Jehu verlorene Gebiete; Unter Jehu verlorener Einfluss 210 | Der Staat Israel unter der Omriden- und der Nimschiden-Dynastie (9./8. Jh. vC) 5.4 Israel unter Aram-Damaskus 1 G. Lehmann, Hazael in the South: A. Berlejung and A.M. Maeir eds., Research on Israel and Aram. Autonomy, Indepenence and Related Issues. Proceedings of the First Annual RIAB Center Conference, Leipzig, June 2016 (Research on Israel and Aram in Biblical Times I = ORA 34; Tübingen 2019) 277–292; O. Sergi / A. Kleiman, The Kingdom of Geshur and the Expansion of Aram-Damascus into the Northern Jordan Valley: Archaeological and Historical Perspectives: BASOR 379 (2018) 1–18; S.M. Ortiz / S.R. Wolff, Tel Gezer Exvcavations 2006–2015: The Trans- formation of a Border City: O. Lipschits / A.M. Maeir eds., The Shephelah during the Iron Age. Recent Archaeological Studies (Winona Lake, 2017) 61–102; A.M. Maeir, Philistine Gath after 20 Years: Regional perspectives on the Iron Age at Tell eș-Șafi/Gath: Ibid., 133–154; R.E. Tap- py, The Archaeology and History of Tel Zayit: A Record of Liminal Life: Ibid., 155–179; I. Finkel- stein, Israel and Aram: Reflections on their Border: O. Sergi et al. eds., In Search for Aram and Israel. Politics, Culture, and Identity (ORA 20; Tübingen 2016) 17–36: E. Blum, The Relations between Aram and Israel in the 9th and 8th Centuries BCE: The Textual Evidence: Ibid., 37–56; A. Kleiman, The Damascene Subjugation of the Southern Levant as a Gradual Process (ca. 842– 800 BCE): Ibid., 57–76; A.M. Maeir, Th Aramaean Involvement in the Southern Levant. Case Studies for Identifying the Archaeological Evidence: Ibid., 79–87; A. Mazar, Culture, Identity and Politics Relating to Tel Rehov in the 10th–9th Centuries BCE: Ibid., 89–119; Y. Thareani, Enemy at the Gates? The Archaeological Visibility of the Aramaeans at Dan: Ibid., 169–197; B. Sass, Aram and Israel during the 10th–9th centuries BCE, or Iron Age IIA: The Alphabet: Ibid., 199–227; G. Bunnens, Confrontation, Emulation and Ethno-genesis of the Aramaeans in Iron Age Syria: Ibid., 253–280; S. Mazzoni, Identity and Multiculturality in the Northern Levant of the 9th–7th century BCE: Ibid., 281–304; N. Naʾaman, The Royal Dynasties of Judah and Israel: ZAR 22 (2016) 59–74; N. Naᵓaman, Judah and Edom in the Book of Kings and in Historical Reali- ty: R.I. Thelle, T. Stordalen and M.E.J. Richardson eds., New Perspectives on Old Testament Prophecy and History (VT.S 168; Leiden – Boston 2015) 197–211; G. Lehmann and H.M. Nie- mann, When Did the Shephelah Become Judahite? TA 41 (2014) 77–94; I. Finkelstein, The Southern Steppe of the Levant ca. 1050–750 BCE: A Framework for a Territorial History: PEQ 146 (2014) 89–104; A.M. Maeir, The Rephaim in Iron Age Philistia: S.J. Wimmer und G. Gafus eds., „Vom Leben umfangen“. Ägypten, das Alte Testament und das Gespräch der Religionen. Gedenkschrift für Manfred Görg (ÄAT 80; Münster 2014) 289–297; A. Berlejung / M.P. Streck eds., Arameans, Chaldaeans, and Arabs in Babylonia and Palestine in the First Millennium B.C. (LAOS 3; Wiesbaden 2013); S. Hasegawa, Aram and Israel during the Jehuite Dynasty (BZAW 434; Berlin-Boston 2012); A.M. Maeir ed., Tell es-Safi/Gath I: The 1996–2005 Seasons. Vol. 1: Text; Vol. 2: Plates (ÄAT 69; Wiesbaden 2012); H.M. Niemann, Observations on the Layout of Iron Age Samaria: A Reply to Israel Finkelstein: UF 43 (2011) 325–334; I. Finkelstein, Observa- tions on the Layout of Iron Age Samaria: TA 38 (2011) 194–207; H. Ghantous, The Elijah-Hazael Paradigm and the Kingdom of Israel: The Politics of God in Ancient Syria-Palestine (Bible World; Durham 2013); H. Niehr, König Hazael von Damaskus im Licht neuer Funde und Interpre- tationen: E. Gaß und H.-J. Stipp eds., „Ich werde meinen Bund mit euch niemals brechen!“ (Ri 2,1). FS für Walter Groß zum 70. Geburtstag (HBS 62; Freiburg im Breisgau 2011) 339–356; A. Mazar et al., Ladder of Time at Tel Rehov: Stratigraphy, archaeological context pottery and radiocarbon dates: T.E. Levy and T. Higham eds., The Bible and Radiocarbon Dating. Archaeol- ogy, Text and Science (London and Oakville 2005) 193–255; K. Lawson Younger, ‘Hazael, Son of a Nobody’. Some Reflections in Light of Recent Study: P. Bienkowski et al. eds., Writing and Israel unter Aram-Damaskus | 211 Ancient Near Eastern Society. Papers in Honor of A.R. Millard (LHB.OTS 426; New York and London 2005) 245–270; G. Athas, The Tel Dan Inscription (London 2003); J.M. Tebes, A new analysis of the Iron Age I ‚chiefdom‘ of Tel Masos (Beersheba Valley): Aula Orientalia 21 (2003) 63–78; H.M. Niemann, Nachbarn und Gegner, Konkurrenten und Verwandte Judas: Die Philister zwischen Geographie und Ökonomie, Geschichte und Theologie. U. Hübner / E.A. Knauf eds., Kein Land für sich allein. Studien zum Kulturkontakt in Kanaan, Israel/Palästina und Ebirnâri für Manfred Weippert zum 65. Geburtstag (OBO 186; Fribourg / Göttingen 2002) 70–91; E. Lipiński, The Aramaeans. Their Ancient History, Culture, Religion. (OLA 100; Leuven etc. 2000); D. Oredsson, Moats in Ancient Palestine (CB.OTS 48; Stockholm 2000); N. Naʾaman, Three Notes on the Aramaic Inscription from Tel Dan: IEJ 50 (2000) 92–104; id., The Historical Back- ground of the Aramaic Inscription from Tel Dan: EI 26 (1999) 112–118; I. Finkelstein, Hazor and the North in the Iron Age: A Low Chronology Perspective: BASOR 314 (1999) 55–70; E.A. Knauf, Das ‚Haus Davids‘ in der alt-aramäischen Inschrift vom Tel Dan: BiKi 51/1 (1996) 9–10; N. Naʾaman, Hazael of ʾAmqi and Hadadezer of Beth-rehob: UF 27 (1995), 381–394; M. Weippert, Die Feldzüge Adadnararis III. nach Syrien: Voraussetzungen, Verlauf, Folgen: ZDPV 108 (1992) 42–67. Die Bedeutung Hasaëls ist erst in den letzten Jahren durch Inschriftenfunde deutlich geworden. Er und sein Sohn und Nachfolger Bar-Hadad (hebr. Ben- Hadad) herrschten für ca. 40 Jahre ‚über alle Könige vom Grenzfluss Ägyptens bis an den Eufrat’, was Salomo nur nachgesagt wird (1 Kön 5,1; vgl. o. S. 177 Abb. 41). Salmanassar III. bezeichnete den Nachfolger Hadadesers als ‚Sohn eines Niemand‘ (HTAT S. 263 Nr. 111), womit die Illegitimität der Nachfolge aus- gedrückt werden soll. Andererseits lässt die Tel-Dan-Inschrift keinen Zweifel daran, dass Hasaël königlicher Abstammung war. Aber auch nach der Inschrift erbt er den Thron von Damaskus nicht ohne weiteres, sondern muss von Hadad (durch Prophetenworte) in Damaskus zum König gemacht werden. N. Naʾaman hat die plausible Lösung vorgeschlagen, dass Hasaël ein (nachgeborener?) Prinz von Bet-Rehob war. Er wurde angesichts der assyrischen Bedrohung Kö- nig von Damaskus, weil dort vermutlich kein oder kein geeigneter Thronanwär- ter zur Verfügung stand. Von Schreibern, die wohl eine ungefähre Ahnung von der irregulären Thronfolge Hasaëls hatten, wird Hasaël gar von JHWH zum Kö- nig designiert und zum Mörder seines Vorgängers gemacht, der allerdings nichts mit dem realen Hadadeser zu tun hat (1 Kön 19,15–17; 2 Kön 8,7–15). Sal- manassar stellt Hasaël als den Aggressor hin – aber Widerstand gegen das Im- perium war in dessen Augen schon immer ein böswilliger Akt. Zur ersten Schlacht kam es am Hermon, auf der Grenze von Bet-Rehob und Damaskus. 841 erreichte Salmanassar nur die Unterwerfung von Israel, Tyrus und Sidon. 838 und 837 kehrt Salmanassar zurück, konnte aber nur relativ unbedeutende Landstädte im Hauran erobern. Mit diesem Feldzug hat Salmanassar den Bogen überspannt; möglicherweise brachte ihm Hasaël 837 eine empfindliche Nieder- 212 | Der Staat Israel unter der Omriden- und der Nimschiden-Dynastie (9./8. Jh. vC) lage bei, die der Assyrer selbstverständlich verschweigt. Von nun an dreht sich das Blatt um, die assyrische Macht erodiert, und Hasaël dringt im Gegenzug bis an den Eufrat vor. Abgesehen vom Verzeichnis seines Erbes in der Zakkur- Inschrift (KAI5 202; TUAT I/6, 1985, 626–628) weisen darauf Darstellungen des Krieges gegen die syrische Koalition von 853–845 in späteren Auflagen der An- nalen Salmanassars hin: aus ‚Hadadezer und 12 Königen von der Meeresküste‘ werden ‚Hadadezer und 12 (zuletzt gar 15) Könige von der Meeresküste und vom Eufratufer‘, die Koalition wird mit Hasaël und seinen Vasallen identifiziert und sozusagen in der glorreichen Vergangenheit ‚mitgeschlagen‘, was in der armse- ligen Gegenwart nicht mehr möglich ist. So wird ‚Geschichtsschreibung‘ zur Magie. Beuteinschrift Hasaëls. Inventarisierungs-Notiz eines Schatzhaus-Verwalters auf einem Stück Beute oder Tribut. HTAT S. 269f Nr. 117. Was Hadad unserem Herrn Hasaël aus ‚Umq (Pattina/Unqi, am Unterlauf des Orontes) ge- geben hat im Jahr, als unser Herr den Strom (den Eufrat) überschritt. Israel hatte unter Hasaël schwer zu leiden (1 Kön 19,15–17; 2 Kön 8,12; 10,32 [10,33 ist ‚theologische Geographie‘]; 13,3). Israel verlor Galiläa, Hazor IX wurde zerstört und als aramäische Festung Hazor VIII neu errichtet. Auf Tel Kinrot wurde unter Hasaël ein Wachtturm errichtet. Als ‚Metropole des aramäischen Südwestens‘ gründete vermutlich Hasaël Dan III, zu dem im wesentlichen die restaurierte Stadtmauer und die monumentale Toranlage gehört. Wieweit ge- nauer der Nordosten Israels bzw. der Südwesten Arams (z.B. die Orte Dan, Hazor, Kinneret, Rehov) aramäisch beherrscht oder (nur) kulturell aramäisch beeinflusst war, aramäische Bevölkerung hatte oder wie die ethnische Zugehö- rigkeit der Bevölkerung einzuschätzen ist, ist in einem solchen Überlappungs- gebiet politischer und kultureller Identitäten schwer einzuschätzen (Finkelstein 2016; Kleiman 2016; Maeir 2016; Thareani 2016; Mazar 2016; Mazzoni 2016), ganz ähnlich wie die Schefela zwischen dem judäischen Bergland und der Mit- telmeerküste ein solches Gebiet fließender ethnischer Identitäten ist, ein Gebiet kleinräumiger Gemeinschaften mit lokalen und regionalen Spezifica, die sich vom Bergland und der Küstenregion durchaus unterscheiden (Niemann 2002; „overlapping ‚micro-identities‘“ oder „nested identities“, ein „middle ground“ (Maeir 2017), m.a.W. eine „bidirectional liminal zone“ mit „shifting margins“ (Tappy 2017, 155–164, Fig. 2–3). Die Jesreel-Ebene jedenfalls wurde systematisch verwüstet (Megiddo IVA, Jesreel und Taanach wurden zerstört und lagen wüst), auch die Bucht von Bet-Schean hatte zu leiden (Tel Rehov, Tel ʾAmal) (Mazar Israel unter Aram-Damaskus | 213 2016). Damit verlor Israel seine produktivsten Ländereien. Dass Israel damasze- ner Vasall wurde, Damaskus den israelitischen Handel kontrollierte, versteht sich von selbst (vgl. 1 Kön 20,34, eine authentische Erinnerung an Joasch und Bar-Hadad). Unter Jehus Nachfolger ‫ יואחז‬Joahas scheint die militärische Macht Israels einen Tiefpunkt erreicht zu haben: sie belief sich auf einen Heerbann von 10.000 Mann (738 vC sollten es wieder 50–60.000 sein), 50 Reiter (immer- hin neu im israelitischen Heerwesen) und 10 Streitwagen (2 Kön 13,7). Im Laufe des 9. Jh. vC ging die Kupferproduktion in der Region um Ḫirbet en-Nahas zu Ende. Gleichzeitig begann wieder der Kupferhandel aus Zypern, den Phönizien und Damaskus dominierten. Dabei war für Hasaël das philistäi- sche Gat als beherrschende Macht im Süden im Wege, so dass er diese Metropo- le Philistäas um 830 vC eroberte (2 Kön 12,18, vgl. oben S. 207 Abb. 44) und dessen Hegemonie wie auch für alle Folgezeit seine urbane Existenz beendete (Lehmann 2019). Der Belagerungswall und –graben wurde kürzlich ausgegra- ben (Maeir ed., 2012, 43–47). Auf der Grabensohle konnten zwei Streitwagen einander passieren (vgl. zu dieser Belagerungstechnik [generell Oredsson 2000], über die Salmanassar III. 841 noch nicht verfügt zu haben scheint, die Zakkur-Inschrift [KAI5 202; TUAT I/6, 1985, 626–628] und vage 1 Kön 20,12). Bei dieser Gelegenheit scheint auch Geser VIII zerstört worden zu sein (Ortiz / Wolff 2017), wobei unklar ist, zu welchem Territorium – Israel oder eher Gat? – der Ort damals gehörte. Mit der Eroberung von Gat verbindet 2 Kön 12,18–19 eine Tri- butzahlung Judas, doch geriet Juda wahrscheinlich schon früher in damaszener Vasallität. Bei seinen Aktionen im Süden standen Hasaël vermutlich die beiden damaszener Vasallenkönigtümer Juda und Moab zur Seite. Das ermöglichte Judas Expansion in die Schefela und den Bau von Lachisch IV und Beth- Shemesch nach der Zerstörung von Gat, wobei der Bau von Lachisch IV mög- licherweise von Israel und Juda als Vasallen Hasaels ausgeführt wurde (Nie- mann 2011; Lehmann and Niemann 2014). Ebenfalls konnte Juda, nicht mehr Vasall des nahen nördlichen Nachbarn Israel wie unter den Omriden, sondern des ferneren Aram-Damaskus und damit bis zur erneuten Einflussnahme unter Joasch von Israel (2 Kön 14,8–15) etwas freier, unter diesen Umständen erstmals ins Beerscheva-Tal expandieren. Dort war die früheisenzeitliche „prestige good polity“ Tel Masos im 10. Jh. vC zu Ende gegangen, eine „non-state political unit“, die auf Landwirtschaft und Viehzucht, (Metall/Kupfer-)Handwerk und interregionalem Handel beruhte und verkehrsgünstig zwischen den Kupferab- baugebieten im Wadi ʿAraba und den südwestlichen Städten der Levanteküste lag (Tebes 2003). In der 2. Hälfte des 9. Jh. konnten deshalb erste judäische Festungen entstehen (Beerscheva Stratum V und Arad Stratum XI), die den Interessen Judas und Hasaels dienten. Damit umfasste Juda erstmals das Gebiet 214 | Der Staat Israel unter der Omriden- und der Nimschiden-Dynastie (9./8. Jh. vC) südlich von Hebron, das nun nicht mehr „freies ʿApiru-Gebiet“ war wie noch zur Zeit Davids (Finkelstein 2014). Nach dem Tod Ahasjahus führte die omridi- sche Prinzessin und Königin-Großmutter Atalja für ihren unmündigen Sohn Jehoasch die Regentschaft. Sie wird nach sieben Jahren in einem Putsch von (Priestern und?) Militärs gestürzt und ermordet – ein Indiz, dass eine überlege- ne Macht, aller Wahrscheinlichkeit Hasaël, inzwischen Zeit fand, sich noch intensiver um Juda zu kümmern (Niemann 2011, 332f); die Erzählung 2 Kön 11 ist abgesehen von der Chronologie wie das folgende Kapitel deutlich von Sprache und Ideologie des Zweiten Tempels gekennzeichnet und inhaltlich unglaub- würdig: Hätte Atalja ihren Enkel beseitigt, hätte sie die Legitimation ihrer Re- gentschaft verloren – und überdies niemanden gehabt, an den sie die okkupier- te Macht hätte weiterreichen können. 796 rettete eine assyrische Intervention unter Adadnirari III. Zakkur, den König von Hamat vor einer Koalition, die von Bar-Hadad von Damaskus ange- führt wurde. Damit war das Großreich Hasaëls verspielt. Ob es zu einer Belage- rung von Damaskus kam (HTAT S. 275 Nr. 121; S. 276 Nr. 123) ist zu bezweifeln, wahrscheinlich war die Lage Bar-Hadads aussichtslos genug, um sogleich zu kapitulieren (vgl. den Fall Hiskijas 2 Kön 18,13–19.37). Zusammen mit Bar- Hadad, der 2.000 Talente (6 t) Silber, 1.000 Talente (3 t) Kupfer und 2.000 Ta- lente Eisen abliefert, zahlten auch Joasch von Samaria (Israel), Tyrus und Sidon Tribut (HTAT S. 275 Nr. 122). In der jüngeren Version (HTAT S. 274f Nr. 121) wird der damazener Tribut noch wesentlich aufgehübscht, und die entferntesten Vasallen von Aram-Damaskus, Edom und Philistia, den Tributären hinzugefügt. Joasch hat damit die damaszener Vasallität durch die assyrische ersetzt, zwei- fellos ein Aufstieg. Israel erscheint hier zum erstenmal als ‚Samarien‘ – es um- fasste damals nicht mehr als das samarische Gebirge. Assur erhielt den Druck auf Damaskus aufrecht, 772 erschien Salmanassar IV. vor der Stadt, deren König jetzt Ḫadyān oder Ḥaḏyān hieß, und erhielt neuen Tribut, mengenmäßig unspe- zifiziertes Gold, Silber, Kupfer, das königliche Bett samt Königstochter (HTAT S. 276f Nr. 124): Hasaëls Schätze waren aufgebraucht. Aus der Inschrift Zakkūrs von Hamat (KAI 202). Ca. 796 vC. Hadrak/Hazrak (exakter Ḥaḏa- rakk) war die Residenz Zakkūrs. A (4) Da vereinigte gegen mich Bar-Hadad, der Sohn Hasaëls, der König von Aram … (5) zehn Könige: Bar-Hadad und sein Heer, Bar-Agusi und sein Heer, den Kö(6)nig von Quë und sein Heer, den König von ʿAmqi und sein Heer, den König von Gurgu[m (7) und se]in Heer, den König von Samʾal und sein Heer, den König von Meliḏ und sein Heer … (8) … sieben Kö- nige, (9) sie und ihre Heere. Da legten alle die Könige Belagerungswerke gegen Ḥaḏarakk (Zakkūrs Hauptstadt) an. (10) Sie zogen eine Mauer hoch, höher als die Mauer von Ḥaḏarakk, und sie tieften einen Graben ein, tiefer als dessen Graben. (11) Da erhob ich mei- Religion und Literatur im 9. Jh. | 215 ne Hände zu Baʿal-Šamīm. Ba’alšamīm redete und Baʾalšamīm spra(12)ch zu mir durch Se- her und Orakelpriester. Baʾalšamīm sagte (13) zu mir: Fürchte dich nicht, denn ich habe dich zum König gemacht, ich werde zu dir (14) stehen (oder: mit dir aufstehen), und ich werde dich vor allen diesen Königen retten, die (15) dich mit einer Belagerung überziehen … Die aufgezählten Vasallen kommen alle aus dem Norden von Hasaëls Machtbereich, Hamat wird in die Zange genommen. Zakkur schreibt seine Rettung nicht Adadnerari zu, sondern seinem Gott, dem ‚Himmelsherren‘ (vgl. 2 Kön 13,4–5; 14,25–26). Zeile 13f enthält den ers- ten Beleg für ein ‚königliches Heilsorakel‘, dem wir in Jes 7,4 und in assyrischen Prophetien des 7. Jh. wiederbegegnen. 5.5 Religion und Literatur im 9. Jh. E. Blum, Institutionelle und kulturelle Voraussetzungen der israelitischen Traditionsliteratur: 1 R. Ebach und M. Leuenberger eds., Tradition(en) im alten Israel. (Tübingen 2019) 3–44; id., Die altaramäischen Wandinschriften von Tell Deir ʿAlla und ihr institutioneller Kontext: F.-E. Focken / M.R. Ott eds., Metatexte. Erzählungen von schrifttragenden Artefakten in der alttestamentli- chen und mittelalterlichen Literatur. (Materiale Textkulturen. Schriftenreihe des SFB 933, Bd. 15; Berlin/Boston 2016) 21–52; K. Schmid, The Biblical Writings in the Late Eighth Century BCE: Z.I. Farber / J.L. Wright eds., Archaeology and History of Eighth-Century Judah (ANEM 23; Atlan- ta 2018) 489–501 R.G. Kratz, Prophetic Discourse on „Israel“: Z.I. Farber / J.L. Wright eds., Archaeology and History of Eighth-Century Judah (ANEM 23; Atlanta 2018) 503–515; N. Naʾaman, In Search of the Temples of YHWH of Samaria and YHWH of Teman: JANER 17 (2017) 76–95; A. 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Epigraphy and Daily Life from the Bible to the Talmud Dedicated to the Memory of Professor Hanan Eshel (JAJ, Suppl. 12; Göttingen 2014) 39– 216 | Der Staat Israel unter der Omriden- und der Nimschiden-Dynastie (9./8. Jh. vC) 68; M. Weippert, Götterwort in Menschenmund. Studien zur Prophetie in Assyrien, Israel und Juda (FRLANT 252; Göttingen 2014); S. Aḥituv / A. Mazar, The Inscriptions from Tel Reḥov and their Contribution to the Study of Script and Writing during the Iron Age IIA: Maarav 20.2 (2013) 205–246; I. Finkelstein and B. Sass, The West Semitic Alphabetic Inscription, Late Bronze II to Iron IIA: Archeological Context, Distribution and Chronology: HeBAI 2 (2013) 149–220; C.A. Rollston, Writing and Literacy in the World of Ancient Israel. Epigraphic Evidence from the Iron Age (Archaeology and Biblical Studies, 11; Atlanta 2010); R. Kletter, I. Ziffer and W. Zwickel, Yavneh I. The Excavation of the ‚Temple Hill‘ Repository Pit and the Cult Stands (OBO. 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Studien zur sozial- und Religionsgeschichte Israels und seiner Umwelt. FS für Rainer Albertz zu seinem 65. Geburtstag (AOAT 350; Münster 2008) 573–601; id., „Verstehst du dich nicht auf die Schreibkunst…?“. Ein weisheitlicher Dialog über Vergänglichkeit und Verantwortung: Kombination II der Wandinschrift vom Tell Deir ʿAlla: M. Bauks et al. eds., Was ist der Mensch, dass du seiner gedenkst? (Psalm 8,5). Aspekte einer theologischen Anthropologie. FS für Bernd Janowski zum 65. Geburtstag (Neu- kirchen 2008) 33–53; A. Berlejung, Erinerungen an Assyrien in Nahum 2,4–3,19: R. Lux & E.-J. Waschke ed., Die unwiderstehliche Wahrheit. Studien zur alttestamentlichen Prophetie. Fest- schrift für Arndt Meinhold (Leipzig 2006) 323–356; E.A. Knauf, Deborah’s Language. Judges Ch. 5 in its Hebrew and Semitic Context: B. Burtea et al. eds., Studia Semitica et Semitohamiti- ca, FS für R.M. Voigt anlässlich seines 60. Geburtstages am 17. Januar 2004 (AOAT 317; Müns- ter 2005) 167-182; id., Prophets That Never Were: M. Witte ed., Gott und Mensch im Dialog. Festschrift für Otto Kaiser zum 80. Geburtstag (BZAW 345; Berlin 2004) 451–456; R.G. Kratz, Die Propheten Israels (München 2003); M. Nissinen, Prophets and the Divine Council: E.A. Knauf & U. Hübner, Kein Land für sich allein. Studien zum Kulturkontakt in Kanaan, Isra- el/Palästina und Ebirnâri für Manfred Weippert zum 65 Geburtstag (OBO 186; Freiburg/CH & Göttingen 2002) 4–19; id., Spoken, Written, Quoted and Invented: Orality and Writtenness in Ancient Near Eastern Prophecy: E. Ben Zvi & M. Floyd ed., Writings and Speech in Israelite and Ancient Near Eastern Prophecy (SBL Symposium Series 10; Atlanta GA 2000) 235–271; R. Sch- mitt, Bildhafte Herrschaftsrepräsentation im eisenzeitlichen Israel (AOAT 283; Münster 2001); L.L. Grabbe, Ancient Near Eastern Prophecy from an Anthropological Perspective: M. Nissinen (ed.), Prophecy in Its Ancient Near Eastern Context: Mesopotamian, Biblical, and Arabian Perspectives (SBL Symposium Series 13; 2000) 13–32; E.A. Knauf, Vom Prophetinnenwort zum Prophetenbuch: Jesaja 8,3f im Kontext von Jesaja 6,1–8,16: lectio difficilior. European Electron- ic Journal for Feminist Exegesis 2000/2 www.lectio.unibe.ch; M. Nissinen, References to Prophecy in Neo-Assyrian Sources (SAAS 7; Helsinki 1998); S. Parpola, Assyrian Prophecies (SAA 9; Helsinki 1997); R.P. Carroll, Whose Prophet? Whose History? Whose Social Reality? Troubling the Interpretative Community again: JSOT 48 (1990) 33–49; M. Weippert, Aspekte israelitischer Prophetie im Lichte verwandter Erscheinungen des Alten Orients: U. Magen & G. Religion und Literatur im 9. Jh. | 217 Mauer (edd.), Ad bene et fideliter seminandum: Festgabe für Karlheinz Deller zum 21. Februar 1987 (AOAT 220; Kevelaer & Neukirchen- Vluyn 1988) 287–319; R.P. Carroll, Poets not Proph- ets: A Response to ‚Prophets through the Looking Glas’: JSOT 27 (1983) 25–31. Aus dem 9. Jh. haben wir Königsinschriften aus Aram-Damaskus, Ammon und Moab. Dass diese Monumente an der Peripherie erhalten blieben, erlaubt die Vermutung, dass es sie im Zentrum (Israel) ebenfalls gab; alle gut erhaltenen ‚Römerstädte‘ liegen in Nordafrika, Syrien und Jordanien am Rand der Wüste. In allen dieser Inschriften reden die Götter zu den Königen. Vermutlich taten sie das durch Propheten wie schon in Byblos nach dem Reisebericht Unamuns; im Fall von Hamat werden sie explizit erwähnt. Prophetie gab es im ganzen Alten Orient, auch wenn sie nur sporadisch belegt ist (im 17. Jh. im Königreich Mari am Eufrat, im 9. bis 7. Jh. in Israel, Assyrien, Syrien und dessen Randgebieten). Sie basiert auf der Annahme, dass die Götter die Geschicke der Welt bestimmen, und dass ihre Absichten in Erfahrung zu bringen seien – von der menschlichen Seite aus durch geschulte Kultexperten wie Orakelpriester oder Zeichendeuter, von der göttlichen Seite aus durch Personen, durch die sie sich in Visionen und Auditionen mitteilen. Von der technischen Mantik in Israel sind die ‚Urim und Tummin‘ in der Bibel erhalten geblieben (Ex 28,30; 1 Sam 14,41; 28,6) und das gar nicht seltene ‚Los werfen‘ (Num 34,13; Jos 14–21; Ri 20,9–10; 1 Sam 14,41; Jona 1,7). Zum Propheten konnte eine bislang unauffällige Person werden, wenn sie eine Vision hatte, die sie meinte, öffentlich mitteilen zu müssen (vgl. Am 7,14–15), sie konnte aus ihrer Begabung aber auch einen Beruf machen und einzeln (vgl. 1 Sam 9,9) oder in Gruppen (1 Sam 10,5–6.10–11), freischaffend oder im Dienste eines Tempels oder Palastes ihre Leistungen anbieten. Die Vorstellung, in Israel habe es ‚Schriftpropheten‘ gegeben, d.h. Prophe- ten, die einen Grundbestand der ihnen zugeschriebenen Bücher (den ‚Hinteren Propheten‘) selbst verfasst hätten, ist ein biblizistischer Anachronismus. Zwar ist die literarische Gattung ‚Propheten-Erzählung‘ in Israel schon im 9. Jh. be- legt, aber Literatur war im Alten Orient und Israel ausschließlich Sache von professionellen Schreibern, die an Palast- und Tempelschulen ihren Nachwuchs ausbildeten und als die ‚Chefideologen‘ ihrer jeweiligen Dienstherren angese- hen werden können. Der Weg vom ProphetInnenwort zum Prophetenbuch ist in seinen Anfängen durch die assyrische Prophetie des 7. Jh.s belegt, in seiner Endgestalt durch die Bibel: (1) ProphetIn sagt etwas; (2) Priester/Beamter interpretiert die Äußerung und meldet sie der Zentralver- waltung, wo sie archiviert wird (falls anerkannt); 218 | Der Staat Israel unter der Omriden- und der Nimschiden-Dynastie (9./8. Jh. vC) (3) im Falle besonderer Legitimationsbedürftigkeit des Königs werden thema- tisch verwandte Prophetien zu Sammeltafeln {= Prophetenbüchern} zu- sammengestellt, zB unter Assurbanipal zur Thronbesteigung seines Vaters Asarhaddon (der ein Usurpator war); (4) jetzt bricht die Überlieferung in Assyrien wegen Untergang des Staates und seiner Kultur ab, ging in Juda und Judäa aber weiter: Erstsammlungen wer- den ‚fortgeschrieben‘, aktualisiert und von Zeit zu Zeit durch ‚Buchredakti- onen‘ zusammengefasst; (5) der Redaktionsprozess kommt am Zweiten Tempel und seiner Schule zum Abschluss. Der biblische Prophet ist eine Kreatur seines Buches, das von dem gleichen Personenkreis redigiert ist, wie alle anderen biblischen Bücher auch, wobei vorhellenistisch ohnedies gilt: das ‫ ספר ישעיהו‬Séfer Yeša‘yáhu ist ein Buch über, nicht von Jesaja, und je mehr ‚Prophetenbiographie‘ ein Prophetenbuch enthält, umso mehr Fiktion bietet es seinen Lesern. Als Kern des Jesaja-Buches ist eine Sammlung von Worten verschiedener Propheten und Prophetinnen zum Jahr 734 zu vermuten (Schmid 2018; Kratz 2018), als Kern des Hoseabuches eine Sammlung von Prophetensprüchen aus der Regierungszeit des letzten Königs von Israel, und das Buch Nahum ist überhaupt keine Prophetie, sondern eine triumphalistische Dichtung über den Fall des verhassten Niniveh (A. Berlejung). Weil von professionellen Schreibern verfasst, enthalten die biblischen Prophe- tenbücher politische Lyrik auf hohem sprachartistischem Niveau. In ihrer ka- nonisierten Form sind die ‚anerkannten‘ Propheten Verkünder eines unverän- derlichen göttlichen Wortes ‚wie Mose‘ (Dtn 18,18). Der ‚Prophet‘ als fiktiver Autor eines ‚Inspirierten‘ Textes ist ein Produkt der Überlieferung, die seinen Namen trägt. Zugleich beendet der Propheten-Kanon die Möglichkeit ‚echter‘ Prophetie im altorientalischen Sinn. Wer jetzt noch als ‚Prophet‘ auftreten woll- te, konnte den kanonischen Text mit seinem Prophetenbild nur noch recyceln, was auf ihre Weise sowohl die christliche Apokalypse des Johannes wie der Koran zeigen. Zwischen der Spätbronzezeit IIB und der Eisenzeit IIB (ca. 1300–750 vC) gibt es (bisher) in der Jerusalem-Region nur eine einzige protokanaanäische Alpha- bet-Inschrift. Dagegen fanden sich in den beiden in der Eisenzeit IIA bedeu- tendsten Städten der Südlevante außerhalb des israelitischen Kernlandes (Tell Rehov und Tell es-Safi /Gat) 18 von 60 Inschriften (30 %), einschließlich ihre Umgebung sogar 26 von 60 (43 % aller Inschriften) (Finkelstein / Sass 2017). Das bedeutet, dass in der Eisenzeit IIA-spät (ca. 900/880–800 vC) im Zusammen- hang mit soziopolitischer Entwicklung Schreiber aktiv(er) werden, was Finkel- stein und Sass wohl mit Recht mit den florierenden Städten Tell Rehov (nordöst- lich des zentralpalästinischen Berglandes) und Gat (westlich des Berglandes in Religion und Literatur im 9. Jh. | 219 der Schefela) in Verbindung bringen, auch mit dem frühen Nordreich Israel (ca. 900–850 vC, Baascha und der Omridendynastie) und dann auch Juda (850–800 vC). Vor der 2. Hälfte des 9. Jh. vC (10. bis Mitte des 9. Jh.) kommt dagegen (bis- her) keine hebräische Inschrift aus dem zentralpalästinischen Bergland (Israel und Juda) (Finkelstein / Sass 2017). Während es Vergleichbares bisher nur außerhalb Israels z.B. in Tell Rehov und Tell es-Safi/Gat gab, weist der Fund der bisher frühesten alphabetischen Inschrift in Megiddo im Westen der Jesreelebene (sozusagen gegenüber Tel Rehov im Osten) aus der Eisenzeit IIA/1-spät (Stratum VB/VA-IVB „transition“), als die protokanaanäische Schrift allmählich durch Kursive ersetzt wurde, Schreiber noch gemischt protokanaanäisch und kursiv schreiben (die Schreibrichtung war noch nicht stabil von rechts nach links), darauf hin, dass wenn es Stadtplanung und Monumentalbauten gibt, auch Literatur möglich, Bürokratie nötig und mit der Bürokratie Kursivschrift auftritt und die Phase der Staatsgründung erreicht wird. Insofern rechnen Sass und Finkelstein (2016) mit der Möglichkeit früher „Literatur“ in omridischer Zeit (1. Hälfte des 9. Jh. vC). Auf kultarchitektonischem Gebiet können in Megiddo zwischen ca. 950 und ca. 800 vC hinsichtlich des lokalen Kultbetriebs städtischer Siedlungen zwei möglicherweise mindestens für das Nordreich Israel exemplarische Transforma- tionen beobachtet werden: im 10. Jh., am Ende der Eisenzeit I (spät) endete eine alte, bronzezeitliche Tradition stadtstaatlicher (Zentral)-Tempel mit dessen Zerstörung. Und seit Anfang der Eisenzeit IIA (spät), d.h. zwischen ca. 880–800 vC, treten anstelle des traditionellen Stadttempels nunmehr Kulträume begrenz- ter Größe in staatlich-administrativen Gebäuden auf (Kleiman et al., 2017). Der ikonographische Befund für die Eisen-IIA-Zeit zeigt keinen Bruch ge- genüber der Eisen-I-Zeit: Kriegerische Gottheiten bzw. die kriegerischen Aspek- te der Götter dominieren weiterhin. Einen klaren Bruch vollzieht erst das 8. Jh. Es gibt im 9. Jh. gute Indizien für eine höfische Literatur, die im 10. Jh. noch fehlen. Die Inschrift des Meša‘ enthält mindestens zwei Annalenexzerpte, über seinen Vater gab es noch keine schriftlichen Notizen (daher die pauschalen ‚40 Jahre‘). Was im peripheren Moab beobachtbar ist, darf für das zentrale Israel postuliert werden, denn Schrift, Schreiben und die dazu benötigte Formenspra- che haben die Moabiter wohl von Israel übernommen. Die Verschriftung des Debora-Liedes (Ri 5) zeigt ebenfalls Züge dieses omridischen Israelitischen (kein Artikel, maskuliner Plural auf –īn, weitere Details: Knauf 2005). Am omridi- schen und am davidischen „Hof“ wurden wohl Sammlungen angelegt wie das in der Bibel mehrfach zitierte ‫ ספר הישר‬séfer ha-yašar ‚Buch des Aufrechten‘ (Jos 10,13; 2 Sam 1,18; 1 Kön 8,53a LXX). Omridische Vorlagen lassen sich hinter Ps 45 (phönizische Prinzenhochzeit) und 1 Kön 6–7 vermuten. Ein omridischer 220 | Der Staat Israel unter der Omriden- und der Nimschiden-Dynastie (9./8. Jh. vC) Original-Text ist das Séfer Balʿam von Sukkot (Tell Deir ʿAlla). Man hat den Text mit seiner eigentümlichen Sprache für einen königlich-damaszenischen Schul- Weisheitstext erklärt und auf die Okkupation Gileads unter Hasaël zurückge- führt (E. Blum 2016), freilich ist das Pantheon von Sukkot ist nicht das Pantheon von Damaskus, und die Textgrundlage zur Rekonstruktion des damaszenischen Proto-Aramäisch (nur die Tel-Dan Inschrift) ist neben der Sukkot-Inschrift zur- zeit zu klein. Sollte sich am Ende herausstellen, dass ‚omridisches Israelitisch‘ und ‚damaszener Proto-Aramäisch‘ identisch sind, wäre es nicht überraschend. Auch die Annahme, hier wäre ein ‚gileaditischer Dialekt‘ verschriftlicht, ist angesichts der Verbreitung von Schrift und Schreiben im 9. Jh. unhaltbar: wer eine Schriftsprache gelernt hat, ist noch lange nicht imstande, damit eine ande- re als die gelernte zu schreiben. Es muss sich um die Sprache einer königlichen Verwaltung handeln, und dafür kommen zurzeit nur die Omriden infrage. Der Text belegt den religiösen Pluralismus im omridischen Israel und wie wenig die biblischen Texte über die Omriden mit deren Zeit gemein haben. Einen ‚Reichs- kult‘ gab es noch nicht. Aus dem ‚Buch Bileam‘. Text: H. & M. Weippert, Die ‚Bileam‘-Inschrift von Tell Der ʿAlla: M. Weippert, Jahwe und die anderen Götter (FAT 18; Tübingen 1997) 130–161. Um die kostbare Papyrus- oder Lederrolle im Tempelarchiv zu schonen, wurde der Text auf eine getünchte Lehmziegelstele in einem Hof kopiert, wo er Besuchern vom Personal vorgelesen werden konnte (vgl. Dtn 27,2–8). Die Göttin Šagar ist in Dtn 7,13 zu einer Bezeichnung von Jungtie- ren geworden, wahrscheinlich war deren Schutz ihr Kompetenzbereich. Daneben werden noch ʿAṯtar und die Šadayīn-Gottheiten genannt, letztere Schutzgottheiten, ursprünglich vor den Gefahren der Wildnis. Beim Erdbeben unter Jerobeam II. (Am 1,1) fiel die Stele sozu- sagen aufs Gesicht, wodurch der Text erhalten blieb. 1 [Das B]uch über [Bilea]m, [den Sohn Beo]rs, den Götterseher, ist dies. 2 Zu ihm kamen die Götter in der Nacht. 3 Sie sagten ihm (2) gemäß eines Ausspruchs Els, 4 sie sagten zu [Bilea]m dem Sohn Beors so: 5 … 6 (3) Bileam stand am nächsten Tag auf [7] 8’ Er wein(4)te sehr. 9’ Da trat zu ihm sein Onkel Eliqaʿ … 10’ Sie sagten zu Bileam Sohn Beors: 11’ Warum weinst du? 12’ Er sa(5)gte zu ihnen: 13’ Setzt euch. 14’ Ich will euch erzählen was Šaga[r tun will …] E. Blum (2019) versteht diese Inschrift als exemplarischen Wand(tafel)-Lehrtext einer „Zweigstelle“ (höherer) Schreiber-Ausbildung, die der damaszener Kö- nigshof im Randbereich seines israelitischen Interessengebietes eingerichtet hat, ähnlich wie samarische, phönizische und damaszener Einflüsse in Kuntillet ʿAgrud weit im Süden feststellbar seien. An omridischer Literatur blieb nur er- halten, was mit Atalja, omridische Prinzessin, dann Königin von Juda (2 Kön 8,26; 11,1–3) den Weg nach Jerusalem gefunden hatte oder unter Erdbeben- Jerobeam II. | 221 schutt versiegelt wurde. In Jesreel und Samaria fielen alle Träger dieser Kultur dem Wüten Jehus zum Opfer (2 Kön 9–10), wie 614–612 vC die assyrische Kultur den Babyloniern und Medern. 5.6 Jerobeam II. I. Finkelstein, First Israel, Core Israel, United (Northern) Israel: NEA 82 (2019) 8–15; N. 1 Naʾaman, Samaria and Judah in an Early 8th-Century Assyrian Wine List: TA 46 (2019) 12–20; K. Bieberstein, Die Architektur des Heiligen – Salomonischer Tempel und Felsendom in Jerusa- lem: C. Illies ed., Bauen mit Sinn. Interdisziplinäre Architektur-Wissenschaft: Praxis – Theorie – Methodologie – Forschung (Wiesbaden 2019) 117–174; Y. Garfinkel and M. Mumcuoglu, The Temple of Solomon in Iron Age Context: Religions 2019, 10, 198, 1–17; I. 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Finkelstein, State Formation in Israel and Judah: A Contrast in Context, A Contrast in Trajectory: NEA 62 (1999) 35–52; id., Hazor and the North in the Iron Age: A Low Chronology Perspective: BASOR 314 (1999) 55–70; C. Uehlinger, Anthropomorphic Cult Statuary in Iron Age Palestine and the Search for Yahweh’s Cult Images: K. van der Toorn ed., The Image and the Book. Iconic Cults, Aniconism, and the Rise of Book Religion in Israel and the Ancient Near East (CBET 21; Leuven 1997) 97–155; C. Levin, Amos und Jerobeam I.: VT 45 (1995), 307–317; H.M. Niemann, Herrschaft, Königtum und Staat (FAT 6; Tübingen 1993); H. Utzschneider, Die Amazjaerzählung (Am 7,10–17) zwischen Literatur und Historie: BN 41 (1988) 76–101. Assurs Druck auf Damaskus ermöglichte Israel, sich aus der Abhängigkeit von Aram zu lösen. Nach dem Tiefpunkt unter ‫ יואחז‬Joahas (2 Kön 13,4–5, 7) trat unter seinem Sohn ‫ יואש‬Joasch die Wende ein (2 Kön 13,22–25). Nach 796, als Joasch in der Tributliste Adadneraris als ‚König von Samarien’ erscheint (HTAT S.275 Nr. 122), konnte er mindestens Galiläa und wohl auch das nördliche Ost- jordanland zurückgewinnen. Adadnerari war der ‚Retter’, auf den 2 Kön 13,3–5 anspielt, dessen konkrete Gestalt die israelitische Annalen-Tradition aber eben- so verschweigt wie Zakkur. Auf den Friedensvertrag Joaschs mit Bar-Hadad alias ‚Ben-Hadad III.‘ könnte sich 1 Kön 20,34 beziehen. Die drei Siege von 2 Kön 13,25 korrespondieren den drei Siegen in der Elischa ‫אלישע‬-Legende 2 Kön Jerobeam II. | 223 13,14–19, aber auch der Dreizahl der Aramäerkriege ‚Ahabs‘ in 1 Kön 20 und 22, und den drei Kriegen Elischas (2 Kön 3,6–27; 6,8–23; 6,24–7,20. Aus Elischas Titel ‚Streitwagencorps und Kavallerie Israels’ (2 Kön 13,14; in 2,12 auf Elija übertragen) sowie 2 Kön 13 kann geschlossen werden, dass dieser Prophet (noch) in den Kriegen Joaschs aktiv war (A. Mazar 2015; 2016). Seine Verbin- dung mit dem (ohnehin fiktionalen) Elija ist dagegen Legende. Nach 1 Kön 20,34 trat für Israel nunmehr Gleichberechtigung an die Stelle von Abhängigkeit. Unter Joaschs Sohn und Nachfolger, ‫ ירבעם‬Jerobeam ben Nim- schi (Jerobeam II.) scheint Israel sogar die Oberhand gewonnen zu haben (2 Kön 14,27–28). War die Namengebung des Thronfolgers, falls der König den Namen nicht erst bei seiner Thronbesteigung annahm, ein Programm? Sollte mit dem Rückgriff auf eine der Gründergestalten Israels so etwas wie eine restitutio impe- rii ausgerufen werden? Nach 2 Kön 14,25 dehnte er Israels Herrschaft ‚vom Zu- gang nach Hamat bis zum Toten Meer‘ aus, nach 14,28 erlangte er die Suzeräni- tat über Hamat, Damaskus und Juda. Dass die Bibel von ‚Wiederherstellung’ und ‚Zurückbringen‘ spricht, rührt daher, dass die Grenzen von Jerobeams Herrschaft schon David und Salomo zugeschrieben wurden. In 2 Kön 14,28 kann ‫ בישראל‬den Terminativ von ‚zurückbringen‘ bezeichnen, aber ‫‚ ליהודה‬für Juda‘ muss ein Textfehler sein für ‚und Juda‘. Möglicherweise geht die Nordgrenze Israels in Num 34,1–12 auf Jerobeam II. zurück, sicher der Anspruch auf den ‫בשן‬ Baschan (heute Ḥaurān) als Teil Israels. Jerobeam II. war der erste König Israels, der in Dan regierte; Dan II ist das einzige Stratum mit israelitischer Epigraphik, also geht auch die Umschreibung der Ausdehnung Israels ‚von Dan bis Beer- scheba‘ (Ri 20,1; 1 Sam 3,20; 2 Sam 3,10; 17,11; 24,2, 15; 1 Kön 4,25) auf Jerobeam II. und das 8. Jh. vC zurück. Neue Ausgrabungen in Kirjat-Jearim (Deir el-ʿÂzar), 13 km westnordwestlich der Altstadt Jerusalems haben auf dem 4–4,5 ha großen Hügel eine rechteckige Plattform (ca. 150–110 m mit ca. 1,65 ha Fläche) mit mas- siven Stein-Stützmauern auf der Hügelspitze festgestellt, vermutlich ca. 800– 750 vC zu datieren. Der Typ des massiven Steinbaus (wie Lachisch) lässt die Ausgräber vorläufig daran denken, dass es sich entweder um einen assyrisch veranlassten Bau nach 720 (oder nach 701) vC zur Überwachung Judas oder eher um eine Konstruktion des Nordreichs Israel vor 732 bzw. 747 vC ebenfalls zur Überwachung des Vasallen Juda handele, da er an israelitisch(-omridische) Bauten erinnere und nach dem Sieg Joaschs von Israel (2 Kön 14,11–13) z.Zt. Jerobeams II. errichtet sein könne (Finkelstein et al. 2018). Auf einen staatlichen Stützpunkt mit Heiligtum könnte den Ausgräbern zufolge nicht nur die Ladege- schichte 1 Sam 4,1–7,1*, sondern auch der Prophet Urijahu b. Schemajahu aus Kirjat-Jearim (Jer 26,20) weisen. 224 | Der Staat Israel unter der Omriden- und der Nimschiden-Dynastie (9./8. Jh. vC) Zum Problem der historischen Interpretation von Propheten-Texten am Beispiel von Am 6. 6,4 Die ihr liegt auf elfenbeinverzierten Betten, auf Sofas lümmelt, Lämmer aus den Herden, Kälber aus dem Maststall freßt, 6,5 zur Laute Lieder grölt, und euch [wie David] gar Musikanten dünkt, 6,6. Den Wein gleich aus den Mischgefäßen sauft, mit feinsten Salben, euch parfümiert, doch ignoriert den Schaden Josefs – 6,7. Darum, jetzt gleich, sollt von den Deportierten ihr die ersten sein, und fertig aus mit Fläzen und mit lustig! Die Elfenbein-Möbel-Appliquen, die Max Mallowan und seine Frau Agatha Christie auf Tell Nimrud (der Ruine der assyrischen Hauptstadt Ninive) in den 50er Jahren des letzten Jahr- hunderts fanden (die ‚Nimrud Ivories‘), stammen z.T. aus der Beute von Damaskus (732 vC) und Samaria (720 vC). Ist damit Am 6,4–7 datiert? Die samarische Oberschicht war auch im 5. Jh. reicher als die judäische. ‚David‘ passt auch im Hebräischen nicht ins Metrum, sonst würde das Motiv des Harfe spielenden David ziemlich sicher ins 4. Jh. führen. Die ‚Mischge- fäße‘ sind in den übrigen 31 biblischen Belegen Kultgeräte; der insinuierte Kultfrevel passt besser zur Mentalität des Zweiten Tempels. Vom ‚(Haus) Josef‘ als Synonym für ‚Samaria‘ (oder Efraim) sprechen Texte des 6. bis 4. Jh. (Ri 1,22–23.35; Ez 37,16.19; 48,32; Am 5,6.15; Obad 18; Sach 10,6; Ps 77,16; 78,67; 80,2; 81,6; ob 2 Sam 19,20; 1 Kön 11,28 wirklich älter sind, ist fraglich). Die Deportationspolitik hat erst Tiglat-Pileser III. eingeführt – zur Zeit Jerobeams II. konnte man sie sich kaum schon vorgestellt haben. 6,13. Die ihr jubelt über Lo-Debar und sagt: Aus eigner Kraft, nicht wahr, schnappten wir uns selbst Qarnajim 6,14. Weck ich gegen euch [ Haus Israel, Spruch JHWHs des Gottes der Heerscharen] die Gojim, die schinden euch, wo’s geht nach Hama bis runter in die Araba. Ob ‚Lodebar‘ wirklich ein Ortsname ist (13), ist umstritten (hier geschrieben ‫ לא דבר‬lo’ da- var ‚keine Sache, nicht der Rede wert‘). Qarnajim liegt im Baschan und kam unter Jerobeam II. zum ersten Mal an Israel. Von Lebo-Hamat/dem Zugang nach Hamat bis zur ‚Arava‘ (14) ist mehr als in 2 Kön 14,25 umschrieben. Qarnajim wird sonst nicht erwähnt und war sicher eine Eroberung Jerobeams II. Doch ist nicht auszuschließen, dass ein Schreiber/Redaktor des 6. Jh. noch Zugang zu größeren Teilen der israelitischen Annalen hatte, als in Kön erhal- ten blieb (fast nichts...). ‚Haus Israel‘ (14) steht in einer Glosse, sonst würde das gleiche wie zum ‚Haus Josef‘ gelten. Aus der Bibel erfahren wir über Jerobeam direkt nur noch, dass er 41 Jahre re- gierte (2 Kön 14,23), einen Propheten namens Jona ben Amittai zur Seite hatte (14,25) und ein großer Krieger war (14,28). Die Datierung von Am 1,1 kann alt sein, sie zeigt dann die Vasallität Judas an; sein Auftritt in Bet-El (Am 7,10–17) ist (leider) legendär, wieviel Amos-Text (über 9,1 hinaus) in das 8. Jh. zurück- geht, ist umstritten. Jerobeams Bedeutung ist aufgrund des archäologischen und epigraphischen Befundes zu erfassen. Er zerstörte das aramäische Dan III und baute Dan wieder auf (Stratum II), gründete die israelitische Festung von Jerobeam II. | 225 Kinneret (II), baute Hazor um (Hazor VI) und baute Megiddo (IV) als Festung wieder auf, wahrscheinlich auch Geser und Joqneam. Jerobeam II. ist der einzi- ge israelitische König, der sowohl in ‫ חצור‬Hazor, ‫ מגדו‬Megiddo und ‫ גזר‬Geser baute (1 Kön 9,15 rückwirkend Salomo zugeschrieben). Auch Salomos Pferde- handel (1 Kön 10,28–29) bezieht sich wohl auf Pferdeexport Jerobeams II. zu- gunsten des verbündeten Assur. Megiddo war unter ihm keine Stadt mehr, son- dern eine einzige Kaserne mit Zeughaus und (Mehrzweck-)Lagerhallen (H.M. Niemann 1993; H. und M. Weippert 2014), die auch als Pferdeställe genutzt wurden (Finkelstein & Cantrell 2006) – evtl. nicht (nur) für die eigene Kavalle- rie, sondern für die Zusammenstellung von Herden für den Export. Nach den Erfahrungen von 841 (zum größten Teil die Erfahrungen von Damaskus) setzte Jerobeam II. nicht mehr, wie die Omriden, auf eine mobile Feldarmee mit weni- gen Grenzfestungen, sondern auf die durchgehende Befestigung jedes größeren Ortes, wie die Stadt Damakus ja bislang allen assyrischen Belagerungen stand- gehalten hatte. Als die Assyrer allerdings 733 wiederkamen, führten sie mauer- brechende Waffen mit. Soweit die Listen der galiläischen Stämme in Jos 19 Ar- chiv-Material enthalten, stammt es aus der Verwaltung Jeroboams II. Nur unter ihm und seinen wenigen Nachfolgern sind aus Galiläa auch hebräische (d.h. israelitische) Inschriften bekannt. Auf kooperative Zusammenarbeit mit seinem judäischen Vasallen Usija kann eine Liste aus dem assyrischen Nimrud/Kalah weisen, die für das frühe 8. Jh. vC einen israelitischen neben einem judäischen Boten nennt (Naʾaman 2019). Jerobeam II. erneuerte die Handels-Kooperation mit Phönizien südlich von Juda, was ebenfalls seine Oberherrschaft über Juda als Vasall Israels voraussetzt. Aus einer Karawanenstation in der Sinai-Wüste, Kuntillet ʿAğrūd, sind aus der 1. Hälfte des 8. Jh. religionsgeschichtlich wichtige phönizische, israelitische und judäische Inschriften erhalten sowie eine Abbil- dung, die vermutlich einen König von Israel auf einem Thron zeigt (Beck 2000; Meshel 2012). Die ausgebreitete Diskussion um weitere Abbildungen und den (evtl. nicht bestehenden) Zusammenhang zwischen den Abbildungen (Skiz- zen?) und Inschriften, die Deutung zweier Figuren, die vermutlich eher Bes- Gestalten als „JHWH und seine Aschera“ darstellen und auch nicht gleichzeitig angebracht wurden, wird weitergehen (Strawn / LeMon 2018). Inschriften aus Kuntillet ʿAǧrūd. ʿAğrūd 3 = J. Renz, Die althebräischen Inschriften. Teil 1: Text und Kommentar = id. & W. Röllig, Handbuch der althebräischen Epigraphik I (Darmstadt 1995) 57 KAgr(9):7. Der Text stammt – gegen Renz – aus dem 8. Jh. und ist phönizisch. 1) Beim Aufstrahlen Els, da zerfließen die Berge … 2) Gesegnet sei/ist Baal am Tag des Krie[ges …] 226 | Der Staat Israel unter der Omriden- und der Nimschiden-Dynastie (9./8. Jh. vC) 3) durch den Namen Els, am Tag des Krie[ges …] Pithos 1 = KAgr(9):8; israelitisch. … Ich habe euch gesegnet (oder: segne euch hiermit) für/durch JHWH von Samaria und sei- ne Aschera. Pithos 2 = KAgr(9):9; israelitisch. … 4) Ich habe dich gesegnet durch J(5)WH [des Südens (oder: von Teman)] 6) und seine Aschera… Teman/Süden bezeichnet aus israelitischer Perspektive Juda. Lokale Hypostasen von Gott- heiten sind auch aus Assyrien bekannt: Ischtar von Arbela und Ischtar von Niniveh. Vgl. im Christentum die Madonnen von Czenstochowa (Patrona Poloniæ) und Altötting (Patrona Bavariæ). Da Jerobeam I. die ‚Staatstempel‘ von Bet-El (nach neueren Analysen vermutlich nicht in Bet-El, sondern wenige hundert Meter auf einem Hügel östlich von Bet- El, Lipschits 2017) und Dan noch nicht bauen konnte, muss es sich in 1 Kön 12,26–30 um Jerobeam II. handeln, zu dem der Akt im Lichte seiner ‚Brutal- Architektur‘ in Megiddo auch passt. Alle ‚Israels‘ außer dem ersten, von Meren- ptah vernichteten (§ 2.3) waren durch die Verehrung von JHWH als ‚Gott Israels‘ definiert. Aber jetzt macht sich der Staat die Religion untertan, wofür es zuvor keine Indizien gibt. Allerdings treten in heutiger Perspektive die Tempel von Bet-El und Dan neben den königlichen (oder sogar Staats-?) Tempel in Samaria (ikonographisch, aber nicht archäologisch nachgewiesen), sozusagen als des- sen Filialen für die von Samaria zu weit entfernten (Grenz-)Gebiete im Norden und Süden, Bet-El wohl von Israel her auch für Juda zuständig betrachtet. Inso- fern hätte die biblische Behauptung eines gegen Jerusalem gerichteten Aktes (1 Kön 12,26) eine korrekte Erinnerung bewahrt. Allerdings war der Erste Tempel in Jerusalem kein Wallfahrtsziel und bis Joschija, der die Religionspolitik von Jerobeam ben Nimschi nach hundert Jahren kopierte, eher königliche Hauska- pelle als Staatsheiligtum (zu den Größenverhältnissen der Tempel z.B. im syri- schen Tell Tayinat, demjenigen aus dem 9. Jh. vC im Dorf oder Landstädtchen Motza ca. 7 km nordwestlich von Jerusalem, in dem N. Naʾaman [2017] den [phi- listäisch beeinflussten?] Tempel des Obed-Edom aus Gat (1 Sam 4,1b–7.1; 2 Sam 6,1–20a) vermutet, und den wenig größeren Tempeln in Jerusalem und im syri- schen Ain Dara: Garfinkel and Mumcuoglu 2019; Bieberstein 2019, 138–146). Das nationalreligiöse Programm Jerobeams II. ist 1 Kön 12,28 zu entnehmen: ‚Dies sind deine Götter, Israel, die dich aus Ägypten geführt haben‘. Damit war die Exodus-Tradition kultisch etabliert; ihre selbstbewusste Mobilisierung sei- tens der Nimschiden könnte ein letzter Hinweis auf den Einfluss Ägyptens über Jerobeam II. | 227 Phönizien, Aram und Israel noch bis zur Zeit der Omriden sein, denn im 8. Jh. war Ägypten inzwischen politisch bedeutungslos. Ob die Stierbilder als Posta- mente des unsichtbar über ihnen thronenden Gottes vorzustellen sind oder als Symbole seiner Macht und Stärke, ist umstritten. Auf alle Fälle war die Religion Israels im 8. Jh. sowohl ikonisch wie polytheistisch (M. Leuenberger 2016). Ne- ben JHWH wurde mindestens noch seine Frau verehrt, die er von El übernom- men hatte: im 8. Jh. war JHWH im Pantheon auf dem Weg nach oben. Als die Assyrer Samaria eroberten, deportierten sie auch einige Götterbilder (Uehlinger 1997; HTAT S. 301 Nr. 151). Zur „Theologie“ bzw. Ideologie des „Vereinigten Israel“ Jerobeams II. (Finkelstein 2019) gehörten die Jakob-Traditionen (Gilead und das Gebiet zwischen Sichem und Bet-El), der alte Kern der Saul-Traditionen (das Bergland zwischen Gibeon und Gilboa im Norden sowie Gilead vom Jabbok bis Jabesch), die Erzählungen von Jerobeam (I.), der Kern der Retter- Erzählungen im Richterbuch (Ehud, Ri 4–5 mit Debora und Barak, Gideon, Jeph- tah einschließlich die Abimelech-Erzählung Ri 9) sowie der Kern der (dtr.) Er- zählung von den „Kleinen Richtern“ (Tola ben Puah, Jair, Ibzan, Elon, Abdon ben Hillel, Ri 10,1–3; 12,8–15) sowie Othniel (Ri 3,7–11) und Schamgar (Ri 3,31) (Finkelstein 2017), vgl. Abb. 46. Diese Traditionen bzw. die zugrundeliegenden Territorien sowie die bib- lisch Salomo zugeschriebene Liste von Territorien in 1 Kön 4,7–19a umschreiben das „United (Northern) Israel“ Jerobeam II.’s von Dan bis Beerscheba (Finkel- stein 2019, 13f; cf. Knauf 2016, 154.168), wobei in 1 Kön 4,19b der Name „Juda“ bei der Bezeichnung eines „Präfekten“ für das judäische Vasallengebiet Jerobe- ams II. durch die judäische Textüberlieferung wohl nicht zufällig ausgelassen wurde, vgl. Abb. 47. 228 | Der Staat Israel unter der Omriden- und der Nimschiden-Dynastie (9./8. Jh. vC) Elon / Ibzan Barak Jair Namenlos Tola (Elon?) Abimelech? Gideon Jephthah Abdon Ehud Ibzan? Othniel Abb. 46: Die Regionen der Retter und der „Kleinen Richter“ ergeben geographisch ein ge- schlossenes Territorium: Das Bergland Benjamin (Ehud), Efraim (Abdon) und Manasse (Gideon und evtl. Ri 9), den Westen (Megiddo-Kampf Ri 5) und Osten (Tola) der Jesreelebene, Südost- Untergaliläa (Barak) und Sebulon (Ibzan? Elon?) und beide Regionen Gileads südlich und nördlich des Jabbok (Jephthah und Jair) (nach Finkelstein 2017, 436 Fig. 1). Jerobeam II. | 229 Abb. 47: Israel „von Dan bis Beerscheba“ (Jerobeam II. 787–747 vC). Expansion unter Jerobeam II. 230 | Der Staat Israel unter der Omriden- und der Nimschiden-Dynastie (9./8. Jh. vC) 5.7 Der Schatten Assurs 1 E. Frahm ed., A Companion to Assyria (Blackwell companions to the ancient world; New Haven 2017); S.C. Melville, The Campaigns of Sargon II. King of Assyria, 721-705 B.C. (Campaigns and Commanders, 55; Norman, Oklahoma 2016; N. Naʾaman, The Royal Dynasties of Judah and Israel: ZAR 22 (2016) 59–74; S. Zelig Aster, Israelite Embassies to Assyria in the First Half of the Eighth Century: Biblica 97 (2016) 175–198; B. Becking, Menachem’s Massacre of Tiphsah: At the Crossroads of Grammar and Memory (2 Kings 15:16): I.D. Wilson and D.V. Edelman eds., History, Memory, Hebrew Scriptures. A Festschrift for Ehud Ben Zvi (Winona Lake, Indiana 2015) 15–23. In den kommenden zweieinhalb Jahrhunderten dominierte mit einer Unterbre- chung von einigen Jahrzehnten Assyrien den sog. „Fruchtbaren Halbmond“. Assurbanipal II. (883–859) und Salmanassar III. (859–824) begründeten die assyrische Herrschaft mit Vorstößen nach Westen in Richtung Mittelmeer, Tig- lat-Pileser III. (745–727) ging von Vorstößen zur Dauerbeherrschung der Levan- te über. Salmanassar V. (727–722) und Sargon II. (722/21–706) etablierten, stabi- lisierten und administrierten das Imperium und Sanherib (705–681) konsolidierte, Asarhaddon (680–669) und Assurbanipal (668–627) verwalteten es und stießen bis Ägypten vor, aber dieser Vorstoß erwies sich als ein Wende- punkt (Zelig Aster / Faust ed. 2018, 1–19). In Israel brach eine längere Phase des Chaos, der Verschwörungen und der Morde an. Man kann Hosea 7 als Kommentar zu dieser Phase lesen und auch in Jes 9,18–20 Anspielungen sehen. Tab. 12: Verschwörungen und Morde in den letzten Jahrzehnten Israels (747–720 vC) Sacharja 747 vC Ermordet von Schallum Schallum 747 vC Ermordet nach einem Monat von Menachem Menachem 747–738 vC Übertrug nach 10jähriger Herrschaft das Königtum an seinen Sohn Pekachja Pekachja 737–736 vC Ermordet von Pekach Pekach 735–732 vC Ermordet von Hosea Hosea 732–724 vC Verhaftet von den Assyrern als letzter Herr- scher Israels Ende der Staatlichkeit Israels 720 vC Israel wird zur assyrische Provinz. Der Schatten Assurs | 231 Jerobeams Sohn und Nachfolger Sacharja wurde nach sechs Monaten von Schallum in Jibleam ermordet (747 vC), der seinerseits nach nur einen Monat einem Menachem erlag, der es auf eine zehnjährige Regentschaft brachte (2 Kön 15,8–16; vgl. Hos 8,4). Menachem scheint so etwas wie der Gouverneur von Tirza gewesen zu sein (15,14), auf dem Weg nach Samaria rottete er mit assyri- scher Grausamkeit die Stadt Tifsach (Tappuach?) aus, die sich ihm entgegen- stellte. N. Naʾaman (2016) spekuliert, dass die bestrafte Stadt die Heimat des Königsmörders Schallums war, deshalb hält er Menachem für den Rächer des ermordeten Nimschiden Sacharja und auch für einen Nimschiden, ebenso wie den späteren König Pekach, der als Offizier seinen König Pekachja ermordete, um seinen Clan wieder zur Macht zu bringen (falls Pekach nicht Gileaditer war). 738 eroberte Tiglat-Pileser III. (HTAT S. 291 Nr. 141) Hamat und erhielt bei dieser Gelegenheit u.a. auch von Menachem von Israel (TGI3 S. 55 Nr. 24; HTAT S. 288– 290 Nr. 140) einen Tribut von 1.000 Talenten Silber (3 t), den dieser auf die heerbannpflichtigen Grundbesitzer umlegte (2 Kön 15,19–20; entgegen der Auf- fassung von 15,20 setzte Tiglat-Pileser damals noch keinen Fuß auf israeliti- schen Boden). Je nachdem, ob man das Talent zu 3.000 oder 3.600 Schekeln ansetzt, kommt danach auf 50.000 (bzw. 60.000) heerbannpflichtige Grundbe- sitzer, woraus sich eine Gesamtbevölkerung von 3–400.000 Menschen für Israel in den Grenzen Jerobeams II. ergibt – wahrscheinlich einschließlich Judas. Es fragt sich, wo der Staatsschatz Jerobeams geblieben ist; wenn dieser für einen Teil der 1.000 Talente draufging, betraf die Umlage eine kleinere Bevölkerung, als soeben berechnet. Diese einmalige Umlage ist der erste Beleg für so etwas wie eine ‚Steuer‘ in der Geschichte Israels, regelmäßige Steuern gab es noch nicht (H.M. Niemann 1993). Zugleich belegt die Nachricht einen großen allge- meinen Wohlstand (50 Schekel sind in etwa der Gegenwert von zwei Sklaven), womit die Theorie einer weitgehenden Verelendung der freien Bauernschaft unter Jerobeam II. (aufgrund von Texten wie Am 2,6–8; 3,10; 4,1–2; 5,7.10–12) widerlegt ist. Andererseits scheint es, als habe dieser Tribut – wie im Fall des Seleukidenreichs der Tribut an Rom 189 vC – dem Staat Israel das Rückgrat gebrochen; von jetzt ab geht es nur noch bergab. Assyrisches Listenmaterial speziell zwischen 791 und 779 vC (Adad-Nirari III.) legt nahe, dass nicht erst nach der Unterwerfung Israels durch Tiglat- Pileser III., sondern schon in der 1. Hälfte des 8. Jh. diplomatischer Verkehr durch Emissäre, „Botschafter“ zwischen dem Israel Jerobeams II. und Assyrien bestand, die „Geschenke“, d.h. Tribute nach Assyrien brachten und dort ver- pflegt und eingekleidet wurden, Unterwerfung und Loyalität bekräftigten und durch den Glanz des Großreiches beeindruckt werden sollten. Dies könnte die Gebietserweiterung Israels unter Jerobeam II. gegenüber Aram-Damaskus indi- 232 | Der Staat Israel unter der Omriden- und der Nimschiden-Dynastie (9./8. Jh. vC) rekt unterstützt haben, da die Assyrer regionale Herrscher zur gegenseitigen Kontrolle nutzten (Zeilig Aster 2016). Im Übrigen könnte – nach Zelig Aster – diese Beziehung Assyrien – Israel zur Kenntnisnahme assyrischer (Herrschafts-) Ideologie schon vor der Zeit Jesajas beigetragen haben, die Zelig Aster zufolge hinter Texten des Buches Hosea (5,13; 7,11f; 8,9f; 9,3; 10,6; 11,5; 11,11f; 12,2; 14,3f) positiver als in Jesajatexten (5,26–29; 10,5–34; 10,28–12,6; 36–37) erkenn- bar wird. 5.8 Religion und Literatur des 8. Jh. 1 GGG S. 199–321; – A. Faust: Society and Culture in the Kingdom of Judah during the Eighth Century: Z.I. Farber / J.L. Wright eds., Archaeology and History of Eighth-Century Judah (ANEM 23; Atlanta 2018) 179–203; E. Bloch-Smith, Death and Burial in Eighth-Century Judah: Ibid., 365–378; B.A. Strawn / J.M. LeMon, Religion in Eighth-Century Judah: The Case of Kuntillet ʿAjrud (and Beyond): Ibid., 379–400; E. Darby, Judean Pillar Figurines (JPFs): Ibid., 401–414; Z.I. Farber, Religion in Eighth-Century Judah: An Overview: Ibid., 431–453; K. 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Schaper ed., Die Textualisierung der Religion (FAT 62; Tübingen 2009) 53–81; id., „Jahwe ist der Gott der ganzen Erde“. Der Beitrag der außerkanonischen althebräischen Texte zur Rekonstruktion der vorexilischen Religions- und Theologiegeschichte Palästinas: M. Pie- tsch und F. Hartenstein eds., Israel zwischen den Mächten. FS für S. Timm zum 65. Geburtstag (AOAT 364; Münster 2009) 289–377; I.J. de Hulster and R. Schmitt eds., Iconography and Biblical Studies (AOAT 361; Münster 2009); A. Fantalkin, The Appearance of Rock-Cut Bench Tombs in Iron Age Judah as a Reflection of State Formation: A. Fantalkin / A. Yasur-Landau eds., Bene Israel. Studies in the Archaeology of Israel and the Levant during the Bronze and Iron Ages in Honor of Israel Finkelstein (CHANE 31; Leiden/Boston 2008) 17–44; C.A. Rollston, Scribal Education in Ancient Israel: The Old Hebrew Epigraphic Evidence: BASOR 344 (2006) 47–74; E.A. Knauf, Bethel: The Israelite Impact on Judean Language and Literature: O. 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Schmitt 2001). Die Verhältnisse sind wieder stabil, oder sollen es sein. Statt des ‚Herrn der Krokodile‘ oder ‚der Strauße‘ (GGG Nr. 140a [Abb. 48]; 162a–d [s. oben S. 106, Abb. 27]) herrscht in der Wildnis wieder eine ‚Herrin der Tiere‘ (GGG Nr. 196b [Abb. 49]), und YHWH oder Baal-Hadad können sich statt des Krieges wieder der Fruchtbarkeit zuwenden (GGG Nr. 210 [Abb. 50]). Göttinnen-Darstellungen nehmen eher zu als ab. 234 | Der Staat Israel unter der Omriden- und der Nimschiden-Dynastie (9./8. Jh. vC) Abb. 48: GGG Nr. 140a Abb. 49: GGG Nr. 196b Abb. 50: GGG Nr. 210 Abb. 51: GGG Nr. 246 und 250b Abb. 52: GGG Nr. 265a und 267a Abb. 53: GGG Nr. 274d und 262b Der Sonnengott, beliebt als höchster Gott imperialer Staaten wie Ägypten, spielte bislang in Palästina keine große Rolle, abgesehen vielleicht vom Lokalkult in Jerusalem. Jetzt wird aber der eigene, zum ‚höchsten Gott‘ gewordene National- gott (Baalschamim, JHWH-El) als Garant der kosmischen (= staatlichen) Ord- nung in der Gestalt des Sonnengottes dargestellt. In Israel zeigt die hohe Quali- tät der ägyptisierenden Darstellungen den wirtschaftlichen Einfluss Phöniziens Religion und Literatur des 8. Jh. | 235 (GGG Nr. 246; Nr. 250b [Abb. 51]), während Juda ausgesprochen provinziell bleibt (GGG Nr. 265a; Nr. 267a [Abb. 52]) und sich erst gegen Ende des 8. Jh.s ‚richtige‘ Siegelschneider leisten kann (GGG Nr. 274d [Abb. 53]). In Israel wie Juda spielen die (Klein-)Könige Pharao (GGG Nr. 262b [Abb. 53], Nr. 265a [Abb. 52]) – das wird 734 vC ein böses Erwachen. Ein weiteres Zeichen staatlicher Konsolidierung bzw. einer Elite im judäischen Bergland ist das Auftauchen anspruchsvoller und kostspieliger Felsbankgräber, die in der Eisenzeit I–IIA im Unterschied zur Schefela im Bergland noch fehlten, aber in der Eisenzeit IIB (ab Ende 9., vor allem im 8./7. Jh.) auftreten (Fantalkin 2008). Diese Gräber mögen nicht zuletzt ein Ergebnis des turbulenten 8. Jh. vC mit dem Aufstieg in der 1. Hälfte (Jerobe- am II.) und wachsenden Problemen in der 2. Hälfte des 8. Jh. sein (720 und 701 vC): Wer es sich leisten konnte, wurde auf einer der in den Felsen gehauenen Banknischen rechts und links des Mittelgangs zur Ruhe gelegt und später die Knochen in separaten Ablagen zu denen früherer Verstorbener der Familie „zu den Vätern versammelt“ (Gen 35,29; 47,30; 49,29.33; Dtn 32,50), falls man nicht ein stolzes Individualgrab besaß (Jes 22,5–19); so stärkte man den Familienzu- sammenhalt über Generationen hinweg und den Anspruch auf seinen Landbe- sitz durch das Grab ( Faust 2018; Bloch-Smith 2018). Abb. 54: GGG Nr. 268a–c Nach den Inschriften von Kuntillet ʿAğrūd (GGG S. 237–282; Meshel 2012; Strawn / LeMon 2018) und der Felsgrabinschrift von Ḫirbet el-Qōm (westlich von He- bron) (HTAT S. 367–368 Nr. 220) hatte JHWH eine Frau namens Aschera. Er ist damit in die Rolle des Göttervaters El eingetreten. Dieser Interpretation ent- spricht auch der ikonographische Befund (GGG Nr. 268a–c; vgl. für Israel: GGG Nr. 210 [s.o. Abb. 50]). Nach der heutigen Rekonstruktion standen im Allerhei- ligsten des Tempels von Arad zwei Räucheraltäre vor zwei Masseben. Man darf sich aber keine übertriebenen Vorstellungen von der religiösen Homogenität der Staaten Israel und Juda machen. Inschriften wie Siegel zeigen die Religion der staatstragenden Schicht. Unterhalb der Ebene der Staatsreligion gab es die 236 | Der Staat Israel unter der Omriden- und der Nimschiden-Dynastie (9./8. Jh. vC) Lokal- (bzw. Regional-) und die Familien-Religion (Albertz/Schmitt 2012; Al- bertz et al. 2014). Weithin bekannte Lokalgötter wurden in Beerscheba und Dan verehrt (Am 8,14). In der phönizischen, aber seit Omri (oder Ahab) vermutlich mit einem samarischen Handelskontor versehenen (H.M. Niemann), wenn nicht sogar (nach Naʾaman 2016; Finkelstein 2017, 126) zu Israel(s Einflussbereich) gehörenden Hafenstadt Dor lebte ein [ ]kryw khn dʾr (‚[Sa]charjau Priester von Dor‘), dessen Siegel (1. Hälfte des 8. Jh. vC) als Oberflächenfund in Samaria zutage kam (Avigad 1975). Es sagt nicht, Priester welchen Gottes sein Inhaber war. In den Samaria-Ostraka (Renz 1995, 79–109) sind etwa die Hälfte der Per- sonennamen mit ‚Baʿal‘ statt mit ‚JHWH‘ gebildet, aber das besagt nicht, dass die Manassiter zur Zeit Jerobeam II. die beiden Bezeichnungen mit verschiede- nen Göttern verbanden. Polytheisten waren sie so oder so. 1 A. Faust: Society and Culture in the Kingdom of Judah during the Eighth Century: Z.I. Farber / J.L. Wright eds., Archaeology and History of Eighth-Century Judah (ANEM 23; Atlanta 2018) 179– 203; E. Darby, Judean Pillar Figurines (JPFs): Z.I. Farber / J.L. Wright eds., Archaeology and History of Eighth-Century Judah (ANEM 23; Atlanta 2018) 401–414; Id., Interpreting Judean Pillar Figurines. Gender and Empire in Judean Apotropaic Ritual (FAT 2. Reihe, 69; Tübingen 2014). Vom 8. bis 6. Jh. vC, tauchen in Juda tausende sog. „Judean Pillar Figurines“ (Abb. 55) meist in häuslichen Kontexten aller Bevölkerungsschichten und be- sonders häufig im Raum Jerusalem auf, weibliche Figurinen in zwei unter- schiedlichen Typen mit mehr oder weniger ausgearbeitetem Frauenkopf, säu- lenartigem Körper, die Brüste mit den Händen stützend: Wen stellen sie dar? Eine Göttin (Aschera), auch wenn klare Attribute fehlen? Eher eine „lower-level divine entity“ bzw. „mid-range deity“ (Darby 2018, 407.410) im Rahmen von „seraphim, cherubim, spirits, and the messenger of Yahweh“ (Darby 2018, 410). Vielleicht waren sie auch Instrumente von „Heilern“ im Rahmen von schützen- den, auch Schaden abwehrenden Ritualen um Schwangerschaft und Geburt und Krankheiten überhaupt, zumal seit dem 8. Jh. in einer „increasingly inter- connected world that might be responsible for the spread of illness“ (Darby 2018, 410). Faust (2018) hält das massenhafte Auftreten für eine Folge der Tur- bulenzen bzw. eines Bevölkerungsrückgangs seit der 2. Hälfte des 8. Jh. vC, indem die Figurinen Fruchtbarkeit fördern sollten. Religion und Literatur des 8. Jh. | 237 Abb. 55: R. Kletter, Between Archaeology and Theology: The Pillar Figurines from Judah and the Asherah: A. Mazar ed., Studies in the Archaeology of the Iron Age in Israel and Jordan (JSOT.SS 331; Sheffield 2001) 179–216; Fig: 7.1. In Juda wuchs die Haus-David-Geschichte um 2 Kön 9–10 (Schmid 2018) und trug damit der Abhängigkeit Judas von Israel Rechnung, die eine Berücksichti- gung der herrschenden Ideologie erforderte: nur so ist dieses Dokument nim- schidischer Propaganda in die werdende Bibel gekommen. In Am 1,1*; 9,1* ist eine Akten-Notiz zu einem angekündigten Erdbeben um 760 vC erhalten, das auch substantielle archäologische Spuren hinterlassen hat und wahrscheinlich am Tempel von Jerusalem so massive Schäden verursacht hat, dass eine Neu- einrichtung im Stil des ausgehenden 8. Jh. nötig wurde – so jedenfalls in Jes 6 geschildert. Aus dieser Notiz wurde in judäischen Tempelschulen im Laufe der Zeit das Amos-Buch. Am 7,9b („die Heiligtümer Israels werden wüst liegen“) erfüllte sich erst spätestens 108 vC, als Johannes Hyrkan Samarias Tempel auf dem Garizim zerstörte, allenfalls schon 484 vC, dem wahrscheinlichsten Datum für die Zerstörung des Tempels in Bet-El, dem aber noch in der 1. Hälfte des 5. Jh. der Tempelbau auf dem Garizim folgte (Knauf 2017, 297). In Israel wurde die Exodus-Tradition spätestens jetzt zur ‚Staats-Ideologie‘ und militarisiert (Ex 14*). Weitere israelitische Traditionssammlungen in der Bibel (Ri 3–12*; Hos 4–11*; der Elischa-Zyklus in 2 Kön) sind erst nach dem Un- tergang des Staates Israel 724/720 vC in Bet-El (Knauf 2006) entstanden (Schmid 2018). Etwas frühere Anfänge von Traditionssammlungen nimmt Finkelstein 238 | Der Staat Israel unter der Omriden- und der Nimschiden-Dynastie (9./8. Jh. vC) (2017) in der Zeit Jerobeams II. an: „Origin/Foundation Myths“ von Jakob und der Exodus-Erzählung, „Heroic Tales“, „Retter-Geschichten“ des biblischen Richterbuchs und der sog. „Kleinen Richter“, „Royal Traditions“ von Saul, Jero- beam I. und Jehu Ben Nimschi, dem Gründer der Dynastie der Nimschiden aus dem Osten der Jesreelebene bzw. dem Beth-Schean-Tal. Das erklärt nach Finkel- stein nicht nur die Ausführlichkeit der legitimierenden Erzählungen der Jehu- Dynastie wie auch die weitgehend negative und angesichts ihrer Leistungen zu kurze biblische Darstellung der von den Nimschiden brutal ausgeschalteten Vorgänger-Dynastie der Omriden. Dass Jerobeam II. möglicherweise nicht zufäl- lig wie Jerobeam I. heißt, dahinter könnten Kenntnisse (u.a. 1 Kön 11,29; 2 Kön 14,25a.27–28; Am 6,13) und eine gewisse Bewunderung für den Vorgänger ste- hen. Einiges ist rückwirkend von den Leistungen Jerobeams II. Salomo „gut geschrieben“ worden, z.B. der attraktive Pferdehandel (1 Kön 5,6–8; 10,26.28– 29) und die „Distrikte Salomos“ (1 Kön 4,7–19a), eine administrative Gliederung des „Vereinten Königreichs Israel und Juda“ unter Jerobeam II, wo Jerobeams Statthalter „über ganz Israel“ (V. 7–19a) in V. 19b durch einen den judäischen Vasallen Usija überwachenden Statthalter für Juda ergänzt werden; den Dis- triktnamen „Juda“ haben die judäischen Autoren in V. 19b verständlicherweise getilgt. Die spätere judäische Überlieferung verdunkelt dann sowohl die Erinne- rung an die Omriden, feiert deren blutigen „Überwinder“ Jehu (2 Kön 9–10), um dann wiederum Jerobeam II. in ihrer Darstellung kurz abzufertigen, wenn auch der kurze Text (2 Kön 14,23–29) mehr historische Daten enthält als die ausführ- lichen Erzählungen zu Jerobeam I. in den Kapiteln 1 Kön 12–14 (Knauf 2017).   6 Juda unter Assur (734 vC bis 609 vC) und der Untergang Israels (727–720 vC) M.G. Klingbeil et al., Four Judean Bullae from the 2014 Season at Tel Lachish: BASOR 381 1 (2019) 41–57; S. Zelig Aster / A. Faust eds., The Southern Levant under Assyria Domination: University Park, Penn. 2018; E. Frahm, The Neo-Assyrian Period (ca. 1000–609 BCE): E. Frahm ed., A Companion to Assyria (Hoboken, NJ 2017) 161–208; K. Radner, Economy, Society, and Daily Life in the Neo-Assyrian Period: ebd., 209–228; A.M. Bagg, Assyria and the West: Syria and the Levant: ebd., 268–274; S.M. Maul, Assyrian Religion: ebd., 336–358; A.M. Bagg, Assyrian Technology: ebd., 511–521; S. Dalley, Assyrian Warfare: ebd., 522–533; M. Liverani, Thoughts on the Assyrian Empire and Assyrian Kingship: ebd., 534–546; L. Sapir-Hen, Y. Gadot and I. Finkelstein, Animal Economy in a Temple City and Its Countryside: Jerusalem as a Case Study: BASOR 375 (2016) 103–118; H.M. Niemann, Juda und Jerusalem. Überlegungen zum Verhältnis von Stamm und Stadt und zur Rolle Jerusalems in Juda: UF 47 (2016) 147–190; Y. Thareani, The Empire and the „Upper Sea“: Assyrian Control Strategies along the Southern Levantine Coast: BASOR 375 (2016) 77–102; K. Radner, High Visibility Punishment and Deter- rent: Impalement in Assyrian Warfare and Legal Practice: ZAR 21 (2015) 103–128; D. Ussishkin, Gath, Lachish and Jerusalem in the 9th Cent. B.C.E. – an Archaeological Reassessment: ZDPV 131 (2015) 129–149; id., Biblical Lachish. A Tale of Construction, Destruction, Excavation and Restauration (Jerusalem 2014); H.M. Niemann, Observations on the Layout of Iron Age Samaria: A Reply to Israel Finkelstein: UF 43 (2011) 325–334; A.M. Maeir, Philistia and the Judean Shephelah after Hazael and the „Uzziah Earthquake“: A. Berlejung ed., Disaster and Relief Management. Katastrophen und ihre Bewältigung (Tübingen 2012) 241–262; A.M. Bagg, Die Assyrer und das Westland. Studien zur historischen Geographie und Herrschaftspraxis in der Levante im 1. Jt. v.u.Z. (OLA 216; Leuven u.a. 2011) 187–308; N. 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Phönizien konnte von Assur nie wirklich kontrol- liert werden und machte sich so bei den Großkönigen unbeliebt; der Süden – mit Ekron und Gaza – wurde zu einem Drehkreuz des Welthandels, wo sich der Nord-Süd-Handel zwischen Ägypten und Mesopotamien nun mit dem Ost-West- Handel von Arabien kreuzte. Israel/Samaria in der phönizischen Peripherie verarmte, Juda in der philistäischen Peripherie blühte auf. In der zweiten Hälfte des 8. Jh.s (unter ‫ עזיהו‬Usija) war Juda, das im 9. Jh. Hasaël und Meša‘ noch als ‚Haus David‘, d.h. als einen Stammesstaat angesprochen hatten, zu einem bü- rokratischen Verwaltungsstaat geworden, etwa hundert Jahre nach Israel; 727 finde sich der Staatsname ‚Juda‘ (Niemann 2016) zum erstenmal in einer assyri- schen Inschrift (HTAT S. 289 Nr. 140). Von 3–5 ha zur Zeit Davids und Salomon wuchs die Stadt Jerusalem auf 6–8 ha um 750 (gleich groß wie Kinneret im 11./10. Jh.), auf ca. 20 ha um 700 und schließlich auf 50–60 ha im 7. Jh. Lachisch (IV und III) wurde zu einem Militär- und Verwaltungszentrum ausgebaut (Us- sishkin 2014; M.G. Klingbeil et al. 2019) vergleichbar Megiddo (IVA) unter Jero- boam II. 6.1 Tiglat-Pileser III. 1 K. Radner, The „Lost Tribes of Israel“ in the Context of the Resettlement Programme of the Assyrian Empire: S. Hasegawa et al. eds., The Last Days of the Kingdom of Israel (BZAW 511; Berlin/Boston 2019) 101–123; A. Faust, The Assyrian Century in the Southern Levant: An Over- view of the Reality on the Ground: S. Zelig Aster / A. Faust ed., The Southern Levant under Assyrian Domination (University Park, Penn. 2018) 20–55; P. Zilberg, The Assyrian Provinces of the Southern Levant: Sources, Administration, and Control: ibid., 56–88; E. Frahm ed., A Com- panion to Assyria (Hoboken, NJ 2017); N. Naʾaman, The Royal Dynasties of Judah and Israel: ZAR 22 (2016) 59–74; Peter Dubovský: The Building of the First Temple. A Study in Redactional, Text-Critical and Historical Perspective (FAT 103; Tübingen 2015); M. Dijkstra / K. Vriezen, The Assyrian Province of Gilead and the „Myth of the Empty Land“: E. van der Steen et al. eds., Exploring the Narrative. Jerusalem and Jordan in the Bronze and Iron Ages (LHB.OTS 583; Lon- don etc. 2015) 3–22; L.R. Siddall, Tiglat-pileser III’s Aid to Ahaz: A New Look at the Problems of the Biblical Accounts in Light of the Assyrian Sources: ANES 46 (2009) 93–106; A.J. Spalinger, War in Ancient Egypt: the New Kingdom (Oxford 2005); E.A. Knauf, Vom Prophetinnenwort zum Prophetenbuch: Jesaja 8,3f im Kontext von Jesaja 6,1–8,16: lectio difficilior. European Electron- ic Journal for Feminist Exegesis 2 2000/2 www.lectio.unibe.ch.; U. Becker, Jesaja – von der Botschaft zum Buch (FRLANT 178; 1997); N. Naʾaman, Rezin of Damascus and the Land of Gile- ad: ZDPV 111 (1995) 105–117. H. Tadmor, The Inscriptions of Tiglath-Pileser III King of Assyria (Jerusalem 1994); W. Röllig, Assur – Geissel der Völker. Zur Typologie agressiver Gesellschaf- Tiglat-Pileser III. | 241 ten, Saeculum 37 (1986) 116–127; M. Weippert, Zur Syrienpolitik Tiglatpilesers III.: H.J. Nissen & J. Renger ed., Mesopotamien und seine Nachbarn (BBVO 1; Berlin 1982) II, 395–408. Das Hin und Her des 9. und 8. Jh zwischen den ungefähr gleich starken (oder auch gleich schwachen) Mächten Israel und Damaskus, die sich gegenseitig zerfleischten, wurde 734–732 vom eigentlichen Begründer des neuassyrischen Imperiums, Tiglat-Pileser III., ein für allemal beendet. Ein ähnliches Auf und Ab hatte zwischen Assur und Damaskus geherrscht: erst war Salmanassar III. oben, dann Hasaël, dann Adadnerari III., dann (möglicherweise) Jerobeam II. Nach dem letzten ‚Besuch‘ Salmanassars IV. in Damaskus (773 vC) war das Assyrer- reich in eine Art Tiefschlaf gesunken und trat in Mittel- und Südsyrien nicht mehr in Erscheinung, sondern überließ diesen Bereich seinem Verbündeten, in assyrischen Augen: Vasallen Jerobeam II. Als Tiglat-Pileser III. den assyrischen Imperialismus wiederbelebte, hielten die syrischen Klein- und Mittelstaaten den Neuassyrer für einen potentiellen Partner, mit dem man das Mächtespiel der letzten zweihundert Jahre weiterspielen könne. Aber sie täuschten sich. Bislang hatte das Imperium – wer immer es innehatte – wie das ägyptische im 2. Jahr- tausend eine Art ‚Symbolpolitik‘ betrieben: der Nachbar wurde bekriegt, unter- worfen, als Vasall vereidigt, um einen Tribut erleichtert und danach vom Groß- könig in Ruhe gelassen, der sich seiner großen Taten freute und rühmte – bis der Nachbar seinen Staatsschatz wieder aufgefüllt, seine Armee neu aufgestellt und seinen Tribut verweigerte, wonach das Spiel mit Schritt 1 von neuem begann. Mit Tiglat-Pileser III. (regierte 745–728 vC) wurde aus der Symbolpolitik Re- alpolitik. Ihre Auswirkungen auf Siedlungsentwicklung, Wirtschaft und Demo- graphie im Norden (Galiläa), den Ebenen im Norden, in Samaria, Gilead der nördlichen, zentralen und südlichen Küstenebene, im Bergland sowie östlich des Jordans waren unterschiedlich; generell zeigt sich ein stärkeres Interesse der Assyrer an der Levanteküste als am Hinterland (Faust 2018). Aber auch am Ostjordanland (Gilead, 2 Kön 15,29) hatten die Assyrer (wie später die Neo- Babylonier) Interesse, schon wegen der Handelsroute (King’s Highway), die durch Gilead führte (M. Dijkstra / K. Vriezen 2015). Aus keilschriftlichen Doku- menten der assyrischen Verwaltung (meist aus Ninive und Nimrud) ergibt sich ein Bild der assyrischen Herrschaft, die sich auf die Levante und ihr Hinterland beziehen und z.B. Tribute philistäischer Städte, Truppenbewegungen, Zwangs- arbeit, Konskriptionen, Handwerker und Wagentruppen aus Samarien in Assy- rien und assyrische Funktionäre in Samaria erwähnen, Wolle-Lieferungen nach Assyrien, viele der Dokumente aus der Zeit Sargons II.; aus späterer Zeit (Asar- haddons oder Assurbanipals) eine Verkaufsurkunde über 3 Sklaven für ein gutes Pferd und evtl. auf einer Tafel einen Hinweis auf eine königliche Statue in 242 | Juda unter Assur (734 vC bis 609 vC) und der Untergang Israels (727–720 vC) Samaria (Zilberg 2018). Wurde ein Vasall abtrünnig, konnte er Glück haben wie Israel 733 und wurde nur um den größeren Teil seines Staatsgebiets verkleinert (vgl. unten S. 246 Abb. 57 und oben S. 209, Abb. 45). Kam es erneut zum Abfall, wurde auch der Rest zur assyrischen Provinz. Damaskus hatte 732 Pech und wurde sofort zur Provinz gemacht. Das Personal für die schnell wachsende assy- rische Verwaltung wurde aus den neugewonnenen Provinzen durch die ‚Depor- tationen‘ rekrutiert. Gelegentliche Deportationen führten schon in 2. Jahrtau- send der Assyrer Adad-Nerari I. (1295 bis 1263) oder Ägypten in Kanaan durch. Jetzt wurden sie zu einem systematisch eingesetzten Machtmittel. Im Gegensatz zur biblischen Darstellung (2 Kön 15,29; 17,6.7ff) wurde niemals die gesamte Bevölkerung deportiert, sondern nur die ‚Oberschicht‘, d.h. der Staatsapparat aus Beamten und Militär, die auch nicht in landwirtschaftliche Umerziehungs- lager kamen (das war später die neubabylonische Politik), sondern in ihren gelernten Berufen weiterbeschäftigt wurden – nur eben weit weg oder sogar am entgegengesetzten Ende des Reiches (Radner 2019). So wurden die Bevölkerun- gen von ihren Eliten getrennt und die Eliten in eine Position gebracht, in der ihnen nur die Loyalität zu Assur ihre Position sichern konnte. Durch die Politik Tiglat-Pilesers III. und seiner Nachfolger entstand binnen kurzen eine reichs- weite einheitliche Amts- und Verwaltungssprache, das ‚Reichsaramäische’, neben dem sich im Alltag natürlich die angestammten Sprachen bzw. aramäi- schen Dialekte mehr oder weniger lange hielten. Nur die obersten Spitzen der assyrischen Verwaltung waren oder hatten Keilschriftschreiber. Dass wir von der assyrischen Propaganda (den ‚Annalen‘ und ‚Prahlinschriften‘ (display inscriptions) nur die akkadischen Versionen haben (und auch diese oft nur fragmentarisch), liegt daran, dass nur diese auf langlebigen Schriftträgern wie Stein oder Ton angebracht wurden. Was aber unter den Vasallen, darunter auch Juda, verbreitet wurde, waren die aramäischen Fassungen, die wir zwar nicht haben, aber deren Anfertigung wir auf den assyrischen Reliefs sehen können: noch auf dem Schlachtfeld diktiert der Großkönig zwei Schreibern den betref- fenden Annalen-Eintrag, von denen der eine mit einem Griffel einen Tonbatzen akkadisch beschreibt und der andere ein Blatt aus Leder oder Papyrus mit einer Feder aramäisch. Tiglat-Pileser III. | 243     Abb. 56: Schreiber Sanheribs mit Leder und Klapptafel: H.-P. Rüger, Art. Schreibmaterial, Buch und Schrift, BRL 2. Auflage, Tübingen 1977, S. (289–292) 291 Abb. 76. Seit dem 9. Jh. war die assyrische Verwaltung derart zweisprachig, und jetzt zahlte sich diese kulturelle Investition aus. Vor Tiglat-Pileser III. war das assyrische Heer seinen Gegnern oft nur zah- lenmäßig überlegen; war das nicht der Fall, kam es zu Rückschlägen. Von Tig- lat-Pileser III. bis Assurbanipal (668 bis 627?) stellt sich die assyrische Militärge- schichte als ein einziger Siegeszug dar, und das ist auch, aber nicht nur, ein Effekt der als Historiographie verkleideten assyrischen Propaganda. Die Armeen des späten 10., 9. und 8. Jh. bestanden aus Fußsoldaten, die mit Speer und Schild und vielleicht noch einem Dolch oder Kurzschwert ausgerüstet waren (Ri 5,6), und der Streitwagentruppe. Entgegen populären Vorstellungen (und iko- nographischen Darstellungen) von herandonnernden Wagen, die jeden Wider- stand unter sich zermalmen (diese Kampfweise haben erst die Perser versucht, und sind damit schwer auf die Nase gefallen), war ein Streitwagen nichts ande- res als eine erhöhte und mobile Plattform für einen Bogenschützen (A. Spalin- ger). Einem Elite-Bogenschützen, dem man einen Wagen, einen Fahrer und mindestens zwei Pferde stellte, konnte man auch einen teuren, weil aufwändig und langwierig herzustellenden Komposit-Bogen zur Verfügung stellen. Ein derartiger Bogen beschleunigt den Pfeil mit einem Anfangszug von 50–70 kg, 244 | Juda unter Assur (734 vC bis 609 vC) und der Untergang Israels (727–720 vC) seine Pfeile können bis auf 50 m Schuppen- und Kettenpanzerung durchschla- gen, tragen im Bogenschuss bis 400 m weit, und ein geübter Schütze verschießt leicht 6 und mehr Pfeile pro Minute. Das gepanzerte Fußvolk Tiglat-Pilesers und seiner Nachfolger bestand nun zur Hälfte aus Bogenschützen mit Kompositbö- gen; die andere Hälfte bildeten Speerträger mit übergroßen Schilden, die einzig die Aufgabe hatten, die Bogenschützen zu schützen. Die Wirkung einer derarti- gen Armee auf den Heerbann eines syro-palästinischen Klein- oder Mittelstaates ist nur zu vergleichen mit den britischen Maschinengewehren bei Omdurman 1898 nC gegen die zum größten Teil mit Speeren bewaffneten Mahdi-Anhänger. Daneben wurde in Assyrien das Streitwagencorps beibehalten, obwohl es ei- gentlich überflüssig geworden war, denn seit dem 9. Jh. war die Kavallerie da- zugekommen. Diese Innovation hat sich von Norden (Assur) nach Süden (Israel) verbreitet. Das Wagen/Reiter-Verhältnis in der Schlacht bei Qarqar 853 vC war 1:1 und erlaubt den Schluss, dass die Kavallerie aus den Reserve-Pferden der Wagentruppe hervorging. Denn am Anfang war auch das Pferd nichts weiter als eine mobile und noch mehr erhöhte Plattform für einen Bogenschützen. Mehr oder weniger geschlossene Attacken haben, wie es scheint, als erste die Make- donen geritten. Reiter waren Streitwagen in mehrfacher Hinsicht überlegen – nur ein Pferd pro Bogenschütze, der teure Wagen und der nichtkämpfende Fah- rer entfielen. Dennoch hielt sich die ehemalige Prestigewaffe noch drei- bis fünfhundert Jahre. Aber selbst unter dem Zeichen neuzeitlicher Rationalität brauchte die Erkenntnis, dass Kavallerie auf dem modernen Schlachtfeld seit der Erfindung von Hinterlader- und Schnellfeuergewehren nichts mehr zu su- chen hat, fast hundert Jahre. Nichts verdeutlicht die erfolgreiche Brutalität des imperialistischen Moder- nisierungsschubes besser als die Statistik der luwischen Inschriften, einer der Amtssprachen der ‚neo-hethitischen‘ Klein- und Mittelstaaten in Nordsyrien. Sie zeigt, wie mal dieser, mal jener Staat dominiert; sie zeigt vom 12. bis in die erste Hälfte des 8. Jh. überhaupt nicht, dass seit dem 9. Jh. jeder Assyrerkönig, der auf sich hielt, den einen, anderen oder mehrere dieser Staaten in seine Vasalli- tät gebracht hat. Sie zeigt wiederum gut den weltwirtschaftlichen Aufschwung (mehr Einkommen, mehr Staat, mehr Bürokratie) vom 12. bis zum 8. Jh. Und sie zeigt, dass mit Tiglat-Pileser III. und seinen unmittelbaren Nachfolgern diese wachsende und blühende Schriftkultur abrupt endet. 1 J.D. Hawkins, Corpus of Hieroglyphic Luwian Inscriptions 1: Inscriptions of the Iron Age (Berlin 2000). Tiglat-Pileser III. | 245 Eine sehr ähnliche Verteilung zeigen die palmyrenischen Inschriften in den drei Jahrhunderten vor 273 nC, als Kaiser Lucius Domitius Aurelian (270–275 n.C.) diese Kultur beendete, nachdem das Palmyra der Herrscherin Zenobia zunächst belagert war und sich ergeben hatte, nach wiederaufflackernden Auf- ständen aber vernichtet wurde. 738 unterwarf Tiglat-Pileser Hama; damit wurde Assur zum Nachbarn von Damaskus und Israel (in den Grenzen Jerobeams II.), die sich zusammen mit Byblos und Tyrus ebenfalls unterwarfen (HTAT S. 289–290, Nr. 140). 737 bis 735 hatte der Assyrer im Norden und Osten seines Reiches alle Hände voll zu tun, so dass die südsyropalästinischen Könige die Illusion haben konnten, durch den Tribut von 738 seien sie sozusagen mit einer ‚Einmalzahlung’ davongekommen. Möglicherweise versuchte Raźyān von Damaskus (‫רצין‬, vokalisiert Rəʦin statt lautgesetzlich zu erwartendem Riʦyon; akkadisch Raqiānu und Raḫiānu; sollte einmal eine altaramäische Inschrift dieses Königs gefunden werden, wird der Name altaramäisch ‫ רקין‬geschrieben sein) die antiassyrische Koalition von 853– 845 wiederzubeleben. Das könnte den Putsch Pekachs (736/735) gegen Mena- chems Nachfolger ‫ פקחיה‬Pekachja nach nur zweijähriger Regierungszeit erklä- ren (2 Kön 15,25), falls der Sohn Assur loyal bleiben wollte analog zum Versuch, nach Jes 7,6 in Jerusalem einen aramäischen Marionettenkönig einzusetzen. Für diese Interpretation spricht, dass Tiglat-Pileser 734 sogleich bis Gaza vorstieß, um die Koalition von ägyptischer Unterstützung abzuschneiden, die sie 853 noch hatte. Wahrscheinlich 733 wurde der Norden Israels verwüstet (HTAT S. 293 Nr. 144; 2 Kön 15,29). Nach der Eponymenchronik führten beide Feldzüge 733 und 732 ‚nach Damaskus‘. 733 ging es wohl darum, das Gebiet um Damas- kus herum weiträumig zu verwüsten, und Tiglat-Pileser spricht anlässlich des Thronwechsels in Israel 732 von der Verwüstung des Landes (abgesehen von Samarien) auf früheren ‚Feldzügen‘ (HTAT S. 295 Nr. 148). Damaskus wurde 732 assyrische Provinz, während in Israel ‫ פקח‬Pekach seinerseits einem Putsch des ‫ הושע‬Hosea ben Ela erlag (assyrisch [H]awši‘). Tiglat-Pileser bestätigte Hosea als Vasall (HTAT S. 295 Nr. 147) und ließ ihm das samarische Gebirge (und mög- licherweise auch Gilead, das, entgegen einer irrigen und immer wieder abge- schriebenen Interpretation A. Alts, nicht zur assyrischen Provinz wurde (HTAT S. 294 Nr. 146; alternativ gehörte Gilead zu Damaskus und wäre dann an die Provinz Qarnaim gefallen), aber Galiläa und die Jesreel-Ebene wurden zur Pro- vinz ‚Megiddo‘ (nach der Provinzhauptstadt benannt), die Scharon-Ebene zur Provinz ‚Dor‘ (Abb. 57). Israel war damit von seinem wichtigsten Agrarland und vom Welthandel abgeschnitten. 246 | Juda unter Assur (734 vC bis 609 vC) und der Untergang Israels (727–720 vC) Abb. 57: Assyrien (Tiglat-Pileser III.) besetzt 734/3 vC Israel und reduziert es auf das Kernge- biet (Samarisches Gebirge/Ephraim). Israel = Ephraim (s. Hos 5–13). Assyrische Provinzen Megiddo (Magiddū) und Dor (Duʾru); Aschtarot/Hauran und Gilead evtl. schon vor Tiglat-Pileser aramäisch, dann zur assyrischen Provinz Qarnīni gehörig (M. Weippert, HTAT S.287). Tiglat-Pileser III. | 247 734 scheint sich der judäische König ‫ אחז‬Ahas unwillig gezeigt zu haben, sei- nem Suzerän Israel die geforderte Heeresfolge gegen Assur zu leisten; mit vol- lem Namen hieß er Jehoahas, wie seine Namensform im Assyrischen zeigt: Ia ̓uḫazi kurIa ̓ūdāya (HTAT S. 289 Nr. 140, K 3751). Einer Gesandtschaft mit be- waffnetem Geleit, die vor Jerusalem erschien, widersetzte er sich, sondern un- terwarf sich Assur, wie sich Jehu 841 angesichts der damaszener Bedrohung Salmanassar III. unterworfen hatte. Bei Jehu war das eine schwere Fehlkalkula- tion, doch Ahas hatte das Kräfteverhältnis richtig eingeschätzt. Diese Ereignisfolge steht der biblischen Tradition (2 Kön 16,5–8) etwas näher als die Alternative, dass sich Ahas Tiglat-Pileser III. sofort nach der Eroberung von Gaza unterworfen und der syrisch-israelitische Aufmarsch das Ziel gehabt hätte, ihn erneut unter israeliti- sche Oberherrschaft zu bringen. Auch dieses Szenario kann nicht ausgeschlossen werden. In den assyrischen Aufzeichnungen taucht Ahas (Joahas von Juda) erst 732/727 auf (HTAT S. 288–291 Nr. 140). So oder so war nun die Vasallität Judas ge- genüber Israel, die mit Joschafat begonnen hatte, endgültig beendet. Das war der in der Literatur oft sog. ‚syrisch-efraimitische Krieg‘, jedenfalls ein Krieg, ‚so klein, so abgelegen, so unbedeutend, dass er kaum sich nennt‘. Weltgeschichtlich bedeutsam wurde er durch eine Sammlung von Propheten- und Prophetinnen-Worten zum Jahre 734, mit denen Ahas und mindestens sein indirekter Nachfolger Manasse die Legitimität der pro-assyrischen Entschei- dung von 734 begründeten; diese Sammlung wurde zur Eizelle des Jesaja- Buches. Mehrfach, auch anti-assyrisch und anti-monarchisch überarbeitet, lassen sich der Sammlung in Jes 7,4–8,4 etwa folgende Sprüche zuordnen: A 7.4d Fürchte dich nicht! 4e Dein Herz soll nicht verzagen wegen dieser beiden Holzscheite, dieser rauchenden Stummel, wegen des glühenden Zornes Rezins von Aram und des Soh- nes Remaljas. B 5 Weil Aram [und Israel] Böses gegen dich plan[en], dergestalt: 6a Wir wollen gegen Juda aufmarschieren 6d und den Sohn Tabëls als König darin einsetzen, 7a hat der Herr JHWH gesagt: 7b Das kommt nicht zustande, 7e das wird nicht geschehen. C 14b Da: die junge Frau wird schwanger, 14c sie wird einen Sohn gebären, 14d und sie wird ihm den Namen ‚Immanuel‘ (= ‚Gott ist mit uns‘) geben. 15 Er wird Butter und Honig essen bis zu der Zeit, in der er versteht, das Böse zu verwerfen und das Gute zu wählen (= ‚es wird uns die nächsten drei Jahre gut gehen‘). 16a Noch bevor das Kind versteht, das Böse zu ver- werfen und das Gute zu wählen (= ‚bevor er drei Jahre alt ist‘), 16b wird das Land verödet sein, vor dessen beiden Königen dich das Grauen packt. 8.4a Noch bevor der Junge ‚Vater‘ und ‚Mutter‘ sagen lernt, 8.4b wird man den Reichtum von Damaskus und die Beute von Samaria dem König von Assur vorantragen. Wo das Jesajabuch von Israel als ‚Efraim‘ spricht, hat es bereits den Zustand von 732– 722/20 vor Augen. In Spruch B könnte die Form (‚Scheltwort‘ und ‚Drohwort‘) sekundär sein, Spruch C kann aus der Perspektive von 732 erweitert sein. 248 | Juda unter Assur (734 vC bis 609 vC) und der Untergang Israels (727–720 vC) Die Bibel stellt die Ereignisse so dar, als habe Juda die Assyrer gegen seine bei- den Feinde angeheuert (2 Kön 16,5–9). Für sie ist Jerusalem der Nabel der Welt, was hinsichtlich der ‚Schechina‘ (der Vorstellung von der Anwesenheit JHWHs in seinem Heiligtum in Jerusalem) richtig ist, hinsichtlich der Weltpolitik und Weltwirtschaft jedoch nicht. Eines zusätzlichen Ansporns, zwei angeschlagene Mittel-Staaten niederzuwerfen, die sich ihm unklugerweise in den Weg stellten, bedurfte ein König von Assur nicht. Für Juda war der Übergang von israeliti- scher in assyrische Abhängigkeit durchaus ein Aufstieg. Und Neutralität, wie sie Bearbeiter des Jesaja-Buches angesichts der Folgen des Aufstiegs Assurs für 734 rückblickend forderten (Jes 8,5–8), war eine Sache der Unmöglichkeit: Tiglat- Pileser erlaubte es keinem, ihm gegenüber neutral zu sein. Mit dem Fall von Damaskus endete die Geschichte des letzten Aramäer- Staates, der aus der Welle von Stammes-Staat-Bildungen des 10./9. Jh. übrigge- blieben war und der unter Hasaël ein ernsthafter Konkurrent Assurs um die Vorherrschaft im ganzen syrischen Raum gewesen war. Jes 10,9 zieht das Résumé: Ging es nicht Kalne genau so wie Karkemisch, Hamat wie Arpad, Samaria wie Damaskus? Der größte Teil des Staates Jerobeams II. war nun assyrische Provinz, der Staat Israel auf einen Umfang wie etwa zur Zeit Sauls reduziert (das efraimitische Gebirge (s. oben S. 246, Abb. 57). Juda, Ammon, Moab und Edom wurden – fürs erste kampflos – assyrische Vasallen. Assur herrschte ‚vom Euphrat bis zum Bach Ägyptens‘ (vgl. oben S. 177, Abb. 41). 6.2 Der Untergang Israels 727–720 1 Grabbe (22017) 191–192; Miller & Hayes (2006) 360–91; Herzog (1997) 254–257; – F.M. Fales, Why Israel? Reflections on Shalmaneser V’s and Sargon II’s Grand Strategy for the Levant: S. Hasegawa et al. eds., The Last Days of the Kingdom of Israel (BZAW 511; Berlin / Boston 2019) 87–99; K. Radner, The „Lost Tribes of Israel“ in the Context of the Resettlement Programme of the Assyrian Empire: ebd., 101–123; R.E. Tappy, The Annals of Sargon II and the Archaeology of Samaria: Rhetorical Claims, Empirical Evidence: ebd., 148–187; N. Franklin, Megiddo and Jezreel Reflected in the Dying Embers of the Northern Kingdom of Israel: ebd., 189–208; A. Faust, The Southern Levant under the Neo-Assyrian Empire. A Comparative Perspective: C.W. Tyson and V.R. Herrmann eds., Imperial Peripheries in the Neo-Assyrian Period (Louisville 2018) 97–127; P. 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Schülern und Kollegen (Münster 1998) 739–776; F.M. Fales & J.N. Postgate, Imperial Administrative Records, Part II (SAA XI; Helsinki 1995); O. Keel und C. Uehlinger, Der Assyrerkönig Salmanassar III. und Jehu von Israel auf dem Schwarzen Obelisken aus Nimrud: ZThK 116 (1994) 391–420; B. Becking, The Fall of Samaria. An Historical and Archaeological Study (SHANE 2; Leiden 1992); J.H. Hayes – J.K. Kuan, The Final Years of Samaria (730–720 B.C.): Biblica 72 (1991) 153–181; N. Naʾaman, The Historical Background to the Conquest of Samaria (720 B.C.): Biblica 71 (1990) 206–225; S. Dalley, Foreign Chariotry and Cavalry in the Armies of Tiglath-Pileser III and Sargon II: Iraq 47 (1985) 31–48; R. Reich & B. Brandl, Gezer under Assyrian Rule: PEQ 117 (1985) 41–54; E. Oren, Migdol: A New Fortress on the Edge of the Eastern Nile Delta: BASOR 256 (1984) 7–44. 250 | Juda unter Assur (734 vC bis 609 vC) und der Untergang Israels (727–720 vC) Ende des 8. Jh.s vC verstand man in Samaria und Jerusalem nicht sogleich, was es mit der neuen Oberherrschaft auf sich hatte; man glaubte, sie seit langem zu kennen. Das Auf und Ab in den Beziehungen der Mittelstaaten Israel und Da- maskus bildete das Paradigma, in dem man auch Assur seine Rolle zuwies. Man erwartete, dass Assur aus dem Horizont Israel/Palästinas wieder verschwinden würde, wie es das 836–797 und nach 795 getan hatte. Dass man es nunmehr mit einem Staat bisher unvorstellbarer Macht und Effizienz zu tun bekam, merkte man zu spät. Bei genauerem Hinsehen erweist sich die assyrische Strategie als diffe- renzierter als die manchmal eintönig martialischen Inschriften andeuten, man kann von durchaus intelligenter Diplomatie, verbunden mit großer militärischer Kraft spre- chen (Fales 2019). So kam es 727–720 zum endgültigen Untergang Israels, und 701 zum Beinahe-Untergang Judas ( § 6.3). So sehr Assur, zumindest anfänglich, von Israel und Juda unterschätzt wurde, so sehr wurde Ägypten von ihnen über- schätzt. Seit dem Verlust der Vormachtstellung in Südsyrien um die Mitte des 9. Jh. war es mit Ägypten rapide bergab gegangen. Es war in eine Reihe von Klein- königtümern zerfallen; dennoch war das Ansehen der ehemaligen Vormacht immer noch so hoch, dass ägyptische Schützenhilfe oder auch nur die Hoffnung darauf zum Abfall von Assur beitrug. Umgekehrt mussten die Herrscher zumin- dest des Deltas seit der assyrischen Eroberung Gazas 734 sich von Assyrien be- droht fühlen, und sie waren es auch – daher auch ihrerseits die Neigung, sich in Phönizien und Israel/Palästina anti-assyrisch zu engagieren. 727 vC glaubte der letzte König Israels, Hosea, mit dem Tod Tiglat-Pilesers III. Assur (d.h. jetzt Salmanassar V.) die Gefolgschaft aufkündigen zu können (2 Kön 17,4). Hier zeigt sich am Ende des Staates Israel immer noch ein Defizit an ‚Staatlichkeitsbewusstsein‘: die Unterwerfung Hoseas bei seinem Regierungsan- tritt hatte nach Hoseas Verständnis Tiglat-Pileser persönlich gegolten und war mit seinem Tod erloschen. Naʾaman (2016a) vermutet außerdem, da Hosea sei- nen Vorgänger Pekach tötete (2 Kön 15,30) und kaum ohne Bestätigung von Tiglat-Pileser König wurde (2 Kön 15,29), dass Hosea zum König legitimiert und ein letzter Nimschide gewesen sei. Nach assyrischer Auffassung dagegen galt die Unterwerfung Hoseas ‚dem Reich der Stadt des Gottes Assur‘, und konnte nicht erlöschen. Das zeigt sich noch im Bericht 2 Kön 17,1–6, der z.T. auf die Annalen-Tradition zurückgeht. Danach unterwarf sich Hosea Salmanassar V. (Tiglat-Pileser ist schon vergessen), und wurde von diesem gefangen genom- men. Auch die (kampflose) Einnahme der Residenz Samaria (H.M. Niemann 2007) oder deren Eroberung (kaum nach dreijähriger Belagerung, wie der bibli- sche Bericht behauptet, F.M. Fales 2019) wird diesem König zugeschrieben und ebenfalls ins ‚9. Jahr‘ Hoseas datiert – das wäre 724 gewesen. Mit N. Naʾaman (1990) ist dieses Datum für das Ende der Regentschaft des letzten Königs von Der Untergang Israels 727–720 | 251 Israel ebenso ernst zu nehmen wie die Trennung zwischen der Gefangennahme des Königs und der endgültigen Einnahme von Samaria. Samaria bestand wäh- rend der (angeblichen) „Belagerungen und Eroberungen“ durch Salmanassar V. und Sargon II. möglicherweise im Wesentlichen nur aus der starken Palast- Residenz auf der Hügelspitze und war noch ohne die spätere umliegende Stadt (Niemann 2007). Nach den assyrischen Texten wurde Samaria dreimal „er- obert“: von Salmanassar V. (undatiert, HTAT S. 300–301 Nr. 150), von Sargon II. 722 (HTAT S. 301–302 Nr. 151) und noch einmal im Zusammenhang mit der Un- terwerfung von Hamat 720 (HTAT 302–303 Nr. 153–154). Von 722 bis 720 sind es nach biblischer Zählung drei Jahre. Möglicherweise haben diese drei Jahre zu der falschen Annahme einer dementsprechend lange dauernden Belagerung der Palastresidenz geführt. Die verschiedenen Angaben lassen sich (nach Niemann 2007) so koordinieren, dass Hosea 727 mit dem Thronwechsel von Tiglat-Pileser III. zu Salmanassar V. die Tributzahlungen einstellte (und sich bei einem ägyp- tischen Kleinkönig rückversicherte; 2 Kön 17,4; vgl. Hos. 7,11), worauf der Assy- rerkönig 724 die Palast-Festung überrannte und den Israeliten kurzerhand ge- fangennahm und dies großspurig als ‚Eroberung Samarias‘ verzeichnete. Der Feldzug wurde aber durch den Regierungswechsel 722 von Salmanassar V. zu Sargon II. unterbrochen. Sargon verzeichnete zu vollmundig beim Anmarsch und der Blockierung Samarias (eine beliebte Strategie der Assyrer bei großen und bedeutenden Orten, auch bei Jerusalem 701 angewendet, die Menschen und Material und Zeit spart: Fales 2019) im gleichen Jahr bereits deren Ende, das für 720 anzusetzen ist (Naʾaman 1990), evtl. auch erst 719, ohne dass die Palastresidenz zerstört wurde (Niemann 2007; Fales 2019; Tappy 2019). ‚722‘, eine immer noch beliebte Harmonisierung der Angaben Salmanassars V. und Sargons II., ist eine billige (und falsche) Lösung eines etwas umfangreicheren Problems. Im vermeintlichen Eroberungsbericht von ‚722‘ spricht Sargon am Ende auch von Wiederaufbau, nach Niemann (2007) den Ausbau der Palastresi- denz und die Planung oder Gründung einer Stadt um die Residenz herum, zu der es wohl nicht gleich 720/19, sondern erst allmählich kam: Die Eroberung Samarias. 720 vC. Nach HTAT S. 301f Nr. 151; die Ergänzungen bleiben un- markiert, in [Klammern] stehen eigene Erklärungen. IV 25 Die Leute von Samaria, die mit einem 26 mir feindlichen 25 König [eher Ilubi’di von Hamat als der ‚So‘ von 2 Kön 17.4] 28 gegenseitig übereingekommen waren, 26 mir nicht mehr zu dienen 27 und Abgaben nicht mehr zu bezahlen, nahmen den Kampf mit mir auf. 29 In der Kraft der großen Götter, meiner Herren, 30 kämpfte ich mit ihnen und 31 27.280 Men- schen [Varianten: 27.290, 24.280] zusammen mit ihren Streitwagen 32 und den Göttern, ihren Helfern, 33 rechnete ich als Beute. 33.200 Streitwagen [Variante: 50] für meine könig- 252 | Juda unter Assur (734 vC bis 609 vC) und der Untergang Israels (727–720 vC) liche Truppe [das Garde-Corps, das im Gegensatz zum Heerbann nach dem Feldzug nicht auf seine Güter entlassen wurde] 34 hob ich unter ihnen aus und 35 den Rest von ihnen 36 siedelte ich inmitten des Landes Assyrien an. 37 Die Stadt Samaria stellte ich wieder her und 38 machte sie 37 mehr als früher. 38 Menschen anderer Länder, die Beute meiner Hän- de, 39 brachte ich hinein. Einen meiner Eunuchen 40 setzte ich als Statthalter über sie und 41 rechnete sie zu den Leuten des Landes Assyrien. Es folgt 42–45 eine Passage, wonach der Schreckensglanz Assurs Ägypter und Araber nie- derwarf. Sie bezieht sich auf den Annaleneintrag zum Jahr 715, der aber ins Jahr 716 gehört, wo erst Stämme aus Nordwestarabien (Midian) nach Samaria deportiert werden und dann ‚Pir’u [= Pharao], der König Ägyptens’ einen Tribut zahlt. Die Oberschicht (Militär und Beamte, d.h. die Einwohnerschaft der vor- sargonidischen Palast-Residenz Samaria) wurde nach assyrischer Gewohnheit deportiert, d.h. von den Assyrern in gleicher oder ähnlicher Funktion an Stel- len, wo sie maximalen Nutzen erbringen konnten, weiterbeschäftigt (Hos 10,6; 2 Kön 17,6; HTAT S. 310–325) mit dem Ziel der Schaffung einer integrierten, ökonomisch hochentwickelten Kultur und Gesellschaft Assyriens (Pongratz- Leisten 2015; Radner 2019). Aufgrund des israelitischen Lehnswesens war ein Streitwagenfahrer immer auch ein kompetenter Gutsherr, und Assyrien war um 700 unterbesiedelt (vgl. den ‚Harran Census‘: Fales & Postgate [1995] 121–145). Samarische Streitwagenführer konnten in Assyrien in das königliche Wagen- Corps Sargons II. aufsteigen, Künstler und Handwerker beim Bau der großkö- niglichen Residenz Dur-Šarruken Verwendung finden, wobei Familien- und Clan-Strukturen erhalten blieben (Radner 2019, 114–118). Aus der Zeit Sargons II. weist Radner ein ausgeklügeltes System eines „zirkulären Austauschs“ von Deportierten nach, speziell auch Samarier, die in der Region um Sargons neue Hauptstadt Dur-Šarruken, in Guzana (Tell Halaf) und in medischen Städten angesiedelt wurden (Radner 2019, 105–122). Ein Teil der Samarier emigrierte nach Ägypten und wurde in Militärkolonien angesiedelt (Hos 8,13; 9,3–6; 11,5, 11; vgl. Migdol). Die meisten Israeliten blieben aber im Lande, verehrten weiter JHWH (wenn auch weder bildlos noch unbeweibt) am Kult- und Kulturzentrum Bet-El (2 Kön 17,27–28) und wurden seit dem 3. Jh. vC zu den Samaritanern (§ 6.6; 7.5). Für die verbreitet angenommene Massenflucht von Israeliten nach Juda zu dieser Zeit gibt es keine Indizien, die kritischer Betrachtung standhalten (Knauf 2017; Naʾaman 2007; 2014; Guillaume 2008 gegen Finkelstein 2008; 2015); die Samarier waren, anders als die Hugenotten, in ihrer Religionsfreiheit nicht bedroht (sie hätten auch nicht gewusst, was ‚Religionsfreiheit‘ überhaupt sei). Das rapide Wachstum Jerusalems vor oder eher nach 700 vC ist innerjudä- isch zu erklären (§ 6.1), Samaria war nach 720 keineswegs entvölkert (§ 6.6), und die Rezeption von Israel-Traditionen in Juda, die überdies erst gegen Ende des Der Untergang Israels 727–720 | 253 7. Jh. nachweisbar ist, lässt sich auch über die Ausstrahlungen der (Tempel-) Schule von Bet-El erklären (E.A. Knauf). Hos 12–14 ist z.B. Teil einer judäischen Rezeption des Hoseabuches und enthält einen israelitischen Streit, was Israel sei: ein Stamm (von Jakob hergeleitet) oder eine religiös-politische Gesellschaft auf der Basis einer Mose-Tradition. Hundert Jahre später ist Jakob Ahnherr der Ägyptengruppe (Ez 20,5) und eine kombinierte Jakob-Exodus-Tradition liegt im Streit mit einer Abraham-Tradition (Ez. 33,23–29) bzw. im Lande verbliebene Judäer mit Exilsrückkehrern, wem das Land gehöre (Knauf 2017). Vermeintliche Nord- Israelitismen in der Siloah-Inschrift (HTAT S. 328 Nr. 180) sind statistisch ungenügend begründet und führten auch nicht nördlich über Benjamin hinaus, von dem ein Teil seit jeher zu Juda gehörte (Niemann 2016; gegen Rendsburg / Schniedewind). Eine Zusammenstellung der zahlreichen Umstürze während der ca. 200jährigen Geschichte des Staates Israel – im Unterschied zur (nahezu) stabi- len Herrschaft der Davididen in Jerusalem – weist auf die Vielfalt der selbstbe- wußten Gruppierungen (Clans) in Israel, wenn man nur die Herkunft der Herr- scher betrachtet. Das territorial deutlich größere und wirtschaftlich attraktivere Israel – im Unterschied zu dem abgelegener liegenden (Gebirge und Staat) Juda – war allerdings durch seine Lage stärker von den negativen (Kriege) wie positi- ven (Handel und Austausch) Beziehungen zwischen den umgebenden bzw. aktuellen Großmächten betroffen. Es war als Staat ein fragiles Gebilde, dessen Ergehen nicht wenig durch die Tatkraft, die Flexibilität und die politische Klug- heit der jeweiligen Herrscher im Zusammenhang mit den Nachbarn und der politischen „Großwetterlage“ geprägt wurde. Tab. 13: Herrscher- und Dynastie-Wechsel in der Geschichte des Staates Israel König Jerobeam Nadab Dynastiewechsel Nr. 1 Baascha Putsch, 1 Kön 15,27–28 Ela Dynastiewechsel Nr. 2 Zimri Putsch, 1 Kön 16,9–10 Dynastiewechsel Nr. 3 Omri kein Putsch? 1 Kön 16,16–22 Ahab Ahasja Jehoram 254 | Juda unter Assur (734 vC bis 609 vC) und der Untergang Israels (727–720 vC) König Dynastiewechsel Nr. 4 Jehu Putsch, 2 Kön 9–10 Jehoahas Joas Jerobeam Sacharja Dynastiewechsel Nr. 5 Schallum Putsch, 2 Kön 15,10 Dynastiewechsel Nr. 6 Menachem Putsch, 2 Kön 15,14 Pekachja Dynastiewechsel Nr. 7 Pekach Putsch, 2 Kön 15,25 Dynastiewechsel Nr. 8 Hosea Putsch, 2 Kön 15,30 Ob der jeweilige Putsch auch immer mit einem Dynastiewechsel verbunden war (Dubovský 2014), ist aber nicht sicher (Naʾaman 2016, 59–73). Sargons Behauptung, die Stadt Samaria ‚größer und schöner‘ wiederaufge- baut zu haben, ist Glauben zu schenken, denn nun wurde der Hügel mit der früheren israelitischen Palast-Festung und dem umgebenden Tal zur Stadt (Niemann 2007). Die bisherigen Ausgrabungen von Samaria geben für die Stadt als assyrischen Gouverneurssitz nichts her, dafür aber die Provinzhauptstadt Megiddo umso mehr (Finkelstein/Ussishkin/Halpern, Megiddo IV, 2006). Me- giddo IV entstand nach der Rekonstruktion von N. Franklin (2017; 2019; vgl. Fales 2019) als völliger Umbau zu einer „Pferde-Stadt“ nach dem Muster eines assyrischen Arsenals (ekal māšarti) im Zusammenwirken zwischen Adadnirari III. (810–783 vC) in dessen letzten sechs Jahren und den ersten Herrschaftsjah- ren Jerobeams II. Dort wurden ägyptische Pferde aus Kusch für das assyrische Heer trainiert. Vermutlich wurde der Handel in Megiddo, das Franklin mit „As- syrian trading posts“ (bīt karrāni) vergleicht, durch einen assyrischen rab-kāri organisiert; Megiddo wird auch in einem assyrischen Text erwähnt, wo weitere assyrische Funktionäre dieser Art vorkommen. Die Festung Megiddo IV mit ihrer jerobeamischen Brutal-Architektur wurde 733 vC zerstört (oder völlig umgebaut: Franklin 2019). Überlebende richteten sich sogleich in den Ruinen ein (Megiddo-Stratum H 3), bis die Stadt zwischen 716 und 708 geplant wieder- aufgebaut wurde (Megiddo III; Franklin 2019). Es gab zwei oder drei Paläste für die Provinzverwaltung, die ca. 20% der Stadtfläche einnahmen (in Megiddo IV hatten die Verwaltungsgebäude 75% der Ortsfläche ausgemacht). Die restlichen 80% füllten Privathäuser an Straßen im Schachbrettraster (das sogenannte Der Untergang Israels 727–720 | 255 ‚hippodamische Straßensystem‘ ist keine griechische Erfindung). Megiddo III war wieder eine Stadt, was Megiddo IV als königlicher Funktionalort nicht ge- wesen war. Das Jahr ‚716‘ für den Start des Wiederaufbaus Megiddos legt die für dieses Jahr erwähnte Deportation von Arabern nach Samaria nahe (HTAT S. 305 Nr. 158). Nach dem Brief SAA 5.291 [HTAT S. 315f Nr. 169] wurden Samaria und Megiddo gleichzeitig wiederaufgebaut. Die Deportation nach Samaria von 716 schließt nicht aus, dass auch andere Bevölkerungsgruppen (eher später als früher) dorthin gelangten. Aber die Angaben 2 Kön 17,24–26.29–41 sind zum größten Teil zusammenfabuliert, die Götterernamen weitgehend verballhornt. Es handelt sich um eine anti-samarische, wenn nicht schon anti-samaritanische Polemik, die Abstammung wie Religion der samarischen YHWH-Verehrer dele- gitimieren soll (B. Hensel 2016) und die den judäischen Mythos vom ‚leeren Land’ voraussetzt (und auf Israel überträgt), der gegen 400 vC aufkam (Hensel 2016). N. Naʾaman hat freilich aufgrund von Keilschrifttext-Funden (u.a. Land- kaufurkunden, bezeugt von Zeugen mit akkadischen und einheimischen Na- men, wobei die Vatersnamen gelegentlich noch akkadisch, die Sohnesnamen schon westsemitisch sind) und wohl aus der Heimat mitgebrachten Keramikty- pen auf Deportierte u.a. aus Babylonien, Iran bzw. Elam und aus Gebieten bis an die urartäische Grenze hingewiesen, die in Samarien, aber auch in Tell Je- mmeh, Aschdod, Geser, Megiddo und dem wichtigen Hafen Dor, also besonders in strategisch und wirtschaftlich günstig an der Via Maris und der Küste gelege- nen Orten angesiedelt und aufgrund ihrer Fähigkeiten von den assyrischen Siegern eingesetzt wurden (Naʾaman 2016; vgl. Radner 2019). Richtig ist, dass Efraim/Samaria jetzt im weltwirtschaftlichen Windschatten lag und dass be- sonders der Norden im Laufe des 7. Jh. aufgelassen wurde (vgl. Kinneret I, Tsi- pori), was sich in einer stärkeren Wiederbewaldung niederschlägt als nach dem mittelbronzezeitlichen Siedlungsrückgang. Insofern ist die Löwenplage in 2 Kön 17,26 historisch glaubhaft. Es ist kein Zufall, dass sich das samarische Zentrum nach Bet-El, also ganz in den Süden der Provinz, verlagerte, denn hier, in der Nachbarschaft Philistäas und Judäas, ging wirtschaftlich „die Post ab“. Wenn es eine ‚israelitische Wanderung’ gab, dann als Binnenwanderung. In Samaria lebten wenig oder keine Samarier. In Städten wie dem assyrischen Samaria und Megiddo dürfte Reichsaramäisch zuerst zu einer gesprochenen Sprache geworden sein. Wirtschaftsgeographisch war die Beibehaltung Samarias als Zentralort un- sinnig, aber ‚ehrwürdige Traditionen‘ setzen wohl bisweilen das rationale Denk- vermögen außer Kraft. Residenzen assyrischer Beamter standen in Hazor (IV-III) und Kinneret (I). Auch in Dan (Stratum Ib, spätes 8.–frühes 7. Jh. vC) das mit der assyrischen Eroberung seine größte Ausdehnung seit der Frühbronzezeit er- reichte, sind Teile eines administrativen Gebäudes assyrischen Stils (T1–3/1) 256 | Juda unter Assur (734 vC bis 609 vC) und der Untergang Israels (727–720 vC) gefunden worden (Y. Thareani 2016). Assyrische Wirtschafts- und Verwaltungs- texte kommen aus Geser, Tel Hadid und Samaria (HTAT S. 312–315 Nr. 164–168; Zilberg 2018); die Personennamen sind zu einem großen Teil babylonisch oder assyrisch, dann aramäisch; aber auch judäische Namen – in Gezer – und israeli- tische – in Tel Hadid – kommen vor. Bis zur Gegenwart können Menschen im Vorderen Orient durch die Wahl ihrer aktuellen Namensform ihre Ethnizität offenlegen oder unterdrücken: ein Johanan ‫ יוחנן‬oder Hananja ‫ חנניה‬gibt sich als JHWH-Verehrer zu erkennen, ein ‫ חנני‬Hanani oder ‫ חנא‬Hanna nicht. Über Schwierigkeiten, in Samaria die Getreidesteuer einzutreiben, berichtet der Brief SAA 1.220 (HTAT S. 317 Nr. 171). Der Eindruck der Entvölkerung rührt im Falle der Ebenen daher, dass die Israeliten nicht mehr in ummauerten ‚Städten’ (mit 100–500 Einwohnern; vgl. Am 5,3) wie zur Zeit Jerobeams II. wohnten, sondern in verstreuten Gehöften. Unter der Pax Assyriaca (differenzierender Überblick: Faust 2019) brauchten sie das Bergland nicht mehr als Rückzugsgebiet und Zitadelle (vgl. Ri 6,1–5), sondern konnten auch in den Ebenen sicher wohnen. Dort waren sie wegen ihrer Siedlungsart für die Archäologie lange unsichtbar. Die Wiederbewaldung im Bergland weist darauf hin, dass im Zuge der ‚ethni- schen Arbeitsteilung‘ des imperialen Staates die Viehwirtschaft von den Ara- bern am Steppenrand übernommen wurde, so dass sich im Unterschied zur Spätbronzezeit für die Bewohner der zerstörten oder aufgelassenen Siedlungen die Rückkehr zum ziegenzüchtenden ‚Lokalnomadentum‘ nicht mehr lohnte. Im Zeichen der aufkommenden Geldwirtschaft wurden marginale landwirtschaftli- che Gebiete auch deshalb aufgegeben, weil Ägypten, Philistäa und wohl selbst Phönizien lukrativere Existenz- bzw. sicherere Subsistenz-Möglichkeiten boten. Die Samarier, später Samaritaner sind zweifellos die Nachkommen der alten Israeliten. Die Suche nach den ‚verlorenen zehn Stämmen Israels‘ ist absurd, weil diese Stämme nie verloren gingen. Religiöse, kulturelle, ethnische und ökonomische Kontinuität bestimmt das Bild des ehemaligen „Nordreichs“ Isra- el, allenfalls sogar durch die Zuwanderer bereichert; das Verhältnis zwischen Samariern bzw. Samaritanern einerseits und ihren südlichen Nachbarn in der Provinz Yehud war vom 6. bis zum 2. Jh. vC „nicht von tiefen Konflikten zerrüt- tet, sondern mehrheitlich von einem Nebeneinander beider Größen geprägt“, was sich auf vielen Ebenen manifestierte, nicht zuletzt im „Gemeinsamen Pen- tateuch“, dem „Kompromissdokument der Kultgemeinden vom Garizim und Zion“, wobei „neben den archäologischen Evidenzen u.a. die scharfe, aber im- mer chiffrierte Kritik an den samarischen JHWH-Verehrern in der nach- exilischen judäischen, biblischen Literatur“ die hohe Bedeutung der „samari- schen Ausformung des Jahwismus“ für die beiden „Israel“-Denominationen nachexilischer Zeit andeutet (Hensel 2016, 405–413). Das Verhältnis zwischen Der Untergang Israels 727–720 | 257 ihnen hat sich erst in der 2. Hälfte des 2. Jh. vC nunmehr innerhalb derselben seleukidischen Provinz mit hasmonäischen Übergriffen nach Norden ver- schlechtert (Hensel 2016). Die Samaritaner haben ihre JHWH-Religion wie ihren Anspruch, die ‚wahren‘ Israeliten zu sein, bis heute bewahrt. Israelitisch- samaritanische Kontinuität zeigt die Sprache: während der Lateral /s2/ als sin im Judäischen (wie im Altaramäischen und Altarabischen) erhalten blieb, fiel er im Phönizischen und im Israelitischen mit šin zusammen. Wie ägyptische und assy- rische Umschriften von israelitischen Orts- und Personennamen seit dem 10. Jh. zeigen, sprachen die Israeliten statt Yisra’el und Soḵo ‫ ישראל‬Yišra ̓el und ‫שכה‬ Šoḵo – so auch die hebräische Aussprachetradition der Samaritaner. Nach Ez 27,17 (7./6. Jh.) belieferten Juda und das ‚Land Israel‘ (=Samaria) Tyrus mit Wei- zen, Honig und Öl. Ein Votiv-Siegel aus Sidon, das fälschlicherweise als ‚ammo- nitisch‘ klassifiziert wurde, stammt aus Israel und belegt die ‚nördliche‘ Her- kunft der mittelhebräischen Relativpartikel ‫( ש‬WSSS S. 328–329 Nr. 876): [‫]לפלוני בן‬ [li-floni ben] [(Gehört) dem PN ben] ‫אבנדב שנד‬ Avinadav še-nad Avinadav. Was er gewei ‫ר לעשת בצדן‬ ar le-ʿAšit(i) be-Tsidon ht hat der ʿAschtar in Sidon. ‫תברכה‬ tevareḵéhu Möge sie ihn segnen. Wo im biblischen Hebräisch šin für etymologisches /s2/ steht wie in ‫תשוקה‬ tešuqa ‚Begehren‘ Gen 3,16, liegt ein israelitisches Lehnwort vor. Mit dem Untergang des Staates Israel ist die Geschichte Israels nicht zu En- de; im Gegenteil: die Geschichte des ‚biblischen Israel‘ fängt jetzt erst an. ‚734‘ mit dem Beginn des folgenschweren Eingriffs Tiglat-Pilesers III. in Syrien- Palästina ist vielleicht das wichtigste Datum in dieser Geschichte. Die Traditio- nen Israels und Judas wurden erst durch die Auseinandersetzung mit dem assy- rischen, neubabylonischen und persischen Imperialismus (und dessen religiö- sen Ausdrucksformen) zu dem, was sie heute sind. Juda beanspruchte zudem (recht schnell: Israel = Jakob im judäischen Text Dtn 32,8–9, frühes 7. Jh. vC) das Erbe, das ihm als dem überlebenden Staat, dessen Staatsgott YHWH war, zufiel. Möglicherweise begann der Streit mit den Samariern darum, wer nun das ‚wahre Israel‘ sei, schon vor dem 5. Jh. Durch den Untergang Israels 720 vC gibt es also statt keinem (null) Israel nunmehr zwei. 258 | Juda unter Assur (734 vC bis 609 vC) und der Untergang Israels (727–720 vC) 6.3 Die Eingliederung Judas in das assyrische Reich 720–701 vC 1 M.G. Klingbeil et al., Four Judean Bullae from the 2014 Season at Tel Lachish: BASOR 381 (2019) 41–56; A. Fantalkin, Neo-Assyrian Involvement in the Southern Coastal Plain of Israel: Old Concepts and New Interpretations: S. Zelig Aster / A. Faust ed., The Southern Levant under Assyrian Domination (University Park, Penn. 2018) 162–185; O. Lipschits, Judah under Assyrian Rule and the Early Phase of Stamping Jar Handles: Z.I. Farber / J.L. Wright eds., Archaeology and History of Eighth-Century Judah (ANEM 23; Atlanta 2018) 337–355; S. Zelig Aster, The Historial Background of the Destruction of Judahite Gath in 712 BCE: I. 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Sie war flexibel gestaltet und übte direkte und indirekte Kontrolle aus, kannte Annexion oder Unterwerfung, militärische Kontrolle oder 260 | Juda unter Assur (734 vC bis 609 vC) und der Untergang Israels (727–720 vC) Kollaboration mit lokalen und regionalen Eliten (Thareani 2016). Nach der Er- oberung Israels seit Tiglat-Pileser III. haben die Assyrer allerdings anscheinend wenig Anstrengungen unternommen und Interesse gezeigt, das eroberte Gebiet besonders im Bergland verwaltungsmäßig zu organisieren, wirtschaftlich zu entwickeln und zu stabilisieren; es ging der Besatzung eher um Beute und Tri- but sowie Deportation von Spezialisten (Gaß 2017). Nach erheblichen Zerstö- rungen wurde zwar die Provinzen Magiddū und Samerīna eingerichtet, einzelne Festungen und Stützpunkte zur Abschreckung, Sicherung und Kontrolle ange- legt, die demographische Entwicklung im Bergland war aber bis in die Perser- zeit rückläufig. Immerhin wurden Megiddo stark umgebaut und Samaria unter Sargon II. (weniger) ausgebaut. Die noch im 8. Jh. im zentralpalästinischen Bergland blühende Oliven- und Weinproduktion hat im 7. Jh. ihren Schwer- punkt in die assyrischen Vasallengebiete Ekron und Aschkelon verlagert (Gaß 2017). Diese an dauerhafter Entwicklung wenig interessierte Eroberungs- und Besatzungspolitik setzte sich unter den Babyloniern fort, wo Nebukadnezars Feldzüge in die Levante anscheinend nur „Raubzüge“ und ohne erkennbare „langfristige Agenda“ waren mit dem Unterschied zu den Assyrern, dass die „deportierte Oberschicht nicht durch eine neue Elite aus einem anderen Teil des Großreiches“ ersetzt wurde (Gaß 2017, 66). Im Jahr 712 rebellierten Aschdod (711 niedergeworfen: HTAT S. 306–309 Nr. 160–163; vgl. Jes. 20,1; Zelig Aster 2018) und Hiskija 705/704 gegen Assyrien. Hiskija hatte 712/11 zusammen mit dem Rest von Philistäa, Edom und Moab einem Bündnisangebot von Aschdod widerstanden (HTAT S. 307 Nr. 161.25–27). Den Sinneswandel könnte der Tod Sargons II. 705 auf dem Schlachtfeld bewirkt haben (E. Frahm); ein Spottlied darauf ist in Jes 14,4*–20 eingegangen, vgl. besonders 14,19–20. Das Assyrerreich stand offenbar unter dem Zorn der Götter, und Sargons Sohn und Nachfolger Sanherib, über dessen Familiengeschichte einschließlich der traumatischen Wirkungen des Schlachtentodes seines Vaters Sargon II auf den Sohn wir gut informiert sind (Frahm 2016), hatte vorerst alle Hände voll zu tun, wenigstens Babylonien, seit Tiglat-Pileser III. mit Assur in Personalunion verbunden, zu behaupten. In Aschkelon ergriff ein anti- assyrischer König die Macht (HTAT S. 331 Nr. 181, 60–66), in Ekron setzte der Senat den assyrerfreundlichen König Padi ab und lieferte ihn Hiskija aus, der so als Haupt einer südpalästinischen Verschwörung erscheint (HTAT S. 332 Nr. 181, 73–77). Die in Ägypten mittlerweile herrschende 25., äthiopische Dynastie (712– 664 vC) unterstützte alle Bestrebungen, die Assyrer möglichst weit weg von der eigenen Grenze zu halten (HTAT S. 332 Nr. 181, 78–81), und auch der König von Sidon war mit von der Partie (HTAT S. 329f Nr. 181, 38–49). Die Eingliederung Judas in das assyrische Reich 720–701 vC | 261 Zur Vorbereitung auf den assyrischen Gegenschlag erweiterte Hiskija die Stadtmauern von Jerusalem, indem jetzt neben dem Südosthügel (dem Tempel- berg und der südlich davon sich nach Süden ziehenden Hügelzunge, der sog. „Davidstadt“, die am Nord-/Ostrand eine starke, heute sichtbare Stützkonstruk- tion [„Stepped Stone Structure“] besitzt) auch der Südwesthügel (der christli- che Zion mit der Abtei Dormitio Mariae) in den Mauerring einbezogen wurde. Die 50–60 ummauerten Hektar konnten eine Bevölkerung von 12–15.000 Menschen aufnehmen, die 705 aber kaum schon vorhanden war. Zwar setzte mit dem ara- bisch-philistäischen Handel in der zweiten Hälfte des 8. Jh. in Juda eine bislang unerhörte Wirtschaftsblüte ein, auf die Hiskija zur Finanzierung seiner Bauten zurückgreifen konnte, aber eine Stadtmauer folgt in ihrem Verlauf militärtech- nologischen Rahmenbedingungen, und es empfiehlt sich, in Wachstumsphasen städtisches Gelände ‚auf Vorrat‘ zu erschließen. Weiterhin wurden die Festun- gen mit Lieferungen aus dem königlichen Krongut verproviantiert; dafür spricht die Verteilung der älteren ‚Königsstempel‘ auf Vorratskrügen. Allerdings sind die vielen hunderten Belege solcher Krugstempel nicht, wie früher gern ange- nommen, als kurzfristige Vorbereitungsmaßnahme Hiskijas gegenüber dem assyrischen Anmarsch zu interpretieren, sondern sind Teil eines Administrati- onssystems, das wohl schon in der Zeit von Hiskijas Vater Ahas wurzelt, auch für Tributzwecke einzusetzen war und ca. 500 Jahre bis in hellenistische Zeit mit anderen Stempel-Typen fortgesetzt wurde (O. Lipschits 2018). Nichts mit Hiskija und dem Jahr 701 hat der Siloah-Tunnel zu tun. Zwar hat Hiskija bei seiner Er- weiterung Jerusalems auch Wasserleitungen angelegt (2 Kön 20,20, eine An- nalentradition), aber dabei handelt es sich wohl um die in den Jesajalegenden Jes 7,3; 36,2 || 2 Kön 18,17 erwähnte Anlage, die im Norden der Stadt zu suchen ist. Die unterirdische Quellkammer des Siloah war längst zugänglich durch einen Tunnel, der durch die Grabungen von R. Reich und E. Shukron heute wieder begehbar ist. Jes 8,5–8 huldigt einer quietistischen Illusion und ist damit ein Text der Perserzeit, erst Sir 48,17 denkt bei Hiskijas Wasserbauten augen- scheinlich an den Siloah-Tunnel und -Teich. Einen neuen Aspekt bietet die Hypothese von S. Guil (2017), demzufolge Hiskija durchaus Elemente des um- fänglichen Siloah-Wasser-Systems begonnen habe, der Siloah-Tunnel sei aber erst in hasmonäischer Zeit angelegt worden. Die Siloah-Inschrift gebe dafür u.a. in der Buchstabenform Hinweise und im 8./7. Jh. hätten die technologischen Fähigkeiten und Möglichkeiten für den komplizierten und ausgedehnten Tun- nelbau noch gefehlt. Warum wurde der sehr lange und gewundene Tunnel zur städtischen Versorgung bei Belagerung nicht direkt westwärts zur Stadt ge- führt? Und war ein Tunnel mit 3–4 Jahren Bauzeit zur Belagerungsvorbereitung vor 701 vC geeignet? Da eine archäometrische Datierung um 700 vC zweifelhaft 262 | Juda unter Assur (734 vC bis 609 vC) und der Untergang Israels (727–720 vC) sei, mache ein hasmonäischer Tunnelbau von der Quelle zur Südspitze des Jerusalemer Südosthügels mit dortigem Teich, Stufen und einem Aufweg nach Norden zum Tempelberg als Mikwe zur gesetzestreuen Reinigung von Pilgern Sinn, der als Schutz vor Verunreinigung und im gräberbesetzten Kidrontal un- terirdisch angelegt und mit einer Art tabula ansata versehen worden sei. Für Sanheribs Feldzug 701 vC stehen an brauchbaren Datensätzen San- heribs Berichte (HTAT S. 329–334) und 2 Kön 18,13–16 zur Verfügung. Die Jesaja- Legenden Jes 36–39 || 2 Kön 18–20 sind als Prophetenerzählungen eo ipso fikti- onal, sie können natürlich historische Versatzstücke und Kulissen verwenden (so evtl. den Namen Eljakim [ben] Jehozarah. [ben Hilkijahu?], 2 Kön 18,18) von einer Bulle aus Lachisch Stratum III: Klingbeil et al., 2019), doch fragt sich, aus welcher Zeit; der Jes 37,9 || 2 Kön 19,9 erwähnte ‚Tirhaqa‘ regierte Ägypten von 690–664 und ging in die Geschichte ein, weil er sein Land an Asarhaddon ver- lor. Jes 30,1–11; 31,1–2 klingen nach vaticinia ex eventu (vgl. besonders 30,8–11) und sind von der im 8. Jh. anachronistischen ‚Neutralitätstheologie‘ des Jesaja- Buches geprägt. Vielleicht ist in Jes 30–31 etwas pro-assyrische (oder pro- babylonische) Propaganda erhalten, die aber nicht aus den Jahren 705–701 stammen muss. Um den Verlauf des Feldzuges zu rekonstruieren, braucht es neben den Texten geographische und militärgeschichtliche Grundkenntnisse. Die Ereignisfolge ist bei Sanherib geographisch angeordnet und vermittelt den Eindruck eines ungebrochenen Siegeslaufes, der dieser Feldzug, nach seinem Ergebnis zu urteilen, nicht war. Der Eindruck ist beabsichtigt, aber die Sequenz ist Produkt einer realitätsverschleiernden Redaktion. So greift die Rückführung Padis nach Ekron (HTAT S. 332 Nr. 181, 14–17) der Niederlage Hiskijas (HTAT S. 333 Nr. 181, 37–49; S. 33f, Nr.182, 20–22) vor. Sanheribs erstes Opfer wurde der König Luli von Sidon, der einem assyrer- freundlichen Ittobaal weichen musste (HTAT S. 329f Nr. 181, II 37–49). Wir er- fahren bei dieser Gelegenheit, dass das Territorium von Sidon von Sarepta bis Akko reichte. Nach Sidon ist ein Tribut kleinerer phönizischer Städte verzeich- net, unter denen Tyrus fehlt, von Aschdod als einziger Philisterstadt, und von Ammon, Moab und Edom, die u. U. erst nach dem Friedensschluss gezahlt ha- ben. Der Krieg gegen Aschkelon spielte sich in Jafo und seiner südlichen Umge- bung ab, wo das Territorium dieser Stadt begann. Die dortigen Aktionen genüg- ten offenbar, dass die Bürger der Stadt ihren früheren, Assur-treuen König zurückverlangten und dessen Nachfolger samt Familie auslieferten (HTAT S. 331). Mit Elteqe und Timna (HTAT S. 332.III 6) wandte sich Sanherib gegen His- kija. Diese Auseinandersetzung gehört vor die Schlacht von Elteqe und die Wie- derherstellung Padis von Ekron. Die 46 Festungen, die Sanherib erobert haben will (HTAT S. 333, 18–23; davon abhängig 2 Kön 18,13?), lagen in der Schefela Die Eingliederung Judas in das assyrische Reich 720–701 vC | 263 und vielleicht im westlichen Negev; auf dem judäischen Gebirge und in Benja- min gibt es keinen Sanherib-Zerstörungshorizont. Hauptsächlich wurde um Lachisch gekämpft, was Sanherib durch eine Reliefserie mit Beischrift unter- streicht (HTAT S. 334 Nr. 183; Ussishkin 2014, 327–353). Nach dem Fall der star- ken westlichen Grenzfestung Lachisch (Ussishkin 2014, 267–326) kapitulierte Hiskija (2 Kön 18,14) und schickte Padi an Sanherib zurück. Leichte assyrische Truppen können Jerusalem blockiert haben (HTAT S. 333, 27–30). Die massive Belagerung von Lachisch war eine „konstruktive Drohung“, Einschüchterung und Warnung gegenüber Jerusalem, zu einer regelrechten Belagerung mit schwerem Gerät wie im Fall von Lachisch kam es danach nicht, was einer assy- rischen (kräftesparenden) Strategie entspricht, wichtige Orte zu blockieren und Orte der Umgebung drohend zu belagern und zu vernichten (Ussishkin 2016; Fales 2016; P. Dubovský 2016; Zelig Aster 2018; Franklin 2018). Falls die Vermu- tung stimmt, dass der hohe assyrische Funktionär, der die Jerusalemer Abge- sandten Hiskijas in ihrer eigenen Sprache zur Übergabe der Stadt aufforderte (2 Kön 18,17–37), ein 20 Jahre früher aus Samaria deportierter, am assyrischen Hof aufgestiegener Israelit war und Hiskija nun vor dem Schicksal Samarias warnt (Y. Levin 2015), passt auch dieses Vorgehen zu der Strategie und Militärpolitik Sanheribs: Nachdem schon Tiglat-Pileser III. systematisch zur Kriegsvorberei- tung Spionage betrieben hatte, war Sanherib unter seinem Vater Sargon II. als „the empire’s director of intelligence“ weitblickend und vorausschauend tätig gewesen (P. Dubovský 2016). Inzwischen freilich waren die Äthiopier und Ägyp- ter heranmarschiert (Pope 2016). Ob vorher aus Ägypten Ermutigung zur Rebel- lion Hiskijas gekommen war, ist unklar (Gallagher). Es gibt aber eine Reihe von Gesichtspunkten, die für eine engere Verbindung und Unterstützung Judas durch die 25. (kuschitische) Dynastie in Ägypten sprechen: u. a. gemeinsame Handelsinteressen (z.B. die berühmten kuschitischen Streitwagenpferde); in Lachisch und Jerusalem/Silwan wurden in Gräbern Ägypter/Kuschiten (Mili- tärs? Berater? Händler?) identifiziert; das Ägypten der Kuschiten-Dynastie war damals mehr als ein Halbjahrhundert ein sehr bedeutender Faktor, auch wenn sich das in Jes 19 anders anhört (Franklin 2018). Natürlich siegte letztlich San- herib, aber für einen Assyrer eher kleinlaut. Seine abgekämpften Truppen scheinen zu einer entscheidenden Leistung nicht mehr fähig gewesen zu sein. Wenn der Oberkommandierende selbst zum Degen greifen muss (HTAT S. 332, II 82–III 5), ist einiges schiefgelaufen, steht der Kampf auf Messers Schneide. In der Kurzfassung des Berichts (HTAT S. 333f Nr. 182) spricht Sanherib nur von Sidon und Juda. Der Tribut, der Hiskija auferlegt wird, unterscheidet sich nach 2 Kön 18,14 (100 Talente Silber und 30 Talente Gold – eine astronomische Summe) und HTAT S. 333, 39–49 (30 Talente Gold, 800 Talente Silber und verschiedene Klei- 264 | Juda unter Assur (734 vC bis 609 vC) und der Untergang Israels (727–720 vC) nigkeiten wie Söldner und Palastfrauen); wer übertreibt, wer untertreibt, was war jährlicher Normal-Tribut, was Sonderzahlung? Das eroberte und verwüstete Gebiet (HTAT S. 333, 30–34) – die Schefela – wurde an Aschdod, Ekron und Gaza gegeben, die anscheinend neutral geblieben waren. Die Notiz, Hiskija habe am Anfang seines Aufstands ‚die Philister bis Gaza geschlagen‘ (2 Kön 18,8) ist eine unhaltbare Globalisierung seiner Bündnispolitik, bei der ‚die Phi- lister‘ sich so inhomogen verhielten wie schon immer. Der Verlust der Schefela war ein schwerer Schlag für Juda, denn sie war das Wirtschaftszentrum des Landes. Hiskijas Nachfolger würde vor dem Problem stehen, diesen Verlust zu kompensieren, um weiterhin Tribut zahlen zu können. Aber Jes 1,5–8 hat mit den Ereignissen von ‚701‘ nichts zu tun, eine ‚Nachtwächterhütte im Gurken- feld‘ war Jerusalem allenfalls 525–445 vC. Auch die ‚200.150 Menschen‘, die Sanherib von Hiskija erbeutet haben will (HTAT S. 333, 24–27), können nicht allein zulasten Hiskijas gegangen sein, denn Juda dürfte insgesamt etwa halb so viele Einwohner gehabt haben. Die Zahl könnte alle im Laufe des ganzen Feld- zuges getöteten und gefangenen Menschen angeben (einschließlich der Assy- rer?), oder die Gesamtzahl der Gefangenen (einschließlich der Pferde, Maultie- re, Esel, Kamele, Rinder, Schafe und Ziegen). Aber das Fazit bleibt, dass Hiskija sein Königreich in eine Katastrophe geführt hat und nicht wieder heraus; letzte- res blieb seinem Sohn und Nachfolger Manasse vorbehalten. Die unmittelbare Nachwelt – die Annalenschreiber – haben ihre Missbilligung (wie im Fall des ebenfalls katastrophalen Joschija) mit einer Todesnotiz der knappsten Art aus- gedrückt (2 Kön 20,21). Seit dem ausgehenden 7. oder 6. Jh. wurde er als ein ‚Eiferer‘ für JHWH glorifiziert und mit einer religiösen Haltung und einer Kultre- form versehen, die es im 8. Jh. nicht gab (2 Kön 18,3–8); und die Nicht-Belagerung Jerusalems durch Sanherib wurde durch die Jesaja-Legenden zur ‚Mutter aller Belagerungen‘ – mit wiederum katastrophalen Folgen 586 vC, spätestens 70 nC. 6.4 Die Nachbarn Judas: Ammon, Moab, Edom, die Araber und die Philister 1 Y. Ben-Yosef, Mining for Ancient Copper. Essays in Memory of Beno Rothenberg (TAU. MS 37; Tel Aviv 2018); Y. Thareani, Empires and Allies: A Longue Durée View from the Negev Desert Frontier: O. Lipschits et al. eds., Rethinking Israel. 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Eine Untersuchung zur Bau- und zur Kultgeschichte während der Eisenzeit I-II (AOAT 378; Münster 2012); D.J. Green, „I Undertook Great Works“. The Ideology of Domestic Achievements in West Semitic Royal Inscriptions (FAT 2. Reihe, 41; Tübingen 2010), 266–281; P.-E. Dion and P. M. Michèle Daviau, The Moabites: A. Lemaire and B. Halpern eds., The Book of Kings. Sources, Composition, Historiography and Reception (VT.S 129; Leiden, Boston 2010) 205– 224; A. Lemaire, Edom and the Edomites: ibid., 225–243; W.E. Aufrecht, Ammonites and the Book of Kings: ibid., 245–249; S. Gitin, Philistines in the Book of Kings: ibid., 301–364; K.A. Kitchen, External Textual Sources – Early Arabia: ibid., 381–383; T.E. Levy, Ethnic Identity in Biblical Edom, Israel, and Midian: Some Insights from Mortuary Contexts in the Lowlands of Edom: J.D. Schloen ed., Exploring the Longue Durée. Essays in Honor of L.E. Stager (Winona Lake, Ind. 2009) 251–261; E. 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Ammons beginnende Staatlichkeit belegt ein In- schriftenfragment von der Zitadelle von ʾAmman, auf der Rabbat Ammon lag: Amman, Zitadellen-Inschrift. 9. Jh. Text: S. Aḥituv, Echoes from the Past (Jerusalem 2008) 357–362, Z. 1–4; Ergänzungen am Ende der Zeilen 3 und 4 von E.A. Knauf. ‫ויאמר לי מ[לכם בנה לך‬ wa-yómer li Mi]lkom bne 1’ … sagte Mi]lkom zu mir: ‫מבאת סבבת‬ leḵa mvoʾot sevivot ... baue dir Zugänge ringsum … ‫ככל מסבב לך מת ימתן‬ ke-ḵol mesovev leḵa mot 2’ wer immer dich umringt, yemutun sie werden gewiss sterben ‫ה[כחד אכחדם וכל‬ ha]ḵḥed ̓aḵḥidem we-ḵol 3’ ich vernichte sie gänzlich, ‫מערב]ם‬ ma ̒ariv[im ‫ובכל סדרת ילנן צדק]ם‬ u-v-ḵol sederot yelinun 4’ und in allen Kammern ʦedaq[im übernachten Gerech[te … Es handelt sich um einen Befehl der Patronats-Gottheit der Ammoniter, Milkom (vgl. 1 Kön 11,5.33; 2 Kön 23,13), einen befestigten Tempelpalast zu bauen (der frühe Staat, der noch keinen Leistungsnachweis hat, kann sich nur über die Götter legitimieren). Also auch in Ammon gab es Prophetie. Mit dem Anschluss Ammons und Moabs an den Welthandel – sie waren nun nicht mehr nur Tributäre ferner Zentren wie Israel oder Damaskus, sondern Durchgangsland und auch Empfänger von Leistungen, wie etwa assyrischer Truppenpräsenz zum Schutz der Handelsstraßen – blühte die Wirtschaft auf (Tebes 2014), treten neben Königsinschriften vermehrt private Briefe und Ab- rechnungen, und erreichte die Siedlungsdichte am Steppenrand ein Niveau, das erst in römischer Zeit (2. bis 6. Jh. nC) und dann im 20. Jh nC übertroffen, in mittelislamischer Zeit (12. bis 16. Jh. nC) ungefähr erreicht wurde. Aus lokalen und regionalen Verbindungen wurde die ‚Straße der Könige‘ ‫ דרך מלכים‬déreḵ mlaḵim, Num 20,17; 21,22), eine Abzweigung der ‚Weihrauchstraße‘, die durch Edom, Moab und Ammon, Gebieten der assyrischen Vasallenkönige, in die Provinz Damaskus führte und von dort (gelegentlich) nach Phönizien. Dass auf dieser Verbindung, nachdem sie einmal etabliert war, viel mehr als nur Weih- rauch gehandelt wurde, versteht sich von selbst. Nach der assyrischen Tributlis- te HTAT S. 350 Nr. 196 zahlte das kleine Ammon doppelt so viel wie das größere Moab (Ammon lag an einer ‚Direktverbindung‘ von Nordarabien nach Damas- kus und nach Phönizien), Moab immer noch doppelt so viel wie Juda (wenn man die Gold:Silber-Ratio mit 1:20 ansetzt; sie schwankte zwischen 1:25 und 1:15). Die Nachbarn Judas: Ammon, Moab, Edom, die Araber und die Philister | 267 Muss man im Falle von Ammon und Moab erklären, warum es in diesen mit primärem Agrarland reichlich gesegneten Gegenden in langen Perioden keine Staatlichkeit gegeben hat, nämlich wegen mangelnden Märkten für die Produk- tion, ist im Fall von Edom zu erklären, warum es dort im 7. Jh. und dann wieder im 1. Jh. vC zu Ansätzen von Staatlichkeit kam, denn Edom liegt zum größten Teil außerhalb der 250-mm-Isohyete, der Linie gleichen durchschnittlichen Regenfalls, unter der sesshafter Ackerbau ohne künstliche Bewässerung nicht mehr möglich ist. Dass es vor dem 7. Jh. vC in Edom (wie in Ammon und Moab vor dem 9. Jh.) Häuptlinge gegeben hat (Levy 2009), die sich ‚Könige‘ nannten, kann und muss nicht bestritten werden – aber eben Könige ‚in‘ Edom oder Mo- ab (vgl. Gen 36,32), und nicht Könige ‚von‘ oder ‚über‘ Edom. Was Edom für Assur attraktiv machte, waren die Kupferminen von Fēnān (E. Ben-Yosef 2018) im 9. Jh. unter Omriden und Hasaël und der Fernhandel im 7. Jh., der bis nach/von Südostasien verlief. Die Aufgabe von Kuntillet ʿAjrud ist ein Anzei- chen von Israels Niedergang nach dem Tode von Jerobeam II. Zuvor war die Landschaft Edom als rohstoffproduzierendes Anhängsel von Damaskus schon in assyrische Tributlisten geraten, ohne nennenswerte Spuren von Sesshaf- tigkeit (immerhin eine Voraussetzung von Staatlichkeit) auf dem edomitischen Plateau. Jetzt investierten die Assyrer in die Infrastruktur, etablierten Forts in Tell Kheleifeh (Ezion Geber) und En Hazeva = Tamar, intiierten auch ein judäi- sches Fort in Tell el-Quderat (Kadesch-Barnea) (Finkelstein 2014). Sie verhalfen den Edomitern zu einer Hauptstadt (Bozra/Busra) als Zentralort des Häupt- lingstums mit nennenswerter sozialer Komplexität und Satellitensiedlungen (Umm el-Biyara, Bajʿa III, es-Sadeh). Bozra/Busra war der einzige Ort in Edom mit Monumentalarchitektur (Palast und Tempel), wovon sogar das Alte Testa- ment einen Hinweis in Amos 1,12 bewahrt und von der abgesehen Edom auch in seiner Blütezeit prä-urban blieb. Dafür entstanden Dörfer, wo immer möglich, die für ihre Produkte bei Händlern, Minenarbeitern und assyrischen Schutz- truppen Absatz fanden. Doch blieb Edom tribal gegliedert und tribal dominiert; ein großer Teil der Bevölkerung blieb mobil, was durch die gänzlich nicht- urbanen Höhensiedlungen im Gebiet von Petra angezeigt wird wie durch die ‚edomitischen Statistiken‘ in Gen 36. Seit Tiglat-Pileser III. treten Araber nicht mehr zu Tausenden, sondern zu Zehntausenden auf. 738 hatte zusammen mit Israel und Damaskus auch die ‚Königin der Araber‘, Zabibe, Tribut gezahlt; nach der Iran-Stele IIIA.2, 19 (Tad- mor 1994, 105–108) war sie wohl wie ihre Nachfolgerin Šamši Stammesführerin von Qedar. 734 zahlen die ‚Anlieger‘ der Weihrauchstraße anlässlich der Erobe- rung von ‚ihrem‘ Mittelmeerhafen Gaza unverzüglich Tribut von Massa und Taymaʾ im Norden (Gen 25.13–15) bis zu Saba im Süden der arabischen Halbin- 268 | Juda unter Assur (734 vC bis 609 vC) und der Untergang Israels (727–720 vC) sel. Die Kooperation von Saba und Taymaʾ und damit der Betrieb der ‚Weih- rauchstraße‘ ist schon ca. 20 Jahre früher belegt. Weihrauch ist ein typisches Fernhandelsprodukt der Antike: bei kleinem Volumen hatte es einen hohen Wert. Der Weihrauchbaum wächst nur in Südarabien und Eritrea; Saba hatte das Monopol auf den Export, die Stämme entlang des Karawanenweges nach Norden profitierten als Transporteure und Maut-Einnehmer mit. Seine Bezeich- nung im ganzen Mittelmeerraum (ΛΙΒΑΝΟΣ, ‫ לבונה‬levona) geht auf sabäisch *lubān zurück. Der Stamm Adbeël (Gen 25,13) wurde zur ‚Bewachung‘ der assy- risch-ägyptischen Grenze in Dienst genommen, d.h. ihres Vorlandes, der Sinai- Wüste. Im Zusammenhang der Eroberung von Damaskus unterwirft er die Nach- folgerin der Zabibê, Šamši: Tiglat-Pileser III und Šamši, Königin der Araber. 733/32. Text: H. Tadmor, The Inscriptions of Tiglath-Pileser III King of Assyria (Jerusalem 1994) 80, 228–229. Annalen 23.18’ Šamši, Königin der Araber, die ihren Šamaš [dem Sonnengott und Wahrer der Gerechtig- keit, nach dem sie selbst benannt war] geleisteten Eid gebrochen hatte [d.h., den Eid hatte Zabibe geleistet, worin ihre Nachfolgerin keine Verpflichtung für sich selbst sah,] … … was [sie] anbelangt, am Berg Šaqúr besiegte ich 9400 ihrer Krieger. Ihr ganzes Lager, 1.000 Menschen, 30.000 Kamele, 20.000 Stück [anderes] Vieh, 5.000 Beutel Gewürze aller Art [d.h. Weihrauch, Myrrhe etc.], Throne ihrer Götter [wahrscheinlich Bethyle], Waffen und Stäbe ihrer Göttin und ihren [übrigen] Besitz erbeutete ich. Sie, um ihr Leben zu retten, floh wie ein Wildesel [vgl. Gen 16,12] nach …, eine Wüste, einen wasserlosen Ort. Ihre übrige Habe und ihre Zelte, die Zuflucht ihrer Leute, verbrannte ich. Šamši erschrak vor meinen mächtigen Waffen, sie brachte männliche und weibliche Kamele mit ihren Jungen nach As- syrien vor meine Gegenwart. Ich setzte einen Inspektor über sie ein und 10.000 ihrer Krieger [nahm ich in meinen Dienst, o.ä.; sie] ließ ich sich mir zu Füßen niederwerfen. Damit tritt der proto-beduinische Großstamm mit Großherdenhaltung auf die Bühne der vorderorientalischen Geschichte. Das Ethnonym ‚Araber‘ ist eine Fremdbezeichnung (assyrisch arubu, babylonisch arabu, hebräisch und aramä- isch ‫ ערב‬ʿarav, griechisch ΑΡΑΨ), die auf das arabische Nomen ʿarab ‚Nomade, Beduine‘ zurückgeht und erst im 4. Jh. nC von den Arabern als ethnische Selbstbezeichnung übernommen wurde – vorher gab es im Bewusstsein der Bewohner Nordarabiens nur Stämme. Die Assyrer nahmen diese Stämme als politische Akteure (die sie sind) ernst und behandelten sie wie alle anderen Vasallen auch, womit sie natürlich gescheitert sind, da für Stammesangehörige Loyalität immer kündbar bleibt. Neben den schon genannten ‚Söhnen Ismaels‘ (Gen 25,12–15) erscheinen in den assyrischen Inschriften des 8. und 7. Jh. auch Duma, Nebajot und Nafisch sowie ‚Ismael‘ selbst (als Su-mu-AN, was als Die Nachbarn Judas: Ammon, Moab, Edom, die Araber und die Philister | 269 *Šåm‘ān = ‚Simeon‘ oder *Šåmå‘il ,Gott hat ‫ = שמעאל = ישמעאל‬erhört‘ gelesen werden kann). Araber wurden auch von Hiskija in den Dienst genommen und ließen sich an der Steppengrenze, also im Negev von nun an auch nieder. Das Hebräische hat zwei Lehnwörter aus dem Altnordarabischen aufgenommen, die es im späteren Arabisch nicht mehr gibt: bakrat ‚junge Kamelstute‘ →‫בכרה‬ bḵera, und ẓīrat ‚Pferch, Hürde‘ →‫ צירה‬ʦira (Hab 3,17) und (über das Reichs- aramäisch) ‫ טירה‬ṭira (z.B. Gen 25,16). In Südarabien kam es durch die Fernwirkung des Welthandels, der nun- mehr von Südarabien bis Südspanien (Tartessos, Tarschisch, Jona 1,3) reichte, und den Kulturkontakt mit Syrien und Assyrien zur ‚sekundären Staatenbil- dung‘ des Stammes-Staates Saba (im Gebiet des heutigen Jemen), die sich in den assyrischen Inschriften regelrecht ablesen lässt: 734 verzeichnet Tiglat- Pileser die Sabäer als einen Stamm unter anderen, aber 716 kennt Sargon des- sen Anführer: It’amra, der ‚Mann von Saba‘ (HTAT S. 305 Nr.158), der in altsabä- ischen Inschriften als Yiṯaʿʾamar Bayyin bin Sumuhūʿalī erscheint und den Titel ‚Mukkarib‘ führt, womit ein tribal-religiöses Oberamt bezeichnet zu werden scheint. Sanherib nennt dann vor 685 Karib’il, den ‚König von Saba‘, der Karib’il Watar entspricht, dem ersten Mukarrib von Saba, der den Königstitel annahm und mit assyrischen Methoden Sabas Nachbarn unterwarf. Altsüdaraber waren keine ‚Araber‘, sondern allenfalls ‚Arabier‘, Mitbewohner der arabischen Halb- insel; seit dem 2. Jahrtausend vC bildeten sie eine bäuerliche Stammesgesell- schaft, die am Ost- und Nordhang des arabischen Randgebirges Bewässerungs- feldbau betrieb. Sie kolonisierten die gegenüber liegende afrikanische Küste (heute Eritrea). Aus dieser Kolonie ging schon im Altertum der Staat Äthiopien hervor, in dessen Schrift die altsüdarabische Schrift bis heute fortlebt. Aufgrund des hohen Preises, den Weihrauch im Mittelmeerraum erzielte (in der alten und bis in die frühneuzeitliche Welt stank es im Alltag erbärmlich, was als Gegen- mittel starke Aromen erforderte), entstand im 7./6. Jh. die Legende von ‚glücklichen Arabien‘, Arabia felix (eine mögliche, hier aber falsche Übersetzung von arabisch yaman, was nichts weiter als ‚rechts‘ = ‚süd‘ heißt; heute der Landesname ‚Jemen‘). Im Rahmen dieser Legende fand auch die ‚Königin von Saba‘ in die Bibel (1 Kön 11), deren Geschlecht freilich an die ‚Königinnen‘ der Araber des 7. und 6. Jh. erinnert. Hamat und Damaskus, Ammon, Moab und Edom sind ohne Hinterlassen- schaft verschwunden, sieht man von ihrer DNA ab, der aber keine soziale oder kulturelle Bedeutung zukommt. Die Philister haben – ohne ihr Zutun – den Namen ‚Palästina‘ zurückgelassen. Sonst sehen wir sie 701 als Gruppe von mitt- lerweile noch vier Städten politisch so uneinig wie im 10. und 9. Jh. Kulturell ist eine Bauinschrift aus Ekron im 7. Jh. aufschlussreich, sie zeigt, wie und wo sich die Philister an ihr kanaanäisches Umfeld assimiliert haben und wo nicht: 270 | Juda unter Assur (734 vC bis 609 vC) und der Untergang Israels (727–720 vC) Tempelbauinschrift aus Ekron. 7. Jh. Text: S. Gitin et al., IEJ 47 (1997) 1–16; cf. auch HTAT S. 346 Nr. 192; S. Aḥituv, Echoes from the Past (Jerusalem 2008) 335-340. ‫בת בן אכיש בן פדי בן‬ Bet bana Aḵyoš ben Paday 1. Haus, das gebaut hat ben Ikayuš, ‫יסד בן אדא בן יער שר‬ Yasud ben Adda ̓ ben Yaʿir 2. Yasud, Sohn des ʾAddaʾ, ‫עק‬ sár ʿEk Sohn des Yaʿir, Vasallen- könig/Gouverneur von Ek- ‫רן לפתניה אדתה תברכה‬ ron le-Potniya ʾadatto 3 ron, für Pot(n)iya, seine ‫ות‬ tevareké ̱ hu we-ti Herrin. Möge sie ihn seg- nen und be- ‫שמ ]ר[ה ותארך ימה‬ sm̌oréhu we-taʾareḵ ya- 4 schützen und seine ‫ותברך‬ méhu u-tvareḵ Lebenszeit lang machen und segnen ‫]א[ רצה‬ ʾarʦo 5 sein Land. ‘Ikayuš’ nach assyrisch I-ka-ú-su, biblisch ‫‚ אכיש‬Achisch‘ (Name des Königs von Gat im 10. Jh.), zweifellos ‚philistäisch‘. Die Namen seiner Vorfahren sind hingegen alles Hypokori- tistika kanaanäischer Namen. Die Orthographie der Inschrift ist phönizisch, aber nicht die Morphologie, die sich lediglich als ‚südkanaanäisch‘ klassifizieren lässt. Der Vater, der bei Sanherib einfach ‚Padi‘ heißt, hat hier eine Namensform, in der y konsonantisch sein muss, also *Padiya oder *Paday. Die ‚Rückbesinnung auf die Wurzeln‘ war im 7. Jh. ein globales Anliegen. Nicht-semitisch ist auch der Name der Göttin, Potnia (schon mykenisch) ‚Herrin‘ (das t ist unvollständig, aber die Lesung ‫ פתגיה‬ergibt keinen Sinn). Dass Ikayuš sich nicht ‫מלך‬, sondern ‫ שר‬nennt, ist entweder ein Assyrianismus, oder er spielt mit dem Bedeu- tungsunterschied zwischen assyrischem šarru ‚König’ und hebräischen ‫ שר‬śar ‚Beamter‘, ‚Funktionär‘ (nicht ‚Prinz, Fürst‘ wie in manchen Bibelübersetzungen). Ekron erreichte im 7. Jh. seine größte Ausdehnung und höchste Blüte. Über 100 Olivenpressen machen die Stadt zu einem Zentrum der damaligen Ölindustrie. Die hier verarbeiteten Oliven wuchsen in der Schefela, aber auch auf dem judäi- schen Gebirge. 6.5 Juda unter Assur 1 Herzog (1997) 249–253. – S. Blakely, Images, Merchants, and Mercenaries: Aegeans and Southern Judah in the Eighth Century BCE: Z.I. Farber / J.L. Wright eds., Archaeology and Histo- ry of Eighth-Century Judah (ANEM 23; Atlanta 2018) 35–55; R.M. van Dijk-Coombes, The Seated Figure from Hirbet Salih / Ramat Rahel and the Neo-Assyrian Throne-Chariot: ZDPV 134 (2018) 163–176; Y. Thareani, Empires and Allies: A Longue Durée View from the Negev Desert Frontier: O. Lipschits et al. eds., Rethinking Israel. Studies in the History and Archaeology of Ancient Israel in Honor of Israel Finkelstein (Winona Lake, Ind. 2017) 409–428; O. Lipschits et al. eds., What Are the Stones Whispering? Ramat Rahel: 3000 Years of Forgotten History. Winona Lake, Juda unter Assur | 271 Indiana 2017); Z. Herzog and L. Singer-Avitz, Beer-Sheba III. The Early Iron IIA Enclosed Settle- ment and the Late Iron IIA-Iron IIB Cities (TAU.MS 33, Winona Lake, Indiana 2016); O. Lipschits / Y. Gadot / L. Freud, Ramat Rahel III. 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Unter seiner Regierung erreichte das Königreich Juda seine größte wirtschaftliche Blüte. Eingebunden in den Welthandel und dank der Pax Assyriaca ohne äußere Bedrohung, musste der Verlust der Schefela durch ‚innere Kolonisation‘ im Negev und ähnlich unwirtli- chen Teilen des Königreiches kompensiert werden. Auch der Druck des assyri- schen Tributs wirkte sich stimulierend auf die Produktion aus. Jeder Haushalt verfügte jetzt über Tafelgeschirr im Umfang der ‚Reichen‘ des 10. Jh., aber die soziale Ungleichheit hatte gegenüber damals um eine Zehnerpotenz zugenom- men (1:100). D.h. allen ging es besser als vor 300 Jahren, aber das wusste nie- mand, und die ‚Armen‘ fühlten sich zehnmal ärmer als zuvor. Das von Hiskija großzügig ummauerte Jerusalem füllte sich nun mit Menschen, indem die Ob- dachlosen aus der Schefela hier Zuflucht fanden. Jerusalems Einwohnerschaft wuchs über die hiskijanischen Mauern hinaus, und Manasse verlegte die Ost- mauer vom Ophel-Hang auf den Boden des Kidron-Tales (2 Chr 33,14). Manasses Jerusalem feiert sich selbst in Ps 48 (in 48.3, ‫ מלך רב‬méleḵ rav statt ‫מלך גדול‬ méleḵ gadol ‚Großkönig‘ ist ein Assyrianismus šarru rabbu gleicher Bedeutung). Denn Manasse hatte seine Lektion aus den Fehlern seines Vaters gelernt und Juda unter Assur | 273 war Assyrien gegenüber strikt loyal. Exemplarisch zeigt die archäologische Untersuchung von Tel ʿAroer (Thareani 2014), dass nach einem Siedlungs- wachstum im Negev seit der 2. Hälfte des 8. Jh. und dem Sanherib-Feldzug ge- gen Juda und Jerusalem 701 vC in der 1. Hälfte des 7. Jh. die bisherige Bewoh- nerschaft ihre Ortschaften im Negev wieder besiedelten und König Manasse Südjuda und den Negev zu entwickeln sich bemühte, natürlich auch im Interes- se der Assyrer, wegen des Arabienhandels und der Kupfergewinnung (Tebes 2014; Thareani 2017). Nicht zufällig im Rahmen dieser Interessen und Tenden- zen stammt die Königin an Manasses Seite aus dem Negev (Niemann 2006, 230- 233). Im 8./7. Jh. vC finden sich im Negev auch außerhalb der eigentlichen Orte zusätzliche Ansiedlungen („extramural neighborhoods“), die keineswegs von weggezogenen Verarmten aus den Orten bewohnt sind, sondern als Anzeichen von Sicherheit und Handel und Wandel in der Negev-Region von Familien von Militärangehörigen (Tel Arad; Horvat ʿUza) und anderen lokalen und regionalen Bewohnern verschiedener Ethnizität, auch Händlern (Kadesch-Barnea) be- wohnt und genutzt wurden (Thareani-Sussely 2008). Und man kann feststellen, dass aufgrund gemeinsamer Interessen Judäer, Edomiter und Araber in der Region koexistierten (Thareani 2014), ein Zustand, der am Ende des Königtums Judas zerbrach, wobei die konkreten Gründe dafür bei den Neobabyloniern, den Edomitern oder in Spannungen zwischen edomitischen und südjudäischen Gruppen gesucht werden (Thareani 2014a). Und neben den Verwüstungen des Sanherib-Feldzuges von Sanherib wurde anscheinend durch die Präsenz der Assyrer der Austausch zwischen der Levanteküste und der Ägäis befördert, wie Handelsgüter bis ins judäische Bergland zeigen (S. Blakely 2018). O. Lipschits, O. Sergi und I. Koch (2011) haben den neuerlichen Konsens zur manassitischen Blütezeit Judas mit der Beobachtung in Frage gestellt, dass aufgrund der zeitlichen Verteilung der Königsstempel die Produktivität des Krongutes unter Manasse im Vergleich zu Hiskija zurückging, und möchten diese Blüte wieder Joschija zuweisen. Dagegen spricht, dass die Wahrschein- lichkeit für Prosperität in Juda höher ist, wenn ringsum (relativ zu früher und später) Frieden und Stabilität herrscht, als in Zeiten kriegerischer Fragmentati- on des unmittelbaren Umfeldes, die spätestens ab 628/27 vC erneut einsetzte. Dass die Krongüter, bislang neben Zöllen und Kriegsbeute die einzige Quelle für ‚Staatseinnahmen‘ in ihrer Bedeutung zurückgingen, lässt sich damit erklären, dass nun möglicherweise vereinzelt begonnen wurde, Steuern zu erheben, falls man den folgenden Beleg-„Zettel“ (WSSS Nr. 422) als Beispiel einer Art „Steuer- quittung“ verstehen will und nicht eher als Lieferbeleg aus der Region der kö- niglichen West-Grenzfestung Lachisch: 274 | Juda unter Assur (734 vC bis 609 vC) und der Untergang Israels (727–720 vC) 13 ‫ב‬ b-šaloš ̒esre Im dreizehnten ‫שנה‬ šana Jahr ‫ראשני‬ rišoni die erste (Ernte) ‫לכש ל‬ Laḵiš la- von Lachisch an den ‫מלך‬ méleḵ König Als Könige mit mindestens 13 Regierungsjahren kommen in diesem Fall sowohl Joschija wie Manasse infrage. Ein flächendeckendes Steuerwesen mit jährlichen Lieferungen hatte es bislang in Israel wie Juda nicht gegeben (Niemann 1993). Falls hier Anfänge von Steuererhebung vorliegen, wäre es ein deutlicher Zuge- winn an Staatlichkeit. Die Forschung hatte lange die Tendenz, den in den Königsbüchern glorifi- zierten Herrschern (Salomo, Hiskija, Joschija) literarische Leistungen ihrer Schreiber wie sonstige Verdienste zuzuschreiben. Der Manasse betreffende Abschnitt 2 Kön 21,1–18 aber stellt eine einzige Verdammung dar: dem König werden so ziemlich alle Kultfrevel der Thora – die es im 7. Jh. noch nicht gab – zugeschrieben und damit der Untergang des Staates Juda 586/581 wegen ausge- lösten göttlichen Zorns begründet. Die Logik ist altorientalisch korrekt: wenn sich der König verfehlt, reißt er seinen Staat und dessen Bevölkerung mit in den Abgrund. Nur ist die Frage, ob Manasse nach den Maßstäben seiner eigenen Zeit überhaupt gesündigt hat. Haltlos ist die Angabe, er habe die unter Hiskija auf- gehobenen Tempel wiedererrichtet (Hiskija tat nichts dergleichen, wohl aber Manasse) und ‚wie Ahab‘ Baalsaltäre und Kultpfähle gestiftet – das tat alles nur der biblische Ahab, nicht der historische (2 Kön 21,3). Schwieriger zu beurteilen ist die Frage der Altäre für das ‚Himmelsheer‘ (21,3–5) – die Verehrung von Ast- ralgottheiten war im 7. (und 6.) Jh. große Mode (s.u.), und ihre Symbole hat Joschija wohl wirklich aus dem Tempel entfernt. Damit, dass er ‚seinen Sohn durchs Feuer gehen ließ‘ (21,6), folgte Manasse einer phönizischen Bestattungs- sitte verstorbener Kleinkinder. Wenn er Wahrsagerei, Zeichendeutung und Ah- nenkult praktiziert hat (21,6), handelte er wie jeder andere König seiner Zeit. Ein neues Kultbild der Aschera (21,7) war an der Zeit, denn als letzte scheint 200 Jahre früher Maacha eines gestiftet zu haben (1 Kön 15,13 – dass ihr Sohn Asa es zerstört habe, ist wohl eher Legende). Schließlich hat er ‚unschuldiges Blut‘ in Strömen vergossen (21.16) – nun ist ‚Unschuld‘ eine Frage der eigenen Position. Es ist überaus wahrscheinlich, dass unter Manasse eine anti-assyrische, proto- deuteronomistische Opposition aufkam. Bedenken wir, dass die Verantwortung für den Untergang des Staates Juda ausschließlich bei der größenwahnsinni- gen, aus deuteronomistischen Quellen gespeisten Politik Joschijas und seiner Nachfolger liegt, können wir dem Realpolitiker Manasse die Hinrichtung des Juda unter Assur | 275 einen oder anderen Oppositionellen kaum verdenken. Es ist bemerkenswert, dass die sonst ganz unhistorische ‚Geschichtsschreibung’ der Chronik im Fall Manasse ihre Vorlage, die Königebücher, hier einmal übertrifft (2 Chr 33,1–20). Die Chronisten schlussfolgern zu Recht, dass ein König, der es auf 55 Regie- rungsjahre bringt, nicht nur schlecht gewesen sein kann, lassen ihn deshalb von den Assyrern nach Babylon deportieren, wo er bereut und sich bekehrt (33,10–13). Danach können sie auf seine Verdienste zu sprechen kommen, die wohl alle ein fundamentum in re haben (33,14–17): den Bau der ‚äußeren Mauer‘ Jerusalems, die Delegation von Ausbildungs-Offizieren für die Miliz in die Städ- te Judas, und selbst gewisse kultische Reformen. So legte Manasse wohl die Basis für den Höhepunkt der Entwicklung Jerusalems, das neben der Ausdeh- nung nach Westen und Norden am Ende des 7. Jh. vC evtl. bis 20.000 Bewohner zählte (Faust 2015). Die Schuld am Untergang des Staates tragen nach der Chro- nik Zidkija und seine Zeitgenossen (2 Chr 36,12–17), nur dass die Chronisten ebenfalls von ‚Sünde‘ sprechen, wo wir ‚Dummheit‘ sagen würden. Wären die letzten Könige von Juda Manasses Politik gefolgt, hätte es kein ‚Exil‘ gegeben – aber dann auch keine Bibel. Eine Gegenüberstellung der biblisch-theologisch verurteilten Handlungen Manasses mit der zugrundeliegenden historischen Wahrscheinlichkeit zeigt, dass sie sich gegenseitig substantiell bestätigen, nur in der kontextuellen Inter- pretation auseinanderfallen. Tab. 14: „Sündige“ Regierungsmaßnahmen König Manasses (2 Kön 21,1–18) Biblisch-Theologische Darstellung Historische Bewertung Höhenheiligtümer wieder aufgebaut, Königliche Fürsorgepflicht, orthodox, erst Jahrzehn- die Hiskija zerstört hatte te später (Dtr) verboten; Hiskija hat die Tempel außerhalb Jerusalems nicht ‚zerstört‘, sondern wohl nur ihre Kultbilder vor den Assyrern nach Jerusalem in Sicherheit gebracht, die Manasse zurückführte. Altäre für Baal und das Heer des Königliche Fürsorge, orthodox, erst von Dtr verboten. Himmels Ein gewisses Maß an Sin-Verehrung („Baal von Harran“) und etwas Astralkult war unter assyrischer Herrschaft unvermeidbar. Anfertigung einer Aschera und Aufstel- Königlicher Privattempel, orthodox, erst von Dtr lung im Jerusalemer Tempel verboten Heer des Himmels angebetet s.o. Manasse ließ seinen Sohn durchs Eher Feuerbestattung als „Moloch-Opfer“ Feuer gehen 276 | Juda unter Assur (734 vC bis 609 vC) und der Untergang Israels (727–720 vC) Biblisch-Theologische Darstellung Historische Bewertung Zeichendeutung seinerzeit orthodox, erst von Dtr verboten (Schlangen)Beschwörung seinerzeit orthodox, erst von Dtr verboten Totenbeschwörung seinerzeit orthodox, erst von Dtr verboten Wahrsager seinerzeit orthodox, erst von Dtr verboten = „was doch durch das ganze Gesetz Ahistorisch: Gesetz Moses gab es noch nicht; Moses verboten war“ juristisch: Rückwirkungsverbot Unschuldiges Blut vergossen Bekämpfung der unter Manasse beginnenden (nationalistischen, antiassyrischen) dtr. „Bewe- gung“? Die Astralisierung des Pantheons – die Verehrung des Himmelsheeres – ist typisch für die assyrische (und aramäische) Religion des 7. Jh. Die Kontroverse, ob es sich dabei um freiwillige Akkulturation (Cogan) handelte oder die Assyrer die Verehrung Assurs von ihren Vasallen verlangten (Spieckermann), ist ge- klärt: die Assyrer verlangten sie nicht, ihr oberster Gott wurde ausschließlich in seinem Tempel in Assur verehrt. Allerdings galten die Götter der unterworfenen Staaten als seine Kinder (vgl. Dtn 32,8–9). Ihre Statuen wurden in den Assur- Tempel gebracht, um dort von Assur ‚geboren‘ zu werden, dann kehrten sie in ihre Heimattempel zurück (B. Pongratz-Leisten). JHWH als ‚höchsten Gott‘ zu bezeichnen, wäre in dieser Zeit Hochverrat gleichgekommen (was die Oppositi- on wohl schon tat) – es sei denn, man hätte JHWH und Assur gleichgesetzt. Zuständig für den ‚Westen‘ war für die Assyrer darüber hinaus nicht Assur selbst, sondern Sin von Harran, der ‚Herr des Westens‘. Freiwillige Akkulturati- on an die Religion der herrschenden Macht ist für die Oberschicht belegt: die Siegel zeigen zunehmende Verehrung des Sin von Harran (aramäisch/phöni- zisch ‫ בעל חרן‬Baʿal Ḥarrān) auch in Juda, Ammon und Moab (vgl. auch schon 2 Kön 16,10–12). Manasse diente loyal drei assyrischen Königen: Sanherib (705–681), Asar- haddon (681–669) und Assurbanipal (669–627?). 681 (nicht, wie die biblische Darstellung 2 Kön 19,37 || Jes 37,38 insinuiert, unmittelbar nach seiner Rückkehr vom Feldzug 701) wurde Sanherib ermordet (HTAT S. 334–35 Nr. 184–185), im folgenden Bürgerkrieg setzte sich Asarhaddon, der nicht Kronprinz gewesen war, durch. Unter Asarhaddon waren judäische Arbeiter mit daran beteiligt, Bauholz und Steine für den Bau des Zeughauses vom Libanon nach Ninive zu transportieren (HTAT S. 339–42 Nr. 188). Diejenigen, die in die judäische relati- ve Abgeschiedenheit zurückkehrten, hatten zum erstenmal in ihrem Leben eine Weltstadt gesehen (600 ha – zehnmal größer als Jerusalem). Der Kulturschock, Juda unter Assur | 277 den sie erfahren haben müssen, ist wohl nur mit dem der Ureinwohner Nord- amerikas vergleichbar, die Sir Walter Raleigh und andere mit zurück nach Lon- don brachten. Judäische Truppenkontingente nahmen an der assyrischen Er- oberung Ägyptens unter Asarhaddon und Assurbanipal teil (HTAT S. 345–346 Nr. 191; vgl. Jes 19,2–15). Von 664–656 war Nordägypten assyrische Provinz, 656 setzte Asarhaddon die 26., saïtische Dynastie als Vasallenkönige ein, die Assyri- en bis zum bitteren Ende die Treue hielten. Die Bipolarität von Ägypten und mindestens einer syrisch-mesopotamischen Großmacht, die den Vorderen Ori- ent seit dem 2. Jahrtausend vC strukturiert hatte, war zum erstenmal beendet. Die Welt war Eine geworden, die ganze Ökumene politisch geeint. Dieser Globalisierungs-Sprung löste bei allen Betroffenen, auch in Assur selbst, eine Besinnung auf die eigenen Wurzeln aus: die ‚saitische Renaissance‘ in Ägypten fälschte recht erfolgreich Inschriften des 3. Jahrtausends, in Ninive trug Assurbanipal die gesamte Keilschriftliteratur zusammen, als hätte er ge- ahnt, ‚dass nach ihm würd’ kommen nichts Nennenswertes‘. Jetzt liegt sie seit 150 Jahren im Keller des British Museum und ist immer noch nur zum kleineren Teil zusammengesetzt und gelesen. Es ist wahrscheinlich, dass nun auch in Samaria und Israel die Verschriftung und redaktionelle Weiterbearbeitung der eigenen Tradition begann – die Haus David-Geschichte wechselte spätestens jetzt von Königsmüttermund in Schreiberhand, aus israelitischen und judäi- schen Annalen wurde wohl eine ‚synchronistische Chronik‘ zusammengestellt, die der Annalentradition in den Königsbüchern zugrunde liegt, und Prophe- tenworte und – überlieferungen wurden womöglich auch aus antiquarischen Interesse gesammelt, um in persischer Zeit zu Prophetenbüchern zu werden. Der assyrische König Asarhaddon war der erste Deuteronomist. Als ‚Deute- ronomisten‘ gelten in der Bibelwissenschaft Autoren, die im ‚Geist‘ und im Stil des Deuteronomiums schreiben. Der Stil ist leicht erkennbar, mit ‚Geistern‘ ist es so eine Sache. Sprache und Inhalt gehen nicht Hand in Hand, es gibt recht realistische ‚Links-Deuteronomisten‘ (z.B. im Jeremiabuch) und ganz vernagelte Rechts-Deuteronomisten (z.B. im Königebuch). Es ist beliebt, von einer ‚deute- ronomistischen Bewegung‘ zu sprechen, aber es handelte sich im Wesentlichen um die Familie von Joschijas Kanzler Schafan (2 Kön 22; 25,22, vgl. unten S. 285, Tab. 15) und ihre Klienten, die freilich bis weit über das 5. Jh. hinaus ‚Schule machten‘ (auch im wörtlichen Sinn). Nun ging Schafan selbst zur Schule, als dort die ‚Annalen‘ Asarhaddons gelesen wurden. Die Prunk- und Spreiz- Rhetorik Asarhaddons wurde prägend für den deuteronomistischen Stil. Auch inhaltlich verdankt der Deuteronomismus zwei wesentliche Anregungen diesem König (bzw. seinen Chef-Ideologen): 278 | Juda unter Assur (734 vC bis 609 vC) und der Untergang Israels (727–720 vC) (a) Selbst ein Usurpator, schloss Asarhaddon mit seinen Vasallen Verträge ab, in denen sie ihm und dem Kronprinzen Assurbanipal Treue und ‚Liebe‘ gelobten und wofür sie vom Großkönig mit ihren Ländern belehnt wurden. Diese Art Vasallitätsvertrag heißt in der Bibel ‫ ברית‬brit, Bibel-deutsch ‚Bund‘. Nach diesem Vertragsformular ist der Kern von Dtn 5–28 gestaltet: JHWH ver- pflichtet Israel dazu, die Thora zu halten, und belehnt es im Gegenzug mit sei- nem Land. Diese Übertragung, die den nach altorientalischem Verständnis zwischen Göttern und dem Volk vermittelnden König auslässt, war natürlich erst nach 586/82 möglich. Bemerkenswert ist aber grundsätzlich, dass Asarhad- don, dem Assur als seinem Vizekönig alle Gewalt auf Erden übertragen hat, seine Herrschaft verrechtlicht: in mehr als einer Hinsicht ist Assur Rom avant la lettre. (b) Dass alles Unglück, das den König und sein Reich trifft, auf den Zorn des einen oder anderen, in der Regel des eigenen obersten Gottes zurückgeht, war altorientalisches Gemeingut (vgl. z. B. die Meša‘-Inschrift). In Asarhaddons Darstellung der Zerstörung Babylons durch Sanherib finden wir dann aber das ‚volle deuteronomistische Programm‘: Verfehlung der Babylonier, Zorn Marduks, Zerstörung Babylons, Begnadigung der Babylonier nach 11 statt 70 Jahren, Wiederaufbau der Stadt. Aus Asarhaddons Babel-Inschriften nach R. Borger, Die Inschriften Asarhaddons, Königs von Assyrien (AfO.B 9; Horn 1956) 10–29. Episode 3 Rezension B und G. Man knebelte den Schwachen und schenkte ihn dem Mächtigen. In der Stadt gab es Bedrü- ckung und Bestechung. Tag für Tag, nie endend, stahl einer des anderen Eigentum. Der Sohn verfluchte auf der Straße seinen Vater. Episode 4 Rezension A und D. An das Besitztum Esagilas [den Marduk-Tempel], des Palastes der Götter, eines (für Laien) unbetretbaren Ortes, legten sie ihre Hand … Episoden 5–10 Rezension A und D. Da ergrimmte der Herr der Götter, Marduk; um das Land niederzuwerfen und seine Bewoh- nerschaft zu verderben, sann er auf Böses. Der Arachtu …, eine wütende Flut, … ein Ebenbild der Sintflut trat über; die Stadt, ihre (der Götter) Wohnstätte und ihre Kulträume überschwemmte er und machte sie zur Wüstenei. Sanherib hatte die Stadt erobert, verwüstet und ihre Götter wie Bewohner deportiert. Die biblische Sintflut ist umgekehrt in der Priesterschrift eine Chiffre für die assyrisch- babylonische Periode mit ihren Verwüstungen, vgl. ‚das Ende ist gekommen‘ in Gen 6; Am 8,2; Ez 1–3; 8–11. Juda unter Assur | 279 Die Götter und Göttinnen, die darin wohnten, flogen fort wie Vögel und stiegen zum Himmel empor. Die Schutzgötter flohen … und zogen seitdem anderswo herum. Einerseits sind die Kultbilder deportiert, andererseits haben sich die Götter aus ihren irdi- schen Leibern zurückgezogen. Vgl. Ez 1 und 3; 8–11: schon einige Zeit vor 586 verlässt die Schechina (von hebr. šakan „wohnen“), d.h. die Einwohnung bzw. Anwesenheit JHWHs, den Tempel von Jerusalem. Obgleich er 70 Jahre [vgl. Jer 29,10; 2 Chr 36,21] als Frist seiner Entvölkerung (auf die Schicksals- tafeln) geschrieben hatte, hat der barmherzige Marduk, nachdem sein Herz alsbald zur Ruhe gekommen war, die Ziffern vertauscht und seine Wiederbebauung im 11. Jahre [679/8] befohlen. Episode 36 Rezension E Esagila, den Palast der Götter, … baute ich von seinem Fundament bis zu seiner Zinne neu auf; ich machte es größer, höher und herrlicher als zuvor. Episode 32 Rezension A Die Götter und Göttinnen, die darin wohnten, welche das Überschwemmungswasser und der Gewitterregen fortgeführt hatten, deren Aussehen traurig geworden war, hob ich aus ihrem schlimmen Verfall, ihre verdüsterten Züge ließ ich erglänzen, ihr schmutziges Ge- wand reinigte ich, und ich ließ sie in ihren Heiligtümern auf ewig wohnen. Episode 36 Rezension C und F Die geraubten Landesgötter habe ich aus Assyrien und Elam an ihren Ort zurückgebracht … Episode 37 Rezension A, C und F Die Verkauften, welche in Sklaverei geraten … waren, sammelte ich und machte sie wieder zu Babyloniern: ihr geraubtes Eigentum gab ich ihnen zurück. Die Nackten bekleidete ich. Dann ließ ich sie den Weg nach Babel einschlagen. Ich ermunterte sie, sich in der Stadt nie- derzulassen … Manasse hat eher als Hiskija kultische Reformen durchgeführt, so wurde der Tempel in der Festung von Arad aufgehoben (anders Herzog 2001), wobei die beiden Masseben und Räucheraltäre nicht vandalisiert, sondern sorgsam be- stattet wurden. Wahrscheinlich hat Manasse ein wesentliches Theologumenon aus Assyrien übernommen: während die Väter- und Richtererzählungen, Sa- muelbuch und 1 Kön 8,12f den Eindruck erwecken, im tribalen Israel hätte jedes Sippenoberhaupt oder auch König einen Tempel oder Kultort errichten können, wo es ihm passte, suchten sich die assyrischen Götter ihre Kultorte wie die von ihnen bewohnten Kult-Leiber, die Statuen, selber aus. Nur wo ein Gott mitteilte, wohnen zu wollen und wie, konnte ein Tempel errichtet werden. Jetzt heißt es im ‚Altargesetz‘ Ex 20,21 ‚An jedem Ort, an dem ich veranlasse, dass meines Namens gedacht wird, werde ich zu dir kommen und dich segnen‘, oder präzi- ser: ‫ המקום אשר יבחר יהוה בו לשכן שמו שם‬ha-maqom ̒ašer yivḥar YHWH bo l- 280 | Juda unter Assur (734 vC bis 609 vC) und der Untergang Israels (727–720 vC) šakken šmo šam ‚einen Ort, den YHWH erwählt, um dort seinen Namen wohnen zu lassen‘ (Dtn 12,11). In seinem Kern ist das ‚Kultzentralisationsgesetz‘ Dtn 12 ein ‚Kultlegitimationsgesetz‘, die Formulierung schließt eine Mehrzahl legitimer Kultorte nicht aus. Sie hat lediglich von Assur gelernt, den überirdischen Auf- enthaltsort der Götter mit ihrer irdischen Präsenz zu vermitteln, und zwischen legitimen und illegitimen Kultstätten zu vermitteln. Arad fiel durch. Hundert Jahre nach Israel wird auch in Juda die Religion verstaatlicht. Nach assyrischem Vorbild und mit assyrischer Wasserbau-Technologie leg- te sich Manasse und/oder sein Nachfolger am Südostende des Ophel (s.o. den Exkurs zur Baugeschichte und Demographie Jerusalems, S. 136–156). einen ‚königlichen Garten‘ an, in dem er und sein Sohn auch bestattet wurden (2 Kön 21,18, 26; vgl. Jer 52,7; 2 Kön 25,4). Zu dieser Anlage gehören Siloah- Kanal, -Teich und -Inschrift (HTAT S. 328–329 Nr. 180). Der Inschrift fehlt das Incipit, die Einleitung, obwohl der Fels für dessen Aufnahme vorbereitet worden war, und auch die Gartenarchitektur blieb unvollendet (D. Ussishkin). Für die traditionelle Datierung (Ende des 8. Jh.) ist die Schrift zu kursiv. Inschrift wie Garten blieben unvollendet, weil ein Regime-Wechsel der assyrischen Mode ein Ende gemacht hatte – doch wohl 640 vC. Auf Manasse geht wohl auch die Anla- ge des königlichen Landsitzes von Ramat Rahel (Stratum VB), südöstlich von Jerusalem auf der Mitte des Weges zwischen Jerusalem und Betlehem, zurück, das in Stratum VA (ab ca. 625 vC) zu einem bedeutenden administrativen Zent- rum ausgebaut, 586 vC nicht zerstört und deshalb in persischer Zeit bis Ende 4. Jh. benutzt und mit einem Garten (παράδεισος) ausgestattet wurde (Lipschits / Gadot / Freud 2016). Dort konnte man den Sommer außerhalb des dicht bevöl- kerten und entsprechend übelriechenden Jerusalem verbringen. Vielleicht ist ein judäischer König auf einer Scherbe von Ramat Rahel abgebildet, repräsenta- tiv nach der Mode der (assyrischen) Epoche auf einem Thronwagen sitzend (R.M. van Dijk-Coombes 2018). Die Alternative, dass es sich bei Ramat Rahel um den Sitz des assyrischen Kommissars am Jerusalemer Hof handelte, ist weniger attraktiv, da sich dieser Kommissar tunlichst in der Umgebung des Königs in der Hauptresidenz aufgehalten haben sollte. Sollte König Manasse abgebildet sein, macht die (Selbst-)Darstellung auf der Scherbe als aktiver Herrscher wie ein assyrischer (Groß-)König auf einem Streitwagen Sinn, dies aber abseits des assyrischen Kommissars bei Hofe, gerade weil Manasse als Vasall abhängig war – jedoch zum Vorteil seines Landes und Volkes. Ein ähnliches ‚Trianon‘ legte sich der ammonitische König Amminadab ben Hiṣṣilʾel ben ʿAmminadab zu (es liegt heute unter der Moschee der ‚University of Jordan‘), das er im Zuge einer Weihung von Erstlingsfrüchten (o.ä.) folgendermaßen besang: Der Untergang Assurs und die Rückkehr Ägyptens nach Kanaan | 281 Bronzeflasche vom Tell Sīrān. 2. Hälfte 7. Jh. Ammonitisch. Text: Sh. Aḥituv, Echoes from the Past (Jerusalem 2008) 363–367. ‫מעבד עמנדב מלך בנעמן‬ ma ̒avde ̒Amminadav méleḵ Die Werke Amminadabs, bne ̒ammon Königs der Ammoniter, ‫בן הצלאל מלך‬ ben hiʦil ̓el méleḵ Sohn des Hiṣṣilʾel, Königs ‫בנעמן‬ bne ̒ammon der Ammoniter, ‫בן עמנדב‬ ben ̒amminadav Sohn des Amminadab, ‫מלך בנעמן‬ méleḵ bne ̒ammon Königs der Ammoniter: ‫הכרם וה גנת‬ ha-kérem we-ha-ginnat der Weinberg und der Gar- ‫והאתחר ואשחת‬ we-ha-̓etḥar we- ̓ašuḥat ten und der Staudamm (?) mit Teich. ‫יגל וישמח‬ yagel we-yismaḥ Er sei fröhlich und freue sich ‫ביומת רבם ושנת‬ be-yomot rabbim we-šanot für viele Tage und noch ‫רחקת‬ reḥoqot  ferne Jahre. 6.6 Der Untergang Assurs und die Rückkehr Ägyptens nach Kanaan R. Rollinger, Das Phantom des Medischen ‚Großreichs’ und die Behistun-Inschrift: E. Dabrowa 1 ed., Ancient Iran and its Neigbours (Elektrum 10; Krakau 2005) 11–29; G. Baumann, Die Erobe- rung Ninives bei Nahum und in den neubabylonischen Texten. Ein Motivvergleich: J.F. Diehl et al. eds., „Einen Altar von Erde mache mir…“. FS für D. Conrad zu seinem 70. Geburtstag (KAANT 4/5; Waltrop 2003) 5–19; P. Machinist, The Fall of Assyria in Comparative Ancient Perspective: S. Parpola & R.M. Whiting ed., Assyria 1995. Proceedings of the 10th Anniversary Symposium of the Neo-Assyrian Text Corpus Project Helsinki, September 7–11, 1995 (Helsinki 1997) 179– 195; D. Stronach, Notes on the Fall of Niniveh: ibid., 307–324; S. Parpola, Letters from Assyrian and Babylonian Scholars (SAA 10; Helsinki 1993); H. Sancisi-Weerdenburg, Was There Ever a Median Empire?: id. & A. Kuhrt ed., Method and Theory: Proceedings of the London 1985 Achaemenid History Workshop (Achaemenid History 3; Leiden 1988) 197–212; Sh. Aḥituv, Canaanite Toponyms in Ancient Egyptian Documents (Jerusalem und Leiden 1984). 664, mit der Eroberung Ägyptens, stand das Assyrerreich auf der Höhe seiner Macht. Es reichte von Lydien im Westen bis Elam (West-Iran) im Osten (vgl. Gen 10,22). Beim Tode Assurbanipals, dessen Jahr nicht sicher feststeht (zwischen 630 und 627), stand es am Abgrund, 614 fiel die Stadt Assur, 612 Ninive, 605 verschwand sein letzter Rest. Es brach wesentlich schneller zusammen, als es gewachsen war. Es hinterließ aber die Praxis des Weltreiches (die Idee dazu stammt schon aus dem 3. Jahrtausend), die in Israel/Palästina in fast ununter- brochener Reihenfolge von diversen Nachfolgern bis zur Gegenwart ausgefüllt wurde (Babylon – Perser – Alexander und seine Nachfolger – Rom – Byzanz – 282 | Juda unter Assur (734 vC bis 609 vC) und der Untergang Israels (727–720 vC) Omayyaden – Fatimiden – Kreuzfahrer – Ayyubiden – Mamluken – Osmanen – Briten – USA). Assyrien, das Zentrum, hatte seine Ressourcen überbeansprucht und erlag jetzt dem Rückschlag aus der Peripherie. Möglicherweise hatte sich die Armee in Ägypten mit epidemischen Krankheiten angesteckt und diese ins Mutterland zurückgebracht (die im 7.–5. Jh. sprichwörtlich waren: vgl. Ex 15,26; Dtn 7,15; 28,60). Im Jeremia-Buch wird der Untergang Judas auf die Trias ‚Schwert, Hungersnot und Seuche‘ zurückgeführt (24,10; 29,17.18;), und noch die Pocken-Epidemie in Athen, der Perikles zum Opfer fiel (Thukydides 2.47–55) könnte ein Ausläufer dieser im 7. Jh. beginnenden Pandemie sein. In den Briefen assyrischer Gelehrter an Asarhaddon und Assurbanipal fällt auf, dass der Hof in einem permanenten Angstzustand lebte, der vielleicht nicht nur neurotisch war. Nach dem Tod Asarhaddons, der Assyrien und Babylonien in Personaluni- on regiert hatte, folgten in Assyrien Assurbanipal, in Babylonien sein Bruder Šamaššumukin. Babylon, die Wiege der akkadischen Sprache und Literatur, betrachtete Assur als barbarischen Emporkömmling (wie die Griechen die Ma- kedonen) und fühlten sich unter assyrischer Herrschaft so wohl wie jüngst die christlichen Zivilisationen Ostmitteleuropas unter sowjetischer Herrschaft. 652 vC war Šamaššumukin mit der Oberherrschaft seines Bruders so unzufrieden, dass er revoltierte. Die assyrische Armee war unwiderstehlich, außer, sie be- kämpfte sich selbst. Assurbanipal brauchte bis 648, um den Aufstand nieder- zuwerfen. Das assyrisch-babylonische Kernland war verwüstet. Schon 649 bre- chen die Eponymen-Listen ab, die Listen der hohen Beamten, denen jeweils ein Jahr ‚gewidmet‘ war und nach denen datiert wurde. Zwar gelang Assurbanipal 644 noch einmal ein Sieg über Elam, aber danach werden die ‚Annalen‘ nicht mehr weitergeführt. Die Wirklichkeit wurde so grauenvoll, dass die Assyrer keine Worte mehr dafür hatten. 626 ergriff in Babylon Nabopolassar, ein aramä- ischer Häuptling aus Südbabylonien (Chaldäer), die Macht und drängte Assur schrittweise zurück. 612 eroberten Chaldäer und Meder, also aramäische und iranische Stammesverbände, vereint Ninive (im Buch Nahum gefeiert – im Nachhinein). Das ‚medische Reich‘ Herodots und in Daniel (8,20; 9,1; 11,1) ist allerdings Fiktion (H. Sancisi-Weerdenberg). Das eben entworfene Szenario hat eine Parallele in der frühislamischen Er- oberung des Vorderen Orients durch die muslimischen Araber ab 629 nC. Durch die ‚Pest Justinians‘ ab 542 nC um 50% (oder mehr) ihrer Bevölkerung gebracht, zerfleischten sich die Großmächte Byzanz und das sasanidische Persien 603– 628 nC gegenseitig, worauf ihr Territorium (Persien ganz, von Byzanz die syri- schen und afrikanischen Provinzen) den zuvor machtpolitisch eher unbedeu- tenden, weil tribal fragmentierten Arabern anheimfiel. Zeitgenössische christli- che Beobachter wussten anfangs gar nicht, was ihnen geschah, und verstanden Joschija 640–609 vC | 283 die Welt nicht mehr. Im gleichen Zeitraum verschwand die sabäische Kultur, und der Jemen wurde ebenfalls arabisch. Vielleicht während des Šamaššumukin-Aufstandes 652–648, vielleicht kurz danach waren die Saiten von ägyptischen Vasallen zu Verbündeten geworden, denen Assurbanipal wahrscheinlich Südsyrien-Palästina übertrug. Spätestens in den 20er Jahren des 7. Jh. hatte das assyrische Beamtentum und Heer diese Region verlassen. Allerdings ließen sich die Städte, Stämme und Kleinstaaten Israel/Palästinas nicht ohne weiteres ‚überreichen‘; das philistäische Gaza leis- tete Psammetich (664–610) (nach Herodot 1.105; 2.157) Widerstand. 609 kam Pharao Necho II. dem assyrischen Rest-Reich westlich des Eufrat zu Hilfe und verlängerte sein Sterben bis 605. In diesem engen Zeitraum wurde aus ‚Assyri- en‘ das bis heute bekannte ‚(As)Syrien‘ (griechische Poeten benutzen beide Namensformen, je nach Metrum), abgesehen vom assyrischen Einfluss auf die biblische Literatur seine einzige Hinterlassenschaft, die nicht ausgegraben wer- den musste. Erst 609 vollendete Ägypten die Machtübernahme in Syrien- Palästina und herrschte nun ‚vom Eufrat bis zum Bach Ägyptens‘ (2 Kön 24,7) – bis 605/4 vC, vgl. oben S. 177 Abb. 41. 6.7 Joschija 640–609 vC I. Shai, Amon, Son of Manasseh: I. Shai et al. eds., Tell it in Gath. Studies in the History and 1 Archaeology of Israel. Essays in Honor of Aren M. Maeir on the Occasion of his Sixtieth Birth- day (ÄAT 90; Münster 2018) 595–601; T. Römer, The Rise and Fall of Josiah: O. Lipschits et al. eds., Rethinking Israel. Studies in the History and Archaeology of Ancient Israel in Honor of Israel Finkelstein (Winona Lake, In. 2017) 329–339; H.M. Niemann, Juda und Jerusalem. Über- legungen zum Verhältnis von Stamm und Stadt und zur Rolle Jerusalems in Juda: UF 47 (2016) 147-190; D. Kahn, Why did Necho II kill Josiah? : J. Mynářová, P. Onderka and P. Pavúk eds., There and Back Again – the Crossroads II: Proceedings of an International Conference Held in Prague, September 15–18, 2014 (Prague 2015) 511–528; E. Darby, Interpreting Judean Pillar Figurines. Gender and Empire in Judean Apotropaic Ritual (FAT 2. Reihe, 69; Tübingen 2014); D. Ben-Shlomo and E.D. Darby, A Study of the Production of Iron Age Clay Figurines from Jerusa- lem: TA 41 (2014) 180–204; I. Koch and O. Lipschits, The Rosette Stamped Jar Handle System and the Kingdom of Judah at the End of the First Temple Period: ZDPV 129 (2013) 55–78; M. Pietsch, Die Kultreform Josias. Studien zur Religionsgeschichte Israels in der späten Königszeit (FAT 86; Tübingen 2013); W. Schütte, Wie wurde Juda israelitisiert? ZAW 124 (2012) 52–72; R. Kletter and K. Saarelainen, Judean Drummers: ZDPV 127 (2011) 11–28; I. Finkelstein,Saul, Benjamin and the Emergence of „Biblical Israel“: An Alternative View: ZAW 121 (2011) 348–367; N. Naʾaman, The ‚discovered book‘ and the legitimation of Josiah’s reform: JBL 130 (2011) 47– 62; R.G. Kratz, The Idea of Cultic Centralization and Its Supposed Ancient Near Eastern Analo- gies: R.G. Kratz and H. Spieckermann eds., One God – One Cult – One Nation. Archaeological and Biblical Perspectives (BZAW 405; Berlin/New York 2010) 121–144; J. Pakkala, Why the Cult Reforms in Judah Probably Did not Happen: ibid., 201–235; B.U. Schipper, Egypt and the King- 284 | Juda unter Assur (734 vC bis 609 vC) und der Untergang Israels (727–720 vC) dom of Judah under Josiah and Jehoiakim: Tel Aviv 37 (2010) 200–226; I. Finkelstein & L. Sing- er-Avitz, Reevaluating Bethel: ZDPV 125 (2009) 33–48; N. Naʾaman, Saul, Benjamin and the Emergence of ‚Biblical Israel‘: ZAW 121 (2009) 211–224; 335–349; E.A. Knauf, Observations on Judah’s Social and Economic History and the Dating of the Laws of Deuteronomy: JHS 9/18 (2009); N. Naʾaman, Sojourners and Levites in the Kingdom of Judah in the Seventh Century BCE: ZAR 14 (2008) 237–279; E.A. Knauf, Bethel: The Israelite Impact on Judean Language and Literature: O. Lipschits & M. Oeming ed., Judah and the Judeans in the Persian Period (Winona Lake, Indiana 2006) 291–349; L.L. Grabbe ed., Good Kings and Bad Kings (LHB. OTS 393 = ESHM 5; London & New York 2005 =22007); R. Kletter, Pots and Polities: Material Remains of Late Iron Age Judah in Relation to its Political Borders: BASOR 314 (1999) 19–54; A. Livingstone, New Dimensions in the Study of Assyrian Religion: S. Parpola & R.M. Whiting ed., Assyria 1995. Proceedings of the 10th Anniversary Symposium of the Neo-Assyrian Text Corpus Project Hel- sinki, September 7–11, 1995 (Helsinki 1997) 165–177, besonders 170–73; B. Pongratz-Leisten, The Interplay of Military Strategy and Cultic Practice in Assyrian Politics: ibid., 245–252; H.U. Steymans, Deuteronomium 28 und die adê zur Thronfolgeregelung Asarhaddons. Segen und Fluch im Alten Orient und in Israel (OBO 145; Freiburg/CH und Göttingen 1995); Ch. Uehlinger, Gab es eine joschijanische Kultreform? Plädoyer für ein begründetes Minimum: W. Gross ed., Jeremia und die ‚deuteronomistische Bewegung‘ (BBB 98; Weinheim 1995) 57–89; N. Lohfink, Gab es eine deuteronomistische Bewegung?: ibid., 313–382 = id., Studien zum Deuteronomi- um und zur deuteronomistischen Literatur III (SBAB.AT 20; Stuttgart 1995) 65–142; id., Die Gattung der ‚Historischen Kurzgeschichte‘ in den letzten Jahren von Juda und in der Zeit des babylonischen Exils: ZAW 90 (1978) 319–347 = Studien zum Deuteronomium und zur deutero- nomistischen Literatur II (SBAB.AT 12; 1991) 55–86; H.M. Niemann, Herrschaft, Königtum und Staat (FAT 6; Tübingen 1993); N. Naʾaman, The Kingdom of Judah under Josiah: TA 18 (1991) 3– 71; Ch. Levin, Joschija im deuteronomistischen Geschichtswerk: ZAW 96 (1984) 351–371; R.D. Nelson, Josiah in the Book of Joshua: JBL 100 (1981) 531–540. Manasses Nachfolger ‫ אמון‬Amon (Shai 2018) fiel nach zweijähriger Regierungs- zeit einer Palastrevolution zum Opfer (2 Kön 21,18–26). Anders als beim Putsch Salomos und bei der Verschwörung gegen Atalja war die Frage, wer auf dem Thron Davids zu sitzen käme, jetzt keine rein jerusalemer Angelegenheit mehr: der ‫ עם הארץ‬ʿam ha-ʾareʦ, d.h. die judäische Landaristokratie, intervenierte und setzte den achtjährigen Prinzen ‫ יאשיהו‬Joschija als König ein (2 Kön 21,19– 22,1). Joschija kam als unmündiges Kind auf den Thron. Wenigstens die ersten zehn Jahre stand er unter der Vormundschaft der Revolutionäre von 640, wahr- scheinlich angeführt vom ‫ סופר‬sofer ‚Staatssekretär, [Premier-]Minister‘ Schaf- an ben Atzaljah ben Meschullam (2 Kön 22,3). Die Familie der Schafaniden sollte bis zum Untergang des Staates und darüber hinaus eine entscheidende Rolle spielen; auch von den assyrischen Königen des 7. Jh.s sind die Namen der ‚Chefminister‘ bekannt, die wahrscheinlich deren Annalen redigierten und da- mit deren Präsentation gegenüber der Mit- und Nachwelt bestimmten. Gemarjah ben Schafan war ein Staatssekretär Jehojakims (Jer 36,10.12) und stand wie sein Bruder Achikam hinter Jeremia (Jer 36,25). Achikam ben Schafan war der Patron Joschija 640–609 vC | 285 des Propheten Jeremia (Jer 26,24); El‘asah ben Schafan war Gesandter Zidkijas nach Babylon (Jer 29,3). Jaasanjahu ben Schafan wird zusammen mit Ältesten des „Hauses Israel“ wegen problematischer Räucheropfer im Jerusalemer Tem- pel erwähnt (Ez 8,10f). Gedalja ben Achikam ben Schafan war 586–581 der letzte König Judas (2 Kön 25,22). Tab. 15: Die Schafaniden, eine einflussreiche Familie in Juda Antiassyrische Palastrevolution in Jerusalem 640 vC Amon, Sohn Manasses, wird ermordet Judäische Landaristokratie interveniert Geführt von Schafan, Sohn Atzalijahs (2 Kön 22,3) wird der unmündige Joschija, Sohn Amons, Sohn Manasses auf den Thron gesetzt Gemarjah, Sohn Schafans: „Staatssekretär“ König Jojakims (Jer 36,10.12) Achikam, Sohn Schafans, Bruder Gemarjahs: Patron des Propheten Jeremia (Jer 26,24) Elʿasah, Sohn Schafans: Gesandter König Zedekijas nach Babylon (Jer 29,3) Jaasanjahu, Sohn Schafans bringt mit Ältesten Räucheropfer im Jerusalemer Tempel (Ez 8,10f) Gedaljah, Sohn Achikam, Sohn Schafans: letzter Gouverneur oder sogar König von Juda (586–582 vC) (2 Kön 25,22) Schafan dürfte hauptverantwortlich gewesen sein für das ‚Regierungspro- gramm‘, das in den Jahren bis zu Joschijas Volljährigkeit ausgearbeitet wurde. Die Thronbesteigung des Kind-Königs feiert Jes 9,1–7; die Perikope datiert den Abschluss der (Anti-)Assur-Redaktion des Jesaja-Buches. Die Zeit schien ge- kommen, das zerfallende Assyrerreich durch ein ‚davidisches‘ Reich nach dem gleichen Modell zu ersetzen. Dabei nahm der Staatsgott JHWH unweigerlich Züge Assurs an: er wurde an seiner Stelle höchster Gott (Ps 82*). Im nach- joschijanischen Weitergehen auf dem hier beschrittenen Weg verlangt JHWH einen Loyalitätseid wie der assyrische König bzw. schließt nach assyrischem Vorbild einen Vasallitätsvertrag (‫ ברית‬brit) mit Juda/Israel (Dtn 12–28*). Wie Assur befiehlt dieser JHWH die Unterwerfung und gegebenfalles Ausrottung seiner Feinde (Dtn 7; 20; Jos 6–12*). Assur war von der politischen Bühne abge- treten, blieb aber durch seine joschijanische Rezeption in den Köpfen präsent – bis heute. Der von der Tradition über Gebühr und Verdienst verherrlichte König Jo- schija ist eine durchweg unter dem Einfluss des „assyrischen Zeitalters“ und 286 | Juda unter Assur (734 vC bis 609 vC) und der Untergang Israels (727–720 vC) seiner (Herrschafts-)Ideologen oder Theologie stehende und zu verstehende Erscheinung. Im Machtvakuum zwischen assyrischer und ägyptischer Ober- herrschaft versuchte er 622–609, ein Imperium des Gottes JHWH zu errichten, wobei er bzw. seine Berater unter der Leitung des ‚Staatssekretärs‘ ‫ שפן‬Schafan JHWH mit Zügen Assurs ausstatteten. 609 zitierte Necho ihn zu sich in sein Lager bei Megiddo und ließ ihn, dort angekommen, augenblicklich als treulosen Vasallen hinrichten (2 Kön 23,29; eine Schlacht hat erst die chronistische Histo- riographie aus dieser Notiz gemacht, 2 Chr 36,20–24, wobei sie sich für die Ein- zelheiten beim Tod ‚Ahabs‘ in 1 Kön 22 bedient hat). Die Annalen-Tradition zu Joschija besteht aus 2 Kön 21,19.23–29; 22,1; 23,8–12*.28–30, der Rest von 2 Kön 22–23 besteht aus anachronistischen Phantasien. Die Notiz zu seiner Beerdi- gung ist so knapp wie die zu Hiskija. Sein Nachfolger wurde möglicherweise nicht der Kronprinz, sondern Jehoahas, ein Prinz von Gnaden des Landadels (2 Kön 23,30), den Necho nach drei Monaten (auf dem Rückweg von Harran) ab- setzte, deportierte und durch Eljakim, einen Bruder, ersetzte und in Jehojakim umbenannte, um den Judäern zu zeigen, wer das Sagen hatte. Faktizität, Umfang und Natur der in 2 Kön 22,3–23,7.13–25 erzählten ‚joschi- janischen Reform‘ sind umstritten (M. Pietsch 2013). J. Wellhausen fand hier mit dem Jahr 622 einen absolut-chronologischen Anker für die von ihm aufgestellte relativ-chronologische Sequenz ‚Jahwist–Elohist–Deuteronomium–Priester- schrift‘, und findet für diese Datierung des ‚Ur-Dtn‘ bis heute Anhänger. Dass der Text den Eindruck erwecken will, das Dtn mit dem bereits zum ‚Kultzentrali- sationsgesetz‘ mutierten Kapitel Dtn 12 sei 622 unter Joschija gefunden und augenblicklich von Joschija als Grundgesetz Judas in Kraft gesetzt worden, ist offenkundig. Wo aber Absicht vorliegt, ist methodisch Misstrauen angesagt. Es geht der Erzählung darum, Kontinuität zwischen ‚Ersten‘ und ‚Zweiten Tempel‘ zu konstruieren. Thora (statt König), Kultzentralisation, und anikonischer Mo- notheismus sind Merkmale, die den ‚Zweiten Tempel‘ von der religiösen Realität Judas bis 586/82 vC strikt unterscheiden. Der Tempel von Bet-El wurde (gegen 2 Kön 23,15) nicht 622, sondern in der ersten Hälfte des 5. Jh. zerstört. Dass es unter Joschija zu anti-assyrischen kultischen Maßnahmen kann, sagt auch die Annalen-Tradition (2 Kön 23,8–12), sie sagt aber auch, dass diese Maßnahmen auf Alt-Juda ‚von Geba bis Beerscheba‘ beschränkt waren (2 Kön 23,8). Was also könnte ‚622‘ geschehen sein? Plausibel wäre öffentliche Erhöhung JHWHs auch im Tempel von Jerusalem als ‚höchster Gott‘, was unter effizienter assyrischer Verwaltung ein Akt des Hochverrats gewesen wäre. Als ‚höchster Gott‘ wurde JHWH nunmehr mit dem Schöpfergott El identifiziert. Es scheint, als habe man unter Joschija in Jerusalem auch das Akitu-Fest übernommen, das babylonische Neujahrfest, in dem der höchste Gott (Marduk in Babylon, Assur in Assyrien) Joschija 640–609 vC | 287 aus der ‚Wüste‘ in feierlicher Prozession in sein Heiligtum einzieht und so die Schöpfung und den Bestand der Weltordnung erneuert. Im Zuge dieses Festes wurde die Schöpfungsgeschichte rezitiert (in Babylon Enūma elis). Die Assyrer fügten dem göttlichen Sieg über das Chaos bei der Schöpfung den Sieg über die politischen Chaos-Mächte, die Feinde Assurs/Assyriens, hinzu. In dieser Form scheint das Fest in Ps 47* rezipiert zu sein (vgl. auch Ps 15, 24 und 68). Die Re- form Joschijas dürfte also lokal auf Jerusalem konzentriert gewesen sein (Römer 2017) und bedeutete auch eine Stärkung der Rolle Jerusalems in Juda (Niemann 2016). Nach Jos 15,21–62; 18,21–28 umfasste Juda gegen Ende des 7. Jh. wieder ganz Benjamin und die Schefela. Neben Bet-El mit seinen israelitischen Traditi- onen kamen auch Gibeon (Jer 28,1) und Jericho (2 Kön 25,5) zu Juda, Lachisch (II) wurde wieder eine der Hauptfestungen des Staates. Dieses Territorium ist für diese Zeit auch kulturell als Einheit zu erfassen, jeder Haushalt scheint min- destens eine für Schutz und Heilung, weniger für Fruchtbarkeit (E. Darby) zu- ständige ‚Pfeilerfigurine‘ der Aschera besessen zu haben, die außerhalb Judas kaum verbreitet war (R. Kletter, vgl. oben S. 237, Abb. 55). Es liegt nahe, diese Erweiterungen zulasten ehemaliger assyrischer Provinzen Joschija 622–609 zuzuschreiben. Da Necho sie jedoch 609 bei Juda beließ und als legitimen Besitz ansprach, können sie auch schon von Asarhaddon (nach dem Ägyptenfeldzug 664 oder nach 648) an Manasse wegen dessen Wohlverhalten zurückgegeben worden sein. Wahrscheinlich verlief die Nordgrenze Judas beim Tod Joschijas wie die entsprechende Grenze der Provinz Yehud in persischer Zeit. In Jos 6,1– 10,14 werden Jericho, Ai und Gibeon erobert (Benjamin), in Jos 10,28–39 die Schefela. Obwohl nur Jericho und Gibeon zur Grundschicht des Buches gehö- ren, kann man hier u.U. Reflexe von Feldzügen Joschijas finden. Für seine Hin- richtung durch Necho bei Megiddo genügte seine Weigerung, Amun als ‚höchs- ten Gott‘ anzuerkennen. Der Traum von der ‚Wiedererrichtung‘ des ‚davidischen Großreichs‘ (wenn er denn Joschijas Aktionen zugrundelag) war zum ersten-, aber nicht zum letztenmal an die Grenzen der realen Macht gestoßen. Die deute- ronomistische Illusion, Kleinstaaten wie Israel und Juda könnten eine unab- hängige Rolle im Konzert der Großmächte spielen – besonders, wenn sie auf die rechte Art an den rechten Gott glaubten, wäre bereits jetzt zu begraben gewe- sen. Die Grundschicht des Jeremija-Buches und später die Verfasser der Pries- terschrift im Pentateuch haben diese Konsequenz gezogen, andere biblische Autoren zu ihrem und anderer Menschen Unglück nicht. 288 | Juda unter Assur (734 vC bis 609 vC) und der Untergang Israels (727–720 vC) 6.8 Die Religion des 7. Jh. vC 1 GGG S. 322–429 – N. Naʾaman, The Isaac Story (Genesis 26) and the Land of Gerar: Semitica 61 (2019) 59–88; M.R. Golub, Aniconism and Theophoric Names in Inscribed Seals from Judah, Israel and Neighbouring Kingdoms: TA 45 (2018) 157–169; S.L. Sanders, When the Personal became Political: An Onomastic Perspective on the Rise of Yahwism: HeBAI 4 (2015) 78–105; W.G. Dever, Did God Have a Wife?: Archaeology and Folk Religion in Ancient Israel, (Grand Rapids 2005); Th. Staubli, Sin von Harran und seine Verbreitung im Westen: id., Werbung für die Götter. Heilsbringer aus 4000 Jahren (Freiburg 2003) 65–89; H. Niehr, In Search of Yhwh’s Cult Statue in the First Temple: K. van der Torn ed., The Image and the Book. Iconic Cults, Aniconism, and the Rise of Book Religion in Israel and the Ancient Near East (Leuven 1997) 73– 96; Ch. Uehlinger, Anthropomorphic Cult Statuary in Iron Age Palestine and the Search for Yahweh's Cult Images: ibid., 97–155; id., Figurative Policy, Propaganda und Prophetie: J.A. Emerton ed., Congress Volume Cambridge 1995 (VT.S 66; Leiden 1997) 297–349; Ch. Frevel, Aschera und der Ausschließlichkeitsanspruch YHWHs (BBB 94/1–2; 1995) 1, 423–471; O. Keel, Studien zu den Stempelsigeln aus Palästina/Israel IV (OBO 135; Freiburg/CH & Göttingen 1994) 135–202; L. Perlitt, Sinai und Horeb: H. Donner et al. ed., Beiträge zur alttestamentlichen Theologie (FS W. Zimmerli; Göttingen 1977) 302–322 = id., FAT 8 (1994) 32–49. Für Monotheismus in Israel und Juda fehlt weiterhin jede ‚external evidence‘ (anders als ab 400 vC auf den Münzen von Judäa). Für die Kleinkönige Syrien- Palästinas, die sich soeben noch (in der Eisenzeit IIB) als Miniatur-Pharaonen gefeiert hatten, bedeutete die Eingliederung der Levante ins assyrische Welt- reich, sei es als Vasall oder Provinz, zwischen 738 und 701 einen tiefgehenden Schock. Gegenüber dem neuen Imperialismus gab es zwei Grundhaltungen: Kollaboration und Widerstand. Der Widerstand gab der biblisch-israelitischen Religion ihr Profil. Ab dem 7. Jh. v. Chr. ist mit einer ‚Anti-Bilder-Theologie‘ zu rechnen, die sich möglicherweise in der Zunahme anikonischer Siegel in Juda seit dem 7. Jh. zeigt (Golub 2018). Die weiterhin Absatz findenden Bildsiegel zeigten dann die Haltung der (in der Bibel bekämpften und unterdrückten) Kollaborateure. Allerdings kann ‚Bild oder nicht‘ auch lediglich eine Frage des Preises sein, den jemand für sein Siegel zahlen wollte. Die Stabilität der Welt- bzw. Staatsordnung wird nun von kämpfenden Göttern garantiert – wir befin- den uns in einem Zeitalter, das sowohl staatlich (anders: Eisen I-IIA) wie agres- siv (anders: Eisen IIB) war. König (GGG Nr. 281) wie oberster Gott (GGG Nr. 281, Nr. 284b, Nr. 285a) tragen den Bogen als Herrschaftssymbol. Diesen Bogen wird JHWH in der Perserzeit an den Nagel (bzw an den Himmel oder in die Wolken) hängen (Gen 9,13). Astrales Symbol dieses assyrisch-aramäischen obersten Gottes ist nicht mehr die Sonne, sondern der Mond. Ihm zur Seite steht eine Göttin als ‚Himmelskönigin‘ mit dem Venus-Stern (oder im Sternenkranz), assy- risch Ischtar, kanaanäisch Aschera und Anat (GGG Nr. 287–288). Die Religion des 7. Jh. vC | 289 Abb. 58: GGG Nr. 281 und Nr. 284b Abb. 59: GGG Nr. 285a und Nr. 287 Abb. 60: GGG Nr. 288a–c Die Assyrer sahen im Mondgott von Harran den ‚Herren des Westens‘, der sie dort zur Herrschaft berufen hatte. Insofern drückte sich Loyalität der westlichen Untertanen gegenüber dem Großkönig weniger als Assur-Verehrung, als viel- mehr als Sin-Verehrung aus (Belege in ganz Syrien-Palästina einschließlich Transjordaniens). Vor diesem Hintergrund wird die Harran-Schicht der Jakobs- Erzählung (Gen 26–35) als Anleitung zum ‚Widerstand durch Kollaboration‘ verständlich. In diesem Rahmen ist z.B. die Geschichte von Isaak in Gerar (Gen 26) völlig legendarisch, spiegelt aber die Zeit der Etablierung von Gerar (Tell Jemmeh) als assyrischen Stützpunkt in der Region des Wadi Besor (Naʾaman 290 | Juda unter Assur (734 vC bis 609 vC) und der Untergang Israels (727–720 vC) 2019). Unter dem letzten neubabylonischen Herrscher, Nabonid (556–539 vC), stieg Sin sogar zum ‚höchsten‘, wenn nicht ‚einzigen Gott‘ auf. Deswegen kommt Nabonid in der Bibel nicht vor (anders als in Qumran), und deswegen gibt es einem ‚Horeb‘ neben dem ‚Sinai‘, um den durch den Anklang an den Gott Sin zeitweise anstößig gewordenen Namen des Gottesberges in der Wüste zu umschreiben und zu vermeiden. Abb. 61: GGG Nr. 331a, 331b und 317a Die ‚Himmelskönigin‘ (Jer 7,18; 44) erscheint sowohl als Anat (GGG Nr. 331a) wie als Aschera (GGG Nr. 317a; Nr. 331b). Daneben spielt Isis hinein. Die Göttin kann sowohl anthropomorph wie durch ihre Symbole dargestellt werden, GGG Nr. 331b zeigt ‚JHWH und seine Aschera‘ auf beiden Ebenen: Cherub und hl. Baum „auf Erden“, ‚Himmelsgott‘ und ‚Himmelskönigin‘ darüber. Die Göttin neben JHWH hat Joschija sowenig beseitigt wie das JHWH-Bild im Jerusalemer Tempel (Uehlinger; Niehr). Die Unterdrückung der Astral-Symbole (2 Kön 23,5.11–12) ist dagegen als anti-assyrische Maßnahme verständlich. 6.9 Die Literatur der assyrischen und sub-assyrischen Zeit 1 T. Römer, Auszug aus Ägypten oder Pilgerreise in die Wüste? Überlegungen zur Konstruktion der Exodustradition(en): R. Ebach und M. Leuenberger eds., Tradition(en) im alten Israel. Kon- struktion, Transmission und Transformation. (Tübingen 2019) 89–107; C. Levin / R. Müller eds., Herrschaftslegitimatin in vorderorientalischen Reichen der Eisenzeit (ORA 21; Tübingen 2017); D.M. Carr, Schrift und Erinnerungskultur. Die Entstehung der Bibel und der antiken Literatur im Rahmen der Schreiberausbildung (AThANT 107; Zürich 2015); B.B. Schmidt ed., Contextualizing Israel’s Sacred Writings. Ancient Literacy, Orality, and Literary Production. (Ancient Israel and Its Literature, 22; Atlanta 2015); F.-E. Focken, Zwischen Landnahme und Königtum. Literarkriti- sche und redaktionsgeschichtliche Untersuchungen zum Anfang und Ende der deuteronomis- tischen Richtererzählungen (FRLANT 258; Göttingen 2014); Jürg Hutzli, Tradition and Interpreta- tion in Gen 1:1–2:4a: JHS 10/12 (2010); J. Renz, Die vor- und außerliterarische Texttradition. Ein Beitrag der palästinischen Epigraphik zur Vorgeschichte des Kanons: J. Schaper ed., Die Tex- tualisierung der Religion (FAT 62; Tübingen 2009) 53–81; id., „Jahwe ist der Gott der ganzen Die Literatur der assyrischen und sub-assyrischen Zeit | 291 Erde“. Der Beitrag der außerkanonischen althebräischen Texte zur Rekonstruktion der vorexili- schen Religions- und Theologiegeschichte Palästinas: M. Pietsch und F. Hartenstein eds., Israel zwischen den Mächten. FS für S. Timm zum 65. Geburtstag (AOAT 364; Münster 2009) 289–377; T. Römer, The So-Called Deuteronomistic History. A Sociological, Historical and Literary Introduction (London & New York 2007); E.A. Knauf, Prophets That Never Were: M. Witte ed., Gott und Mensch im Dialog. Festschrift für Otto Kaiser zum 80. Geburtstag (BZAW 345; Berlin etc. 2004) I, 451–456; id., Towards an Archaeology of the Hexateuch: K. Schmid & al. ed., Abschied vom Jahwisten (BZAW 315; Berlin etc 2002) 275–294; id. L'„Historiographie Deutéronomiste“ (DtrG) existe-t-elle? : A. de Pury et al. ed., Israël construit son histoire. L'his- toriographie deutéronomiste à la lumière des recherches récentes (Genève 1996) 411–418 = id. ed., Israel Constructs its History (JSOT.S 306; Sheffield 2000) 388–398; E. Frahm, Nabû-zuqup- kēnu, das Gilgameš-Epos und der Tod Sargons II.: JCS 51 (1999) 73–90; H.M. Niemann, Kein Ende des Büchermachens in Israel und Juda (Koh 12,12) – Wann begann es? BiKi 53 (1998) 127– 134; A. de Pury, Erwägungen zu einem vorexilischen Stämmejahwismus. Hosea 12 und die Auseinandersetzung um die Identität Israels und seines Gottes: W. Dietrich & M.A. Klopfen- stein ed., Ein Gott allein? JHWH-Verehrung und biblischer Monotheismus im Kontext der israe- litischen und altorientalischen Religionsgeschichte (OBO 139; Freiburg/CH & Göttingen 1994) 413–439; id., Las dos leyendas sobre el origen de Israel (Jacob y Moisés) y la elaboración del Pentateuco: Estudios Biblicos 52 (1994) 95–131; id., Le cycle de Jacob comme légende autono- me des origines d'Israël: J.A. Emerton ed., Congress Volume, Leuven 1989 (VT.S 43; Leiden 1991) 78–96; W. Richter, Traditionsgeschichtliche Untersuchungen zum Richterbuch (BBB 18; Bonn 21966). Der Untergang Israels und die assyrische Bedrohung Judas wurden zur eigentli- chen Geburtsstunde der biblischen Literatur. Das im Kern israelitische ‚Retter- buch‘ (Ri 3–9/11*) mag den ideologischen Hintergrund des Aufstandes von 727 erklären; eher aber wurde es nach der Katastrophe in Bet-El zusammengestellt in der Hoffnung auf bessere Zeiten (‚Okkupation – alles schon mal dagewesen und vorübergegangen‘). Ebenfalls in Bet-El wurde Hos 4–11* zusammengestellt (vgl. Hos 10,3) als Erklärung der Katastrophe und Grundlage eines Neuanfangs – mit JHWH, aber ohne Könige (Hos 11); auch im ‚Retterbuch‘ haben Könige eine schlechte Presse. Es handelt sich bei den‫ דברי הושע‬divre Hošea‘ nicht um Worte von einem Propheten, sondern über den letzten König Israels dieses Namens. Am gleichen Ort dürfte die Harran-Schicht der Jakob-Geschichte verschriftet wor- den sein, die eine Ätiologie eines nicht (mehr) königlich verfassten Israel dar- stellt und zugleich eine (schlitzohrige) Kollaboration mit den Assyrern propa- giert: Sin von Haran war den Assyrern der ‚Gott des Westens‘ und wurde auch vom „Westen“ als solcher akzeptiert. Die anti-assyrische Hosea-Tradition ant- wortet darauf (im frühen 7. Jh.) mit Hos 12 – wo zum erstenmal statt der ethni- schen Konstitution des nachköniglichen Israel (durch den Stammvater Jakob) eine nationalreligiöse (durch den Exodus und den ‚Propheten‘ Mose) versucht wird. Die Vereinigung beider konfligierender Positionen hat dann zur Thora ge- 292 | Juda unter Assur (734 vC bis 609 vC) und der Untergang Israels (727–720 vC) führt. Ätiologie des Kultes von Bet-El blieb die angepasste Exodus-Tradition, die auch assyrischerseits nicht zu beanstanden gewesen wäre, hatte man doch eben die Samarier vor Ägypten ‚gerettet‘. Möglicherweise hat die Exodus-Erzählung in Ex 1–18 zwei Wurzeln: eine aus dem „Nordreich“ von Fronarbeit in Ägypten leistenden Israeliten, die ihrem Gott am „Gottesberg“ in der Wüste opfern woll- ten, und eine andere (aus dem „Südreich“?), die von einer Opfertradition im Süden („JHWH in Teman“, Hab 3) erzählte, deren Spannungen nicht ganz aus- geglichen wurden, die aber kompatibel waren, wie der Textbefund in Kuntilet ʿAǧrūd zeigt, wo JHWH von Samaria neben JHWH von Teman dokumentiert wird (Römer 2019). In Judäa provozierte der Untergang Israels möglicherweise schon jetzt den Ausbau der Amos-Notiz (Am 8,2) zu einem Amos-Buch als Theodizee, einer ‚Entschuldigung‘ des Staatsgottes Israels: nicht JHWH hatte versagt, sondern sein Volk (vgl. auch Mi 1,3–7). Der pro-assyrische Hofprophet Jesaja von 734 wurde zum ‚Held’ einer Tradition, die zunehmend anti-assyrische Züge annahm (§ 6.5; 6.9) und bis ins 3. Jh. vC fortgeschrieben wurde. Diesen Untergang reflek- tiert auch die Sammlung von ‚Aramäer-Kriegsgeschichten‘ 1 Kön 20* und 22*. Im ersten Jesaja-Buch, Jes 6–8*, wohl Oppositionsliteratur der Manasse-Zeit, steigt JHWH bereits zum thronenden ‚höchsten Gott‘ auf (Jes 6,1). In der etwa gleichzeitigen Jakobsgeschichte (Gen 28,12–13) steht JHWH noch auf der Spitze der Himmels-Rampe, d.h. am Eingang des himmlischen Thronsaales, an dessen Ende El thronend zu denken ist. Ist auch der größte Teil der Bibel Oppositionsli- teratur, gab es doch auch Schultexte der Staats- und Tempelverwaltung, von denen einige überlebt haben können (eine oppositionelle Einstellung und eine „Professur“ an der Tempelschule schließen sich nicht aus; man muss ja nicht alles, was man so schreibt, allen vorlesen). Eine hiskijanische Redaktion von Prov 25–29 ist im Lichte der Schrift-und Verwaltungsgeschichte plausibel, und der Grundbestand der ‚geographischen‘ Texte Gen 10; 25,12–15; 36 geht eben- falls ins 7. Jh. zurück, wie in Gen 1 der ‚Wortbericht‘. Die Produktion ‚deuteronomistischer‘ Literatur begann unter Joschija, sie setzte sich aber durch das Exil bis in nachexilische Zeit fort, wo uns die D-Partei als die nationalreligiöse Opposition gegen die persisch-reichskonforme P- Gruppe wiederbegegnen wird; im 3. und 2. Jh. vC wird sich der Gegensatz als Konflikt von ‚Hellenisten‘ und ‚Frommen‘ fortsetzen, in römischer Zeit werden aus den ‚Deuteronomisten‘ die Pharisäer/Rabbinen zur Rechten und die Zeloten zur Linken geworden sein. Als joschijanisch oder sub-joschijanisch werden verbreitet das Ur-Deuteronomium (zu Unrecht), Ur-Josua (Jos 6* und 9–10* als Abschluss einer Moses-Josua- bzw. Exodus-Eisodus-Geschichte) und die Assur- Redaktion des Jesaja-Buches angesehen. Ebenfalls in diesen Zusammenhang Die Literatur der assyrischen und sub-assyrischen Zeit | 293 kann das ‚Buch der Geschichte Salomos‘ (1 Kön 11,41) in 1 Kön 1–11* gehören, das Salomo als einen Weltherrscher nach assyrischem Vorbild ‚vom Euphrat bis zum Bach Ägyptens‘ präsentiert und damit ebenfalls eine Wunschvorstellung des Joschija-Kreises verrät. In der Exodus-Josua-Geschichte wird einerseits die Exodus-Tradition von Bet-El übernommen, andererseits wird aber das König- reich Joschijas in Jos 10,40–42 Ende und Ziel des Exodus. Joschija und seine Schreiber wollten offensichtlich die neugewonnene Bevölkerung des Nordens durch Integration gewinnen, nicht durch im 7. Jh. noch undenkbaren Kultfrevel vor den Kopf stoßen.   7 Zwischen den Mächten: der Aufstieg Babylons und der dreifache Untergang Judas (597 – 586 – 581 vC) 7.1 Das neubabylonische Reich 1 HTAT S. 403–24; Grabbe (22017) 251–259; Miller & Hayes (22006) 439–477; – S. Faigenbaum- Golovin et al., Algorithmic handwriting analysis of Judah’s military correspondence sheds light on composition of biblical texts: PNAS (www.pnas.org/cgi/doi/10.1073/pnas.1522200113) (Zugriff 04.08.2016); A. Mendel, Who Wrote the Ahiqam Ostracon from Ḥorvat ʿUza?: IEJ 61 (2011) 54–67; N. Luraghi, Traders, Pirates, Warriors: The Proto-History of Greek Mercenary Soldiers in the Eastern Mediterranean: Phoenix 60 (2006) 21–47; A. Fantalkin, Meẓad Hashavyahu: The Material Culture and the Historical Background: TA 28 (2001) 3–165; G. Galil, The Babylonian Calendar and the Chronology of the Last Kings of Judah: Biblica 72 (1991) 367– 378; B. Porten, The Identity of King Adon: BA 44 (1981) 36–52; R. Borger, Der Aufstieg des neubabylonischen Reiches: JCS 19 (1965) 59–78; F.K. Kienitz, Die politische Geschichte Ägyp- tens vom 7. bis zum 4. Jahrhundert vor der Zeitwende (Berlin 1953). 627 – nach dem Tod Assurbanipals? – brach in Babylon der Aufstand aus, an dessen Spitze sich der Aramäerhäuptling (Chaldäer) Nabopolassar stellte, der möglicherweise assyrischer Vizekönig in Südbabylonien gewesen war (HTAT S. 403). 626 bestieg er den Thron und drängte die Assyrer immer weiter zurück. 614 fiel die medische Stämmeförderation unter ihrem Anführer Kyaxares in das assyrische Kernland ein und eroberte die Stadt Assur, worauf sich Nabopolassar mit den Medern verbündete und 612 Ninive stürmte und zerstörte (HTAT S. 404; S. 411 Nr. 258). 609 konnte Necho (As-)Syrien noch einmal stabilisieren, 605 erlitten die Ägypter bei Karkemisch eine vernichtende Niederlage gegen die Babylonier unter der Führung des Kronprinzen Nebukadnezer (bessere Namens- form, z. B. Jer 52,12: ‫ נבוכדראצר‬Nebukadrezar – Nabū-kudurrī-uṣur ‚Nebo hat meinen Grenzstein gegründet‘). Ende des Jahres starb Nabopolassar, und Ne- bukadnezar bestieg den Thron (HTAT S. 404–406; S. 413–415 Nr. 258). 604 er- schien er in Südsyrien-Palästina und nahm die Unterwerfung der von Ägypten ‚geerbten‘ Vasallen entgegen (2 Kön 24,1), darunter auch Jehojakim von Juda. In diesem Jahr leistete nur Aschkelon Widerstand (d.h., es blieb Ägypten treu) und wurde zerstört (HTAT S. 416: Jahr 1 Nebukadnezars). Das Ziel des Feldzuges des folgenden Jahres ist nicht erhalten (HTAT S. 416: Jahr 2), aber der Hilferuf des Königs Adon von Ekron an den Pharao (HTAT S. 419f Nr. 260) lässt vermuten, dass nunmehr auch Ekron die Nachteiligkeit der neubabylonischen Herrschaft realisierte. Der Syrien-Zug von 602 (HTAT S. 416: Jahr 3) scheint eine reine https://doi.org/10.1515/9783110411683-008 Das neubabylonische Reich | 295 Machtdemonstration gewesen zu sein (die Armee lässt sich in Vasallenland auch für die Staatskasse günstiger unterhalten) oder diente der logistischen und nachrichtendienstlichen Vorbereitung der folgenden Operation. Denn 601 mar- schierte Nebukadnezar in Ägypten ein beim Versuch, das Reich Assurbanipals im vollen Umfang zu übernehmen. Die babylonischen Chroniken sind etwas ehrlicher als die assyrischen Annalen, und schildern den Verlauf wie folgt: Aus der babylonischen Chronik zum Jahr 4 Nebukadnezars. 601/600 vC. Übersetzung HTAT S. 416 (Klammern getilgt, durch eigene Anmerkungen ersetzt). Jahr 4. Der König von Akkad [meint Babylonien und sein Reich] bot seine Truppen auf und zog nach Hattu [Syrien]. In Hattu zog er siegreich umher. Im Monat Kislev [=November/Dezember] stellte er sich an die Spitze seiner Truppen und zog nach Ägypten. Der König von Ägypten hörte davon und bot seine Truppen auf und in einer Feldschlacht schlugen sie aufeinander ein. Eine große Niederlage brachten sie sich gegenseitig bei. Der König von Akkad und seine Truppen kehrten um, und er kehrte nach Babylon zurück. Es ist richtig, dass Nebukadnezar so gut wie allein in seine Hauptstadt zurückkehrte, denn Truppen hatte er nicht mehr. Judäa war wieder Grenzregion zwischen zwei konkurrierenden Großmächten – wie 732–701 vC. Nachdem Necho Joschija 609 vC hingerichtet hatte, bestieg dessen Sohn ‫ יהואהז‬Jehoahas für drei Monate den Thron, wurde im Lager von Ribla (im Libanon) aber von Necho nicht bestätigt, sondern als Gefangener nach Ägypten geschickt und durch seinen Bruder Eljakim ersetzt, der den Thronna- men ‫ יהויקים‬Jehojakim annahm (2 Kön 23,31–35). Der fällige Tribut wurde wie- der durch eine Umlage erbracht (2 Kön 23,35) wie schon z.Zt. Menachems von Israel (2 Kön 15,19–20): der Staatsschatz Jerusalems war offensichtlich leer. Die Belastung Judas war unter ägyptischer wie neubabylonischer Oberherrschaft gleich: beide hatten griechische Söldner in ihren Diensten, mit denen sie wich- tige Festungen und Kontrollpunkte besetzten. Diese Besatzungen mussten die Vasallen ernähren (vgl. die Lieferung von Rationen an die ‚Kittäer‘ in Arad, HTAT S. 356–58 Nr. 200–204), im Fall der kleinen Festung Meṣad Ḥašavyāhū (ca. 19 km südsüdwestlich von Tel Aviv nahe der Mittelmeerküste, HTAT S. 370– 372 Nr. 225) sogar Erntearbeiter unter der Führung eines judäischen Beamten (‚Schreiber‘) stellen. Diese Inschriften sind zwischen 609 und 601 bzw. 597 und 589 zu datieren. 296 | Zwischen den Mächten: der Aufstieg Babylons und der dreifache Untergang Judas Abb. 62: Juda zwischen Babylonien und Ägypten am Ende des 7.Jh. vC. Die erste Eroberung Jerusalems 597 vC und die erste Deportation | 297 7.2 Die erste Eroberung Jerusalems 597 vC und die erste Deportation D. Kahn, Nebuchadnezzar and Egypt: An Update on the Egyptian Monuments: HeBAI 7 (2018) 65–78; D.M. Master, Nebuchadnezzar at Ashkelon: ibid., 79–92; I. Finkelstein, Jerusalem and Judah 600–200 BCE. Implications for Understanding Pentateuchal Texts: P. Dubovský et al. eds., The Fall of Jerusalem and the Rise of the Torah (FAT 107; Tübingen 2016) 3–18; Y. Thare- ani, Forces of Decline and Regeneration: A Socioeconomic Account of the Iron Age II Negev Desert: M. Lloyd Miller et al. eds., The Economy of Ancient Judah in Its Historical Context (Winona Lake, Indiana 2015) 207–235; H. Geva, Jerusalem’s Population in Antiquity: A Minimal- ist View: TA 41 (2014) 131–160; N. Naʾaman, Textual and Historical Notes on the Eliashib Ar- chive from Arad: TA 38 (2011) 83–93; O. Lipschits, The Fall and Rise of Jerusalem. Judah under Babylonian Rule (Winona Lake, Indiana 2005); E.A. Knauf, Psalm xl und Psalm cviii: VT 50 (2000) 55–65; H. Kaufman, The Collapse of Ancient States and Civilizations as an Organiza- tional Problem: N. Yoffee and G.L. Cowgill eds., The Collapse of Ancient States and Civilizations (Tucson 1991) 219–235; A. Malamat, The Kingdom of Juda between Egypt and Bayblon: A Small State within a Great Power Confrontation: W. Claassen ed., Text and Context. Old Testament and Semitic Studies for F.C. Fensham (JSOT.S 48; Sheffield 1988) 117–129; J.R. Bartlett, Edom and the Fall of Jerusalem: PEQ 114 (1982) 13–24; A. Malamat, The Last Kings of Judah and the Fall of Jerusalem. A Historical-Chronological Study: IEJ 18 (1968) 137–156. Nach seinem Sieg über die Ägypter bei Karkemisch 605 und der heftigen Zerstö- rung Askalons durch Nebukadnezar 604 (Master 2018), erlitt der Babylonier 601 durch Necho II. eine schwere Niederlage an der Grenze Ägyptens (Kahn 2018). Jehojakim glaubte daraufhin, Babylon die Gefolgschaft aufkündigen zu können (2 Kön 24,1–2; Ps 60). 600/599 stellte aber Nebukadnezar eine neue Armee auf, 599/98 übte sie gegen die Araber in der syrischen Wüste den Krieg (HTAT S. 416–17 Jahr 5; Jer 49,28–33), im November/Dezember 598 brach sie gegen Juda auf (HTAT S. 417 Jahr 7). Dort war Jojakim seit 601 in einen Kleinkrieg gegen Chaldäer, ‚Aramäer‘ (lies: Edomiter) und Moabiter verstrickt, die Babylon loyal geblieben waren (nach 2 Kön 24,2; nach Ps 60 ging die Aggression aber von Juda aus in einem neuen Anlauf, das ‚Großreich Davids‘ endlich zu errichten). In den Kontext dieses Edomiterkrieges gehören die Arad-Ostraka 3, 17 und 24 (HTAT S. 355–358). Kurz vor oder während des Anmarsches Nebukadnezars starb Jojakim. Ihm folgte sein Sohn Jehojachin (‫יהויכין‬, babylonisch Yaʾūkīn und Yakūkīn, letzteres für Yaḫūkīn) für drei Monate, dann fiel Jerusalem (2 Kön 24,8–12), am 2. Adar von Nebukadnezars Jahr 7, das war der 16. März 597 vC (HTAT S. 417 Jahr 7). Jehojachin wurde als Gefangener nach Babylon gebracht (2 Kön 24,15–16), dort aber gut behandelt – er führte sogar den Königstitel weiter (HTAT S. 427 Nr. 265 Z. 29; S. 429 Nr. 266 Z. 17; S. 429f Nr. 267). Mit seiner ‚Begnadigung‘ – was 298 | Zwischen den Mächten: der Aufstieg Babylons und der dreifache Untergang Judas immer man sich darunter vorstellen soll – 562/1 vC enden die Königsbücher (2 Kön 25,27–30) auf eine Weise, die das Königtum für Israel/Juda ein für allemal erledigt sein lässt; der Tempel und Jerusalem liegen in Trümmern, das Land ist verarmt, aber „Die Gesundheit Sr. Majestät ist nie besser gewesen“ (nach den 28. Bulletin der Grande Armée). Ein Teil der staatstragenden Elite wurde zu- sammen mit dem König deportiert: 10.000 nach 2 Kön 24,14; der irrige Hinweis, es seien nur die ‚Ärmsten‘ zurückgeblieben, verrät die soziale Herkunft der Verfasser des Textes. Diese ‚oberen Zehntausend‘ werden 24,15–16 aufgeschlüs- selt als: der Hof, die politisch Verantwortlichen (deren Söhne oder Enkel die Königs-Bücher mitredigieren sollten), 7.000 Soldaten und 1.000 Handwerker. ‚Ganz Jerusalem‘ (24,14) wurde also keineswegs abgeführt, die Stadt hatte 12– 15.000 Einwohner, etwa 10% der Bevölkerung von Juda. Nach Jer 52,28 betrug die Gesamtzahl der im Jahr 597 vC Exilierten aber nur 3.023; diese Zahl ist glaubwürdiger. Tempel und Palast wurden ausgeplündert (24,13). Man kann fragen, ob dem ‚Tempelbaubericht‘ (der kein Baubericht ist) in 1 Kön 6 ein ‚Ver- lustinventar‘ von 597 zugrundeliegt. Zu den Exilierten von 597 gehörte der Pries- ter und spätere Prophet Ezechiel. Für die Exilierten der ‚ersten Gola‘ ‫‚( גולה‬Exu- lantenschaft‘) und die auf sie zurückgehende Tradition (Ez) war Jehojachin der letzte legitime König von Juda, sein Onkel Mattanja, der unter dem Namen Zidkija auf den Thron gesetzt wurde (2 Kön 24,17–18), nur noch eine ‚Exzellenz‘ (‫ נשיא‬nasiʾ) oder Statthalter (Ez 21,25). Die Streitereien in Jerusalem zwischen pro-ägyptischen und pro-babylonischen Kräften seit Ende des 7. Jh. vC schwächten die Position Judas und Jerusalems im Süden und ließen Raum für Auseinandersetzungen lokaler Gruppen im Negev untereinander und gegen- über der judäischen Oberhoheit mit archäologisch nachweisbaren Zerstörungen (Thareani 2015). Der Süden Judas, bis und mit Davids alter Hauptstadt Hebron, fiel an Edom. Von daher resultiert der flammende Edom-Hass vieler, aber nicht aller Texte der Bibel (Ps 137,7; Am 1,11–12; Obadja). Arad-Ostracon 24.12–20. 601–598 vC. Text: S. Aḥituv (2008) 126–128; vgl. auch HTAT S. 355–6 Nr. 199. ‫ )?( ומקינ‬50 ‫מערד‬ me- ̒Arad 50 u-mi-Qina Von Arad 50 und von Qin[a ‫ה ושלחתם אתם רמת נג]ב בי‬ h u-šlaḥtem ̓otam Ramat … Schickt sie nach Ramat- Négev be-ya Negev durc ‫ד מלכיהו בן קרבאור והב‬ d Malkiyáhu ben Qerav ̓or we- h Malkiyahu ben Qerav’or, hiv er soll sie über ‫קידם על יד אלישע בן ירמי‬ qidam ̒al yad Eliša ̒ ben Yir- geben zuhanden Elischa‘ meyá ben Yirmeya ‫הו ברמת נגב פן יקרה את ה‬ hu be-Ramat Négev pen yiqre hu in Ramat-Negev, damit ̓et ha- nicht der S Die zweite Eroberung Jerusalems 586 vC und die zweite Deportation | 299 ‫ ודבר המלך אתכם‬.‫עיר דבר‬ ʿir . Dvr w-dvr h-mlk ʾtkm tadt etwas zustößt. Das Wort des Königs sei mit euch ‫ הנה שלחתי להעיר‬.‫בנבשכם‬ be-navšeḵem hinne šaláḥti le- bei eurem Leben. Also ich ha- ̒ir schicke jetzt ‫בכם הים׃ האנשם את אליש‬ be-ḵem ha-yom ha- ̓anašim et sofort (Unterstützung) der eliša Stadt durch euch. Die Män- ner zu Elisch .‫ פן תבא אדם שמה‬,‫ע‬ ̒ pen tavo ̓ Edom šámma a‘, damit Edom nicht dorthin kommt! 7.3 Die zweite Eroberung Jerusalems 586 vC und die zweite Deportation I. Finkelstein et al., Excavations at Kiriath-jearim near Jerusalem, 2017. Preliminary report: Semitica 60 (2018) 31–83; S.L. Birdsong, The Last King(s) of Judah. Zedekiah and Sedekias in the Hebrew and Old Greek Versions of Jeremiah 37(44):1–40(47):6 (FAT 2. Reihe, 89; Tübingen 2017); O. Lipschits et al., Four Seasons of Excavations at Tel Azekah: The Expected and (Espe- cially) Unexpected Results: O. Lipschits / A.M. Maeir eds., The Shephelah during the Iron Age. Recent Archaeological Studies (Winona Lake 2017) 1–25; E. Gaß, Nebukadnezzar ante portas – Zu den babylonischen Interessen in der südlichen Levante: ZAW 128 (2016) 247–266: A. Faust, Judah in the Neo-Babylonian Period: The Archaeology of Desolation (Archaeology and Biblical Studies 18; Atlanta 2012); O. Lipschits, The Fall and Rise of Jerusalem: Judah under Babylonian Rule (Winona Lake 2005); A. Malamat, The Kingdom of Juda between Egypt and Babylon: A Small State within a Great Power Confrontation: W. Claassen ed., Text and Context. Studies for F.C. Fensham. (Sheffield 1988) 117–129; id., The Last Kings of Judah and the Fall of Jerusalem. A Historical-Chronological Study: IEJ 18 (1968), 137–156. Der Parteienstreit innerhalb der leitenden Beamten zwischen ‚Rechts- Deuteronomisten‘, die weiterhin von der ‚Wiederherstellung‘ des ‚Großreichs Davids‘ träumten und eine Politik der nationalen Unabhängigkeit und Größe verfolgten, und ‚Links-Deuteronomisten‘, die dafür plädierten, die globalen Gegebenheiten zu akzeptieren (die Schafaniden und ihr Sprachrohr Jeremija), hatte schon den Hof Jehojakims gespalten (wenn die Datierung von Jer 36 ‚stimmt‘ und der erzählte Inhalt keine Rückprojektion aus der Zeit nach 581 ist, wofür einiges spricht). Entweder waren einige führende Rechts-Deuterono- misten bei der Deportation von 597 übersehen worden, oder die Realisten hatten ihren Realitätssinn verloren und sich von einem ‚Feldzug‘ Psammetichs II. (595–589) 591 nach Israel/Palästina blenden lassen, dessen Zeremonial-Gepäck für eine Prozession relativ unmilitärischen Charakters spricht (HTAT S. 399–402 300 | Zwischen den Mächten: der Aufstieg Babylons und der dreifache Untergang Judas Nr. 256–257). Leider fehlt für diesen Zeitraum die ‚babylonische Chronik‘, so dass Nebukadnezars Reaktion unbekannt ist. Aber 589 rebellierte auch Zidkija im Vertrauen auf ägyptische Unterstützung (vgl. HTAT S. 421–422, Nr. 262: La- chisch-Ostrakon 3) unter dem Pharao Apries/Hofra (589–570), worauf die Baby- lonier am 15. Januar 588 die Belagerung Jerusalems aufnahmen (Ez 24.1–2; 2 Kön 25.1). Die Ägypter machten einen Entsatzversuch, der die Belagerung un- terbrach, aber sie wurden geschlagen (Jer 37,4–5,11), die Schefela mit Lachisch und Aseka erobert (Jer 34,1–7; HTAT S. 423 Nr.263: Lachisch-Ostrakon 4; Lip- schits et al. 2017), und am 18. Juli 586 fiel Jerusalem zum zweitenmal (nach der Chronologie M. Weipperts); dieses Datum wird auch in der anglophonen For- schung bevorzugt, während in Deutschland ‚587‘ beliebt ist. Es ist müßig, auf die Argumente beider Seiten einzugehen, die sich ohne ein genaues babyloni- sches Datum nicht validieren lassen; nach jüdischer Zeitrechnung liegen zwi- schen dem Tammuz 586 und dem Adar 515 immer noch 70 Jahre. Der Tempel, der Palast und die Häuser der führenden Politiker wurden zer- stört (2 Kön 25,8–12), der Tempel zuvor noch einmal geplündert (25,13–17), und eine Reihe führender Priester und Beamter hingerichtet (25,18–21); die Verwüs- tung Jerusalems war erheblich, die Schäden in der Umgebung und bis in die Küstenstädte aber möglicherweise geringer, wenn man das Beispiel des nicht zerstörten Kirjat-Jearim mit seinem Festungs-Podium verallgemeinern darf (Finkelstein et al. 2018; anders Gaß 2016). Das Königebuch (im TNK ein Buch) stellt es so dar, als sei nun auch der Rest der Bevölkerung deportiert worden und nur die Ärmsten zurückgelassen, um die landwirtschaftliche Arbeit zu ver- richten. Über sie wird Gedalja eingesetzt (aber als was?), doch nach seiner Er- mordung fliehen sie alle nach Ägypten. Das Ende von 2 Kön sagt implizit, was am Ende von 2 Chron explizit ausgedrückt wird: während des ‚Exils‘ war das Land leer (2 Chr 36,20). Dahinter steht die Ideologie, dass nur die (erste und) zweite Gola das ‚wahre Israel‘ bilden und 539 in ihr rechtmäßiges Eigentum zurückgekehrt seien. Angehörige der zweiten Gola müssen an der Kompilation und Redaktion von 1–2 Kön beteiligt gewesen sein, denn diese vertritt in 2 Kön 25 ihre Interessen; Zidkija wird hier noch als König geführt, was er für die erste Gola ja nie war. Andererseits zeigen nicht nur die Abweichungen der Parallel- Überlieferung zu 2 Kön 25 in Jer 39–41; 52, dass von einem ‚leeren Land‘ keine Rede sein konnte. Die ungenauen Zahlen in 2 Kön zur ersten und zweiten De- portation, und das völlige Verschweigen der dritten, belegen nur, dass die Gruppe hinter 1–2 Kön keinen Zugang zum judäischen Archiv mehr hatte, an- ders als die Träger der Jeremia-Tradition in Mizpa-Bet-El. Nach Jer 52,29 wurden 586 lediglich 832 Jerusalemer deportiert. Die zweite Eroberung Jerusalems 586 vC und die zweite Deportation | 301 Lachisch-Brief 4. 588/87 vC? Text: S. Aḥituv (2008) 70; vgl. auch HTAT S. 423 Nr. 263, Über- setzung und Ergänzungen: E.A. Knauf. .‫ יהו]ה את אדנ[י עת כים‬.‫ישמע‬ yašma ̓ YHWH ̓et ̓adoni ̒atta 1 JHWH möge meinen Herrn ka-yom hören lassen, gerade jetzt ‫ ועת ככל אשר שלח‬.‫שמעת טב‬ šemu ̒at ṭov. we- ̒atta kakol 2 gute Nachricht. Zur Sache: ‫אדני‬ ̓ašer šalaḥ ̓adoni gemäß allen [Anweisungen], die mein Herr schickt, ‫ עשה עבדך כתבתי על הדלת‬.‫כן‬ ken ̒asa ̒avdeḵa. katávti ̒al 3 danach handelt dein ‫ככל‬ ha-délet ka-kol Untergebener. Ich habe auf die Schreibtafel ge- schrieben, ‫ וכי שלח א‬.‫[לי‬ ]‫שלח‬ ̇ ‫אשר‬ ̓ašer šaláḥta ̓elay. we-ḵi 4 was du mir geschickt hast. šalaḥ ̓a Und weil mein Herr ge- schickt ‫ על דבר בית הרפד אין שם א‬.‫דני‬ doni ̒al devar Bet Ha-Rafid 5 hat in Sachen Bet ha- ̓en šam ̓a- Rafid, so ist dort kein M- ‫ שמעיהו ו‬.‫דם וסמכיהו לקחה‬ dam. we-Semaḵyáhu, 6 ensch. Was Semakyahu leqaḥo Šema ̒yáhu wa- anbelangt, so hat ihn Schema’yahu festgenom- men und ‫ אינ ֺנ‬.‫ העירה ועבדך‬.‫יעלהו‬ ya ̒aléhu ha- ̒íra. we- ̒avdeḵa 7 ihn in die Stadt gebracht. ̓enénni Und deinen Diener: ich ] ̇‫י][ ̇שלח שמה אתה עו‬ šoléaḥ šámma ̓oto ̒od ha- 8 schicke ihn heute noch yom nicht dorthin, Rückseite ] ‫ בתסבת הבקר‬.‫כי אם‬ ki ̓im bi-tsibbat ha-bóqer 9 = Rs. 1 sondern morgen ̓ešlaḥéhu. früh werde ich ihn schicken ‫ נח‬.‫ משאת לכש‬.‫וידע כי אל‬ we-yeda ̒ ki ̓el massu ̓ot 10 und man wird erfahren, Laḵiš náḥ dass wir nach den Feuerzei- chen von Lachisch ‫נו שמרם ככל האתת אשר נתן‬ nu šomerim ke-ḵol ha- ̓otot 11 Ausschau halten wie nach ̓ašer natan allen Zeichen, die absendet ‫ כי לא נראה את עז‬.‫אדני‬ ̓adoni, ki lo ̓ nir ̓e ̓et ̒Aze- 12 mein Herr, denn wir können Aseka nicht sehen. ‫קה‬ qa 13 Die ‚Schreibtafel‘ scheint eine Art Aushang gewesen zu sein, in die der Empfänger (außer- halb von Lachisch) die ‚stehenden Befehle‘ seines Vorgesetzten eintrug. ‚Die Stadt‘ ist Jeru- salem. Die Lage ist dramatisch (1), aber die Kommunikation zwischen Vorposten, Lachisch und Jerusalem ist nicht unterbrochen. Entweder stammt der Brief aus der Zeit während des Anmarsches des babylonischen Heeres, oder während der Unterbrechung der Belagerung von Jerusalem durch die ägyptische Intervention. 302 | Zwischen den Mächten: der Aufstieg Babylons und der dreifache Untergang Judas 7.4 König Gedalja (586–582 vC) und die dritte Deportation 581 vC 1 Grabbe (22017) 253–254; Miller & Hayes (22006) 482–87; I. Finkelstein, Jerusalem and Judah 600–200 BCE. Implications for Understanding Pentateuchal Texts: P. Dubovský et al. eds., The Fall of Jerusalem and the Rise of the Torah (FAT 107; Tübingen 2016) 3–18; Y. Goren and E. Arie, The Authenticity of the Bullae of Berekhyahu Son of Neriyahu the Scribe: BASOR 372 (2014) 147–158; L.L. Grabbe, ‚The Lying Pen of the Scribes’? Jeremiah and History: Y. Amit et al. ed., Essays on Ancient Israel in its Near Eastern Context: A Tribute to Nadav Naʾaman (Winona Lake 2006) 189–204; W. Röllig, Aramäer und Assyrer. Die Schriftzeugnisse bis zum Ende des Assy- rerreiches: G. Bunnens ed., Essays on Syria in the Iron Age (Ancient Near Eastern Studies Suppl. 7; Louvain – Paris – Sterling, Virginia 2000) 177-186; J. Blenkinsopp, The Judaean Priesthood during the Neo-Babylonian and Achaemenid Periods: A Hypothetical Reconstruc- tion: CBQ 60 (1998) 25–43; B. Becking, Inscribed Seals as Evidence for Biblical Israel? Jeremi- ah 40.7–41.15 par exemple: L.L. Grabbe ed., Can a ‘History of Israel’ Be Written? (JSOT.S 245; Sheffield 1997) 65–83; P.R. Davies, In Search of ‘Ancient Israel’ (JSOT.S 148; Sheffield 1992) 76; A. Abou-Assaf / P. Bordreuil / A.R. Millard, La statue de Tell Fekherye et son inscription bilingue assyro-araméenne (Paris 1982). Die Bibel stellt es so dar, als habe es sich bei ‫ גדליהו‬Gedalja nur um eine kurze Episode ‚einen Sommer lang’ gehandelt, und als sei er nichts weiter als ein baby- lonischer Provinzgouverneur gewesen (2 Kön 25,22–26). Die Datenlage zeigt ein anderes Bild: (a) Gedalja war kein Davidide, sondern ein Enkel Schafans (Jer 39,14; 2 Kön 25,22). (b) Er wird von Nebukadnezar in Mizpa ‚eingesetzt‘ (Jer 40,5; 2 Kön 25,22) – doch ist unterdrückt, als was. Die Leerstelle wird gewöhnlich mit ‚Statthal- ter‘ gefüllt, und dafür wurde sie wohl auch geschaffen. (c) Gedalja wird von einem Davididen ermordet, und zwar mit Rückendeckung von Ammon (Jer 40,14). Der Davidide hätte mehr Grund für seinen Anschlag gehabt, wenn Gedalja sich als König bezeichnet hätte. (d) Ammon und Moab wurden von Nebukadnezar 581 erobert und zu babyloni- schen Provinzen gemacht (Josephus, Antiquitates 10.9.7). (e) Im gleichen Jahr findet eine dritte Deportation aus Juda statt, der noch ein- mal 745 Judäer zum Opfer fallen (Jer 52,30). (f) In Mizpa, Gedaljas Residenz, wurde ein Siegel gefunden (HTAT S. 379f Nr. 230): ‚Von Ya’asanja, Minister der Königs‘ ‫ליאזניהו עבד המלך‬. Jaasanja wird 2 Kön 25,23; Jer 40,8 als Gefolgsmann Gedaljas erwähnt. Die Spekulation, er könne Beamter Zidkijas gewesen sein (HTAT S. 498 Anm. 263) ist hinfällig, dann wäre er zu diesem Zeitpunkt tot oder deportiert gewesen. (g) Die in Jer 41,10 erwähnten ‚Prinzessinnen‘ können unmöglich Töchter Zidkijas gewesen sein: da Nebukadnezar die Söhne Zidkijas hinrichtete König Gedalja (586–582 vC) und die dritte Deportation 581 vC | 303 (2 Kön 25,7), wird er die Töchter mindestens versklavt, aber sicher nicht in Juda gelassen haben. Also waren es wohl Töchter Gedaljas. Man kann aus den Daten keinen anderen Schluss ziehen, als dass Gedalja von 586–81 als letzter König von Juda in Mizpa residierte, wo er die verbliebenen ‚Städte Judas’ verwaltete (Jer 40,5), die sämtlich in Benjamin lagen. Kern-Judäa und die Schefela waren verwüstet. Die Rückkehr von judäischen Flüchtlingen aus Ammon, Moab und Juda (Jer 40,11–12) spricht ebenfalls für eine Regie- rungszeit von mehr als zwei Monaten. Das Königtum Zidkijas wurde von Eze- chiel (oder der ersten Gola) nicht anerkannt, das Königtum des Nicht-Davididen Gedaljas auch nicht von der zweiten Gola, aber das ist kein Grund, ihm diesen Titel abzusprechen, wobei die Grenzen ohnehin fließend waren: Hadad-yiṯʿī, im 8. Jh. König von Sikannu, bezeichnet sich in seinem aramäischen Text vom Tell Feḫerīye als solcher (für die eigenen Untertanen), in dessen akkadischer Über- setzung jedoch als ‚Statthalter‘ (A. Abou-Assaf / P. Bordreuil / A.R. Millard 1982; W. Röllig 2000, 181-182). An einem Fall wie dem Gedaljas wird deutlich, was es heißt, Geschichte zu konstruieren, ein Geschäft, das über die nötige Inventari- sierung und Exegese von ‚Quellen‘ hinausgeht, und nach der Erkenntnis von Zusammenhängen strebt. Jer 40,12 gehört zum Topos der ‚heilvollen Regierung‘ eines neuen Königs (vgl. Kilamuwa KAI5 24); nach Jer 30.18–22 soll (jetzt) Jakobs ‚Herrscher‘ aus seiner Mitte kommen, was nach einer Abrechnung mit der davididischen Fremdherrschaft über Benjamin klingt. Gedaljas Herrschaft strahlte nach Nor- den aus: am Tag nach seiner Ermordung, die sich noch nicht herumgesprochen hat, finden auch 80 Wallfahrer aus Sichem, Schilo und Samaria den Tod, die unterwegs waren zum Tempel von Bet-El (hätten sie nach Jerusalem gewollt, hätte der Gedalja-Mörder ihnen nicht ‚entgegenziehen‘ müssen, sondern sie in Mizpa abfangen können (Jer 41,1–10; in 2 Kön 25 unterdrückt). Jeremija kam aus Anatot (Jer 1,1), also aus Benjamin, hatte unter Zidkija für die schafanidische Opposition gearbeitet (als ‚Informeller Mitarbeiter‘; der ‚Schreiber‘ Baruch ben Nerija war nicht sein Privatsekretär, sondern sein ‚Führungsoffizier‘, zwei publizierte Siegelbullen von Baruch sind moderne Fälschungen [Goren and Arie 2014]) und scheint unter Gedalja so etwas wie dessen ‚Chefideologe‘ gewesen zu sein. Ob jeremianisches Spruchgut vor 582/581 verschriftet wurde, und von wem, kann hier offenbleiben. Spätestens mit Jeremijas Verschleppung nach Ägypten 582/581 werden aber Gedaljas Erben in Mizpa und Bet-El ein Jeremija- Buch ediert und fortgeschrieben haben. Die zahlreichen historischen Anspie- lungen – der Jeremija des Buches wird im Jahr von Nabopolassars Thronbestei- gung berufen, verfasst im Jahr der beginnenden babylonischen Vasallität seine ‚Ur-Rolle‘ (Jer 36) und fängt augenblicklich eigenhändig an, sich selbst fortzu- 304 | Zwischen den Mächten: der Aufstieg Babylons und der dreifache Untergang Judas schreiben – sind von Schreibern verfasst, die Zugang zu den Annalen hatten, und zwar in Mizpa und/oder Bet-El. Das zeigt sich am deutlichsten in den präzi- sen Zahlen zu den Deportierten in Jer 52, aber auch in der Zisterne Asas (Jer 41,9), die ein Stück der ‚Annalentradition‘ darstellt, die in Kön nicht rezipiert wurde. Im Rückblick der Schreiber wurde der in Ägypten verschollene Prophet zum paradigmatischen ‚leidenden Gerechten‘ und damit zu einem Abbild des Leidens JHWHs an seinem Volk. Ein Diskurs aus dem Jahr 582/581 könnte im Kern auch Jer 42–43 zugrundeliegen, da Spätere wussten, dass Nebukadnezar Ägypten nie erobert hat (Jer 44 diskutiert hingegen Probleme des Zweiten Tem- pels). Der Abschied vom anachronistischen Romantizimus schriftstellernder Propheten bedeutet keinen Verlust für die historische Interpretation von Pro- phetenbüchern. 7.5 Das Ende des Königreichs Judas als Anfang der Geschichte des ‚biblischen Israel‘ 1 A. Berlejung, Social Demarcation Lines and Marriage Rules in Urban Babylonia and their Im- pact on the Golah: I. Shai et al. eds., Tell it in Gath. Studies in the History and Archaeology of Israel. Essays in Honor of Aren M. Maeir on the Occasion of his Sixtieth Birthday (ÄAT 90; Münster 2018) 1051–1077; R. Zadok, People from Countries West and North of Babylonia in Babylon during the Reign of Nebuchadnezzar II: HeBAI 7,1 (2018) 112–129; C.L. Crouch /C.A. Strine eds., Jeremiah, Ezekiel, and the Social Scientific Study of Involuntary Migration: HeBAI 7, 3 (2018); I. Finkelstein, Jerusalem and Judah 600–200 BCE. Implications for Understanding Pentateuchal Texts: P. Dubovský et al. eds., The Fall of Jerusalem and the Rise of the Torah (FAT 107; Tübingen 2016) 3–18; I.D. Wilson, Yahweh’s Anointed: Cyrus, Deuteronomy’s Law of the King, and Yehudite Identity: J.M. Silverman and C. Waerzeggers eds., Political Memory in and after the Persian Empire (ANEM 13; Atlanta 2015) 325–361; E. Ben-Zvi and D. Edelman eds., Imaging the Other and Constructing Israelite Identity in the Early Second Temple Period (Bloomsbury 2014); C. Frevel et al. eds., A „ Religious Revolution“ in Yehûd? The Material Culture of the Persian Period as a Test Case (OBO 267; Fribourg und Göttingen 2014; C. Wun- sch, Glimpses on the Lives of Deportees in Rural Babylonia: A. Berlejung / M.P. Streck eds., Aramaeans, Chaldaeans, and Arabs in Babylonia and Palestine in the First Millennium B.C. (LAOS 3; Wiesbaden 2013) 247–260; A. Faust, Judah in the Neo-Babylonian Period. The Ar- chaeology of Desolation (Archaeology and Biblical Studies 18; Atlanta 2012); U. Berges, Jesaja 40–48 (HThKAT; Freiburg 2008); K. Freitag, Ethnogenese, Ethnizität und die Entwicklung der griechischen Staatenwelt in der Antike: Historische Zeitschrift 285 (2007) 373–399; E.A. Knauf, Bethel: The Israelite Impact on Judean Language and Literature: O. Lipschits & M. Oeming ed., Judah and the Judeans in the Persian Period (Winona Lake 2006) 291–349; O. Lipschits, The Fall and Rise of Jerusalem. Judah under Babylonian Rule (Winona Lake 2005); O. Lipschits & J. Blenkinsopp ed., Judah and the Judeans in the Neo-Babylonian Period (Winona Lake 2003); T. Römer, The so-called Deuteronomistic History: a sociological, historical and literary introduc- tion (London 2005); J. Boardman, The Archaeology of Nostalgia. How the Greeks re-created Das Ende des Königreichs Judas als Anfang der Geschichte des ‚biblischen Israel‘ | 305 their mythical past (London 2002); S. Grosby, Biblical Ideas of Nationality. Ancient and Modern (Winona Lake, IN 2002); Ph. Guillaume, Jerusalem 586 B C: Katastrophal? BN 110 (2001) 31–32; R.G. Kratz, Die Komposition der erzählenden Bücher des Alten Testaments. Grundwissen der Bibelkritik (UTB 2157; Göttingen 2000); E.A. Knauf, Wie kann ich singen im fremden Land? Die «babylonische Gefangenschaft» Israels: Bibel und Kirche 55 (2000) 132–139 [mit überholten demographischen Daten]; id., Der Umfang des verheißenen Landes nach dem Ersten Testa- ment: BiKi 55 (2000) 152–155; L.L. Grabbe ed., Leading Captivity Captive. The ‚Exile‘ in History and Ideology (JSOT.S 278 = ESHM 3; Sheffield 1998); K.L. Sparks, Ethnicity and Identity in Ancient Israel: Prolegomena to the Study of Ethnic Sentiments and Their Expression in the Hebrew Bible (Winona Lake, IN 1998); E. Bosshard-Nepustil, Rezeptionen von Jesaja 1–39 im Zwölfprophetenbuch (OBO 154; Freiburg/CH & Göttingen 1997); W. Dietrich, Wem das Land gehört. Ein Beitrag zur Sozialgeschichte Israels im 6. Jahrhundert v. Chr.: R. Kessler ed., ‚Ihr Völker alle, klatscht in die Hände!‘ (FS E.S. Gerstenberger; Münster 1997) 350– 376; H.M. Barstad, The Myth of the Empty Land: A Study in the History and Archaeology of Judah during the ‚Exilic‘ Period (Stockholm 1996); R. Albertz, Le milieu des Deutéronomistes: A. de Pury et al. ed., Israël construit son histoire. L’historiographie deutéronomiste à la lumière des re- cherches récentes (Genève 1996) 377–407; B. Anderson, Die Erfindung der Nation. Zur Karriere eines folgenreichen Konzepts (Frankfurt/New York 1996); R.G. Kratz, Der Anfang des Zweiten Jesaja in Jes 40,1 f. und das Jeremiabuch: ZAW 106 (1994) 243–261; H.-J. Stipp, Jeremia im Parteienstreit: Studien zur Textentwicklung von Jer 26,36–43 und 45 als Beitrag zur Geschichte Jeremias, seines Buches und judäischer Parteien im 6. Jh. (BBB 82; Frankfurt/M. 1992); T. Römer, Israels Väter. Untersuchungen zur Väterthematik im Deuteronomium und in der deute- ronomistischen Tradition (OBO 99; Freiburg/CH & Göttingen 1990) 513–518, 531–542; R. Al- bertz, Die Intentionen und Träger des Deuteronomistischen Geschichtswerks: id. et al. ed., Schöpfung und Befreiung (FS C. Westermann; Stuttgart 1989) 37–53; M. Weippert, Die ‚Konfessio- nen‘ Deuterojesajas: ibid., 104–115; E. Janssen, Juda in der Exilszeit (FRLANT 69; Göttingen 1956). Es gab einen ‚Ersten Tempel‘ und seine ‚Zeit‘ (bis 586) und einen ‚Zweiten Tem- pel‘ und dessen Zeit (von 520/515 vC bis 70 nC) – und dazwischen ein ‚Exil‘? Die Terminologie ist problematisch, weil sie ein theologisches Konstrukt ist, das auf das ‚Exil‘ aus der Perspektive der ‚Rückkehr‘ zurückschaut. Dass es einmal eine ‚Rückkehr und Restauration‘ geben würde, war 581 keineswegs absehbar und auch nicht allseits erwünscht oder erhofft, möglicherweise zuerst von nieman- dem, da man sich allerseits in den neuen Verhältnissen erst einmal einrichten musste. Im Gegensatz zu Darstellungen wie 2 Chr 36,20–21 wurde 597–581 nur eine Minderheit deportiert, und im Gegensatz zu 2 Chr 36,23; Esra 1–2 kehrte nur eine Minderheit dieser Minderheit zurück. Was es 581 gab, waren drei Katego- rien von Judäern: (a) die Bevölkerung der babylonischen Provinz Judäa (über- wiegend Benjaminiter); (b) die Deportierten in Babylonien; (c) die Flüchtlinge (denen sich im Laufe des 6. Jh. Arbeitsmigranten anschlossen) in Ägypten (Jer 42–44), im Ostjordanland (Jer 40,11; 41,15) und in Arabien (Ps 120). Bis ins 4./3. Jh. vC sind Judäer in Idumäa in großer Zahl nachweisbar, d.h., sie wanderten 597 nicht aus dem Machtbereich der Edomiter aus – warum sollten sie auch? Die 306 | Zwischen den Mächten: der Aufstieg Babylons und der dreifache Untergang Judas Gruppen (b) und (c) bildeten die Diaspora, die neben dem Judentum im Land Israel seit 597 zum Judentum gehört wie seit 398 die Thora. Die Gruppen (a) und (b) führten im 6. und 5. Jh. einen intensiven Streit um das Erbe Israels und Ju- das, aus dem seit dem 5. Jh. Thora und Propheten hervorgehen sollten. A. Berle- jung hat die Situation der judäischen Deportierten in Babylonien aus den Quel- len näher beleuchtet. Im ländlichen Raum Angesiedelte integrierten sich ökonomisch und gesellschaftlich, blieben aber in der Regel unter sich. Unter sich blieben meist auch Deportierte in babylonischen Urban-Zentren (z.B. Sippar), wenn es auch Ausnahmen gab (Judäer, die als königliche Händler tätig waren oder wenn Töchter reicher Judäer in einheimische Elite-Familien einhei- rateten). Die urbanen babylonischen Priester-Gruppen mit ihrer strengen, elitä- ren Abgegrenztheit bildeten vermutlich das Vorbild für die später unter judäi- schen Rückkehrergruppen auch in Jerusalem in Priester-Tempel-Kreisen vorherrschende strenge Segregation, die sich in Lev, Esra und Neh u.a. Texten niederschlägt (Berlejung 2018; cf. Wunsch 2013). Um 600 vC lebten in Juda ca. 120–150.000 Menschen. Deportiert wurden davon (nur die Angaben in Jer sind verlässlich): 597 10.000 (2 Kön 24,14) 3.023 Judäer (Jer 52,28) 586 ‚der Rest‘ (2 Kön 25,11) 832 Jerusalemer (Jer 52,29) 581 Flucht nach Ägypten (2 Kön 25,26) 745 Judäer (Jer 52,30) Summe: 4.600, aber sind das Individuen oder Haushaltsvorstände, zu denen man noch die Angehörigen hinzuzählen müsste? Eventuell deutet die Diskre- panz zur Deportation von 597 auf letzteres. Danach lässt sich die Zahl der depor- tierten Personen auf 15.300 hochrechnen, oder etwa 10% der Bevölkerung, wenn auch die Mehrheit der Elite. Das Gewicht der Gola nahm auch dadurch zu, dass es ihr in Babylonien gut ging und sie sich entsprechend vermehrte, wäh- rend die Bevölkerung von Judäa nach den Verlusten durch ‚Schwert, Hunger und Seuche‘ 582 auf höchstens noch 50.000 Personen zu schätzen ist, die durch Abwanderung bis 500 vC auf ca. 15.000 fiel. Man kann die Eingliederung von Samaria und Judäa als Provinzen in das Imperium durchaus als Zunahme von Staatlichkeit verstehen, wenn auch noch nicht im 6. Jh. Israel bildete sich nach dem Zusammenbruch des ersten mediterranen Wirtschaftssystems in Bergen am Rande der Mittelmeer-Welt. Spätestens 734 holt diese inzwischen wiedergebo- rene Welt Israel und Juda ein. Es ist in der biblischen Literatur, insbesondere der prophetischen, sinnvol- ler, nach Trägergruppen zu fragen als nach ‚Autoren‘ wie ‚Redaktoren‘. Es ist auch davon auszugehen, dass Texte eine Weile diskutiert (und memoriert) wur- den, bis sie als Gedächtnisstütze verschriftet – und wiederum memoriert und Das Ende des Königreichs Judas als Anfang der Geschichte des ‚biblischen Israel‘ | 307 diskutiert wurden. Stilles Lesen war unbekannt – es galt das gesprochene Wort. Selbst der einsame Fromme ‚murmelt‘ bei seiner Thora-Lektüre (Ps 1,2) – sonst würde er nicht wirklich ‚lesen‘ (vgl. Dtn 30,14). Durch die drei Deportationen entstanden 597–581 vier Trägergruppen von Traditionen Israels/Judas, die sich für die nächsten 200 Jahre bekämpften: die ‚erste Gola‘ von 597, die ‚zweite Gola‘ von 586, die ‚dritte Gola‘ von 581, und die daheimgebliebenen Benjamini- ter in Judäa. An gemeinsamen Traditionsgut hatten sie die Jakobs-Tradition, die Mose-Josua-Tradition und die Davidhaus-Geschichte (ungefähr im Umfang von 1 Sam 9–2 Kön 10*). Die erste Gola von 597, repräsentiert durch die Ezechiel-Tradition in Baby- lon war ultrakonservativ. Für sie gibt es seit 597 in Jerusalem keinen legitimen König mehr, nur sie sind das wahre Israel. Die Menschen, die in ihre Positionen in Jerusalem nachgerückt sind (und die, sofern sie überlebten, die zweite Gola bilden sollten) sind für sie nichts anderes als Hausbesetzer (Ez 11,1–21). Die Schechina, die ‚Einwohnung‘ JHWHs im Tempel (bei Ezechiel seine ‫ כבוד‬kavod ‚Licht‘- bzw. ‚Schreckenglanz‘) hat Jerusalem bereits im September 592 verlas- sen – wohin, sagt das kanonische Buch Ezechiel nicht (mehr). Mit ihrer Utopie von der Wiederherstellung Israel und Jerusalems Ez 40–48 lehnt die Ezechiel- gruppe auch die Restauration von 520–398 ab, und mit den Daheimgebliebenen und ihren Ansprüchen und Traditionen geht sie scharf ins Gericht (Ez 33,23–29), den ‚Vater Abraham‘ bekämpft sie als Innovation, während ‚Jakob‘, anders als in Hos 12, inzwischen ins ‚Exodus-Paradigma‘ integriert ist (Ez 20,5; 28,25; 37,25). Immerhin ist sie sich mit der Jeremija-Gruppe darin einig, die Theodizee der Deuteronomisten (weil die Könige sündigten, ist ihr Stab nun im Exil – viel- leicht nicht zu Unrecht, denn wer beriet die Könige?) abzulehnen (vgl. Jer 31,29– 30; Ez 18,2). Wegen Ez 26,1–28,19 und Dtn 18,21–22 (Nebukadnezar hat Tyrus nicht erobert) konnte Ezechiel erst 332 vC und nach mehreren Überarbeitungen kanonisch werden. Die ‚Priesterschrift‘ steht sprachlich Ez nahe, theologisch dem jetzt vorliegenden Buch jedoch nicht. Für die ‚Deuteronomisten‘, die Träger der Samuel-Könige-Überlieferung aus der Deportation von 586 ist die legitime Herrschaft in Israel an die Davididen gebunden, deren Geschichte trotz Untergang der Monarchie weitergeht, deren letzter legitimer Vertreter Zidkija war (vgl. 2 Kön 25,27–30). Deshalb legten sie in Babylon den Grund für die späteren Samuel-Könige-Bücher (in der Septuaginta ‚1–4 Königreiche‘), indem sie (aus dem Gedächtnis) die ‚Davidshaus-Geschichte‘ 1 Sam 9–2 Kön 10* rekonstruierten und mit einer (aus dem Gedächtnis rekon- struierten) Königsliste für Israel und Juda kombinierten, die sie weiterführten (vgl. wiederum die ‚Begnadigung‘ Jehojachins 2 Kön 25,27–30 und die Genealo- gie 1 Chr 3,17–24). In den Abweichungen zwischen 2 Kön 25 und 39–41 wird 308 | Zwischen den Mächten: der Aufstieg Babylons und der dreifache Untergang Judas deutlich, dass diese Gruppe den Anspruch der ‚ersten Gola‘ ebenfalls erhebt, aber für sich: ‚uns gehört das Land‘. Angehörige der ‚dritten Gola‘ von 581 machen sich erst relativ spät bemerk- bar in der Form von ‚Deuterojesaja’ (II Jes = Jes 40–48*). Dieses Textkorpus geht auf eine Gruppe von poetisch-prophetisch geschulten, der Perserherrschaft loyalen ‚Propagandisten für die Rückkehr nach Jerusalem‘ zurück und gehört darum wohl gegen den größten Teil der bisherigen Forschung erst in die Jahre 530–525 vC. Zwischen 525 und 520 nach Jerusalem zurückgekehrt, verschmolzen sie ihre Texte mit Jes 1–39*. Sie akzeptierten den Reichsgründer Kyros als JHWHs Stellvertreter auf Erden (Jes 44,24–28) wie Jer* es bei Nebukadnezar tat (Jer 27,6–8) und stehen auch sonst Jer* nahe, so dass sie auch schon für ‚Fort- schreiber‘ dieses Buches gehalten wurden (R.G. Kratz), haben sich aber mit dem wiederaufzubauenden Jerusalem ausgesöhnt, das bei Jer* kein Thema war (Jer 7; 26). Die weitere Fortschreibung von Jes nach 520 fand dann auch in Jerusalem statt (‚Trito-Jesaja‘ – III Jes). Anders als bei Ez* werden die Traditionen der Da- heimgebliebenen (Abraham!) nicht bekämpft, sondern integriert (Jes 41,8 → Jes 29,22; III Jes 51,1–2; III Jes 63,16). Wie P vertritt II Jes eine ‚königliche Anthropo- logie‘ des ‚Menschen an sich‘. Die Nähe zu Jer* verbindet diese Gruppe mit der Deportation von 581. Die letzten, die kamen, scheinen mit die ersten gewesen zu sein, die wieder zurückgingen. Die ‚Jeremija-Gruppe‘ in Judäa anerkannte Nebukadnezar als ‚JHWHs Stell- vertreter auf Erden‘ (27,6) und damit als legitimen Herrscher auch über Israel, bewahrte im Gegensatz zu Kön positive Traditionen über Gedalja (Jer 40–42) und akzeptierte die doppelte Existenz Israels im Land und in der Diaspora (Jer 29,1–9; 45). Jer 29,8–9 kann als Polemik gegen Ez gelesen werden, Jer 40,7–10 als Polemik gegen 2 Kön 25,12, das so tut, als wäre die ganze Elite nach Babylon verbracht. Jer* sagt hingegen ‚Uns gehört das Land, und ihr Exilierten bleibt bitte, wo ihr seid‘ (Jer 29,1–9). Jer* ist anti-nationalchauvinistisch und möglich- erweise auch anti-davididisch und gegen Jerusalem (Jer 7; 26). Spätere Redakti- onen haben dann Jer (wie Ez) auf die Linie des ‚Konsenses‘ des Propheten- Kanons gebracht, wonach ‚Ganz-Israel‘ (= Juda) im ‚Exil‘ war und daraus zu- rückgekehrt ist, und dass der einzig wahre König in Vergangenheit wie Zukunft ein Davidide (gewesen) sein muss. Die Jakobsgeschichte wurde – ebenfalls in Bet-El oder Mizpa – um die Ab- rahamstradition (Gen 12–13*; 18–19*; 21*) erweitert. Diese ursprünglich südju- däische Tradition war nach 597 nach Jerusalem und damit ins Bewusstsein der Elite gekommen. Mit ‚Sodom und Gomorrha‘ (Gen 18–19*) wurde nun der Un- tergang Jerusalems verarbeitet, in Gen 13,14–17 wird das Abraham verheißene Land mit der babylonischen, später persischen Provinz Judäa identifiziert (mit Das Ende des Königreichs Judas als Anfang der Geschichte des ‚biblischen Israel‘ | 309 Benjamin, aber ohne den alten judäischen Süden um Hebron). Sie legitimiert den Anspruch der benjaminitischen Judäer des 6. Jh.: ‚uns gehört das Land‘ – und wird darum von Ez bekämpft. Daneben wurde im Judäa des 6. Jh. das Jesa- ja-Buch fortgeschrieben (Jes 3; 36–39 als Polemik gegen Jer 7; 26) und das Hose- a-Buch schrittweise über ein ‚Zweiprophetenbuch‘ (Hos und Am) und ein ‚Vier- prophetenbuch‘ (Hos, Am, Mi, Zef) zu einem ‚Sechsprophetenbuch‘ (Hos, Am, Mi, Zef, Nah, Hab). Mit den angesprochenen Gruppen und Traditionen liegen uns Stimmen vor, die den Streit um die richtige Politik vor dem Untergang unter babylonischer Herrschaft fortsetzten als Debatte, ‚wem das Land gehört‘. Dabei ging es weni- ger um konkreten Bodenbesitz – der Umfang an brachliegendem, aber anbau- fähigen Land in Judäa schritt gerade einem neuen Höhepunkt entgegen – und auch nicht um ‚Zukunftsgestaltung‘, sondern um konkrete machtpolitische Ansprüche im Hier und Jetzt dieser Interessen-Gruppen: welche dieser Eliten repräsentierte nun wirklich die Provinz Judäa gegenüber den babylonischen Oberherren? Nach orientalischen Vorstellungen führt nur die Teilhabe an der Macht zu Reichtum. Im Augenblick hatten die Benjaminiter in Mizpa und Bet-El die Macht in Händen, aber die babylonischen Exulanten waren auf dem besten Wege, mehr Geld zu haben. Die Debatten der ‚Erben‘ des Königreichs Judas ging nahtlos in die politischen Konflikte der Restaurationszeit 520–398 vC über. II. Die Formation des biblischen Israel aus Judäa und Samaria in der Perserzeit 8 Von Nebukadnezar II. zu Darius I. 8.1 Vom neubabylonischen zum persischen Reich HTAT S. 425–456; Miller & Hayes (22006) 478–522; – K. Radner, Assur’s „Second Temple Peri- 1 od“. The Restauration of the Cult of Aššur, c. 538 BCE: C. Levin / R. Müller eds., Herrschaftsle- gitimation in vorderorientalischen Reichen der Eisenzeit (ORA 21; Tübingen 2017) 77–96; C. Frevel et al. eds., A „Religious Revolution“ in Yehûd? The Material Culture of the Persian Period as a Test Case (OBO 267; Fribourg und Göttingen 2014); M. 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Eine zweite Grundstruktur des Landes besteht darin, dass die Integration in oder der Widerstand gegen die jeweilige imperiale Machtstruktur in den drei Naturräumen Palästinas: Bergland – Ebene – Steppe jeweils grundverschieden verliefen. Das neubabylonische Reich setzte die Herr- schaftspraktiken der Assyrer fort (wie die Deportationen). Allerdings war Ne- bukadnezar II. der Enkel eines Aramäerhäuptlings; unter ihm und seinen Nach- folgern könnten erste Schritte in Richtung der persischen ‚förderalistischen Monarchie‘ erfolgt sein, die den Beherrschten so etwas wie ‚Lokalautonomie‘ gewährte. Unter den Assyrern wäre das undenkbar gewesen, für sie sollte alle Welt ‚Untertan der Stadt des Gottes Assur‘ werden und damit ‚ein Volk‘. Das Perserreich war auch in Wirklichkeit, nicht nur dem Anspruch nach, ‚ökume- nisch‘, es umfasste die ganze damals bekannte zivilisierte Welt; die schlechte Presse der Perser seitens der Kittäer auf ihren Inseln – Ausnahme: Xenophon’s Cyropädie – lassen wir hier auf sich beruhen. Das neubabylonische Reich konn- te hingegen nur mit den Medern vereint Assur bezwingen und vermochte nie- mals, Ägypten zu unterwerfen. Nicht einmal Tyrus konnte Nebukadnezar ein- nehmen, trotz Ez 26–28 und einer 13 Jahre dauernden Belagerung (gegen H. Schaudig [2008]): die ‚Eroberung‘ ist in keinem Dokument erwähnt, Tyros war eine Insel, und Babylon hatte keine Flotte; die ‚Belagerung‘ bestand in der Be- setzung der Vororte von Tyrus auf dem Festland, von wo natürlich ‚Tyrer‘ de- portiert werden konnten. Nebukadnezar II. hat allerdings Babylon programma- tisch als ‚Himmelstor‘ ausgebaut, wie das Ischtar-Tor und die darauf zulaufende Prozessionsstraße für das zentrale Neujahrfest zeigen, die sich jetzt im Berliner Pergamon-Museum befinden: den ‚Eingang zum Himmel‘, d.h. zur irdischen Residenz des höchsten Gottes Marduk, in der sich Himmel und Erde berühren, markieren das Blau der Ziegel und die darin eingelassenen Fabelwesen als ‚Himmelswächter‘. Die Erzählung von ‚Bel und dem Drachen‘ (Dan 14) hat eine gebrochene Erinnerung an diese Anlage bewahrt. In unserem durch die Bibel geprägten kollektiven Gedächtnis erscheinen Assyrer wie Babylonier größer und mächtiger, als sie waren. Das neuassyrische Reich nahm seinen Anfang 738 und versank nach 639 vC in Inaktivität, die zu seinem baldigen Ende führte, hat also nur etwa 100 Jahre geblüht und in dieser Zeit zwei Usurpatoren auf dem Thron gesehen (Tiglat-Pileser III. und Asarhad- don) und zwei Bürgerkriege erlebt (anlässlich der Thronbesteigung Asarhad- dons und unter Asurbanipal). Mit anderen Worten: es war nicht wesentlich stabiler als das Königtum Israels, das eher die altorientalische Regel als eine Ausnahme davon repräsentiert. Das gilt auch für das neubabylonische Reich, Vom neubabylonischen zum persischen Reich | 313 das es nicht einmal auf 100 Jahre brachte (626–539 vC). Es war im Wesentlichen eine Zwei-Personen-Veranstaltung: des Reichsgründers Nabopolassar und sei- nes Erben und Vollenders Nebukadnezar II. (605–562). Sein Sohn Amel-Marduk (Evil-Merodach, 2 Kön 25,27; 52,31) regierte zwei Jahre und wurde dann von seinem Schwager Neriglissar (560–556) ermordet, einem General Nebukad- nezars II. (Jer 39,3.13). Sein kleiner Sohn wurde nach drei Monaten von Nabonid abgesetzt, einem hohen Hofbeamten Nebukadnezars und Neriglissars. Der letzte neubabylonische König Nabonid (556–539) stammte aus Harran und versuchte, den Mondgott Sin von Harran zum höchsten Gott des Reiches zu machen, d.h. den babylonischen Marduk, der diese Rolle seit über 1.000 Jahren innehatte, abzusetzen. Der Aufschrei der Babylonier, an ihrer Spitze die in ihren Pfründen bedrohte Priesterschaft Marduks, lässt sich nur mit der Reaktion der Byzantiner 1439–1453 auf die Union von Florenz vergleichen: da wurde man doch lieber türkisch, als sich den westlichen Parvenüs zu unterwerfen. Die Ba- bylonier wurden lieber persisch, jedenfalls sagten sie das nach ihrer Eroberung durch Kyros: Aus dem ‚Strophengedicht‘. Nach 539 vC. Text und Übersetzung dieser Polemik gegen die Religionspolitik Nabonids: Schaudig (2001) 563–578. Ergänzungen bleiben hier unbezeichnet, [Anmerkungen] von E.A. Knauf. 1.20’–23’ … Götter, tut Unheiliges | … er schuf Nichtiges || einen Gott, den früher niemand im Lande gesehen … | ließ er auf einem Podest Platz nehmen. 1.24’–27’ … Nannar [der sumerische Mondgott] nannte er seinen Namen | aus Gold und La- pislazuli trägt er seine Krone || sein Aussehen ist Sin der Verfinsterung | er streckt seine Hand aus wie Lugal-šudu [eine Bezeichnung Marduks]. … 2.1’–3’ … || (den) der Schöpfer Ea [der sumerische Schöpfergott, babylonisch Marduk] nicht geformt | nicht kennt seinen Namen U’anna-Adapa [der paradigmatische Weise und Zivilisa- tionsbringer der mesopotamischen Tradition] 2.4’–7’ „Ich will bauen seinen Tempel, gestalten seine Wohnung | will formen sein Ziegel- werk, eintiefen seine Gründung || Dem Heiligtum [der Marduk-Tempel Esangila in Babylon, dem hier eine gewisse Einzigkeit zugeschrieben wird] will ich einen Tempel gleich an Zier zur Seite stellen | Eḫulḫul seinen Namen nennen für ferne Zeit! 2.8’–11’ Wenn ich vollendet haben werde, was ich bauen will | will ich fassen seine Hand, fest ihn setzen in die Wohnung [d.h., Sin von Harran soll die Rolle Marduks als Schöpfergott und Garant der Weltordnung beim Neujahrsfest übernehmen] || Bis ich ebendies beenden, erreichen werde, den sehnlichen Wunsch | will ich auslassen das Fest [das Neujahrfest in Babylon], Zammuk [***] ruhen lassen!“ … 2.16’–19’ Nachdem er seinen Wunsch erreicht, das Lügenwerk | ausgeführt das Greuel, das unheilige Werk, als das dritte Jahre herankam [553 vC] || übergab er das Feldlager seinem erstgeborenen Sproß [Belsazzar] | die Truppen aller Länder unterstellte er seinem Befehl. 314 | Von Nebukadnezar II. zu Darius I. 2.20’ Er zog zurück seine Hand, übergab ihm das Königtum | er selbst schlug eine weite Rei- se ein || die Streitkräfte des Landes Akkad [die königliche Garde, das stehende Armeekorps] sind mit ihm aufgebrochen | nach der Stadt Tema inmitten des Landes der Amoriter [= ‚Westland‘, Syrien-Palästina-Arabien] hat er seinen Blick gerichtet. Es folgt die Schilderung des Arabien-Aufenthalts Nabonids, in Kolumne 3.10’ fällt der Name ‚Kyros‘, in 5 und 6 stellt Kyros das Marduk-Heiligtum, dessen Kult und die Stadt Babylon ‚wie Nebukadnezar‘ (6.10’) wieder her. 6.12’–15’ Die Götter des Landes Akkad [Babylonien], Mann und Weib, brachte er in ihre Heiligtümer zurück | die Götter, die ihre Hochsitze verlassen hatten, brachte er zurück in ihre Cellae || ihre Herzen beruhigte er, ihr Gemüt stellt er zufrieden [d.h., er stellte ihren Kult wieder her, vgl. ‫ ריח נחוח‬reaḥ niḥoaḥ ‚Wohlgeruch der Beruhigung‘ Gen 8,21; Lev 8,21.28; 17,6; Esra 6,10] | die hingeschüttete … ließ er aufleben. 6.16’–19’ … gesetzt ihr Termin | … (seine) Taten löscht er völlig aus || was Nabû-na’id [Na- bonid] geschaffen in allen Heiligtümern | (auch die nur) mündliche Nennung seines König- tums riß er aus. 6.20’–24’ … seine Taten, er zerschmeißt das Nichtige | seinen Grundriß rissen sie aus || in allen Heiligtümern wurde sein Name getilgt || was immer er gemacht, ließ er Girra [den Feu- ergott] verbrennen, … was er gemacht, ließ er das Feuer verzehren. In dieser Polemik werden für den mesopotamischen Polytheismus unerhörte Töne angeschlagen: Sin von Harran, immerhin ein altehrwürdiger Gott, wird als neuerfundenes Monstrum dargestellt; eine derartige Bestreitung der Göttlich- keit eines Gottes hat es zuvor nicht gegeben. Unerhört war aber auch, dass Na- bonid durch seinen Aufenthalt in Arabien das babylonische Neujahrfest verun- möglichte, worin Jahr für Jahr die Schöpfung erneuert und die Stabilität der Welt für ein weiteres Jahr begründet wurde. Dieser Akt ist nur einem Papst ver- gleichbar, der von einem Tag auf den anderen die Messe verböte. Die damnatio memoriæ in 6.12’–24’ bezieht sich auf Nabonids kultische Stiftungen und In- schriften; aus den Chroniken wurde sein Name keineswegs getilgt. In seinem letzten Regierungsjahr fand das Neujahrsfest in Babylon dann wieder statt, doch inzwischen stand Kyros vor den Toren (HTAT S. 443, Nr. 268, Jahr 17). Eine Minute nach Zwölf scheinen Nabonid und Marduk einen Kompromiss gefunden zu haben, wonach Marduk sein Neujahrsfest und Sin durch Marduks Fürspra- che seinen Tempel in Harran bekam (HTAT S. 450–453 Nr. 272). 553 vC eroberte Nabonid Edom (HTAT S. 440–441 Nr. 268). Das unter den Assyrern blühende Land, das danach noch in den arabischen Mittelmeerhandel involviert war, verödete und wurde für die kommenden dreihundert Jahre ein Streifgebiet von Beduinen (vgl. Jer 49,7–22; Obad; Ez 25,12–14). Damit war der letzte der südsyrischen ‚Stammesstaaten‘ beseitigt: Vom neubabylonischen zum persischen Reich | 315 Staat Beginn der Staatlichkeit Imperiale Provinz Aram-Damaskus 1. Hälfte 9. Jh. 732 Israel 1. Hälfte 9. Jh. 733/724/720 Juda 2. Hälfte 9. Jh. 597/586/581 Ammon 2. Hälfte 9. Jh. 581 Moab 2. Hälfte 9. Jh. 581 Edom 2. Hälfte 8. Jh. 553 Von Edom zog Nabonid weiter nach Süden und eroberte Tema (Taymāʾ), Dedan, Padakku (Fadak), Ḫibrā (Ḫaybar), Yadīḫu (Yadīʿ) und Yatribu (Yaṯrib, heute el- Medīna), also die nordarabischen Karawanenstädte; er selbst residierte zehn Jahre lang in Tema und schlug sich mit den Beduinen (HTAT S. 446–447 Nr. 270; S. 449–450 Nr. 271). Als Motiv gibt er an, dass die Babylonier Sin beleidigt hätten und mit Hunger und Seuchen geschlagen wurden, worauf der König sozusagen ins Exil ging. Es ist aber zu bedenken, dass eine altorientalische Armee jedes Jahr kämpfen musste, um in Übung zu bleiben und sich selbst wie den Staat durch Beute zu finanzieren: als Assurbanipal nach 639 die jährlichen Feldzüge einstellte, aus was für Gründen auch immer, war es mit dem Schre- ckensglanz des assyrischen Heeres vorbei. Im Osten, Norden und Westen gab es für Nabonid nichts zu erobern (dort legte Kyros den Grundstein zu seinem Impe- rium), in Ägypten auch nicht. Nord-Arabien war der einzige Bereich, in den er noch expandieren konnte, vielleicht verführt von der Legende vom ‚glücklichen Arabien‘ (vgl. 1 Kön 10,1–10). Durch den Weihrauchhandel wurden sehr wenige Menschen – die Weihrauchscheichs sozusagen – sehr reich. Das bedeutete aber nicht, dass es sich insgesamt um nennenswerte Summen nach den Maßstäben der babylonischen Ökonomie handelte. Nabonids Arabien-Feldzug ist in Jes 21,11–15; Ez 25,13; Jer 49,8 reflektiert. Alle von Nabonid eroberten Karawanen- städte waren unmittelbar vor dem Aufkommen des Islam jüdisch oder hatten eine starke jüdische Bevölkerung. Die meisten der arabischen Juden waren Konvertiten, doch könnte der Kern dieser Gemeinden auf judäische Soldaten Nabonids zurückgehen. Die Bibel enthält Texte aus der Zeit Nabonids (auch Ijob 1 spielt auf die Ver- hältnisse von 553–543 in Arabien an), aber seinen Namen nennt sie nicht. In Dan 5 ist Belsazar, Nabonids Kronprinz, der letzte König Babylons. Der Befund ist umso merkwürdiger, als in Qumran eine aramäische Erzählung über ‚Nabo- nid in Arabien‘ erhalten ist (4QOrNab), in der er ‫ נבוני‬Naboni heißt und die als Vorlage für Dan 4 gedient hat, wo der König nun ‚Nebukadnezar‘ ist. Dass Na- bonid so intensiv verschwiegen wird, deutet an, wie bedeutend seine Rolle für 316 | Von Nebukadnezar II. zu Darius I. die Formation des ‚biblischen Israel‘ war; ähnliches lässt sich von Kambyses sagen. Offenbar hatten die judäischen Theologen, in Babylonien wie im Mutter- land, keine Mühe mit Marduk als ‚höchstem Gott‘. In nur leicht transformierter Form beginnt auch JHWH die Weltschöpfung, indem er wie Marduk in Enūma eliš das Chaosmonster Tiamat (hebr. tehom ‚Ur-Tiefe, Chaosabgrund‘) zerteilt, um daraus Himmelsgewölbe und Erde zu machen (Gen 1,1–8). Wie Marduk, der beim Neujahrsfest die ‚Schicksalstafeln‘ schreibt und damit die Struktur des kommenden Jahres festlegt, schreibt JHWH am Yom Kippur, dem ‚Versöh- nungstag‘ zehn Tage nach Neujahr, die Namen in das ‚Buch des Lebens‘. Sin, der ‚Baal von Harran‘, war inakzeptabel, so dass der Name ‚Sinai‘ für den Got- tesberg in der Wüste wegen des gefährlichen Anklangs (etymologisch hat er nichts mit ‚Sin‘ zu tun) nun durch den Decknamen Horeb ‚Wüstenberg‘ um- schrieben wurde. Damit wird allerdings übertüncht, dass die biblischen Theolo- gen viel von Nabonid (und seinen Gegnern) gelernt haben. 612 hatten die Neu-Babylonier mit den Medern zusammen Ninive erobert. Die Meder bildeten keinen Staat (und schon gar kein ‚Reich‘, das Herodot er- funden und Dan 2,39; 6,1; 9,1 bei ihm möglicherweise abgeschrieben hat), son- dern einen Stämmebund. Sie konnten (zwischen 610 und 608) Harran verwüs- ten, aber nicht halten (HTAT S. 450–452 Nr. 272). Die mit ihnen verwandten Perser hatten das nach 639 verwüstete Elam übernommen und ein elamisch- persisches Königtum gegründet. So wurde das mit keiner bekannten Sprache verwandte Elamische zur ersten Schriftsprache der Perser. 550/549 – Nabonid war in Tema – stürzte der persische König Kyros den medischen Oberhäuptling Astyages und übernahm dessen Hauptstadt Ekbatana (neben dem elamischen Susa) wie sein ‚Volk‘, das als ‚Meder und Perser‘ die staatstragende Schicht im Perserreich bildete (Dan 5,28; 6,8.12.15). 546 eroberte er Lydien im Westen Kleinasiens, wodurch er nun Babylon vom Osten, Norden und Westen um- klammerte. 539 marschiert Kyros in Babylonien ein und wird von der Marduk- Anhängerschaft – wie es scheint, begeistert – begrüßt; Jes 45,1 zeigt, was für gute Babylonier zumindest die Deutero-Jesajaner geworden waren. Nabonid wird ‚pensioniert‘. Mit Babylon war Kyros auch der babylonische Besitz im Wes- ten zugefallen, doch fand er nicht die Zeit, ihn zu organisieren. 530 fiel er im Kampf gegen die Skythen, sein Sohn Kambyses (530–522) folgte ihm nach. Ky- ros war den Meder ein Meder (berufen von Ahuramazda) und den Babyloniern ein Babylonier (eingesetzt von Marduk, HTAT S. 453–56 Nr. 273). Es war weder für Kyros noch für die Judäer seiner Zeit ein Problem, wenn der ‚höchste Gott‘ regional verschiedene Namen hatte. Nach dem ‚kanonischen Geschichtsbild‘ von ‚Exil und Rückkehr‘ markiert der Herrschaftsantritt des Kyros in Babylon das Ende des ‚Exils‘. Nach der heb- Vom neubabylonischen zum persischen Reich | 317 räischen Fassung des ‚Kyros-Edikts‘ (Esra 1,2–4) ist er von JHWH berufen, um den Tempel von Jerusalem wieder aufzubauen, und erlaubt allen ‚Exilierten‘ die Rückkehr. Hebräisch war keine Amtssprache des Perserreiches, und eine ‚gene- relle Rückkehrerlaubnis‘ war sinnlos: die Judäer in Babylonien hatten in der Regel ‚Bogen-Lehen‘ inne, für die sie Pacht/Steuern zahlten und zum Militär- dienst einberufen werden konnten. Weder konnten sie diese Position einfach aufgeben, noch hätten sie in der ‚Heimat‘ eine Existenz gehabt. Nach der aramä- ischen Version des Kyros-Edikts (Esra 6,3–5), das sich schon eher wie ein amtli- ches Dokument anhört, wird der Wiederaufbau des Tempels angeordnet, seine Dimensionen, die Kostenübernahme seitens der Staatskasse, und die Rückgabe der von Nebukadnezar entführten ‚Tempelgeräte‘. Dazu ist zu sagen, dass 539/38 vC der Wiederaufbau des Tempels von Jerusalem noch kein Thema war. In Jerusalem und seiner näheren Umgebung wohnte fast niemand. Die benja- minitische Bevölkerung der Provinz Judäa hatte einen Tempel in Bet-El. Als der Jerusalemer Tempel dann später neu gebaut wurde, ist es aufgrund des verwal- tungsrechtlichen Status von Jerusalem wahrscheinlich, dass das lokale ‚königli- che Schatzhaus‘ die Kosten trug – aber das anzuordnen, war Sache des Pro- vinzgouverneurs. Die Zuschreibung des Bau-Auftrages an Kyros verrät eine gewisse Kenntnis des Kyros-Zylinders (HTAT S. 453–456 Nr. 273) oder ähnlicher Texte (auf Aramäisch), wonach Kyros bei seinem Regierungsantritt die Rück- führung der von Nabonid angesichts des persischen Vormarsches in Babylon versammelten Götter Babyloniens an ihre angestammten Sitze angeordnet ha- ben soll. Er stellt es so dar, als sei diese Evakuation eine weitere Bosheit Nabo- nids gegenüber der traditionellen Religion gewesen (was sie nicht war), so dass Kyros als der heilvolle Wiederhersteller der althergebrachten Ordnung er- scheint. Nun war Judäa politisch ein Teil Babyloniens gewesen, so dass später Schreiber am Jerusalemer Tempel im 5. und 4. Jh. vC annehmen konnten, der ‚Restitutionsakt‘ habe auch Jerusalem gegolten. Das konnten sie aber nur, weil die Einzelheiten von ‚Rückkehr und Tempelbau‘ mittlerweile gründlich und nicht absichtslos vergessen gemacht worden waren. Dass wann auch immer freilich eine Rückkehr von Babylonien-Exilierten samt Tempelgeräten nach Jerusalem stattfand, legt eine strukturelle Parallele mindestens nahe: Im parthi- schen Königreich Hatra (1. Jh. nC) besaß die von den Medern 614 vC zerstörte Stadt Assur als Handelszentrum wieder Bedeutung und der Tempel des assyri- schen Reichsgottes Assur wurde wieder aufgebaut. Wie kam es zu der Kontinui- tät nach so vielen Jahrhunderten? K. Radner (2017) hat gezeigt, dass nach 612 vC exilierte Assyrer, die vermutlich schon mit dem Kult Assurs in Assur eng ver- bunden waren, im babylonischen Uruk einen kleinen Tempel Assurs errichten konnten, die Reichstradition bewahrend. In Assur wurde der Kult Assurs wieder 318 | Von Nebukadnezar II. zu Darius I. etabliert, nachdem entsprechend der Behauptung des Kyros-Zylinders Kyros 539 oder 538 vC Götterbilder aus früher zerstörten Tempeln nach Assur, Susa, Akkad und anderen Orten (Jerusalem wird nicht genannt) zurückbringen, Tempel bau- en und Deportierte zurückkehren ließ (Radner 2017, 85; HTAT S. 453–456 Nr. 273, 30–32). Das heißt, dass nach ca. 70 Jahren (Jer 25,11; Sach 1,12; Dan 9,2.24) Deportierte mit Dutzenden früher geretteter „sacred texts“, „covenant tablets“, gesiegelt mit dem Siegel des Gottes Assur, „clay prisms and cylinders with royal inscriptions as well as clay tablets with royal decrees and religious texts“, die nicht nur die heilige Tradition Assurs und seines Tempels repräsentierten, son- dern als „actual manifestations of the deity“ galten (Radner 2017, 88.90) depor- tierte Assyrer zurückkehren konnten. So wurde in Assur auf den Trümmern des alten Assurtempels nach ca. 70 Jahren ein kleinerer „Zweiter Tempel“ an der gleichen Stelle wie der frühere errichtet, der später in dem Tempel im parthi- schen Hatra aufging. 8.2 Judäa von 581 bis 525 vC 1 G.N. Knoppers, Judah and Samaria in Postmonarchic Times (FAT 129; Tübingen 2019); K. van der Toorn, Eshem-Bethel and Herem-Bethel: New Evidence from Amherst Papyrus 63: ZAW 128 (2016) 668–680; I. Finkelstein, Jerusalem and Judah 600–200 BCE. Implications for Under- standing Pentateuchal Texts: P. Dubovský et al. eds., The Fall of Jerusalem and the Rise of the Torah (FAT 107; Tübingen 2016) 3–18; L.L. Grabbe, The Last Days of Judah and the Roots of the Pentateuch. What Does History Tell Us?: ibid., 19–45; Y. Thareani, „The Self-Destruction of Diversity“: A Tale of the Last Days in Judah’s Negev Towns: Antiguo Oriente 12 (2014a) 185– 224; H. Geva, Jerusalem’s Population in Antiquity: A Minimalist View: TA 41 (2014) 131–160; J. 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Schematisch lässt sich das so darstellen: Manasses Juda Joschijas Juda Zidkijas (und Gedaljas) Judäa Benjamin Benjamin Benjamin Jerusalem Jerusalem (Jerusalem) Hebron Hebron Hebron Die Haupstadt der Provinz war bis 445 Mizpa (2 Kön 25,23–25; Jer 40,6–41,16; Neh 3,7), ihr JHWH-Tempel stand bis in die erste Hälfte des 5. Jh. in Bet-El. Im Gegensatz zu Jerusalem (samt Umland) und der Schefela war Benjamin nicht verwüstet. In der Provinz Judäa waren einstweilen alle Hausbesitzer Benjamini- ter, aber nicht alle Bewohner der Provinz waren Hausbesitzer. Ez 33,23–29, die Polemik der Gola von 597 gegen die ‚Daheimgebliebenen‘, wendet sich in 33,25 gegen den ikonischen Kult und teilt in 33,27 die Bevölkerung auf in ‚Bewohner von Ruinen‘, die (bei der nächsten Eroberung) durch das Schwert umkommen sollen, ‚Bewohner des freien Feldes‘ (also Zeltbewohner), denen die wilden Tiere den Garaus machen sollen, und die ‚Bewohner von Fluchtburgen und Höhlen‘, die einer Epidemie erliegen sollen. Die ‚Ruinen‘ beziehen sich despek- tierlich auf die Städte Benjamins (Jer 40,5). Höhlen- und zeltbewohnende Hirten hat es in Juda schon in der Königszeit neben den Ackerbürgern der ‚Städte‘ gegeben, doch kann man annehmen, dass ihre Zahl nach den Zerstörungen von 588–586 nun stark gestiegen ist. Der ‚Zeltbewohner Abraham‘ stellt keine ‚Erin- nerung‘ dar, die bis in die Bronzezeit zurückreichte. Die gleichen Verhältnisse reflektiert Ri 6,2–5, wo die ‚Israeliten‘ (die Judäer) vor den ‚Midianitern‘ (den 320 | Von Nebukadnezar II. zu Darius I. Proto-Beduinen von Kedar) in die Berge und in Höhlen fliehen (wo die ‚Israeli- ten‘ des 11. und 10. Jh. vC, die als midianitische Händler zum Alltag gehörten, ohnedies lebten), und Klgl 5,9. Dass die Judäer Beduinenüberfälle nicht ohne Widerstand hinnahmen, macht ihnen Ez 33,26 zum Vorwurf. Exiliert wurden 597–581 nach Jer 52.28–30 insgesamt 4.600 Judäer, das wa- ren selbst nach den Verlusten durch die Kriege höchstens 5% der Bevölkerung. Demographisch ging die Bevölkerung von Judäa allerdings von ca. 100.000 Menschen um 600 vC auf 15.000 um 500 vC zurück (Finkelstein 2016, 9; Lip- schits; Carter), weniger eine Folge des Bevölkerungsverlustes durch Krieg und Deportationen – die wären unter wirtschaftlich günstigen Bedingungen in we- niger als einem Jahrhundert kompensiert – als der politischen Vernachlässi- gung und der ökonomischen Marginalisierung im 6. Jh., die zur Abwanderung des produktivsten Teils der Bevölkerung führten. Die Probleme zeigen sich z.B. darin, dass nach der großen Expansion von Schreiben und Schreibern/Literatur im 7. Jh. vC (nicht nur in Jerusalem und Bet-El), wo sogar in kleinen Forts im Negev Schriftkundige vorhanden waren, nun ein deutlicher Mangel an Schrift und Schreiben (Ostraca, Siegel, Bullen) in der babylonisch-persischen Zeit bis ca. 400/350 vC festzustellen ist (Finkelstein 2016, 6–13). Um 400 vC lebten ca. 3000 Judäer in Elephantine (und mindestens 15.000 in Ägypten insgesamt), 30.000 in Judäa, die sich bis 300 vC wiederum verdoppelten. Sowenig sich der Bevölkerungsrückgang im 6. Jh. allein mit Krieg, Hungersnot, Epidemien und Deportationen erklären lässt, sowenig spielen beim (langsamen) Wiederauf- schwung im 5. und 4. Jh. Rückwanderungen eine nennenswerte Rolle. Die angesetz- te Bevölkerungszunahme setzt bei 5 Generationen pro Jahrhundert einen Reproduk- tionsfaktor von 2.3 voraus (d.h., jedes Ehepaar hat im Durchschnitt 2.3 bis zur Fortpflanzungsfähigkeit überlebende Kinder), der keineswegs übertrieben erscheint. Die wirtschaftliche Stagnation im äußersten Süden des neubabylonischen Machtbereichs rührte daher, dass Philistäa, die Handelsdrehscheibe des 7. Jh., durch den ‚kalten Krieg‘ zwischen Babylonien und Ägypten lahmgelegt war, und Phönizien als traditionelles Einfallstor Ägyptens in Vorderasien von den Chaldäern ebenfalls blockiert wurde. Falls Nabonids Arabien-Zug nicht direkt darauf abzielte, den arabischen Mittelmeerhandel nach Nordsyrien umzuleiten, hat er ihn zumindest für 10 Jahre unterbrochen. Ohne Kupferexport und arabi- schen Handel war in Edom als babylonischer Provinz kein Staat mehr zu ma- chen, der ‚Staat‘ zog sich dort auf wenige Stützpunkte zurück (Bosra, Elat) und überließ das flache Land den Beduinen. Zwar nennt Nabonid Gaza als sein ent- ferntestes Untertanengebiet (HTAT S. 450–453 Nr. 272: 34), aber dass er 541/40 von dort Bausoldaten für Harran rekrutieren konnte, darf bezweifelt werden. Investiert haben die Neubabylonier in die Infrastruktur (und in die Sicherheit) Judäa von 581 bis 525 vC | 321 Südsyriens-Palästinas nichts, sondern diese Provinzen weitgehend sich selbst überlassen. Das war nicht für alle Einwohner eine Katastrophe, doch für viele ein Grund, ihr Auskommen woanders zu suchen. Die Judäer von Elephantine, die Traditionen Bet-Els fortführten und deren Religion uns einen Eindruck vom ‚vorbiblischen‘ Judentum gibt, müssen nach 581 und vor 525 nach Ägypten als Söldner abgewandert sein. Andere zogen wohl mit Nabonid nach Arabien. Isra- el-Palästina war im 6. Jh. ein Land ohne Zentrum und darum auch ohne Peri- pherie, es war ins wirtschaftliche Nirgendwo geraten (Abb. 12A: oben S. 96), daher der demographische Niedergang. Unter persischer Herrschaft wurde dann die gesamte Küste zum Zentrum, Philistäa wie Phönizien, und diese Struk- tur hielt sich bis in frühislamische Zeit (Abb. 12D: oben S. 96), was wiederum den bis ins 1. Jh. nC ungebrochenen demographischen Aufschwung seit dem 5. Jh. erklärt. Dadurch, dass Alt-Juda sehr und Benjamin 588–586 wenig gelitten hatte, lässt sich im 6. Jh. der Anfang einer Klassenbildung in Judäa vermuten, befördert durch den Verlust des einheimischen Königtums, das diesen Prozess zugunsten einer breiten Schicht von heerbannpflichtigen Hofbesitzern und durch die staat- liche Elite verhindert hatte. Die einheimische Elite an Schreibern und Funktionä- ren („Beamten“) wurde aufgrund der relativen Vernachlässigung der südsyri- schen Peripherie seitens der Neubabylonier wohl aus dem Kreis der Großgrundbesitzer rekrutiert, die sich in dieser Zeit als Klasse der ‫ חרים‬ḥorim ‚Freien‘ zusammenschloss und eine Art ‚Provinziallandtag‘ bildete – in der Per- serzeit ist dann diese aristokratische Institution ohne königszeitlichen Vorläufer ‚plötzlich‘ da. Insofern ist ein vor-persischer Ursprung der ‚persischen‘ Lokalau- tonomie zu postulieren. Dazu passt, dass das neubabylonische Rechtswesen – wie das der israeliitschen und judäischen Monarchien – auf der ‚Autonomie der Rechtsgemeinde‘ aufgebaut war. Nebukadnezar II. selbst konnte einen Hoch- verräter nicht einfach hinrichten lassen, er musste als sein eigener Staatsanwalt vor seinen ‚peers‘ auftreten und seine Klage darlegen: Ein neubabylonischer Hochverratsprozeß. 594/93 vC. Text: E. Weidner, Hochverrat gegen Nebukadnezar II. Ein Großwürdenträger vor dem Kö- nigsgericht [sic!]: AfO 17 (1954–56) 1–9; verbesserte Übersetzung: N. Naʾaman, Naboth’s Vineyard and the Foundation of Jezreel: JSOT 33 (2008) 197–218, 203. Baba-ahhu-iddina, Sohn des Nabu-ahhe-bulliṭ, Sohn des Ša-reš-ummani, stachelte auf zu Sünde und Verbrechen und richtete seinen Sinn auf Frevel. Er hielt nicht den Eid des Königs, seines Herren, den er geschworen hatte, und verschwor sich zu Bösem. Damals untersuchte Nebukadnezar, König von Babylonien, gründlich die bösen Taten des Baba-ahhu-iddina und nahm seine Verschwörung gefangen. Vor der Volksversammlung [d.h. doch wohl, vor deren Repräsentanten] bewies er gegen ihn die Sünde, die er begangen hatte, schaute ihn zornig an, befahl, dass er nicht leben sollte, und man schnitt seine Kehle durch … 322 | Von Nebukadnezar II. zu Darius I. In der Königszeit gab es kein kodiertes Recht, einerseits wegen der Autonomie der Rechtsgemeinde, andererseits, weil der König der lebende Inbegriff von ‚Gerechtigkeit‘ war (Ps 72,1–2.4.7.12–14; joschijanisch) und damit ihr symboli- scher Garant im Alltag. Was es gab, waren Aufzeichnungen des Gewohnheits- rechts wie das ‚Bundesbuch‘ (Ex 21–23), woraus die angehenden höheren Ver- waltungsbeamte lernten, nach welchen Regeln ihr ‚Volk‘ lebte. Damit, dass der König als ‚Gerechtigkeitsgarant‘ entfiel bzw. ziemlich weit weg war, bekam das geschriebene Recht eine neue Rolle. Im Judäa des 6. Jh. wurde die Exodus- Josua-Geschichte um den ‚Gottesberg‘ Sinai/Horeb erweitert, diese durch die Einfügung des ‚Bundesbuches‘ zu einem Verfassungsvertrag zwischen JHWH und Israel gemacht. Zugleich wurde das ‚Bundesbuch‘ novelliert, d.h. seine Bestimmungen an die neuen wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verhält- nisse angepasst. Diese ‚Novellen‘ sind in Dtn 12–26 eingegangen – das ‚Ur- Deuteronomium‘ war ganz und gar nicht ‚deuteronomistisch‘, sondern reflek- tiert eine arme Zeit mit minimalem Geldumlauf und zahlreichen land- und hei- matlosen (und damit zu versorgenden) Personen. Damit war der erste Schritt getan, wie aus der Exodus-Josua-Geschichte dereinst ‚Thora‘, ‚Weisung‘ werden sollte. Ihren faktischen Besitz des Landes begründeten die Judäer nicht mit dieser Geschichte (eine Traditon, die sie schließlich mit der Gola teilten), son- dern mit der Verheißung an ‚Abraham, ihren Vater‘ (Ez 33,23–29). Die Marginalisierung der Exodus-Überlieferung im Judäa des 6. Jh. zeigt sich auch darin, dass Bet-El eine neue Gründungslegende bekam: die Götter des Exodus wurden abgelöst durch die Himmelsvision des Abraham-Nachkommen, wozu er mittlerweile geworden war: Jakob (Gen 28,11–22). Religionsgeschicht- lich ist darin zweierlei bemerkenswert: JHWH steht am Eingang des himmli- schen Thronsaals (28,13), beansprucht hier also nicht den Rang des ‚höchsten Gottes‘ (der an dessen anderem Ende thront). Indem Jakob aber feststellt ‚Hier ist das Tor des Himmels!‘ macht er Bet-El weniger zu einem Klon als zu einem Konkurrenten von Nebukadnezars Babylon. Von der Kolonialmacht zu profitie- ren durch schlitzohrige Kooperation, war schon immer ein Markenzeichen der Jakob-Gestalt. Dadurch, dass Bet-El ‚schon immer‘ das Heiligtum der Samarier war und nun auch als Zentraltempel der Judäer diente, wurde der Boden für das Konzept des ‚biblischen Israel‘ in persischer Zeit bereitet. Zwar hatte Juda nach dem Untergang Israels dessen Erbe reklamiert, aber nun wurde dieser ‚Ganz- Israel-Theologie von Oben‘ eine solche ‚von unten‘ entgegengesetzt. Sie äußert sich in Texten, die Benjamin, Efraim und Manasse ansprechen (Ps 80,2), ohne dass die politische Selbständigkeit der beiden Provinzen in Frage gestellt wird (vgl. die durchgängige Unterscheidung von ‚Haus Juda‘ und ‚Haus Israel‘ im Jeremija-Buch). Hier wurzelt auch das jüdische Grundbekenntnis (Dtn 6,4 Die Gola in Babylonien (597–525 vC) | 323 ‫ שמע ישראל יהוה אלהינו יהוה אחד‬šmaʿ Yisraʾel Adonay ʾelohénu Adonay ʾeḥad ‚Höre, Israel, JHWH, unser Gott, ist ein JHWH‘) – noch kein Bekentnis zum Mo- notheismus, sondern zum ‚Monojahwismus‘: der ‚JHWH von Samaria‘ und der ‚JHWH von Teman‘ sind im gemeinsamen Kult von Judäern und Samariern der- selbe JHWH. Im 7. Jh. kämpften Assurbanipal und seine Vasallen östlich der transjorda- nischen Kleinstaaten bzw. Provinzen Damaskus, Ammon, Moab und Edom gegen Araber, überwiegend vom Stamm Kedar. Nabonid holte die nordarabi- schen Oasenstädte sozusagen ins Reich. Nutznießer seiner Intervention sowie der Beseitigung der transjordanischen Staaten durch ihn und Nebukadnezar waren jedoch die arabischen Stämme, allen voran die Kedrener. Im 5. Jh. kon- trollierten sie das offene Land von Idumäa bis zum ägyptischen Ostdelta und Nordwestarabien (vgl. den perserzeitlichen Zusatz Jes 21,16–17 zum Nabonid- Text Jes 21,13–15). Das edomitische Kernland auf dem Gebirge Sëir wurde zum Zentrum einer kedrenischen Sippe, aus der später die Nabatäer hervorgehen sollten. Die Traditionen Edoms hielten sich westlich des Grabenbruchs im ehe- maligen judäischen Territorium, wo im 4. Jh. die Provinz Idumäa entstand, die jedoch ebenfalls zunehmend arabisiert wurden; die Bewohner galten dem Geo- graphen Strabo in augustäischer Zeit als ‚abgewanderte Nabatäer‘. Die Kontakte zwischen Judäern und Kedrenern waren keineswegs ausschließlich unfriedlich (Gen 16,12), so hatte Judäa über sie Anschluss an den arabischen Handel. Jeden- falls wurde nun auch Ismael ein Sohn Abrahams (Gen 16*), und anhand dieser Gestalt konnten die biblischen Schreiber in der Folgezeit ihre Nähe wie Ferne zu diesen Mitbewohnern in Israel/Palästina ausdrücken. 8.3 Die Gola in Babylonien (597–525 vC) A. Berlejung, Social Demarcation Lines and Marriage Rules in Urban Babylonia and their Im- 1 pact on the Golah: I. Shai et al. eds., Tell it in Gath. Studies in the History and Archaeology of Israel. Essays in Honor of Aren M. Maeir on the Occasion of his Sixtieth Birthday (ÄAT 90; Münster 2018) 1051–1077; R. Zadok, People from Countries West and North of Babylonia in Babylon during the Reign of Nebuchadnezzar II: HeBAI 7,1 (2018) 112–129; C.L. Crouch /C.A. Strine eds., Jeremiah, Ezekiel, and the Social Scientific Study of Involuntary Migration: HeBAI 7, 3 (2018); J. van Oorschot and M. Witte eds., The Origins of Yahwism (BZAW 484; Ber- lin/Boston 2017; J. Stökl and C. Waerzeggers eds., Exile and Return: The Babylonian Context (BZAW 478; Berlin – New York 2015); D.M. Carr, Schrift und Erinnerungskultur. Die Entstehung der Bibel und der antiken Literatur im Rahmen der Schreiberausbildung (AThANT 107; Zürich 2015); J.J. Ahn, Exile as Forced Migrations. A Sociological, Literary, and Theological Approach on the Displacement and Resettlement of the Southern Kingdom of Judah (BZAW 417; Ber- lin/New York 2011); T. Römer, The so-called Deuteronomistioc History: a sociological, historical 324 | Von Nebukadnezar II. zu Darius I. and literary intoduction (London 2005); E.A. Knauf, Ist die Erste Bibel monotheistisch?: M. Oeming & K. Schmid ed., Der eine Gott und die Götter. Polytheismus und Monotheismus im antiken Israel (AThANT 82; Zürich 2003) 39–48; A. Berlejung, Notlösungen. Altorientalische Nachrichten über den Tempelkult in Nachkriegszeiten: U. Hübner & E.A. Knauf ed., Kein Land für sich allein. Studien zum Kulturkontakt in Kanaan, Israel/Palästina und Ebirnâri für Manfred Weippert zum 65 Geburtstag (OBO 186; Freiburg/CH & Göttingen 2002) 195–229; J. Wiese- höfer, Kontinuität oder Zäsur? Babylonien unter den Achämeniden: R.G. Kratz ed., Religion und Religionskontakte im Zeitalter der Achämeniden. Sechs Jahre ‚Arbeitsgemeinschaft zur Erfor- schung der altorientalisch-hellenistischen Religionsgeschichte des 1. Jahrtausends’ in Göttin- gen (Veröffentlichungen der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie 22; München 2002) 165–174; D.L. Smith, The Religion of the Landless. The Social Context of the Babylonian Exile (Bloomington 1989); I. Eph‘al, On the Political and Social Organization of the Jews in the Baby- lonian Exile: ZDMG Suppl. 5 (1980) 106–112; R. Zadok, The Jews in Babylonia during the Chal- daean and Achaemenian Periods according to the Babylonian Sources (Haifa 1979). In Babylonien lebten die Deportierten in geschlossenen Siedlungen als Kolonis- ten bzw. Lehnsleute der Krone (HTAT S. 458–470) (Berlejung 2018; Zadok 2018), abgesehen vom Hofstaat Jehojachins und seiner Söhne (HTAT S. 425–430), die im Königspalast untergebracht waren; die Assyrer hatten ihre Menschenbeute je nach Beruf in ihre Verwaltung und Armee integriert und damit zerstreut. Die Deportierten konnten ihr kulturelles Erbe bewahren und pflegten es, wobei sich die Traditionen der Deportierten von 597, 586 und 581 noch deutlich unter der späteren ‚gesamt-biblischen‘ Übermalung abzeichnen. Die Judäer in Babylonien waren ideologisch nicht homogen und siedelten wohl auch getrennt: neben den Alt-Aristokraten von 597 (Trägergruppe von Ez) standen die Emporkömmlinge von 586 (Trägergruppe von Sam/Kön) und die ‚Zionisten‘ von 581 (Trägergrup- pe von IIJes = Jes 40–48*). Am weitesten gingen in der Befolgung der Ratschläge von Jer 29.4–7 die Bewohner von Āl Yahūdu (‚Stadt Juda‘ = ‚Neu-Jerusalem‘): sie bauten sich aller Wahrscheinlichkeit nach einen Tempel (wie auch die Judäer in Ägypten [Elephantine] und Idumäa. Zu bedenken ist, dass in Ez 10,18 die Šekina (die göttliche ‚Einwohnung‘) Jerusalem verlässt – im Jahr 592 vC, sich im erhalte- nen Buch Ez aber nirgends wieder niederlässt. Vermutlich geht Ez* hier auf Tra- ditionen eines 592 errichteten Diaspora-Tempels zurück, in anfänglicher Abwehr des D-Programms ‚Ein Gott, ein Tempel‘ von 520–450. Angesichts der gut doku- mentierten Lebensumstände König Jehojachins am Hof Nebukadnezars (HTAT S. 425–430) ist seine ‚Begnadigung‘ beim Regierungsantritt Amel-Marduks 2 Kön 25,27–30; Jer 52,31–34 bestenfalls pro-babylonische Propaganda (vgl. T. Römer), möglicherweise anlässlich der nicht ungewöhnlichen Gabe eines Festgewandes für das erste Neujahrsfest des neuen Königs. Im Schulbetrieb der Deportierten, der vorauszusetzen ist, weil er Bücher pro- duzierte, und ebenfalls ein Indiz für einen Tempel als Kulturzentrum ist, entwi- Die Gola in Babylonien (597–525 vC) | 325 ckelte sich das Judäische des 8. bis 6. Jh. zum ‚biblischen Hebräisch‘, wie es uns im Konsonantetext der Bibel vorliegt. Der Unterschied ist rein orthographisch: Judäisch Biblisch-Hebräisch ‚sein Zelt‘ oholo ‫אהלה‬ ‫אהלו‬ ‚ihr Zelt‘ oholah ‫אהלה‬ ‫אהלה‬ ‚seine Zelte‘ ohalaw ‫אהלו‬ ‫אהליו‬ ‚ihre Zelte‘ ohaléha ‫אהלה‬ ‫אהליה‬ Hebräisch war jetzt keine Verwaltungssprache mehr (Verwaltungen achten darauf, weder Zeit, Papyrus noch Tinte zu verschwenden), sondern eine Litera- tursprache, und Literatur ist Luxus. Die Verwaltungssprache war von nun an Aramäisch. Die Benutzung von Vorlagen aus dem 7. und 6. Jh. bei der perser- zeitlichen und hellenistischen Produktion der biblischen Literatur verrät sich bisweilen durch eine stehengebliebene archaische Orthographie, z.B. ‫אהלה‬ ‚sein Zelt‘ Gen 13,3 (zugleich ein Indiz, dass man in Judäa im 6. Jh. weiter Judä- isch schrieb). Als die ‚Rückkehrer‘ im 5. Jh. den Daheimgebliebenen ihren ‚wah- ren JHWH-Glauben‘ brachten, fingen sie auch an, sie ‚richtiges Hebräisch‘ zu lehren. Dass sie für ihren Schulgebrauch einen ‚Abriss der Geschichte Israels und Judas‘ produzieren konnten (die Grundschicht von Sam–Kön), ist kein Indiz, dass die deportierten Angehörigen der Elite bereits Privat-Bibliotheken besaßen und diese nach Babylonien mitnehmen konnten, obwohl sich diese Möglichkeit im Einzelfall auch nicht ausschließen lässt. Im Gegenteil: die ‚An- nalen der Könige von Israel/Juda‘, auf die immer wieder verwiesen wird, befan- den sich in Mizpa. Aber ‚Lernen‘ war im Alten wie in einem großen Teil des gegenwärtigen Orients ‚Auswendig-Lernen‘. Als Mitglieder der Elite kannten sie die Davidhaus-Geschichte und die Königslisten auswendig und konnten sie aus dem Gedächtnis reproduzieren. Dabei dürfte das Werk, auf das sie sich bezie- hen, nicht aus den originalen Hoftagebüchern der beiden Königreiche bestan- den haben, sondern aus einer bereits synchronistischen Zusammenfassung, die in Juda im Lauf des 7. Jh. produziert wurde, als man dort das Erbe Israels rekla- mierte. Durch die Machtübernahme des Kyros in Babylon änderte sich für die De- portierten fürs erste nichts, außer dass sie lernen konnten – falls das überhaupt noch nötig war –, dass Kyros den ‚höchsten Gott‘ in Babylon ‚Marduk‘ nennen konnte und in seiner Erstsprache in Susa und Ekbatana ‚Ahuramazda‘. Dass JHWH, in Jerusalem seit Joschija der ‚höchste Gott‘, 586 in Form seiner Kultsta- 326 | Von Nebukadnezar II. zu Darius I. tue deportiert und in den Marduk-Tempel gebracht worden war, schuf nun für alle Judäer eine kognitive Dissonanz, die sie auf drei Arten lösen konnten: (a) JHWH wird degradiert – das war die Lösung der ‚Vätergeschichte‘ in Judäa. (b) ‚Marduk‘ wird als anderer Name für JHWH angesehen; dass diese Lösung verbreitet war, deutet die Parteinahme der Judäer im Streit zwischen Marduk und Sin an, aber vielleicht auch Jer 25,9; 27,6, wo JHWH mit Ne- bukadnezar tut, was nach Nebukadnezars Auffassung Marduk mit ihm tat. Sie wurde erleichtert durch die überwiegende Bezeichnung Marduks als ‚Herr‘ (spätbabylonisch Bēl aus aramäisch bʿel ‚Herr‘ wie ‚Baʿal‘, ‚Adonay‘ und ‚Kyrios‘). (c) Durch die Beförderung JHWHs zum ‚einzigen Gott‘. Diese Denkrichtung war von der Anti-Nabonid-Polemik inspiriert: wenn man die Göttlichkeit eines altehrwürdigen Gottes wie des Sin von Haran bestreiten konnte, weil er die Privilegien Marduks (und seiner Priesterschaft) bedrohte – dann doch wohl auch die Göttlichkeit anderer, womöglich aller Götter mit Ausnahme des ei- genen Gottes? Sie fand weitere Nahrung im persischen Himmelsgott Ahu- ramazda, der bildlos und unbeweibt verehrt wurde. Der Gott in der Flügel- sonne auf achämenidischen Reliefs, der von manchen vorderasiatischen Archäologen für eine Darstellung Ahuramazdas gehalten wird und von an- deren nicht, ist auf alle Fälle nur ein Gottessymbol, kein Kultbild. Mit dem anikonischen Monotheismus hatten die Judäer in Babylonien nun die per- fekte Waffe gegen die Daheimgebliebenen in der Hand im Streit um die Fra- ge ‚Wem gehört das Land?‘, d.h., welche Elite repräsentiert es gegenüber der neubabylonischen und persischen Obrigkeit. Nun musste man den Streit nicht mehr um Traditionen austragen, sondern konnte ihn verschär- fen zum Streit um die ‚wahre‘ judäische Religion. Wir wissen, wer den Streit am Ende gewonnen hat, aber schnell und einfach ging das nicht. Die Debatte um Alter und Herkunft des biblischen Monotheismus, die in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts begann, geht nun bald in ihr viertes Jahr- zehnt, ohne dass ihr Abflauen in Sicht wäre (J. van Oorschot / M. Witte [2017]). Als Fixpunkte sind festzuhalten: Die Religion des ‚Ersten Tempels‘ war polythe- istisch. Die Religion des ‚Zweiten Tempels‘ war von Anfang an monotheistisch. Man muss also eine Lösung des Monotheismus-Problems tunlichst zwischen 586 und 515 suchen. ‚Monotheismus‘ meint in dieser Debatte den ‚exklusiven Monotheismus‘: alle Götter sind ‚falsche Götter‘ (bzw. inexistent) mit Ausnahme des eigenen Gottes. Den ‚inklusiven Monotheismus‘ kannten die ägyptischen Theologen schon am Ende des 2. Jahrtausends wie ihre assyrischen Kollegen im 7. Jh. Die Bibel ist in ihrer Endgestalt monotheistisch redigiert und kennt Poly- Die Gola in Babylonien (597–525 vC) | 327 theismus nur als Abfall von der ‚ursprünglichen‘ Wahrheit, zeigt aber zugleich, wie neu und ungewohnt dieses Denken im 5. und 4. Jh. noch war in Gestalt zahlreicher polytheistischer wie henolatrischer Relikte. Versuche, ‚den‘ bibli- schen Monotheismus, den es bei genauerem Hinsehen eben nicht gibt, inner- israelitisch abzuleiten, können nur scheitern. Die Dichter und Denker des alten Israel waren genauso international vernetzt wie es unsere heutigen sind (jeden- falls die Bemerkenswerten unter ihnen). Die biblische Tradition ist nicht vom Himmel gefallen, sondern in kreativer Neu-Interpretation assyrischer, babyloni- scher und persischer Theologumena zu dem geworden, was wir vor uns haben. Vor allem aber müsste eine andere Herleitung des Monotheismus erklären kön- nen, welchen (und wessen) Interessen seine Propagierung dann gedient hätte. S. Timm, Die Bedeutung der spätbabylonischen Texte aus Nērab für die Rückkehr der Judäer 1 aus dem Exil: M. Weippert & id. ed., Meilenstein (FS H. Donner = ÄAT 30; Wiesbaden 1995) 276–288; M. Weippert, The Relations of the States East of the Jordan with the Mesopotamian Powers during the First Millennium BC: SHAJ 3 (1987) 97–105 Eine offene Frage ist zur Zeit, ob es vor 525 Rückwanderungen einzelner Grup- pen von Deportierten gegeben hat. Auf den ersten Blick ist die Frage zu vernei- nen: einerseits lebten die Angehörigen der Gola in Verhältnissen, die sie nicht von einem Tag auf den anderen aufkündigen konnten, andererseits ist aufgrund der Polemiken zwischen Babylonien und Judäa zu befürchten, dass sie in der Heimat keineswegs willkommen gewesen wären. Nun gibt es aber Indizien für Rückwanderungen unter den ersten drei achämenidischen Königen in Form von mesopotamischen keilschriftlichen Rechtsurkunden, die von Syrern nach Nērab und von einem Edomiter nach Bozra mitgenommen wurden. Im Falle des Edo- miters, der in der Gegend von Harran als Hirte gearbeitet zu haben scheint, ist eine spontane Rückwanderung auf eigene Faust am ehesten vorstellbar. Trotz- dem halten wir es für wahrscheinlicher, dass auch in diesen Fällen Deportierte, die von der persischen Verwaltung in Babylonien für loyal befunden worden waren, im staatlichen Auftrag als Soldaten oder Verwaltungsbeamte in ihre Heimat zurückgeschickt wurden; das jedenfalls hätte auf der Linie der persi- schen ‚Nationalitäten-Politik‘ gelegen. 328 | Von Nebukadnezar II. zu Darius I. 8.4 Kambyses, Dareios und der Bau des Zweiten Tempels (525–515 vC) 1 R.J. Bautch and M. Lackowski eds., On Dating Biblical Texts to the Persian Period. Discerning Criteria and Establishing Epochs (FAT 2. Reihe, 101; Tübingen 2019); P. Altmann, Economics in Persian-Period Biblical Texts. Their Interactions with Economic Developments in the Persian Period and Earlier Biblical Traditions (FAT 109; Tübingen 2016); E. Gaß, Hedgefonds oder Spar- buch? Biblische Stimmen zum Reichtum: id., Menschliches Handeln und Sprechen im Horizont Gottes (FAT 100; Tübingen 2015) 324–361; H. Geva, Jerusalem’s Population in Antiquity: A Minimalist View: TA 41 (2014) 131–160; D. Edelman, What Can We Know about the Persian-Era Temple in Jerusalem?: J. Kamlah ed., Temple Building and Temple Cult. Architecture and Cultic Paraphernalia of Temples in the Levant (2.–1. Mill. B.C.E.) (ADPV 41; Wiesbaden 2012) 343– 368; J. Magness, The Archaeology of the Holy Land. From the Destruction of Solomon’s Temple to the Muslim Conquest (New York 2012); J.U. Ro ed., From Judah to Judea: Socio-economic Structures and Processes in the Persian Period (Hebrew Bible Monographs 43; Sheffield 2012); P. Guillaume, Land and Calendar. The Priestly Document from Genesis 1 to Joshua 18 (LHB. OTS 391; New York & London 2009); A. Joisten-Pruschke, Das religiöse Leben der Juden von Ele- phantine in der Achämenidenzeit (Göttinger Orientforschungen, III. Reihe: Iranica, N.F. 2; Wiesbaden 2008); Y. Levin ed., A Time of Change: Judah and Its Neighbours in the Persian and Early Hellenistic Periods (Library of Second Temple Studies 65; London 2007); D. Edelman, The Origins of the ‚Second’ Temple: Persian Imperial Policy and the Rebuilding of Jerusalem (Lon- don 2005); L.L. Grabbe, A History of the Jews and Judaism in the Second Temple Period 1: Yehud. A History of the Persian Province of Judah (LSTS 47; London/New York 2004); id., Pin- holes or Pinheads in the Camera obscura? The Task of Writing a History of Persian Period Yehud: Recenti tendenze nella riconstruzione della storia antica d’Israele (Roma, 6–7. Marzo 2003) (Contributi del Centro Linceo Interdisciplinare „Beniamino Segre“ N. 110; Accademia Nazionale die Lincei, Roma 2005) 157–182; P. Briant, From Cyrus to Alexander: a history of the Persian empire (Winona Lake 2002); A. Berlejung, Notlösungen. Altorientalische Nachrichten über den Tempelkult in Nachkriegszeiten: U. Hübner & E.A. Knauf ed., Kein Land für sich allein. Studien zum Kulturkontakt in Kanaan, Israel/Palästina und Ebirnâri für Manfred Weippert zum 65. Geburtstag (OBO 186; Freiburg/CH & Göttingen 2002) 195–229; J. Blenkinsopp, A Case of Benign Imperial Neglect and its Consequences: J.C. Exum ed., Virtual History and the Bible (Leiden: Brill, 2000) 129–36 = Biblical Interpretation 8 (2000) 129–36; A. Berlejung, Der Handwerker als Theologe. Zur Mentalitäts- und Traditionsgeschichte eines altorientalischen und alttestamentlichen Berufstandes, VT 46 (1996), 145–168; C. Uehlinger, Die Frau im Epha (Sach 5,5–11): eine Programmvision von der Abschiebung der Göttin: Bibel und Kirche 49 (1994) 93–103; R. Borger, Die Chronologie des Darius-Denkmals am Behistun-Felsen (NAWG.PH 1982,3; Göttingen 1982). Kyros’ Sohn und Nachfolger Kambyses (530–523/22) erweiterte das Reich um Ägypten (525). Anders als im Fall der kurzlebigen assyrischen Eroberung blieb das Nilland für über 100 Jahre in der Hand der persischen 27. Dynastie, d.h. in Ägypten traten die Perser die Nachfolge der Pharaonen an. Sie verfassten (aller- dings nicht viele) Königsinschriften in Hieroglyphen und ließen einen Vorgän- Kambyses, Dareios und der Bau des Zweiten Tempels (525–515 vC) | 329 ger des Suez-Kanals anlegen (oder wieder instandsetzen), um das Mittelmeer mit den Roten Meer zu verbinden. De iure regierten sie nun Persien/Medien, Babylonien und Ägypten in Personalunion, de facto blieben Babylon, Susa (in Elam) und Ekbatana (heute Hamadan) die Hauptstädte und Ägypten wurde eine ziemlich übel ausgebeutete Provinz. Hinsichtlich der Wirtschaft beginnt in der Perserzeit sozusagen die Ge- schichte der Münzen, aber Münzen spielen zunächst keine zentrale Rolle. Die im Rahmen der perserzeitlichen Geschichte vertretene These von einer Deflation (Entzug von Silber aus dem Wirtschaftskreislauf in den persischen Staatsschatz) scheint so nicht zuzutreffen (Altmann 2016). Generell stieg durch lebhaften Handel auch der Wohlstand. Dienstleistungen für den Staat war eine wichtige Art der „Steuer“. Samaria, Yehud und Idumäa entwickelten sich unterschied- lich. Samaria war reicher und entwickelter, lag näher an den Handelsströmen. Yehud wuchs wirtschaftlich weniger und langsamer, es war umgeben von öko- nomisch mehr entwickelten und stärker vernetzten Politien. Zurückkehrende Exilierte brachten freilich Erfahrungen aus Babylonien mit, wirtschaftliche und intellektuelle (Altmann 2016). Wie um seinen Anspruch auf die Nachfolge der Pharaonen selbst Hohn zu sprechen, tötete Kambyses in Memphis den Apis-Stier, eine lebendige Verkörpe- rung des Gottes Ptah. Das haben ihm die Ägypter nie verziehen, von denen Herodot einen großen Teil seiner Informationen über Kambyses bezog. Für die bildlose Religion der Perser war der altorientalische Bilderkult akzeptabel, weil sie mit ihm seit Jahrhunderten vertraut waren und weil in ihm zwischen der Gottheit und ihrer Statue als Ort ihrer Anwesenheit auf Erden unterschieden wurde so wie nach Ansicht vieler Juden heute die Šeḵina bei jedem Juden ist, aber in ganz besonderer Weise in der Westmauer des herodianischen Tempels konzentriert ist. Aber die Verehrung eines lebenden Tieres war offensichtlich zuviel. Griechische Philosophen verachteten ihrerseits die ägyptische Religion wegen ihrer Darstellung der Götter als Tier-Mensch-Mischwesen. Es scheint, als habe nach fast dreijähriger Abwesenheit des Kambyses sein Bruder in Babylon sich gegen ihn erhoben. Ort (in Ägypten, auf dem Weg zwischen Ägypten und Persien, in Persien?) und Zeit des Todes Kambyses’ (523 oder 522) sind unbe- kannt. Die Bibel kennt ihn nicht. Gegen den rechtmäßigen Thronerben verschwor sich Dareios, der in einem zweijährigen Bürgerkrieg 522–520 alle Mitbewerber besiegte und tötete und diesen Sieg an einer Felswand bei Bisutun (Behistun) in drei Sprachen darstell- te: elamisch, babylonisch und alt-persisch, wozu die altpersische Keilschrift (eine Silbenschrift) eigens erfunden wurde (TUAT I, 419–450). Außerdem wurde diese Propaganda in einer aramäischen Version in allen Schulen des Reiches 330 | Von Nebukadnezar II. zu Darius I. gelesen. Der Bericht Herodots deckt sich weitgehend mit der Darstellung des Dareios, weil er seine mündliche Überlieferung von persischen Beamten erhielt, die mit diesem Text Lesen und Schreiben gelernt hatten. Dareios fügte Kyros, Kambyses und deren Umfeld in seine eigene Geneaologie ein und machte damit seine Vorgänger ebenfalls zu Nachfolgern des ‚Achaimenes‘, zu ‚Achämeniden‘, was die beiden ersten Könige nicht gewesen waren. Der dreisprachige Text wurde 517 vC abgeschlossen. Nun herrschten für rund 200 Jahre Frieden und Stabilität im Vorderen Orient, relativ gesehen, die allen, die sich an die 200 Jahre zuvor erinnern konnten, als Wunder hätten erscheinen müssen (aber wer Europa in der zweiten Hälfte des 20. Jh. erlebt hat, war sich bewusst, in einer absoluten Ausnahme-Zeit zu leben, die sich nicht ewig fortsetzen lassen wür- de?). Die Bisutun-Inschrift wurde durch ihre Dokumentation durch H. Rawlin- son (seit 1835 nC) der Schlüssel für die Entzifferung der babylonischen Keil- schrift, nachdem die altpersische Silbenschrift schon zuvor (aufgrund der vernünftigen Annahme, dass die damit geschriebene Sprache eine Art von Per- sisch sein müsste) entziffert worden war. Vor diesem Hintergrund kam es 520–515 zum Bau des ‚Zweiten Tempels‘. Dieses Datum hat D. Edelman mit respektablen Gründen in Frage gestellt: der Tempel sei erst nach 444 wiedererrichtet, weil er den Wiederaufbau der Stadt Jerusalem voraussetzt, und die Daten in Esra 6; Hag 1–2 und Sach 1–8 seien Fiktion, damit das Exil JHWHs ‚70 Jahre‘ (Jer 29,10; 2 Chr 36,21) dauerte (Av 586 bis Addar 515). Edelman hat recht, dass niemand einen Tempel auf die ‚grüne Wiese‘ stellen kann, schon gar nicht bei einer Sicherheitslage, wie sie im 6. Jh. an der Siedlungsgrenze herrschte, die mit der Südgrenze Benjamins zusammen- fiel. Nun müsste dieser Sachverhalt allerdings auch Kambyses (oder einem sei- ner Generäle) aufgefallen sein bei der Vorbereitung des Ägypten-Feldzuges. Konnte man es zulassen, dass die südliche Verbindung von der Küstenebene ins Ostjordanland von arabischen Beduinen bedroht bleiben konnte? Im zerstörten Jerusalem musste zumindest eine kleine Festung errichtet werden, für die bei einer Besatzung von vielleicht 100 Mann eine Gesamtbevölkerung von 500 See- len angesetzt werden kann. Wo war die Garnison für diese Festung zu rekrutie- ren – am ehesten doch unter den judäischen Deportierten in Babylonien. Dass ein gewisser propagandistischer Aufwand nötig war, um diese von den ‚Fleisch- töpfen Babylons‘ wegzulocken, zeigt Jes 40–48. Auch spätere ‚Rückwanderer‘ kamen im persischen Auftrag: a) Scheschbazzar mit den ‚Tempelgeräten‘ (518–515 vC? der Eindruck, den Esra 1,5–11 erwecken will, er habe sich sogleich nach dem sog. ‚Kyros- Erlass‘ aufgemacht, ist jedenfalls falsch); Kambyses, Dareios und der Bau des Zweiten Tempels (525–515 vC) | 331 b) Serubbabel (wohl zwischen 525 und 520) mit einigen Familien (Sach 6,9– 15), c) 22 Priestern und sechs Leviten (Neh 12,1–8), d) der Gouverneur Nehemija 445 mit seinem Haushalt (Neh 5,16), einigen Hauptleuten und Reitern (also mindestens 200 Mann), e) Esra 398 mit einem Stab und Gefolge von 1.496 Männern und 220 Leviten (Esra 7,11–28; 8,1–35), die ein Spendenaufkommen aus der babylonischen Diaspora von umgerechnet 14.400.000.000 SFR = 12.693.600.000 Euro es- kortierten (umgerechnet nach dem ‚Existenzminimum‘ 1 Silber-Schekel = 2.000 SFR = 1.763 Euro). Die babylonische Diaspora war für die judäische ‚Restauration‘ dadurch lebenswichtig, indem sie in ihrer überwältigenden Mehrheit nicht zurückkehrte. In hellenistischer Zeit finden wir eine ‚Burg‘ oder Zitadelle in unmittelbarer Nachbarschaft des Tempels, aus der unter Herodes die ‚Antonia‘ hervorging: diese ‚Burg‘ geht offenbar auf die Anfänge des nachexilischen Jerusalem zu- rück. Das persische Jerusalem war – wie Elephantine an der ägyptischen Süd- grenze – eine Reichsfestung, eine ‫ בירה‬bira (Neh 2,8; 7,2; 1 Chr 29,1.19), und seine Einwohner Militärkolonen. An sich sprach nichts dagegen, in der Festung Jerusalem auch einen JHWH-Tempel anzulegen, wie in Elephantine oder im 8. Jh. in Arad, besonders, wenn noch niemand die Idee einer ‚Kultzentralisation‘ kannte. Eine Konkurrenz zum Zentralheiligtum der Provinz Judäa, Bet-El, war zumindest während des Baus nicht beabsichtigt, es wurde im Gegenteil als übergeordnete geistliche Instanz anerkannt (vgl. Sach 7,1–2, [7. Dezember 518], und dazu I. Willi-Plein, Haggai, Sacharja, Maleachi [ZBK-AT 24.4; Zürich 2007] 121–123). Doch gab es offenbar von Anfang an auch andere Töne. Hag 1,1–6 (29. August 520) führt die misslichen Lebensumstände der kleinen judäischen Gar- nison am damaligen Rande des Kulturlandes auf die Tatsache zurück, dass ‚der Tempel‘ ‚noch‘ nicht wieder aufgebaut ist (die ‚Häuser‘ Hag 2.4 können sich auch auf individuelle Wohneinheiten in einer Kasematten-Mauer beziehen). Hag 2,1–9 (17. Oktober 520) adressiert den Gouverneur Serubbabel zusammen mit dem ‚Hohenpriester‘ (‫ כהן הגדול‬kohen ha-gadol – dieser Titel taucht hier zum erstenmal in einem historisch ernstzunehmenden Kontext auf), das Werk tatkräftig fortzuführen. Anachronistisch wirkt der Vergleich mit der ‚Herrlich- keit‘ des ‚Ersten Tempels‘ (oder kannte Haggai 1 Kön 6–8?), die endzeitliche ‚Völkerwallfahrt zum Zion‘ (oder kannte Haggai schon Jes 2,2–5; Mi 4,1–4), und besonders die weltweite Erschütterung aller Verhältnisse – Dareios war gerade dabei, den Bürgerkrieg zu beenden oder dauerte es seine Zeit, bis Nachrichten vom Kriegsverlauf die judäische Provinz erreichten? Aber an diesem Punkt setzt Hag 2,20–23 ein (18. Dezember 520): die gegenwärtige Weltordnung ist dabei, 332 | Von Nebukadnezar II. zu Darius I. zusammenzubrechen, und dem ‫ עבד יהוה‬ʿéved JHWH, Serubbabel (2,23), wird die Wiedererrichtung der davididischen Herrschaft (unter Revokation von Jer 22,24–30), wenn nicht die Weltherrschaft versprochen. Wir können die Prophetie Haggais weder in Bausch und Bogen für authen- tische Texte des Jahres 520 halten noch von ihr (und den Datierungen) gänzlich absehen. Manches deutet auf schriftgelehrte Fortschreibung hin, und die Datie- rung nach Regierungsjahren Dareios I. wurde doch wohl erst eingeführt, nach- dem sich dieser durchgesetzt hatte und der Sachverhalt auch in Jerusalem be- kannt war; so sieht es aus, als wäre Jerusalem von Anfang an auf Seiten Dareios’ gewesen – was den Chaos-Schilderungen Haggais widerspricht. Es scheint, als habe Haggai den Wiederaufbau des Tempels initiiert, Sacharja hat ihn etwas länger begleitet (vom 15. Februar 519, Sach 1,7, bis zum 7. Dezember 518, Sach 7,1; das Datum in Sach 1,1 soll lediglich Sacharja mit Haggai verzahnen), ohne auf den Abschluss des Baus einzugehen (12. März 515 nach Esra 6,15). In der ersten Vision (Sach 1,7–17, Februar 519) erklärt JHWH, dass er nun nach Jerusa- lem zurückkehren will, weil die Welt nun Frieden habe. Der Baugrund soll aus- gemessen werden, der Bau hat also noch nicht – oder falsch – angefangen. Nach Sach 4,5–10 soll Serubbabel den Bau vollenden, den er angefangen hat (nach Esra 6,14–21 war das nicht der Fall), er wird gegen den Verdacht der ver- suchten Revolte verteidigt, hat aber ungenannte Schwierigkeiten zu überwin- den. Nach Sach 4,11–14 soll JHWH auf Erden hinfort durch zwei ‚Gesalbte’ ver- treten werden, für die Sach 6,9–15 zwei Kronen angefertigt werden, aber nur eine dem Hohenpriester Josua aufgesetzt wird mit einer Anweisung, als solle er mit der zweiten Serubbabel nach Vollendung des Baus zum König krönen, der freilich namentlich nicht genannt wird. Hier schwenkt Sach 1–8 ganz auf die Linie Haggais ein. Am Ende wird die unvergebene Krone für fernere Zeiten im Tempel deponiert. Den Baubeginn des Zweiten Tempels initiierten also zwei Propheten im Zeichen einer durch die politischen Wirren 522–520 ausgelösten Endzeiterwartung und in der Hoffnung auf die Wiedererrichtung des Thrones Davids durch den Statthalter Serubbabel. Nach Esra 6,13–22 war ‫ זרבבל‬Serub- babel (ben Schealtiël ben Jojachin [Esra 2,2]; ben Pedaja ben Jojachin 1 Chr 3,16–19) bei der Einweihung des Tempels 515 aber verschwunden (gegen Sach 4,8–9), offensichtlich von den Persern aus dem Verkehr gezogen. Die persi- schen Großkönige versuchten nicht wie die Assyrer (und andere vor ihnen), in ihren Provinzen Elite und Bevölkerung möglichst zu trennen, sondern fühlten sich als von Ahuramazda eingesetzte Hüter der ‚Völker‘, wofür sie Loyalität erwarteten. So wurden Judäer – natürlich aus der alten Elite – häufig Statthalter von Judäa, Samarier von Samaria. Kambyses, Dareios und der Bau des Zweiten Tempels (525–515 vC) | 333 Der Bau des Tempels ging nach 519 weiter, also hat das Projekt die Billigung der persischen Militärverwaltung und des neuen Königs Dareios gefunden. Dies ist die Situation, in der in Babylon wahrscheinlich ‫ ששבצר‬Scheschbazzar (= babylonisch Šamaš-aba-uṣur ‚Der Sonnengott schütze den Vater‘, ein babylo- nisch akkulturierter Judäer) mit den 586 vC deportierten ‚Tempelgeräten‘ losge- schickt worden sein dürfte (Esra 1,7–11; unter Kyros wären diese im besten Fall in Bet-El gelandet). Zu den ‚Tempelgeräten‘ gehörten wohl auch die Kultbilder des thronenden JHWH und seiner Aschera (GGG S. 501 Nr. 395) – und dazu sag- ten die Judäer nun ‚nein danke‘ (Sach 5,5–10). In dieser Vision wird die Göttin in ein Fass gesteckt und nach Babylonien zurückgeschickt (Uehlinger 1994). In Jerusalem ist JHWH nunmehr, wie Ahuramazda, bildlos und unbeweibt. Ob die ‚Rückkehrer‘, die sich offensichtlich aus den Deportierten von 586 und 581 rekrutierten, damit ein theologisches Programm durchsetzten, mit dem sie be- reits aus Babylon zurückgekommen waren, oder ad hoc beschlossen, lieber kein Kultbild zu haben als ein durch jahrzehntelangen Aufenthalt im Marduk- Tempel Babylons ‚kontaminiertes‘, lässt sich nicht sagen. Aber mit dem Bau des Zweiten Tempels wurde der Gott des biblischen Monotheismus, den sich am Ersten Tempel noch niemand hatte vorstellen können, eine kultische Realität; was noch lange nicht heißt, dass der neue Gott Jerusalems augenblicklich von allen Judäern mit offenen Armen begrüßt worden wäre. Abb. 63: GGG Nr. 395. Gegenüber dieser Rekonstruktion ist die Schilderung vom Bau des Zweiten Tempels in Esra 1–6 eine propagandistische Ausarbeitung für die neuen 334 | Von Nebukadnezar II. zu Darius I. makedonischen Herrscher nach 332 vC mit abenteuerlichen Anachronismen. Die zwölf Perserkönige werden auf vier reduziert (so dann auch Dan 11,2 und die rabbinische Chronographie): Kyros, Dareios, Xerxes und Artaxerxes: diese Epo- che ist für die Schreiber abgeschlossen, sie wird kondensiert, und der für die Möglichkeit zum Neubau entscheidende Kambyses wurde ganz unterdrückt. Esra 3,8 muss sich nach Esra 1,1 auf 537 beziehen (in unserer Chronologie). Dann ruht der Bau bis zu ‚Dareios‘ (Esra 4,5, 522 [I.] –424 [II.] –336 [III.]). Nach 4,6 wurden Vorwürfe gegen die Judäer und ihr Projekt unter Xerxes vorgebracht (486 vC), und unter Artaxerxes (I. = 465–425, II. = 404–359; III. = 358–338) er- neuert (4,7), worauf 4,24 endlich erneut das Jahr Dareios (I.) 2 = 520 vC ansteu- ert. Nur Esra 6,15 kann für bare Münze genommen werden, möglicherweise auch noch Esra 6,16 mit der Unterscheidung von ‚Israeliten’ einerseits und ‚Priestern, Leviten und den Rest der Rückwanderer’ andererseits (vgl. auch 6,21). Aber schon 6,17–22 bezieht sich wieder auf die mosaische Thora (6,17) und ihre Feste, die 515 noch niemand kannte, und dankt abschließend Gott, das Herz des Assyrer-Königs erweicht zu haben: die vorhellenistische Geschichte Israels ist dabei, zu einem mythischen Raum zu werden, in dem sich eines Ta- ges Nebukadnezar und Abraham begegnen werden, Alexander und Jeremija. 9 Das 5. Jahrhundert vC – der Wiederaufbau Jerusalems, Esra und die Thora 9.1 Perser, Phönizier, Araber und Griechen Miller & Hayes (22007) 516–540; Mildenberg (1998) 3–97; 127–135 – R.J. Bautch and M. 1 Lackowski eds., On Dating Biblical Texts to the Persian Period Discerning Criteria and Estab- lishing Epochs (FAT 2. Reihe, 101; Tübingen 2019); C. Waerzeggers and M. Seire eds., Xerxes and Babylonia. The Cuneiform Evidence (OLA 277; Leuven 2018); B. Jacobs / W.F.M. Henkelman / M.W. Stolper eds., Die Verwaltung im Achämenidenreich. Imperiale Muster und Strukturen (Classica et Orientalia 17; Wiesbaden 2018); C. Frevel et al. eds., A „Religious Revolution“ in Yehûd? The Material Culture of the Persian Period as a Test Case (OBO 267; Fribourg und Göt- tingen 2014; H. Geva, Jerusalem’s Population in Antiquity: A Minimalist View: TA 41 (2014) 131– 160; J.U. Ro ed., From Judah to Judea: Socio-economic Structures and Processes in the Persian Period (Hebrew Bible Monographs 43; Sheffield 2012); N. Naʾaman, Biblical and Historical Jerusalem in the Tenth and Fifth-Fourth Centuries BCE: Biblica 93 (2012) 21–42; S.L. Sanders, The Invention of Hebrew (Urbana, Chicago and Springfield 2011); A. Panaino, Religionen im antiken Iran: W. Seipel ed., 7000 Jahre persische Kunst. Meisterwerke aus dem Iranischen Nationalmuseum in Teheran (Basel 2003) 23–29; M.C. Miller, Athens and Persia in the Fifth Century BC (Cambridge 1997); J. Elayi, Économie des cités phéniciennes sous l'empire perse (AION Suppl. 62; 1998); J. Wiesehöfer, Das antike Persien. Von 550 v. Chr. bis 650 n. Chr. (Düs- seldorf und Zürich 1998); P. Frei, Zentralgewalt und Lokalautonomie im Achämenidenreich, in: P. Frei & K. Koch, Reichsidee und Reichsorganisation im Perserreich (OBO 55; Freiburg/CH & Göttingen 21996) 5–131; H. Koch, Es kündet Dareios der König … Vom Leben im persischen Großreich (Kulturgeschichte der antiken Welt 55; Mainz 1992) 276–286; P. Calmeyer, Die so- genannte Fünfte Satrapie bei Herodot: Transeuphratène 3 (1990) 109–129; Ch. Uehlinger, Weltreich und ‚eine Rede’. Eine neue Deutung der sogenannten Turmbauerzählung (Gen 11,1– 9) (OBO 101; Freiburg/CH & Göttingen 1990); E.A. Knauf, The Persian Administration in Arabia: Transeuphratène 2 (1990) 201–217; H. Sancisi-Weerdenburg & A. Kuhrt ed., Achaemenid Histo- ry IV. Centre and Periphery (Leiden 1990); J. Elayi, Pénétration grecque en Phénicie sous l'em- pire perse (Nantes 1988); E.A. Knauf, Hiobs Heimat: WdO 19 (1988) 65–83; H.-P. Müller, Phöni- zien und Juda in nachexilischer Zeit, WO 6 (1970/71) 189–204; R.G. Kent, Old Persian: Grammar – Texts – Lexicon (AOS 33; New Haven 21953); Herodot, Das Geschichtswerk, Band 1– 2. (Bibliothek der Antike, Griechische Reihe; Berlin und Weimar 1985); es gibt zahlreiche Aus- gaben und Übersetzungen, darunter sehr preiswerte wie z.B. bei Reclam. Kyros und Kambyses haben, was das Perserreich werden sollte, durch ihre Er- oberungen zusammengebracht, Dareios I. (522–486) hat es organisiert. Er mach- te Altpersisch zu einer Schriftsprache, baute Reichsstraßen mit einer zugehöri- gen Stafetten-Post, u.a. die 600 km lange Verbindung zwischen Susa und Persepolis, die bis ans Mittelmeer nach Westen ausgebaut wurde und unterhielt https://doi.org/10.1515/9783110411683-010 336 | Das 5. Jahrhundert vC – der Wiederaufbau Jerusalems, Esra und die Thora einen Geheimdienst (die ‚Augen und Ohren des Königs‘; vgl. Sach 3,1–2; 6,1–9; Ijob 1,6–12; 2,1–7). Abb. 64: Nördliche Königsstraße assoziierte Königsstraßen. Nach E.M. Yamauchi, Persia and the Bible. Grand Rapids, MI 1996, 177; H. Weippert, Palästina in vorhel- lenistischer Zeit (Handbuch der Archäologie, Vorderasien II, Band I; München 1988) 688 Abb. 5.1. Er gründete neben den übernommenen Hauptstädten Susa (in Elam), Babylon und Ekbatana/Hamadan die ‚persische‘ Hauptstadt (Palaststadt) Persepolis. Er führte die Dareike (in Gold) als reichsweite ‚Reservewährung‘ ein; keine dieser Münzen ist in Syrien-Palästina gefunden worden, wo athenisches, philistäi- sches und phönizisches Silber den Geldbedarf deckte. In diesem ‚Subsidiari- tätsprinzip‘ (was auf der niedrigst möglichen Organisationsebene geregelt wer- den kann, wird dieser überlassen) von Reichsprägung in Gold und Lokalprägungen in Silber zeigt sich eine Grundstruktur des Perserreiches, die von P. Frei mit dem Begriff ‚Lokalautonomie und Reichsautorisation‘ umschrie- ben wurde. Die Begriffswahl wurde kritisiert, in der Sache kann man Frei nur zustimmen: die einzelnen Provinzen konnten nach ihren angestammten Bräu- chen und Religionen leben, sofern sie den Reichsfrieden nicht gefährdeten. Die Perserkönige förderten die ihnen von Ahuramazda anvertrauten Völker, sie hatten im Gegensatz zu den Assyrern der Sargonidenzeit nicht das Interesse, die ethnischen Differenzen einzuebnen; die Völkertafel Gen 10 P ist ein perfekter Perser, Phönizier, Araber und Griechen | 337 Ausdruck der achämenidischen Reichsideologie (Uehlinger 1990, 578–583). Im Grunde war das Perserreich in seinen Anfängen (640–520 vC – wie später das frühe Umayyaden-Reich 660–690/700 nC und – bescheidener – früher schon die Nabatäer, Israel und Juda) ein gigantischer ‚Stammesstaat‘ – ein Stamm freilich, der einen Staat nach dem anderen übernommen hatte (Elam, Lydien, Babylonien, Ägypten). Das tribale Erbe mag die Perser befähigt haben, andere Bevölkerungsgruppen als ‚Mit-Stämme‘ wahrzunehmen (von ‚Völkern‘ im Sinne von ‚Nationen‘ kann man vor dem ausgehenden Mittelalter, etwa ab dem 14. Jh. nC, nicht sprechen). Zwei Inschriften Dareios I. aus Persepolis. Altpersisch. Text: Kent 1953, 135–6 (DPd und DPe). DPd §1. Der große Ahuramazda, der größte der Götter – er schuf Dareios, den König, er übertrug ihm das Königtum; durch die Gnade Ahuramazdas ist Dareios König. § 2. Es kündet Dareios, der König: Dieser ‚Stamm‘ Persis, den Ahuramazda mir übertragen hat, ein guter (Stamm), verfügt über gute Pferde, verfügt über gute Männer – durch die Gnade Ahuramazdas und meine (Gnade), Dareios des Königs, fürchtet keinen anderen. § 3. Es kündet Dareios der König: Möge Ahuramazda mir beistehen, zusammen mit den Göt- tern des Königshauses; und möge Ahuramazda diesen Stamm bewahren vor einem (feindli- chen) Heer, vor Hunger, vor der ‚Lüge‘! Über diesen Stamm möge kein Heer kommen, noch Hunger, noch die ‚Lüge‘; das erbitte ich mir von Ahuramazda als Segensgabe zusammen mit den Göttern des Königshauses. Diese Segensgabe möge mir Ahuramazda zusammen mit den Göttern des Königshauses schenken! dahyu- (Kent: ‚country‘) ist hier als ‚Stamm‘ übersetzt; obwohl oft durch Landschaftsnamen spezifiziert, bezeichnet das Wort einen Personenverband. Die ‚Lüge‘ ist jede Form von Illo- yalität, in der Behistun-Inschrift nennt Dareios seine Konkurrenten im Kampf um den Thron ‚Lügenkönige‘. DPe § 1. Ich bin Dareios, der große König, der König der Könige, König vieler ‚Stämme’, Sohn des Hydaspes, ein Achämenide. § 2. Es kündet Dareios der König: Durch die Gnade Ahuramazdas sind dies die ‚Stämme‘, die in meinen Besitz kamen zusammen mit diesem persischen Heervolk, die mich fürchteten (und) mir Tribut brachten: Elam, Medien, Babylonien, Arabien, Assyrien, Ägypten, Armeni- en, Kappadokien, Sardis (Lydien), Ionier des [kleinasiatischen] Festlandes und in der See, und ‚Stämme’ jenseits des Meeres [Thrakien]; Sagartien [Kurdistan? Nordost-Iran?], Part- hien, Drangiana [Helmand], Arien [Afghanistan], Baktrien, Sogdiana [nördlich von Baktrien], Chorasmien [Usbekistan], Sattagydien, Arachosien, Sind [Pakistan], Gandara [Kaschmir], Skythen, Maka [Oman]. 338 | Das 5. Jahrhundert vC – der Wiederaufbau Jerusalems, Esra und die Thora § 3. Es kündet Dareios der König: Solltest du denken „Möge ich mich nicht vor jemandem anderen fürchten“ – (dann) schütze dieses persische Heervolk; wenn das persische Heer- volk geschützt wird, wird es für sehr lange Zeit ununterbrochenes Glück (geben) – das wird durch Ahuramazda über dieses Königshaus kommen. Die beiden Inschriften beleuchten das Verhältnis der Perser zu den ‚anderen Untertanen‘. Die Aufzählung der Landschafts- und Völkernamen hat nichts mit den ‚Satrapien‘ Herodots zu tun, die eine griechische Systematisierung sehr unübersichtlicher persischer Verhält- nisse sind. Ein ‚Satrap‘ war ein ‚Statthalter‘, möglicherweise der ganzen Transeuphratene, möglicherweise auch nur einer Oasenstadt in Innernordarabien. ‚Assyrien‘ steht für ‚Syri- en‘, d.h. das ganze Territorium ‚vom Eufrat bis zum Bach Ägyptens‘; ‚Arabien‘ umfasst noch nicht die ganze Halbinsel, sondern nur deren Norden (die Eroberungen Nabonids) und Osten. Ahuramazda ist von Dareios I. bis zu Dareios II. (424–404) in den altpersischen Königsinschriften der einzige namentlich genannte Gott, aber die Perser waren keine Monotheisten. Ihre Religion gehört in den Umkreis des Zoroastrismus, doch liegen dessen Anfänge im Dunkeln. ‚Zoroaster‘ Ζωροάστρης ist die Gräzi- sierung von iranisch Zarathuštra, der, wenn er nicht eine unter griechischem Einfluss entstandene biographische Fiktion ist wie die biblischen Propheten, im 7. oder 6. Jh. vC (nach einigen Forschern noch früher) in einem abgelegenen Tal Ostirans gelebt und religiöse Dichtungen hinterlassen hat, die erst im 6. Jh. nC verschriftlicht wurden. In ihnen ist Ahuramazda der Schöpfer von allem, obers- ter Gott (oder oberster Geist) und Ursprung des bösen wie des guten Geistes, die in der Welt und um den Menschen in einem ständigen Kampf liegen. Wieviel davon und wem im 5. und 4. Jh. bekannt war, ist schlechterdings unentscheid- bar. Herodot (um 450 vC) kennt ihn nicht; für ihn verehren die Perser als ‚Zeus‘ das Himmelsgewölbe (damit bezieht er sich auf Ahuramazda), außerdem Son- ne, Mond, Erde, Feuer, Wasser und die Luft (1.131). Das klingt eher nach Prä- Theismus als Monotheismus. Hinter dem Kult der Elemente steht wohl der un- verstandene Feuerkult, der im Parsismus bis heute gepflegt wird. Für die Religi- on der Achämeniden halten wir uns besser an ihre Inschriften. Ahuramazda ist der ‚größte der Götter‘, setzt den König ein und verleiht ihm sein Land (AsH §2; Kent 116); er hat die Erde, den Himmel, die Menschheit und ihr Glück geschaf- fen (Inschrift Dann §1; Kent 137f) sowie, spezifisch, den König (Inschrift DSf §3; Kent 142f); oder auch einmal ‚das überaus brauchbare auf Erden, Menschen auf Erden, Glück für die Menschen, gute Pferde und gute Wagen‘ (Inschrift DSs; Kent 146). An seine ‚Weisung‘ soll der Mensch sich halten (ibid. §6; DNb; Kent 139f; Inschrift XPh §4d; Kent 151–2). Neben Ahuramazda werden gelegentlich ‚die Götter des Könighauses‘ genannt (s.o.) oder pauschal ‚(andere) Götter‘ (DSe §6; Kent 142; XPc §3; Kent 149; Inschrift D2Sa; Kent 154). Bei Xerxes (486–465/4) tritt ‚Arta‘, das hypostasierte ‚Rechte‘, neben Ahuramazda (Inschrift XPh §4b, Perser, Phönizier, Araber und Griechen | 339 4d; Kent 151–2) wie bald darauf in Israel die ‚Thora‘ neben JHWH. Seit Artaxerxes II. (404–359/8) werden neben Ahuramazda Anahitis (ursprünglich eine Flussgöttin) und Mithra (der Sonnengott) namentlich genannt (Inschrift A2Sa; Kent 154, u.ö.; inzwischen hatte sich JHWH von seiner Frau jedoch längst geschieden bzw. wurde geschieden). Einmal wird sogar Mithra statt Ahurama- zda um ‚Schutz‘ angegangen (Inschrift A2Hb; Kent 155). Es gab aber Grenzen der religiösen Toleranz: Xerxes, Persepolis H, §4b. Kent 1953, 151. Unter diesen ‚Stämmen‘ [aufgezählt in §3] gab es (einen), wo vor meiner Zeit ‚Dämonen‘ (daiva) verehrt wurden. Später, durch die Gnade Ahuramazdas, zerstörte ich dieses Heilig- tum der ‚Dämonen‘, und ließ verlautbaren: „Die Dämonen dürfen nicht mehr verehrt wer- den!“ Wo zuvor die ‚Dämonen‘ verehrt wurden, dort verehrte ich ehrfürchtig Ahuramazda und ‚das Rechte‘/‚die Ordnung‘. 484 wurde das Kultbild des Marduk in Babylon von Xerxes zerstört, womit das uralte baby- lonische Neujahrsfest verunmöglicht wurde. Zugleich implizierte dieser Akt das Ende des babylonischen Königtums. Xerxes regierte dort hinfort als König von Persien. Babylon ver- lor seinen Sonderstatus und wurde eine Provinz unter anderen Provinzen. Dareios hatte 490 ein Heer bei Athen gelandet, um die Griechen für die Unter- stützung eines Aufstandes der jonischen (kleinasiatischen) Städte zu bestrafen. Das persische Heer wurde bei Marathon besiegt. Xerxes (486–465) führte 480 ein Heer und eine Flotte nach Griechenland. Die Flotte wurde bei Salamis ver- senkt, 50.000 Seeleute kamen innerhalb weniger Stunden um. Die Perser ver- standen etwas vom Reiten und Bogenschießen, nichts von der Seefahrt, und die verlorene Flotte wurde überwiegend von den Phöniziern gestellt. Der sidonische König Eschmun’azor wurde für den Verlust mit ‚Dor und Yafo, den herrlichen Getreideländern im Gefilde von Scharon‘ entschädigt (HTAT S. 475 [Nr. 282]: 18– 20) – d.h. mit der Provinz Dor, die Assyrien 732 gebildet hatte; Datierung gegen HTAT S. 470–473, weil Beobachtungen zur Paläographie und materiellen Kultur eine Datierungsdifferenz von ca. 25 Jahren schlechterdings nicht begründen können). Den Phöniziern ging es unter persischer Herrschaft sehr gut, sie hatten zur See und beim Kolonien-Gründen nur die Griechen als Konkurrenten, mit dem Perserreich, das sich vom heutigen Libyen bis Pakistan erstreckte, einen riesigen Markt vor ihrer Haustür, auf dem sie sich frei bewegen konnten (vgl. Neh 13,16). Im 5. und 4. Jh. dominierten sidonische und tyrische Prägungen zusammen mit Athener Drachmen den Geldmarkt in Israel/Palästina, nur für Kleingeld sorgten ab dem 4. Jh. die inländischen Provinzen selbst. Im Übrigen 340 | Das 5. Jahrhundert vC – der Wiederaufbau Jerusalems, Esra und die Thora waren die Niederlagen von Marathon und Salamis für das Perserreich nichts weiter als zwei ärgerliche Missgeschicke. Für die Griechen waren sie der Auftakt zu einer neuen ‚heroischen‘ Epoche, ein zweiter Trojanischer Krieg, ein Sieg der ‚Freiheit‘ über ‚orientalische Despotie‘. Eine der ältesten erhaltenen Tragödien (die ‚Perser‘ des Aischylos) feiern sie ebenso wie die erste westliche Geschichts- darstellung, die ‚Historien‘ des Herodot, deshalb von manchen immer noch ‚Vater der Geschichtsschreibung‘ genannt, obwohl Kriegsberichte, Bauberichte und Annalen damals im Orient schon seit über 2.000 Jahren produziert wurden; man könnte Herodot auch den Vater des Sensations- und Investigativ- Journalismus nennen. Die griechische Polis, in der sich die ‚Freiheit‘ auf eine relativ kleine Schicht Frauen, Kinder und Sklaven besitzender Männer be- schränkte, konnte, wie der weitere Verlauf der politischen Entwicklung zeigen wird, nicht nur auch, sondern sogar besonders gut im Rahmen eines imperialen Staates gedeihen, wobei überaus zweifelhaft ist, ob die Perser 490 und 480 mehr als eine Strafexpedition durchführen wollten. Und auch, wenn die Grie- chen einige Schlachten gewannen, den Krieg gewannen am Ende die Perser im sog. Antalkidas-Frieden 386, benannt nach Antalkidas, einem spartanischen Flottenkommandanten und Staatsmann, der den Frieden vermittelte, und kein halbes Jahrhundert später gewannen die Makedonier noch gründlicher. Man kann die Perserzeit mit gutem Recht ‚proto-hellenistisch‘ nennen, denn nicht nur griechisches Silbergeld überschwemmte das Reich, sondern auch Griechen wanderten ein und waren gefragte Spezialisten als Ärzte, Archi- tekten, Ingenieure und Soldaten. Doch zuerst zum Geld. Schon vor Philipp von Makedonien wussten die Perser, dass man zum Kriegführen drei Dinge braucht: Geld, Geld und Geld. Die Großkönige erhoben eine Kopfsteuer von zwei Silber- schekeln pro Nase – und gaben das Geld überwiegend für griechische Söldner aus. So herrschte im Reich ein ständiger ‚Silber-Unterdruck‘, den Athen dank seiner Silberminen nach Kräften anhob. Das ‚klassische Athen‘ und sein See- bund waren ein Fall von großer Hybris einer kleinen Stadt, die dann im Pelo- ponnesischen Krieg (432–404) sozusagen von Ate, der Tochter des Zeus, die ins Verderben stürzt, indem sie ihre Opfer verblendet, ereilt wurde. Finanziert wur- de die Blüte Athens in erster Linie durch den Geld- und Söldner-Export ins Per- serreich. Die Sozialgeschichte Israels im 5. Jh. ist ohne das Athener Silber nicht zu verstehen, und wenn die Ijob-Autoren wohl auch kaum eine Athener Tragö- die gesehen haben werden, trafen sie doch Kollegen, die in den Küstenstädten Grie- chen trafen, und konnten ihr Werk in 5 Akten anlegen, einschließlich Chor (Ijob 28). Griechische Söldner dienten schon Ende des 7. Jh. in der ägyptischen und neubabylonischen Armee. In den Heeren des Orients dominierten weiter die Bogenschützen. Ihnen setzten die Griechen eine für die nächsten 200 Jahre Perser, Phönizier, Araber und Griechen | 341 unüberwindliche Technik und Taktik entgegen: die Hopliten-Phalanx. Die Hop- liten, d.h. die stimmberechtigten und wehrpflichtigen Bürger, waren durch Helm, einen großen Rundschild und bronzene Beinschienen geschützt und mit Stoßlanzen bewaffnet. Entscheidend war aber nun, dass anders als im Orient, wo im Kampfgetümmel jeder für sich focht (vgl. 1 Kön 20,39–40), die Hopliten in geschlossener Formation, Schild an Schild und in mehreren Reihen hinterei- nander antraten – und, trotz ihrer schweren Bewaffnung, zu der u.U. noch ein Brustpanzer kam, in geschlossener Formation auf den Feind zurennen konnten. Dem konnte kein Stammesaufgebot widerstehen. Griechen waren als Soldaten im 6. bis 4. Jh. vC so begehrt wie die Schweizer nach den Burgunderkriegen (1476–1477 nC), aus den gleichen Gründen, und etwa genauso teuer. Was Da- reios III. Alexander an brauchbarer Infanterie entgegenstellen konnte (336– 331), bestand immer noch aus Griechen. Die soziale Kehrseite der Medaille: der Hoplit musste seine Bewaffnung selbst stellen, also Vermögen und/oder Ein- kommen haben, und er musste Zeit haben, um zu trainieren. Die Griechen ha- ben den Sport erfunden, nicht zur Freizeitgestaltung, sondern zur militärischen Ertüchtigung. Es ist daher einsehbar, wie sehr der stimmberechtigte Bürger auf die Arbeitskraft seiner Frau und seiner Sklaven angewiesen war. Als Kyros den Thron Babylons bestieg, brachten neben den „Könige[n] ins- gesamt, die auf Thronen sitzen“ auch „die Könige des Westlandes [Amurru = ‚Syrien‘], die in Zelten wohnen, allesamt ihren schweren Tribut“ (HTAT S. 455 [Nr. 273] 29–30), d.h. neben den phönizischen Städten die Häuptlinge der Ara- ber, die das flache Land kontrollierten. Unter ihnen sind im 5. Jh. die Kedar besonders bemerkenswert (Gen 25,13; Jer 2,10; Ez 27,21; Jes 21,16–17; 42,11; 60,7). Ihr Oberscheich Guśam (biblisch ‫ גשם‬Geschem) geriet als Judäas südli- cher Nachbar nicht nur mit Nehemija aneinander (d.h. er beherrschte das späte- re Idumäa), sondern nach ihm wird auch eine lihyanischen Inschrift aus Dedan datiert: „Nūrān bin Ḥāḍir hat sich eingetragen in den Tagen des Gušam bin Śahr und des Abd, Statthalters von Dedan, unter der Regierung des PN, Königs von Liḥyān]“ (JS 349; E.A. Knauf, Ismael [21989] 105). In der Stadt gab es einen persi- schen Gouverneur, die Oase beherrschte der ‚König von Lihyan‘, aber die Fern- verbindungen hatten die Kedrener in der Hand. Guśams Sohn hinterließ an der ägyptischen Ostgrenze um 400 vC eine silberne Schale mit der Inschrift „Was Qainū b. Guśam, König von Kedar, han-’Ilāt geweiht hat“ (I. Eph’al, The Ancient Arabs [1982] 194). Die Göttin han-’Ilāt heißt bei Herodot (1.131) zur gleichen Zeit schon Allāt oder auf Deutsch ‚die Göttin‘. Diese drei Orte umschreiben den Machtbereich der Kedrener unter persischer Herrschaft recht gut: ohne sie kein Handel auf der ‚Weihrauchstraße‘ von Saba nach Gaza und über Damaskus nach Tyrus (vgl. Ez 27,31). In Südarabien waren die Sabäer der Partner der Kedar 342 | Das 5. Jahrhundert vC – der Wiederaufbau Jerusalems, Esra und die Thora wie der Perser, doch begann sein nördlicher Nachbar und Konkurrent Ma’in im 5. Jh. Inschriften in der eigenen Sprache zu schreiben; zuvor schrieben die Minäer, wie der Rest Südarabiens, Sabäisch. Im 5. Jh. konnte man von Libyen bis Afghanistan reisen, ohne auch nur einmal eine Grenze überschreiten zu müssen. Es ist die Heimat der Ijob- Autoren, die ihren Helden in Arabien, dem exotischen Rand der ihnen bekann- ten und zugänglichen Welt ansiedeln. Die Lebensweisen der Araber sind ihnen sowenig fremd wie die Tierwelt Ägyptens oder das eben aufgekommene griechi- sche Drama. Aber natürlich schrieben sie in Jerusalem, wo man im 5. Jh. abge- sehen von den innerjudäischen Konflikten ein wenig im Windschatten der Er- eignisse lag. Als Herodot um 450 die Küste Israel/Palästinas vom Schiff aus betrachtete, nimmt er nur Phönizier und Philistäer wahr, die Provinzen in den Bergen erwähnt er nicht. Das änderte sich um 400 vC, als Jerusalem Etappenort am arabisch-ägyptischen ‚Limes‘ wurde: mit der wiedererlangten Unabhängig- keit Ägyptens seit 399 vC brach auch die persische Herrschaft in Nordarabien zusammen. Der Großstamm Kedar disintegrierte, was im kedrenisch beherrsch- ten Territorium den Aufstieg der Sippe Nabat ermöglichte, die recht erfolgreich daranging, die ehemals kedrenischen Araber zwischen Mittelmeer und dem Ḥiǧāz, der Landschaft im Nordwesten der arabischen Halbinsel bis etwa zum jemenitischen Bergland erneut zu sammeln. Mit dem Abschied der Großmacht aus diesem Raum hatten auch deren Partner und Klienten keinen Kredit mehr, und der Weihrauchhandel ging aus den Händen der Sabäer (Ijob 1,15; 6,19) für die nächsten 250 Jahre in die der Minäer (1 Chr 4,41; 2 Chr 26,7) über. 9.2 Nehemija und der Wiederaufbau Jerusalems 9.2.1 Statthalter und Rückwanderer 1 Miller & Hayes (22007) 522–40; – N. Avigad, Bullae and Seals from a post-exilic Judaean Archi- ve (QEDEM 4; Jerusalem 1976); A. Alt, Die Rolle Samarias bei der Entstehung des Judentums (zuerst 1934): id., Kleine Schriften zur Geschichte des Volkes Israel II (München 1953) 316–337; A. Cowley, Aramaic Papyri of the Fifth Century B.C. (Oxford 1923; repr. Osnabrück 1967). Zwischen die judäischen Statthalter (‫ פחה‬pēḥā) Serubbabel (Hag 1,1) und Scheschbazzar (Esra 5,14) – wohl in dieser Reihenfolge – und Nehemija gehören mindestens einige der auf Bullen und Siegeln belegten Statthalternamen (N. Avigad). Nehemija selbst verweist auf Vorgänger (5,15) und deren Residenz (3,7), und die Grenzen Judas/Judäas haben sich zwischen 597/586 und 332 nicht Nehemija und der Wiederaufbau Jerusalems | 343 verschoben: die Nordgrenze von Judäa war immer noch die alte Nordgrenze Joschijas. Allerdings war bis zur Wiederbefestigung Jerusalems unter Nehemija 445/4 Mizpa Sitz der Verwaltung (seit Gedalja und bis Neh 3,7). Die These A. Alts, wonach Judäa von 586 (lies: 581) bis 445 verwaltungsrechtlich mit Samaria vereinigt gewesen wäre, war unter territorialgeschichtlichem Blickwinkel schon immer unhaltbar; von der Kulteinheit Judäas und Samarias in Bet-El ahnte er nichts, wie Alt wohl auch nicht verstanden hätte, dass ‚Israel‘ in der Antike alles Mögliche, nur kein ‚Volk‘ war. Die Mehrheit der Diaspora fühlte keinerlei Drang, das bequeme Leben in Babylonien mit einer prekären Existenz in Israel/Palästina zu vertauschen, und hatte wohl auch gar nicht die Möglichkeit dazu. Eine massenhafte Rückkehr fand nicht statt, wohl gab es eine massive Propaganda für die Heimkehr: schon Jes 40–48, dann Num 11 (D), Num 13f* (P), Dtn 11,10–12 (D), Gen *11–17* (P), um nur wenige zu nennen. Aber es kehrten wohl nur Funktionäre ‚heim‘: die Solda- ten der Garnison von Jerusalem, Priester, Leviten und Schriftgelehrte. Einen expliziten persischen ‚Rückkehrerlass‘ gab es nicht, er war auch nicht nötig: Jerusalem und Samaria waren gemeinsam die ‚Oberbehörde‘ und Appellations- instanz für alle jüdischen Angelegenheiten im Perserreich, sofern die inneren Angelegenheiten der Festungsbesatzungen nicht von der Militärverwaltung geregelt wurden (vgl. Elephantine: Cowley 1923=1967 Nr. 30 = TAD A 4.7). Die ‚Rückkehrer‘ kamen in kleinen Gruppen als hochrangige Beamte mit ihrem Stab und deren Familienangehörigen, die aus der Gola hervorgegangen waren, und Jerusalem nach und nach ‚organisierten‘: Serubbabel, Nehemija, Esra. Zwischen 525 und 398 benutzte die Gola (im Wesentlichen die von 586) ihre Finanzkraft und ihre Nähe zur großköniglichen Zentralverwaltung des Westens in Babylon, um sich als das ‚wahre Israel‘ zu etablieren. 344 | Das 5. Jahrhundert vC – der Wiederaufbau Jerusalems, Esra und die Thora Abb. 65 Nehemija und der Wiederaufbau Jerusalems | 345 9.2.2 JHWHs Sieg über ‚Baal‘ I.J. de Hulster, Figurines from Persian period Jerusalem?: ZAW 124 (2012) 73–88; B. Becking, 1 Drought, Hunger, and Redistribution: A Social Economic Reading of Nehemiah 5: P.R. Davies & D.V. Edelman eds., The Historian and the Bible. Essays in Honour of Lester L. Grabbe (LBH.OTS 530; New York & London 2010) 137–149; M.L. Miller, Nehemiah 5: A Response to Philippe Guillaume: JHS 10/13 (2010); Ph. Guillaume, Nehemiah 5: No Economic Crisis: JHS 10/8 (2010); E. Ben-Zvi & D. Edelman, The Production of Prophecy: Autoritative Texts in the Persian Period (London 2008); E.A. Knauf, Josua (ZBK AT 6; Zürich 2008) 13–30; P.R. Davies, The Origins of Biblical Israel (LHB. OTS 485; New York & London 2007); E.S. Gerstenberger, Israel in der Perserzeit. 5. und 4. Jahrhundert v. Chr. (BE 8; Stuttgart 2005); E. Stern & Y. Magen, Archaeolo- gical Evidence for the First Stage of the Samaritan Temple on Mount Garizim: IEJ 52 (2002) 49– 57; A. Berlejung, Notlösungen – Altorientalische Nachrichten über den Tempelkult in Nach- kriegszeiten: U. Hübner & E.A. Knauf ed., Kein Land für sich allein. Studien zum Kulturkontakt in Kanaan, Israel/Palästina und Ebirnâri für Manfred Weippert zum 65. Geburtstag (OBO 186; Freiburg & Göttingen 2002) 196–230; K. van der Toorn, Sources in heaven. Revelation as a scholary construct in second temple Judaism: ibid., 265–277; C.E. Carter, The Emergence of Yehud in the Persian Period (JSOT.S 294; Sheffield 1999); E. Ben-Zvi, The Urban Center of Jerusalem and the Development of the Literature of the Hebrew Bible: W.E. Aufrecht et al. eds., Urbanism in Antiquity. From Mesopotamia to Crete (JSOT.S 244; Sheffield 1997) 194–209. Während des Tempelbaus wurde auch in Jerusalem die Autorität des Tempels von Bet-El anerkannt (Sach 7,2). Das änderte sich mit dessen Fertigstellung. Der Baubeginn hatte im Zeichen einer erhofften davidischen Restitution gestanden (Hag, Sach 1–8*), im Zeichen der nationalreligiösen D-Tradition (‚D‘ wie für ‚Deuteronomismus‘, oder ‚davidisch-nationalreligiöses Programm‘) und schei- terte. Für die Vollendung des Tempelbaus mag dann ein erster Kern der P- Tradition (P wie ‚Priesterschrift‘, oder ‚persisch-akkulturierter judäischer Post- kolonialismus‘) formuliert worden sein, den man Pg, PQ oder anders nennen kann, wonach in Jerusalem der Schöpfer aller Welt (Gen 1) inmitten seines hei- ligen Volkes (Gen 17) seiner Schöpfung einwohnt (Ex 40) und der Jerusalemer Tempel ein Abbild der ‚Stiftshütte‘ aus der ‚Wüstenzeit‘ ist, die seinerseits ein Abbild des himmlischen Ur-Heiligtums darstellt (Ex 25,9). Das war nun alles andere als die ‚Hauskapelle der Davididen‘, die der ‚Erste Tempel‘ Zeit seines Bestehens gewesen war. Mit diesem ‚Programm‘ wurde der Bau des ‚Zweiten Tempels‘ begonnen, aber eben nicht vollendet. Die P-Theologie könnte von der Priesterschaft Bet-Els (Ph. Guillaume) ebenso inspiriert sein wie von Angehöri- gen der ‚Deuterojesaja‘-Gruppe; sie formulierte eine Ätiologie des Tempels (Ex 25–30*; 35–40*), die ihn weder von David-Salomo noch vom persischen König- tum ableitete, obwohl dessen ‚Weltherrschaft‘ (HTAT S. 454 [Nr. 273]: 20) in dieser Manifestation ‚globaler Welt-Frömmigkeit‘ tiefenstrukturell vorausgesetzt 346 | Das 5. Jahrhundert vC – der Wiederaufbau Jerusalems, Esra und die Thora ist. Nach den Maßstäben altorientalischer Theologie hat erst P eine zureichende Begründung des Tempels von Jerusalem geliefert: ein Gott kann immer nur selbst bestimmen, wo er in welcher Form wohnen und verehrt werden will (A. Berlejung). Ultra-orthodoxen Kreisen (der Ez-Gruppe), genügten beide Traditio- nen zur Begründung des Neubaus nicht; sie erwarteten den ‚wahren‘ zweiten Tempel von einem Eingreifen Gottes, das man nur als ‚Neuschöpfung‘ auffassen kann (Ez 40–48). Die Provinz Judäa war zu klein für zwei Kult- und Kulturzentren (Carter 1999, 96 fig. 7). Zwischen den ‚Rückkehrern‘ in Jerusalem, in der die Angehöri- gen der Gola von 586 zunehmend den Ton angaben, und den Alteingesessenen in Mizpa und Bet-El musste es zum Konflikt um die Vorherrschaft in der kleinen Provinz kommen. Im Verlauf dieser Auseinandersetzung (gut dokumentiert z.B. durch 1 Kön 13) wurde das altehrwürdige Heiligtum von Bet-El nun wirklich zerstört (in 2 Kön 23,15–18 anachronistisch Joschija zugeschrieben). Ein derarti- ger Frevel war denkbar und machbar geworden unter dem Einfluss der Kultpo- lemik der Nabonid-Jahre, Kambyses’ Wüten in Memphis und Xerxes’ Aufhebung des Marduk-Kultes in Babylon 484 und damit des babylonischen Königtums. Die ‚Rückkehrer‘ waren zwar eine Minderheit, aber sie wurden von der babylo- nischen Diaspora finanziert und agierten im Namen der persischen Staatsge- walt. Der Angriff auf Bet-El ließ sich mit dem Programm der Verfolgung von ‚Dämonen‘ unter Xerxes rechtfertigen. Dass er in der zweiten Hälfte des 5. Jh. erfolgte, zeigt die Archäologie. Bis jetzt hatte der Tempel von Bet-El sowohl Judäern wie Samariern gedient (vgl. 2 Kön 17,28 und die Dualität von ‚Haus Juda‘ und ‚Haus Israel‘ bei Jeremija). In der ersten Hälfte des 5. Jh. bauten die Samarier nun ihren eigenen Tempel auf dem Garizim – ein Indiz, dass Bet-El ihnen nicht mehr zur Verfügung stand. Das Heiligtum auf dem Garizim heißt in der samaritanischen Tradition ‚Bet-El‘, die zugehörige Siedlung ‫‚ לוזה‬Lusa‘; Ri 1,22–26 reflektiert diese ‚Wanderung‘ von Bet-El. In Judäa konnten sich die ‚Rückwanderer‘ durchsetzen, die Samarier entzogen sich ihnen. Der Höhepunkt des Erfolges des D-Programms wie wohl auch ein beträcht- licher Teil der Texte, die es dokumentieren, ist mit den ‚Rückwandern‘ in Jerusa- lem 515–444 verbunden, die in dieser Zeit daran gingen, sich die Provinz Judäa (wieder) untertan zu machen. Mit ihrem Helden Joschija (640–609) verbindet die D-Gruppe zweierlei: sie geht einerseits vom Personenbestand auf die Nach- kommen von Joschijas führenden Beamten, der Schafan-Familie zurück. In der babylonischen Deportation war ‚Tradition‘ und ihre Weitergabe weitgehend, wenn auch nicht ausschließlich in der Familie verankert. Durch diese Familien- tradition blieben sie andererseits mit dem joschijanischen Konzept JHWHs als obersten (jetzt einzigen) Gottes verbunden, den Joschija und seine Theolo- Nehemija und der Wiederaufbau Jerusalems | 347 gen/Ideologen mit den militanten Zügen Assurs ausgestattet hatte. Aus dem Konflikt der ‚Rückwanderer‘ mit den ‚Eingesessenen‘ stammt das Konzept von zu tötenden oder zu vertreibenden ‚Vorbewohnern‘ des ‚verheißenen Landes‘, weil sie Israel zum ‚Götzendienst‘ verführen könnten (Ex 34; Dtn 7; 20; Jos 6; 8– 9; 10,28–39; 11). Esra 9,1 verrät, dass die ‚auszurottenden Vorbewohner‘ Zeitge- nossen der Akteure des 5. Jh. waren. Eng damit verbunden ist die Denunziation des mit Gottesbild und Frau versehenen, vorexilischen JHWH als ‚Götzen-‘ oder ‚Baals-Dienst‘, wie er noch in Bet-El praktiziert wurde und in Elephantine bis in die 1. Hälfte des 4. Jh. praktiziert werden wird (K. van der Toorn 2016). Der in 1 Kön 16–2 Kön 10 bekämpfte ‚Baal‘ ist kein Gott, den jemals ein Einwohner Isra- el/Palästinas wirklich verehrt hätte, sondern ein theologisches Konstrukt der D- Gruppe, das sämtliche Konkurrenten JHWHs, vom Sin von Harran bis zum phö- nizischen Baalschamim zusammenfasste. JHWH-Verehrung außerhalb von Jerusalem wird nun als ‚Sünde Jerobeams‘ denunziert (vgl. 1 Kön 12,26–32); dort wird Jerobeam I. die Ausstattung von Bet-El und Dan mit Stierbildern oder -postamenten zugeschrieben, die wahrscheinlich Jerobeam II. vorgenom- men hat. Damit ist der Uminterpretation des Kultlegitimationsgesetzes Dtn 12* in ein ‚Kultzentralisationsgesetz‘ durch die Auslegung von Dtn 12 in 2 Kön 22–23 der Weg gebahnt. Der Gedankenschritt vom ‚einzigen legitimen Gott‘ zum ‚ein- zigen legitimen Heiligtum‘ ist in dieser Zeit besser vorstellbar als je zuvor. All- gemein durchgesetzt hat sich die D-Gruppe mit diesem Anspruch bis in die erste Hälfte des 2. Jh. jedoch nicht. Auf diesen Boden gründet auch das Postulat eines mosaischen Gesetzbuches, das schon unter Joschija ‚gefunden‘ worden wäre – leider zu spät, um den Untergang Judas 597–581 noch aufzuhalten, aber gerade noch früh genug, um Kontinuität zwischen ‚Zweitem‘ und ‚Erstem Tempel‘ zu postulieren. Das ‚Offenbarungsbuch‘ ist eine Innovation der Perserzeit (nicht nur in Israel), und das ‚Recht‘ bzw. die ‚Weltordnung‘ tritt bei Xerxes geradezu als eine Hypostase neben Ahuramazda, wie in der biblischen Religion die ‚Weisheit-Thora‘ (vgl. Dtn 30,11–14; Prov 8,22–31; Sir 24). Die D-Restauration kulminierte in der Neugründung Jerusalems als Hauptstadt von Judäa unter Nehemia 445/444 vC. 9.2.3 Nehemija und seine Zeit B.J. Schipper, The Egyptian Background of the Joseph Story: HeBAI 8/1 (2019) 6–23; J. Joosten, 1 The Linguistic Dating of the Joseph Story: Ibid., 24–43; T. Römer, Genesis 39 and the Composi- tion of the Joseph Narrative: Ibid., 44–60; G.N. Knoppers, Judah and Samaria in Postmonarchic Times (FAT 129; Tübingen 2019); I. Finkelstein, Hasmonean Realities behind Ezra, Nehemiah, and Chronicles. Archaeological and Historical Perspectives. (Ancient Israel and Its Literature 348 | Das 5. Jahrhundert vC – der Wiederaufbau Jerusalems, Esra und die Thora 34; Atlanta 2018); O. Lipschits et al. eds., What Are the Stones Whispering? Ramat Rahel: 3000 Years of Forgotten History. Winona Lake, Indiana 2017); K. Smoláriková, Udjahorresnet: The Founder of the Saite-Persian Cemetery at Abusir and His Engagement as Leading Political Person during the Troubled Years at the Beginning of the Twenty-Seventh Dynasty: J.M. Silver- man and C. Waerzeggers eds., Political Memory in and after the Persian Empire (ANEM 13; Atlanta 2015) 151–164; O. Lipschits, The Rural Economy of Judah during the Persian Period and the Settlement History of the District System: M. Lloyd Miller et al. eds., The Economy of An- cient Judah in Its Historical Context (Winona Lake, Indiana 2015) 237–264; L.S. Fried, Was 1 Esdras First? An Investigation into the Priority and Nature of 1 Esdras (Ancient Israel and Its Literature 7; Atlanta 2011); O. Lipschits, Gary N. Knoppers, and M. 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Gemeinsame Auftritte von Esra und Nehemija (Neh 8,9; 12,26.36) sind nach der Datierung unmöglich: Artaxerxes im Jahr 7 ist auf alle Fälle nicht Artaxerxes in den Jahren 20–32. Nehemija brach im Nehemija und der Wiederaufbau Jerusalems | 349 Jahr Artaxerxes (I.) 20 (= 445/444 vC) nach Jerusalem auf (Neh 2,1). Esra reiste von Babylon nach Jerusalem vom 1.1. bis 1.5. Artaxerxes Jahr 7 (Esra 7,7–9) – aber welcher Artaxerxes? Das siebte Jahr des ersten wäre 458, das des zweiten 398; an den dritten Artaxerxes wird mit guten Gründen nicht mehr gedacht. Historisch spricht alles für die Reihenfolge Nehemija-Esra: nach Neh 8,1 verliest Esra die Thora vor einem Tor, das Nehemija wieder aufgebaut hat. Für 419–408 gibt es Dokumente, nach denen die Thora noch nicht in Kraft gesetzt war. Die in Neh 5 verhandelten Probleme hätte es nicht gegeben, wenn die Thora schon gegolten hätte. Die Darstellung in Esra-Nehemia hat ein theopolitisches Pro- gramm: Moses/Esra kommt vor Josua/Nehemija, der Hohepriester (Esra) bean- sprucht den Vorrang vor dem Statthalter (Nehemija). Die ‚Nehemija-Memoiren‘ (Neh 1,1–7,3; 10; 12,27–14,31), obwohl sicher redaktionell bearbeitet (z.B. in 1,4– 11; 12,36) sind eine Rechtfertigungsschrift von Nehemijas Amtsführung und wohl mit einer der ersten biblischen Texte, die in der 1. Person singular ge- schrieben sind. Diese Schrift kann von Nehemija selbst im Tempelarchiv depo- niert worden sein oder von einer ihm nahestehenden Person nach seinem Tod. Sie können als zeitnah gelten, aber sind natürlich interessegeleitet. Die grund- sätzliche Frage der Redaktionsgeschichte von Esra-Nehemija, ob die hebräische Version die ältere ist oder 1 Esdras der Septuaginta, ist für die historische Be- handlung der Nehemija-Quelle nicht erheblich. Als Literatur sollen die Nehemi- ja-Memoiren zeigen, dass man sowohl ein loyaler persischer Beamter als auch ein guter Israelit sein kann. Vergnüglicher wird dieses Thema in der Gattung der Diaspora-Novelle abgehandelt (Josephsgeschichte, Esther, aramäische Da- nielerzählungen, Tobit). Die Josephsgeschichte zum Beispiel wurde immer wie- der erzählt und fortgeschrieben (T. Römer 2019) bis ins 6. Jh. (Joosten 2019) und wohl literarisch abgeschlossen in frühpersischer Zeit. Sie weist soziohistorisch als „Diaspora-Novelle“ auf die judäisch-aramäisch Gemeinschaft des 5./frühen 4. Jh. im ägyptischen Elephantine, wo Israeliten/Judäern eine Karriere gelingen konnte, Ehen mit Einheimischen (Ägypterinnen) im Unterschied zu dem Kon- zept in Esra/Nehemia kein Problem darstellten, das Ägyptenbild durchaus posi- tiv und Diaspora keineswegs (nur) negativ erscheint (Schipper 2019). Aus Esra 2 / Neh 7 lässt sich das Territorium der persischen Provinz Yehud/Judäa rekonstruieren, wobei Jerusalem als kleine Stadt mit kaum mehr als dem Tempelbereich als religiöses Zentrum diente, Mizpa schon seit der ba- bylonischen Zeit als politisches und Ramat Rahel ebenfalls weiterhin als öko- nomisch-administratives Zentrum. Dabei erfuhr während der persischen Perio- de Jerusalem einen Aufstieg, Mizpa verlor an Bedeutung; Ramat Rahel, ab Ende des 8. Jh. (königlich-judäische und assyrische) Residenz, bis ins 4. Jh. ausge- baut, qualitätvoll erweitert und in Phase III mit gegenüber der Phase II noch 350 | Das 5. Jahrhundert vC – der Wiederaufbau Jerusalems, Esra und die Thora verbesserten Gartenanlagen versehen (Phase I–III, Stratum Vb–a), scheint in der Perserzeit neben einem wirtschaftlich-administrativen Zentrum evtl. Sitz des lokalen Gouverneurs geworden zu sein (Lipschits 2015; Id. et al. eds., 2017). Der alte judäische Süden gehört nicht mehr dazu (Hebron, der Negev), dafür aber Benjamin: Bet-El und Jericho; aus der Tradition der Oase Jericho stammt wohl der ‚Zweite Schöpfungsbericht‘ Gen 2. Im Verhältnis zu den Nachbarn war Judäa klein und unbedeutend. Die Nachbarn erscheinen bei Nehemija als Gegner (Neh 2,10.19; 4,3.7; 6,1.12.14): ‫ סנבלט‬Sanballat (in Elephantine ‫ = סנאבלט‬Sîn-uballit ‚Sin hat ihn belebt‘), der Horoniter/Hauraniter, Statthalter von Samaria, dessen gleichnamiger Enkel in gleicher Position ein halbes Jahrhundert später belegt ist. Dass die beiden 445 und 407 belegten hohen Beamten identisch sind (HTAT S. 496) ist eher unwahrscheinlich, die Liste der samarischen Statthalter des 4. Jh. (HTAT S. 496) wäre also in ‚Sanballat II–IV‘ zu korrigieren. Der östlichen Nachbarprovinz Ammon, inzwischen auch wie ‫‚ יהוד‬Judäa‘ durch einen Pro- vinzstempelabdruck belegt, stand mit ‫ טוביה‬Tobija, dem ‚ammonitischen Beam- ten‘ ein Statthalter jüdischer Herkunft vor. Möglicherweise begründete er eine Dynastie von jüdischen Großgrundbesitzern und Regierungsbeamten in der Ammonitis, die uns im 2. Jh. wieder begegnen wird. Es ist wahrscheinlich, dass sich die Provinz Ammon bis an den Jordan erstreckte. Im Westen war Aschdod, eine freie Stadt am Meer mit ihrem Territorium, Einfallstor der phönizischen Händler, die am Schabbat Fisch verkaufen wollen (Neh 13). Mit Askalon und Gaza hatte Judäa wohl keine Grenzberührung. Den Süden ab dem Gebirgsrü- cken zwischen Betlehem und Hebron beherrschte ‚Geschem, der Araber‘, der Kedrener Guśam. Mit der ‚Verschwörung‘ der vier Nachbarn gegen Nehemijas Mauerbau wendet Neh eine historiographische Denkfigur an, von der schon Ägypter und Assyrer Gebrauch gemacht haben, um etwa gleichzeitigen, aber völlig dispara- ten Ereignissen eine gemeinsame Ursache zuzuweisen. In der Form diverser ‚Verschwörungstheorien‘ lebt diese Denkfigur bis heute. Direkt betroffen von Nehemijas Befestigungsmaßnahme waren eigentlich nur die Kedrener, denn sie sollte einem längerfristigen Programm dienen, nämlich die Siedlungsgrenze in Judäa wieder nach Süden zu verschieben. Zu Konflikten mit Aschdod kam es wegen ‚gewerbepolizeilicher‘ Verordnungen (Neh 13). Die Beziehungen zu Sa- maria dürften wegen der Aufhebung des gemeinsamen Heiligtums Bet-El belas- tet gewesen sein und wegen dem nun von der D-Partei erhobenen Anspruch, allein das ‚wahre Israel‘ zu sein. Der Konflikt mit Tobija war bereits innerjudä- isch: er gehörte zur eingesessenen (also benjaminitischen) Adels-Opposition gegen Nehemija (Neh 6,17.19; 13,4.7–8), den Protagonisten der D-Gruppe. Also können wir die Opposition mit der sich formierenden P-Partei identifizieren. Nehemija und der Wiederaufbau Jerusalems | 351 Wie aus D-Leuten im Laufe der Zeit Pharisäer (ihre biblische Programmschrift: der Psalter) und Zeloten (Opfer der Lektüre von zuviel apokalyptischer Litera- tur) wurden, so führten später die Sadduzäer die P-Tradition fort (ihre biblische Programmschrift: Kohelet). Hauptsächlich aber verschleiert die Konstruktion der ‚ausländischen Verschwörung‘ die Hauptgegnerschaft gegen Nehemijas Aktion: die Mehrheit der eingesessenen Benjaminiter, denn es ging um die Zu- rück-Verlegung der Provinzhauptstadt von Mizpa nach Jerusalem (Neh 3,7). Aus der gedrechselten Formulierung – selbst die Erinnerung, dass Mizpa einmal Provinzhauptstadt gewesen war, sollte getilgt werden – geht immerhin hervor, dass die Statthalter von Judäa vor Nehemija direkt dem Satrapen der Transeuphratene unterstellt waren, nicht etwa Samaria, und es geht um die Unterwerfung der Provinz Judäa unter die in der kleinen Festung Jerusalem und in der babylonischen Diaspora herrschende D-Partei. Wie im Falle der ‚Vorbe- wohner’ des Landes im Josuabuch wird auch in Neh der innerjudäische Konflikt auf äußere Feinde projiziert – wie dann später auch noch in 1–2 Makk. Nach Neh 2,1 war Nehemija ein hoher Hofbeamter (Mundschenk) mit Zu- gang zum Großkönig, nach Neh 1,1–3 hatte er Verwandte unter den ‚Rückkeh- rern‘ in Jerusalem, deren Situation prekär war. Auch wenn einiges davon narra- tive Überhöhung und Vereinfachung sein könnte, war die Nähe der babylonischen Diaspora zum Hof bzw. zur Reichsverwaltung der Motor der ‚Restauration‘. Heute leben in New York genauso viele Juden wie in Israel, und sie sind für den Staat Israel genauso wichtig. Nehemijas Mission diente der Wiederherstellung eines Jerusalem-zentrierten Judäa, äußerlich ausgedrückt durch den Mauerbau (444 vC), zugleich eine Belohnung der jüdischen Loyalität gegenüber dem persischen Großkönig während des Aufstandes des Ägypters Inaros, Sohn Psammetichs IV. (460–454) und des Persers Megabyzos, der einer- seits an der Niederschlagung des Inaros-Aufstands beteiligt war, andererseits in Auseinandersetzungen mit dem Großkönig Artaxerxes I. geriet (448). Der Mau- erbau gehörte auch zur strategischen Sicherung des Hinterlandes gegenüber Ägypten und Phönizien, die sich im 4. Jh. auszahlen sollte. Was Nehemija wie- der aufbaute, war die Stadtmauer Manasses aus der ersten Hälfte des 7. Jh. (D. Ussishkin) – die Mauer eines Jerusalem von 15–25.000 Bewohnern für nun 3.000 (Neh 11). Ussishkins Vorschlag ist in mehrfacher Hinsicht plausibel. In einer Mauer, die nur den Südosthügel umfasst hätte (so die zuvor herrschende Ansicht) mit einer Gesamtlänge von 800–1.000 m, lassen sich die in Neh 3 er- wähnten 10 Tore schlechterdings nicht unterbringen. Es war leichter, die Fun- damente der manassitischen Mauer freizulegen und darauf eine dünne Mauer oder auch nur Palisade zu setzen (vgl. Neh 3,35.38), als eine kürzere Mauer ohne Vorgänger von Grund auf zu errichten, und mehr als gegen Beduinenüberfälle 352 | Das 5. Jahrhundert vC – der Wiederaufbau Jerusalems, Esra und die Thora musste diese Stadtmauer nicht schützen. Natürlich war vom ummauerten Areal nur ein kleiner Teil besiedelt. Aber in arabischen Städten wie Tema, selbst in philistäischen Städten, ebenfalls an der Wüstengrenze, waren die Gärten mit ummauert. In diesem Jerusalem konnte man eine Geschichte erzählen von Leu- ten, die neben dem Königs-Palast (Neh 3,25) einen Weinberg besaßen (1 Kön 21) (Knauf 2011). Weil Jerusalem eine Militärkolonie blieb (Neh 7,3), kann uns die Bewaffnung der Bauleute (Neh 4,10) nicht wundern. Bevölkert wurde die neue Hauptstadt durch einen Synoikismos: ein Zehntel der Provinzbevölkerung wur- de nach Jerusalem verpflanzt (Neh 11,1); man kann auch von einer ‚provinzin- ternen Deportation‘ sprechen. Für die Sprache der Bibel hatte diese Umsiedlung tiefgehende Folgen, wie wir sehen werden. Die in Neh 5,1–5 geschilderten Zustände werden allgemein als Zeichen einer sozialen Krise gesehen, die den Prozess der Klassenbildung in Judäa beschleu- nigte und zu einem landlosen Proletariat zu führen drohte. Ph. Guillaume (2010) hat widersprochen und geht von einer akuten Hungersnot aus, was gut Neh 5,1– 3 erklärt, aber weniger gut 5,4–5. Richtig ist, dass die Verteilung von Landbesitz im 5. Jh. (und noch lange darüber hinaus) kein Nullsummenspiel war – ange- sichts riesiger Reserven an urbarem, aber unbebautem Landes. Andererseits ist die Urbarmachung von Land eine Investition, die Kolonisten müssen in dieser Zeit von irgendetwas leben. So bleibt es attraktiv, einen bäuerlichen Betrieb durch Zwangsvollstreckung einer Grundschuld zu übernehmen, statt ihn auf jungfräulichem Boden erst aufzubauen; hinzu kommt bei Wein- und Obstgärten eine mehr oder weniger lange Periode, in der sie noch keine Erträge bringen. Neh 5,4 spricht ein strukturales Problem an. Die Wirtschaft des 5. Jh. war teil- monetarisiert, es gab Münzen, aber die kleinste Denomination, die im Umlauf war, entsprach in der Kaufkraft ca. 800 Euro; das sollte sich bis zum 3. Jh. än- dern. Das heißt, dass unter einer für Kleinbauern hohen Schwelle Transaktio- nen weiter in Naturalien abgewickelt werden mussten (und an einen Text wie Jes 55,1 war noch nicht zu denken). Wenn die Reichssteuer in Geld entrichtet werden musste (Neh 5,4), waren Geld-Besitzer gegenüber Nicht-Geldbesitzern privilegiert und konnten gegenüber Schlechtergestellten für sie günstige Raten durchsetzen. Im 4. Jh. belegen Steuerquittungen aus Idumäa Steuerzahlungen in Naturalien (HTAT S. 503 Nr. 296 – S.513 Nr. 337). Nicht nur in Judäa hatte man gemerkt, dass es sonst Probleme gab. Ein zweites strukturales Problem kam hinzu. Bis jetzt war Sklaventum eine Art Zivilstand gewesen, nun wurden Skla- ven (Neh 5,5) zur international gehandelten Massenware. Im Vorderen Orient kosteten sie weiterhin 20–30 Schekel, in Athen, wo sie als ‚Betriebsmittel‘ in den Silberbergwerken gebraucht wurden, brachten sie aber 180 Drachmen, das sind 90 Schekel. Sklaven-Export en gros lohnte sich zum ersten Mal (vgl. Am Esra und die Thora | 353 1,6.9; Joel 4,3–6). Die ‚prophetische Sozialkritik‘, d.h. die Sozialkritik in den Prophetenbüchern, bezieht sich weitgehend auch auf Zustände im 5. Jh. Aus diesen Missständen und der Abhilfe in Neh 10, die entweder auf eine im Tempel verwahrte ‚mosaische Thora‘ deuteronomistischer Prägung verweist, die aber noch nicht als ‚Provinzgesetz‘ in Kraft gesetzt war, oder, wahrscheinlicher, im 4. Jh. aufgrund der Theorie der ‚seit Moses‘ existierenden Thora mit diesen Verweisen versehen worden ist, kann geschlossen werden, dass die Thora mit ihrem Boden- und Sklavenrecht um 450 noch nicht existierte. Neh 10,32 scheint das Schabbat-Jahr neu einzuführen und es zugleich zum Jahr eines generellen (Grund-)Schuldenerlasses zu machen; letzteres wird dann in der Thora jedes 49. Jahr, das ‚Jobel-Jahr‘. Das Schabbat-Jahr gab auch Kleinbauern die Möglichkeit, ihren Grundbesitz durch Urbarmachung von Landreserven zu vermehren, eine Möglichkeit, die sonst nur Großgrundbesitzer gehabt hätten. Der Schuldener- lass zu einem im Voraus bekannten Zeitpunkt wirkte als Schuldenbremse, inso- fern damit alle Ausleihungen befristet wurden, ohne landwirtschaftlichen Kre- dit ganz unmöglich zu machen (Ph. Guillaume). Vor allem aber gingen diese Maßnahmen zulasten der benjaminitischen Aristokratie, deren wirtschaftliche Macht dadurch sehr beschnitten wurde. Und sie wirkten zugunsten des Zweiten Tempels, der den Geldmarkt in Judäa nun monopolisieren konnte (antike Tem- pel waren nicht nur die Gymnasien und ‚Universitäten‘ jener Zeit, sondern auch die Banken). Ebenfalls gegen die eingesessene Aristokratie waren die Zwangs- scheidungen von ‚Mischehen‘ gerichtet (Esra 10; Neh 13), wogegen die Verfasser des Büchleins Rut protestieren, denn damit wurde ihre Vernetzung mit den Großhändler- und Großgrundbesitzerkollegen in den Nachbarprovinzen unter- bunden. Neh 10,29–30 deutet die Möglichkeit an, dass die ‚Bewohner des Lan- des‘ schon zur Zeit der D-Herrschaft zu den ‚Rückkehrern‘ konvertieren konnten – und bis 398 haben das dann auch alle getan. 9.3 Esra und die Thora Mildenberg (1998) 3–97 und 127–135; – G.N. Knoppers, Judah and Samaria in Postmonarchic 1 Times (FAT 129; Tübingen 2019); I. Finkelstein, Hasmonean Realities behind Ezra, Nehemiah, and Chronicles. Archaeological and Historical Perspectives. (Ancient Israel and Its Literature 34; Atlanta 2018); Id., Jerusalem and Judah 600–200 BCE. Implications for Understanding Pentateuchal Texts: P. Dubovský et al. eds., The Fall of Jerusalem and the Rise of the Torah (FAT 107; Tübingen 2016) 3–18; L.L. Grabbe, The Last Days of Judah and the Roots of the Penta- teuch. What Does History Tell Us?: ibid., 19–45; D.J. Carr Schrift und Erinnerungskultur. Die Entstehung der Bibel und der antiken Literatur im Rahmen der Schreiberausbidung (AThANT 107; Zürich 2015); F. Hartenstein und K. Schmid eds., Abschied von der Priesterschrift? Zum Stand der Pentateuchdebatte (Leipzig 2015); F. Giuntoli and K. Schmid eds., The Post-Priestly 354 | Das 5. Jahrhundert vC – der Wiederaufbau Jerusalems, Esra und die Thora Pentateuch. New Perspectives on its Redactional Development and Theological Profiles (FAT 101; Tübingen 2015); J. Blenkinsopp, Footnotes to the Rescript of Artaxerxes (Ezra 7:11–26): P.R. Davies & D.V. Edelman ed., The Historian and the Bible. Essays in Honour of Lester L. Grabbe (LBH.OTS 530; New York & London 2010) 150–158; K. Schmid, The Persian Imperial Authorization as a Historical Problem and as a Biblical Construct: A Plea for Distinctions in the Current Debate: G.N. Knoppers / B.M. Levinson eds., The Pentateuch as Torah. New Models for Understanding Its Promulgation and Acceptance (Winona Lake, Indiana 2007) 23–38; Id., Persische Reichsautorisation und Thora: ThR 71 (2006) 494–506; E.A. Knauf, Der Kanon und die Bibeln. Die Geschichte vom Sammeln heiliger Schriften: BiKi 57 (2002) 193–198; J.W. Watts ed., Persia and Thorah. The Theory of Imperial Authorization of the Pentateuch (SBL.SS 17; Atlanta 2001); E.A. Knauf, Audiatur et altera pars: zur Logik der Pentateuch-Redaktion: Bibel und Kirche 53 (1998), 118–126; L. Mildenberg, Vestigia Leonis. Studien zur antiken Numismatik Israels, Palästinas und der östlichen Mittelmeerwelt (NTOA 36; Freiburg/Schweiz und Göttin- gen 1998); J. Blenkinsopp, The Mission of Udjahorresnet and Those of Ezra and Nehemia: JBL 106 (1987) 409–421; P. Frei, Zentralgewalt und Lokalautonomie im Achämenidenreich: P. Frei & K. Koch, Reichsidee und Reichsorganisation im Perserreich (OBO 55; Freiburg/CH & Göttingen 2 1996) 5–131; K. Koch, Weltordnung und Reichsidee im alten Iran und ihre Auswirkungen auf die Provinz Jehud: ibid., 133–337, bes. 133–325; 206–307; B.J. Diebner, Gottes Welt, Moses Zelt und das salomonische Heiligtum: T. Römer ed., Lectio difficilior probabilior? L’exégèse comme expérience de décloisonnement (Mélanges offerts à Françoise Smyth-Florentin; DBAT Beih. 12; Heidelberg 1991) 127–154; E. Blum, Studien zur Komposition des Pentateuch (BZAW 189; 1990) 345–360; B.J. Diebner, ‚Auf einem der Berge des Landes Morija‘ (Gen 22,2) oder: ‚In Jerusalem auf dem Berge Morija‘ (2 Chr 3,1)?: DBAT 23/24 (1987) 174–179. Nach Esra 7,12–26 (aramäisch) wurde Esra als ‚Schreiber-Priester des Gesetzes des Himmels-Gottes’ (7,12; ‫ )הכהן סופר התורה של אלהי השמים‬von Artaxerxes im königlichen Auftrag, also als persischer Beamter, nach Jerusalem geschickt, um (a) einen größeren Geldbetrag für den Tempel und seine Gemeinde zu über- bringen, der teils aus Staats- und teils aus Spendengeldern bestand; (b) den Unterhalt dieses Tempels zulasten des Fiskus der Transeuphratene zu regeln; (c) ‚um die Aufsicht über Judäa und Jerusalem auszuüben gemäß dem Gesetz deines Gottes, das in deiner Hand ist‘ (7,14). Mit dem Artaxerxes-Erlass wird also das Gesetz, das Esra überbringt, als persisches Reichsrecht für Judäa auto- risiert (7,26, falls der Erlass historisch ist – aber dafür spricht gerade dieser Sachverhalt). Welches ‚Gesetz‘ war es, und wie kam es in Esras Hand? Jede An- nahme, dass es nicht die fertige Thora (Gen 1 – Dtn 34) war, hat mit Plausibili- tätsdefiziten zu kämpfen. Wenn es sich um das Deuteronomium, die Priester- schrift, das ‚Heiligkeitsgesetz‘ (Lev 17–25), das ‚Bundesbuch‘ gehandelt hätte, woher käme dann die jetzt vorliegende Thora, deren Hebräisch ins 5. Jh. weist und die im 3. Jh. ins Griechische übersetzt wurde, und wie hätte sie es dann noch geschafft, von Judäern und Samariern gemeinsam akzeptiert zu werden? Die Thora wurde aber aller Wahrscheinlichkeit nach in Israel/Palästina (an den Esra und die Thora | 355 Tempeln von Jerusalem und vom Garizim) redigiert (vgl. auch Esra 7,25). Damit er von Esra zurückgebracht und in Kraft gesetzt werden konnte, musste der Text zuvor aus Israel/Palästina nach Persien oder Babylonien geschickt, also als Gesetzesentwurf bei der Zentralregierung eingereicht worden sein. P. Frei hat die Theorie aufgestellt, dass die Achämeniden generell bereit gewesen wären, ihren Untertanen Lokalautonomie zu gewähren, nach den hergebrachten Sitten und Gebräuchen zu leben, wenn diese ihre Traditionen bei Hofe einreichten zur Überprüfung, ob sie mit der Loyalität zur persischen Krone und dem Reichsfrieden vereinbar seien. Bestanden sie diese Prüfung, erhielten sie die ‚Reichsautorisation‘. Die Theorie hat viel Zustimmung, aber auch viel Kritik erhalten (differenzierend K. Schmid 2006; 2007). Die persische Grundein- stellung war prinzipiell, aber nicht in jedem Fall ‚konservativ‘, auf das Bewah- ren des Hergebrachten ausgerichtet – freilich nicht beim Apisstier und beim babylonischen Neujahrsfest. Die persische Verwaltung scheint eher aus Prag- matikern als aus Prinzipienreitern bestanden zu haben. Die Duldung, wenn nicht sogar Förderung lokaler religiöser Symbolik zeigt sich etwa auch auf dem Gebiet der Münzprägung im Perserreich, die sehr weitgehend keine persische Prägung war (Mildenberg 1998). Außer im Falle Esras und der Thora wurde auch in Ägypten das Gewohnheitsrecht zum ersten Mal nach fast 3.000 Jahren ägyptischer Geschichte verschriftet; zuvor war Pharao die lebendige Quelle von Recht und Ordnung gewesen. Auch in der arabischen Provinzstadt Tema bestritt der Fiskus den Unterhalt eines Heiligtums (KAI5 S. 58, Nr. 228). Was die genann- ten Länder und Orte verbindet: sie waren ‚Unruhe-Gebiete‘, in denen sich die höhere Provinz- oder gar Zentralregierung veranlasst gesehen haben mag, sich für Deeskalation einzusetzen. Auch muss man bei der persischen Einflussnah- me auf lokale Religionen und Rechte nicht unbedingt an den Großkönig persön- lich als ‚autorisierende Autorität‘ denken noch an ein ‚kaiserlich-persisches Religionspolizeiministerium‘. Aber Jerusalem – wie Elephantine – waren von Militärkolonen besiedelte persische Festungen. Zumindest die Militärverwal- tung wird sich dafür interessiert haben, an welchen hohen Feiertagen die judäi- schen Truppen möglicherweise nicht voll einsetzbar waren. Entsprechend er- halten die Juden von Elephantine 419 vC Anweisungen zur Art, wie Pesach- Matzot zu feiern sei (HTAT S. 479f Nr. 283), vom persischen Statthalter in Ägyp- ten, während andererseits die persische Verwaltung in Ägypten 408/7 die Ent- scheidung, ob und wie der Tempel von Elephantine wieder aufzubauen sei, den Statthaltern und Provinzparlamenten in Judäa und Samaria überließ (HTAT S. 480–484 Nr. 284–286). Die alte wie neue Jerusalemer Elite hatte sich nur im Auftrag, zumindest im Namen der persischen Reichsregierung gegen die benjaminitische Bevölke- 356 | Das 5. Jahrhundert vC – der Wiederaufbau Jerusalems, Esra und die Thora rungsmehrheit durchsetzen können. Sie hat die Kolonialmacht für ihre Interes- sen mobilisiert und mag sich ‚reichsnäher‘ dargestellt haben als sie war. Den- noch ist es unwahrscheinlich, dass die Konflikte der Nehemija-Zeit – der inner- judäische Konflikt zwischen ‚Rückwanderern‘ und ‚Eingesessenen‘ wie der Konflikt zwischen Judäa und Samaria, wer denn nun die einmal gemeinsam gewesene ‚alte Religion‘ am ehesten repräsentierte – Frieden und Stabilität gefährdeten und einen Eingriff der höheren Verwaltungsstellen geradezu erwar- ten lassen. Aufgrund der ‚internen Evidenz‘ der Thora kann man sagen: Sie ist das Kompromiss-Dokument, in dem die angesprochenen Konflikte, wenn nicht beigelegt, so doch ‚aufgehoben‘ sind. Man kann daher annehmen, dass ihre Ausarbeitung im Wesentlichen in der zweiten Hälfte des 5. Jh. erfolgte. Der Mo- notheismus und die Bildlosigkeit des Kultes hat sich durchgesetzt – beides lag im 5. Jh. ‚im Trend‘ (der Religionskritiker Xenophanes von Kolophon!). Bei der Kompilation der Thora war die reichsloyale (und universalistische) P-Gruppe federführend (Anfang: Gen 1, Ende: Dtn 34*, Zentrum: Ex 25–Num 10*), wurde die nationalreligiöse D-Tradition marginalisiert (Stellung des Dtn!), aber nicht unterdrückt. P sieht ‚Ismael‘, die Araber, mit denen man sich inzwischen das Land teilte, sehr nahe bei Abraham (Gen 17; 25,12–18*), D darf ihn von dort vertreiben (Gen 21), doch sind es bei P dann wieder Isaak und Ismael, Jakob und Esau, die ihren jeweiligen Vater im Familiengrab im mittlerweile kedrenischen, bald idumäischen Hebron beisetzen. Aber die Thora ist nicht nur ein Kompro- miss zwischen P und D, sondern auch zwischen Rückkehrern und Eingesesse- nen. Abraham wird, gegen Ezechiel 3,24, als gemeinsamer Erzvater akzeptiert, aber er kommt jetzt ebenfalls aus Babylonien, aus Ur und Harran (den beiden wichtigsten Tempeln des Sin – auch so kann man sich vom assyrisch- babylonischen Erbe verabschieden). Es ist fraglich, ob ohne die Traditions- macht der ‚Rückkehrer‘ sich die Exodus-Tradition erhalten hätte. Aber jetzt war ‚ganz Israel‘ in ‚babylonischer Gefangenschaft‘ wie in Ägypten gewesen (vgl. oben S. 347, Abb. 65). Die Thora ist aber auch ein Kompromiss zwischen Judä- ern und Samariern: sie sagt mit keinem Wort, wo denn nun der Ort sei, an dem JHWH seinen Namen wohnen lassen wolle, er erlaubt nur ‚am Rande‘ dessen Identifikation mit Jerusalem (Gen 14,18–20; Gen 22,1–14) oder dem Garizim (Dtn 11,29; 27,12). Die Thora ist nicht einfach ‚Gesetz‘, obwohl sie Gesetze enthält, die in Judäa von nun ab zusätzlich zu den persischen Königserlassen gelten sollten (Esra 7,26), sondern eine ‚Verfassung‘ mit einer ausführlichen Präambel (Gen 1–Ex 19), die den Ort ihres Geltungsbereiches in der Welt nach Zeit und Ort bestimmt. Sie ist damit eine umfassende ‚Lehre‘ über Gott, Mensch, Israelit und den Rest der Welt. Mit der Endredaktion des Pentateuchs und der Inkraftsetzung der Esra und die Thora | 357 Thora durch (Artaxerxes II. und) Esra als hinfort für alle ‚Israeliten‘ verbindlich ist die lange Vorgeschichte des ‚biblischen Israel‘ abgeschlossen. 398 vC, 8 Jahrhunderte nachdem Merenptah das ‚erste Israel‘ vernichtet hatte, beginnt die Geschichte Israels, im 4. Jh. konkret: der Judäer und Samarier, als ‚des Vol- kes der Bibel‘. Seit 398 gibt es die Kategorie ‚Bibel‘, den religiös autoritativen Text, der nicht mehr Geheim- und Herrschaftswissen einer Bildungs- und Amts- elite ist, sondern sich an alle mündigen Männer der Bevölkerung richtet (Neh 8), von ihnen nicht nur befolgt, sondern möglichst auswendig gelernt werden will (das heißt, dass die Thora ‚in deinem Herzen [= ‚Gedächtnis‘] und in deinem Mund [= ‚Rezitation‘] ist‘. Bevor die Thora als ‚Erste Bibel‘ von Esra öffentlich gemacht worden war, hat es in der Welt nichts Vergleichbares gegeben, auch nicht in Israel. Esra und die Männer der ‚großen Synagoge‘, die nach jüdischer Überlieferung den ‚schriftlichen Teil‘ der von Moses in mythischer Urzeit emp- fangene Thora aufgeschrieben haben, sind nicht nur die Begründer des um die beiden Brennpunkte ‚Tempel‘ und ‚Thora‘ organisierten Israel, sie sind zugleich die Begründer des Judentums als einer ‚Wissensgesellschaft‘, als einer Lehr- und Lerngemeinschaft. Natürlich gab es weiter ein nicht allen zugängliches ‚Herrschaftswissen‘ der Schriftgelehrten, zuerst in Form zunehmend festge- schriebener Thora-Auslegung, aus der dann z.B. die Prophetenbücher hervor- gehen sollten. Doch wurden diese dann in der zweiten Hälfte des 2. Jh. ebenfalls ‚kanonisch‘ und damit öffentlich, und der jüdische Schriftgelehrte ist von An- fang an gehalten, sein Wissen nicht für sich zu behalten, sondern es weiterzu- verbreiten (Esra 7,25). Zur geschilderten Entwicklung hat Esra den Grundstein gelegt, abgeschlos- sen war sie zu seinen Lebzeiten noch lange nicht. 398 hat es wahrscheinlich noch nicht mehr als zwei Thora-Rollen gegeben, eine in Jerusalem und eine auf dem Garizim. Zuerst scheint an eine Verlesung der Thora in jedem 7. Jahr ge- dacht gewesen zu sein (Dtn 31,9–13), dann bildete sich ein dreijähriger, in Baby- lonien ein einjähriger Zyklus von Wochenabschnitten heraus. Die Septuaginta ist ein Indiz, dass im 3. Jh. die synagogale Thora-Lesung fest etabliert war, ab dem 1. Jh. vC wohl auch die Lesung von Partien der Propheten, die zum Wo- chenabschnitt passten (vgl. Lk 4,16–20), ohne dass dieses ‚Haftarot‘ schon fest- gelegt waren. Bis heute sind zur liturgischen Lesung in der Synagoge nur Texte zugelassen, deren physische Erscheinung sich seit Esra nicht verändert hat: die Thora muss auf einer Leder-Rolle von Hand geschrieben sein, in der Orthogra- phie der Perserzeit und ohne die Akzente und Vokalzeichen, die über 1.000 Jahre jünger sind als der Konsonantentext. Die muss der Thora-Verleser aus- wendig können (die sogenannten ‚Akzente‘ sind die Noten für den gesungenen Vortrag). 358 | Das 5. Jahrhundert vC – der Wiederaufbau Jerusalems, Esra und die Thora Gegenüber ihrem altorientalischen Erbe markiert die Thora nicht nur eine Bildungs-Revolution, sondern auch eine Revolution der Werte. Die Revolution der Werte zeigt ein einfaches Schema: Alter Orient Thora Götter Gott   König Gesetz/Thora   Gesetz König (Vorbild für alle Menschen) Im alten Orient setzt der oberste Gott den König ein, der dann seinerseits seinen Untertanen Gesetze gibt – jedenfalls in der Theorie; seinen amoritischen Unter- tanen gegenüber legitimiert sich Hammurapi als weiser Gesetzgeber, indem er ihnen das Gewohnheitsrecht ‚gibt‘, das sie bereits hatten. In der Thora gibt JHWH die Thora, und diese sagt dem König, was er zu tun und zu lassen hat (Dtn 17,14–20). Im Klartext bedeutet dieses ‚Königsgesetz‘, dass ein König Isra- els keine Außenpolitik treiben darf (keine diplomatischen Heiraten), keine Fi- nanzpolitik (keine Schätze aufhäufen), und keine Militärpolitik (keine Armee aufstellen). Dafür darf er Tag und Nacht auf die Thora hören. Das ist in der Form einer ‚Regelung‘ des Königtums dessen Abschaffung. Dafür wird nun jeder Mensch, was zuvor nur der König war: ein ‚Rundbild Gottes‘ auf Erden (Gen 1,26f), seine Repräsentation innerhalb der Schöpfung. Die Synagogengemeinde dankt Gott für die Gabe der Thora. Der Rest der Welt hat allen Grund, Israel für die Thora zu danken, der unsere abendländischen Werte ‚Menschenwürde‘ und ‚Menschenrecht‘ mehr verdanken als allen Griechen und Römern zusammen, und ohne ‚Thora und Propheten‘ wäre aus der Jesusbewegung auch nie die Kirche geworden, der wir die zwar sprachlich und kulturell gebrochene, aber nie unterbrochene Weitergabe des lebendigen Wortes verdanken. 10 Das 4. Jh. vC – Persien verliert Ägypten. Die Folgen Die biblische Geschichtserzählung von Gen–Esra/Neh konstruiert eine Vorge- schichte der Gemeinde des Zweiten Tempels und der Thora. Sie endet daher mit Esra; in der jüdischen und innerbiblischen Kanontheorie ist die Zeit von Moses bis Esra die ‚Zeit der Offenbarung‘. Das 4. Jh. galt lange als ‚dunkel‘, weil dem Historiker nunmehr keine biblischen narrativen Quellen mehr vorliegen, und die außerbiblischen sind wenige, fragmentarisch oder unzuverlässig. Papyri, Münzen und die Archäologie entschädigen dafür jedoch reichlich. Das 4. Jh. ist dadurch charakterisiert, dass Persien Ägypten (und Arabien) verliert und lange vergeblich versucht, es zurückzuerobern. Nach dem Zusammenbruch der athe- nischen Seeherrschaft am Ende des peloponnesischen Krieges gewinnen im Mittelmeerraum periphäre und zentrifugale Kräfte an Gewicht – im Westen Kar- thago, bald Rom. 343–332 ist Persien dann noch einmal Herr im östlichen Mittel- meer, um seinen Nachlass wohlgeordnet Alexander dem Großen zu übergeben. 10.1 Der Verlust Ägyptens HTAT S. 475–495; – K. van der Toorn, Eshem-Bethel and Herem-Bethel: New Evidenve from 1 Amherst Papyrus 63: ZAW 128 (2016) 668–680; O. Lipschits, Gary N. Knoppers, and M. Oeming eds., Judah and the Judeans in the Achaemenid Period: Negotiating Identity in an International Context (Winona Lake, IN 2011); R.G. Kratz, Zwischen Elephantine und Qumran: Das Alte Tes- tament im Rahmen des antiken Judentums: A. Lemaire ed., Congress Volume Ljubljana 2007 (VT.S 133; Leiden 2010) 129–146; id., The Second Temple of Jeb and of Jerusalem: O. Lipschits & M. Oeming ed., Judah and the Judeans in the Persian period (Winona Lake 2006) 247–264; P.-E. Dion, La religion des papyrus d'Éléphantine. Un reflet du Juda d’avant l’exil: U. Hübner & E.A. Knauf ed., Kein Land für sich allein. Studien zum Kulturkontakt in Kanaan, Israel/Palästina und Ebirnâri für Manfred Weippert zum 65. Geburtstag (OBO 186; Freiburg/CH & Göttingen 2002) 243–254.; E.A. Knauf, Elephantine und das vor-biblische Judentum: R.G. Kratz ed., Reli- gion und Religionskontakte im Zeitalter der Achämeniden. Sechs Jahre ‚Arbeitsgemeinschaft zur Erforschung der altorientalisch-hellenistischen Religionsgeschichte des 1. Jahrtausends‘ in Göttingen (Veröffentlichungen der Wissenschaftlichen Gesellschaft für Theologie 22; München 2002) 165–174; H. Sternberg – el-Hotabi, Politische und sozio-ökonomische Strukturen im perserzeitlichen Ägypten: neue Perspektiven: ZÄS 127 (2000) 153–167; C. v. Pilgrim, Der Tem- pel des Jahwe: MDAIK 55 (1999) 142–145; B. Porten & al., The Elephantine Papyri in English. Three Millennia of Cross-Cultural Continuity and Change (DMOA 22; Leiden 1996); id., Elephan- tine Papyri: ABD II (1992) 445–455; U. Winter, Frau und Göttin (OBO 53; Freiburg/CH & Göttin- gen 1983) 494–498; B. Porten, Archives from Elephantine. The Life of an Ancient Military Colo- ny (Berkeley & Los Angeles 1968); id. & A. Yardeni, Textbook of Aramaic Documents of Ancient https://doi.org/10.1515/9783110411683-011 360 | Das 4. Jh. vC – Persien verliert Ägypten. Die Folgen Egypt, vol. 1–4 (Jerusalem 1986–1999); H. Anneler, Zur Geschichte der Juden von Elephantine (Bern 1912). 404 befreite Amyrtaios Ägypten von der persischen Okkupation und regierte fünf Jahre lang als erster und einziger Pharao der 28. Dynastie. Bis 343 regierten dann zwei weitere Dynastien, 393 war ein ‚Dreipharaonen-Jahr‘. Stabilität brachte erst wieder die makedonische Eroberung 332. In das Vorspiel des Ab- falls fällt die Korrespondenz der judäischen Militärkolonie in Elephantine mit Jerusalem und Samaria, auf die bei der Darstellung der Religionsgeschichte Judäas im 6. und 5. Jh. schon verschiedentlich vorgegriffen wurde. Die judäi- sche Militärkolonie an der ägyptischen Südgrenze wurde 525 von Kambyses dort vorgefunden und übernommen, sie ist wohl nach 581 in den Dienst der 26. Dy- nastie getreten. 410 wurde ihr Tempel durch ein ägyptisch-nationalistisches Pogrom zerstört, wobei die örtlichen Beamten sich auf die Seite der Aufrührer gestellt zu haben scheinen. Einerseits waren die Judäer persische Besatzungs- truppen und damit den ausgesogenen Ägyptern verhasst, andererseits wollte sich der Chnum-Tempel in der unmittelbaren Nachbarschaft des Jaho-Tempels vergrößern und darum dessen Grundstück an sich bringen, was ihm erst um 350, unter Nektanebos II. (360–343) gelang. Die Priesterschaft von Elephantine richtete ein Gesuch um Wiederaufbau ihres Tempels an den Gouverneur von Jerusalem und dessen Provinzialparlament (den Vorläufer des Synhedriums), das unbeantwortet blieb. Ein zweites Gesuch wurde sowohl nach Jerusalem wie Samaria gesandt, von einer mit den nötigen finanziellen Mitteln versehenen Delegation begleitet, und war überwiegend erfolgreich: der Tempel durfte wiederaufgebaut werden und der Opferbetrieb wieder aufgenommen, doch waren Tieropfer künftig untersagt. Aus den Archiven von Elephantine. 5. Jh. vC. AP Nr. 21 = TAD A4.1. 419/18 vC. – B. Porten, The Elephantine-Papyri in English (DMOA 22; Leiden 1996) 125–126 (B 13); HTAT S. 479–480 Nr. 283. – AP: Zählung der Papyri nach A.[E.] Cowley, Aramaic Papyri of the Fifth Century B.C. (Oxford 1923 repr. Osnabrück 1967); TAD: Zählung der Papyri nach B. Porten & A. Yardeni 1986–1999. (1) [An meine Brüder] Jedonjah und seine Kollegen, die Jehudäer-Garnison, euer Bruder Ha- nan[j]ah. Mögen die Götter um das Wohl meiner Brüder [allezeit (2) besorgt sein]. Nun also: dieses Jahr, dem Jahr 5 des Königs Darius [419/18 vC], wurde vom König gesandt über Ar[scham … (3) …] Ihr also zählt dergestalt 1[4 (4) Tage des Monats Nisan, und begeht das Pes]sach. Vom 15. bis zum 21. des [Nissan haltet das Matzen-(5)Fest. Esst 7 Tage lang Mat- zen. Jetzt,] achtet auf eure Reinheit. Arbeit ver[richtet nicht (6) am 15. und am 21. Nisan. Ver- gorenes] trinkt nicht. Und alles, worin Sauerteig is[t, esst nicht (7) … vom 14. Nisan bei] Son- Der Verlust Ägyptens | 361 nenuntergang bis zum 21. Nisa[n bei Sonnenuntergang. (8) Allen Sauerteig, den ihr in euren Häu- sern habt, b]ringt in eure Kammern und versiegelt sie diese Tage lang. (9) … (10) [An] meine Brü- der Jedonjah und seine Kollegen, die Jehudäer-Garnison, euer Bruder Hananjah b[. PN]. (3) ‚zählt‘: Lev 23,15–16; Dtn 16,9 – aber für Schavuot! – (5) Matzen: wie Ex 12,15.18; Lev 23,6; Num 28,17. – ‚Reinheit‘: wie Rosch ha-Schanah 16b? – ‚Keine Arbeit‘: Ex 12,16; Lev 23,7–8; Num 18,18.25. – (6) ‚Nichts Vergorenes‘: noch nicht biblisch, erst MPesachim 3.1. – ‚Nichts Gesäuertes essen‘: Ex 12,20. – (8) ‚Sauerteig versiegeln‘: nicht im Sinne von Ex 12,19 und 13,7; die Praxis ist in MPesachim 5b; 28b verboten. Dieser Papyrus belegt: (a) es gab in Jahr 419/18 vC keine Thora, aber es gab Experten für die judäische Religion, die von Arscham, dem Satrapen von Ägypten, zweifellos zu Rat gezogen wurden und offensichtlich mit der Ausarbeitung der Thora beschäftigt waren; (b) die ‚mündliche Thora‘, die Mischna enthält Passagen, die ebenfalls ins 5. Jh. vC zurückgehen. AP 31 = TAD A4.8. 25. November 407 vC. – Porten (1996) 145–147 (B 20). Die Ergänzungen stützen sich auf einen ersten Entwurf, der ebenfalls erhalten ist (AP 30 = TAD A4.7; Porten [1996] 139–144 B 19); HTAT S. 481–83 Nr. 285. – {Tilgungen gegenüber dem Entwurf}; [grie- chische Namensform]. (1) An [unseren] H[errn Bagawahya [Bagoas], {den Gouverneur von Judäa,} deine Diener Jedonj]ah [der] Prie[ster und seine Kollegen, die Priester, die in der Festung Elephantine sind und alle Judäer. Um das Wohlergehen unseres Herren] (2) möge der Him[mels]-Gott unablässig {überaus} besorgt sein immerdar, {und} Gnade [vor Da]reios dem König [und den (anderen) Fürsten möge er dich finden lassen {tausendmal} mehr als bislang, und] (3) langes [Leben] schenke er dir, und mögest du immerdar wohlbehalten und stark sein. Jetzt [sagen] dein Die[ne]r Jedonjah [und seine Kollegen die Priester und die Judäer folgen- des: Im Monat Tammuz,] Jahr 14 des Königs Darius [Juli/August 410 vC], nachdem Arscham [Arsames] abgereist war, um [zum] König zurückzukehren, [da] gaben [die Priester des Got- tes Chnum, der sich in Elephantine befindet,] (5) der Festung, Silber und (andere) Wertsa- chen dem hiesigen Kommandanten Waidranga, indem sie sag[ten: „Den Tempel des Gottes Jaho, der in der Festung Elephantine ist,] (6) sie sollen ihn von dort entfernen“. Danach schrieb dieser verruchte Waidranga an seinen Sohn Na[phai]na, d[er Garnisonskomman- deur in der Festung Syene war, folgendermaßen: „Den Tempel] (7) von Jaho, dem Gott, der in der Festung Elephantine ist, sollen sie niederreißen“. Dann brachte dieser Naphaina die Ä[gypter und die anderen Truppen. Sie kamen in die Festung Elephantine mit] (8) ihren Waf- fen, brachen in den besagten Tempel ein, machten ihn dem Erdboden gleich, und die S[tein]pfeiler, [die dort waren, sie zerbrachen sie. Darüberhinaus die] (9) fünf großen Tore aus Quadern, die im Tempel waren, [zerstörten sie. Und die Türflügel, und die Scharniere dieser Türen,] (10) aus Bronze, und das Dach dieses Tempels, ganz aus Zedernholz, [mit dem Rest seines Inventars und anderer (hölzerne) Gegenstände, die sich dort befanden,] (11) verbrannten sie mit Feuer. Aber die Silber- und Goldschalen und die (anderen) Gegen- stän[de (aus Metall), die in diesem Tempel waren, alles nahmen sie (und)] (12) machten es [sich zu eigen]. Schon in den Tagen der Könige Ägyptens hatten unsere Väter diesen Tempel in [der Fes- tung] Elephantine gebaut, [und als Kambyses nach Ägypten kam,] (13) fand er diesen Tem- 362 | Das 4. Jh. vC – Persien verliert Ägypten. Die Folgen pel gebaut vor. Aber die Tempel der Götter Ägyptens [zerstörten sie (die Perser unter Kambyses) alle], aber [an diesem Tempel beschädigte] man [nichts. Nachdem dies] (14) (uns) angetan worden war, legten wir mit unseren Frauen und Kindern Sack und Asche an, {und} fas[teten, und beteten zu Jaho dem Himmelsherren, der] (15) uns mit Genugtuung über den kriminellen Waidranga erfüllte. Sie entfernten seine Fuß-Reifen, und a[ller Besitz, den er erworben hatte, ging verloren. Und jeder, der] (16) gegen diesen Tempel Böses im Sinn (gehabt) hatte, wurde getötet, und wir sahen auf sie herab. Weiterhin, [schon zuvor, als dieses Böse uns zugefügt ] (17) wurde, schrieben wir darüber einen Brief. Wir schickten ihn unserem Herrn (dem Statthalter), sogar [an Jehohanan, den Hohenpriester, und seine Priester-Kollegen in Jerusalem,] (18) und an Ostanes den Bruder des Anani und an den Adel von Judäa. Eine Antwort [bekamen wir nicht. Weiterhin, seit dem Tammuz] des Jahres 14 des Königs Darius und bis zu diesem Tag gehen wir in Sack [und Asche und fasten; unsere Frauen sind wie Witwen.] (20) Wir salben uns nicht mit Öl und trin- ken keinen Wein. [Weiterhin, se]it da[mals] und bis auf d[iesen Tag, im Jahr 17 des Königs Darius], (21) wurden in diesem Tempel keine Speiseopfer {noch} Räucheropfer noch Brand- opfer dargebracht. Und jetzt, [deine Diener Jedonjah und seine Kollegen, die Jaho-Priester] (22) und die Judäer, alle grundbesitzende Bürger von Elephantine, sagen folgendes: Wenn es unserem Herrn gutdünkt, den[ke an diesen Tempel, dass er wiedererbaut werde, denn sie [die persischen Behörden in Elephantine?] lassen uns] (23) ihn nicht wiederaufbauen. Denke an deine Schutzbefohlenen und Anhänger die hier [in Ägypten sind. Mögest du ihnen einen Brief schicken] (24) bezüglich des Tempels des Gottes Jaho, dass er wiederaufgebaut werde in der Festung Elephantine genau [wie er zuvor gebaut war. Und Speiseopfer, Räucheropfer] (25) und Brandopfer werden wir auf dem Altar des Gottes Jaho darbringen in deinem Na- men, und wir werden für dich allezeit be[ten – wir, unsere Frauen und unsere Kinder] (26) und alle Judäer, die hier sind. Wenn du so verfährst, bis der Tempel wiederer[richtet ist, hast du einen Verdienst vor Jaho, dem Gott] (27) des Himmels, mehr als jemand, der ihm Brand- opfer und (andere) Opfer darbringt {die sind} im Wert von 1.000 Talenten Silber {und Gold}. Dies[bezüglich haben wir geschrieben und unseren Herrn informiert. Weiterhin, all] (28) dieses schreiben wir auch in unserem Namen an Delajah und Sche- lemjah, die S[öhne Sanballats, des Gouverneurs von Samaria. Weiterhin, bezüglich all] (29) dessen das uns zugefügt wurde, Arscham wusste nichts davon. 20. Marcheschwan, Jahr 1[7 des Königs Darius. (4)ff: ‚Chnum‘ ist durchgängig „Chnub“ geschrieben. Auf der Insel-Festung Elephantine stand eine ‚judäische‘ Brigade, in der Festung Syene (am Ufer gegenüber) eine ‚aramäi- sche‘. (16) Es ist unklar, was mit Waidranga geschah; wurden ihm Schmuckstücke, die als Amtsinsignien galten, abgenommen, d.h. wurde er wegen Korruption und Misswirtschaft abgesetzt? Nicht nur in Jerusalem wurde JHWH (in Elephantine und in Idumäa ‫ יהו‬oder ‫יהה‬, also ‚Jaho‘) als ‚Himmelsgott‘ Ahuramazda angeglichen. Die ‚anderen Gegenstände aus Metall‘ (11) umfassen auch die Kultbilder, die man mit Rücksicht auf die Jerusalemer Sitten nicht erwähnt. Der Passus ist wichtig zum Verständnis der ‚Tempelgeräte‘, die Scheschbazzar nach Jerusalem zurückbrachte. Der Verlust Ägyptens | 363 Cowley AP Nr. 33 = TAD A4.10; Porten, DMOA 22, 150f (B22); HTAT S. 484 Nr.287. (1) Deine Diener, Jedonjah ben Gemarjah mit Namen, 1; (2) Ma‘uzi ben Natan mit Namen, 1; (3) Schemajah ben Haggai mit Namen, 1; (4) Hosea ben Jaton mit Namen, 1; (5) Hosea ben Nattum mit Namen, 1: insgesamt 5 Personen, (6) Bürger von Syene, die in der Festung Ele- phantine Grundbesitzer sind, (7) verpflichten sich folgendermaßen: Wenn unser Herr [der Statthalter Bagawahya?] … und der Tempel unseres Gottes Jaho wird wiedererrichtet (9) in der Festung Elephantine wie zuvor, (10) aber Schafe, Ochsen oder Zie- gen werden nicht als Brandopfer dargebracht, (11) sondern (nur) Räucher- und Speiseopfer, (12) und sollte unser Herr eine diesbezügliche Entscheidung treffen, dann (13) werden wir dem Haus unseres Herren Silber … und Getreide geben, 1.000 Ardab. Die eingangs aufgelisteten Personen bürgen für den ausgesetzten Betrag. Von 1.000 Ardab Getreide können 45 Personen ein Jahr lang leben. Es geht hier nicht um kleine Summen. Cowley AP Nr. 32 = TAD A4.9; Porten (1996) 148f (B21); HTAT S. 484 Nr.286. (1) Rechtswirksamer Entscheid. Was Bagawahya und Delajah (2) mir sagten: Rechtsent- scheid, lautend: Übernimm es, in Ägypten Arscham mitzuteilen (3) bezüglich des Gebäudes mit einem Altar des Gottes (4) des Himmels, das in der Festung Elephantine erbaut war vor Kambyses, (6) das der Schuft Waidranga zerstört hat (7) im Jahr 14 des Königs Darius: (8) dass es auf seinem Grundstück in seinen früheren Zustand zurückversetzt werde, (9) und sie sollen Speiseopfer und Räucheropfer darbringen auf (10) diesem Altar genau wie es früher (11) gemacht wurde. Der Tempel wird nicht ‚Tempel‘ genannt, und die ‚genaue Wiederherstellung des Früheren‘ ist in der Tat ein schwerer Eingriff in die lokale Tradition: Revolutionen können im Alten Orient mit seinem ursprungsmythischen Denken nur als ‚Restaurationen‘ deklariert werden. Die ‚Kultzentralisationspartei‘ in Jerusalem hatte sich noch nicht durchgesetzt, aber sie macht sich in dieser Debatte bemerkbar. Die Anerkennung des ‚Nicht-Tempels‘ von Ele- phantine ist so gewunden wie die Anerkennung des ‚Altars jenseits des Jordans‘ in Jos 22 – möglicherweise das Jerusalemer ‚Protokoll‘ der Verhandlungen von 410–407. Cowley AP Nr. 22 = TAD C3.15. Spendenliste für den Wiederaufbau; HTAT S. 485 Nr. 288. (1) 3. Phamenoth, Jahr 5 [des Amyrtaios, 400 vC]. Dies sind die Namen (derer aus) der Judä- er-Garnison, die Geld gaben für den Gott Jaho, pro Person [2 Schekel] … (120) Das Geld, das an diesem Tage zusammenkam zuhanden von (121) Jedonjah b. Gemarjah, im Monat Phamenoth, (122) (betrug) an Silber 31 Karsch 8 Schekel. (123) Davon für Jaho 12 Karsch 6 Schekel. (124) Für Ischim-Bet-El 7 Karsch. (125) Für Anat-Bet-El 12 Karsch Silber. … Ägypten ist wieder unabhängig, man datiert nicht mehr mit den babylonisch-aramäischen Monatsnamen. Der Rechnungsführer hat 2 Schekel unterschlagen und dies zugleich doku- mentiert (1 Karsch = 10 Schekel). Die hohen Summen und besonders ihre Verteilung an die drei Gottheiten lassen darauf schließen, dass aus dem Metall neue Götterbilder im Zusam- menhang mit dem Wiederaufbau des Tempels gemacht werden sollten. 364 | Das 4. Jh. vC – Persien verliert Ägypten. Die Folgen In Elephantine hat der Kult von Bet-El bis ins 4. Jh. vC überlebt: JHWH hat noch eine Frau und sogar einen Sohn (K. van der Toorn 2016), und der Kult ist iko- nisch. Aus der Tempel-Bibliothek sind zwei Schulbücher bekannt, mit denen zukünftige Schreiber (es gab insgesamt sechs) lesen, schreiben, Aramäisch und Loyalität zum Perserreich lernten: den Ahikar-Roman und die aramäische Ver- sion der Bisutun-Inschrift Dareios I. Religiöse Literatur hatte man nicht – die eigenen Riten und Mythen wurden offenbar nur mündlich überliefert, und ‚bib- lische‘ Literatur gab es außerhalb des Jerusalemer Tempels noch nicht. In den Militärkolonien von Jerusalem und Elephantine lebten ungefähr gleich viele Judäer (3.000 bis 3.500). Die Elephantine-Papyri (sämtlich in Aramäisch) setzen sich zusammen aus zwei Privatarchiven (Kauf-, Darlehens-, Heirats- und Schei- dungsurkunden) und aus dem Archiv des Tempels (daraus die angeführten Dokumente und die beiden ‚literarischen‘ Texte); der Tempel unterhielt also eine Schule, wie in Jerusalem, in der loyale Diener des Großkönigs erzogen wurden. Löhne und Preise aus den Privaturkunden vermitteln eine Vorstellung von der damaligen Kaufkraft eines Schekels: Einfamilienhaus 20–30 Schekel, Monatslohn des Arbeiters 1 Schekel. 20% der Judäer in Elephantine gehören der Grund und Kapital besitzenden Oberschicht an, von ihnen konnten 95% den eigenen Namen schreiben. Im Gegensatz zum biblischen Recht waren Töchter erbberechtigt, und Frauen konnten die Scheidung einleiten. Im 5. Jh. war die persische Herrschaft in Israel/Palästina von keinem äuße- ren Feind bedrängt. Ein derartiges Ausmaß an Frieden und Stabilität hatte es nie zuvor gegeben (und es würde auch nicht anhalten), doch ist es eine der Voraussetzungen, die in das Weltbild der Thora eingegangen sind. Mit der ‚An- siedlung‘ der ‚Rückkehrer‘ um Tempel und Thora (Jos 13–24) ist die Hexateuch- Erzählung, der ‚Mythos Israels‘, abgeschlossen, aus dem Chaos der assyrisch- babylonischen Zeit, reflektiert in Sintflut- und Meerwunder-Geschichte, ging endlich persische Ordnung hervor. Die Welt verdüstert sich etwas im 4. Jh. Isra- el/Palästina wurde Durchgangsland persischer Rückeroberungsversuche (385, 373, 350 und 343), im Gegenzug drang Tachos (362–360), der Sohn des Nekta- nebos I., 2. Pharao der 30. Dynastie, in alter pharaonischer Tradition nach Syri- en-Palästina in Ägyptens ‚strategisches Glacis‘ vor. Auf beiden Seiten kämpften immer größere Scharen griechischer Söldner. Die Schreiber der Tempelschule arbeiteten im 4. Jh. schwerpunktmäßig an den Prophetenbüchern, und in diese drang zunehmend apokalyptisches Gedankengut ein. Aber noch waren die Gruppen, die an ein nahes Ende der Welt glaubten, zu klein, um ihr Zerstö- rungspotential zu entfalten. Die Auswirkungen des Verlustes Ägyptens auf Arabien, Idumäa und Judäa | 365 10.2 Die Auswirkungen des Verlustes Ägyptens auf Arabien, Idumäa und Judäa Mildenberg (1998) 67–76.77–97; – O. Lipschits, Gary N. Knoppers, and M. Oeming eds., Judah 1 and the Judeans in the Achaemenid Period: Negotiating Identity in an International Context (Winona Lake, Ind. 2011); B. Porten & A. Yardeni, The House of Baalrim in the Idumean Ostraca: M. Lubetsky ed., New Seals and Inscriptions: Hebrew, Idumean, and Cuneiform (London 2007) 99–147; A. Lemaire, Der Beitrag idumäischer Ostraka zur Geschichte Palästinas im Übergang von der persischen zur hellenistischen Zeit: ZDPV 115 (1999) 12–23; N. Kokkinos, The Herodian Dynasty (JSP.S 30; Sheffield 1998) 36–52; E.A. Knauf, Südarabien, Nordarabien und die Hebrä- ische Bibel, in: N. Nebes ed., Arabia Felix. Beiträge zur Sprache und Kultur des vorislamischen Arabien (FS W.W. Müller zum 60. Geburtstag; Wiesbaden 1994) 115–122; C.H.J. de Geus, I- dumäa: JEOL 26 (1979–80) 53–74; J. Elayi, Pénétration grecque en Phénicie sous l'empire perse (Nantes 1988); H.-P. Müller, Phönizien und Juda in nachexilischer Zeit, WdO 6 (1970/71), 189– 204. Eine unmittelbare Folge des Verlustes von Ägypten war der Zusammenbruch der persischen Herrschaft in Arabien. Damit waren die einheimischen Eliten, die mit den Persern kooperiert hatten, desavouiert, und ihre Rivalen in den Stämmen und Stammeskönigtümern kamen an die Macht. Die Kedar- Konförderation zerfiel, im Ostjordanland, Nordwestarabien und auf dem Sinai wurden sie von den Nabatäern abgelöst, die Ende des 4. Jh. zum erstenmal er- wähnt werden. Die Sabäer, die bislang das Monopol auf den Weihrauchhandel innehatten und eng mit Tema kooperiert hatten (vgl. Ijob 6,19), werden um 400 vC von den Minäern abgelöst, die ihrerseits mit Ägypten kooperieren und eine Kolonie in Dedan errichteten (als Me‘inim in 1 Chr 4,41 erwähnt). Südpalästina war jetzt die Militärgrenze gegen Ägypten und Arabien, sozusagen der achä- menidische Vorläufer des späteren Limes arabicus. Idumäa wurde vor 363 aus der Kedar-Herrschaft ausgegliedert und zu einer eigenen Subprovinz, wahr- scheinlich 387–85, als sich Araber dem ägyptischen Unabhängigkeitskampf anschlossen (Diodor 15.2.4). In Idumäa wurden große Militärlehen vergeben, wie die Ortsnamen Bet Merkabot (< bīt markabti ‚Streitwagen-Lehen‘) und Hazar Susa (< bīt sisi ‚Pferde- = Reiter-Lehen‘) in Jos 19,5 andeuten. Eine idumäische Provinz-Münzprägung scheint es nicht gegeben zu haben, falls sich nicht einige idumäische Münzen unter den samarischen verstecken, wohl aber setzt mit dem 4. Jh. die judäische Prägung von ‚Kleingeld‘ ein, aber immer noch in Silber; die kleinste Denomination hatte eine Kaufkraft von 15–20 Euro. Jerusalem diente wohl als Etappe des idumäischen Limes. Es bietet sich an, die Münzemissionen von Judäa im 4. Jh. mit den Feldzügen gegen Ägypten zu korrelieren (385 – 373 – 360 – 350 – 343 vC). Die Provinzgrenzen waren sehr 366 | Das 4. Jh. vC – Persien verliert Ägypten. Die Folgen durchlässig. Idumäa, der Süden Judas vor 597/86 und dann der Norden des edomitischen Territoriums westlich des Grabenbruchs bis 553 war im 4. und 3. Jh. von Edomitern bewohnt, erkennbar an Namen mit dem Gottesnamen Qaus/Qos, der mit kanaanäischen, aramäischen und arabischen Prädikaten auftreten kann, von Arabern, erkennbar an arabischen Namen wie ʿAbd al-Baʿli, und von Judäern, die in über 1.800 Ostraca belegt sind. Dabei handelt es sich größtenteils um Steuerquittungen aus Arad, Tel Beersheva und Ḫirbet el-Kōm, ursprünglich wohl aus der Provinzhauptstadt Marescha (HTAT S. 501–513 Nr.296–337; Gesamtausgabe durch B. Porten und A. Yardeni). Die Belege für den alten edomitischen Gott Qaus/Qos entstammen zu über 90% der persischen und hellenistischen Zeit; JHWH war nicht der einzige einheimische Gott, der Assyrer und Babylonier überlebte. Späteren Autoren (Strabo) galten die Idumäer ganz als ‚entlaufene Nabatäer‘, d.h. im Alltag hatte sich dort bis zur augustäischen Zeit die arabische Sprache durchgesetzt. In Marescha stand ein JHWH-Tempel neben einem Tempel der arabischen Göttin al-‘Uzza und des aus Babylon im- portierten Nabu (HTAT S. 513–14 Nr. 338). Die judäische Bevölkerung Idumäas war alteingesessen, wurde aber auch durch judäische Großgrundbesitzer ver- stärkt, die in Idumäa (wie jenseits des Jordans) in Latifundien investierten, was ihnen in Judäa durch das biblische Bodenrecht nicht möglich war (vgl. Neh 11,20–30; Dtn 23,25–26; Ijob 42,17a–e LXX). An der Exzentrik der idumäischen Provinzhauptstadt Marescha ganz im Nordwesten der Provinz lässt sich ablesen, dass Israel/Palästinas Wirtschafts- zentrum die Küste war. Phönizien geriet im 4. Jh. zunehmend unter griechi- schen ökonomischen Druck, die Loyalität zu den Persern lockerte sich. 350–49 revoltierte der sidonische Königs Tennes. Auch in den alten Philisterstädten, die jetzt völlig ‚kanaanisiert‘ waren, erwuchs Phönizien Konkurrenz, besonders von Gaza, dem Endpunkt des arabischen Handels, in der auch die Minäer eine Han- delskolonie unterhielten. Die philistäisch-arabische Kooperation hat sich in 2 Chr 17,11; 21,16; 26,7 niedergeschlagen. Gaza prägte Münzen für diejenigen arabischen Stammesführer, die den Persern gegenüber weiterhin loyal blieben (Mildenberg 1998, 77–94 mit Tafel XXIII-XXX). Die persischen Reichsmünzen waren nicht im Umlauf, sondern wurden im Staatsschatz gehortet. Die lokale Wirtschaft beruhte auf griechischen und phönizischen Münzen und lokalen Prägungen, mit denen die einzelnen Stämme und Städte zugleich ihre religiöse und ethnische Identität zum Ausdruck brachten – wenn auch von den Persern nicht unbedingt ‚autorisiert’, dann doch sehr aktiv ‚geduldet‘. Das Perserreich funktionierte weitgehend nach dem Subsidiaritätsprinzip. Das Leben im ‚biblischen Israel‘: Judäa und Samaria im 4. Jh. vC | 367 Aus den ‚Hierodulenlisten’ von Ma’in. 4./3. Jh. Text: [A. Capuzzi ed.], Iscrizioni sudarabiche, I. Iscrizioni minee (Ricerche 10; Neapel 1974) 115–124. Die irreführende Bezeichnung dieser Texte geht auf die Erstveröffentlichung zurück. Man nahm zuerst an, dass die aufgeführten ausländischen Frauen einem Tempel geschenkt wurden. Es handelt sich aber um Beurkundungen auswärtiger Heiraten in der minäischen Hauptstadt, um Urkunden von ‚vereinfachter Einbürgerung’, sozusagen; cf. E.A. Knauf, Is- mael (21989) 157 und zur Statistik H. von Wissmann, RECA Suppl. 12 (1970) 957. M 392.52–54 Hāniʾ bin ʿAbd, von der Familie S1āqīm, vom Stamm Gabʾān, hat zur Verwandten gemacht und den Brautpreis bezahlt für die S1alambol aus Gaza. Der Name der Frau ist phönizisch (< ‫) שלמבעל‬. Gaza liegt mit 29 Einträgen an der Spitze der Herkunftsländer, gefolgt von Dedan (9), Ägypten (8), Kedar (3) und Qatabān (2). Je einmal genannt werden u.a. ‚Yawan‘ (Griechenland), Sidon, Ammon und Moab. 10.3 Das Leben im ‚biblischen Israel‘: Judäa und Samaria im 4. Jh. vC HTAT 495–501; Mildenberg (1998) 67–76; – G.N. Knoppers, Judah and Samaria in Postmonar- 1 chic Times (FAT 129; Tübingen 2019); J. Dusek ed., The Samaritans in Historical, Cultural and Linguistic Perspectives (Studia Samaritana 11/Studia Judaica 110; Berlin/Boston 2018); B. Hensel, Juda und Samaria. Zum Verhältnis zweier nach-exilischer Jahwismen (FAT 110; Tübing- en 2016); D.M. Carr, Orality, Textuality and Memory: The State of Biblical Studies: B.B. Schmidt ed., Contextualizing Israel’s Sacred Writings. Ancient Literacy, Orality, and Literary Production. (Ancient Israel and Its Literature, 22; Atlanta 2015) 161–173; W.M. Schniedewind, Scriptualiza- tion in Ancient Judah: ibid., 305–321; J. Schaper, Hebrew Culture at the „Interface between the Written and the Oral“: ibid., 323–340; H. Geva, Jerusalem’s Population in Antiquity: A Minimal- ist View: TA 41 (2014) 131–160; E.A. Knauf, Inside the Walls of Nehemiah’s Jerusalem: Naboth’s Vineyard: I. Finkelstein & N. Naʾaman ed.,The Fire Signals of Lachish. Studies in the Archaeolo- gy and History of Israel in the Late Bronze Age, Iron Age, and Persian Period in Honor of David Ussishkin (Winona Lake, Indiana 2011) 185–194; id., Biblical References to Judean Settlement in Eretz Israel (and Beyond) in the Late Persian and Early Hellenistic Periods: P.R. Davies & D.V. Edelman ed., The Historian and the Bible. Essays in Honour of Lester L. Grabbe (LBH.OTS 530; New York & London 2010) 175–193; O. Lipschits, Gary N. Knoppers, and M. Oeming eds., Judah and the Judeans in the Achaemenid Period: Negotiating Identity in an International Context (Winona Lake, Ind. 2011); S. Schorch, Communio lectorum. Die Rolle des Lesens für die Textua- lisierung der israelitischen Religion: J. Schaper ed., Die Textualisierung der Religion (FAT 62; Tübingen 2009) 167–184; E. Stern, A Persian-period Hoard of Bullae from Samaria: J.D. Schloen ed., Exploring the Longue Durée. Essays in Honor of Lawrence Stager (Winona Lake, Ind. 2009) 421–437; H.M. Niemann, „Glaube“ – ein Blick in die hebräische Bibel: Quatember. Vierteljah- reshefte für Erneuerung und Einheit der Kirche 70/1 (2007) 15–26; R. Kessler, Samaria-Papyri 368 | Das 4. Jh. vC – Persien verliert Ägypten. Die Folgen und Sklaverei in Israel: J.F. Diehl et al. eds., „Einen Altar von Erde mache mir…“. FS für D. Con- rad zu seinem 70. Geburtstag (KAANT 4/5; Waltrop 2003) 169–181; Y. Meshorer & Sh. Qedar, Samarian Coinage (NSR 9; Jerusalem 1999); C.E. Carter, The Emergence of Yehud in the Persian Period. A Social and Demographic Study (JSOT.S 294; Sheffield 1999); E. Blum, Der ‚Schiqquz Schomem’ und die Jehud-Drachme BMC Palestine S. 181, Nr. 29: BN 90 (1997) 13–27; D. Edel- man, Tracking Observance of the Aniconic Tradition Through Numismatics: id., The Triumph of Elohim. From Yahwisms to Judaisms (Grand Rapids 1995) 185–225; U. Hübner, Die Münzprägungen Palästinas in alttestamentlicher Zeit: Trumah 4 (1994) 119–145; Y. Meshorer & Sh. Qedar, The Coinage of Samaria in the Fourth Century BCE (Jerusalem 1991); F.M. Cross, Samaria Papyri 1: an Aramaic slave conveyance of 335 B.C. found in the Wâdi ed-Dâliyeh: EI 18 (1985) 7–17. Die Elephantine-Korrespondenz zeigt, dass 407 die Gouverneure und Notabeln- Versammlungen von Judäa und Samaria gemeinsam die höchste Autorität in jüdischen Religionsangelegenheiten ausübten. Auch die Juden wie Samarita- nern (wie man die Nachkommen der Judäer und Samarier ab dem 3. Jh. nennen kann, aber nicht zuvor) gemeinsame Thora von 398 spricht dafür, dass die Spal- tung frühestens im 3. Jh. begann und im 2. Jh. vertieft wurde, als die Samarita- ner den neuen Kanon aus ‚Thora und Propheten‘ nicht übernahmen. Dass man je einen eigenen Tempel hatte, war noch kein Scheidungsgrund. Dennoch las- sen sich schon im 4. Jh. Unterschiede zwischen Judäa und Samaria beobachten, was die Thora-Observanz betrifft. Während die Münzen von Judäa (vielleicht abgesehen von den allerersten) das Bilderverbot der Thora einhalten (Athena- kopf und Eule sind als Symbole für ‚gutes Geld‘ rezipiert), stellen die Münzen von Samaria JHWH als einen Gott des Baalschamem-Typs dar und Athene als eine Göttin in der Nachfolge der kanaanäischen Aschera-Anat-Astarte. Bei den Münzen kann man sich noch fragen, wie ‚samarisch‘ diese Prägung ist, lagen in Samaria doch Kult- und Kulturzentrum (Garizim) und Provinzhauptstadt (Sama- ria) nicht am selben Ort wie in Judäa (Jerusalem). Aber wahrscheinlich wurde in Samaria das Bilderverbot weiterhin nach seinem Ursprungssinn als Verbot ei- nes (rundplastisch-dreidimensionalen) Kultbildes verstanden, während es in Judäa ab dem 4. Jh. auch auf zweidimensionale Darstellungen ausgeweitet wurde und ein Indiz für die mittlerweile eingetretene rechtliche Gültigkeit der Thora darstellt. Der Vorbehalt einer möglichen Religionsferne der Verantwortli- chen wie im Fall der Münzen ist im Falle eines Sklavenverkauf-Vertrages aus der Militärkolonie Samaria im Jahr 336/335 (HTAT S. 500–501 Nr. 295) nicht möglich, denn Verkäufer, Käufer wie Verkaufter tragen JHWH-haltige Namen, sind also Samarier oder gar Judäer, die dort tun, was zuhause verboten ist: denn der Verkauf verstößt gegen die Thora (Ex 21,2–11; Lev 25,39–46; Dtn 15,12–17) – im Fall des Freilassungsverzichts bleibt der Sklave Familienmitglied. Das Leben im ‚biblischen Israel‘: Judäa und Samaria im 4. Jh. vC | 369 Der Gegensatz zwischen den ‚ikonischen‘ Münzprägungen der Phönizier, Samarias, der Philisterstädte und der Araber einerseits, der ‚anikonischen‘ Prä- gung von Judäa andererseits könnte auch einen wirtschaftlichen Gegensatz ausdrücken: die Handelsströme gingen wegen den ‚ausländerfeindlichen‘ Maß- nahmen Nehemijas und Esras an Judäa vorbei, während Samaria auf einen gemeinsamen Motivschatz mit seinen Handelspartnern achtete. Auf den sama- rischen Münzen sind die folgenden Autoritäten (Statthalter?) erwähnt: Pharnabazos (persisch), Bodjah (phönizisch-samarisch), Delajah (samarisch), Hayyim (unspezifisch), Mabbogay (nordsyrisch), Sanballat (babylonisch- samarisch), Mazday (persisch), Bagabat (persisch), Hananjah (judäisch oder samarisch), Jerobeam (sicher samarisch), Schelemjah (judäisch oder sama- risch), Yaddu‘ (unspezifisch), Jeho’ana (judäisch oder samarisch), WNY (per- sisch?), Abdiël (unspezifisch), Sahru (arabisch), und Bod-jahbol / Bod-yehi-Bel (phönizisch? phönizisch-aramäisch?). Die Namen belegen die multiethnische Zusammensetzung der persischen Beamtenschaft. Der Samaria-Hort von 332 (Meshorer & Kedar 1991) hatte eine Kaufkraft von 28.220 Schweizer Franken oder 24.875 Euro, davon entfielen 48,12 % auf samarische Prägungen, 34,02 % auf phönizische (Tyrus, Sidon, Arwad) und 17,86% auf unspezifische ‚Eulen‘. Die provinziale Münzprägung umfasste jetzt auch Silber-Kleingeld (bis hin- ab zu 50/20 Eurocent). Damit war nun auch das Wirtschaftsleben der Mittel- schicht, nicht nur das der Oberschicht, monetarisiert. Ein Text wie Jes 55,1–3 kann deshalb frühestens im 4. Jh. vC entstanden sein. Im 3. Jh. vC werden die Ptolemäer dann die vollständige Monetarisierung der Binnen-Wirtschaft durch die Einführung von Kupfer-Kleingeld bis in den Euro-Cent-Bereich durchsetzen. Das in Neh 5 angesprochene soziale Steuer- und Schulden-Problem bestand jetzt in dieser Schärfe nicht mehr, bedrohte jedenfalls nicht mehr die Mittelschicht. Das heißt nicht, dass die im 5. Jh. aufgekommene ‚Armentheologie’ und ‚prophetische Sozialkritik‘ (in der Königszeit hatte es nur Staatswirtschaft gegeben) nicht weiterge- führt und fortgeschrieben wurde. Sie war allerdings nicht ‚Kritik von unten‘ – die Schreiber der biblischen Texte gehörten sämtlich der herrschenden Schicht an und zählten allenfalls innerhalb dieser Schicht zur Opposition – sondern auch Werben der Parteien (oder Cliquen) in der Elite um Klientel. Gewichtiger als soziale Span- nungen waren nach wie vor ‚ethnische‘ zwischen Jerusalemer ‚Rückkehrern‘ und einheimischen Benjaminiten. In Benjamin lebten weiter 45% der Bevölkerung von Judäa, aber dort konzentrierte sich über 80% des Wirtschaftspotentials, abzulesen an der Fundverteilung von Münzen, Siegeln und landwirtschaftlichen Installatio- nen (wie Keltern und Ölpressen; vgl. Carter 1999, 253 fig. 21; 265 fig. 24). Jerusalemer anti-benjaminitisches Ressentiment zeigt sich etwa im gewaltpornographischen Text Ri 19–21, der Sprache nach nicht älter als das 4. Jh vC. 370 | Das 4. Jh. vC – Persien verliert Ägypten. Die Folgen Abb. 66: Bewohner von Yehud: um 500 vC: 15.000, um 400 vC: 30.000, um 300 vC: 60.000. Das Leben im ‚biblischen Israel‘: Judäa und Samaria im 4. Jh. vC | 371 ‚Antibenjaminitisch‘ ist auch das biblische Bodenrecht (Lev 25), das die Vergrö- ßerung von Großgrundbesitz in Judäa unterband. Wer solchen erwerben wollte, wandte sich nach Idumäa oder ins Ostjordanland, wo neben den Tobiaden auch andere jüdische Grundbesitzer bis zum Bar-Kochba-Krieg (132–135 nC) lebten. Der doppelte Erbteil des Erstgeborenen wirkte etwas der Fragmentierung des kleinbäuerlichen Grundbesitzes entgegen, aber nicht genug. Eine familiäre landwirtschaftliche Kooperative (vgl. Ps 132,2) konnte auch nur eine beschränk- te Zahl von Mitgliedern ernähren. Überzählige Nachgeborene mussten sich von ihren Brüdern auszahlen lassen und auswandern. Obwohl Judäa Ende des 4. Jh. mit 45–60.000 Einwohnern noch keineswegs überbevölkert war (die als ‚Rück- wanderer‘ deklarierte Bevölkerung in Esra 2 – Neh 7 stellt einen Zensus aus der 2. Hälfte des 4. Jh. dar), war es seit dieser Zeit Auswanderungsland. Die bedeu- tenden jüdischen Gemeinden in Alexandria und Damaskus (vgl. Apg 9,1–25) gehen nicht auf die Diaspora des 6. Jh. zurück, und die Makkabäer dürften ihre militärischen Erfolge zu einem großen Teil heimgekehrten jüdischen Söldnern verdanken, die in ihre Dienste traten. Vor allem setzt im 4. Jh. – mit Jos 18,1–10 als Programm – die judäische Kolonisation Galiläas ein (vgl. auch Ri 17–18). Dort, wo nie zuvor Judäer gelebt hatten, bildeten sie im 2. Jh. einen ansehnli- chen Bevölkerungsteil (vgl. 1 Makk 5; 2 Makk 12), der mit dafür sorgte, dass die Provinz 104/103 vC judäisch wurde. Das biblische Bodenrecht war aber nicht nur gegen die benjaminitische Oberschicht gerichtet, sondern auch – heimlich – gegen den persischen Staat. Der Zweite Tempel musste so energisch seine kontrafaktische Kontinuität mit dem ‚Ersten‘ behaupten (durch Texte wie 2 Kön 22), um Rechte des Königs von Juda, die eigentlich kraft Eroberung und Sukzession an den König von Babylon, dann an den persischen Großkönig übergegangen waren, für sich zu reklamie- ren, etwa das Grundeigentum in ganz Judäa (Lev 25,23) – was einst Eigentum des Königs war, wurde nun Gottes Eigentum, dessen Ansprüche der Tempel verwaltete. Dass die Durchsetzung dieses Anspruchs nicht ohne Konflikte mit der persischen Provinzverwaltung vor sich ging, deuten Texte an wie 1 Sam 8,14; 1 Kön 21 (Nabots Weinberg lag im post-nehemijanischen Jerusalem, Knauf 2011). Programmatisch ist die ‚Beerbung‘ des Königs durch den ‚Hohenpriester‘ in Sach 6,9–15 formuliert. Mit der Paarung Pinchas/Josua und Esra/Nehemija (Ex 6,25; Num 25,7.11; 31,6; Jos 22,13.30-32; 24,29-33; Esra 7,1-5; 8,2) – in dieser Reihenfolge! – beansprucht der Hohepriester, in Judäa der ‚erste Mann‘ vor dem Provinzgouverneur zu sein – und erreichte offenbar, wie die Elephantine- Korrespondenz andeutet, der ‚zweite Mann‘ zu sein. Der Anspruch setzte sich zunehmend durch: aus ‚Sklaven Salomos‘ (Esra 2,55 / Neh 7,57) werden ‚Tem- pelsklaven‘ (Esra 2,58 / Neh 7,60; Jos 9; letztes Viertel des 4. Jh.); Simon Makka- 372 | Das 4. Jh. vC – Persien verliert Ägypten. Die Folgen bäus wird 142/141 ‚Hoherpriester und Ethnarch der Juden‘, mit Judas Aristobul (104 vC) nimmt der Hohepriester den Königstitel an. Theologie hat es in Priester- und Gelehrtenkreisen schon immer gegeben. Aber jetzt wurde Theologie (bzw. Religionsphilosophie) mit der Zustimmung zum Dogma, dass es keine anderen Götter als JHWH gebe, zum Teil der Religion. Diese Religion hatte zuvor und würde für große Teile der Menschheit weiterhin aus dem praktischen Umgang mit den Göttern bestehen, nicht in Ansichten oder Meinungen über sie. Von einem ‚Glauben Israels‘ sollte man aber weiterhin nicht sprechen. Überall, wo deutsche Übersetzungen des AT ‚glauben‘ bieten, kann man getrost ‚vertrauen‘ einsetzen (Niemann 2007) und kommt damit dem Ursprungssinn näher. Die Thora ist darin noch ganz altorientalisch, dass es ihr nicht um subjektiven ‚Glauben‘, sondern um objektives ‚Gott-Wissen‘ ( ‫דעת‬ ‫ אלהים‬daʿat ʾelohim) geht, das den Menschen befähigt, das Rechte zu tun. Ob die Vorstellung des Westeuropäers der Moderne von ‚Glauben‘ und seine daraus resultierende Unfähigkeit, zwischen Theologie und Religion zu unterscheiden, erst auf die Reformation zurückgehen oder vielleicht doch schon im Hellenis- mus angelegt sind, können wir nicht entscheiden. Aber biblisch ist sie nicht. Doch gibt es von nun ab die religiöse Redeform des Bekenntnisses (Dtn 26,1–11; Jos 2,11). Durch die Ausarbeitung der Thora im 5. Jh. und ihre Rezeption durch Judäa und Samaria im 4. Jh. wurde das Opferwesen revolutioniert. Man kann sich fragen, warum blutige Opfer jetzt nicht ganz abgeschafft wurden. Aber das ist zu modern gedacht. Und die Priesterschaft, immerhin ein wesentlicher Teil der Elite, brauchte Einkünfte. Die ʿOla (‫)עולה‬, das ‚Ganzopfer‘, hatte bislang dazu gedient, die Götter zu ernähren. Als Geist-, also Luft-Wesen (darum seit dem 2. Jt. oft mit Flügeln dargestellt) musste man ihre Nahrung durch Verbrennen ‚in Luft aufgehen lassen‘. Wen man sättigt, den beschwichtigt man (vgl. Gen 8,20– 22). So wurde die ʿOla jetzt zum Sühnopfer, das nicht Gott braucht (vgl. Ps 50,9– 14), sondern die Welt, damit die akkumulierte Unheilsmacht ungesühnter Ver- fehlungen den Himmel nicht zum Einsturz bringt. Eigentlich konnte der Schöp- fergott aller Welt nur in einem Land und unter einem Volk leben, die makellos sind (Lev 17–25). Da dieses Ideal auf Erden nicht zu erreichen ist, musste, was dennoch an Makel anfiel, kompensiert werden, wobei die Denkfigur des pries- terlichen Volkes und lebendigen Tempels sich als überaus hilfreich erweisen sollte, als die tempellose Zeit nach 70 nC hereinbrach. Nichts änderte sich fürs erste beim ‫ זבח שלמים‬zevach šelamim (bzw. ‫ תודה‬toda), dem ‚Heils- oder Dank- Opfer‘, mit dem ein durch Krankheit oder Verfolgung ‚sozial Toter‘ die Rückkehr ins Leben mit seiner Familie feierte und dabei das Opfertier selbst verspeiste mit Ausnahme des Anteils der Gottheit. Es könnten sich allenfalls die Akzente dahin Das Leben im ‚biblischen Israel‘: Judäa und Samaria im 4. Jh. vC | 373 verschoben haben, dass Gott, analog zur Entwicklung beim Sündopfer, vom Gast zum Gastgeber wurde. In dieser Zeit tauchen verschiedene neue Gefäßgattungen auf, die auf ver- änderte Essgewohnheiten schließen lassen, z.B. Mortaria, in denen die Römer Frischkäse mit Oliven und Kräutern mischten; auch zur Herstellung von Hum- mus (Kichererbsenmus) scheinen sie geeignet (wohl Rut 2,14 statt ‚Essig‘ zu lesen). Ein für das Judentum folgenschweres Speisetabu dürfte ebenfalls in diese Zeit zurückgehen. Wenn man sich mit dem Schweinefleischtabu erfolg- reich von Philistern und Griechen abgrenzte, so trennte man sich jetzt durch das Verbot, ‚das Böckchen in der Milch seiner Mutter‘ zu kochen statt in deren Fett oder Lab von den Arabern. Bei den Hirten Israel/Palästinas und der umliegen- den Steppen war und ist vom 20. Jh. vC (Sinuhe) bis zur Gegenwart in Sauer- milch gekochtes Fleisch (Mansaf) der höchste kulinarische Genuss. Die eini- germaßen sinnlose ‚Milch‘-Lesart (wie oft kann dieser Fall eintreten? Die Milch wie vieler verschiedener Muttertiere ist in einen Klumpen getrockneter Sauer- milch eingegangen?) spricht nicht nur für die Ursprünglichkeit der ‚Fett‘-Lesart, sondern auch dafür, dass die Auslegung des Gebotes, generell Fleisch und Milch nicht zusammen zu genießen, ebenfalls ins 4. Jh. vC zurückgeht. I. Young & R. Rezetko, Linguistic Dating of Biblical Texts, vol. 1–2 (London 2008); E.A. Knauf, 1 Bethel: The Israelite Impact on Judean Language and Literature: O. Lipschits & M. Oeming ed., Judah and the Judeans in the Persian Period (Winona Lake 2006) 291–349; A. Hurvitz, Can biblical texts be dated linguistically? Chronological perspectives in the historical study of biblical Hebrew: A. Lemaire & M. Sæbø ed., Congress volume Oslo 1998 (VT.S 80; Leiden 2000) 143–60; J. [Y.] Blau, Introduction: On the History and Structure of Hebrew: id., Topics in Hebrew and Semitic Linguistics (Jerusalem 1998) 11–19; H.M. Niemann, Das Ende des Volkes der Per- izziter. Über soziale Wandlungen Israels im Spiegel einer Begriffsgruppe. ZAW 105 (1993), 233–257; E.Y. Kutscher, A History of the Hebrew Language, ed. R. Kutscher (Jerusalem 1982) 81–85; J.A. Fitzmyer & D.J. Harrington, A Manual of Palestinian Aramaic Texts (Biblia et Orien- talia 34; Rom 1978). Die Provinz Judäa behielt im 6. Jh. die judäische Schriftsprache bei, aus der in Babylonien zur gleichen Zeit das ‚klassische Hebräisch‘ der Bibel wurde. Dieses ‚Jerusalemer Hebräisch‘ wurde in Judäa aber nicht mehr gesprochen: die ben- jaminitische Bevölkerung hatte einen südisraelitischen Dialekt, in der die Rela- tivpartikel nicht ‫ אשר‬lautete, sondern ‫( ש‬epigraphisch belegt und in Partien der Gideon- und Elischa-Geschichten, die älter sind als das 5. Jh.). Die Deportierten hingegen bewahrten in einem völlig anderssprachigen Umfeld ihren Jerusale- mer Dialekt, auch als ‚Rückkehrer‘, solange sie in Jerusalem unter sich blieben. Mit Nehemijas Synoikismus (Neh 11) bestand auch die Bevölkerung der Haupt- 374 | Das 4. Jh. vC – Persien verliert Ägypten. Die Folgen stadt überwiegend aus Benjaminiten und ihren Nachkommen. Dieser ‚nördli- che‘ benjaminitische Dialekt ist der Vater des Mittelhebräischen (kodifiziert als die Sprache der Mischna, aber seit dem 5. Jh. faktisch die gesprochene Sprache Judäas). Von nun an koexistierte das literarische Hebräisch der Schreiber und Schriftgelehrten mit einer anderen, aber nahe verwandten gesprochenen Spra- che (Diglossie, wie in der Schweiz und allen arabischen Ländern heute). Interfe- renzen konnten nicht ausbleiben, und kommt zum Phanömen des ‚spätbibli- schen Hebräisch‘ (Late Biblical Hebrew, LBH): die archaisierende Schriftsprache von Menschen, die im Alltag bereits Mittelhebräisch sprachen. Da kein bibli- sches Buch vor 400 vC ‚fertig‘ geworden ist, gibt es auch kein Buch, in dem sich gar kein LBH findet, in den älteren Elija-Geschichten (1 Kön 17–19) noch recht spärlich, in den jüngeren (1 Kön 21; 2 Kön 1) reichlich. Wer die Schriftsprache gut beherrschte, konnte auch nach 450 noch ‚klassisch‘ schreiben; wer es nicht tat, wollte als Kind seiner Zeit erkannt werden. Man hat in der Vergangenheit den Unterschied zwischen BH und LBH überwiegend lexikalisch festgemacht. Am deutlichsten ist er aber auf syntakti- schem Gebiet. Judäisch wie BH waren Aspektsprachen, in denen qatal und Kurz-yiqtol (in Prosa wa-yiqtol) für den perfektiven Aspekt (abgeschlossene Vorgänge oder Handlungen) standen, Lang-yiqtol für den imperfektiven (unab- geschlossene Vorgänge oder Handlungen). Mittelhebräisch ist hingegen eine Tempus-Sprache mit qatal für Vergangenheit, yiqtol für Futur (die Opposition zwischen Lang- und Kurzimperfekt ist in darstellender Funktion aufgehoben), und Partizip für Präsens (dabei ist es im Hebräischen bis heute geblieben). Syn- taktisch sind Hoheslied und Kohelet reines Mittelhebräisch. LBH erkennt man recht sicher daran, dass die Autoren das BH-Tempussystem anwenden möch- ten, dabei aber mehr oder weniger schwere Fehler machen. Auch semantisch ist der sprachgeschichtliche Einschnitt um 450 vC nachzuweisen. Althebräisch bezeichnet ‫ שדה‬śade das ‚Gefilde‘ (kultivierbares, aber unangebautes Land) wie in ‫ חית השדה‬ḥayyat ha-śade ‚Wildgetier‘ (d.h. Rot- und Schwarzwild, nicht die Feldmäuse im Weizen); in Lev 25 ist alles, was nicht ‚Stadt‘ ist, ‚Land‘ ohne Qualifizierung des Kultivationsgrades. Umgekehrt ist ‫ עיר‬ʿīr jetzt ‚Stadt‘ (im Gegensatz zu ‚Dorf‘, das zum ‫‚ שדה‬Land‘ gehört: Lev 25,31), und man muss betonen, dass eine ‚Stadt‘ eine Mauer hat (25,30). Aufgrund der Tatsache, dass die Israeliten weitgehend aus einer Bevölkerung hervorgegangen sind, die Städ- te nur von außen kannte (Niemann 1993), bezeichnete ‫ עיר‬im Althebräischen jedes ummauerte Etwas, ob dort nun 100, 1.000 oder 10.000 Menschen lebten (was kein Freischein für heutige Archäologen ist, eine ummauerte Siedlung des 8. Jh. von weniger als 1 ha Ausdehnung eine ‚Stadt‘ zu nennen). Die biblische Das Leben im ‚biblischen Israel‘: Judäa und Samaria im 4. Jh. vC | 375 Religion ist eine urbane Religion mit bäuerlichen Traditionen und Sprachge- schichte ist (auch) Sozialgeschichte. Aramäisch war im 5. und 4. Jh. Schriftsprache der Verwaltung und lingua franca im Perserreich und wurde von allen Schreibern, also auch denen des Jerusalemer Tempels, beherrscht. Inwieweit und von wem es außerhalb Syriens auch gesprochen wurde, ist von Fall zu Fall differenziert zu beurteilen. Judäer in Galiläa und in Idumäa wie in der babylonischen, ägyptischen oder arabi- schen Diaspora dürften es früh auch gesprochen haben, da sie in einem mul- tiethnischen Kontext lebten, und bald auch als Erstsprache. Es sei daran erin- nert, dass die Gallier zum größten Teil Latein nicht von den Römern lernten, sondern von der katholischen Kirche, als sie eine Sprache brauchten, um sich mit den Franken zu verständigen. Für Judäer gab es diesen Assimilationsdruck nicht in gleicher Weise, es sei denn im Verkehr mit Juden aus der Diaspora. Dass sie im 1. Jh vC und nC auch Aramäisch schrieben, besagt nichts über die tägliche Umgangssprache, eher schon, dass sie im Aramäischen Fehler machen, für ‚Zeuge‘ etwa das hebräische Wort verwenden (etwa Fitzmyer & Harrington 138.39.12; 144.42.26; 156.51.18) oder das aramäische Äquivalent von ‚Schalom‘ falsch schreiben (ibid. 158.53.1). Dass bei der Kodifizierung der ‚mündlichen Thora‘ Ende des 2. Jh. nC, deren Anfänge aber in das 5. Jh. vC zurückgehen, das Mittelhebräische verwendet wurde, das zuvor zugunsten eines literarischen ‚Spätbibelhebräischen’ selten geschrieben wurde, wiegt zur Bestimmung der gesprochenen Sprache in Judäa vom 5. Jh. vC bis zum Anfang des 2. Jh. nC schwerer. R.G. Kratz, Prophetenstudien. Kleine Schriften II (FAT 74; Tübingen 2011); E. Ben-Zvi & D. Edel- 1 man ed., The Production of Prophecy: Autoritative Texts in the Persian Period (London 2008); E. Bosshard-Nepustil, Rezeptionen von Jes 1–39 im Zwölfprophetenbuch. Untersuchungen zur literarischen Verbindung von Prophetenbüchern in babylonischer und persischer Zeit (OBO 154; Freiburg/CH & Göttingen 1997); E.A. Knauf, ‚L’Historiographie Deuteronomiste‘ (DtrG) existe-t-elle?: A. de Pury & al. ed., Israël construit son histoire. L’historiographie deutérono- miste à la lumière des recherches récentes (Genf 1996) 411–418; id., Zum Verhältnis von Esra 1,1 zu 2 Chronik 36,20–23: BN 78 (1995) 16–17. Nun, da die Thora abgeschlossen war, konnten sich die Schreiber des Zweiten Tempels auf die ‚Propheten‘ konzentrieren und sie sozusagen für die Publikati- on vorbereiten. Es ist anzunehmen, dass der abgeschlossenen Thora sehr schnell das Buch Jos als ‚Supplement‘ (oder ‚erstes deuterokanonisches Buch‘) zur Seite gestellt wurde, aus dem sich dann der Kanonteil ‚Propheten‘ entwi- ckelte. Auch Ijob (ohne die Elihu-Reden) setzt mit den Chaldäern und Sabäern in Arabien im Rahmen wie im Dialogteil Verhältnisse von 553–404 voraus und 376 | Das 4. Jh. vC – Persien verliert Ägypten. Die Folgen wird spätestens im 4. Jh. als Kern der zukünftigen ‚Ketuvim‘ entstanden sein; das Buch gilt im Talmud ebenfalls als ‚mosaisch‘. Mit der Ver-Öffentlichung der Thora 398 wurden die ‚Propheten‘ als Auslegungs- und Diskussionsliteratur von den Schreibern als Herrschaftswissen gepflegt, bis sie in der zweiten Hälfte des 2. Jh. vC in die ‚Zweite Bibel‘ aus Thora und Propheten eingingen. Die von D bearbeitete ‚Vorgeschichte des Zweiten Tempels‘ 1 Sam–2 Kön (in der LXX: 1–4 Kgr) wurde jetzt durch mehrere ‚Prophetenredaktionen‘ in zwei selbstständige Bücher zerlegt, wobei Kön jetzt weniger die Fortsetzung von Sam als die Einlei- tung von Jes ist. Bis zum Ende des 4. Jh. umfasste der werdende Prophetenka- non Kön-Jes im Zentrum, Sam-Jer in einer ersten und Jos-‚XII‘ in einer zweiten Peripherie; vom ‚Zwölfprophetenbuch‘ existierten wahrscheinlich 10 Bücher. Um Schultexte aus der Königszeit, die jetzt auf die Thora bezogen wurden, han- delt es sich bei Prov 10–29. In Jes sind Anspielungen auf die persisch- ägyptischen Konflikte des 4. Jh.s zu vermuten (Jes 19,18–25?). Esra–Neh dürfte eher noch im ausgehenden 4. als im Folgenden 3. Jh. redigiert worden sein, aber nicht mehr unter persischer Herrschaft, die in Jerusalem 332 endete; unter per- sischer Herschaft wäre die Verkürzung der achämenidischen Königsliste auf vier Herrscher möglicherweise mit einer entsprechenden Verkürzung der Kör- pergröße des zuständigen Schreibers sanktioniert worden. Für die Auto- ren/Redaktoren von Esra-Neh stand zumindest ein Jes* und ein Jer*-Buch in kanonischem Ansehen (Esra 1,1), die ‚Prophetie‘ galt aber mit dem Wiederauf- bau des Tempels als erfüllt. Innerhalb der Tempelschule wurde die D- Opposition persisch-loyalistisch domestiziert. Es ist anzunehmen, dass die The- ologie oppositioneller (radikaler D-)Kreise sich in der Proto-Apokalyptik äußert (vgl. schon Hag 2,21–23; Protosacharja [Sach 1–8*] und jetzt Joel 3–4; Zef 1,14– 18 [dies irae]; Jes 54,11–55,5; 60–62). Die Zeiten waren rauher geworden und mochten die eine oder andere Weltuntergangshoffnung genährt haben. Aber was nun über den Orient hereinbrach, hatte sich 333 vC in Jerusalem noch nie- mand vorstellen können.   III. Die Aufspaltung des biblischen Israel in Samaritaner, Juden und andere in hellenistischer und frührömischer Zeit G.N. Knoppers, Judah and Samaria in Postmonarchic Times (FAT 129; Tübingen 2019); B. Hen- 1 sel, Juda und Samaria. Zum Verhältnis zweier nach-exilischer Jahwismen (FAT 110; Tübingen 2016). Das ‚biblische Israel‘, der Adressat der Thora von 398 vC, waren Elite und Be- völkerung der persischen Provinzen Judäa und Samaria mit den Tempeln von Jerusalem und dem Garizim. Die Interessen- und Aktionsgemeinschaft von Ju- däa und Samaria kam bereits im Verlauf des Alexanderzuges unter Druck, seit dem 2. Jh. vC auch die Interessen- und Aktionsgemeinschaft der Jerusalemer Elite. In den einsetzenden Verteilungskämpfen bildeten sich Religionsparteien – Sadduzäer, Pharisäer, ‚Essener‘, Zeloten und andere, von denen 135 nC nur die Pharisäer überlebt haben werden, um – und auch das nicht sofort – das rabbinische Judentum zu begründen. In den Zeitraum 70–135 nC fallen die ers- ten Abgrenzungen des Christentums vom pharisäischen Judentum, aus dem es hervorgegangen ist. Prägend für Synagoge wie Kirche (wie den Islam) wurde jedoch die Spätantike (4.–7. Jh. nC). 11 Judentum und Hellenismus von Alexander dem Makedonen bis Salome Alexandra 11.1 Der Alexanderzug 336–323 und die Diadochen bis 301 vC P.J. Kosmin, The Land of the Elephant Kings: Space, Territory, and Ideology in the Seleucid 1 Empire (Cambridge, MA and London 2014); P. Green, Alexander of Macedon, 356–323 B.C. A Historical Biography (Berkeley 2012); P. Schäfer, Geschichte der Juden in der Antike. Die Juden Palästinas von Alexander dem Großen bis zur arabischen Eroberung (UTB 3366; Tübingen 2 2010); G.N. Knoppers, Aspects of Samaria’s Religious Culture During the Early Hellenistic Period: P.R. Davies & D.V. Edelman ed., The Historian and the Bible. Essays in Honour of Lester L. Grabbe (LBH.OTS 530; New York & London 2010) 159–174; A. Heckel et al. ed., Alexander the Great. A New History (Oxford 2009); P. Green, Alexander the Great and the Hellenistic Age (London 2007); J.H. Hayes and S.R. Mandell, The Jewish People in Classical Antiquity. From https://doi.org/10.1515/9783110411683-012 378 | Judentum und Hellenismus von Alexander dem Makedonen bis Salome Alexandra Alexander to Bar Kochba (Louisville, Kentucky 1998); J. Roisman ed., Alexander the Great. Ancient and Modern Perspectives (Lexington MA 1995); N.G.L. Hammond, The Macedonian State: Origins, Institutions and History (Oxford 1989); P. Högemann, Alexander der Große und Arabien (Zetemata 82; München 1985); G. Walser, Hellas und Iran (EdF 209; Darmstadt 1984); O. Murray, Das frühe Griechenland (dtv 4400; München 1982); H. van Thiel ed., Leben und Taten Alexanders von Makedonien. Der griechische Alexanderroman nach der Handschrift L (TzF 13; Darmstadt 1974; 21983); G. Veloudis, Alexander der Große. Ein alter Neugrieche (Mün- chen 1969); H. Bengtson ed., Griechen und Perser. Die Mittelmerwelt im Altertum I (FWG 5; Frankfurt 1965); K. Mann, Alexander. Roman der Utopie (Berlin 1929 / rororo 15141; Hamburg 1983); J.G. Droysen, Geschichte des Hellenismus Bd. I und II (21877 = Darmstadt 1980). Der Alexanderzug begründete eine neue, die ‚hellenistische‘ Welt, die sich von Südfrankreich, Rom und Süditalien über die Cyrenaika und Ägypten bis Pakis- tan erstreckte. Allerdings hatte er nur dort bleibende Folgen, wo er auf Struktu- ren traf und sie fortsetzen konnte, die sich in den Jahrhunderten zuvor heraus- gebildet hatten. Der Konflikt zwischen griechischem, ‚freiem‘ Westen und persischem, ‚despotischem‘ Osten (Herodot 1.1–5; Aischylos, Perser) ist ein ideologisches Konstrukt; in der Alexander-Propaganda ist der Makedone der neue Achilles, und diesmal erobert er Troja. Ökonomisch war der Aufstieg Grie- chenlands eine Folge des persischen (Welt-)Wirtschaftssystems, kulturell ist Griechenland als eine Randkultur des Alten Orients groß geworden – ugariti- sche Epen, Homer und die Sagen der Bibel verbindet mehr, als sie trennt. Aller- dings wurde die ‚Weltherrschaft‘, seit dem 3. Jahrtausend eine Wunschvorstel- lung von Pharaonen und ‚Königen der vier Himmelsrichtungen‘ in Mesopotamien, nun mit einer Effizienz Wirklichkeit, von der auch Assyrer und Perser noch nicht einmal träumen konnten. Der Vater Alexanders, Philipp II. (359–336 vC) verfügte über noch ergiebige- re Silberminen als einst Athen („Keine Mauer ist so hoch, dass ein mit Silber beladener Esel sie nicht übersteigen kann“. – „Zum Kriegführen braucht man drei Dinge: Geld, Geld und Geld“). Das makedonische Königtum war ein Häupt- lingstum: der König war der Volksversammlung verantwortlich. Erst Philipp II. schuf sich eine Hausmacht aus ritterlichen Lehnsträgern, erst Alexander lernte im ‚Orient‘ die Autokratie. Die Makedonen, deren Territorium heute auf die Republik Nordmazedonien (so der offizielle Name seit 2019) und die gleichna- mige griechische Provinz aufgeteilt ist, hielten sich selbst für Griechen, wäh- rend die griechischen Poleis sie als ‚Barbaren‘ verachteten. Das änderte sich schnell nach dem Erfolg der Makedonen. Aristoteles amtete eine Zeitlang als Alexanders Erzieher; ob dieser Sachverhalt dessen Megalomanie erklärt, sei dahingestellt. Durch die Schlacht von Chaironeia (338) ‚einte‘ Philipp die Grie- chen, indem er sie unterwarf und zugleich gegen die Perser mobilisierte (‚Rache Der Alexanderzug 336–323 und die Diadochen bis 301 vC | 379 für die Verwüstungen von 480‘, oder eher noch den Frieden von 387). Bei Chaironeia hatte sich gezeigt, dass die makedonische Phalanx mit ihren 6.30 m langen Lanzen (Sarissen) der griechischen Hopliten-Phalanx mit ihren Stoßlan- zen von etwas über 2 m überlegen war, also auch den Persern, deren Infanterie im Wesentlichen aus Hopliten bestand. Außerdem stand die makedonische Phalanx 16 Glieder tief, von denen die ersten 6 Glieder ihre Lanzen in Angriff wie Verteidigung gemeinsam und geschlossen zum Tragen brachten. Die Tiefe gab ihr in Angriff wie Verteidigung eine Trägheit, die weder leicht zu bremsen noch zu dislozieren war. Weiterhin hatten die Makedonen als erste eine in grö- ßeren Verbänden taktisch verwendbare Kavallerie. Die Vorhut war bereits unter Parmenion über den Hellespont gegangen (336 vC), als Philipp II. ermordet wurde. 335 unterwarf Alexander (noch einmal) die Nachbarn im Norden, Westen und Süden und zerstörte Theben. 334 marschierte er mit 5.600 Reitern (davon 600 Griechen) und 37.000 Infanteristen (davon 7.000 Griechen) in Kleinasien ein und schlug die kleinasiatischen Satrapen am Granikos. Beim Übergang von Kleinasien nach Syrien kam es bei Issos zur Schlacht gegen Dareios III. in Person, die der Perserkönig abbrach (vgl. das Alexander-Mosaik von Pompeji). Syrien-Palästina fiel Alexander kampflos zu mit der Ausnahme von Tyros und Gaza: Tyros wurde sieben Monate lang bela- gert, ein Damm vom Festland zur Insel aufgeschüttet, 332 gestürmt und völlig zerstört (Sach 9,1–8). Seitdem ist Tyros keine Insel mehr. Gaza widersetzte sich zwei Monate lang und wurde ebenfalls dem Erdboden gleichgemacht. In Mem- phis ließ Alexander sich zum Pharao krönen. 331 gründete er in Ägypten das bedeutendste aller Alexandreias (von insgesamt etwa 30), in der Oase Siwa ließ sich Alexander von Zeus Ammon adoptieren; seitdem erscheint er auf Münzen mit Widderhörnern. Im gleichen Jahr kam es bei Gaugamela (östlich des Tigris, nahe bei Ninive) zur Entscheidungsschlacht. Alexander hatte jetzt die Küste des Mittelmeeres endgültig verlassen. Der Besuch Alexanders in Jerusalem (Jos. ant. 11.8,4–7 §§ 321–345) ist Legende. Nach Gaugamela zerfiel das Perserreich, Dareios wurde auf seiner Flucht ermordet. Alexander musste die einzelnen Provinzen nun einzeln einsammeln. Oft wurden persische Satrapen oder Klientelkönige übernommen. In Babylon ließ er 331 den Marduk-Tempel wiedererrichten. In Susa wurden der persische Staatsschatz erbeutet (40.000 Talente Silber, 9.000 Dareiken = 216.270.000.000 SFR oder 190.317.600.000 Euro). Persepolis wurde verbrannt. In Ekbatana (Ha- madan) wurden die Griechen entlassen (die ‚Rache für 480‘ war vollzogen). Dafür beanspruchte Alexander das Erbe Dareios‘ und nahm jetzt persische Kon- tingente in sein Heer auf. 330–327 unterwarf er Iran und Afghanistan. Alexand- er ist neben Dschingis Khan der einzige Heerführer, der Afghanistan jemals 380 | Judentum und Hellenismus von Alexander dem Makedonen bis Salome Alexandra erobern konnte. In beiden Fällen haben nicht viele Afghanen ihre ‚Befriedung‘ überlebt. Alexander gründete dort das letzte/fernste Alexandria, Alexandria eschatê (ΑΛΕΞΑΝΔΡΕΙΑ ΕΣΧΑΤΗ, heute Chudschand in Tadschikistan) neben Alexandria in Aria (heute Herat) und Alexandria in Arachosien (heute Kandahar). 327 heiratet Alexander eine persische Gefangene, Roxane. 327–25 stiess er nach Indien vor (Pakistan). Alexander glaubt, er habe die Quellen des Nil erreicht. Die Makedonen meutern und erzwingen den Rückmarsch. 325 feiert eine Massen- hochzeit in Susa die makedonisch-persische Verbrüderung. Alexander benimmt sich endgültig als Großkönig, nicht mehr als makedonischer Stammesfürst. Welt- hauptstadt sollte einmal mehr Babylon werden. Von hier wollte er Arabien unter- werfen, starb aber vorher an Malaria, am Alkohol oder an beidem (323). Alexander an die Bewohner der Insel Chios nach deren ‚Befreiung‘ von den Persern. 333/2. Text: W. Dittenberger, Sylloge inscriptionum Graecarum (Leipzig 31915–1924) Nr. 283; Über- setzung: G. Pfohl ed., Griechische Inschriften als Zeugnisse des privaten und öffentlichen Lebens (München 1966 [ 2. Aufl. 2014]) 116–118 Nr. 107; vgl. auch K. Brodersen, W. Günther und H.H. Schmitt, Historische griechische Inschriften in Übersetzung, Bd. II: Spätklassik und früher Hellenismus (400–250 v. Chr.) (Texte zur Forschung 68; Darmstadt 1996) 56f Nr. 265. Während der Prytanie des Deisitheos von König Alexander an das Volk der Chier: Die Ver- bannten von Chios sollen alle zurückkehren, die Verfassung soll in Chios die Demokratie sein. Gewählt werden sollen Gesetzesschreiber, die die Gesetze aufzeichnen und in Ord- nung bringen sollen, damit nichts der Demokratie und der Rückkehr der Verbannten hinder- lich sei. Die geschaffenen oder aufgezeichneten Gesetze sollen Alexander vorgelegt werden … Wenn aber etwa Zwistigkeiten entstehen …, so sollen sie darüber bei uns die Entschei- dung einholen … Das persische Prinzip ‚Lokalautonomie gegen Reichsautorisation’ hat Alexander schon 333/2 übernommen und praktiziert. Hier zeichnet sich die Art der ‚Freiheit’ ab, die die hel- lenistischen Städte unter Ptolemäern, Seleukiden und Römern genießen sollten. Prytanie: Amt des höchsten gewählten Beamten in Chios, nach dem datiert wurde wie in Rom nach Konsulaten. Nach dem Tod Alexanders stritten sich seine Generäle um das Erbe (griech. Diadochen = Nachfolger). Gegenüber der zentralstaatlichen Partei unter der Führung von Antigonos Monophtalmos erwiesen sich die zentrifugalen Kräfte überlegen: Ptolemäus sicherte sich Ägypten, mit seiner Hilfe setzte sich Seleu- kos in Babylon fest (312). Dieses Datum wurde zum Ausgangspunkt der ersten ‚Ära‘, einer Datierung, die von einem einzigen Fixpunkt ausgeht, statt mit jedem neuen Herrscher wieder bei 1 anzufangen. Die seleukidische ‚Alexander-Ära‘ Der Alexanderzug 336–323 und die Diadochen bis 301 vC | 381 wurde vom Judentum bis ins ausgehende Mittelalter benutzt und erst dann durch die eigene ‚Schöpfungsära‘ ersetzt. Gegen Seleukos behauptete Ptole- mäus das vorderasiatische Glacis Ägyptens, d.h. Südsyrien und Israel/Palästina (301), wie die Pharaonen der 18. bis 20. Dynastie (1550–1070/69 vC), der 22. Dynastie (946/45- ca. 735 vC) und der 26. Dynastie (664–525 vC) vor ihm. Mit dem ägyptischen Ptolemäer-Reich und dem vorderasiatischen Seleukiden-Reich war die Grundkonstellation der altorientalischen Geschichte wiederhergestellt: die Bipolarität von Ägypten und Mesopotamien, die zwischen 716 und 323 zeit- weise außer Kraft gesetzt war. Zugleich waren 301 die Voraussetzungen dafür geschaffen, dass sich Seleukiden und Ptolemäer das nächste Jahrhundert um Südsyrien-Palästina schlagen würden (vgl. Appendix 5). Von den fünf ‚syrischen Kriegen‘ um den asiatischen Besitz Ägyptens im 3. Jh. (I 274–271; II 260–252; III 246–241; IV 219–217; V 202–195) zogen nur die beiden letzten das Land in Mitleidenschaft. Aber schon die ptolemäische Besitznahme Jerusalems erfolgte unfriedlich. Fl. Josephus (Jos. ant. 12.1.1 § 5–6) deutet einen Handstreich an einem Schabbat an (vgl. Sach 14,2?), doch der literarische Topos von den am Schabbat nicht kämpfenden Juden ist schon durch die in Jos 6 enthaltene Halacha widerlegt: von den 7 Tagen der Belage- rung muss einer ein Schabbat gewesen sein; doch scheint extremer Thora- Gehorsam im 2. Jh. diese Debatte erneuert zu haben, vgl. 1 Makk 2,32–41; 2 Makk 5,25–26. Ps 79 bezieht sich eher auf diese Eroberung Jerusalems als auf 586, denn damals blieb niemand in Jerusalem zurück, der dessen Verwüstung hätte beklagen können. Jerusalem verlor seine Autonomie nicht unmittelbar, Münzen des Hohenpriesters Hiskija (vgl. Jos. c. Ap. 1.22 § 186–189) wurden weiter ge- prägt. Doch bald darauf reduzierte die durchrationalisierte Zentralstaatlichkeit der Ptolemäer die bisherige Autonomie auf Kultusfreiheit. Damit war einerseits die Position des Hohenpriesters als höchster einheimischer Repräsentant der Judäer gesichert, aber das biblische Bodenrecht galt nicht mehr, wodurch Kon- flikte mit der neuen Kolonialmacht und ihren Nachfolgern vorprogrammiert waren. Wurde Esra-Neh oder zumindest Esra 1–6 zur Bewahrung der Privilegien gegenüber den neuen Machthabern verfasst? Nach der Einnahme von Tyrus (332) huldigte der jüdische Hohepriester Ale- xander bei Kfar Saba (= Aphek/Antipatris; bJom 69a). Die Samarier hingegen blieben Dareios treu und leisteten dem General Parmenion Widerstand (332). Damals oder nach einem Aufstandsversuch wurde die Stadt zerstört und als makedonische Kolonie von Perdikkas wiederaufgebaut (331 oder 329). Die Hort- funde samarischer Münzen und die Papyri vom Wādī d-Dāliye – ebenfalls ein versteckter ‚Hort‘, aber von Dokumenten – bezeugen den Untergang des achä- menidischen Samarien. Nach Fl. Josephus (ant. 11.8.2–4) war Manasse, der 382 | Judentum und Hellenismus von Alexander dem Makedonen bis Salome Alexandra Bruder des Hohenpriester Jaddua, mit Nikaso, der Tochter des samarischen Statthalters Sanballat verheiratet und floh wegen der Mischehen-Verfolgung aus Jerusalem. Als Alexander Tyrus belagert, verweigert Jerusalem ihm den Gehorsam, während Sanballat ihm mit Soldaten unterstützt und im Gegenzug für Manasse einen Tempel auf dem Garizim bauen darf. Dieser Roman, der lan- ge zur Datierung des ‚samaritanischen Schismas‘ diente, steht mehrfach im Widerspruch zur Geschichte, sowohl was das Verhalten der Eliten beider Pro- vinzen gegenüber Alexander betrifft als auch die Baugeschichte des Garizim- Tempels. Doch kondensiert der Manasse-Sanballat-Roman die Geschichte der nächsten 200 Jahre insofern zutreffend, als die Entmachtung der perserzeitli- chen Eliten in Judäa und Samaria infolge der makedonischen Eroberung der Ausgangspunkt einer Entwicklung ist, die von Judäern zu Juden, von Samariern zu Samaritanern führt, die je für sich – und nicht mehr gemeinsam – beanspru- chen, das ‚wahre Israel‘ zu sein. Aber man muss sich davor hüten, das Ergebnis einer Entwicklung in deren Anfänge zurückzuprojizieren. Wenn nach Josephus (ant. 12.1.1 § 10) Juden und Samaritaner im ptolemäischen Alexandrien darüber stritten, an welchen Tempel sie ihre Abgaben schicken wollten, müssen sie noch eine gemeinsame Gemeinde gebildet haben. Alexander konfrontierte den Alten Orient mit dem auf dem Boden der grie- chischen Aufklärung gewachsenen Bild vom ‚Menschen als Maß aller Dinge‘. Zuerst aktivierte sein Erscheinen und der Umsturz scheinbar aller hergebrach- ten Ordnung proto-apokalyptische Erwartungen (Sach 9,1–8) und hielt sie in der Folgezeit wach. Je mehr man aber über Alexander nachdenkt, desto mehr weicht die Faszination dem Grauen. „Dann wird ein Heldenkönig kommen; er herrscht mit großer Macht und tut, was er will“ sagt Dan 11,3 noch zurückhal- tend: er tut was er will – er respektiert nicht die gottgesetzten Grenzen von Erde und Meer, wie im Fall von Tyrus, das er durch einen (Belagerungs-)Damm aus einer Insel zu Festland verwandelt, vgl. Ps 104,9; Prov 8,29–30. Dan 7,7 nennt ihn nur noch „furchtbar und schrecklich und außerordentlich stark“. Dem Epi- log von 1 Makk 1,2–7 bleibt schließlich nichts hinzuzufügen: „Er führte viele Kriege, eroberte zahlreiche Festungen und ließ die Könige der Erde erschlagen; er kam bis an das Ende der Welt, plünderte viele Völker aus, und die ganze Erde lag ihm wehrlos zu Füßen. Da wurde sein Herz stolz und überheblich.“ Das dritte Jahrhundert vC: Israel/Palästina unter den Ptolemäern | 383 11.2 Das dritte Jahrhundert vC: Israel/Palästina unter den Ptolemäern H. Geva, Jerusalem’s Population in Antiquity: A Minimalist View: TA 41 (2014) 131–160; J.G. 1 Manning, The Last Pharaohs. Egypt under the Ptolemies (Princeton 2010); G. Weber ed., Alex- andria und das ptolemäische Ägypten. Kultubegegnungen in hellenistischer Zeit (Berlin 2010); L.L. Grabbe, A History of the Jews and Judaism in the Second Temple Period, II: The Coming of the Greeks. The Early Hellenistic Period (335–175 BCE) (London & New York 2008); P. McKech- nie & Ph. Guillaume ed., Ptolemy II Philadelphus and his World (Mnemosyne Suppl. 300; Lei- den/Boston 2008); M. Chaveau, Egypt in the Age of Cleopatra: History and Society under the Ptolemies (Ithaca NY 2000); G. Hölbl, Geschichte des Ptolemäerreiches. Politik, Ideologie und religiöse Kultur von Alexander dem Großen bis zur römischen Eroberung (Darmstadt 1994); W. Harris, War and Imperialism in Republican Rome 327–70 B.C. (Oxford 1979); M. Hengel, Juden, Griechen und Barbaren. Aspekte der Hellenisierung des Judentums in vorchristlicher Zeit (SBS 76; Stuttgart 1976). Während sich im Osten die Seleukiden von Antiochia und Damaskus bis Kabul als Nachfolger von Assyrern und Persern und die Ptolemäer von Tyros bis Tripo- lis und Assuan als Nachfolger der Pharaonen gegenüberstanden, zerfielen Kleinasien und Griechenland wieder in Klein- und Mittelstaaten, die Rom zu gegebener Zeit einsammeln würde. Rom kontrollierte um 300 nur Mittelitalien von Rom bis Neapel, brachte in den nächsten fünfzig Jahren ganz Italien unter seine Kontrolle und kollidierte mit den aus der phönizischen Kolonialisation hervorgegangenen Karthagern, die 238 das westliche Sizilien, Korsika und Sar- dinien an Rom abtreten mussten. Nach dem 1. Punischen Krieg war Rom die unbestrittene Vormacht im westlichen Mittelmeer und mit dem Beginn des 2. Jh. nach der faktischen Ausschaltung Karthagos im 2. Punischen Krieg bereit und willens, im Orient zu intervenieren. Die römische Republik im 3. und 2. Jh. vC ist ein Beispiel dafür, dass es für Imperialismus nicht unbedingt einen Imperator braucht. Indien und Afghanistan entglitten der seleukidischen Herrschaft sehr bald, aber nicht, ohne von den Griechen die Schriftsprache übernommen zu haben wie zuvor von ihren persischen Nachbarn das Aramäische. Die ältesten schrift- lichen Zeugnisse des Buddhismus sind die griechischen und aramäischen In- schriften des indischen Königs Aschoka (272/269–232/ vC), z.B. aus Kabul (SEG 20.326): Zweisprachiges Edikt des Königs Aschoka aus der Nähe von Kandahar. Um 260 vC. Griechischer Text: SEG 20.326; Text und Übersetzung: G. Pfohl ed., Griechische Inschriften als Zeugnisse des privaten und öffentlichen Lebens (München 1966 [22014]) 125–126. Nr. 384 | Judentum und Hellenismus von Alexander dem Makedonen bis Salome Alexandra 111; vgl. auch K. Brodersen, W. Günther und H.H. Schmitt, Historische griechische Inschrif- ten in Übersetzung, Bd. II: Spätklassik und früher Hellenismus (400–250 v. Chr.) (Texte zur Forschung 68; Darmstadt 1996) 121f Nr. 321; Editio princeps: G. Pugliese Carratelli, G. Levi della Vida, Un editto bilingue greco-aramaico di Aśoka. La prima iscrizione scoperta in Af- ghanistan (Serie orientale Roma; Roma 1958). Nachdem zehn Jahre vergangen waren, zeigte der König Piodasses den Menschen die Frömmigkeit und seitdem machte er die Menschen frommer und alles blüht auf der ganzen Erde und der König enthält sich (des Fleisches) von Lebewesen und die übrigen Menschen und alle Jäger oder Fischer des Königs haben aufgehört zu jagen und die Unbeherrschten haben von ihrer Zügellosigkeit abgelassen soweit sie es fertigbringen und sie sind gehor- sam geworden dem Vater und der Mutter und den älteren Leuten im Gegensatz zu früher und in Zukunft werden sie besser und günstiger in allem leben, wenn sie das tun. Die Ptolemäer setzten in Ägypten die zentralistische Herrschaft der Pharaonen fort und perfektionierten sie mit griechischer Rationalität und Effizienz. Der Staat galt als Privatbesitz des Königs, der aus diesem ‚Haushalt’ (= Unterneh- men) den größtmöglichen Gewinn (Profit, hebr. ‫ יתרון‬yitron) herausschlagen wollte. Es gab Kopfsteuer, Grundsteuer (zuzüglich Pacht für Bauern auf Königs- land), staatliche Monopole und Verbrauchssteuern (Salzsteuer) und außerge- wöhnliche Steuern (z. B. eine ‚Freudensteuer‘, wenn der König zu Besuch kam). Eine derart hohe Steuerquote (60% und mehr nach weniger als 5% im 9. und 8. Jh., und weniger als 16% unter den Persern) war nur möglich durch gesteiger- te Produktion. Das führte zu einer gegenüber früher unerhört erhöhten Über- schussproduktion, die den mediterranen Handel beflügelte. Der persische ‚Su- ez-Kanal‘ wurde um 270 als Nil-Rotmeer-Kanal wiederbelebt, auf dem Roten Meer machten die Ptolemäer dem arabischen Karawanenhandel Konkurrenz. Die Wirtschaft wurde nun vollständig monetarisiert, indem die Ptolemäer den bisherigen Gold- und Silbermünzen Kupfer-Kleingeld hinzufügten. Die Könige der Dynastie hießen alle Ptolemaios (modern von I bis XIII durchgezählt), die Königinnen meistens Kleopatra (von I bis VII; die berühmteste ist die letzte). In der Antike wurden die Ptolemaioi durch Beinamen unterschieden: Philadelphos ‚der geschwisterliebende‘ (II, 282–246), Euergetes ‚der Wohltäter‘ (III, 24 –221), Philopator ‚der vaterliebende‘ (IV, 221–204) und Epiphanes ‚der erschienene (Gott)‘ (204–180). Amtssprache des Staates war griechisch, die staatstragende Schicht waren griechische und makedonische Verwaltungsbeamte und Soldaten mit ihren Familien. Ab dem 2. Jh. konnten einheimische Ägypter aufsteigen, wenn sie sich hellenisierten. Die Königsfamilie heiratete zunehmend unter sich, der Kronprinz die eigene Schwester. Das Janusgesicht des Hellenismus – die griechische Spra- che und Kultur ergänzte die lokalen Traditionen, aber verdrängte sie nicht – Das dritte Jahrhundert vC: Israel/Palästina unter den Ptolemäern | 385 zeigt sich in der Fortführung der ägyptischen Sprache und Schrift mindestens im kultischen Bereich, der Fortführung einheimischer Tempel-Architektur und Sakral-Kunst, und dem Synkretismus (Zeus-Ammon und Sarapis < Osiris-Apis), andererseits in der Übersetzung ägyptischer Überlieferungen ins Griechische durch gebildete Ägypter, z.B. Manetho, dem die Welt die Einteilung der Ge- schichte des vorhellenistischen Ägypten in 30 Dynastien verdankt. In Palästina blieb Aramäisch die überregionale/intertribale Verkehrssprache, während ‚zu Hause‘, im eigenen Stamm oder Dorf, weiterhin mindestens, wenn nicht über- wiegend auch Phönizisch, Hebräisch oder Arabisch gesprochen wurde. Ale- xandria (ad Aegyptum) wurde die erste Großstadt der Welt, in der Griechen, Juden und ‚Barbaren‘ mit- und nebeneinander lebten. Die Bibliothek sammelte das gesamte Wissen der Antike (48 vC von Julius Caesar als ‚Kollateralschaden‘ in römischen Bürgerkrieg und endgültig 391 nC von einem christlichen Mob verbrannt). Hier blühte schon im 3. Jh. vC eine griechisch-sprechende jüdische Gemeinde, die damit begann, das AT ins Griechische zu übersetzen. Die religiöse Autonomie der persischen Provinz Judäa wurde von Pto- lemaios I. und seinen Nachfolgern anerkannt, die politisch-rechtliche Autono- mie nicht. Anders als im Perserreich war den Einheimischen der Aufstieg zu politisch einflussreichen Positionen versagt (es sei denn, man wurde ‚Hellene‘ – aber das war im 3. Jh. noch keine Option). Die judäische Elite war politisch mar- ginalisiert (Kohelet). Wirtschaftlich nahm sie am allgemeinen Aufschwung von Produktion und Handel teil, und partizipierte an Luxus und Lebensfreude der Zeit (Hoheslied). Der einzige ‚Verwaltungsposten‘, der den Einheimischen of- fenstand, war der des Steuerpächters (der ‚Zöllner‘ des Neuen Testaments). Der Steuerpächter schoss dem Staat den Steuerertrag eines mehr oder weniger gro- ßen Distrikts vor und hielt sich dann an den Steuerpflichtigen schadlos. Man musste bereits reich sein, um sich zu bewerben, und wurde in Ausübung dieses Geschäfts noch reicher. Es ist verständlich, dass diese ‚Kollaborateure‘ bei der Bevölkerung, die nun im Gegensatz zur Königszeit und Perserzeit wirklich er- fuhr, was ‚Ausbeutung‘ bedeutet, unbeliebt waren. Es scheint, als sei im 3. Jh. die Kluft zwischen prosperierender Oberschicht und der zunehmend belasteten Mittel- und bäuerlicher Unterschicht gewachsen. Obwohl die Ptolemäer die effizienteste Verwaltung einführten, die der Vordere Orient bislang gesehen hatte, war Widerstand möglich, wenn Grundherren und ihre Pächter zusam- menstanden: Ein Brief aus dem Zenon-Archiv. 5. April 258 vC. Text: V.A. Tcherikover & A. Fuks, Corpus Papyrorum Judaicarum I (Jerusalem & Cambridge, Mass. 1957) 129.6. 386 | Judentum und Hellenismus von Alexander dem Makedonen bis Salome Alexandra Alexandros an Oryas, Gruß. Ich habe deinen Brief erhalten mit der Beilage der Kopie des Briefes, den Zenon an Jeddous geschrieben hat des Inhalts, dass, falls er nicht das [ge- schuldete] Geld Zenons Agenten Straton übergeben würde, er ihm [Straton] das Pfand aus- händigen sollte. Mir ging es nicht gut, weil ich eine Medizin genommen hatte, deshalb schickte ich mit Straton einen unserer jungen Männer, und schrieb Jeddous einen Brief. Als sie zurückkamen, sagten sie, dass er mein Schreiben unbeachtet ließ, sie hingegen ange- griffen und aus dem Dorf geworfen habe. Deshalb schreibe ich dir. Leb wohl! Zenon war ein Agent des ptolemäischen Finanzministers, dessen Archiv im Fayyum gefun- den wurde. Er bereiste 259 Israel/Palästina. Hier geht es um einen gescheiterten Versuch, eine Grundschuld (wahrscheinlich in Idumäa) einzutreiben. ΙΕΔΔΟΥΣ ist ‫ ידוע‬Yaddúaʿ, ein in dieser Zeit häufiger jüdischer Name. Eine Hellenisierungspolitik auf breiter Basis betrieben die Ptolemäer im 3. Jh. noch nicht (anders als dann die Seleukiden im 2. Jh.). Griechischkenntnisse dürften sich auf den allerengsten Kreis der Elite in Jerusalem beschränkt haben. Als interregionale Verkehrssprache diente weiter das Aramäische. Nur wenige, handelsstrategisch wichtige Städte wurden von den Ptolemäern in den Rang einer Polis erhoben: Akko-Ptolemais und Amman-Philadelphia. Weitere Orte wurden durch die Ansiedlung von Veteranen hellenisiert, erhielten aber noch nicht das Stadtrecht: Philoteria/Ḫirbet el-Kerak am See Genesaret, Gadara, Ge- rasa, Pella, Skythopolis/Bet-Schean, Samaria. 1 E. Ben Zvi, ‚The Prophets’ – References to generic prophets and their role in the construction of the image of the ‚prophets of old’ within the postmonarchic readership/s of the Books of Kings: ZAW 116 (2004) 555–567; E.A. Knauf, Der Kanon und die Bibeln. Die Geschichte vom Sammeln heiliger Schriften: BiKi 57 (2002) 193–198; S.B. Chapman, The Law and the Prophets. A Study in Old Testament Canon Formation (FAT 27; Tübingen 2000); R.G. Kratz, Die Redaktion der Prophetenbücher: id. & T. Krüger ed., Rezeption und Auslegung im Alten Testament und in seinem Umfeld. Ein Symposion aus Anlass des 60. Geburtstags von Odil Hannes Steck (OBO 153; Freiburg/CH & Göttingen 1997) 9–27; E. Bosshard-Nepustil, Rezeptionen von Jesaja 1–39 im Zwölfprophetenbuch (OBO 14; Freiburg/CH und Göttingen 1997); E.A. Knauf, Die Mitte des Alten Testaments: M. Weippert & S. Timm ed., Meilenstein (FS Herbert Donner = ÄAT 30; Wies- baden 1995) 79–86; O.H. Steck, Der Abschluß der Prophetie im Alten Testament. Ein Versuch zur Frage der Vorgeschichte des Kanons (BThSt 17; Neukirchen 1991). Die Erschütterungen durch Alexander haben im Propheten-Kanon noch ihre Spuren hinterlassen, z.B. in Deutero-Sacharja (Sach 9–11), der Wechsel von ptolemäischer zu seleukidischer Herrschaft 201/198 offensichtlich nicht mehr, obwohl er anfangs in Jerusalem mit Begeisterung aufgenommen wurde. Die Samaritaner haben den Prophetenkanon nicht mehr übernommen, dieser nimmt, anders als die Thora, auf die samari(tani)schen Positionen keine Rück- Das dritte Jahrhundert vC: Israel/Palästina unter den Ptolemäern | 387 sicht mehr. Auch das Buch Daniel (Endredaktion 168–165 vC) steht in der Heb- räischen Bibel nicht mehr unter den Propheten. Das spricht für einen Abschluss dieses Kanonteils im 3. Jh., was eine leichte Überarbeitung in der zweiten Hälfte des 2. Jh. nicht ausschließt (z. B. JerMT). Aber in Alexandria wurde im 3. Jh. nur die Thora ins Griechische übersetzt, die Propheten folgten erst im Laufe des 2. Jh. Der Propheten-Kanon war im 3. Jh. also abgeschlossen, aber noch in der Bibliothek des Zweiten Tempels unter Verschluss und außerhalb des recht klei- nen Kreises der Tempelschüler unbekannt. Erst jetzt wurden wohl Ri und Ez an zweiter bzw. zweitletzter Stelle in die Propheten-Sequenz eingefügt; die Kerne der Bücher sind älter. Ri kommt den antiquarischen Interessen der Zeit entge- gen und schafft durch die Verbindung der Chronologien des Hexateuch (von Gen 1,1 bis Jos 24,29) und 1 Sam bis 2 Kön die Grundlage für die jüdische ‚Schöp- fungsära‘. Ezechiel konnte erst ab 332, der Eroberung von Tyrus durch Alexand- er, als ‚wahrer Prophet‘ gelten (vgl. Dtn 18,21–22). Das ‚Zehnprophetenbuch‘ wurde um Jona bereichert, die Komödie nach all diesen Tragödien, und darum Quarto-Sacharja als ‚Maleachi‘ abgetrennt (wer würde ein ‚Elfprophetenbuch‘ kaufen?). Der Prophetenkanon stellt einerseits eine Domestizierung apokalypti- scher Hoffnungen dar, die im Gefolge des Alexanderzuges auflebten und in der Zeit der ptolemäischen Erstarrung festgeschrieben wurden (z. B. Jes 24–27, die Jesaja-Apokalypse). Als ganzer ist der Prophetenkanon von der D-Gruppe domi- niert. Nach dem Zusammenbruch der Perserherrschaft war die P-Gruppe (die persisch-loyale Aristokratie) desavouiert und unter den Ptolemäern politisch marginalisiert. Sie musste einstweilen das Feld der ehemaligen Opposition überlassen. Anti-deuteronomistische Theologie findet sich in den Propheten vor allem im Buch Jona, aber auch in den vor-D Schichten des Buches Jeremija und besonders der ‚frühen Prophetenredaktion’ in 1 Kön 17–19; 2 Kön 2*. Aus der P- Partei werden langsam die Sadduzäer, aus der D-Partei die Pharisäer. Aus sa- dduzäischer Sicht wird in den Propheten nichts verheißen, was nicht in der Thora und den Propheten (oder durch sie) zugleich erfüllt worden ist; aus pha- risäischer Perspektive weisen die Propheten auf die Neu-Schöpfung einer ‚Zu- künftigen Welt‘ hin ‫ העולם הבא‬ha-ʿolam ha-baʾ. M. Gerhards, Das Hohelied. Studien zu seiner literarischen Gestalt und theologischen Bedeu- 1 tung (ABG 35; Leipzig 2010); A.C. Hagedorn, Of foxes and vineyards. Greek perspectives on the song of songs: VT 53 (2003) 337–352; A. Bühlmann, La structure logique du livre de Qohélet ou comment être sage sous les Ptolémées? (BNB 12; München 2000); A. de Pury, Qohélét et le canon des Ketubim: RThPh 131 (1999) 163–198; T. Krüger, Kritische Weisheit. Studien zur weisheitlichen Traditionskritik im Alten Testament (Zürich 1997); ders., ‚Wertvoller als Weisheit und Ehre ist wenig Torheit‘ (Kohelet 10,1): BN 89 (1997), 2–75; L. Schwienhorst-Schönberger, ‚Nicht im Menschen gründet das Glück‘ (Koh 2,24). Kohelet im Spannungsfeld jüdischer Weis- 388 | Judentum und Hellenismus von Alexander dem Makedonen bis Salome Alexandra heit und hellenistischer Philosophie (HBS 2; Freiburg 1994); E.A. Knauf, Die Braut im Hohen- lied: G. Völger / K. von Welck eds., Geliebt – verkauft – getauscht – geraubt. Die Rolle der Frau im Kulturvergleich. Materialband zur Ausstellung im Rautenstrauch-Joest-Museum, 16. Juli–13. Oktober 1985 (Köln 1985) 128–132. 841; H.-P. Müller, Die lyrische Reproduktion des Mythi- schen im Hohenlied: ZThK 73 (1976) 23–41. Es ist bezeichnend, dass sich die P-Schule (die sadduzäische Partei) im 3. Jh. in Werken äußerte, die erst im dritten Teil des Kanon Aufnahme fanden (70–100 nC), im 3. Jh. vC jedoch sozusagen ‚privaten‘ Status hatten: Qoh und Hld. Beide Schriften sind überdies in Syntax und Semantik reines Mittelhebräisch. Das Hohelied ist eine Sammlung von Liebesliedern, von denen einige Fragmente durchaus älter sein können, das als Sammlung aber so etwas wie eine ‚systema- tische Philosophie der Liebe‘ darstellt und damit die Jerusalemer Antwort auf Platons ‚Symposion‘ – Hld ist eine Weisheitsschrift, die angemessen eben nur in lyrischer Form möglich ist. Es reflektiert den Luxus der Jerusalemer Ober- schicht, den sie sich aufgrund wachsenden Reichtums und mangels einer ver- antwortlichen Beschäftigung leisten kann (Hirten- und Königs-Travestie). Seine philosophische Tiefe ist aber nicht zu unterschätzen: es findet die einzige sinn- volle innerweltliche Antwort auf Ijobs und Qohelets Frage nach der Sinnhaf- tigkeit des Lebens angesichts des Todes (8,6). Typisch für das 3. Jh. ist neben der Sprache die (altorientalische) Bildlichkeit; typisch hellenistisch ist die Bu- kolik und vor allen die ‚theomorphe Steigerung des Menschlichen‘ (H.-P. Mül- ler): Geliebte und Geliebter spielen Götter. Qohelet ist der erste jüdische Philosoph. Seine Welt ist die der ptolemäi- schen Profitmaximierung (hebr. yitron; vgl. 10,19). Die überkommene Weisheit wird kritisch befragt und empirisch auf ihre Gültigkeit geprüft. Koh ist der erste biblische Autor, der ‚Ich‘ sagt und das empirische Falsifikationsprinzip anwen- det. Seine Skepsis reflektiert seine hohe Bildung ebenso wie seine praktisch- politische Randständigkeit. Seine nach-klassische hebräische Sprache zeigt ein Interesse des Verfassers an Breitenbildung (betrieb Koh eine Privatschule?). Das griechische Denken wird ‚biblisch‘ akkulturiert. Koh war zweifellos Sadduzäer; er vertritt eine Schöpfungsordnungstheologie, ist aber im Gegensatz zu Gen 1 ein Erkenntnispessimist. Von der nationalreligiösen Position der D-Schule hält er nichts (7,10), von der ‚neuen Schöpfung‘ der proto-apokalyptisch geworde- nen Prophetie auch nichts (1,9 u.ö.). Darüber hinaus ist er misogyn (7,26–28). Dennoch kann man Koh als Theorie zur Praxis lesen, die das Hld beschreibt (3,12–13; 8,15; 9,7–10). 1 I. Finkelstein, Hasmonean Realities behind Ezra, Nehemiah, and Chronicles. Archaeological and Historical Perspectives (Ancient Israel and Its Literature 34; Atlanta 2018); H.-P. Mathys, Das dritte Jahrhundert vC: Israel/Palästina unter den Ptolemäern | 389 Chronikbücher und hellenistischer Zeitgeist: id., Vom Anfang und vom Ende. Fünf alttestesta- mentliche Studien (BEATAJ 47; Frankfurt 2000) 41–155; G. Steins, Die Bücher der Chronik als Schule der Bibellektüre: Bibel und Liturgie 69 (1996) 36–40; 105–109; 166–170; id., Die Chro- nik als kanonisches Abschlussphänomen (BBB 93; Weinheim 1995); S. Japhet, The Relations- hip between Chronicles and Esra-Nehemia: VT.S 43 (1991) 298–313; P. Welten, Geschichte und Geschichtsdarstellung in den Chronikbüchern (WMANT 42; Neukirchen-Vluyn 1973); Th. Willi, Die Chronik als Auslegung (FRLANT 106; Göttingen 1972). 1–2 Chr sind eine auslegende Nacherzählung der ‚Historie‘ in Gen 1–2 Kön 25; dabei wird Gen 1–2 Sam 1 auf die Genealogien 1 Chr 1–9 verkürzt. Aus der P- Schule stammt die ‚Listentechnik‘, die Unterdrückung der kriegerischen Land- nahme unter Josua, und Esra/Neh als ‚Abschluss‘ der Geschichte Israels. 1–2 Chr setzten aber Esra/Nehemia voraus, ein ‚chronistisches Geschichtswerk‘ gibt es nicht bzw. erst sekundär. Die Kanonizität des Prophetenkanons wird voraus- gesetzt und akzeptiert. Hellenistisch sind an Chr: (a) Ausrüstung, Einteilung und Stärke der judäischen Armeen; (b) der Königshof als Großunternehmen (1 Chr 27); (c) die Auffassung, es handele sich bei Thora und Propheten um ‚Geschichte‘. Die ‚Propheten‘ werden jetzt zu göttlich inspirierten Historiographen. Damit markiert Chr ein bis heute folgenschweres hellenistisches Missverständnis der vor-hellenistischen Bibel: aus dem genitivus objectivus ‚Thora des Moses‘ wird ein genitivus subjectivus, aus dem vor-hellenistischen ‚Buch über den Prophe- ten Jesaja‘ wird ein Buch, dass der ‚Prophet Jesaja‘ verfasst haben soll. Als ge- glättete und ‚gereinigte‘ Neufassung der Quellen Gen–2 Kön gibt sich Chr als Schulbuch für den Anfängerunterricht des 3. Jh. zu erkennen, in dem David faktisch zum Gründer der Tempelschule (und –musik) wird. Die Kanonisierung von Sam-Kön im 3./2. Jh. erfolgte unter einem von Chr angeleitetem Verständnis des Werkes, auch wenn Chr als dessen Auslegung erst im 1. Jh. nC selbst kano- nisch wurde. Wie die hellenistisch-jüdischen Historiker des 3. und 2. Jh. vC dient die Chronik der Selbstbehauptung des Judentums in der hellenistischen Welt, aber auf hebräisch. Die Rekonstruktion des davidischen Hofes nach dem Modell des ptolemäischen Hofes spricht für eine Grundschicht noch aus dem 3. Jh., doch muss es noch Überarbeitungen bis zum Ende des 2. Jh. gegeben haben (I. Finkelstein). E. Zenger ed., The Composition of the Book of Psalms (BETL 238; Leuven 2010); id., Der Psalter 1 als Buch. Beobachtungen zu seiner Entstehung, Komposition und Funktion: E. Zenger ed., Der Psalter in Judentum und Christentum (HBS 18; Freiburg 1998), 1- 7; B. Janowski, Die ‚Kleine Biblia’. Zur Bedeutung der Psalmen für eine Theologie des Alten Testaments: ibid., 381–420; 390 | Judentum und Hellenismus von Alexander dem Makedonen bis Salome Alexandra R.G. Kratz, Die Thora Davids: Psalm 1 und die doxologische Fünfteilung des Psalters: ZThK 93 (1996) 1–34; M. Kleer, ‚Der liebliche Sänger der Psalmen Israels’. Untersuchungen zu David als Dichter und Beter der Psalmen (BBB 108; Bodenheim 1996); C. Levin, Das Gebetbuch der Ge- rechten. Literargeschichtliche Beobachtungen am Psalter: ZThK 90 (1993) 355–381. Ein Psalter ist etwas anderes als die beliebige Aneinanderreihung einzelner Psalmen – er ist eine programmatische theologische Komposition. Wenn Salo- mo im 3. Jh. zum ‚Propheten‘, d.h. zum inspirierten Autor wurde (vgl. Koh, Hld), verdient diese Ehre sein Vater erst recht. Aus Sauls Hofmusikanten einen Psal- mensänger zu machen, legte das ihm (spätestens seit dem 9. Jh.) zugeschriebe- ne Klage- und Liebeslied auf (Saul und) Jonatan nahe (2 Sam 1,17–27). Da die D- Trägerkreise der nationalreligiösen David-Tradition in persischer Zeit der Oppo- sition angehörten, werden sie bereits damals das Bild von David als leidendem und verfolgtem Gerechten entwickelt (Ps 3; 7; 18; 34) und individuelle Klage- wie Danklieder auf ihn übertragen haben. Mit der Desavouierung der vormals regierenden P-Partei unter den Ptolemäern war der Weg frei für die Aufnahme der ersten David-Sammlung in die Schulbücher des Zweiten Tempels. Das Ver- hältnis des Ersten David-Psalters (Ps 3–41) zum David-Bild von Chr ist wohl die Frage nach dem Huhn und dem Ei. 1 E.A. Knauf, Salome Alexandra and the Final Redaction of Psalms: lectio difficilior 2009/2, 17 (www.lectio.unibe.ch/09_2/knauf_salome_alexandra.html); A. & D.J. Wasserstein, The Legend of the Septuagint: From Classical Antiquity to Today (Cambridge 2006); M. Müller, The First Bible of the Church: A Plea for the Septuagint (JSOT.S 206; Sheffield 1996); S. Honigman, The Septuagint and Homeric Scholarship in Alexandria. A Study in the Narrative of the ‚Letter of Aristeas’ (London 2003); M. Hengel, The Septuagint as Christian Scripture: Its Pre-History and the Problem of its Canon (Edinburgh 2002) ; id. ed., Die Septuaginta zwischen Judentum und Christentum (WUNT 72; Tübingen 1994). Die Juden Alexandrias begannen wahrscheinlich schon unter Ptolemaios II. (282–246) die Thora ins Griechische zu übersetzen. Dabei kann durchaus ein königliches Interesse beteiligt sein, die Überlieferungen auch dieses Teils der eigenen Untertanen (vgl. für die Ägypter Manetho) in der eigenen Bibliothek zur Verfügung zu haben (das wäre das fundamentum in re des Aristeasbriefes, JSchrHRZ II/1; Jos. ant. 12.2.1–15 § 11–118). Nach der Legende waren an dem Werk 72 judäische Übersetzer beteiligt, sechs aus jedem der fiktiven ‚zwölf Stämme‘ (immerhin wären dann auch Samarier dabeigewesen) – daher der Name ‚Septuaginta‘ und das Siglum LXX. Nach dem linguistischen Befund wa- ren die Übersetzer alexandrinische Juden, die schon einmal auf das Aramäische zurückgriffen, wo ihr Hebräisch nicht ausreichte. Bis 130 vC waren auch die Antiochos III. und der Hellenismus | 391 Propheten und Schriften (soweit sie schon vorlagen) übersetzt (vgl. den Sirach- Prolog der LXX). Der Psalter der LXX wurde wohl in Jerusalem übersetzt, aber erst unter Salome Alexandra, ebenso Ester. Mit der LXX hat die Bibel bereits in vorchristlicher Zeit sprachlich, wenn auch noch nicht verbreitungsmäßig die Welt der ‚Heiden’ erreicht. Alle vorliegenden Codices der LXX sind erst christ- lich, weswegen wir über Umfang und Bücherfolge der jüdischen LXX im 3. Jh. vC bis 1. Jh. nC nichts wissen. Trotzdem sind die in ihr bewahrten deuterokano- nischen Schriften (biblische Bücher, die im rabbinischen Kanon fehlen) genuin antik-jüdische Literatur, die man historisch wie theologisch nur zum Nachteil der Kontinuität zwischen AT und NT ignoriert. In einzelnen Fällen (Jer und Ez*, Jos–2 Kön) hat die LXX eine ältere Textform übersetzt als jetzt hebräisch vor- liegt. Aus dem Lebens-und Verhaltens-Kanon der Hebräischen Bibel mit seiner zweifachen Abstufung (Thora-Propheten-Schriften) wird in der LXX, zumindest in ihrer christlichen Rezeption, ein Bildungskanon: Geschichte – Lehre – Pro- phetie (wie Homer – Philosophen – Tragiker?). Vorchristlich war die LXX (wie die Hebräische Bibel) kein Buch, sondern eine Sammlung von einzelnen Rollen, was mögliche Anordnungen weiter relativiert. Die Redaktionsgeschichte der LXX ist chaotisch, Versuche ihrer kritischen Ausgabe kommen nur mühsam voran. Mit den bisherigen Ausgaben ist es nicht möglich festzustellen, welches ‚Alte Testament‘ (oder eher welche Alten Testamente) die Autoren des Neuen Testaments lasen oder hätten lesen können (siehe Appendix 6). 11.3 Antiochos III. und der Hellenismus Schäfer (22010) 31–42; – B. Dreyer & P.F. Mittag, Lokale Eliten und hellenistische Könige. 1 Zwischen Kooperation und Konfrontation (Oikumene 8; Berlin 2011); R. Bloch, Moses und der Mythos. Die Auseinandersetzung mit der griechischen Mythologie bei jüdisch-hellenistischen Autoren (JSJ.S 145; Leiden 2011); S. Carlsson, Hellenistic Democracies. Freedom, Independence and Political Procedure in some East Greek City States (Historia Einzelschriften 206; Stuttgart 2010); J.D. Grainger, The Syrian Wars (Mnemosyne Suppl. 320; Leiden 2010); B. Dreyer, Die römische Nobilitätsherrschaft und Antiochos III. (205–188 v. Chr.) (Frankfurter althistorische Beiträge 11; Hennef 2007); K. Brodersen, W. Günther und H.H. Schmitt, Historische griechische Inschriften in Übersetzung. Bd. III: Der griechische Osten und Rom (250–1 v. Chr.) (Darmstadt 1999); S. Sherwin-White & A. Kuhrt, From Samarkhand to Sardis: A New Approach to the Seleu- cid Empire (Berkeley 1993); M. Hengel, Judentum und Hellenismus. Studien zu ihrer Begeg- nung unter besonderer Berücksichtigung Palästinas bis zur Mitte des 2. Jh.s v. Chr. (WUNT 10; Tübingen 1969, 31988); K. Raaflaub, Die Entdeckung der Freiheit. Zur historischen Semantik und Gesellschaftsgeschichte eines politischen Grundbegriffes der Griechen (München 1985); D. Haynes, Griechische Kunst und die Entdeckung der Freiheit (1981; dt. Mainz 1982); J.A. Fitzmyer, The Phases of the Aramaic Language: id., A Wandering Aramaean. Collected Aramaic Essays (Chico 1979) 57–84; E.Y. Kutscher, Aramaic: Current Trends in Linguistics 6 (1971) 347– 392 | Judentum und Hellenismus von Alexander dem Makedonen bis Salome Alexandra 412 = id., Hebrew and Aramaic Studies (Jerusalem 1977) 90–155; H.H. Schmitt, Untersuchun- gen zur Geschichte Antiochos' des Großen und seiner Zeit (Historia Einzelschriften 6; Wiesba- den 1964); V. Tscherikover, Die hellenistischen Städtegründungen von Alexander d. Gr. bis auf die Römerzeit (Philologus Suppl. 19,1; Leipzig 1927). Als Antiochos III. (223–187) 200 vC de facto und 198 de iure Südsyrien und Isra- el/Palästina den Ptolemäern abnahm, hatte er die seleukidische Herrschaft 223– 213 in Kleinasien und 212–204 im Osten bis an die Grenzen Indiens wiederherge- stellt. Er befand sich auf dem Höhepunkt seiner Macht, als er 196–194 weiter nach Thrakien vorstieß. Gleichzeitig expandierte Rom nach dem Sieg über Kar- thago im 2. Punischen Krieg nach Osten. Der Zusammenstoß war unvermeid- lich, den Antiochos 190/189 vC bei Magnesia verlor. Der Frieden von Apamea 188 vC war der Anfang vom Ende des Seleukidenreiches: Antiochos verlor ganz Kleinasien, alle Kriegselefanten, den größten Teil seiner Flotte und musste eine Kriegsentschädigung von 12.000 Talenten zahlen (= 1.296.000.000.000 SFR bzw. 1.142.600.000.000 Euro). Die Finanzkrise des Seleukidenreiches war von da an chronisch, nach zwei Generationen war der Zerfall nicht mehr aufzuhal- ten. Die ‚Hellenisierung des Judentums’ setzte mit dem Beginn des 2. Jh. erst richtig ein, und sie stand bereits im Schatten Roms. Höhepunkt des ‚Hellenis- mus‘ im Vorderen Orient war das mit der Regierung des Kaisers Hadrian (117– 138 nC) einsetzende saeculum aureum, ein starkes Nachbeben gab es im 5. und 6. Jh. nC unter den christlichen Imperatoren der Spätantike. Die Seleukiden und besonders Antiochos III. setzen die persische Politik der Lokalautonomie ihrer Untertanengebiete (Städte, Völker) unter dem Reichsgott Zeus Olympios fort. Der König beanspruchte allerdings, sowohl vom (vergött- lichten) Alexander wie Apollo abzustammen. Nach der Eroberung von Jerusa- lem erließ er der Stadt (!) einen Teil der Steuern (200 Talente statt 300 = wahr- scheinlich 1.080.000.000 SFR = 952.020.000 Euro statt 1.620.000.000 SFR = 1.428.030.000 Euro), zahlte (wie die Achämeniden!) einen Beitrag zum Tempel- kult, gewährte dem Kultpersonal Steuerfreiheit und erließ das Edikt „Alle, die zum Volk gehören, sollen gemäß den väterlichen Gesetzen als Bürger leben“ (Jos. Ant. 12.3.3 § 141–144). Diese Angaben des im Allgemeinen mit großer Skep- sis zu lesenden Josephus entsprechen dem Verhalten des Antiochos gegenüber anderen kriegsgeschädigten Städten, z.B. Sardis 213 vC (Brodersen et al. 1999, S. 32 Nr. 425), Herakleia am Latmos 198 vC (ibid. S. 59 Nr. 451). Das ‚Antiochos- Edikt’ implizierte nach jüdischem Verständnis, dass die Thora nicht nur als Religionsurkunde (wie unter den Ptolemäern), sondern auch als Grundgesetz und Zivilrecht der Provinz Judäa anerkannt würde (wie unter den Achämeni- den). Der Begriff des ‚Bürgers‘ enthielt aber Sprengstoff, denn er setzte nach Antiochos III. und der Hellenismus | 393 griechischer Auffassung voraus, dass sich Jerusalem in eine Polis verwandelte. Anders als die Ptolemäer im 3. Jh. ‚gründeten‘ die Seleukiden zahlreiche Städte (wie ihr ‚Vorfahr‘ Alexander), d.h. sie erhoben bestehende orientalische Städte in den Rang einer Polis mit Selbstverwaltung und Münzrecht, insofern diese bereit waren, die kulturellen (und kultischen) Institutionen einer Polis einzu- führen – die Fortsetzung der achämenidischen Autonomie-Politik mit hellenis- tischen Mitteln. Anders als die Ptolemäer förderten die Seleukiden die Helleni- sierung ihrer Untertanen. Kulturgeschichtlich kann man den Hellenismus in Palästina mit dem Jahre 200 beginnen lassen. Jetzt wird Aramäisch als suprare- gionale Schriftsprache teilweise vom Griechischen abgelöst, bleibt aber regional in verschiedenen Ausprägungen im Gebrauch, besonders bei Juden und Ara- bern; freilich entwickelten sich die aramäischen Dialekte von nun an auseinan- der. Zur Erinnerung: So einschneidend die Hellenisierung des östlichen Mittel- merraumes gerade in der Mentalitätsgeschichte Israels ist, so wenig ist hier zusammengekommen, was nicht von Anfang an zusammengehört hätte. ‚Hel- lenentum‘ wie ‚Orient‘ wurzeln beide im 1. (1800/1700–1200/1150 vC) und 2. (850 vC–650 nC) mediterranen Weltwirtschaftssystem. Die Götter Ugarits und die Götter Homers gleichen sich noch sehr. Mit der Emanzipation des ‚ich‘ aus dem ‚man‘ hat das ‚klassische‘ Griechenland innerhalb dieser Welt freilich eine Leistung vollbracht, für die wir immer noch dankbar sein können (Politik gibt es eigentlich nur in einer Polis!) und die sich auch heute noch nicht weltweit durchgesetzt hat. Der Westen des Perserreiches (Kleinasien, Syrien-Palästina, Ägypten) wurde schon im 5. und 4. Jh. vC von griechischem Geld, know-how, materiellen und immateriellen Kulturimporten durchdrungen. Das persische Syrien-Palästina ist bereits als proto-hellenistisch anzusprechen: griechisches Geld war das ‚beste‘ Geld, griechische Ärzte die besten Ärzte, griechische Söld- ner die besten Soldaten. In der Konfrontation mit dem Hellenismus gab es bei Juden wie Arabern von übereifriger Akkulturation bis zur vermeintlich totalen Akkulturationsver- weigerung alle Spielarten zwischen diesen Polen. Akkulturation findet man eher (aber nicht nur) am oberen Ende der Reichtumsverteilung, wo man z.B. die Mittel hatte, sich auf dem Sklavenmarkt Griechisch-Professoren, Architekten, Maler und dergleichen Kulturhandwerker zu kaufen. Unter den Akkulturations- verweigerern fand sich häufig die Einstellung, dass nur sie das Erbe der Väter, das ‚wahre‘ Juden- oder Arabertum repräsentierten. Das ist Ideologie, nicht soziale Wirklichkeit. Kein Mensch – und keine Kultur – ist eine Insel, kein Mensch kann nicht nicht in seiner oder ihrer Zeit leben, wie man schlechter- dings nicht nicht kommunizieren kann. Seit dem Hellenismus gibt es nur noch 394 | Judentum und Hellenismus von Alexander dem Makedonen bis Salome Alexandra hellenistische Judentümer – aber eben verschiedene. Selbst im palästinisch- rabbinischen Judentum, das sich seit dem 2. Jh. nC aus den überlebenden Ak- kulturationsverweigerern formierte und den Gebrauch der griechischen Sprache und Schrift bei religiösen Studien untersagte, zeigt sich die hellenistische Prä- gung etwa darin, das zwar weiter bei der Kompilation autoritativer religiöser Schriften (wie dem Talmud) das schon griechische, dann römische Rechtsprin- zip (Apg 25,16) des audiatur et altera pars „Man höre auch die andere Seite“ gilt, wie bei der Kompilation der Thora, dass aber nun die einzelnen Stimmen Na- men haben: „Hillel hat gesagt … aber Gamaliel hat gesagt …“. Das von den Grie- chen übernommene Prinzip des individuellen Autors, das in der biblischen Literatur nichts zu suchen hat, dominiert nun auch die – zumindest eine promi- nente – jüdische Auffassung von der Entstehung der hl. Schriften: „Moses schrieb sein Buch und das Buch Ijob. Josua schrieb sein Buch und die letzten 8 Verse der Thora …“ (bBaba bathra 14b–15a). Der Hellenismus endete nicht damit, dass Pompeius nach Jerusalem kam (63 vC), wie es eine beliebte Verwechselung von politischer Geschichte und Kulturgeschichte nahelegt. Rom selbst entwickelte sich durch die Übernahme des mediterranen Ostens zu einem hellenistischen Staat, in dem 60% oder mehr der Untertanen in Provinzen mit griechischer Schriftsprache lebten. Im 2./3. Jh. nC, auf dem Höhepunkt der Hellenisierung, setzten wenige Einheimische metri- sche Grabinschriften auf in perfektem Griechisch. Die Mehrzahl der Grabsteine bietet kaum mehr als den Namen, was für die meisten der gesamte Umfang ihrer Schreibkenntnisse gewesen sein dürfte. Für diese Zeit kann man für den östli- chen Mittelmeerraum ‚indische Verhältnisse’ ansetzen: 5 % der Inder sprechen und schreiben perfektes Englisch (und gewinnen mit ihrer englischen Literatur auch einmal den Literaturnobelpreis), 30–33 % verfügen über ‚working Eng- lish’, dessen Umfang den Ansprüchen ihrer Arbeit entspricht, und 65% spre- chen nur die einheimische Sprache. 1 J.-S. Rey & J. Joosten eds., The Texts and Versions of the Book of ben Sira. Transmission and Interpretation (JSJ.S 150; Leiden 2011); F.-V. Reiterer, ‚Die Vollendung der Gottesfurcht ist Weisheit’ (Sir 21,11). Studien zum Buch Ben Sira (SBAB.AT 50; Stuttgart 2011); A.M. Misiak, Judit – Gestalt ohne Grenzen (Bielefeld 2010); M. Hallermayer, Text und Überlieferung des Buches Tobit (Berlin 2008); P.C. Brentjes, The Book of Ben Sira in Hebrew (VT.S 68; Atlanta 2 2006); J. Corley et al. eds., Intertextual Studies in Ben Sira and Tobit. Essays in Honor of Ale- xander A. di Lella O.F.M. (CBQ.MS 38; Washington 2005); B. Schmitz, Gedeutete Geschichte. Die Funktion der Reden und Gebete im Buch Judit (HBS 40; Freiburg 2004); S. Weeks et al ed., The Book of Tobit. Texts from the Principal Ancient and Medieval Traditions with Synopsis, Concordances and Annotated Texts in Aramaic, Hebrew, Greek, Latin and Syriac (Fontes et Subsidia 3; Berlin 2004); J.A. Fitzmyer, Tobit (CEJL; Berlin 2003); W. Richter, BHt Ergänzungs- Antiochos III. und der Hellenismus | 395 band (ATS.AT 33.16; St. Ottilien 1993); M. Hengel, Judentum und Hellenismus (Tübingen 31988) 241–275; H.L. Strack, Die Sprüche Jesus‘, des Sohnes Sirachs (Leipzig 1903). Ein Beispiel, wie der Hellenismus auch die ‚Traditionalisten‘ prägte, sind die wohl noch in der ‚Friedenszeit‘ unter Antiochos entstandenen alttestamentli- chen Bücher (Jesus) Sirach und Tobit. Das um 180 in Jerusalem geschriebene hebräische Original des Jesus ben Sira(ch) ist ein orthodoxes Lehrbuch der Tho- ra-Weisheit, dem Kanon aus Thora und Propheten treu (vgl. das ‚Lob der Väter‘ Sir 44–49, wonach er an biblischen Schriften außer der Thora u.a. auch Ijob und Esra-Neh sowie Ps 2–72 kannte). Sirach ist erbaulich zu lesen (im Gegensatz zum bisweilen ennervierenden Qohelet) und wurde im Judentum auch bis ins 10. Jh. nC gelesen. Dennoch ist Sir nicht in den hebräischen Kanon gekommen, weil der Verfasser unter – horribile dictu – seinem eigenen Namen schrieb; die ‚Zeit der Offenbarung’ endete nun einmal mit Esra, weshalb der ‚salomonische‘ Koh dagegen den Sprung schaffte. Ungefähr gleichzeitig mit Sir entstand das Buch Tobit. Es glorifiziert den Thora-Gehorsam Tobits aus Naftali, der trotz des ‚Abfalls Jerobeams‘ (hier ist das samaritanische Schisma damit gemeint) dem Tempel von Jerusalem treu bleibt, von Salmanassar nach Ninive deportiert wird, durch die Ausübung seiner Frömmigkeit erblindet und am Ende wunderbar geheilt wird. Er stirbt im Alter von 127 Jahren in Ekbatana, nachdem er noch den Untergang Ninives erlebt hat. Tobit (wie später auch Judit) geht mit der Chrono- logie der Ereignisse, wie sie in den Propheten festgehalten ist, sehr freizügig um. ‚Historie‘ hat bereits jetzt in einem Teil des Judentums keine Autorität; im rabbinischen Midrasch sind später alle Figuren der Bibel einander gleichzeitig, und Abraham begegnet Nebukadnezar, wie sich in christlichen Versionen des Alexander-Romans Jeremija und Alexander in Jerusalem treffen. Es lässt sich nicht entscheiden, ob die griechische oder die aramäische Version, von der in Qumran Fragmente von 4 Rollen gefunden wurden (leider sehr schlecht erhal- ten), ‚primär‘ sind, aber der Form nach ist das Buch ein ‚hellenistischer Roman‘, in dem moralische Belehrungen der Leserschaft mit Abenteuer- und Wunderge- schichten abwechseln – und eins der ersten Beispiele für diese Gattung, die vielleicht vom weitgehend verlorenen ‚aramäischen Roman‘ inspiriert wurde. Entsprechend der ‚unernsten‘ Gattung war der Text Freigut der Fortschreiber. Außer den aramäischen Fragmenten existieren solche einer hebräischen Über- setzung, vom griechischen Text gibt es eine Lang- und eine Kurzfassung, der Text der Vulgata ist von beiden unabhängig, und in der Peschitta (der syrischen Bibel) gibt es noch eine andere Version. Nach Koh und Hld sind Sir und Tob die ersten Bücher der Bibel bzw. des AT, die außerhalb des Tempels von Jerusalem und seiner Schreiber- bzw. Weisheits- 396 | Judentum und Hellenismus von Alexander dem Makedonen bis Salome Alexandra schule entstanden sind. Beide kennen die Thora, die Propheten und die bisheri- ge ‚Weisheit‘ gründlich, haben also in Jerusalem studiert. Nach 180 vC verliert jedoch der Tempel sein Monopol auf den Besitz und die Pflege ‚biblischer Litera- tur’. Als der abgesetzte Hohepriester Onias (IV.?) nach Ägypten ins Exil geht (Jos. ant. 13.3.1–3 §62–73), baut er sich in Leontopolis nicht nur einen eigenen Tempel. Offensichtlich hat er auch seine Privatbibliothek mit Abschriften von Thora und Propheten mitgenommen, denn nun werden auch die Propheten in Ägypten ins Griechische übersetzt, und zwar in einer gegenüber der ‚offiziellen‘ Jerusalemer Ausgabe der zweiten Hälfte des 2. Jh. älteren Version. Die in der ersten Hälfte des 2. Jh. einsetzende ‚wilde‘ Verbreitung der Propheten-Bücher reflektiert das Auseinanderbrechen der Jerusalemer Elite aufgrund von Vertei- lungskämpfen wegen der sich verschärfenden Staats- und Wirtschaftskrise. Verlierer im Machtkampf um Führungspositionen im Jerusalemer Tempel spal- teten sich ab, nahmen ihre Bibliotheken mit und suchten sich Anhänger. Um 150 vC wird auch die Qumran-Gruppe auf diese Art entstehen. In Qumran sind bis zu fünf verschiedene Versionen von ‚Thora, Propheten und Psalmen‘ belegt. Dem Pluralismus von Textformen entspricht mindestens zum Teil ein Pluralis- mus von innerjüdischen Konfessionen oder Sekten. Angesichts dieses Pluralis- mus wird in letzter Zeit von christlichen Autoren oft übersehen, dass es die ganze Zeit im Tempel eine von diesem als ‚normativ‘ angesehene Textform gab, die man zwecks Abschrift ausleihen konnte (2 Makk 2,13–15) und die aller Wahrscheinlichkeit nach dem MT zugrunde liegt. 11.4 Der Zusammenbruch des Seleukiden-Reichs und der Aufstieg der Hasmonäer 11.4 Der Zusammenbruch des Seleukiden-Reichs und der Auf- stieg der Hasmonäer, 187–130 vC 1 Schäfer (22010) 56–76; – H.M. Niemann, Das Jerusalemer Stadt-Königtum der Davididen und ihr Einflussgebiet im Wandel: ZDPV 136 (2020) (im Druck); S. Honigman, Narrative Form and Historical Content: The Causes of the Judean Revolt against Antiochos IV according to the Authors of 1 and 2 Maccabees (Paper presented to the ‚European Seminar in Historical Meth- odology, Thessalonike 2011); S.J.D. Cohen, The Significance of Yavneh and Other Essays in Jewish Hellenism (TSAJ 136; Tübingen 2010); R.A. Horsley, Revolt of the Scribes: Resistance and Apocalyptic Origins (Minneapolis 2010); C.P. Jones, The Inscription from Tel Maresha for Olympiodoros: ZPE 171 (2009) 100–104; D. Gera, Olympiodoros, Heliodoros and the Temples of Koile Syria and Phoinike: ZPE 169 (2009) 125–155; H.M. Cotton & M. Wörrle, Seleukos IV to Heliodoros: A New Dossier of Royal Corespondence from Israel: ZPE 159 (2007) 191–205; C. Habicht, The Hellenistic Monarchies (Ann Arbor 2006); D. Gera, Judaea and Mediterranean Politics 219 to 161 B.C.E. (BSJS 8; Leiden 1998); G. Stemberger, Pharisäer, Sadduzäer, Essener (SBS 144; Stuttgart 1991); J. Sievers, The Hasmoneans and Their Supporters. From Mattathias to the Death of John Hyrcanus I (South Florida Studies in the History of Judaism 6; Atlanta 1990); B. Bar-Kochva, Judas Maccabaeus. The Jewish Struggle against the Seleucids (Cam- Der Zusammenbruch des Seleukiden-Reichs und der Aufstieg der Hasmonäer | 397 bridge 1989); T. Fischer, Seleukiden und Makkabäer. Beiträge zur Seleukidengeschichte und zu den politischen Ereignissen in Judäa während der 1. Hälfte des 2. Jahrhunderts v. Chr. (Bo- chum 1980); J.G. Bunge, Die sogenannte Religionsverfolgung Antiochos IV. Epiphanes und die griechischen Städte: JSJ 10 (1979) 155–165; B. Bar-Kochva, The Seleucid Army (Cambridge 1976); T. Fischer, Untersuchungen zum Partherkrieg Antiochos' VII. im Rahmen der Seleuki- dengeschichte (Diss. phil. Tübingen 1970); E. Bi(c)kerman(n), Der Gott der Makkabäer (Berlin 1937). 1–2 Makkabäer, denen Josephus nur Einzelheiten hinzufügt, aber deren Ten- denz teilt, stellen die Ereignisse als ‚Abfall vom Judentum‘ einer Hellenisten- Partei in Jerusalem dar, gefolgt von einer Religionsverfolgung unter Antiochos IV und einem von der Familie der Hasmonäer geführten nationalen Befreiungs- kampf, der mit der Wiederherstellung der ‚wahren Religion‘ und der judäischen Unabhängigkeit von jeglicher Fremdherrschaft endet. Das ist das Geschichtsbild der Sieger. Das der Verlierer kennen wir nicht, aber es besteht Grund zur An- nahme, dass sie sich gegen die Bestreitung ihres Judentums zur Wehr gesetzt hätten. Mehrere Ereignisstränge liefen in- und nebeneinander: (a) die seleukidische Finanzpolitik; (b) die Frage, ob Jerusalem eine Polis werden könne; (c) der ‚6. syrische Krieg’ (170–168); (d) Positionskämpfe innerhalb der Jerusalemer Priesteraristokratie, der auch die Hasmonäer angehörten (Jos. ant. 12.6.1 § 265); (e) eine judäische Revolte gegen Antiochos IV. 169/68 und dessen Niederschla- gung; (f) Bürgerkrieg in Judäa; (g) Bürgerkrieg im Seleukidenreich; (h) die Hausmachtpolitik der Hasmonäer. Die großzügigen Steuernachlässe von 200/198 vC ließen sich nach dem Frieden von Apamea (188 vC) nicht mehr aufrechterhalten. Beim Versuch, den Tempel- schatz des Bel in Susa zu beschlagnahmen, fand Antiochos III. 187 den Tod. Sein Nachfolger Seleukos IV. Philopator (187–175 vC) setzte per Schreiben an seinen Premierminister Heliodorus von 178 vC seinen Kammerherren und Ver- trauten Olympiodorus zum Hohenpriester über alle Tempel der Provinz ‚Koile- Syrien und Phönikien‘ ein (Libanon und Israel/Palästina), zweifellos mit der Absicht, sich deren finanzielle Resourcen zu erschließen. Heliodorus schickte eine Kopie dieses Schreibens mit Begleitschreiben an den Provinzgouverneur, der es mit einem Begleitschreiben seinerseits an den Präfekten von Idumäa weiterschickte. Dieser veröffentlichte das ganze Dossier als Inschrift, die wahr- 398 | Judentum und Hellenismus von Alexander dem Makedonen bis Salome Alexandra scheinlich im Temenos des Apollo-Tempels in der Provinzhauptstadt Marescha aufgestellt war, bis Johannes Hyrkan zwischen 112 und 108 die Stadt eroberte und die Inschrift zerschlagen ließ. Denn nach inzwischen vorliegender bibli- scher Geschichtsschreibung war es Heliodor in Person, der beim Jerusalemer Tempel eine ‚Überschussabschöpfung‘ vornehmen wollte (2 Makk 3,4–40) bzw. der König selbst (1 Makk 1,20–24). Die 178 vC oder kurz danach dem Tempel auferlegte Steuer in Höhe von 5.000 Schekel bzw. 10.000 Drachmen wurde 152 von Demetrius II. gegenüber Jonatan zurückgenommen (1 Makk 10,40; Jos. ant. 13.2.3 § 55). Der Akt mag die Hellenisten in Jerusalem beflügelt haben, für sich den Status einer Polis anzustreben mit größeren Selbstverwaltungsrechten ge- genüber dem Provinzgouverneur als sie einer Landstadt zustanden. Gründungs- und Bauinschrift einer Synagoge in Ägypten, aus Alexandria. 143–116 vC. Text und Übersetzung: G. Pfohl ed., Griechische Inschriften als Zeugnisse des privaten und öffentlichen Lebens: griechisch – deutsch (München 1966 [ Berlin 22014]) S. 133 Nr.116; Text: SEG 8.366. Für König Ptolemaios [VIII.] und seine Schwester Königin Kleopatra [II.] und seine Gemahlin Königin Kleopatra [III.] die Wohltätigen Götter (errichteten) die Juden in Nitriai die Synagoge und das Zubehör. Die Stimmen der ‚Hellenisten‘ in Jerusalem haben wird nicht, sondern nur üble Nachrede über sie. Ägyptisch-hellenistische Juden hatten mit dem Herrscherkult offenbar keine Prob- leme, solange sie für Gesundheit, Heil und langes Leben der Herrscherfamilie Synagogen statt Tempel bauen konnten. Die makkabäische Revolte war primär ein innerjüdischer Bürgerkrieg und weni- ger von ‚Tradionalisten’ gegen ‚Hellenisten‘ als von den ‚großen Familien‘ und ihrer Klientel nach dem Motto ‚Jeder gegen jeden‘, in den der seleukidische Staat zwangsläufig verwickelt wurde. Militärisch ist die Revolte 161 vC geschei- tert. Dass sie langfristig zu judäischer Unabhängigkeit unter einer neuen Dynas- tie, den Hasmonäern, führte, ist aus der weltgeschichtlichen Situation zu erklä- ren: Rom hat 188 vC den Niedergang der Seleukiden eingeleitet und im Folgenden aktiv betrieben. 170 vC eroberte Antiochos IV. Ägypten, 168 vC muss- te er es auf römischen diplomatischen Druck wieder aufgeben. 163/162 schloss Rom ein ‚Schutzbündnis‘ mit Judas Makkabäus, wodurch die Hasmonäer ei- gentlich von Anfang an als römische Klientel-Dynastie auf den Plan traten. Unter dem Steuerdruck verschärften sich die Parteienkämpfe. In der Aristokra- tie bekämpften sich Laienadel unter der Führung der Tobiaden und Priesteradel unter Führung der Zadokiden, jetzt Oniaden genannt. Sirach ist Oniaden- Der Zusammenbruch des Seleukiden-Reichs und der Aufstieg der Hasmonäer | 399 freundlich und Tobiaden-feindlich. Es gab aber auch ‚hellenistische‘ Priester und ‚traditionalistische‘ Laien. In der Oberschicht finden wir allerdings im All- gemeinen, d.h. nicht in jedem einzelnen Fall, radikale bis gemäßigte Hellenis- ten, in der Mittelschicht und auf dem Land radikale bis gemäßigte Traditionalis- ten. Der Dauerkonflikt zwischen Seleukiden und Ptolemäern gab den Parteien Hoffnung auf Unterstützung von außen: standen die gerade Herrschenden auf Seiten der Seleukiden, dann erhoffte sich die Opposition naturgemäß alles Gute von den Ptolemäern, und umgekehrt – als wären die ‚Ägyptenpartei‘ und die ‚Babylon-Partei‘ der letzten Jahre des Königreichs Juda wieder aufgelebt. Bei der Thronbesteigung Antiochos IV. (175–164) machten die Tobiaden (Laienadel, Steuerpächter) den hellenismusfreundlicheren Jason statt seines Bruders Onias IV. zum Hohenpriester gegen eine Erhöhung des Tributs auf 360 Talente. Gegen weitere 150 Talente erwirkte die Partei die Erhebung Jerusalems zur Polis und die Inkorporation der ‚Antiochener zu Jerusalem‘, d.h. die Helle- nisten wären im Idealfall Bürger und Besitzer der neuen Stadt ‚Antiochia ad Hierosolymam‘ geworden, die ‚Traditionalisten‘ deren rechtlose, ‚barbarische‘ Untertanen. Die Hellenisierung wurde Jerusalem nicht aufgezwungen, sondern kam von innen. 172 vC ersetzten die Hellenisten den gemäßigten (und zadokidi- schen) Jason durch den radikalen (und nicht-zadokidischen) Menelaos gegen eine Erhöhung des Tributes auf 660 Talente. Menelaos griff selbst in den Tem- pelschatz. Als Antiochos IV 170 vC in Ägypten Krieg führte, griff Jason Menelaos in Jerusalem an. Der Bürgerkrieg brach ganz ohne Zutun der Hasmonäer aus, zuerst zwischen radikalen und gemäßigten Hellenisten. Wohl 168/67 kam es zur Katastrophe, doch an einer ganz anderen Front. Nachdem 168 vC durch das römische Eingreifen die Position Antiochos IV. erschüttert worden war, reagier- te er überaus harsch gegen eine anti-seleukidische Revolte in Judäa, die wahr- scheinlich durch den Steuerdruck und Landkonfiskationen zur Versorgung von Veteranen ausgelöst worden war und mit dem ‚Hellenismus-Konflikt‘ nichts zu tun hatte (vgl. 1 Makk 1,29–40; 2 Makk 5,11–26). Der König legte eine militäri- sche Besatzung nach Jerusalem und andere südpalästinische Orte. Jerusalem wurde eine seleukidische Militärkolonie, in der Nicht-Juden angesiedelt wurden (1 Makk 1,34–38). Die in 1–2 Makk und auch bei Flavius Josephus vorgenomme- ne Verkettung von ‚Hellenisten-Umtrieben‘ und seleukidischer Unterdrückung verdient weniger Vertrauen, als ihr oft entgegengebracht wird: die Hasmonäer, die sich mit zweifelhafter Legitimität des Amtes des Hohenpriesters angeeignet hatten, mussten ihre ‚Mitbewerber‘ und deren Familien nach Kräften diskredi- tieren. 167 wurde die traditionell-jüdische Religion in Judäa, nicht in Samaria offiziell verboten, der Tempel Zeus-Olympios / Baalschamen geweiht. Die Kolo- 400 | Judentum und Hellenismus von Alexander dem Makedonen bis Salome Alexandra nie und ihr Tempel wurden kein Erfolg, zwei Jahre später war der heidnische Tempel so gut wie aufgelassen (1 Makk 4,38). Die makkabäische Revolte begann damit, dass der Jerusalemer Priester- Adlige Mattatias in Modeïn, offenbar einer seiner Landsitze, einen ‚abtrünnigen’ Juden erschlug (vgl. Num 25; Sir 4,23–26) und einen königlichen Beamten dazu und danach mit seinen Söhnen ‚in die Berge‘ ging (wie einst die ʿApiru im ägyp- tisch besetzten Kanaan). Dort profilierte sich sein Sohn Judas als Guerilla- Führer und erhielt den Beinamen ‫ מקבי‬maqqabi ‚der Hammerige‘. Die Matta- tias-Episode fehlt in 2 Makk, das den Aufstand mit Judas beginnen lässt. Er erhielt Zulauf aus den Kreisen der ΑΣΙΔΑΙΟΙ (‫ חסידים‬Chassidim, ‚Orthodoxe/ Ultraorthodoxe‘) und von anderen Entwurzelten, die ebenfalls in die ‚Wüste’ gegangen waren (1 Makk 1,29–44). 166/165 siegt Judas gegen kleinere seleukidi- sche Aufgebote zwischen Schefela und Gebirge. Antiochos IV. führt derweilen Krieg in Parthien. 164 nimmt der König die radikalen Religionsgesetze zurück und stirbt gleich darauf. Fast zugleich besetzt Judas Jerusalem und reinigt den Tempel (= Hanukka, 14.12. 164 vC). 163 schlägt der Reichsverweser Lysias Judas bei Bet-Zur entscheidend und hat fast schon Jerusalem eingenommen, als er seine Position in Nordsyrien verteidigen muss und daher einen für Judas güns- tigen Waffenstillstand eingeht mit der offiziellen Übergabe des Tempels an die Makkabäer. Menelaos wird abgesetzt und hingerichtet, sein Nachfolger der gemäßigte Hellenist Alkimos, der freilich die Unterstützung der Makkabäer verliert, als er Chassidim hinrichten lässt. Alkimos flieht und kehrt mit der se- leukidischen Armee zurück. Einmal kann Judas noch siegen, in der zweiten Schlacht fällt er (161 vC). Alkimos regiert und die Hellenisten konfiszieren das Land der Rebellen. Die Revolte der Makkabäer ist gescheitert. Nach dem Tod Judas Makkabäus führt sein Bruder Jonatan einen Banden- und Guerilla-Krieg. Alkimos regiert bis 159 als hellenismusfreundlicher Hoher- priester. Der seleukidische General Bakchides baut Festungen in Galiläa. 157 kommt es zum Waffenstillstand zwischen Bakchides und Jonatan: gegenseitige Freilassung der Gefangenen, Immunität und Amnestie. 157–152 lebt Jonatan als ‚Privatmann‘ und ‚Richter‘ in Michmas: der Bürgerkrieg ist damit auch von sei- ten der Makkabäer beendet. 153 (oder 152) brechen im Selukidenreich neue Thronfolgestreitigkeiten aus. Beide Parteien versuchen Jonatan auf ihre Seite zu ziehen, der offensichtlich aufgrund seiner Erfahrung und einer rekrutierbaren Anhängerschaft einen militärischen Machtfaktor darstellt. Jonatan lässt sich die Position als umworbener Söldnerführer mit dem Hoherpriester-Amt bezahlen. Spätestens jetzt verliert er die Gefolgschaft eines Teils der Chassidim (der D- Partei, der Proto-Pharisäer), gewinnt aber die Unterstützung eines Teils der Sadduzäer (der P-Partei), während ultra-orthodoxe Sadduzäer und Chassidim Der Zusammenbruch des Seleukiden-Reichs und der Aufstieg der Hasmonäer | 401 ob des Greuels eines nicht-zadokidischen Hohenpriesters sich als Essener ab- spalten, falls die dafür in Anspruch genommen Qumran-Handschriften tatsäch- lich die Position dieser Gruppe reflektieren. In chassidischer Sicht benimmt sich der Hohepriester Jonatan so schlimm wie einstmals die Hellenisten (1QpHab 8.11 u.ö.). Die haben den Machtpoker der letzten Jahrzehnte um das höchste Amt in Judäa gewonnen. Jonatan wird seleukidischer Militärgouverneur von Koile-Syrien und erobert 148/7 im Dienst der Seleukiden, aber de facto für die eigene Hausmacht Jafo, Aschdod und Aschkelon. 145 tritt Demetrios II. ‚dem Volk der Juden’, faktisch aber Jonatan, die Distrikte Judäa, Efraim, Lydda und Ramathaim ab sowie die Steuern und Zölle. Jonatan bleibt jedoch tributpflichtig und in der Zitadelle von Jerusalem sitzt weiterhin eine seleukidische Besatzung. Bei einem neuen Feldzug im Dienst einer seleukidischen Partei wird Jonatan 142 gefangen und ermordet. Aus den Rebellen und Guerilleros sind Condottieri geworden, was an die Karriere Davids in 1 Sam 16–30 und an Idrimi von Alalach erinnert. Wer immer in Antiochia regierte oder regieren wollte, konnte die Hasmonä- er als Machtfaktor nicht mehr ignorieren. Je schwächer die Position des Königs oder von Prätendenten, desto größer die Zugeständnisse an die Lokalherrscher. 142 wird Simon Nachfolger seines Bruders Jonatan als ‚Ethnarch‘ (‚Häuptling‘, hebr. ‫ נשיא‬nasiʾ), Strategos (Provinzgouverneur) und Hoherpriester. Judäa wird von einer (halbautonomen) Provinz des Seleukidenreiches zum Vasallenstaat, seine Verfassung entspricht allerdings nicht mehr der Thora und biblischen Verfassungsentwürfen (wie Ez 40–48), die weltliche und geistliche Macht ge- trennt sehen wollen (Mose und Aharon, Elazar und Josua, Serubbabel und Jeho- schua, Esra und Nehemia). Für 1 Makk ist Judäa/Israel damit ‚befreit‘, de facto zu Recht, de iure zu Unrecht: die Souveränität der Hasmonäer wurde von Seiten der Seleukiden nie anerkannt und von Rom auch nicht mehr, sobald Pompejus das seleukidische Erbe angetreten hatte. Unmittelbar nach seiner Einsetzung eroberte Simon Geser und vollzog dort – zum erstenmal in der Geschichte – das Vertreibungsprogramm der ‚Vorbewohner des Landes’ nach Dtn 7 und 20 (1 Makk 13,43–48). 141 vertrieb er auch die seleukidische Besatzung aus der Zita- delle in Jerusalem. Einen seleukidischen Versuch zu ihrer Rückeroberung sowie der philistäischen Küste konnte Simon abwehren, wurde aber 135 von seinem Schwiegersohn ermordet: Mord und Totschlag wie einst bei den Jerusalemer ‚Hellenisten‘ – was die Hasmonäer ebenfalls waren. Simons Nachfolger wurde sein Sohn Johannes Hyrkan. Schon 135 setzte An- tiochos VII. die seleukidische Oberherrschaft über Jerusalem und besonders die Küste noch einmal nachdrücklich durch. Johannes Hyrkan musste ihm 129 vC als Vasall Heeresfolge leisten, als Antiochos VII. versuchte, den an die Parther 402 | Judentum und Hellenismus von Alexander dem Makedonen bis Salome Alexandra verlorenen Osten des Reiches zurückzuerobern. Der Feldzug wurde zur endgül- tigen Katastrophe der Seleukiden. Antiochos VII. fiel, Johannes Hyrkan kehrte nach Jerusalem zurück und konnte nunmehr faktisch souverän schalten und walten. Die Makkabäer-Wirren von 175–129 vC sind für die Geschichte Israels in mehrfacher Hinsicht paradigmatisch. Wir sehen: (a) den Parteienkampf zwischen den großen Familien der Oberschicht; (b) den Konflikt der Religionsparteien (D und P, radikal-liberale, liberal- traditionelle, akkulturierte Traditionalisten, Quietisten, Akkulturationsver- weigerer, Zeloten, Orthodoxe, Ultra-Orthodoxe, Betonköpfe), der sich teils mit Klassen- oder Familienkonflikten deckt und teils auch nicht; (c) die Verflechtung von innenpolitischen Konflikten und außenpolitischen Konstellationen. Besonders der letzte Punkt ist hervorzuheben: ein ‚unabhängiger Staat‘ ist in Israel/Palästina nur mit aktiver oder passiver Unterstützung der jeweiligen Welt- oder Regionalmacht möglich (Niemann 2020). 1 M. Weigl, Die aramäischen Achikar-Sprüche aus Elephantine und die alttestamentliche Weis- heitsliteratur (BZAW 399; Berlin – New York 2010); K. de Troyer, Rewriting the Sacred Text – What the Old Greek Texts Tell Us about the Literary Growth of the Bible (Atlanta 2003); K. Schmid, Der biblische Prophet als Kreatur seines Buches: Von der Nachwelt geformt: WUB 2/2003, 19–22; R.G. Kratz, Die Visionen des Daniel: id. et al. eds., Schriftauslegung in der Schrift (FS O.H. Steck = BZAW 300; Berlin – New York 2000) 219–236; A. Schenker, La rédac- tion longue du livre de Jérémie doit-elle être datée au temps des premiers Hasmonéens?: EThL 70 (1994) 281–293; O.H. Steck, Der Abschluß der Prophetie im Alten Testament. Ein Versuch zur Vorgeschichte des Kanons (BThSt 17; Neukirchen-Vluyn 1991); R. Albertz, Der Gott des Daniel. Untersuchungen zu Daniel 4–6 in der Septuagintafassung sowie zur Komposition und Theologie des aramäischen Danielbuches (SBS 131; Stuttgart 1988). Auch wenn Thora und Propheten bereits als abgeschlossene Textkorpora vorla- gen, hat die makkabäische Krise 175–129 auch in der Hebräischen Bibel ihre Spuren hinterlassen (in der Griechischen Bibel ohnehin). Zwischen 167 und 165 ist das Buch Daniel entstanden. Das Buch gehört nur im AT zu den Propheten; streng redaktionsgeschichtlich gesehen findet sich seine ‚Endgestalt‘ erst in der Vulgata (danach die EÜ; Dan 13 = Susanna-LXX; Dan 14 = Bel et Draco-LXX). Es besteht (a) aus einer Sammlung von Diaspora-Novellen (Dan 2–6 und 13–14), die am Anfang des 2. Jh. im Zuge der aufkommenden hellenistischen Krise zu- letzt aktualisiert worden sein mag; (b) aus apokalyptischen Visionen, die bis zum „Greuel der Verwüstung“ 167 vC führen, aber nicht mehr zu Chanukka Der Zusammenbruch des Seleukiden-Reichs und der Aufstieg der Hasmonäer | 403 (165/64). Dan 2–7 sind aramäisch, Dan 1; 8–12 hebräisch. Das Nebeneinander beider Literatursprachen ist ab dem 4./3. Jh breit belegt. Durch die Gestalt Da- niels (geschildert als Angehöriger der 1. Deportation von 597) wird die Zeit seit dem Untergang des ‚Ersten Tempels‘ als ‚Fremdherrschaft‘ zusammengefasst, der nun endlich die nicht von Menschen zu erringende Befreiung folgen soll. Es ist anzunehmen, dass Dan aus Kreisen der Chassidim stammt, die der makkabä- ischen Revolte eher zurückhaltend gegenüberstanden. Nach 165, wahrscheinlich im Zusammenhang mit der Übernahme des Ho- hepriesteramtes durch den legitimationsbedürftigen Jonatan wurde in Jerusa- lem der Pentateuch geringfügig bearbeitet: Wer das Amt des Hohenpriesters innehatte, kontrollierte auch den Bestand der Tempel-Bibliothek. Die Redaktion zeigen besonders die Zahlen in Gen 5 (das ältere System ist im Samaritanus erhalten geblieben, die LXX hat ein eigenes): Chanukka fällt nun in das Jahr 4000 der Welt und der Exodus in das Jahr AM 2666). Um diese Chronologie zu erreichen, muss spätestens jetzt Ri in die Sequenz Jos-Sam/Kön eingefügt wor- den sein. In Jos enthält der hebräische Text Sondergut, das Josua zu einem Vor- gänger des Judas Makkabäus macht und in der LXX-Vorlage noch fehlte. Auch in Sam/Kön gibt es einige redaktionelle Eingriffe, erkennbar daran, dass in diesen Fällen Chr den besseren Text hat (zB 2 Sam 5,17 || 1 Chr 14,8). Im Jeremia- Buch stammen zumindest einige der Passagen, die dem LXX-Übersetzer noch nicht vorlagen, aus dieser Zeit. Wie die chronologische Brücke Gen-Ri-Sam-Jer zeigt, ist die makkabäische Bibelredaktion die Schlussredaktion einer Bibel aus Thora und Propheten. Dtn 18 (D) hat sich – für eine Weile – gegen Dtn 34 (P) durchgesetzt. Die redaktionelle Schlussnotiz dieser Bibelausgabe (und nicht nur des Buches Mal oder des Zwölfprophetenbuches) ist Mal 3,22–23. Das Buch Judit ist ein historischer Roman, den man kennen muss, um Technik und Geltungsbereich biblischer ‚Geschichtsschreibung‘ zu verstehen: hinter ‚Nabuchodonosor, den König Assyriens‘ stehen die Seleukiden von Anti- ochos IV. bis VII., ‚Israel‘ ist das umkämpfte und gefährdete Judäa dieser Zeit. Alle Helden der ‚kanonischen Geschichte‘ sind Zeitgenossen (so auch der späte- re rabbinische Midrasch), und an der ‚Vergangenheit‘ interessiert nur, was da- von gegenwärtig ist. Als ursprünglich wohl aramäische Erzählung steht das Buch in einer syrisch-palästinischen literarischen Tradition, die spätestens im 7. Jh. vC mit dem Achikar-Roman (TUAT III/2 [Weisheitstexte II], 320–347; M. Weigl 2010) begonnen hat. Es ergänzt 1–2 Makk um eine Miryam-Debora-Jael- Gestalt, die nicht erst moderne Leser in dieser Geschichte vermisst haben dürf- ten. Es zeigt (wie schon die Moses-Geschichte des anonymen Juden aus Ale- xandria im 3. Jh. vC, die Hekataios von Abdera überliefert) wie frei das antike 404 | Judentum und Hellenismus von Alexander dem Makedonen bis Salome Alexandra wie auch das rabbinische Judentum im Neuerzählen biblischer Geschichten waren trotz soeben erfolgter ‚Kanonisation‘ ihrer Vorlage(n). 11.5 Die Herrschaft der Hasmonäer: Von Johannes Hyrkan bis Salome Alexandra 1 Schäfer (22010) 77–96; A. Lykke, Reign and Religion in Palestine. The Use of Sacred Icono- graphy in Jewish Coinage (ADPV 44; Wiesbaden 2015); H. Geva, Jerusalem’s Population in Antiquity: A Minimalist View: TA 41 (2014) 131–160; A. Lykke ed., Macht des Geldes – Macht der Bilder. Kolloquium zur Ikonographie auf Münzen im ostmediterranen Raum in hellenistisch- römischer Zeit (ADPV 42; Wiesbaden 2013); E. Bocher and O. Lipschits, The yršlm Stamp Im- pressions on Jar Handles: Distribution, Chronology, Iconography and Function: TA 40 (2013) 99–116; U. Rappaport, The Inscriptions on the Yehud and the Hasmonean Coins: Historical Perspectives: E. Eshel and Y. Yadin eds., „See I will bring a scroll recounting what befell me“ (Ps 40:8). Epigraphy and Daily Life from the Bible to the Talmud Dedicated to the Memory of Professor Hanan Eshel (Journal of Ancient Judaism, Suppl. 12; Göttingen 2014) 143–158; H. Eshel, The Dead Sea Scrolls and the Hasmonean State (Grand Rapids 2008); S. Ostermann, Die Münzen der Hasmonäer. Ein kritischer Beitrag zur Systematik und Chronologie (NTOA 55; Freiburg/CH & Göttingen 2005); Y. Magen et al., Mount Gerizim Excavations I (Jerusalem 2004); A. Lemaire, Der Beitrag idumäischer Ostraka zur Geschichte Palästinas im Übergang von der persischen zur hellenistischen Zeit: ZDPV 115 (1999) 12–23; D. Barag, New Evidence on the Foreign Policy of John Hyrcanus I: INJ 12 (1992/3) 22–26; A. Kasher, Jews, Idumaeans and Ancient Arabs (TSAJ 18; Tübingen 1988); J. Efron, Studies on the Hasmonean Period (Leiden 1987); J. Jeremias, Die Passahfeier der Samaritaner und ihre Bedeutung für das Verständnis der alttestamentlichen Passahüberlieferung (BZAW 59; Berlin 1932). Nach dem Zusammenbruch des Seleukidenreiches war Johannes Hyrkan (134/129/128–104) faktisch unabhängig, nahm aber den Königstitel nicht an; auf seinen Münzen zeichnet er als ‫ יהונתן הכהן הגדל ראש חבר היהודים‬Yehonatan ha-kohen ha-gadol roš ḥéver ha-yehudim ‚Jonatan, der Hohepriester, Oberhaupt der Genossenschaft der Juden‘, die Münzlegende entspricht den Titeln ‚Ober- priester und Ethnarch‘. Dass die Juden jetzt eine ‚Verbindung‘ sind, nicht mehr einfach die Einwohner von Judäa, zeigt die ‚Konfessionalisierung‘ des Ethno- nyms infolge der Ereignisse und Entwicklungen der letzten 50 Jahre. Hyrkan nahm Söldner in den Dienst und siedelte sie in Militärkolonien an (vgl. Ps 108,8–11). Nach Jos. ant. 13.11.7 § 299–300; bell. 1.2.8 § 68–9 war Hyrkan ‚Herr- scher (Ethnarch), Hohenpriester und Prophet‘, d.h. ein David redivivus nach dem David-Bild des Psalters. Spätestens zu seiner Zeit formierte sich aus den Chassidim der makkabäischen Wirren die nationalreligiöse, mittelständische Partei der Pharisäer als Oppositionsgruppe, aus der das rabbinische Judentum Die Herrschaft der Hasmonäer: Von Johannes Hyrkan bis Salome Alexandra | 405 hervorging (mit der Einschränkung der Prophetie auf die Zeit von Moses bis Esra). Die Sadduzäer, auf deren Seite sich die Hasmonäer zunehmend schlugen, akzeptierten hingegen (wie die Samaritaner) nur die Thora als ‚Gotteswort‘, so dass die Propheten-Bücher bei ihnen keinen höheren Status hatten als z. B. 1 Makk. Von 129–112/110 arrondierte Johannes Hyrkan Judäa um (a) Madaba im Os- ten, (b) Idumäa im Süden und (c) Sichem im Norden. Von Hyrkan bis Herodes sind alle Herrscher Judäas bemüht, das ‚Reich Davids‘ in seinen biblischen Grenzen ‚wiederherzustellen‘, weder zum ersten noch zum letztenmal in der Geschichte ein Sieg der ‚Tradition‘ über die vergangene Realität. Den Idumäern als Nachfahren Esaus, des Bruders Jakobs und Enkels Abrahams, ein ‚Onkel‘ des judäischen Eponymen Juda, wurde die Wahl gelassen zwischen Tod, Aus- wanderung oder Bekehrung zum Judentum (ausgedrückt als ‚Beschneidung‘ – technisch nicht unproblematisch, da sie wie alle Abraham-Nachkommen bereits beschnitten waren). Dem Geographen Strabo (ca. 64 vC–24 nC) galten die I- dumäer als ‚abgewanderte Nabatäer‘, also Araber und als solche Nachfahren Ismaels, des Großonkels Judas. Die Idumäer haben sich für diese Zwangsbekeh- rung elegant gerächt: Herodes d. Gr. war Idumäer, also einer der Ihren. Die Eroberung der Hochebene von Madeba (Moab nördlich des Arnon) ging zulas- ten der Nabatäer, die das spätestens um die Mitte des 2. Jh. staatsrechtlich her- renlos gewordene Moab übernommen hatten. Diese Eroberung setzt voraus, dass die nun Peräa genannte Landschaft, das südliche Jordantal und der Ge- birgsabfall des ammonitischen Plateaus, bereits in judäischer Hand war. Im Herzen dieses Gebirgsabfalls, im Wādī s-Sīr hatten die Tobiaden bis ins erste Viertel des 2. Jh. ein großes Landgut mit dem einzigen hellenistischen Palast in Israel/Palästina, dessen Außenmauern noch stehen. Ein judäisches Peräa setzt auch die Leichtigkeit voraus, mit der sich die Makkabäer auf beiden Seiten des südlichen Jordantals bewegten (1 Makk 5,52; 9,34–48). Die Samaritaner hatten nach der Zerstörung Samarias auf dem Garizim um ihren Tempel eine neue Hauptstadt gebaut mit dem Namen ‫ לוזה‬Lusa (vgl. Gen 28,19; 35,6; 48,3; Jos 16,2; 18,13; Ri 1,23–26) und einer Ausdehnung von 40 ha, also wesentlich größer als Jerusalem vor Manasse. Anfang des 2. Jh., also unter Seleukos IV. oder Antiochos IV. ersetzten sie ihren Tempel durch einen Neubau. Dies mag im Zusammenhang stehen mit der samaritanischen Auseinanderset- zung mit dem seleukidischen Hellenismus. Nach 2 Makk 5,23; 6,2 wurden auch die Samaritaner Opfer der ‚Religionsverfolgung‘ unter Antiochos IV., was sach- lich unwahrscheinlich ist, aber darauf hindeutet, dass sie für den Verfasser von 2 Makk keine Schismatiker waren. Nach Jos. ant. 12.5.5 § 257–264 hätten die Samaritaner von sich aus JHWH durch Zeus Hellenios (lies mit 2 Makk 6,2 ‚Zeus 406 | Judentum und Hellenismus von Alexander dem Makedonen bis Salome Alexandra Xenios‘) ersetzt. Das wiederum ist Polemik. Abgesehen vom ‚Greuel der Verwüs- tung‘, dem Kultsymbol im Jerusalemer Tempel, das sich an nicht-jüdische Ad- ressaten wandte, konnten jüdische wie samaritanische Hellenisten ihren ange- stammten Gott als Zeus-Figur ins Griechische übersetzen – um mehr ging es nicht. 112/111 zerstörte Johannes Hyrkan nun Lusa wie den Garizim-Tempel. Damit war das Schisma unüberbrückbar vollzogen. Bis auf den heutigen Tag feiern die Samaritaner ihr Pessach auf ihrem heiligen Berg, bestreiten aber in- zwischen, dass dort jemals ein Tempel gestanden hätte. Die Entwicklung der samaritanischen Religion und Theologie zwischen dem 1. Jh. vC und dem 4. Jh. nC ist zurzeit ein großes Rätsel. 108/7 eroberte und zerstörte Hyrkan dann auch Samaria, das Herodes ab 27 unter dem Namen Sebaste (‚Augusta‘) als Polis wie- der aufbaute. 1 S. Honigman, Narrative Form and Historical Content: The Causes of the Judean Revolt against Antiochos IV according to the Authors of 1 and 2 Maccabees (Paper presented to the European Seminar in Historical Methodology, Thessalonike 2011); E.A. Knauf, 1 Macc 5 between Bible and History: ibid.; M. Brütsch, Israels Psalmen in Qumran (BWANT 193; Stuttgart 2010); T. Hieke, The role of ‚scripture’ in the last words of Mattathias (1Macc 2:49–70): G. Xervits & J. Zsegellér ed., The Books of the Maccabees. History, theology, ideology (JSJ.S 118; Leiden 2007) 61–74; E.A. Knauf, Psalm xl und Psalm cviii: Vetus Testamentum 50 (2000) 55–65; H. Donner, Der verläßliche Prophet. Betrachtungen zu I Makk 14,41ff. und zu Ps 110: BZAW 224 (1994), 213–223; J.I. Kampen, The Hasideans and the Origins of Pharisaism. A Study of 1 and 2 Macca- beans (Septuagint and Cognate Studies 24; Atlanta 1988). 1 Makk geht auf ein hebräisches Original zurück, das wahrscheinlich am Hof Johannes Hyrkans entstand und theologisch wie stilistisch Jos bis Kön, Chr und Esra/Neh fortschreibt: Ereignisfolgen werden kondensiert oder zerdehnt, in Reden und Hymnen gedeutet, Theologie in Anekdoten kondensiert. Die Hasmo- näer sind durch ihre Erfolge die von JHWH legitimierten Herrscher Israels, das sich in einer Welt von (äußeren) Feinden siegreich behauptet hat. Judas Makka- bäus wird als ein David redivivus geschildert (der Hyrkan selbst sein wollte): der ‚Krieger’ tritt als biblische Leitfigur neben den ‚Propheten‘. 2 Makk ist die mit zwei ‚Festbriefen‘ von Jerusalem nach Alexandria eingeleitete Epitome eines fünfbändigen Werkes eines Jason von Kyrene über Judas Makkabäus, und ne- ben der Weisheit Salomos das einzige Buch des AT, dessen Erstsprache Grie- chisch ist. Der Verfasser ist hellenistisch hochgebildet und zugleich ein geset- zestreuer Jude. Damit empfiehlt sich sein Werk, um das Auseinanderdriften von Jerusalemer und Alexandriner Judentum zu bekämpfen. Auch wenn einige Psalmen altes und sehr altes Material enthalten, ist die Endgestalt jedes einzelnen Psalms doch frühestens exilisch-nachexilisch und Die Herrschaft der Hasmonäer: Von Johannes Hyrkan bis Salome Alexandra | 407 der Psalter als ganzes erst ein Produkt der ersten Hälfte des 1. Jh. vC. Mit guten Gründen können einige Psalmen in die Zeit der makkabäischen Wirren datiert werden: Ps 79 bezieht sich eher auf den ‚Greuel der Verwüstung‘ 167–165 vC als auf die Zerstörung des Tempels 587, und Ps 110 (im Rahmen der ‚Hyrkan- Komposition‘ Ps 108–110, der dritte ‚Davidpsalter‘ nach Ps 3–41; 51–72) ist ein Orakel, das einen nicht-zadokidischen Priester als Herrscher designiert und damit dem Legitimitätsbedürfnis Simons und besonders seines Sohnes Hyrkan entgegenkommt (vgl. 1 Makk 14,41–44). In Qumran liegt Ps 89 (Ende des 3. Bu- ches) in einer Kurzfassung vor, und danach weicht die Überlieferung der Psal- men in Q stark vom MT ab: ein Indiz, dass der Psalter um 150, als sich die Qum- ran-Gruppe von Jerusalem abspaltete, erst bis zu seinem 3. Buch (also insgesamt Ps 2–89) gediehen war. Schäfer (22010) 89–90; – D.M. Jacobson, Agrippa II: The Last of the Herods (New York 2019); 1 Z.U. Maoz, Itur in Galilee (Qazrin 2011); M. Sartre, The Middle East under Rome (Cambridge MA 2005); J. Aliquot, Les Ituréens et la présence arabe au Liban du IIe siècle a.C. au IVe siècle p.C.: MUSJ 56 (1999–2003) 161–290; E.A. Knauf, The Ituraeans: Another Bedouin State: H. Sader/T. Scheffler/A. Neuwirth eds., Baalbek. Image and monument 1898–1998 (BTS 69; Stuttgart 1998) 269–277; A. Kasher, Jews, Idumaeans, and Ancient Arabs (Texte und Studien zum Anti- ken Judentum 18; Tübingen 1988) 79–85; E.A. Knauf, Supplementa Ismaelitica. Tall Ḥīra – eine Ituräer-Burg: BN 25 (1984) 19–21; id., Die Eigennamen der Ituräer: BN 21 (1983) 41–47; W. Schottroff, Die Ituräer: ZDPV 98 (1982) 125–152. Nachfolger Johannes Hyrkans (gest. 104 vC) wurde sein Sohn (Jehuda) Aristobul I. (Philhellen), der wie sein Vater und sein Bruder Alexander Jannai/Jannäus sowohl einen hebräischen wie einen griechischen Namen trug: als Machthaber stehen die ehemaligen Revolutionäre auf der anderen Seite des Konflikts zwi- schen ‚Hellenisten‘ und ‚Traditionalisten‘, wobei der ‚Traditionalismus‘ des Mattatias und seiner Söhne in 1 Makk mehr Theologie und Propaganda sein mag als gesellschaftliche Realität. Trotz seiner kurzen Regierungszeit (104–103) stell- te Aristobul in zwei Punkten die Weichen für die Zukunft, zum einen kurzlebig, zum anderen mit Wirkung bis heute: (a) er nahm als erster Hasmonäer den Kö- nigstitel an; (b) er eroberte Galiläa von den arabischen Ituräern (Jetur ist ein Sohn Ismaels und Enkel Abrahams). Im Psalter der LXX wird aus ‚Juda mein Herrscherstab‘ Ps 60,9; 108,9 ‚Judas mein König‘: der Psalter wurde wohl in Jerusalem ins Griechische übersetzt. Der letzte judäische König in der von Aris- tobul eröffneten Reihe war bereits Agrippa II. (48–53 König, danach bis 70 nC Tetrarch), aber Galiläa als jüdisches ‚Kernland‘ wäre ohne diesen Hasmonäer nicht denkbar geworden. Galiläa sprach im Westen phönizisch, im Osten Ara- mäisch. Unter den Omriden kam nur sein Süden, erst unter Jerobeam II. das 408 | Judentum und Hellenismus von Alexander dem Makedonen bis Salome Alexandra ganze Gebiet unter israelitische Herrschaft, um ab 732 die assyrische, dann babylonische und persische Provinz Megiddo zu bilden. Seit dem 4. Jh. began- nen sich Judäer in Galiläa anzusiedeln; 1 Makk 5 setzt jüdische Gemeinden in Galiläa und Südsyrien voraus. Im Machtvakuum der zerfallenden Seleukiden- Herrschaft ergriff der transjordanische Araberstamm der Ituräer vom Golan aus von Galiläa und der libanesischen Biqā‘ Besitz, dem Aristobul den Süden seines Herrschaftsbereichs abnahm; der Süden von Ituräa wurde dann 4 vC–33 nC zur Tetrarchie des Herodes-Sohnes Philippus mit der Hauptstadt Caesarea Philippi. Die Ituräer-Herrschaft war wie die der Nabatäer die Machtausübung eines klei- nen (und in diesem Fall sehr militanten) Beduinenstamms über ein großes Ge- biet, das überwiegend von anderen Ethnien bevölkert war; wenn Josephus ant. 13.11.3 § 318 behauptet, Aristobul habe die Ituräer in gleicher Weise judaisiert wie Hyrkan Idumäa, geht er von der irrigen, aber bis heute anzutreffenden Auf- fassung aus, die Ituräer wären ein ‚Volk‘ gewesen. Die Römer lösten das Prob- lem dieses bei den Nachbarn gefürchteten Raub-Stammes, indem sie 20 vC kur- zerhand die ganze wehrfähige Mannschaft als Auxiliar-Truppen rekrutierten. 1 Schäfer (22010) 90–94; – A. Kasher, Jews and Hellenistic Cities in Eretz-Israel. Relations of the Jews in Eretz-Israel with the Hellenistic Cities during the Second Temple Period (332 BCE–70 CE) (TSAJ 21; Tübingen 1990); id., Jews, Idumaeans, and Ancient Arabs. Relations of the Jews in Eretz-Israel with the Nations of the Frontier and the Desert during the Hellenistic and Roman Era (332 BCE–70 CE) (TSAJ 18; Tübingen 1988) 86–105; D. Mendels, The Land of Israel as a Political Concept in Hasmonean Literature. Recourse to History in [the] Second Century B.C. Claims to the Holy Land (TSAJ 15; Tübingen 1987). Jannai / Alexander Jannäus (103–76) führt neben dem Titel des Hohenpriesters auch den Königstitel auf seinen Münzen: ΑΛΕΞΑΝΔΡΟΥ ΒΑΣΙΛΕΩΣ ‚des Kö- nigs Alexander’ – ‫ יהונתן המלך‬Yehonatan ha-melek ‚Der König Jonatan‘ ‫ מלכא אלכסנדוס שנת כב‬malka Aleksandros šnat 25 ‚König Alexander, Jahr 25‘ (78/77 vC). Alexander – nomen est omen – griff gleich bei Beginn seiner Regie- rung Akko an und wäre deswegen im Gegenzug fast unter ptolemäische Herr- schaft gekommen. Bis 93 vC eroberte er Gaza und Gadara und beendete damit die dortige Dichter- und Philosophenschule, unterlag danach aber bei Gadara dem Nabatäer Obodas I. und musste die moabitischen Eroberungen Hyrkans abtreten. Die Pharisäer gingen nun von der Opposition zum offenen Aufstand über und bekämpften den König mit seleukidischer Hilfe sechs Jahre lang – die Wiederkehr der makkabäischen Wirren. 88 vC unterlag er bei Sichem einem seleukidischen Prätendenten, doch endete der letzte Seleukide schon 87 vC im Kampf gegen die Nabatäer, und das hasmonäische Königtum war noch einmal Die Herrschaft der Hasmonäer: Von Johannes Hyrkan bis Salome Alexandra | 409 gerettet. 83–80 eroberte er Pella, Dium bei Pella (Josephus ant. XIII 15.3), Gerasa und Gamala. Jannai versuchte, auf allen Gebieten seinem makedonischen Vor- bild Alexander gerecht zu werden. 76 vC starb er vor der gileaditischen Festung Ragaba an einer Überdosis Alkohol. E.A. Knauf, Arabo-Aramaic and ʾArabiyya: From Ancient Arabic to Early Standard Arabic, 200 1 CE–600 CE: A. Neuwirth et al. ed., The Qur’an in Question (Texts and Studies on the Qur’an; Leiden 2010) 197–254; id. Rez. von U. Hackl et al., Quellen zur Geschichte der Nabatäer (NTOA 51; 2003): Scripta Classica Israelica 27 (2008) 158–160; R. Wenning, Petra in Jordanien, Zent- rum der Nabatäer. Eine Stadt als ‚religiöse Landschaft‘: J. Hahn ed., Religiöse Landschaften (AOAT 301; Münster 2002) 49–67; J.F. Healey, The Religion of the Nabataeans. A Conspectus (Religions in the Graeco-Roman World 136; Leiden 2001); T. Weber & R. Wenning ed., Petra. Antike Felsstadt zwischen arabischer Tradition und griechischer Norm (Antike Welt Sonderheft; Mainz 1997) 14–24; E.A. Knauf, Damaskus im Neuen Testament: Zwischen Arabien und Rom: Welt und Umwelt der Bibel 3 (1997) 50–51; R. Wenning, Das Ende des nabatäischen König- reichs: A. Invernizzi & J.-F. Salles ed., Arabia Antiqua. (SOR 70/2; Rom 1993) 81–103; J. Patrich, The Formation of Nabataean Art (Jerusalem & Leiden 1990); E.A. Knauf, Dushara and Shaiʿ al- Qaum. Yhwh und Baal. Dieu: Th. Römer ed., Lectio difficilior probabilior? L’exégèse comme expérience de décloisonnement. Melanges offerts à Françoise Smyth-Florentin (Dielheimer Blätter zum Alten Testament, Beiheft 12; Heidelberg, 1991) 19-29; Id., Dushara and Shaiʿ al- Qaum: ARAM 2/1–2 (1990) 175–183; id., Ismael (21989) 103–111, 156–160; R. Wenning, Die Nabatäer – Denkmäler und Geschichte. Eine Bestandsaufnahme des archäologischen Befun- des (NTOA 3; Feiburg/CH & Göttingen 1987); E.A. Knauf, Die Herkunft der Nabatäer: M. Lindner ed., Petra. Neue Ausgrabungen und Entdeckungen (München & Bad Windsheim 1986) 74–86. Die Geschichte Israel/Palästinas ist spätestens seit dem 6. Jh. vC eine Geschichte von Judäern/Juden und Arabern (nebst einigen anderen Völkerschaften). Juden wie Nabatäer waren die einzigen ‚Vasallen‘, die Rom innerhalb der Provinz Syrien längere Zeit duldete. Die Nabatäer sind aus den Kedrenern der persi- schen Zeit hervorgegangen. Durch die Kontrolle der Karawanenwege nach Gaza und Damaskus kamen sie zu Reichtum. Ihr Kultzentrum (und die Nekropole des Königshauses und des führenden Stammes) war Petra am edomitischen Ge- birgsabfall, seit dem 1. Jh. vC auch ein Ort hellenistischer Prunk- und Prachtar- chitektur, aber erst unter römischer Herrschaft im 2. und 3. Jh. nC urbanisiert. Sie beherrschten den Hauran, Nordwestarabien, Moab und Edom, den Negev und Sinai. Dem führenden Stamm gehörten ca. 10.000 Männer an. Ihr Territori- um bevölkerten aramäischsprachige Bauern, aber auch jüdische Landwirte und Händler und andere arabische Stämme, deren Dialekte nach den von ihnen hinterlassenen altnordarabischen Inschriften zu urteilen, im Norden und Süden des Reiches inkompatibel waren. Eine gemein-arabische Schriftsprache gibt es erst seit dem 4. Jh. nC. Zuvor diente als lingua franca Arabiens das Aramäische, 410 | Judentum und Hellenismus von Alexander dem Makedonen bis Salome Alexandra das auch die Nabatäer benutzten. Als die Hasmonäer noch Makkabäer waren, unterhielten sie gute Beziehungen zu den Nabatäern (1 Makk 5,25; 9,35). Die Hellenisierung der Nabatäer, d.h. die Ergänzung, nicht der Ersatz ihres Häupt- lingstums durch die Requisiten eines hellenistischen Königtums, begann mit Aretas III. ‚Philhellen‘ (87–62), dem sich nach dem Zusammenbruch der Seleuk- idenherrschaft für kurze Zeit Damaskus unterstellte, um nicht in die Hand der näheren und gefürchteten Ituräer zu fallen. Aretas III. wurde der erste Nabatäer- König, der eigene Münzen prägte, zuerst mit griechischer Legende. Auf dem Höhepunkt ihrer Macht standen sie unter Aretas IV. (9 vC–40 nC), dessen Kon- sul in Damaskus dort recht einflussreich gewesen zu sein scheint (1 Kor 11,32). Doch war die wirtschaftliche Basis ihres Handelsimperiums bereits durch die römische Okkupation Ägyptens 30 vC unterhöhlt, der Seeweg ersetzte den Landweg im arabischen Handel. In der 2. Hälfte des 1. Jh. nC kam es einerseits zu großen landwirtschaftlichen Investitionen, oft als ‚Sesshaftwerdung‘ miss- verstanden, andererseits zu einen religiös-nationalistischen ‚Arab revival‘. 70 nC wurde Judäa nach einem Krieg, 106 Nabatäa/Arabia weitgehend friedlich römi- sche Provinz. Dass Hasmonäer und Herodianer einerseits, Nabatäer andererseits bei ihrer beiderseitigen territorialen Expansion öfters kriegerisch zusammenstießen, hat den Alltag der in Nabatäa lebenden Juden offensichtlich nicht beeinflusst. 1 E.A. Knauf, Hymnische Exegese: der Psalter als Theologie des Alten Testaments: H.M. Niemann et al. eds., Data and Debates. Essays in the History and Culture of Israel and Its Neighbors in Antiquity (AOAT 407; Münster 2013) 475–497; id., Salome Alexandra and the Final Redaction of Psalms: lectio difficilor 2009/2 [www.lectio.unibe.ch/09_2/ knauf_salome_alexandra.html]; K. Atkinson, The Salome No One Knows: long-time ruler of a prosperous and peaceful Judea mentioned in the Dead Sea scrolls: BAR 34 (2008), 60–65, 72; T. Ilan, Silencing the Queen: id., The Literary History of Shelamzion and Other Jewish Women (TSAJ 115; Tübingen 2006) 35–72; C. Levin, Das Gebetbuch der Gerechten. Literargeschichtliche Beobachtungen am Psalter: ZThK 90 (1993) 355–381. Alexanders Nachfolgerin wurde seine Witwe Salome Alexandra ‫שלמציון‬ (Šlomʦiyon, besser Šlamʦiyon), die von 76–67 vC regierte, und zwar friedlich. Sie stützte sich auf die Partei der Pharisäer (moderate D-Partei), mit denen ihr Sohn Hyrkan sympathisierte, den sie zum Hohenpriester machte, da sie dieses Amt nicht selbst ausüben konnte. Vertreter der Pharisäer wurden in die Gerusie (das Synhedrion, den ‚Hohen Rat‘) aufgenommen. Es wurde unfriedlich, als Pharisäer anfingen, sich an ihren alten Feinden für die Verfolgung unter Jan- näus zu rächen. Das war dann der Anfang vom Ende und soll darum im nächs- ten Kapitel behandelt werden. Die Geschichte der Hasmonäer soll mit der Aus- Die Herrschaft der Hasmonäer: Von Johannes Hyrkan bis Salome Alexandra | 411 nahme von der Regel – einer Frau auf dem Thron, und 9 Jahre Frieden – aus- klingen. Unter dieser Königin entstand wohl in Jerusalem das Buch Ester (und zwar sowohl die hebräische wie die griechische Fassung; T. Ilan), das schließlich von einer klugen jüdischen Königin handelt, die mit einem Trunkenbold verheiratet ist und eine jüdische Katastrophe vermeidet. Damit lebt Salome Alexandra als ‚Subtext‘ in Purim fort, dem ‚jüdischen Karneval‘. Folgenschwerer war die Schlussredaktion des Psalters und dessen Aufnahme in den theologischen Lese- Kanon des Zweiten Tempels, der dem ‚masoretischen Text‘ zugrunde liegt. Die Psalmen sind ein planmäßig zusammengestelltes Meditations- und Gebetbuch der frühpharisäischen ‚Frommen‘, das durch die Aufnahme und z. T. Umfor- mung so ziemlich aller theologischen Themen und Motive des AT so etwas wie (s)eine eigene ‚Theologie‘ darstellt. Als Oppositionsgruppe transformieren die Beter der Ps das historische Königtum in eine messianische Zukunftserwartung, wird ‚Israel‘ zur Selbstbezeichnung einer ‚Gemeinde‘, und zwar erst hier und nicht schon 520/515 oder 398, denn das Israel des Zweiten Tempels und der Thora war immer noch eine politische Territorialkörperschaft. Es gibt sowohl sachliche wie zeitliche Gründe dafür, dass die Ps im Neuen Testament das am weitaus häufigsten zitierte biblische Buch sind. Zugleich zeigen sie mit einer Eindeutigkeit, wie keine ‚Theologie des AT’ nach ihnen, Ursprung und Ziel von Theologie: lex credendi … lex orandi. Die ‚Thora‘ des mit Ps 1 eingeleiteten Psal- ters ist die Bibel aus Thora und Propheten (vgl. auch Ps 50: Gott offenbart auf dem Zion die prophetische Kult- und Sozialkritik). Es ist ein Handbuch früher pharisäischer Theologie und deshalb wahrscheinlich unter Salome Alexandra bzw. ihren Sohn Hyrkan in die Bibliothek des Zweiten Tempels gekommen, als die Pharisäer ihre Oppositionsrolle mit der Regierungsbank tauschten. Der älte- re Ps 2 wurde leicht bearbeitet, so dass sich das Akrostichon ergab ‫ליני ]א[ ו‬ [‫ אשתו ענ]ו‬le-Yannay ʾo ʾišto ʿanaw ‚(Dieser Psalm bezieht sich) auf Yannai [einerseits] oder seine Frau [andrerseits]; ein Frommer/Pharisäer‘. 12 Pax Romana 1 E. Herrmann-Otto ed., Antike Sklaverei (Darmstadt 2013); C.S. Mackay, Ancient Rome: A Mili- tary and Political History (Cambridge 2004); W. Eck, The Age of Augustus (Oxford 2003); M. Junckelmann, Panis militaris. Die Ernährung des römischen Soldaten oder der Grundstoff der Macht (Kulturgeschichte der antiken Welt 75; Mainz 1997); id., Die Reiter Roms. Teil 1–3 (Kul- turgeschichte der antiken Welt 45, 49, 53; Mainz 1990–1992); K.A. Raaflaub & M. Toher ed., Between Republic and Empire: Interpretations of Augustus and his Principate (Berkeley 1990); M. Junckelmann, Die Legionen des Augustus. Der römische Soldat im archäologischen Experi- ment (Kulturgeschichte der antiken Welt 33; Mainz 1986); W. Harris, War and Imperialism in Republican Rome 327–70 B.C. (Oxford 1979); R. Syme, The Roman Revolution (Oxford 1939). Tu regere imperio populos Romane memento – | haec tibi erunt artes – pacique imponere morem, | parcere subiectis, et debellare superbos: „Du bist ein Römer, dies sei dein Beruf: die Welt regiere, denn du bist ihr Herr, | Dem Frieden gib Gesittung und Gesetze, begnad’ge, die sich dir gehorsam fügen, | und brich in Kriegen der Rebellen Trutz“ (Vergil, Aeneis 6.851–853; Übersetzung E. Norden). Dieses Motto, unter Caesar Augustus (30 vC–14 nC) vom Dichter Vergil (70–19) verkündet, traf für die Regierungszeit dieses ersten ‚Kaisers‘, der sich selbst als ‚erster Bürger‘ (princeps) der formal weiterbestehenden Republik verstand, innerhalb der Reichsgrenzen zu. Bevor aber in der zwei- ten Hälfte des 2. und der ersten Hälfte des 3. Jh. nC auch für Israel/Palästina im Zeichen dieses Friedens ein ‚goldenes Zeitalter‘ anbrach, beendeten zwei verheerende ‚jüdische Kriege‘ (66–73 nC und 132–135 nC) die Existenz der jüdischen Erben des ‚biblischen Israel‘ um Tempel und Thora, insofern als der Tempel 70 nC (und endgültig 135 nC) unterging und dem sich auf den Trümmern dieser Geschichte neu formierenden Judentum nur die Thora und die Mischna (die ‚mündliche Thora‘) blieben. Diese jüdische Neuforma- tion war kulturell nicht weniger einschneidend als die Bildung des ‚bibli- schen Israel‘ aus der Konkursmasse der Königreiche Israel und Juda im 6. und 5. Jh. vC. In der 2. Hälfte des 2. Jh. nC beginnt auch die Erfolgsgeschich- te des Christentums, dessen Anspruch, seinerseits das ‚einzig wahre Israel‘ zu sein (vgl. bes. Jak 1,1, Joh und die Apk, gegen Röm 9–11), erst 1965 durch die dogmatische Konstitution Nostra Aetate des 2. Vatikanischen Konzils kirchenamtlich aufgegeben wurde. Im 1. Jh. nC war das Christentum als Sekte innerhalb des hellenistischen Judentums demographisch zu unbedeu- tend, um in dieser Geschichte berücksichtigt zu werden. Rom war eine Klassengesellschaft mit drei durch den Besitz definierten Be- völkerungsklassen und zwei weiteren unterhalb der dritten. Wer mehr als https://doi.org/10.1515/9783110411683-013 Die Herrschaft der Hasmonäer: Von Johannes Hyrkan bis Salome Alexandra | 413 1.000.000 Sesterzen, in Landbesitz angelegt, versteuerte (ca. 100.000 Silber- Schekel), gehörte zum Patriziat und damit zum herrschenden Adel, der den Senat stellte und die höchsten Ämter bekleidete, wie das Konsulat (jeweils für ein Jahr und zu zweit) und das Prokonsulat (die Verwaltung einer Provinz nach dem Konsulat). Zur Mittelschicht der eques ‚Ritter‘ gehörte, wer über Land im Wert von mindestens 400.000 Sesterzen verfügte. Die Ritterschaft stellte ur- sprünglich die Reiterei Roms, doch war diese Aufgabe inzwischen an ‚Bundes- genossen‘ ausgelagert; jetzt kamen sie für die mittleren Offiziers- und Beamten- stellen in Frage, wie die Verwaltung der Präfektur Judäa. Die einfachen Bürger hatten Wahlrecht und (theoretisch) Wehrpflicht; die Bürgerschaft setzte sich einerseits aus Kleinbauern, Händlern und Handwerkern zusammen und ande- rerseits dem Proletariat, den Menschen, die außer ihren Nachkommen und dem Bürgerrecht gar nichts hatten und als Tagelöhner lebten oder von staatlichen Getreidespenden. Rom konnte sich diese großzügige Sozialpolitik zuhause leis- ten durch die Abschöpfung des Reichtums der Provinzen. Unterhalb der Schicht der Bürger gab es die persönlich freien Freigelassenen (ehemalige Sklaven, die ihren Vorbesitzern als Klienten verbunden blieben) und die Provinzbewohner, die zu dieser Zeit vereinzelt (z.B. durch Militärdienst) in das Bürgerrecht aufge- nommen werden konnten; erst 212 unter Caracalla (209–217) wurde den Provin- zialen das Bürgerrecht generell gewährt. Die allerunterste Schicht hätten die Römer selbst kaum so bezeichnet, denn nach römischem Recht waren Sklaven und Sklavinnen schlechterdings Sachen und keine Personen. Allerdings ist für das 1. Jh vC und nC durchaus unklar, wie das ‚römische Recht‘ aussah und sich entwickelte; das, was in der Rechtsgeschichte so heißt, ist als Corpus iuris civilis, eine kanonische Sammlung des bisherigen Rechts, unter dem spätrömischen bzw. frühbyzantinischen Kaiser Justinian (527–565) 529–534 entstanden. Eine weitere Frage ist, wo und für wen es galt; die ‚freien Griechenstädte‘ überall im Reich, aber auch die Judäer hatten ganz oder teilweise Rechts-Autonomie, römi- sches Recht und lateinische Sprache herrschten außerhalb Italiens mit Sicher- heit nur in den römischen (Veteranen-)Kolonien. Nur die Kommandosprache der Armee war überall Latein. Für 60% (oder mehr) der römischen Untertanen blieb die Verwaltungssprache Griechisch. Jenseits des begehrten Bürgerrechts (vgl. Apg 22,25–29; 23,27) war für die Provenzalen das römische Klassensystem undurchsichtig; der hellenistische Jude Lukas nennt sowohl den patrizischen Gouverneur Syriens (legatus Augusti pro praetore) wie den lediglich ritterlichen Procuratοr Judäas ΗΓΕΜΩΝ ‚Vorsteher, Machthaber‘ (Lk 2,2; 20,20). Die römische Armee war ursprünglich eine Miliz wie der Heerbann des alten Israel, jetzt aber eine Berufsarmee mit 25jähriger Dienstzeit. Ihren Kern bildete die Infanterie der Legionen, in die nur römische Bürger eintreten konnten, die 414 | Pax Romana als Veteranen mit Grundbesitz in den römischen Kolonien versorgt wurden. An der Spitze einer Legion (Brigade) stand ein Legat patrizischer Herkunft. Sie gliederte sich in 10 Kohorten (Bataillone) mit ihrerseits 6 Centurien (Kompa- nien), die statt der erwarteten 100 in der Regel 80 Mann unter Waffen hatten. Bis zum Kommando einer Centurie (Centurion) konnte ein einfacher Soldat aufsteigen; man übersetzt diesen Rang besser mit ‚Feldwebelleutnant‘ als mit ‚Hauptmann‘ (z.B. in Mt 8,5). Taktische Grundeinheit war das Manipel aus zwei Centurien. Kohorten wie Manipel kommandierten Militärtribunen mindestens ritterlichen Standes. Die Römer verdankten ihre Siege einer neuen Taktik und einer ebenso radikal neuen Bewaffnung. Die makedonische Phalanx war ein einziger Gewalthaufen von mehreren tausend Mann. Einmal in Bewegung, war er nicht leicht zu stoppen, aber schlecht umzudirigieren, wenn sich die Rich- tung, in die er sich bewegte, als die falsche herausstellen sollte. Die Römer stell- ten ihre ‚Drittelbataillone‘ in drei Treffen auf mit Bewegungsspielraum nach allen Seiten. Dabei standen die Manipel der hinteren Treffen jeweils hinter den Lücken in den vorderen. Damit war die Armee auch im Einsatz flexibel umzudi- rigieren. Zweitens hatten die Römer die immer länger und damit auch unhand- licher gewordenen Lanzen abgeschafft. Die Legionäre waren zum Schutz vor feindlichem Beschuss mit großen rechteckigen Schilden ausgestattet, die gleich effizient von vorn, zur Seite wie von oben schützten. Sie verfügten über zwei Wurfspeere (Pilen) und ein Kurzschwert (Gladius). Während die Assyrer den zu tötenden Feind am liebsten auf bogenschussweiten Abstand hielten, gingen die Griechen mit ihren Stoßlanzen bereits auf sehr viel kürzere Distanz zur Sache. Die Römer töteten in direktem Körperkontakt; die Wurfspeere hatten nur die Funktion, die Gegner ihrer Schilde zu berauben. Die römischen Erfolge verdan- ken sich letztlich einer bislang unerhörten Brutalität, die sich nicht nur im Ver- gnügen der Zirkusspiele mit Tierhetzen, Gladiatorenkämpfen und überaus grausamen und ungewöhnlichen Hinrichtungen äußert. Neben den Legionen gab es die aus Nicht-Römern rekrutierten Hilfstrup- pen, die in Kohorten (Infanterie) und Alen (Schwadronen, Kavallerie) organi- siert waren. Gesucht waren Reiter und Bogenschützen, da die Römer diese bei- den Kampfsportarten selbst nicht betrieben. Sehr hoch entwickelt war das Militäringenieurwesen. Die z.T. bis heute erhaltenen Römerstraßen mit ihren Brücken und Tunneln waren alle von der Armee gebaut. Die im Hellenismus aufgekommen Schieß-, Wurf- und Belagerungsmaschinen wurden von den Römern weiter verbessert. Pompeius, 63 vC | 415 12.1 Pompeius, 63 vC Schäfer (22010) 94–96; – K. Welch, Magnus Pius. Sextus Pompeius and the Transformation of 1 the Roman Republic (Swansea 2010); T. Stickler, Pompeius: Patron – Feldherr – Politiker Roms (Urban-TB 695; Stuttgart 2010); J.M. Højte ed., Mithridates VI and the Pontic Kingdom (Aarhus 2009); K. Ehling, Untersuchungen zur Geschichte der späten Seleukiden (164–63 v. Chr.) (Historia Einzelschriften 196; Stuttgart 2008); A. Lichtenberger, Kulte und Kultur der Dekapolis. Untersuchungen zu numismatischen, archäologischen und epigraphischen Zeugnissen (ADPV 29; Wiesbaden 2003); P. De Souza, Piracy in the Graeco-Roman World (Cambridge 2002); A. Keaveney, Lucullus. A Life (London & New York 1992); U. Baumann, Rom und die Juden. Die römisch-jüdischen Beziehungen von Pompeius bis zum Tode des Herodes (63 v. Chr.–4 v. Chr.) (Frankfurt 21986); Y. Meshorer, City-Coins of Eretz-Israel and the Decapolis in the Roman Period (Jerusalem 1985); A. Spijkerman, The Coins of the Decapolis and Provincia Arabia (SBF.CM 25; Jerusalem 1978); H. Bietenhard, Die syrische Dekapolis von Pompeius bis Traian: ANRW II.8 (Berlin 1977) 220–261. In Rom lag die Republik in den letzten Zügen, als sie den Orient eroberte. Die Parteien der ‚Optimaten‘ (vergleichbar den britischen Tories des 18. und 19. Jh.) und der ‚Popularen‘ (die Whigs oder Liberaldemokraten) bekämpften sich bis aufs Blut. Starke Männer bildeten Triumvirate, wenn sie nicht gerade den Rest der Welt unterwarfen oder Bürgerkrieg führten. S. Gnaeus Pompeius eroberte den Orient wie Caesar später Gallien in ‚Selbstverteidigung‘. Mithridates VI., König von Pontus (Nordost-Kleinasien am Schwarzen Meer) griff 74 die römi- schen Besitzungen in Kleinasien zum drittenmal an. Bis 67 bekämpfte ihn L. Licinius Lucullus, der die Kirsche nach Rom brachte, hauptsächlich in Gestalt seines armenischen Schwiegersohnes. 67 wurde Pompeius in den Osten des Mittelmeeres geschickt, um die dort überhandnehmende Piraterie zu unterdrü- cken. 65 hatte er diese Aufgabe gelöst, eroberte Pontus und machte Armenien zum römischen Vasallenstaat. 64 begab er sich nach Syrien und beendete die Herrschaft der Seleukiden. Syrien wurde wie Pontus römische Provinz. 63 vC marschierte er in Jerusalem ein. Salome Alexandras Sohn Hyrkan war Hoherpriester und damit ihr desig- nierter Nachfolger, doch ihr anderer Sohn Aristobul sicherte sich kurz vor ihrem Tod mit Unterstützung der Sadduzäer einige Festungen. Damit war wieder Bür- gerkrieg. 67 wurde Hyrkan (II.) von Aristobul (II.; 67–63) bei Jericho besiegt und zog sich fürs erste ins Privatleben zurück. Der Gouverneur Idumäas, Antipater, selbst Idumäer und der Vater Herodes d. Gr., unterstütze jedoch Hyrkan II., der zum Nabatäerkönig Aretas III. floh und mit einer nabatäischen Armee zurück- kehrte, um Aristobul in Jerusalem zu belagern. 63 vC empfing Pompeius in Da- maskus drei jüdische Gesandtschaften: eine Hyrkans II., eine Aristobuls II., und 416 | Pax Romana eine des ‚Volkes‘, der Pharisäer, die gar keinen König mehr wollten; in der Schlusskomposition des Psalters, Ps 146–150, ist der König-Messias aus dem erhofften Eschaton verschwunden. Im Herbst dieses Jahres kam Pompeius mit seiner friedensstiftenden Mission, die derart herausgefordert worden war, in Jerusalem an und sorgte für Recht und Ordnung. Die von Johannes Hyrkan I. und Alexander Jannäus eroberten hellenisti- schen Städte mit ihren Gebieten wurden ‚befreit‘, d.h. im Rahmen der römi- schen Provinz Syrien autonom. Ihr Gebiet wurde geographisch als ΔΕΚΑΠΟΛΙΣ ‚Zehnstädte-Land‘ bezeichnet (Mt 4,25; Mk 5,20; 7,31), das sich von der Bucht von Bet-Schean (Scythopolis) über das nördliche Transjordanien (Philadelphia, Gerasa, Pella, Gadara) bis nach Südsyrien erstreckte (Canatha, Damaskus). ‚Autonomie‘ umfasste kommunale Selbstverwaltung und das Münzrecht. Judäa mit Idumäa, Samaria und Galiläa wurden Hyrkan II. als Hohenpriester, nicht mehr als König, unterstellt (63–40 vC) und Rom tributpflichtig. Damit war der staatsrechtliche Zustand von vor 129 vC wiederhergestellt. Es gibt keine römi- sche Darstellung der Bündnis-Verträge zwischen den Makkabäer-Brüdern und Rom (1 Makk 8,17–31; 12,1–4; 14,16–19; 15,15–24), aber es entspricht einem Grundprinzip orientalischer wie römischer Politik, dass Rom die Judäer als un- abhängige Verbündete betrachtete, solange es noch Seleukiden gab, und als seleukidische Vasallen, sobald es diese beerbt hatte – denn der Nachbar ist ein natürlicher Feind, sein Nachbar ein ebenso natürlicher Verbündeter. 62 vC wur- den die Nabatäer in die Schranken gewiesen, ebenfalls tributpflichtig und mussten Philadelphia (Rabbat Ammon, Amman) räumen. Die Brüder Hyrkans gaben nicht auf. Der andauernde Bürgerkrieg führte zu weiteren römischen Eingriffen. 57 vC nahm Aulus Gabinius, Prokonsul von Syrien, dem Hohenpriester vollends die politische Macht und setzte unter seiner Oberaufsicht fünf Provinzial-Gerusien ein (Jerusalem, Geser [?], Amathous [Peräa], Jericho, Sepphoris [Galiläa] – Idumäa und Samarien scheinen schlecht abgedeckt). 49–45 tobte der Bürgerkrieg zwischen Julius Caesar und Pompeius (48 vC ermordet) und dessen Anhängern rund ums Mittelmeer. Die nach wie vor ambitionierten Aspiranten auf ein wiederzuerrichtendes judäisches Königtum witterten Morgenluft. 49 vC wurde Aristobul II. von Pompeianern ermordet; seine Ansprüche übernahm sein Sohn Matthathias (Mathithjahu) Antigonos. Hyrkan II. war faktisch eine Marionette des Idumäers Antipater. 47 vC machte Caesar die Anordnungen des Gabinius rückgängig: Hyrkan wurde ‚Ethnarch‘, Antipater römischer Bürger und ‚Prokurator Judäas‘. Antipaters Söhne Phasael und Herodes wurden Militärkommandanten bzw. Provinzstatthalter (Strategen) von Jerusalem und Galiläa. Ohne das Synhedrium zu konsultieren, nahm Hero- des in Galiläa einen Banditen (bzw. Widerstandskämpfer) namens Hiskija ge- Herodes der Große 40/37–4 vC | 417 fangen und ließ ihn hinrichten. Das Synhedrium erhob Anklage gegen Herodes, aber die Römer machten ihn dafür zum Strategen von Koile-Syrien (jetzt Liba- non) und Samaria. 44 vC wurde Caesar ermordet, der römische Bürgerkrieg ging in die nächste Runde. 43 vC unterstützten Herodes und Phasael den Caesar- Mörder G. Cassius Longinus so tatkräftig wie sie einst Caesar unterstützt hatten – auf Kosten der Bevölkerung: die Bewohner von 4 aus 11 Distrikten konnte die Steuern nicht aufbringen und wurde ersatzweise in die Sklaverei verkauft. 42 vC übertrugen die Brüder ihre Loyalität auf das Siegerpaar Octavian (Augustus) und Antonius: Hyrkan blieb Ethnarch, Herodes und Phasael wurden Tetrarchen – ‚Viertelherrscher‘, nicht ‚Vierfürsten‘. 12.2 Herodes der Große 40/37–4 vC Schäfer (22010) 97–120; – R. Porat, R. Chachy, Y. Kalman, Herodium. Final Reports of the 1972– 1 2010 Excavations Directed by Ehud Netzer, Vol. I: Herod’s Precinct (Jerusalem 2015); M. Bernett, Herrschaft und Repräsentation unter den Herodiern: ZDPV 127 (2011) 75–104; D.M. Jacobsen & N. Kokkinos ed., Herod and Augustus (IJS Studies in Judaica 6; Leiden 2009); L.M. Günther ed., Herodes und Jerusalem (Stuttgart 2009); S. Rocca, Herod’s Judaea. A Mediterra- nean State in the Classical World (TSAJ 122; Tübingen 2008); R. Wenning, Das Grab Herodes des Großen: WUB 45 (2007) 68–69; L.-M. Günther ed., Herodes und Rom (Stuttgart 2007); A. Kasher, King Herod. A Persecuted Persecutor. A Case Study in Psychohistory and Psychobiog- raphy (Studia Judaica 36; Berlin 2007); N. Kokkinos ed., The World of the Herods (Oriens et Occidens 14; Stuttgart 2007); E. Netzer, The Architecture of Herod, the Great Builder (TSAJ 117; Tübingen 2006); A.K. Marshak, The Dated Coins of Herod the Great: Towards a New Chronolo- gy: JSJ 37 (2006) 212–240; R.Y.T. Lee, Romanization of Palestine. A Study of Urban Develop- ment from Herod the Great to AD 70 (BAR.IS 1180; Oxford 2003); J. Strange, Herod and Jerusa- lem: The Hellenization of an Oriental City: T.L. Thompson ed., Jerusalem in Ancient History and Tradition (JSOT. SS 381 = CHS 13; London and New York 2003) 97–113; A. Lichtenberger, Die Baupolitik Herodes des Großen (ADPV 26; Wiesbaden 1999); E. Netzer, Die Paläste der Hasmonäer und Herodes’ des Großen (Mainz 1999); K. Fitschen et al. ed., Judaea and the Greco-Roman World in the Time of Herod in the Light of Archaeological Evidence (AAWG.PH 3.215; Göttingen 1996); E. Netzer, Greater Herodium (QEDEM 13; Jerusalem 1981); A. Schalit, König Herodes. Der Mann und sein Werk (Berlin 1969, 22001). 40–36 vC verlor Rom Syrien an die Parther. Antigonos verbündete sich mit die- sen, Hyrkan II. verlor die Ohren und das Priesteramt (vgl. Lev 21,21), und 40–37 amtierte Matthathias Antigonos als Hoherpriester, parthischer Vasallenkönig und letzter Hasmonäer, während der römische Senat zugleich Herodes zum ‚König von Judäa‘ ernannte, der sein Königreich erst erobern musste. Die Land- bevölkerung und die Landschaften Judäa und Galiläa unterstützen Antigonos, während die Großgrundbesitzer und die Landschaften Idumäa und Samaria 418 | Pax Romana Herodes folgten; wieder überlagerten sich ethnische, soziale und religiöse Ge- gensätze (strengere Thora-Observanz gegen liberalere). 37 vC eroberte Herodes mit römischer Unterstützung Jerusalem, Antigonos wurde geköpft. Der Idumäer Herodes d. Gr. ist ohne Zweifel der bedeutendste König, der jemals in Jerusalem regiert hat. Von seinen Bauten sind die Westmauer des Tempels wie die Grundmauern der Patriarchengräber von Hebron und des Ab- raham-Heiligtumes von Mamre erhalten, von seinen Städtegründungen zeugen die Ruinen – und die Namen – von Caesarea Maritima (ab 25 vC) und Sebaste (ehemals Samaria, ab 27 vC). Er regierte in der Tat von Dan bis Beerscheba und ein wenig darüber hinaus. Er war der große Bauherr, der Salomo nur in der Legende ist. Den Juden baute er den Tempel größer und schöner auf, als Salomo sich hätte träumen lassen können, den ‚Griechen‘ gründete er Poleis (außer den bereits genannten Aphek-Antipatris u.v.a.m.). Die ‚Klagemauer‘ ist die West- mauer der Temenos-Plattform, die Herodes massiv vergrößerte, mit Spiegel- Quadern von bis zu 1 x 2 m; Substruktionen des Temenos hat es wegen des ab- fallenden Geländes schon zuvor gegeben, aber nicht in diesen Dimensionen. Als guter Hellene spendete er großzügig für die olympischen Spiele zu Ehren des Zeus. Schon Alexander Jannai hatte damit angefangen, gegen drohende Auf- stände im Land ‚Rückzugsfestungen‘ in der ‚Wüste‘ anzulegen (Alexandreion, Machärus, Masada). Diese übernahm Herodes und fügte weitere hinzu, z.B. Herodeion, wo er auch begraben wurde, und baute die hasmonäischen Winter- paläste bei Jericho weiter aus; im Winter kann es in Jerusalem sehr kalt werden und Isolierverglasung gab es auch für Könige noch nicht. Er regierte mit harter Hand, besonders in der eigenen Familie, aber seine Bauten waren das größte Beschäftigungsprogramm, das Judäa bislang erlebt hatte. Als sie fertig waren, gab es dann auch Probleme mit Arbeitslosigkeit. Er versuchte, den Hellenen ein Hellene und den Juden ein Jude zu sein. So waren ihm die Sadduzä- er/Hellenisten loyal, den Pharisäern und den radikal-nationalreligiösen Kreisen war er aus dem gleichen Grunde verhasst. Das prägt – über das Neue Testament – sein Bild bis zur Gegenwart. Er war ein König von Roms Gnaden, und im Ver- gleich zu dem, was auf ihn folgte, war er die am wenigsten schlechte Option für die politische Verfassung Judäas bei den gegebenen innen- und außenpoliti- schen Konstellationen. Marktgewicht des Herodes. 9/8 vC. Griechisch. Text und Übersetzung: CIIP 1.1.666. Jahr 32 des Königs Herodes, des Frommen, des Kaiserfreundes. [1] Mine des Marktes. Herodes der Große 40/37–4 vC | 419 24 vC übertrugen ihm die Römer die Trachonitis, Batanäa (Baschan) und den Hauran, was ungefähr dem Territorium Halbmanasses in Jos 13 und den östli- chen Eroberungen Jerobeams II. entspricht. Diese Regionen mit überwiegend arabischer Bevölkerung hatten ein ‚Räuber-Problem’, und die Römer erwarte- ten, dass Herodes am ehesten damit fertig werden würde. Diese Räuber lassen sich mit den ‚Safaiten’ identifizieren, eine überwiegend beduinische Bevölke- rung, die sich selbst nach über hundert Sippen und zwei Stammesverbänden identifizierte. Der moderne Name ist vom Fundort der ersten altarabischen In- schriften abgeleitet, die sie hinterließen (2./1. Jh. vC–3./4. Jh. nC). Sie wanderten zwischen dem Ostrand des syrischen Agrarlandes und dem Wādi Sirḥān das etwa auf einer Linie von Damaskus nach Duma liegt und machen in ihrer schriftlichen Hinterlassenschaft aus ihrer Militanz kein Hehl. Safaitische Inschriften aus Nordostjordanien. Altnordarabisch. 2./1. Jh. vC–3./4. Jh. nC. Texte: A = M.I. Ababneh, Neue safaitische Inschriften und deren bildliche Darstellungen (Semitica et Semitohamitica Berolinensia 6; Aachen 2005); Ox = W.G. Oxtoby, Some Inscriptions of the Safaitic Bedouin (AOS 50; New Haven 1968). Ox 76 Von Naṣr ben Bi-ʾilihī (Bi-ʾilāh?) ben Saḫr ... Darum, o Allāt, (gib) Beute dem, dem Beute mangelt, und Frieden. Er trauerte über ... A 231 Von Ḫuṭēs ben Kāhil ben ʾAnʿam ben ʾAbgar. Er weidete. Und, o Allāt, (gib) Frieden und Beu- te. Und lösche des Augenlicht desjenigen aus, der diese Inschrift auslöscht. Die Bitte gleichzeitig um ‚Frieden‘ (salām) und ‚Beute‘ (wa-ġanīmat) gründet in einer Menta- lität, die ‚Frieden‘ (Sicherheit, Wohlbefinden) nur für den eigenen Clan erwünscht scheinen lässt, um von allen anderen ‚Beute‘ zu erplündern. Herodes d. Gr. ist 4 vC gestorben, nachdem er von seiner letalen Krankheit (Dia- betes? oder Darmkrebs? ein Leberleiden?) vergeblich Heilung in den heißen Quellen von Kallirhoë am Ostufer des Toten Meeres gesucht hatte. 420 | Pax Romana Abb. 67: Palästina in hellenistisch-römischer Zeit. Tetrarchen und Prokuratoren | 421 12.3 Tetrarchen und Prokuratoren Schäfer (22010) 121–144; – H.-W. Kuhn, Betsaida/Bethsaida – Julias (et-Tell). Die ersten 25 1 Jahre der Ausgrabung (1987–2011) (NTOA, Series Archaeologica 4; Göttingen 2015); A.A. Bar- rett, Caligula: The Abuse of Power (London and New York 2 2015); M. Hengel, Die Zeloten. Un- tersuchungen zur jüdischen Freiheitsbewegung in der Zeit von Herodes I. bis 70 n. Chr. (Tü- bingen 32011); M.H. Jensen, Herod Antipas in Galilee. The Literary and Archaeological Sources on the Reign of Herod Antipas and its Socio-economic Impact on Galilee (WUNT 2.215; Tübing- en 22010); J. Wilker, Für Rom und Jerusalem. Die herodianische Dynastie im 1. Jahrhundert n. Chr. (Studien zur Alten Geschichte 5; Frankfurt/M. 2007); N. Kokkinos, The Herodian Dynasty (JSP.S 30; 1998); H.K. Bond, Pontius Pilate in History and Interpretation (Cambridge 1998); F. Millar, The Roman Near East 31 BC – AD 337 (Cambridge MA 1993); M. Sartre, L’Orient romain. Provinces et sociétés provinciales en Méditerranée orientale d’Auguste aux Sévères (Paris 1991), 309–407; G. Vermes & E. Schürer, History of the Jewish People in the Age of Jesus Christ. I-III (Edinburgh 1973–1987); T. Mommsen, Das Leben in den Provinzen von Caesar bis Diokletian. Römische Geschichte V (Berlin 51904 = Das Weltreich der Römer, Kettwig 1990). Nach dem Tod des Herodes erwies sich keiner seiner überlebenden Söhne als würdig und fähig, das Erbe des Vaters im vollen Umfang anzutreten. Das he- rodianische Vasallen-Königreich wurde in Tetrarchien (Viertel-Herrschaften) aufgeteilt. Das Reich Herodes d. Gr. war auch in diesem Punkt dem Reich Da- vids vergleichbar ein ‚Staat ad personam‘, der nach dem Tod seines Gründers in seine Bestandteile zerfiel bzw. zerlegt wurde. Während sich die Erben noch in und mit Rom stritten, standen in Galiläa, Peräa und Juda ‚Räuberbandenführer‘ auf (Zeloten), die sich ‚Könige‘ nannten; die Zündschnur glühte bereits am Pul- verfass, dass 66 nC explodieren sollte. Diese Ansätze eines Aufstands wurden vom syrischen Legaten Quintilius Varus unterdrückt. Drei Herodes-Söhne re- gierten schließlich als ‚Tetrarchen‘ – man ließ die Amtsbezeichnung von 42 vC wieder aufleben, ohne für die Besetzung aller Rollen genug Personal zu haben. (a) Archelaos erhielt Judäa, Samaria und Idumäa, 4 vC bis 6 nC; wegen Uner- träglichkeit wurde er abgesetzt und nach Südgallien verbannt. Judäa kam nun unter die Verwaltung von Prokuratoren aus dem Ritterstand als ‚Provinz II. Klasse‘, locker der Provinz Syrien unterstellt: der Lk 2,2 erwähnte Census des Quirinius, Legat Syriens, wurde 7 nC durchgeführt. Von 26–36 amtete Pontius Pilatus als Präfekt. Er war einer der Elefanten, auf den dieser Porzellanladen nur gewartet hatte. 422 | Pax Romana Bauinschrift von Pontius Pilatus im Hafen von Cæsarea Maritima. 26–36 nC. Text: G. Al- földy, Nochmals: Pontius Pilatus und das Tiberieum von Caesarea Maritima: SCI 21 (2002) 133–148. [NAVTI]S .TIBERIEVM [x.PO]NTIVS.PILATVS [PRAEF]ECTVS.IVDA[EAE] [REF]E[CIT] „Den Seeleuten hat das Tiberieum [einen Leuchtturm] [X.] Pontius Pilatus Präfekt von Judäa wiederhergestellt.“ 41–44 wurde Judäa wieder ein Königreich, indem es an König Herodes Agrippa I. übertragen wurde, der mit den Pharisäern sympathisierte und wahrscheinlich wegen zu großer Eigenständigkeit von den Römern vergiftet wurde. Von 44–66 verwalteten wieder Prokuratoren, König Agrippa II. ernannte aber den Hohen- priester. (b) Herodes Antipas (4 vC–39 nC) war der Landesvater Jesu. Er erhielt Galiläa und Peräa. Er baute Sepphoris wieder auf und gründete 19 nC Tiberias zu Ehren des herrschenden Kaisers. 39 nC wurde er nach Lugdunum (Lyon) verbannt, seine Tetrarchie fiel an Agrippa I. 44–61 regierten Prokuratoren. 61– 66 war Galiläa das Königreich Agrippas II. (c) Philippus erhielt als Tetrarch 4 vC–33 nC Batanäa, Trachonitis, Auranitis, Gaulanitis und (das südliche ehe- malige) Ituräa, also Südwestsyrien und Südlibanon. Er gründete Caesarea Phi- lippi (Paneas) bei der östlichen Jordanquelle und Julias (Bethsaida) am See Genesaret (nicht mit der unter diesem Namen gegenwärtig ausgegrabenen Orts- lage östlich des Jordans identisch) und als einziger in seiner Verwandtschaft ein friedlicher Mensch. Seine Tetrarchie kam 33 nC an die Provinz Syrien und 37 nC an seinen Neffen Agrippa I. (mit Judäa und dem Königstitel; Apg 12,1), 44 wie- der an Syrien, 53–66 an Agrippa II. Marcus Julius Agrippa oder Agrippa II. (vgl. Apg 25,13–26,32) war der Sohn von Herodes Agrippa I. Beim Tod seines Vaters nur 17 Jahre alt, behielt Claudius ihn in Rom zurück und übertrug sein König- reich Prokuratoren. 48 erhielt er als Königreich Chalcis die Tetrarchie des Phi- lippus, die zwischenzeitlich Herodes V. innegehabt hatte, wurde 53 vom König zum Statthalter degradiert (aber mit größerem Territorium). 55 erhielt er von Nero Tiberias und Julias (in Peräa). Seine Art, das Amt des Hohenpriesters zu besetzen, schuf ihm in Judäa keine Freunde. Bei Ausbruch des Krieges 66 unter- stützte er Vespasian mit 2.000 Mann und setzte sich nach der Zerstörung Jerusa- lems 70 in Rom zur Ruhe. Tetrarchen und Prokuratoren | 423 Ehreninschrift für Titus Mucius Clemens. 50–60 nC. Griechisch. Text: SEG 51.2020; Text und Übersetzung: F.E. Brenk & F. Canali De Rossi, The ‚Notoriousʻ Felix, Procurator of Ju- daea, and His Many Wives (Acts 23–24): Biblica 82 (2001) 410–417, 414–416. Dem Titus Mucius Clemens, Sohn des Marcus [...] Präfekt eine Kohorte Infanterie des Königs Agrippa des Großen, [41–44] … des Tiberius Alexander, Präfekten von Judäa [46–48], Präfekt der ersten Ala herodianischer Kavallerie des Tiberius Claudius Felix [52–60], Prokurator des Augustus von Judäa, Simonides und T[…], ihrem Patron für seine Wohltat in Dankbarkeit. Diese Ehreninschrift aus der Umgebung von Dor gilt einem römischen Ritter, der nachei- nander Vasallenkönigen wie Prokuratoren als Offizier gedient hat. Seine dankbaren Klien- ten sind wahrscheinlich Juden. Diese häufigen verwaltungs- und staatsrechtlichen Umstrukturierungen zeigen die Hilflosigkeit Roms im Umgang mit dem, was man im 19. Jh. nC ‚die judäi- sche Frage‘ genannt hätte, und trugen nichts zur Beruhigung der immer explo- siver werdenden Lage bei. Die Herrschaft einer Handvoll römischer Aristokraten über den Orient war darauf angewiesen, eine loyale hellenistische Oberschicht vorzufinden mit einer von ihr abhängigen, teil-hellenisierten Mittelschicht, die zwischen Herrschern und Beherrschten vermitteln konnte. Das war in Judäa nicht gegeben, wie u.a. das militärische Vorgehen Agrippas II. zeigt. Dass die Römer ihre orthodoxen und ultra-orthodoxen jüdischen Untertanen nicht ver- standen, lag auch daran, dass es niemanden gab, der sie ihnen hätte verständ- lich machen können. Zwar war 30 vC Ägypten römische Provinz geworden und der mediterrane Teil des Alexanderreiches damit nicht nur unter sich wieder- vereint, sondern auch mit dem Westen des Mittelmeerraumes. In der Abfolge der Imperien, die Israel/Palästina im Laufe der Jahrtausende beherrschten: Assur – Babylon – Persien – Alexander – Prolemäer – Seleukiden – Rom – By- zanz – das Umayyadenreich (660–750) – Ayyubiden und Mamluken (1171–1516) – Osmanen (1516–1918) – war Rom (wie dann die britische Mandatsverwaltung 1918/1923–1948) die einzige Großmacht, deren Zentrum nicht im Bereich des Ostbeckens des Mittelmeeres lag. Rom hatte das Erbe des ägyptischen Neuen Reichs in Kanaan angetreten und kam trotz unvergleichlich größerer Machtmit- tel und eines unvergleichlich höheren Zivilisationsgrades des neuerworbenen Gebiets mit den Einheimischen ebenfalls nicht klar. Bei der Errichtung der Provinz Syrien wurden die urbanen Gebiete mit einer hinreichend hellenisierten Oberschicht, d.h. die Städte der Dekapolis, der phi- listäischen Küstenebene und Phönikiens, als teilautonome Größen der Provinz zugeteilt. Die im begründeten Ruf der ‚Wildheit’ stehenden Fürsten- und Häupt- lingstümer der Juden, Ituräer und Nabatäer blieben einstweilen auf dem Status 424 | Pax Romana von Vasallen, bis deren Zivilisierung hinreichende Fortschritte gemacht zu ha- ben schien, dass sie ebenfalls römische Untertanen werden durften (Ituräa 20 vC, Judäa 6, 74 und 135 nC, Nabatäa 106 nC). Die Zivilisations-Wellen verbreiten sich in Syrien-Palästina von Norden nach Süden und von Westen nach Osten. Im Falle der Ituräer und Nabatäer bedurfte es nur des Anmarsches der Legio- nen, um die Angliederung an das Reich einer Bevölkerung gegenüber unwider- ruflich zu machen, die sehr schnell einsah, welche Vorteile die neue Staatsan- gehörigkeit brachte. Im Fall von Judäa aber brauchte es drei Anläufe, zwei sehr blutige Kriege und einen Genozid, um diesen Zustand zu erreichen. Das lag nicht nur daran, dass Römer und Zeloten beide sehr klare und völlig unverein- bare Vorstellungen von einer ‚gerechten Weltordnung‘ hatten, die den Arabern jener Zeit, Ituräern und Nabatäern, abgingen. Es lag auch daran, dass Rom nach dem Tod des Augustus (14 nC) selbst zu instabil war, um Judäa stabilisieren zu können. Tiberius (14–37) war ein paranoider Misanthrop, der sich auf Ischia verkroch statt in Rom alle Zügel in der Hand zu halten. Von seinen Nachfolgern starb keiner eines natürlichen Todes. Caligula (37–41) war ein megalomaner Serienmörder. Claudius (41–54), unter dem Britannien römisch wurde, war ein scheuer Gelehrter, von seiner Familie nie für die Thronfolge in Betracht gezogen und entsprechend unvorbereitet. Er war ein guter Mensch und sorgsamer Ver- walter, aber kein Soldat und ohne Charisma. 54 wurde er von seiner Frau Agrip- pina ermordet, ihm folgte sein Großneffe Nero, der sich bis 68 mit seiner nar- zisstischen Eitelkeit und einer fatalen Mischung von Inkompetenz, Wankelmut und Sadismus zum Gespött der römischen Welt machte. 12.4 Die jüdischen Kriege 66–73 und 132–135 nC 1 Schäfer (22010) 145–192; – H.M. Niemann, Gibt es ein Leben nach dem Tod? Gott und Mensch, Tod und Auferstehung nach Texten der Hebräischen Bibel und frühjüdischen Schriften, in: C. Ammer ed., Erinnerungskultur (Hannover 2015) 24–55; R.A. Horsley, Revolt of the Scribes: Resistance and Apocalyptic Origins (Minneapolis 2010); Y. Arbel, Ultimate Devotion. The His- torical Impact and Archaeological Expression of Intense Religious Movements (London 2009); A. Fantalkin, The Appearance of Rock-Cut Bench Tombs in Iron Age Judah as a Reflection of State Formation: A. Fantalkin / A. Yasur-Landau ed., Bene Israel. Studies in the Archaeology of Israel and the Levant during the Bronze and Iron Ages in Honour of Israel Finkelstein (CHANE 31; Leiden 2008) 17–44; R. Hachlili, Jewish Funerary Customs, Practices, and Rites in the Sec- ond Temple Period (JSJ.S 94; Leiden 2005); J. Zangenberg & G. Fassbeck, ‚Jesus am See von Galiläa’ (Mt 4,18). Eine Skizze zur archäologischen Forschung am See Gennesaret und zur regionalen Verankerung der frühen Jesusbewegung: C.G. den Hertog & al. eds., Saxa Lo- quentur (FS V. Fritz = AOAT 302; Münster 2003) 291–310; E. Badian, Zöllner und Sünder. Un- ternehmer im Dienst der römischen Republik (Darmstadt 1997); G. Theißen, Studien zur Sozio- Die jüdischen Kriege 66–73 und 132–135 nC | 425 logie des Urchristentums (WUNT 19; 31989); H. Kraft, Die Entstehung des Christentums (Darm- stadt 1981) 76–86; M. Hengel, Die Zeloten (Köln & Leiden 21976; 32011); J. Wellhausen, Israeli- tische und jüdische Geschichte (Berlin 21895) 342–356. Seit der Mitte des 2. Jh. vC befand sich ein Teil des palästinischen Judentums im Zustand apokalyptischer Aufgeregtheit, und dieser Teil wuchs seit 63 vC gewal- tig an. Weder die Ereignisse in Rom noch im eigenen Land sprachen für die Stabilität der gegenwärtigen Welt. Das mittlerweile erreichte Niveau an Gewalt und Ungerechtigkeit musste einfach den Messias auf den Plan rufen, sollte JHWH sein Volk nicht vergessen haben, was undenkbar war. Israel/Palästina wurde unter römischer Herrschaft insgesamt reicher – ein gewisser Steuerdruck fördert die Produktivität, dass hatte sich schon unter den Ptolemäern gezeigt. Damit wuchs aber auch die soziale Ungleichheit. Weiterhin war die Steuerpacht ein recht sicherer Weg zum wirtschaftlichen Erfolg, damit aber auch die Kolla- boration mit Rom, während die weniger Begüterten auf diese Art und Weise Opfer einer doppelten Ausbeutung wurden, durch Rom und durch die Steuer- pächter, die sie kaum noch als Glaubensgenossen ansahen: ‚Zöllner‘ waren ‚Sünder‘. In Josephus’ Erzählungen treten mit andauernder römischer Herr- schaft immer häufiger nicht nur ‚Sozialbanditen‘ auf, prä-revolutionäre Banden, sondern auch ‚Propheten‘ und ‚Messiasse‘. Nach dem herrschenden Ge- schichtsbild hatte sich die kleine Familie des Mattatija mit ihren wenigen An- hängern dem seleukidischen Großreich erfolgreich widersetzt und Israel befreit – sollte das nicht auch gegenüber Rom gelingen, besonders Freiheitskämpfern, die viel frömmer waren als die inzwischen diskreditierten Makkabäer/Has- monäer? Was diese aus ihrer hebräisch/aramäischen, israel/palästinischen Perspektive aber übersahen: wie wüst es die Imperatoren in Rom und die Proku- ratoren in Jerusalem bzw. Cäsarea Maritima auch immer trieben, die Legionen hatten noch nichts von ihrer Kampfkraft verloren, und die reichsweite Ober- und Mittelschicht von Großgrundbesitzern und Händlern sorgte für eine stabile Wirtschaft, auch wenn der Handel im Mittelmeerraum schon leicht zurückging, ohne dass es damals jemand bemerkt hätte. Die prä-revolutionären Banden in den Wäldern Galiläas und Wüsten Judäas mochten in ihrer Bewaffnung und Taktik den römischen Soldaten noch so un- terlegen sein, auf moralischem Gebiet verfügten sie über eine Superwaffe: den Glauben an die leibliche Auferstehung der Gerechten (Niemann 2015). Im 3. Jh. vC war die Überzeugung aufgekommen, dass die Seelen der Gerechten nicht in die Hades-artige Unterwelt der Scheol hinabfuhren (die bisherige Ansicht), sondern in den Himmel zur Gemeinschaft mit JHWH auffuhren (Ps 49,14–16; 73,23–26; Dan 3,86; dagegen Koh 3,18–21). Dagegen sind Belege für die ‚Aufer- 426 | Pax Romana stehung des Fleisches‘ im AT spät, wenige und umstritten (Jes 26,19; Dan 12,2; 2 Makk 7,9.11.14.23), und es bleibt unklar, für wie viele ihrer Zeitgenossen diese Stimmen sprachen. Die Sadduzäer lehnten die Auferstehungsvorstellung wei- terhin ab, aber im 1. Jh. vC und nC waren sie damit in der Minderheit. In den Felsengräbern seit der Eisen-II-Zeit (Fantalkin 2008) wurden die Bestatteten liegen gelassen, bis ihr Platz für die nächste Generation gebraucht wurde: dann wurden die Knochen auf den großen Haufen der Vorfahren gekehrt – das war der konkrete Vorgang, den die Bibel mit ‚versammelt werden zu seinen Vätern‘ benennt. Doch im 1. Jh. ändert sich das. Nach Abschluss des Verwesungspro- zesses werden die Knochen jetzt in individuellen Knochenkästen, Ossuaren, beigesetzt. Von den ca. 2.000 Ossuaren von den Nekropolen Jerusalems sind 25% mit dem Namen des Insassen beschriftet (auf Griechisch, Hebräisch oder Aramäisch). Danach war der ‚pharisäische‘ Auferstehungsglaube bis in höchste Gesellschaftsschichten verbreitet. Zwar ist nach Ez 37,1–10 diese Sorgfalt für den Jüngsten Tag nicht unbedingt nötig, aber sie macht den Engeln die Arbeit leichter und ist ein massiver archäologischer Beleg für eine religiöse Einstel- lung. Seit der effektiven römischen Besetzung formierte sich ein ‚linker Flügel‘ der Pharisäer (Jos. ant. 18.1.1 § 1–10; 6 § 23–24) als nationalreligiös-politische Widerstandsbewegung, die Zeloten (‚Eiferer‘ nach dem Vorbild von Pinchas in Num 25 und Mattatija in 1 Makk 2) als bislang radikalste Form der D-Partei. Von ihnen setzten sich pharisäische Verächter der Gewalt zunehmend ab, sozusagen als DP-Partei. Unter den Zeloten kam es wie bei den Makkabäern zu ‚prä- staatlicher‘ Dynastiebildung. I. Generation: Hiskija, von Herodes hingerichtet, als er Stratege Galiläas war; II. Generation: Judas ben Hiskija von Gamala (Apg. 5,37); III. Generation: Simon und Jakob ben Judas ben Hiskija, 45 und 48 nC vom Prokurator Tiberius Alexander gekreuzigt; IV. Generation: Menachem, einer der Führer 66–70, und sein Bruder Jaïr; V. Generation: Eleazar ben Jaïr, Kommandeur von Masada 66/70–73. Mit Eleazar haben wir keinen Zeloten mehr vor uns, sondern einen Sikarier (‚Dolchmann‘); diese Gruppe ermordete nicht nur Römer hinterrücks, wie ihr Name verrät, sondern besonders gründlich auch Juden, die ihnen nicht ‚jüdisch‘ genug sind. Man kann diese Gruppierung nach heutigen Maßstäben nur als Terroristen bezeichnen. Damit ist das politische, soziale und mentale Spannungsfeld umschrieben, in das sich das Leben Jesu einschreibt. Jesus war Jude und gehört damit in eine ‚Geschichte Israels‘, und er war ein apokalyptischer Prediger seiner Zeit. Doch ist für ihn die Quellenlage besonders schlecht. Er gehörte zum aramäischspra- chigen galiläischen Judentum. In seiner Sprache, die auch die Sprache seiner ersten Anhänger war, ist nichts von ihm überliefert; die rabbinische Jesus- Die jüdischen Kriege 66–73 und 132–135 nC | 427 Überlieferung antwortet auf christliche Vorgaben. Ein Erfolg wurde seine Bewe- gung erst im hellenistischen Judentum, bis zum 3./4. Jh. nC überwiegend au- ßerhalb von Israel/Palästina. Der älteste Beleg für christliche Unruhen in der jüdischen Gemeinde findet sich bei Sueton (De vita Caesarum libri VIII, Claudi- us 25): 49/50 wurden Juden aus Rom vertrieben, weil ein gewisser ‚Chre/istus‘ unter ihnen Unruhen angezettelt habe. Mit den Zeloten teilt die Jesus-Bewegung Lebensweise (Gruppen-Wanderradikalismus) und Adressaten (die Leidtragen- den der politisch-wirtschaftlichen Entwicklung). Sein galiläischer Wirkungs- kreis umfasste u.U. nur das Nordwestufer des Sees Gennesaret, seine engere Heimat; er stammte wahrscheinlich aus Kapernaum (H. Kraft). Dort konnte man wegen des günstigen Mikro-Klimas ganzjährig ohne Dach über dem Kopf leben; die Stadt Tiberias kommt im Neuen Testament nur Joh 6,23; 21,1 vor. Jesus stammte aus dem galiläischen Mittelstand (sein Vater war ΤΕΧΝΙΤΗΣ ‚Zimmer- mann, Baumeister‘, kein Tischler oder Schreiner). Seine biblische Bildung mit dem Kanon von Thora, Propheten und Psalmen wie sein religiöser Rigorismus deuten darauf hin, dass er bei den Pharisäern in die Schule gegangen, wohl selbst Pharisäer war. Pontius Pilatus war von 26–36 im Amt. Hingerichtet wurde Jesus als Aufrührer von einem römischen Magistraten nach römischem Recht. Wenn sein triumphaler Einzug in Jerusalem historisch ist, dann ließ jemand, der ‚Josua‘ hieß (‚Jeschua‘ schon für ‚Jehoschua‘ Neh 8,17) und von Jericho her- aufkam (vgl. Jos 6–10!) Pontius Pilatus gar keine andere Wahl, als ihn schnellstmöglich aus dem Verkehr zu ziehen. Der allfällige Inhalt der Verkündi- gung dieses Predigers interessierte da gar nicht mehr, selbst wenn er eine Spra- che gesprochen hätte, die Pilatus verstand. Jerusalem als Zentrum der frühen Gemeinde ist undenkbar, wenn das Grab nicht leer gewesen wäre. Aus was für Gründen es leer war, entzieht sich der historischen Erkenntnis; leere Gräber sind in der Feldarchäologie keineswegs selten. Sich ihrer Grenzen bewusste Natur- wie Sozialwissenschaft kann Glaubenswahrheiten weder beweisen noch widerlegen; sie kann nur Aberglaubens-Unwahrheiten widerlegen, wenn Dog- men über empirisch erforschbare Wirklichkeitsbereiche verkündet werden. Der Terror der Zeloten und Sikarier richtete sich gegen die Römer wie gegen die Sadduzäer (als Kollaborateure), sie wurden aber auch von den Römern be- nutzt, um ihnen missliebige jüdische Eliten aus dem Weg zu räumen, und die Spitzen der Sadduzäer rekrutierten aus ihnen Leibwachen. Im Kampf aller ge- gen alle versank das Land in Anarchie und wurde vollends unregierbar. Die Prokuratoren mussten trotzdem die fälligen Steuern nach Rom abliefern und wollten zugleich auf ihre Kosten kommen. Als der letzte Prokurator Gessius Florus in den Tempelschatz griff, hatte er es mit allen verdorben, und der Auf- stand brach aus (1. jüdischer Krieg, 66–73 nC). Er war nicht weniger als die 428 | Pax Romana Makkabäer-Kämpfe zugleich ein jüdischer Bürgerkrieg: mit als erstes wurden die Schuldurkunden verbrannt. Die 12. Legion marschierte aus Syrien an, wurde aber noch im Herbst 66 bei Bet Horon vernichtet. Der Sadduzäer Joseph ben Mattityahu (später Flavius Josephus) wurde Kommandeur in Galiläa, wo ihm die zelotischen Anführer zu Recht misstrauten. Dass die Sadduzäer sich über- haupt auf das Unternehmen einließen, ist nur mit dem Zustand des römischen Reiches in den letzten Regierungsjahren Neros zu erklären. 67 nC eroberte der General Vespasian mit der 5., 10. und 15. Legion, 23 Auxiliarkohorten und 6 Alae (30.000 Mann) Galiläa und nahm Josephus gefangen, der ihm den Kaiserthron prophezeit haben will, ähnlich wie Johanan ben Zakkai in der rabbinischen Überlieferung; man musste zu dieser Prophezeiung nicht besonders inspiriert sein. 68/69 massakrierten die Zeloten in Jerusalem die Oberschicht und dann sich gegenseitig: verschiedene Stadtteile wurden von verschiedenen, sich be- kämpfenden Parteien der Radikalen besetzt. Bis zum Tode Neros (9.6.68) ero- berte Vespasian derweilen Peräa und Samaria. Dann tat er bis Mai/Juni 69 nichts, sondern sah zu, wie sich der römische Bürgerkrieg entwickelte. Sodann eroberte er den Süden Judäas. Dann tat er wieder nichts, weil ihn die ägypti- schen Legionen am 1.7.69 zum Kaiser proklamierten. 70 übergab er die Kriegs- führung seinem Sohn Titus, zu dem auch noch die wiederhergestellte 12. Legion stieß und der am 10. Av den Tempel stürmte. Danach hielten sich noch Herode- ion, Machärus (im Ostjordanland) und Masada, von denen Masada erst 74 nC fiel. Auf dem Triumphbogen des Titus in Rom ist die herodianische Ausstattung des Tempels verewigt, mit Schaubrottisch und Menora. 74 nC wurde Judaea prätoriale Provinz mit einem patrizischen Legaten statt mittelständischem Prokurator und Standort der 10. Legion. Das zerstörte Jerusa- lem wurde Legionslager. Der ehemals königliche Grundbesitz sowie das von den Rebellen konfiszierte Land fiel an den Kaiser, der dort u.a. Veteranen an- siedelte. Die Mehrheit der jüdischen Bevölkerung hatte nur noch den Status von Kolonen (Pächtern). Die Tempelsteuer von 2 Schekeln pro Kopf wurde weiter erhoben, jetzt aber zugunsten des Fiskus. So wurde allen Juden jährlich erneut ihre Niederlage ins Gedächtnis gerufen – und der Verlust des Tempels. Nach- dem die Zeloten die Sadduzäer ausgeschaltet hatten und ihrerseits den Römern zum Opfer gefallen waren, wurden die gemäßigten Pharisäer zu den alleinigen Repräsentanten des Judentums. Aus den Pharisäern wurden die Rabbinen, aber noch nicht nach 70, sondern erst nach 135 nC. Für die Mehrheit der Juden nach 70 nC war der Verlust des Tempels noch nicht endgültig, denn sie waren nach wie vor überzeugt, Gott auf ihrer Seite zu haben. 2 Makk 7,32–33 bringt diese radikale Mentalität bereits auf den Punkt: „Denn wir leiden nur, weil wir ge- sündigt haben. Wenn auch der lebendige Herr eine kurze Zeit lang zornig auf Die jüdischen Kriege 66–73 und 132–135 nC | 429 uns ist, um uns durch Strafen zu erziehen, so wird er sich doch mit seinen Die- nern wieder versöhnen“. Schäfer (22010) 164–172; – S.J.D. Cohen, The Significance of Yavneh and Other Essays in Jew- 1 ish Hellenism (TSAJ 136; Tübingen 2010); P. Schäfer, Die sog. Synode von Jabne. Zur Trennung von Juden und Christen im 1./2. Jh. n.Chr.: id., Studien zur Geschichte und Theologie des rab- binischen Judentums (Leiden 1978) 45–64. Eine kleine Gruppe ehemaliger Pharisäer und nunmehrige Rabbinen sammelte sich unter römischer Protektion in Jamnia (‫ יבנה‬Yavne) um Johanan ben Zakkai. Aus ihren Diskussionen ging – endgültig bis 200 nC – der masoretische Kanon und die Mischna als Verschriftung der ‚Mündlichen Thora‘ hervor. Eine ‚Synode von Jamnia‘ mit ‚offiziellen Beschlüssen‘ hat es nicht gegeben; es handelte sich um einen längeren Diskussionsprozess, in dem es ‚nur‘ um Ez, Koh, Hld, Sir, Dan und Est ging, deren Kanonizität im Grunde bereits feststand, aber begrün- dungsbedürftig erschien. Der masoretische Kanon ist die Bibel der Pharisäer, und zugleich wahrscheinlich der ‚Kanon‘ der theologischen Lehrbücher an der Schule des Zweiten Tempels seit Salome Alexandra. Das alles sollte einmal wichtig werden – aber ihren Zeitgenossen bedeuteten die Theologen, die ein Judentum mit doppelter Thora, aber ohne Tempel konzipierten, so gut wie nichts. Sie wollten mehrheitlich immer noch die Römer loswerden – und nun auch ihren Tempel wiederhaben. Schäfer (22010) 170–192; Mildenberg (1998) 163–175.176–249; – H.M. Cotton & W. Eck, The 1 Impact of the Bar Kokha Revolt on Rome: Another Military Diploma from AD 160 from Syria Palaestina: Michmanim 23 (2011) 7–22; Y. Arbel, Ultimate Devotion. The Historical Impact and Archaeological Expression of Intense Religious Movements (London 2009); W. Eck, Rom herausfordern. Bar Kochba im Kampf gegen das Imperium Romanum. Das Bild des Bar Kochba- Aufstandes im Spiegel der neuen epigraphischen Überlieferung (Rom 2007); W. Eck & A. Pangerl, Eine Konstitution für die Hilfstruppen von Syria Palaestina vom 6. Februar 158 n. Chr.: ZPE 159 (2007) 283–290; id., Die Konstitution für die classis Misenensis aus dem Jahr 160 und der Krieg gegen Bar Kochba unter Hadrian: ZPE 155 (2006) 239–252; P. Schäfer ed., The Bar Kokhba War Reconsidered: New Perspectives on the Second Jewish Revolt against Rome (TSAJ 100; Tübingen 2003); E. Speller, Following Hadrian: a Second-century Journey Through the Roman Empire (London 2003); H.M. Cotton & W. Eck, P. Murabba’at 114 und die Anwesenheit römischer Truppen in den Höhlen des Wadi Murabba’at nach dem Bar Kochba Aufstand: ZPE 138 (2002) 173–183; W. Eck, Ein Spiegel der Macht. Lateinische Inschriften römischer Zeit in Iudaea / Syria Palaestina: ZDPV 117 (2001) 47–63; id., The Bar Kokhba Revolt: The Roman Point of View: JRS 89 (1999) 76–89; H.-P. Kuhnen ed., Mit Thora und Todesmut. Judäa im Widerstand gegen die Römer von Herodes bis Bar-Kochba (Stuttgart 1994); L. Mildenberg, The Coinage of the Bar Kokhba War (Typos 6; Aarau etc. 1984); P. Schäfer, Der Bar-Kokhba-Aufstand. Studien 430 | Pax Romana zum zweiten jüdischen Krieg gegen Rom (TSAJ 1; Tübingen 1981); M. Stern, Greek and Latin Authors on Jews and Judaism, Vol. I-III (Jerusalem 1974–1984); M. Yourcenar, Memoirs of Ha- drian (New York 1951). Der radikal-apokalyptische Wahnsinn war nicht auf das palästinische Judentum beschränkt. 115–117 kam es in Ägypten, der Kyrenaika (Ost-Libyen) und Zypern zu einem blutigen Aufstand der jüdischen Diaspora (Eusebius, Eccl. hist 4.2.1–5; Stern III 29–30). In Judaea blieb vorerst alles ruhig, doch wurde die Provinz jetzt zu einer konsularischen, die mit 2 Legionen ausgestattet war. Diesmal warf der Kaiser persönlich die Fackel ins Pulvermagazin. P. Aelius Hadrian beschloss 132, die Juden mit einem wiederaufgebauten Jerusalem zu beglücken, größer und schöner als zuvor, und als Kolonie mit römischem Bürgerrecht als Aelia Capitolina, d.h. mit einem Tempel des Jupiter Capitolinus. Gleichzeitig, wahr- scheinlich unter dem Einfluss von Liebeskummer um einen jugendlichen Ge- liebten, verschärfte er das Kastrationsverbot des römischen Rechts so, dass es nun auch die jüdische Beschneidung einschloss (sein Nachfolger stellte die Sache alsbald wieder richtig). Für die Juden war das Antiochos IV. zum Zweiten. Hadrian, der ‚Philosoph auf dem Kaiserthron‘, was ihm entgegen römischer Sitte erlaubte, sich nicht zu rasieren, war vielleicht der ‚allerhellenistischste‘ Herrscher aller Zeiten: er stand den ‚Stämmen‘ und ihren Traditionen weitge- hend verständnislos gegenüber. Es ist wohl nicht von der Hand zu weisen, dass der Anführer des Aufstandes, der sich den Titel ‫ נשיא ישראל‬nasiʾ ‚Fürst (heute: ‚Staatspräsident‘) Israels‘ zulegte und neben sich einen Priester Elʿazar ernann- te (vgl. Num 20,25–28; Ez 40–48; und die Paare Mose/Aaron, Pinchas/Josua, Esra/Nehemia), einen messianischen Anspruch erhob. Er hieß Simon bar Ko- siba, ging aber als ‫ בר כוכבה‬Bar-Kochva ‚Sternensohn‘ bzw. ‫ בר כוזבא‬Bar- Koziba ‚Lügnersohn‘ in die Überlieferung ein. Die jüdische Unterschicht Judäas schloss sich dem Aufstand an oder wurde durch Terror gezwungen, sich ihm anzuschließen. Die Losung war ‚Für die Freiheit Jerusalems‘. Die Stadt wurde aber von Bar Kochba nicht eingenommen. Im Aufstandsgebiet wurden die römi- schen Münzen überprägt, Bar Kochba richtete eine funktionierende Parallel- Verwaltung im Untergrund ein. Beliebtes Münz-Motiv ist die Fassade des ‚Drit- ten Tempels‘, der am Ende doch nicht gebaut wurde. Aber dieses Judentum hatte vom Tempel noch nicht Abschied genommen. Der ‚Zweite jüdische Krieg‘ hat keinen Historiographen wie Josephus gefunden, es hätte auch nichts zu verzeichnen gegeben. Der Krieg wurde ‚asymmetrisch‘, als Guerilla-Krieg ge- führt, aus Höhlen und unterirdischen Gängen, mit Überfällen in unwegsamem Gelände und Unsichtbarkeit der Freiheitskämpfer, wo sich starke gegnerische Formationen zeigten. Den Römern fiel der Sieg im Guerilla-Krieg schwer. Sie Von ‚Judäa‘ zu ‚Palästina‘ | 431 setzen wenigstens 4 Legionen, darunter die Marine-Infanterie-Reserve, und ihre besten Generäle und Ingenieure ein (Stern II 134–137). Ihre Verluste waren hoch (Fronto, Bell. parth. 2; Stern II 177), die der Judäer höher; Hadrian verzichtete auf einen Triumph. Nach dem Sieg Hadrians war Judäa faktisch entvölkert (Cas- sius Dio 69.12.1–14.3, 15.1; Stern II 391–393), die Kriegführung der Römer war ein Genozid. Das apokalyptisch-fanatische Judentum wurde nicht resozialisiert, sondern ausgerottet. Der erste und zweite jüdische Krieg sind die grauenhafte Widerlegung der D-Doktrin, dass mit Thora-Gehorsam (und Messias-Erwartung) schon die richtige Politik gemacht würde. Nicht von ungefähr dominieren im dritten Teil der Bibel wieder die Stimmen aus der P-Schule (Koh, Hld, Ijob, Prov), die den nationalreligiösen Aspekt zugunsten einer universalen cognitio Dei et hominis zurückdrängen. Ein Brief Bar-Kochbas an unwillige Gefolgsleute (PYadin 49). 133/134 nC. Mittelhebräisch. Text und Übersetzung: Y. Yadin et al., The Documents from the Bar Kokhba Period in the Cave of Letters (Jerusalem 2002) 280–286. Von Schim’on bar Kosiba (‫ )שמעון בר כוסבא‬an die Männer von Engedi, (2) an Mesabbala und Jehonatan bar Ba’yan. Schalom In guten (Umständen) (3) wohnt ihr, (ihr) eßt und trinkt vom Besitz des Hauses (4) Israel, und ihr zeigt keinerlei Besorgnis um eure Brüder. (5) Was die Schiffe betrifft, die man euch anvertraut hat (?), so habt ihr überhaupt nichts getan. (6) Ihr sollt wissen, dass euer Dossier bei mir ist. In Betreff der Früchte, (7) die bei euch sind, behandelt sie sorgfältig und stapelt sie schnell auf (8) vom Schiff, das bei euch ist, im Hafen … 12.5 Von ‚Judäa‘ zu ‚Palästina‘ P. Schäfer, Die Geburt des Judentums aus dem Geist des Christentums. Fünf Vorlesungen zur 1 Entstehung des rabbinischen Judentums (Tria Corda 6; Tübingen 2010); A. Neuwirth, Der Koran als Text der Spätantike. Ein europäischer Zugang (Berlin 2010); G. Stemberger, Juden und Christen im spätantiken Palästina (Berlin 2007); H.M. Cotton & W. Eck, Roman Officials in Judaea and Arabia and Civil Jurisdiction: R. Katzoff & D. Schaps ed., Law in the Documents from the Judean Desert (Leiden & Boston 2005) 23–44; H.M. Cotton, Jewish Jurisdiction under Ro- man Rule: Prolegomena: M. Labahn & J. Zangenberg ed., Zwischen den Reichen: Neues Testa- ment und Römische Herrschaft. Vorträge auf der ersten Konferenz der European Association for Biblical Studies (TANZ 36; Tübingen 2002) 5–20; S. Schwartz, Imperialism and Jewish Society, 200 B.C.E. to 640 C.E. (Princeton 2001); H.M. Cotton, Recht und Wirtschaft. Zur Stel- lung der jüdischen Frau nach den Papyri aus der judäischen Wüste: ZNT 6 (2000) 25–30; id., Die Papyrusdokumente aus der judäischen Wüste und ihr Beitrag zur Erforschung der jüdi- schen Geschichte des 1. und 2. Jh. n.Chr.: ZDPV 115 (1999) 228–47; G. Stemberger, Juden und Christen im Heiligen Land. Palästina unter Konstantin und Theodosius (München 1987); M. 432 | Pax Romana Noth, Zur Geschichte des Namens Palästina: ZDPV 62 (1939) 125–144 = id., Aufsätze zur bibli- schen Landes- und Altertumskunde Bd.1 (Neukirchen-Vluyn 1971) 294–308. Jerusalem wurde zur römischen Kolonie Aelia Capitolina (Aelius war der Fami- lienname Hadrians, der Iupiter Capitolinus folgte dem Zeus Olympios). Der Jupitertempel stand am Forum, er war sozusagen der Vorgängerbau der Grabes- kirche. Der Tempelberg war bis zur islamischen Eroberung eine Schutthalde. Der Name der Provinz wurde in Palæstina geändert nach dem ‚palaistinischen Syrien‘ Herodots (3.5, vgl. auch 1.105; 2.104, 106), der sich diese Weltgegend nur vom Schiff aus angesehen und deshalb vom ‚Hinterland‘ der philistäischen Küste nichts bemerkt hat. Das palästinische Judentum überlebte in den nächs- ten Jahrhunderten im bäuerlichen Galiläa, während das Christentum inzwi- schen zur Religion hellenistischer Städter geworden war (pagani ‚Heiden‘ kommt von pagus ‚Umland der Stadt‘). Juden und Christen lebten nunmehr in verschiedenen Welten, bis ab dem 4. Jh. nC das Christentum flächendeckend auch nach Galiläa ausgriff. Zugleich könnte man sagen: als das rabbinische Judentum das Erbe der jüdischen Hellenisten so konsequent wie möglich aus- schlug, hatte das Christentum es bereits übernommen. Dass 135 nC die Größe ‚Israel‘ nicht aus der Geschichte verschwand, sondern nun mehrere, allerdings durchweg nicht-staatliche Personenverbände bezeichnete, ist eine der bleiben- den Folgen dieser Geschichte von 1208 vC–135 nC. Mit der Übersiedlung der frühen Rabbiner und des ‚Synhedrions‘ von Jam- nia nach Tiberias wurde diese Stadt zum Kulturzentrum des palästinischen Judentums. Hier wurde die Kodifizierung der Mischna abgeschlossen und hier die Diskussionen geführt, die in den ‚Jerusalemer Talmud‘ eingingen (eine Fehlbezeichnung; ‫ תלמוד של ארץ ישראל‬ist ‚palästinischer Talmud‘), doch spielt dieser im Judentum gegenüber dem babylonischen Talmud die „zweite Geige“. Aber in Tiberias wurde bis ins 9. Jh. nC neben Arabisch und Aramäisch auch Hebräisch auf der Straße gesprochen, wahrscheinlich von den Familien Ben Ascher und Ben Naftali, denen wir die Aufzeichnung ihrer Aussprachetradi- tion des biblischen Textes verdanken. Breitenwirkung hatte diese Grundlagen- arbeit für ein tempelloses Israel erst ab dem 4. Jh.; bis ins 3. Jh. nC richteten sich Juden nach dem Gewohnheitsrecht der Provinz, in der sie lebten, nicht nach der Mischna. Zur Gestaltwerdung des rabbinischen Judentums trug die Konkurrenz- situation mit dem nachkonstantinischen Christentum wesentlich bei. Man kann getrost die Zeit von Konstantin bis Justinian (4. bis 6. Jh. nC) als die formative Periode sowohl von rabbinischem Judentum wie katholischer Kirche bezeich- nen. Zeitlich wie örtlich am Rand dieser Entwicklung, aber immer noch im Rahmen einer gemeinsamen, spätantiken griechisch-aramäisch-arabischen Von ‚Judäa‘ zu ‚Palästina‘ | 433 Kultur entstand in der ersten Hälfte des 7. Jh. nC der Koran als jüngster Trieb am Baum der biblischen Tradition. H. Barstad, History and the Hebrew Bible, in: L.L. Grabbe ed., Can a „History of Israel“ be 1 written? (JSOT.S 245 = European Seminar in Historical Methodology 1; Sheffield 1997) 37–64. H. Barstad ist der Ansicht: „If historical (verifiable) truth should be our only concern, the history of ancient Israel should not only be very short (written on ten pages or so), but it would also be utterly boring“ (Barstad 1997, 64). Wir hoffen, in dieser Geschichte nichts vorgelegt zu haben, das nicht durch neue archäologische oder epigraphische Funde falsifiziert oder korrigiert werden kann. Wie ‚langweilig‘ eine mit den gegenwärtig zur Verfügung stehenden Mit- teln (re-)konstruierte Geschichte im Vergleich zur in der Bibel erzählten Ge- schichte geraten ist, muss die Leserschaft entscheiden. ‚Israel‘ war zu verschie- denen Zeiten verschiedenes, und das ist bis heute so geblieben. JHWH war nicht der erste, aber ein früher ‚postkolonialer Gott‘. Das biblische Gottesbild ist ge- prägt von der Auseinandersetzung mit Assur, Sin, Marduk und Ahuramazda, es hat sich subversiv wie konstruktiv Züge dieser Götter integriert. Man kann in dieser Geschichte die Kontinuität nicht ohne die Brüche, und die Diskontinuitä- ten nicht ohne die Traditionslinien betrachten, die das jeweilige Vorher und Nachher miteinander verbinden. Die Katastrophen des biblischen Israel (734– 701 vC, 597–581 vC, 66–135 nC) waren selbstverschuldet, zumindest selbst mit- verschuldet. Nicht durch ihre Siege, in denen sie sich in der Regel nicht anders benahmen als andere Sieger auch, haben das alte Israel und Juda konstitutive Bedeutung für die europäische Zivilisation errungen, sondern durch die intel- lektuelle Verarbeitung ihrer Niederlagen. Dieses Vermächtnis liegt in der Bibel vor.   | Anhänge 436 | Appendix 1 Fernand Braudel und die Schule der „Annales“ Zwischen Geographie, Soziologie und Geschichtswissenschaft oder die verschiedenen Ebenen der Geschichte 1. Unterste Ebene: Strukturelle Geschichte: La longue durée I Allem geschichtlichem Wandel liegt das Zusammenspiel Mensch-Umwelt zu- grunde, Geologie, Naturräume, Klima, andere Langzeitfaktoren. Sie sind leben- bestimmend, Geschichte bestimmend. Es ist ein Unterschied, ob man in der Wüste, auf einer Insel, an der Küste, auf einer Ebene oder im Bergland lebt. Diese langsamen Veränderungen, falls sich überhaupt Veränderungen auf dieser Ebene ergeben, nimmt der Mensch meist nicht wahr, die Prozessse rei- chen über sehr lange Zeiträume, viele Generationen, manche (z.B. solche geolo- gischer Art) erstrecken sich über Jahrhunderttausende und mehr – vor ca. 500.000.000 Jahren lag das Hl. Land am Südpol. 2. Mittlere Ebene: Konjunkturelle Geschichte („Zusammenhänge“; „Komplexe“): La longue durée II Betrifft Veränderungen der Bevölkerungsgröße, Wirtschaft, Gesellschaft. Themen können sein: Aufstieg und Fall der Feudalwirtschaft; der Mittel- meerhandel von der Eisenzeit bis zur Spätantike; Aufstieg und Niedergang des neuassyrischen Reiches. Immer handelt es sich um langfristige historische Prozesse, aber von kürze- rer Dauer als obige, dennoch entzieht sich vieles der Aufmerksamkeit der Zeit- genossen. Sie umfassen mehrere Generationen. 3. Oberfläche, oberste Ebene: Ereignis-Geschichte Betrifft oft Einzelpersönlichkeiten der Geschichte, ihre Taten, Tagespolitik. Diese Dimension ist Menschen bewußt, wird wahrgenommen. Geschichte der Ereignisse schlägt sich nieder in Texten. F. Braudel, Die lange Dauer. In: T. Schiering / K. Gräubig (Hgg.), Theorieprobleme der Ge- schichtswissenschaft. WdF 378. Darmstadt 1977. https://doi.org/10.1515/9783110411683-014 Appendix 2 2 Samuel bis 1 Könige 3 – theologische Strukturierung der Erzählungen über David und Salomo 1 David beklagt und rächt Saul/Jonatan Aufstieg politische Legitimation 2 David wird König von Juda in Hebron (Männer Judas Aufstieg salben David) traditionelle Legitimation 3–4 Eschbaal + Abner gehen unter, David beweint sie Aufstieg moralische Legitimation 5 David wird König über Israel (Männer Israels salben Aufstieg David) in Hebron traditionelle Legitimation David nimmt Jerusalem, zwischen Juda und Israel gele- gen, in Besitz politische Legitimation Sieg über Philister (3 x) nahe bei Jerusalem militärische Legitimation 6 David überführt die Lade von Ex 25, 10–22 nach Jerusa- Machtstabilisation lem nachexilische religiöse Legitimation 7 JHWH verheißt der Dynastie Davids ewigen Bestand Machtstabilisation nachexilische religiöse Legitimation 8 Erfolgreiche Kriege mit allen Nachbarvölkern Machtstabilisation nachexil. politisch-militärische Legitimation 9 Edles Verhalten gegenüber Nachkommen des Konkur- Machtstabilisation renten/Vorgängers nachexilische moralische Legitimation 10 Erfolgreiche Kriege gegen Ammoniter und Aramäer Machtstabilisation nachexilische militärische Legitimation 11f Drama Davids: Davids Ehebruch Niedergang, persönlich, 13f Drama unter Davids Kindern familiär, (Amnon, Tamar, Absalom) 15–19 Drama in der Dynastie David: familiär-dynastisch, Aufstand Absaloms, Flucht und Sieg Davids, Absaloms Tod https://doi.org/10.1515/9783110411683-015 Appendix 2 | 439 20 Drama im Reich Davids: politisch, Aufstand unter den Nordgruppen / Benjamin / Scheba 21 David liefert Sauls Nachkommen dem Tod aus: moralisch. Rache der Gibeoniter am Hause Sauls 22–24 Kontrapunkt: Proto-chronistische Um- Der David der Legende übernimmt deutung (wie 6–10) 22 Davids Dank- und Siegespsalm (≈ Ps 18) 23 ‚Letzte Worte Davids‘ und Archivmaterial: David ist ein Prophet. 24 Theologischer Abschluss: Davids angebliche Tempel- gründung als Bußhandlung. Die ‚Erwählung‘ Davids wird durch die Erwählung Jerusalems sichtbar abgelöst (implizit schon in 7). 1 Kön Der neue „Friedens“-König kämpft (mordet) sich den „Glänzender“ 1–2 Herrschaftsweg frei. Neuanfang 1 Kön Kontrapunkt, Neustart: der Salomo der Legende über- „Göttlicher“ Neuanfang 3 nimmt. Appendix 3 Maximale und minimale Jahreszahlen der Könige Israels und Judas E.A. Knauf, 1 Könige 1–14 (HThKAT; Freiburg Basel Wien 2016) 69–70. Israel Juda Jerobeam ben Nebat 937/922–913/901 Rehabeam 937/922–921/910 Nadab 913/901–912/900 Abiam 921/909–916/907 Baascha 912/900–889/877 Asa 916/906–876/866 Ela 889/877–888/876 Joschafat 877/868–853/845 Simri 888/876 Jehoram 853/847–845/841 Omri 888/876–877/869 Ahasja 845/840 Ahab 877/869–854/850 Atalja 845/839–840/831 Ahasja 854/850–853/849 Jehoasch 842/832–803/793 Joram 853/849–845/840 Amazja 805/796–800/767 Jehu 845/839–822/814 Asarja/Usija 792/772–747/734 Joahas 821/814–805/798 Jotam 759/747–744/732 Joasch 805/798–790/782 Ahas 744/737–729/715 Jerobeam ben Nimschi 793/785–753/745 Hiskija 728/715–700/686 Sacharja 753/745–753/745 Manasse 698/687–644/640 Schallum 752/745 Amon 643/640–642/639 Menachem 752/745–742/736 Joschija 641/639–610/609 Pekahja 746/736–740/735 Jehoahas 609 Pekah 752/734–732/731 Jojakim 609/608–598/597 Hosea 732/730–724/722 Jojachin 598/597 Zidkija 598/596–587/586 https://doi.org/10.1515/9783110411683-016 Appendix 4 Daten auf dem Weg zum Untergang Judas und Jerusalems. ‚Exil und Heimkehr‘ 601 vC Schwere Niederlage Nebukadnezars in Ägypten 600 Reorganisation der babylonischen Armee. Jojakim stellt die Tributzahlungen ein. 599 Kriegs„übung“ gegen die Araber in der syrischen Wüste (Jer 49,28–33; TGI Nr. 44). Der Krieg gegen Juda wird den Vasallen Moab und Edom überlassen (2 Kön 24,2). Dez 598 Aufbruch der Babylonier gegen Juda. 597 Jojakim stirbt, Jojachin wird König; am 16.3.597 ist Jerusalem erobert (2 Kön 24,8–12). 1. Gola Jojachin (2 Kön 24,15f) und die staatstragende Elite z.T. nach Babylon depor- tiert (2 Kön 24,14). Korrekte Zahl: 3.023 (Jer 52,28). – Auf die 1. Gola geht literarisch zurück: Ezechiel. – Für die 1. Gola war Jojachin der letzte König; sein Onkel Mattanja, als „Zedekija“ von Nebukadnezar eingesetzt (2 Kön 24,17f) war für die 1. Go- la nur „Fürst“/„Statthalter“ (Ez 21,30) 597 Südjuda mit der alten Hauptstadt Hebron fiel an Edom (Edom-Haß Ps 137,7; Am 1,11f; Obadja) 588–86 Nichtdeportierte „Rechts-Deuteronomisten“ rebellieren mit Zedekija und 2. Gola Hoffnung auf Ägypten gegen Babel: Ägypter werden geschlagen (Jer 37,4f.11), Westjuda + Lachisch erobert (Jer 34,1–7; TGI Nr.45) und 586 Jerusalem von Nebukadnezar zum 2. Mal eingenommen und zerstört (2 Kön 25,8–12). Genaue Zahl der Deportierten: 832 (Jer 52,29) Auf die 2. Gola geht literarisch zurück: 1 Sam bis 2 Kön (Kern) 586–582 Gedalja von den Babyloniern (wahrscheinlich zum letzten Vasallen-König) eingesetzt, residiert in Mizpa, distanziert vom gescheiterten David-Königtum, und weil sich der Schwerpunkt seit 609 und 586 nach Norden verschoben hat. Der Tempel von Bet-El dient Judäern und Samariern gemeinsam (Jer 41,4–6). In Mizpa wurde ein Beamtensiegel l-yʾznyhw ʿbd h-mlk gefunden „Dem Jaasan- jahu, Minister des Königs gehörig“ (vgl. Jer 40,8). 582 Ermordung Gedaljas durch den Davididen Ismael mit moabitischer und ammo- nitischer Rückendeckung; die Mörder fliehen nach Ägypten und nehmen Jere- mia, Gedaljas Chef-Propagandisten, gewaltsam mit. 581 Babylonische Strafaktion 3. Gola https://doi.org/10.1515/9783110411683-017 442 | Appendix 4 Die 3. Gola (Jer 52,30) ist im Königebuch verschwiegen. Genaue Zahl: 745 Auf die 3. Gola geht literarisch zurück: Jes 40–48 (Kern) 562 Begnadigung Jojachins (2 Kön 25,27–30; HTAT Nr. 265–267) 525–522 Kambyses erkennt beim Ägyptenfeldzug die strategische Bedeutung Jerusa- lems, lässt dort von einer judäischen Besatzung, in Babylonien unter der (2. und 3.) Gola rekrutiert, auf der zerstörten Akropolis eine kleine Festung bauen. 520–515 Bau des Zweiten Tempels in der Festung Jerusalem, 518 mit Billigung des zentralen Provinzheiligtums Bet-El (Sach 7,2). 484 Die Jerusalemer Garnison benutzt die „Anti-Dämonen“-Maßnahmen Xerxes’, um den Tempel von Bet-El zu zerstören und den Jerusalemer Tempel zum Zentralheiligtum von Judäa und Samaria zu machen. Die Samarier bauen umgehend ihren ‚Zweiten Tempel‘ auf dem Garizim. 445/44 Nehemija verlegt die Provinzregierung von Mizpa (s. zu 586–582) zurück nach Jerusalem, baut die Stadtmauer wieder auf und besiedelt die Stadt mit 10 % der Landbevölkerung. 90 % der Jerusalemer sind jetzt Benjaminiter. 398 Esra proklamiert die Thora als Grundgesetz von Judäa und Samaria in Jerusa- lem (und wohl jemand anderes gleichzeitig auf dem Garizim). Appendix 5 Ptolemäer in Ägypten (und Seleukiden) im Überblick 304 vC Ptolemaios (I.) lässt sich zum Pharao krönen 301 Ptolemaios erobert Koile-Syrien (=Südlevante) 294 Ptolemaios gewinnt Zypern, Sidon und Tyros 282 Ptolemaios stirbt, wird postum „Theos Soter“ 282–246 Ptolemaios II. Philadelphos Ca. 280 Bau des Leuchtturms von Pharos (Weltwunder) 274–271 1. Syrischer Krieg Ca. 270 Nil-Rotes Meer-Kanal, Erforschung des Roten Meeres, Flottenstützpunkte, maritime Konkurrenz für den arabischen Weihrauchhandel 260–258 Reise nach Judäa und seinen Nachbargebieten des karischen „Finanzstaats- sekretärs“ Zenon für den Finanzministers Apollonius, dessen Gutsverwalter er später wurde (ca. 2.000 Papyri) 260–252 2. syrischer Krieg 258 Abschluss des ägyptischen Katasters 246–221 Ptolemaios III. Euergetes 246-241 3. Syrischer Krieg, Ptolemaios marschiert bis zum Eufrat 245 Erster ägyptischer Aufstand gegen die Makedonen 229 Strategen übernehmen die Zivilverwaltung der Gaue 221–204 Ptolemaios IV. Philopator 221 Der Seleukide Antiochos III. besetzt die Biqāʿ-Ebene 219–217 4. Syrischer Krieg: Antiochos gewinnt 219 Koile-Syrien außer Dor und Sidon, 218 Philadelphia/Amman und eine Land-/Seeschlacht bei Berytos, verliert aber 217 die entscheidende Schlacht bei Raphia; 206 Aufstand in der Thebais, bis 186 Gegen-Pharaonen in Ägypten 204–180 Ptolemaios V. Epiphanes, bei Regierungsantritt 6 Jahre alt. 202–195 5. Syrischer Krieg 202 Antiochos III. erobert 202 Damaskus und bis 198 ganz Koile-Syrien. Rom garantiert (zur Sicherung des Machtgleichgewichts) den Ptolemäern Ägypten: divide et impera https://doi.org/10.1515/9783110411683-018 444 | Appendix 5 Ab 180 Ptolemaios VI. bis XIII. 170-168 6. Syrischer Krieg 51–30 Kleopatra VII. Philopator verdrängt ihren Bruder Ptolemaios XIII., Kleopatra ist mit Caesar, danach Marcus Antonius liiert und fällt Octavian zum Opfer. Ägyp- ten wird römische Provinz Vgl. G. Hölbl, Geschichte des Ptolemäerreiches. Politik, Ideologie und religiöse Kultur von Alexander dem Großen bis zur römischen Eroberung. Darmstadt 1994. Appendix 6 Zeittafel zur Sammlung und Kanonisierung der heiligen Schriften 8./7. Jh. vC Beginn der theologischen Buch-Produktion in Israel und Juda 407/6 vC Die Autoritäten von Jerusalem und Samaria erlauben den Juden von Elephan- tine den Wiederaufbau ihres Tempels (im Widerspruch zu Dtn 12), aber mit Einschränkungen (vgl. Jos 22). Die Thora ist in Palästina bekannt, ist aber noch nicht Gesetz. 398 vC Esra setzt – im Auftrag des persischen „Religions-Ministeriums“ – die Thora als Kult-, Zivil- und Strafgesetzbuch in Kraft. ca. 250 vC Die Thora wird in Alexandria ins Griechische übersetzt. ca. 140 vC Eine in Qumran erhaltene halachische Anweisung zitiert „Thora, Propheten und das Buch Davids“ als Autoritäten. ca. 60 nC Paulus stellt eine Ausgabe seiner Lehrschriften in Briefform zusammen (Röm, 1/2 Kor, Gal), in der er hauptsächlich die Thora auslegt. ca. 70–90 nC Die Evangelisten (zumindest Mk, Mt und Lk) kennen noch kein abgeschlos- senes AT, sondern nur „Gesetz, Propheten und die übrigen Schriften“. ca. 90 nC Nach Flavius Josephus ist die Geschichte Israels von der Schöpfung bis Esra in 22 Büchern enthalten, die von göttlich inspirierten Propheten verfasst wurden. ca. 100 nC Im Judentum hat sich der TeNaKh allgemein durchgesetzt, der dreiteilige und dreistufige Kanon aus Thora, Propheten und Schriften. ca. 150 nC Die Endredaktion des NT schafft als Pendant dazu das christliche AT durch eine radikale Umstellung der Schriftenfolge des TeNaKh. 323 Das Konzil von Nicäa kennt noch kein kanonisches NT (aber dessen Inhalt). 367 Athanasius beschreibt den Kanon des NT und segnet ihn ab. 1544 In der Ausgabe letzter Hand von Luthers Bibelübersetzung stehen die deu- terokanonischen Schriften des AT als „Apocrypha“ zwischen AT und NT. 1546 Das Konzil von Trient erklärt die deuterokanonischen Schriften für kano- nisch und die Vulgata als inspiriert. 1549 Im Consensus Tigurinus legen die Reformierten ihren Kanon des AT fest, der ausschließlich die protokanonischen Schriften umfasst. 1672 Die Synode von Jerusalem erklärt für die Orthodoxie einen Teil der deutero- kanonischen Schriften für kanonisch, faktisch enthalten griechische Bibeln aber über die Vulgata hinaus noch 3Esra und 3Makk. Vgl. E.A. Knauf, Der Kanon und die Bibeln. Die Geschichte vom Sammeln heiliger Schriften: Bibel und Kirche 57 (2002) 193–198. https://doi.org/10.1515/9783110411683-019 Register der Bibelstellen Genesis 1 292, 345, 388 25,16 269 1 – Ex 19 356 26 289 1 – Dtn 34 354, 356 26 – 35 289 1 – 2 Sam 1 389 28,11–19 176 1 – 2 Kön 25 389 28,11–22 322 1,1–8 316 28,12–13 292 1,1 – Jos 24,29 387 28,13 322 1,26f 358 28,19 405 2 350 29 – 30 91 2 – 4 36 29,31 – 30,24 87 3,16 257 31 – 33* 185 5 403 31,12ff 91 6 278 32,28 125 8,20–22 372 33,20 56 8,21 314 35,6 405 9,13 288 35,16–20 87 10 176, 292, 336 35,23–26 81 10,2 6 35,29 235 10,4 6 36 267, 292 10,6 46 36,31–43 71 10,22 281 36,32 267 11 – 17* 343 46 71 12 71 46,27 176 12 – 13* 308 47,30 235 13,3 325 48,3 405 13,14–17 308 48,5 81 14,18–20 356 49,2–27 81 16* 323 49,3–27 78 16,12 268, 323 49,5–7 78 17 345, 356 49,8–12 29 17,1 107 49,13 86 17,12–13 91 49,21 78, 86 18 110 49,29 235 18 – 19* 308 49,33 235 18,10 109 21 356 21* 308 Exodus 22,1–14 356 1 – 18 292 24 91 1,1–8 45 25,12–15 268, 292 1,15 55 25,12–18* 356 2 – Jos 10* 55 25,13 268, 341 2,15 – 4,26 52 25,13–15 267 https://doi.org/10.1515/9783110411683-020 448 | Register der Bibelstellen 6,3 107 23,15–16 361 6,25 371 23,39–43 109 12,15 361 25 371, 374 12,16 361 25,23 195, 371 12,18 361 25,30 374 12,19 361 25,31 374 12,20 361 25,39–46 368 12,21–28 108 13,7 361 14* 237 Numeri 14,15 – 15,21 55 1,4–16 81 15,21 102, 107 11 343 15,26 282 13f* 343 18 52 18,18 361 18,1 58 18,19–24 91 19,6 110 18,25 361 20,20 91 20,17 30, 266 20,21 279 20,21 30 21 – 23 107, 322 20,25–28 430 21,2–6 91 21,13 203 21,2–11 368 21,14–15 107 21,18–32 90 21,22 266 22,27 90 21,26 203 23,19 110 22 – 24 204 25 – 30* 345 25 400, 426 25 – 40 176 25,7 371 25 – Num 10* 356 25,11 371 25,9 345 26,20 169 25,10–22 438 26,29 86 28,30 217 27,1 86 34 347 28,17 361 34,26 110 31,6 371 35 – 40* 345 32,33 203 40 345 32,34–36 86 32,37–38 86 32,39–40 86 Levitikus 33,45f 201 8,21 314 34,1–12 223 8,28 314 34,13 217 17 – 25 354, 372 36,1 86 17,16 314 19,18 90 21,21 417 Deuteronomium 22,28 110 1 – 28 90 23,6 361 3,4 196 23,7–8 361 3,8–17 203 Register der Bibelstellen | 449 3,10 203 Josua 3,19 90 1 17 4,3 203 1–5 80 4,47–49 203 1–12 79 5 – 28 278 2,11 372 5,14 91 5,10–12 109 6,4 322 6 79, 347, 381 7 285, 347, 401 6* 292 7,13 220 6 – 10 427 7,15 282 6 – 11 17 10,9 91 6 – 12* 285 11,10–12 343 6,1 – 10,14 287 11,29 356 8 79 12 280, 286, 347, 445 8 – 9 347 12* 347 9 371 12 – 26 322 9* 123 12 – 28* 285 9 – 10* 123, 292 12,11 280 10,1–13 102 12,12 91 10,1–13* 123 12,18 91 10,12–13 118, 185 14,21 110 10,12c–13c 119 14,27 91 10,13 219 14,29 91 10,28–39 287, 347 15,12–17 368 10,40–42 293 16,9 361 11 347 17,14–20 358 11,17 – 13,5 104 18 403 12 17 18,1 91 12,1–5 203 18,18 218 13 86, 419 18,21–22 307, 387 13 – 24 364 20 285, 347, 401 13,9–12 203 23,25–26 366 13,13 134 26,1–11 372 14 – 21 217 27,2–8 220 14,7–10 79 27,12 356 14,15 87 28,60 282 15 156 29,11 90 15,3 168 30,11–14 347 15,4 168 30,14 307 15,9 46 31,9–13 357 15,13 87 32,8–9 176, 177, 257, 276 15,21–62 287 32,8–9 (LXX) 45, 176 15,29 168 32,10–14 45 15,34 168 32,50 235 15,53 168 33,6–29 78 16,2 405 33,22 78 16,8 168 34 403 450 | Register der Bibelstellen 16,10 181 5,7 150 17,1 86 5,8 150 17,2 87, 179 5,9 90 17,8 168 5,10 36, 90 17,11 200 5,11 75, 150 17,14–18 86 5,13 75 17,17 81 5,14 86 18,1–10 371 5,15f 86 18,5 81 5,16 91 18,13 405 5,17 86 18,15 46 5,20 127 18,21–28 287 5,23 125, 127 18,22 168 5,30 95 19 225 5,31b 129 19,1–9 87 6 104 19,3 168 6,1–5 256 19,5 365 6,2–5 319 19,24–31 86 6 – 8 102 19,44 106 8,10 199 22 363, 445 9 113, 123, 227, 228 22,13 371 10,1–3 227 22,30–32 371 10,4 36 24,29–33 371 11* 291 11,1–3 179 11,3 196 11,5 196 Richter/Judices 12,8–15 227 1,17 168 12,14 36 1,22–23 224 17 – 18 86, 371 1,22–26 346 19 – 21 369 1,23–26 405 20,1 223 1,29 181 20,9–10 217 1,34f 86 1,35 224 3 – 9 291 3 – 12* 237 Rut 3,7–11 227 2 91 3,31 106, 227 2,14 373 4 129 4 – 5 227 5 14, 45, 81, 104, 126, 129, 199, 219, 228 1 Samuel 5* 158, 185 3,20 223 5,2 150 4 – 6 132 5,3 150 4,1 – 7,1* 223 5,4f 52 4,1b – 7,1 226 5,5 150 8 122 5,6 106, 243 8,12 199 Register der Bibelstellen | 451 8,14 371 2,1–4a 133 9 – 2 Kön 10* 307 2,3 133 9,9 217 2,4 133, 159 9–10* 124 2,4b–7 133 9,16 90 2,8–9 135 10,5 123 2,9 124, 126, 150 10,5–6 217 2,10 122, 126 10,10–11 217 2,12–32 126 11 123 3,1 113, 126, 129, 132, 175 11,1–13 124 3,3 134, 170 12 122 3,6 113 13–14 158 3,10 223 13,1 122 3,12 – 21,36 133 13,2 122 4 129 14,3 123 5 131 14,41 217 5,1–3 133 15 125 5,3 129, 159 16 – 30 401 5,4 159 16,1–13 159 5,6–10 134 17,12–15 159 5,9 144 18,7 122, 132 5,11f 160 18,7–8 122 5,17 403 21 – 2 Sam 5 120 5,18–25 133 21,12 122 5,25 157 22,2 159 6 132 22,3–4 159 6,1–20a 226 23,1–4 159 6,2 106 25 118, 133 8 157 27 160 8,1 157 27,2 169 8,3–4 190 27,6–12 133 8,5–6 190 27,10 169 8,7–8 190 28,6 217 8,18 169 29,5 122 9 159 30 125, 133 10 122 30,14 168, 169 10–12 157 30,29 169 12 134 31 118 12,20 145, 176 13,23 134 14 – 20 192 15 – 18 134 2 Samuel 15,7–12 135 1 125 15,18 157 1,17–27 390 17,11 223 1,18 219 17,22 – 19,15 134 2 123 17,27–29 159 2,1 133, 159 19,10ff 159 452 | Register der Bibelstellen 19,20 224 8,12f 279 20 123, 134 8,12–13 169, 170, 176, 177, 185 21 158 8,53a (LXX) 219 21,1–14 123 9,15 144, 174, 225 22,7 145 9,16–17 170 23,8–39 134 9,17 166 24 176 9,17–18 123, 172 24,2 223 9,18 106 24,15 223 9,24 144 9,26 189 10,1–10 174, 315 10,13 174 1 Könige/Regum 10,17 174 1 170, 175 10,21 174 1,1 12 10,22 189 1 – 2 14, 135, 179 10,26 238 1 – 11 172 10,28 189 1 – 11* 293 10,28–29 174, 225, 238 1 – 14 20 11 177, 180, 192, 269 2,12 (LXX) 169 11,1–13 178 3,1 170, 174 11,5 266 3,4 169, 170 11,19–20 178 3,15* 169, 170 11,14–22 178 3,16–28 174 11,23–25 178, 190 4 – 10 113 11,26–28 179 4,7 11 11,26–40 179 4,7–19 199, 201 11,27 144, 179 4,7–19a 227, 238 11,28 224 4,7–20 172 11,29 238 4,8–19 173 11,30–32 81 4,19b 227, 238 11,30 199 4,25 223 11,33 266 5,1 177, 211 11,40 179 5,4 177 11,41 293 5,6–8 238 12 133 5,9–14 174 12 – 14 238 5,22–25 174 12,1–20 133, 179 6 174, 298 12,2 179 6 – 7 145, 219 12,11 179 6 – 8 331 12,24a (LXX) 169, 170 7,2–5 174 12,24e (LXX) 178 7,10 174 12,25 179 7,17 174 12,26 226 7,21 174 12,26–30 226 7,46 174 12,26–32 347 8 177 12,26–33 180 8,12f (LXX) 176 12,28 176, 226 Register der Bibelstellen | 453 12,32 20, 108 16,18 181 13 180, 346 16,20 181 14 180 16,21 87 14,19 180 16,21f 192 14,21 170 16,21–28 195 14,25 169 16,23 181 14,25–26 164 16,23f 194 14,30 175, 181 16,25–26 195 15,1 179 16,27 195 15,2 170, 182 16,29–34 195 15,6 175, 181 16,31 195, 196 15,7 175 16,34 201 15,9 179 17 – 19 374, 387 15,9–10 182 17 – 2 Kön 8 195 15,10 170 19,15–17 211, 212 15,13 274 20 14, 189, 191, 223 15,16 175 20* 292 15,16–18 181 20,1 191 15,16–22 180, 181, 183, 184 20,12 213 15,18 178 20,14f 200 15,18–20 183, 191 20,17 200 15,21 181, 191 20,19 200 15,22 166, 183 20,24 191 15,25 122, 166, 182 20,34 189, 213, 222, 223 15,27 184 20,39–40 341 15,27–28 253 21 189, 204, 352, 371, 374 15,27–29 181 22 14, 191, 223, 286 15,27–30 191 22* 292 15,29 182 22,34–37 199 15,32 175, 181 22,40 199 15,33 181, 191 22,45 189 15,34 183 22,48f 196 16 – 2 Kön 10 104, 347 22,51 122, 195 16,2 90 16,5 183 16,6 181, 191 2 Könige/Regum 16,8 122 1 199, 374 16,8–9 181 1,17 195 16,8–11 184 2* 387 16,9 183 2,11 159 16,9–10 253 2,12 223 16,9–12 181 3,4f 201 16,9–20 191 3,4–27 203 16,15 184 3,6–27 223 16,15–18 184 6,8–23 223 16,16 181 6,24 – 7,20 223 16,16–22 253 454 | Register der Bibelstellen 8,7–15 191, 211 15,30 250, 254 8,12 212 16,5–8 247 8,18 189 16,5–9 248 8,26 189, 220 16,7–9a 183 8,28 189, 205 16,10–12 276 8,28–29 206 17,1–6 250 8,29 205 17,4 250, 251 9 206 17,6 242, 252 9,1–10 206 17,7ff 242 9 – 10 189, 205, 206, 220, 237, 238, 254 17,24–26 255 9,30–33 205 17,26 255 10,32 212 17,27–28 252 10,32f 208 17,28 346 10,33 212 17,29–41 255 11 149, 214 18 – 20 262 11,1–3 220 18,3–6 150 12,18 157, 207, 213 18,3–8 264 12,18–19 213 18,8 264 13 223 18,13 262 13,3 212 18,13–16 262 13,3–5 222 18,13 – 19,37 214 13,4–5 215, 222 18,14 263 13,7 213, 222 18,17 261 13,14 223 18,17–37 263 13,14–19 223 18,18 262 13,22–25 222 19,9 262 13,25 222 19,37 276 14,8–14 149 20,5 90 14,8–15 213 20,20 261 14,11–13 223 20,21 264 14,13 147 21,1–18 274, 275 14,23 224 21,3 274 14,23–29 238 21,3–5 274 14,25 223, 224 21,6 274 14,25a 238 21,7 274 14,25–26 215 21,16 274 14,27–28 223, 238 21,18 280 14,28 223, 224 21,18–26 284 15,8–16 231 21,19 122, 286 15,10 254 21,19 – 22,1 284 15,14 231, 254 21,23–29 286 15,19–20 231, 295 21,26 280 15,20 231 22 277, 371 15,23 122 22 – 23 286, 347 15,25 245 22,1 286 15,27 20 22,3 284, 285 15,29 183, 241, 242, 245, 250 22,3 – 23,7 286 Register der Bibelstellen | 455 22,14 152 1,7 6 23,5 290 2,3 169 23,8 286 2,9 169 23,8–12 286 2,25–41 169 23,8–12* 286 3,16–19 332 23,11–12 290 3,17–24 307 23,13 266 4,21 169 23,13–25 286 4,41 342, 365 23,15 286 6,12 169 23,15–18 346 6,19 169 23,28–30 286 7,24 181 23,29 286 8,6f 86 23,30 286 8,14 169 23,31–35 295 8,33 126 23,35 295 9,8 169 24,1 294 9,12 169 24,1–2 297 9,39 126 24,2 297, 441 11,8 144 24,7 177, 283 11,43 169 24,8–12 297, 441 14,8 403 24,13 298 27 389 24,14 298, 306, 441 29,1 331 24,15–16 297, 298, 441 29,19 331 24,17–18 298, 441 25 300, 303, 307 25,1 300 2 Chronik/Chronica 25,4 280 8,6 106 25,5 287 9,16 174 25,7 303 9,20 174 25,8–12 300, 441 11,20 170 25,11 306 14,14 37 25,12 308 17,11 366 25,13–17 300 21,16 366 25,18–21 300 22,10 – 23,21 149 25,22 277, 285, 302 26 149 25,22–26 302 26,2 150 25,23 302 26,6–10 150 25,23–25 319 26,7 342, 366 25,26 306 32,5 144 25,27 313 33,1–20 275 25,27–30 298, 307, 324, 442 33,10–13 275 33,14 272 33,14–17 275 1 Chronik/Chronica 33,21 122 1 – 9 389 36,12–17 275 1,5 6 36,20 300 456 | Register der Bibelstellen 36,20–21 305 9,1 347 36,20–24 286 10 353 36,21 279, 330 36,23 305 Nehemia 1,1–3 351 Esra 1,1 – 7,3 349 1 – 2 305 1,4–11 349 1 – 6 333, 381 2,1 349, 351 1,1 334, 376 2,8 331 1,2–4 317 2,10 350 1,5–11 330 2,19 350 1,7–11 333 2,58 371 2 349 3 154, 351 2 – 7 Neh 371 3,7 319, 342, 343, 351 2,2 332 3,25 352 2,55 371 3,26–27 143 2,58 371 3,35 351 3,8 334 3,38 351 4,5 334 4,3 350 4,6 334 4,7 350 4,7 334 4,10 352 4,24 334 5 349, 369 4,49 (Esdras) 80 5,1–3 352 4,53 (Esdras) 80 5,1–5 352 5,14 342 5,4 352 6 330 5,4–5 352 6,3–5 317 5,5 352 6,10 314 5,15 342 6,13–22 332 5,16 331 6,14–21 332 6,1 350 6,15 334 6,12 350 6,16 334 6,14 350 6,17 334 6,17 350 6,17–22 334 6,19 350 6,21 334 7 349 7,1–5 371 7,2 331 7,7–9 349 7,3 352 7,11–28 331 7,57 371 7,12 354 7,60 371 7,12–26 354 8 357 7,14 354 8,1 349 7,25 355, 357 8,9 348 7,26 354, 356 8,17 427 8,1–35 331 10 349, 353 8,2 371 10,29–30 353 Register der Bibelstellen | 457 10,32 353 2 Makkabäer 11 154, 351, 373 2,13–15 396 11,1 352 3,4–40 398 11,20–30 366 5,11–26 399 11,11 90 5,23 405 11,12 169 5,25–26 381 12,1–8 331 6,2 405 12,26 348 7,9 426 12,27 – 14,31 349 7,11 426 12,36 348, 349 7,14 426 12,37 143 7,23 426 13 350, 353 7,32–33 428 13,4 350 12 371 13,7–8 350 13,16 339 Hiob/Iob 1 315 Tobit 1,6–12 336 1,14 80 1,15 342 2,1–7 336 6,19 342, 365 Judit 28 340 6,18 80 42,17a–e (LXX) 366 1 Makkabäer Psalmen/Psalmi 1,2–7 382 1 411 1,20–24 398 1,2 307 1,29–40 399 2 411 1,29–44 400 2 – 72 395 1,34–38 399 2 – 89 407 2 426 3 390 2,32–41 381 3 – 41 390, 407 4,38 400 7 390 5 371, 408 15 287 5,25 410 18 390, 439 5,52 405 24 287 8,17–31 416 34 390 9,34–48 405 45 219 9,35 410 47* 287 10,40 398 48 272 12,1–4 416 48,3 272 13,43–48 401 49,14–16 425 14,16–19 416 50 411 14,41–44 407 50,9–14 372 15,15–24 416 458 | Register der Bibelstellen 51 – 72 407 Hoheslied/Canticum 60 297 3,12–13 388 60,9 407 8,6 388 68 287 8,15 388 72,1–2 322 9,7–10 388 72,4 322 72,7 322 72,12–14 322 73,23–26 425 Jesus Sirach 77,16 224 4,23–26 400 78,60 124 24 347 78,67 224 44 – 49 395 79 381, 407 48,17 261 80,2 224, 322 81,6 224 82* 285 Jesaja/Jesaia 83,8 27 1 – 39* 308 89 407 1,5–8 264 104 107 2,2–5 331 104,9 382 3 309 108 – 110 407 5,26–29 232 108,8–11 404 6 237 108,9 407 6 – 8* 292 110 407 6,1 292 120 305 7,3 261 132,2 371 7,4 215 137,7 298 7,4 – 8,4 247 146 – 150 416 7,5 247 7,6 245 7,14 247 Sprüche/Proverbia 7,15 247 8,22–31 347 7,16 247 8,29–30 382 8,4 247 10 – 29 376 8,5–8 248, 261 22 – 23* 107 8,23 30 25 – 29 292 9,1–7 285 9,2 91 9,18–20 230 10,5–34 232 Kohelet/Ecclesiastes 10,9 248 1,9 388 10,28 – 12,6 232 3,18–21 425 14,4*–20 260 7,10 388 14,19–20 260 7,26–28 388 16,10 91 10,19 388 19 263 19,2–15 277 Register der Bibelstellen | 459 19,18–25 376 26,6–9 124 20,1 260 26,20 223 21,11–15 315 26,24 285 21,13–15 323 27,6 308, 326 21,16–17 323, 341 27,6–8 308 22,8 174 28,1 287 22,5–19 235 29,1–9 308 24 – 27 387 29,3 285 26,19 426 29,4–7 324 29,22 308 29,8–9 308 30 – 31 262 29,10 279, 330 30,1–11 262 29,17–18 282 30,8–11 262 30,18–22 303 31,1–2 262 31,29–30 307 36 – 37 232 34,1–7 300, 441 36 – 39 262, 309 36 299, 303 36,2 261 36,10 284, 285 37,9 262 36,12 284, 285 37,38 276 36,25 284 41,8 308 37,4–5 300 40 – 48 330, 343, 442 37,11 300 40 – 48* 308, 324 39 – 41 300, 307 42,11 341 39,3 313 44,24–28 308 39,13 313 45,1 316 39,14 302 51,1–2 110, 308 40 – 42 308 54,11–55,5 376 40,5 302, 303, 319 55,1 352 40,6–41 319 55,1–3 369 40,7–10 308 60 – 62 376 40,8 302, 441 60,7 341 40,11 305 63,16 308 40,11–12 303 66,19 6 40,12 303 40,14 302 40,16 319 41,1–10 303 Jeremia 41,4–6 441 1,1 303 41,9 183 2,10 341 41,10 302 7 308, 309 41,15 305 7,12–14 124 42 – 43 304 7,18 290 42 – 44 305 22,24–30 332 44 174, 290, 304 24,10 282 45 308 25,9 326 49,7–22 314 25,11 318 49,8 315 26 308, 309 49,28–33 297, 441 460 | Register der Bibelstellen 52 300, 304 37,25 307 52,7 280 40 – 48 307, 346, 401, 430 52,28 298, 306, 441 48,32 224 52,28–30 20, 320 52,29 300, 306, 441 52,30 302, 306, 442 Daniel 52,31 313 1 403 52,31–34 324 2 – 6 402 2 – 7 403 2,39 316 Klagelieder Jeremias 3,86 425 5,9 320 4 315 5 315 5,28 316 6,1 316 Ezechiel 6,8 316 1 279 6,12 316 1 – 3 278 6,15 316 3 279 7,7 382 3,24 356 8 – 12 403 8 – 11 278, 279 9,1 316 8,10f 285 8,20 282 10,18 324 8,21 6 11,1–21 307 9,1 282 16,3 45, 135 9,2 318 18,2 307 9,24 318 20,5 253, 307 10,20 6 20,5–9 45 11,1 282 21,25 298 11,2 6, 334 21,30 441 11,3 382 24,1–2 300 12,2 426 25,12–14 314 13 402 25,13 315 13 – 14 402 26,1 – 28,19 307 14 312, 402 26 – 28 312 27,13 6 27,17 257 27,21 341 Hosea 27,31 341 4 – 11* 237, 291 28,25 307 5 – 13 246 33,23–29 253, 307, 319, 322 5,13 232 33,25 319 7 230 33,26 320 7,11 251 33,27 319 7,11f 232 37,1–10 426 8,4 231 37,16 224 8,9f 232 37,19 224 8,13 252 Register der Bibelstellen | 461 9,3 232 9,1 224 9,3–6 252 9,1* 237 9,10 45 10,3 291 10,6 232, 252 Obadja/Obadiah/Obadia 11 291 1 298, 314, 441 11,1 45 1,18 224 11,5 232, 252 11,11 252 11,11f 232 12 291, 307 Jona 12 – 14 253 1,3 269 12,2 232 1,7 217 14,3f 232 Micha Joel 1,3–7 292 3 – 4 376 1,5 152 4,3–6 353 1,6–9 152 4,6 6 1,9 152 1,12f 152 2,1–11 152 3,1–7 152 Amos 3,9–12 152 1,1 220, 224, 441 3,8 152 1,1* 237 4,1–4 331 1,6 353 5,1 87 1,9 353 1,11–12 298 1,12 267 2,6–8 231 3,10 231 Habakuk 4,1–2 231 3 292 5,3 256 3,7 52 5,6 224 3,17 269 5,7 231 5,10–12 231 5,15 224 6 224 Zefanja 6,4–7 224 1,10 152 1,11 152 6,13 224, 238 1,14–18 376 6,14 224 7,9b 237 7,10–17 224 7,14–15 217 Haggai 8,2 278, 292 1 – 2 330 8,14 236 1,1 342 462 | Register der Bibelstellen 1,1–6 331 Lukas 2,1–9 331 1,54 3 2,21–23 376 1,68 3 2,4 331 2,2 413, 421 2,20–23 331 2,32 3 2,23 332 4,16–20 357 20,20 413 Sacharja/Sacharia 1 – 8 330, 332 Johannes 1 – 8* 345, 376 6,23 427 1,1 332 21,1 427 1,7 332 1,7–17 332 1,12 318 3,1–2 336 Apostelgeschichte 4,5–10 332 5,37 426 4,8–9 332 9,1–25 371 4,11–14 332 12,1 422 5,5–10 333 22,25–29 413 6,1–9 336 23,27 413 6,9–15 331, 332, 371 25,13 – 26,32 422 7,1 332 25,16 394 7,1–2 331 7,2 345, 442 9 – 11 386 Römerbrief 9,1–8 379, 382 8,21 80 9,13 6 9 – 11 412 10,6 224 11,1 78 14,2 381 1 Korintherbrief Maleachi/Malachi 10,29 80 3,22–23 403 11,32 410 Matthäus 2 Korintherbrief 4,15 30 3,17 80 4,25 416 8,5 414 Galaterbrief 2,4 80 Markus 4,31 80 5,20 416 5,13 80 7,31 416 Register der Bibelstellen | 463 Philipperbrief 1 Petrusbrief 3,5 78 2,16 80 2,19 80 Hebräerbrief 1,1 3 Offenbarung 21,12 3 Jakobusbrief 1,1 3, 412 1,25 80 2,12 80 Register der Namen und Personen *Abi-Ruham 50 Amel-Marduk 313, 324 Abd (Statthalter von Dedan) 341 Amenope 68 ʿAbd al-Baʿli 366 Amenophis IV. 53 Abdiël 369 Amminadab ben Hiṣṣil ̓el ʿAbdiḫepa / Abdi-Ḫepa 48, 142, 157 ben ̒Amminadab 280f. ʿAbdlabi’at bin ʿAnat 106 Amon 284f., 440 Abdullah 129 Amosbuch 224, 237, 267, 292 Abija / Abijam 174f., 182, 438 Amyrtaios 360, 363 Abimelech 113, 123, 227 Anani 168 Abiram 167 Antalkidas 340 Abjatar 175 Antigonos Monophtalmos 380 Abner 123, 126, 129, 438 Antigonos 416–418 Abraham 1, 50, 71, 107, 110f., 253, 307f., Antiochos IV. 397–400, 403, 405, 430 319, 322f., 334, 356, 395, 405, 407, Antiochos VII. 401–403 418 Antiochus III. 392, 395, 397, 443 Abschalom / Abischalom / Absalom 131, Antipater 415f. 134f., 158, 170, 438 Antonius 417, 444 Achikam ben Schafan 284, 285 Apries 300 Achikar / Ahikar 364, 403 Archelaos 421 Achilles 7, 378 Aretas III. 191, 410, 415 Achisch 270 Aretas IV. 410 Adad-Nerari I. 242 Aristobul I. 372, 407, 408 Adadnerari III. / Adadnirari III. 66, 214, Aristobul II., Sohn der Salome Alexand- 222, 231, 241, 254 ra 415f. Adon von Ekron 294 Aristoteles 378 Adon-Baal 198 Arsames / Arscham 361–363 Adoni’am 200 Artaxerxes 334, 339, 348f., 351, 354, Adonja 175, 192 357 Agrippa II. 407, 422, 423 Asa 166, 172, 174f., 182f., 189, 274, 440 Agrippina 424 Asarhaddon 177, 218, 230, 241, 262, Ahab 22, 170, 191, 195f., 198f., 253, 274, 276–278, 282, 287, 312 440 Asarja s. Usija Ahas 183, 247, 261, 440 Aschoka 383 Ahasja / Ahasyahu / Ahasjahu ben Je- Assurbanipal 16, 59, 218, 230, 241, 243, horam 113, 199, 205, 208, 214, 440 276–278, 281–283, 294f., 315, 323 Ahasjau / Ahasja ben Ahab 206, 253, Astyages 316 440 Atalja 22, 113, 121, 132, 149, 189, 205, Ahija 179 214, 220, 284 Aischylos 340, 378 Atatürk 114 Alexander d. Gr. 1, 281, 334, 341, 377– Augustus 39, 412, 417, 423f. 382, 386, 387, 392f., 395, 409 Aulus Gabinius 416 Alexander Jannai/Jannäus 407f., 416, 418 Baascha ben Ahija 182 Alkimos 400 Baascha von Bet-Rehob 198 https://doi.org/10.1515/9783110411683-021 Register der Namen und Personen | 465 Baascha 87, 90, 126, 172f., 175, 181– Debora 129, 227, 403 185, 191, 198, 219, 253, 440 Debora-Lied 45, 126f., 150, 219 Baba-ahhu-iddina 321 Deisitheos 380 Bagabat 369 Delajah 362f., 369 Bagawahya Bagoas 361, 363 Demetrios II. 398, 401 Bakchides 400 Doëg 123 Balʿam 220 Doti 167 Bar-Hadad bar Tabrimmon bar Dschingis Khan 379 Hesjon 191 Bar-Hadad 183, 211, 213f., 222 Echnaton 53 Bar-Kochba 1f., 371, 430f. El‘asah ben Schafan 285 Baruch ben Nerija 303 Elʿazar 430 Batscheba 170 Eleazar ben Jaïr 426 Bay/Beya 57, 59 El-hal(l)al 167 Beder 97 Elija 223 Belsazzar 313, 315 Elija-Geschichte 195, 205, 374 Ben ʿAnat / Baʿănaʾ 129 Elischa 206, 222f., 237, 373 Ben Ascher 432 Eljakim 262, 286, 295 Ben Naftali 432 Esau 356, 405 Benaja 175 Eschbaal 83, 113, 122, 124–126, 128f., Ben-Hadad ben Tabrimmon 191 133, 135, 150, 158, 169, 171, 179, 438 Ben-Hadad I. 183, 191 Esra 331, 343, 348f., 354f., 357, 359, Ben-Hadad II. 191 371, 395, 401, 405, 430, 442, 445 Ben-Hadad III. 191, 222 Esterbuch 2, 349, 391, 411 Ben-Hadad 178, 183, 191, 211 Evil-Merodach 313 Bileam 220 Ezechiel 298, 303, 307, 387 Bodjah 369 Bod-jahbol 369 Flavius Josephus 381f., 392, 397, 399, Bod-yehi-Bel 369 408, 409, 425, 428, 430, 445 Gabinius 416 Caligula 424 Gaddyau 200 Cassius Longinus 417 Gamaliel 394 Claudius 422, 424 Gedalja ben Achikam ben Schafan 285, Crassus 200 300, 302f., 308, 319, 343, 441 Gemarjah 363 Daniel 403 Gemarjah ben Schafan 284f. Danielbuch 282, 349, 387, 402 Geschem 341, 350 Dareios I. 329–339, 364 Gessius Florus 427 Dareios II. 338, 360–363 Gideon 102, 199, 227f., 373 Dareios III. 341, 379, 381 Gindibu/Gundab 198 David 1, 12f., 16, 21, 48, 83, 87, 113, 115, Gušam bin Śahr 341 118, 120f., 123f., 129, 130–135, 143f., Gušam 341, 350 146, 157f., 160f., 163, 169f., 174–176, 178, 179, 182, 185f., 188, 190, 192, Hadadeser / Hadadezer 198, 211f. 214, 223f., 240, 284, 297–299, 345, Hadad-Ezer 190 389f., 401, 404–406, 421, 438f. Hadad-yiṯ ̒ī 303 Dawid (Bet Dawid) 113, 167, 170, 208 Hadrian 392, 430–432 466 | Register der Namen und Personen Ḫadyān, Ḥaḏyān 214 Israel (Eponym) 125 Haggai 331f. It’amra 269 Hammurapi 19, 107, 358 Ittobaal 262 Hananja 256 Hananjah 361, 369 Jaasanja 285, 302, (441) Hāniʾ bin ʿAbd 367 Jaddua (Hoherpriester) 382 Hasaël 118, 132, 134, 157, 178, 181, 183, Jael 129, 403 191, 196, 199, 202–208, 211–215, Jair 227, 228 220, 240f., 248, 267 Jaïr 426 Hayyim 369 Jakob 71, 78, 86f., 125, 176, 185, 227, Heliodorus 397f. 238, 253, 257, 289, 291f., 303, 307f., Herihor 97 322, 356, 405 Herodes Agrippa I. 422 Jason von Kyrene 406 Herodes Antipas 422, 426 Jason 399 Herodes d. Gr. 39, 157, 405, 406, 415, Jedonjah b. Gemarjah 363 416, 417, 418, 419, 421, 426 Jedonjah 360–362 Herodes Philippus 408, 422 Jeho’ana 369 Herodot 8, 282f., 316, 329–331, 338, Jehoahas 247, 254, 286, 295, 440 340–342, 378, 432 Jehoasch 214, 440 Hesjon 191 Jehohanan 362 Hetibe 99 Jehojachin 297f., 307, 324 Hillel 394 Jehojakim 284, 286, 294f., 297, 299 Hiobbuch s. Ijobbuch Jehoram 113, 116, 189, 208, 253, 440 Hiskija (Hoherpriester) 381 Jehoschafat / Joschafat ben Asa 189, Hiskija 27, 90, 144, 150, 152, 174, 214, 247, 440 260–264, 269, 272–275, 279, 286, Jehu 189, 196, 203, 205f., 208f., 213, 292 221, 238, 247, 254, 440 Hosea ben Ela 245 Jehuda Aristobul I. 407 Hosea ben Jaton 363 Jeremia / Jeremija 284f., 299, 303, 334, Hosea ben Nattum 363 395, 441 Hosea 230, 245, 250f., 254, 291, 440 Jeremijabuch / - gruppe 115, 277, 282, Hyrkan s. Johannes Hyrkan 287, 300, 303, 307f., 322, 346, 387, 403 Idrimi 133, 159, 160, 178, 401 Jerobeam I. / ben Nebat 48, 122, 126, Ijobbuch 315, 336, 340, 342, 365, 366, 129, 158, 164, 166, 168–171, 175, 375, 388, 394, 395, 431 178–185, 191, 226f., 238, 253, 347, Ikayus 270 440 Ilubi’di von Hamat 251 Jerobeam II. / ben Nimschi 22, 78, 81, Immanuel 247 85f., 127, 134, 149, 157, 173f., 180f., Inaros 351 195, 197, 206, 208, 220, 221–227, Irhuleni 198 229, 231, 235f., 238, 241, 245, 248, Irsu 60 254, 256, 267, 347, 407, 419, 440 Isaak 289, 356 Jerobeam 369, 395 Ischbaʿal 104 Jesaja 218, 232, 261, 262, 264, 292, 389 Isch-Boschet 126 Jesaja-Buch 247f., 262, 285, 292, 308f., Isebel 195, 196, 205 316, 345, 387, 389 Ismael 87, 268, 323, 356, 405, 407 Jesus ben Sira(ch) 395 Register der Namen und Personen | 467 Jesus 358, 426f. Licinius Lucullus 415 Joab 134, 175 Luli 262 Joahas 203, 213, 222, 247, 440 Lysias 400 Joasch 147, 149, 206, 213, 214, 222, 223, 440 Ma‘uzi ben Natan 363 Johanan ben Zakkai 428, 429 Maacha bat Ab(i)schalom 182 Johannes Hyrkan I. 237, 398, 401, 402, Maacha 170, 274 404, 405, 406, 407, 408, 416 Mabbogay 369 Johannes Hyrkan II., Sohn der Salome Manasse (Bruder des Hohenpriesters Alexandra 410, 411, 415, 416, 417 Jaddua) 382 Jojachin 440, 441, 442 Manasse (Josef-Sohn/Stamm) 76, 81, Jona ben Amittai 224 85–87, 124, 192, 200, 228, 322 Jonatan Makkabäus 398, 400, 401, 403, Manasse (König) 20, 150, 152, 247, 264, 404 272–276, 280, 285, 287, 292, 319, Jonatan 104, 125, 390, 438 351 Joram 116, 195, 199, 201, 203, 205, 206, Manetho 385, 390 440 Manqabat 97 Joschafat ben Asa 247, 440, s.a. Jeho- Matinbaal 198 schafat Mattanja 298, 441 Joschija 4, 29, 121, 132, 134, 157, 175, Mattatias / Mattatija von Modein 400, 226, 264, 273f., 277, 283–287, 290, 407, 425, 427 292f., 295, 319, 325, 343, 346f., 440 Mattatias Antigonos 416–418 Josephus s. Flavius J. Mazday 369 Josua 55, 292f., 307, 322, 332, 349, 351, Megabyzos 351 371, 389, 394, 401, 403, 430 Menachem (Zelot) 426 Judas Aristobul s. Aristobul I. Menachem 174, 230f., 245, 254, 295, Judas ben Hiskija von Gamala 426 440 Judas Makkabäus 398, 400, 403, 406 Menelaos 399f. Juditbuch 15, 395, 403 Merenptah 1, 2, 46, 55, 57, 60, 72, 87, Julius Cäsar 7, 385, 415–417, 444 226, 357 Justinian 282, 413, 432 Meribaal 125 Mešaʾ 12, 86, 117, 199, 201–203, 208, Kambyses 316, 328–330, 334f., 346, 219, 240, 278 360–363, 442 Mesabbala 431 Kamošyatt 117, 202f. Mikmar 97 Karib’il 269 Mirjam-Lied 107 Kilamuwa 303 Miryam 403 Kleopatra II. 398 Mithridates VI. 415 Kleopatra III. 398 Moses 58f., 90, 107, 218, 291, 349, 353, Kleopatra 384, 444 357, 359, 389, 394, 401, 430 Konstantin 432 Muḥammad 38 Kyaxares 294 Kyros 15, 125, 308, 313–318, 325, 328, Nabonid 290, 313–317, 320f., 323, 326, 330, 333–335, 341 338, 346 Nabopolassar 282, 294, 303, 313 Labʾayu 48, 123, 157 Nabot 204, 371 Lea 78, 87 468 | Register der Namen und Personen Nabuchodonosor 403 Ptolemaios I. 380f., 384f., 443 Nadab 182, 253, 440 Ptolemaios II. 390, 443 Nahumbuch 218, 282 Ptolemaios VIII. 398, 444 Naphaina 361 Nebat 169 s. Jerobeam I. ben Nebat Quintilius Varus 421 Nebukadnezar / Nabū-kudurrī- Quirinius 421 uṣur (II.) 20f., 153, 177, 260, 294f., 297, 300, 302, 304, 307f., 311–318, Rachel 78, 87 321–324, 326, 334, 395, 441 Ramses II. 51, 54–56, 62, 69, 71 Necho II. 58, 283, 286f., 294f., 297 Ramses III. 45, 59f., 62, 65, 67, 69, 71 Nehemia / Nehemija 154, 331, 341–343, Ramses IV. 72 347–351, 371, 373, 389, 401, 430, Ramses V. 69 442 Ramses VI. 72 Nektanebos II. 360 Raźyān 245 Neriglissar 313 Rehabeam 48, 129, 131–135, 163f., Nero 422, 424, 428 169f., 172, 174–176, 179–182, 440 Nikaso 382 Remalja 247 Nimschiden 27, 114, 115, 122, 135, 150, Reson bar Elyada‘ 178 172, 180, 181, 185, 189, 190, 205, Reson 191 206, 226, 231, 237, 238, 250 Rezin 247 Nūrān bin Ḥāḍir 341 Roxane 380 Octavian 417, 444 Sacharja (Prophet u. Buch) 332, 376, Olympiodorus 397 386, 387 Omri 20, 174, 181f., 184, 194–196, 201– Sacharja 230f., 254, 440 203, 253, 440 Sahru 369 Onias IV. 396, 399 Salambol 367 Ostanes 362 Salaya / Zalaya 51 Salmanassar III. 16, 194, 198f., 205f., Padi / Pad(i)y(a) 260, 262f., 270 211–213, 230, 241, 247, 249 Parmenion 379, 381 Salmanassar IV. 214, 241 Paulus 78, 445 Salmanasser V. 230, 250f., 395 Pedaja 332 Salome Alexandra 391, 410f., 415, 429 Pekach 20, 230f., 245, 250, 254, 440 Salomo 11f., 22, 113, 115, 144f., 169f., Pekachja 230f., 245, 254, 440 172, 174–179, 225, 227, 238, 293, Perdikkas 381 390 Perikles 282 Šamaššumukin 59 Pharnabazos 369 Šamši 267, 268 Phasael 416f. Samuel 115, 123 Philipp II. von Makedonien 340, 378f. Sanballat 350, 362, 369, 382 Pinchas 371, 426, 430 Sanherib 230, 243, 260, 262–264, Piodasses 384 269f., 273, 276, 278 Pompeius / Pompejus 394, 401, 415f. Sargon II. 125, 195, 230, 241, 251f., 254, Pontius Pilatus 421f., 427 259f., 263, 269 Potnia 270 Saul 74f., 82, 112f., 121–129, 132f., Psammetich 283 157f., 170f., 438, 439 Psammetichs II. 299 Schafan 277, 284–286, 346 Register der Namen und Personen | 469 Schallum 230f., 254, 440 Tirhaqa 262 Schealtiël ben Jojachin 332 Titus 428 Scheba 134, 439 Tobija 350 Schelemjah 362, 369 Tobitbuch 15, 349, 395Trajan 30 Schemajah ben Haggai 363 Scheschbazzar 330, 333, 342, 362 Unamun 95, 97–100, 117, 217 Seleukos 380, 381 Usija 149, 225, 238, 240, 440 Seleukos IV. Philopator 397, 405 Serubbabel 331f., 342f., 401 Vergil 412 Sethnacht 58–60 Vespasian 39, 422, 428 Sethos I. 50, 54 Sethos II. 72 Waidranga 361–363 Simeon (Stamm) 76, 85, 87, 269 Wallenstein 200 Simeon Bar-Kosiba s. Bar-Kochba Weret 97 Simon Makkabäus 2, 371f, 401, 407 WNY 369 Simon und Jakob ben Judas ben Hiski- ja 426 Xenophanes von Kolophon 356 Simri 181, 182, 184, 191f., 440 Xenophon 312 Sîn-uballit 350 Xerxes 334, 338f., 346f., 442 Sinuhe 46, 110, 373 Sisera 127, 129 Ya’asanja 302 Smendes 97–99 Yaddu‘ 369 So 251 Yaddúaʿ 386 Šošenq 58, 97, 117, 123, 126, 129, 131, Yaʿir 270 134f., 157f., 164–172, 175, 178f. Yasud ben Adda’ 270 Yasud 270 Tabël 247 Yiṯa ̒ ̓amar Bayyin bin Sumuhū ̒alī 269 Tachos 364 Taita 68 Zabibe 267f. Tennes 366 Zadok 175 Tent-Amun 99 Ẓāhir al-‘Umar 161–163 Thukydides 282 Zakir-Ba’al 97f. Thutmosis III. 47, 72, 159 Zakkur 212–215, 222 Tiberius Alexander 423, 426 Zenon 385f., 443 Tiberius Claudius Felix 423 Zidkija 275, 285, 298, 300, 302f., 307, Tiberius 424 319, 440 Tibni 182, 184, 192 Tiglatpileser III. 183, 191, 224, 230f., 241–251, 257, 260, 263, 267–269, 311f. Register der Orte Abel Bet Maacha 134, 183 Arwad 198, 369 Abel Keramim 168 Arzâ 169 Âbil ez-Zait 168 As(ch)kalon / Aschkelon 1, 27, 56, 57, Åbo 124 65, 67, 94, 98, 120, 138, 260, 262, Adama 167f. 294, 297, 350, 401 Addar 168f, Aschdod / Asdod 27, 65, 67f., 82, 83, Adir 168f. 84, 85, 94, 98, 120, 255, 260, 262, Adoraim 167f. 264, 350, 401 Aelia Capitolina 430, 432 Aschtarot 40, 246 Ai 79, 287 Ašḥit 167 Aila / Elat 30 Assuan 383 ʿAin al-ʿArūs 172 Assur 276, 294, 312, 317f. Ajjalon 39, 119 Atarot 39, 117, 182, 198, 201, 202, 204, Akkad 295, 314, 318 Athen 91, 282, 336, 339, 340, 352, 359, Akko 25, 27, 118, 161, 189, 262, 386, 378 408 ʿAtsam 167 Āl Yahūdu 324 ʿAtsmon 168 Alalah 159f. Avaris 46 Aleppo 65, 68, 159f. Ayyalon 167 Alexandreion 418 Alexandria 371, 380, 385, 387, 390, Baalat-Juda 40, 106, 172 398, 403, 406, 445 Baʿal-Hazor 103 Altötting 226 Baʿal-Meʿon 202 Amathous 416 Babel 278f., 441 ʿAmmān / Amman 38, 39, 266, 386, Babylon 278, 294f., 316f., 329, 336, 416, 443 339, 341, 346, 379f. ʿAmmūrīn 184 Basel 77 Anani 168 Beerscheba 134, 223, 227, 229, 236, Anatot 39, 303 286, 418 Antiochia ad Hierosolymam 399 Behistun / Bisutun 329, 330, 337, 364 Antiochia am Chrysorrhoas 39 Beirut 162 Antiochia 383, 401 Bēsān 39 Apamea am Orontes 159 Bet ʿAnat / Bet Anat 39, 167 Apamea 392, 397 Bet ha-Rafid 301 Aphek /Antipatris / Aphek- Bet Horon 39, 166, 167, 172, 181, 428 Antipatris 381, 418 Bet Merkabot / bit markabti 365 Arad 46, 118, 145, 147, 150, 156, 165, Bet Merkabot 365 167, 213, 235, 273, 279, 280, 295, Bēt Rās 39 297, 298, 331, 366 Bēt Tappuaḥ 167, 168 Aram Bet Maacha 83, 84, 183, 191 Bet-Dagon 40 Arbela 226 Bet-El 121, 129, 138, 176, 180, 181, 195, Aroer 39, 273 204, 224, 226, 237, 252, 253, 255, Arpad 191, 248 287, 291, 292, 293, 300, 303, 304, ʿArūna 51, 167, 168 308, 309, 317, 319, 320, 321, 322, https://doi.org/10.1515/9783110411683-022 Register der Orte | 471 331, 333, 343, 345, 346, 347, 350, ed-Dāmye 168 363, 364, 441, 442 Ekbatana 174, 316, 325, 329, 336, 379, Bethsaida 422 395 Betlehem 40, 106, 280, 350 Ekron 65, 67, 82, 83, 94, 115, 120, 122, Bet-Nimra 39 123, 133, 152, 157, 191, 240, 260, Bet-Schean 25, 27, 39, 50, 77, 118, 167, 262, 264, 269, 270, 294 196, 200, 201, 205, 212, 386, 416 Elat 30, 71, 320 Bet-Schemesch 39, 205 Elephantine 59, 60, 320f., 324, 331, Bet-Zur 400 343, 347, 349f., 355, 360–364, 368, Borim 167 371, 445 Bostra / Buṣrā š-Šām 30 el-Ḫaḍr 106 Bozra / Buṣēra 267, 327 El-hal(l)al 167 Byblos 46, 68, 97, 98, 99, 100, 198, 217, el-Kerak / Hirbet el-Kerak 38, 386 245 El-Mattan 168 Byzanz 77, 281, 282, 423 el-Mazār 125 Elot 39 Caesarea (Maritima) 39, 408, 422 Elteqe 262 Caesarea Philippi 408, 422 Emar 159 Calais 175 En Goren 168 Canatha 416 Engedi 39, 431 Capitolias 39 er-Rabba 38 Chaironeia 378f. ʿEtsem 168 Chudschand 380 et-Tell / Ps.-Betsaida 134 Czenstochowa 226 Fadak 315 Damaskus 30, 51, 83, 162, 191, 198f., Fēnān / Punon 58, 69f., 117, 166, 267 205, 206, 210–214, 217, 220, 223, 224, 241f., 245, 247, 248, 266, 268, Gadara 77, 386, 408, 416 315, 341, 371, 410, 415, 416, 443 Gamala 409, 426 Dan 70, 71, 79, 84, 85, 86, 118, 132, 134, Gannot 167 180, 183, 195, 197, 202, 205, 208, Gat Padalla 168 211, 212, 220, 223, 224, 226, 227, Gat 17, 39, 65, 67, 82, 83, 84, 94, 115, 229, 236, 255, 347, 418 120, 131, 133, 135, 142, 152, 157, 169, Daybon 203 185, 206, 207, 213, 218, 221, 226, Dedan 315, 341, 365, 367 270 Deir Henna 162 Gaugamela 379 Dēr ʿAllā 70, 82, 83, 84, 85, 106, 107, Gaza 27, 30, 57, 65, 67, 68, 69, 82, 83, 165, 166, 179, 220 84, 85, 94, 98, 117, 120, 162, 165, Derʿa 184 206, 240, 245, 247, 250, 264, 267, Dibon-Gad 12, 117, 188, 201, 202, 203, 283, 320, 341, 350, 366, 367, 379, 204 408, 409 Dor 27, 66, 95, 97, 99, 118, 201, 232, Geba 39, 166, 183, 200, 286 236, 245, 246, 255, 339, 423, 443 Geder 39 Dotan 123 Gedera 39 Duma 268, 419 Gedora 39 Genua 42, 43 Ǧeraš 39 472 | Register der Orte Gerasa 386, 409, 416 Ḫirbet Sūsīye 39 Geser 1, 50, 56, 57, 167, 169, 172, 174, Ḥisbān / Hesbon 17, 38, 203 181, 182, 186, 213, 225, 255, 256, Horma 168 401, 416 Horonajim 202 Gezer 17, 47, 106, 142, 157, 166, 256 Ḥoronēn 202, 203 Gibea 39, 123, 124, 158 Gibeon 30, 39, 102, 118, 119, 123, 124, ʿIjon 183 134, 135, 157, 158, 165, 166, 167, 169, ʿIron 30, 51, 167 170f., 176, 181, 227, 287 Issos 62, 67, 379 Gittaim 167 Gomorrha 308 Jaffa / Jafo / Yafo / Tel Aviv 27, 42, 43, Goren 168 51, 162, 262, 339, 401 Jaḥaṣ / Jahaz 117, 182, 198, 201, 202, Ḥadašat 167 203, 204 Hadrak / Hazrak / Ḥaḏarakk 214 Jamnia 429, 432 Hafaraim 167 Jericho 25, 27, 30, 40, 79, 201, 287, 350, Halab 68, 159 415, 416, 418, 427 Hama / Hamat 65, 184, 191, 198, 214f., Jerusalem 47f., 120, 136–156, 157, 236, 217, 223, 224, 231, 245, 248, 251, 272, 301, 330f., 360–364, 392f. 269 Jesreel 25, 27, 126, 158, 162, 165f., Hamadan / Ekbatana 329, 336, 379 167f., 182, 183, 189, 196, 201, 205f., Hannover 134 208, 212 Har Adir / Har-Adir 182, 196 Jibleam 200, 231 Harran 104, 252, 275, 276, 286, 289, Joqneam 225 291, 313, 314, 316, 320, 327, 347, 356 Julias 422 Hatzerot 200 Ḫaybar 315 Kabul 383 Hazar Susa / bit sisi 365 Kadesch 54, 62, 267, 273 Hazar-Schual 39 Kallirhoë 419 Hazerot 39 Kalne 248 Hazor 17, 47, 63, 129, 138, 174, Kandahar 380, 383 182, 196, 197, 199, 201, 212, 225, 255 Kapernaum 427 Hebron 87, 118, 131, 133, 135, 138, 158, Karkemisch 67, 248, 294, 297 214, 235, 298, 309, 319, 350, 356, Karkor s. Qarqar 418, 438, 441 Karthago 95, 188, 359, 383, 392 Helsinki 124 Kerak 38, 39, 386 Herakleia am Latmos 392 Kerijot 39 Herodeion 418, 428 Kfar Saba 381 Heschbon / Hesbon 17, 38, 203 Kfar Yoḥanna 162 Ḫibrā 315 Kinneret 17, 25, 30, 70, 82, 83, 84, 85, Hippos 39 103, 118, 134, 183, 212, 225, 240, 255 Ḫirbet Abu Habīl 168 Koblenz 77 Ḫirbet el-Mšāš / Tel Masos 70, 117 Köln 77 Ḫirbet el-Qōm 235, 366 Kraḵ Mōbā 38 Ḫirbet en-Naḥās 117f., 198, 213 Kumidi 51, 52 Ḫirbet Mudeyyine eṯ-Ṯemed 182 Kuntillet ʿAǧrūd / Ajrud 220, 225, 235, 267 Ḫirbet Qēyāfa 106, 126, 186 Kyrene 406 Register der Orte | 473 La(ǧ)ǧūn 39 Nazareth 161 Lachisch 17, 72, 145, 146, 147, 152, 213, Neapel 383 223, 240, 262f., 273f., 287, 300f., Neapolis 39 441 Nebo 201, 202, 203, 204, 294 Lajisch 118 Neftoach 46, 56 Laṭrūn 39 Neuss 77 Leontopolis 396 New York 351 Lifta 56 Nijmegen 77 Lodebar 224 Nimrud 224, 225, 241 London 277 Ninive(h) 218, 224, 226, 241, 276, 277, Lugdunum 422 281, 282, 294, 316, 379, 395 Lus 39 Lusa 346, 405f. Padakku 315 Lydda 401 Palmyra 199, 245 Lyon 422 Paneas 422 Pella 30, 73, 386, 409, 416 Machärus 418, 428 Penuël 165, 166, 179, 181, 182, 185, 204 Madaba 405 Persepolis 335, 336, 337, 339, 379 Magnesia 392 Petach Tiqwa 38 Mahanaim 39, 135, 158, 167, 179 Petra 267, 409 Mahanajim 126 Philadelphia 39, 386, 416, 443 Maḥarit 202 Philoteria 386 Maʾin 342, 367 Pinon 69 Mainz 77 Pletim 167 Mamre 110f., 418 Pompeji 379 Marathon 339, 340 Ptolemais 386 Marescha 366, 398 Punon s. Fēnān Mari 119, 191, 217 Masada 418, 426, 428 Qarḥo 203 Megiddo 17, 30, 39, 47, 72, 82, 83, 84, Qarnajim 224 85, 118, 129, 159, 165, 166, 167f., 174, Qarqar 167, 194, 198, 199, 244 183, 196, 200, 212, 219, 225, 226, Qeriyyot 202 228, 240, 245, 246, 254, 255, 260, Qēsarīye 39 286, 287, 408 Qina 298 Memphis 329, 346, 379 Qiryat Arba 87 Meros 17, 125, 127 Qiryatēn 202 Meṣad Ḥašavyāhū 295 QRḤH 202, 203 Meskene 159 Qumran 177, 290, 315, 395, 396, 401, Michmas 400 407, 445 Migdol 39, 167, 252 Mizpa 39, 166, 183, 300, 302, 303, 304, Rabbah 39 308, 309, 319, 325, 343, 346, 349, Rabbat Ammon 38, 157, 266, 416 351, 441, 442 Rabbat Moab 38 Modeïn 400 Ragaba 409 Rama 181 Nāblus 39 Ramat Negev 298 Nagbari 167 Ramat Rahel 270, 280, 349 474 | Register der Orte Ramathaim 401 Taanach 17, 126, 167, 200, 212 Ramot Gilead / Rāmt̠ā 38, 196, 201, 205 Tamar 39, 172, 267, 438 Ramoth 204 Tanis 97 Ramsesstadt 55 Tappuach 39, 167, 168, 231 Raphia 168, 443 Tarschisch / Tartessos 188, 269 Rehob / Bet Rehob 167, 168, 183, 190, Tartus 184 191, 194, 198, 199, 211 Taymaʾ / Tema / Taymāʾ 267, 268, 314, Rom 278, 380, 412–414, 423 315, 316, 352, 355, 365 Rubute 167 Tel ʾAmal 212 Tel Aviv (s. auch Jaffa) 29, 42, 295 Saba 174, 267, 268, 269, 283, 341, 342, Tel Dan 205, 208, 220 365, 375, 381 Tel Hadar 134 Safet 161 Tel Hadid 256 Salamis 168, 339, 340 Tel Ḥarašim 196 Samaria 39, 86, 104, 118, 134, 146f., Tel Kinrot 134, 183, 212 149f., 174, 181, 194, 195, 200, 201f., Tel Masos 70, 117, 213 204, 214, 224, 226, 236, 237, 240, Tel Qiri 35 241, 245, 247, 248–257, 260, 277, Tel Reḥov 118, 183, 185, 206, 212, 218, 292, 303, 323, 329, 343, 350, 362, 219 368f., 386, 417, 418, 442, 445 Tell ʿAǧǧūl 169 Sandaḥanna 39 Tell ʿAmmatā 168 Sardis 337, 392 Tell Deir ʿAlla 70, 73, 82, 83, 84, 85, Sarepta 262 107, 165, 166, 179, 220 Šaron 202 Tell el-Amarna 47, 48, 50, 142 Šaruḥen 168 Tell el-Farʿah 183 Schilo 123, 124, 179, 303 Tell el-Fāriʿ 133 Schunem 167 Tell el-Ḥuṣn 196 Scythopolis 39, 416 Tell el-Qāḍī 39 Sebaste / Sebasṭīye 39, 406, 418 Tell er-Ramṯā 38, 196 Sepphoris 416, 422 Tell es-Saʿidiye 73 Sichem 17, 30, 47, 48, 77, 80, 102, 113, Tell Feḫerīye 303 114, 123, 124, 129, 138, 166, 179, 181, Tell Ǧemme 169 182, 185, 191, 227, 303, 405, 408 Tell Sīrān 281 Sidon 27, 95, 98, 162, 167, 189, 195, Tell Taʿyīnāt 65, 145, 226 196, 198, 205, 211, 214, 257, 260, Tema s. Taymaʾ 262, 263, 339, 366, 367, 369, 443 Teman 226, 292, 323 Siwa 379 Theben 8, 97, 379 Siyānu 198 Tiberias 161, 422, 427, 432 Skythopolis 386 Tibna 192 Socho 167 Tibnīn 192 Sodom 308 Tifsach 231 Soko 167, 257 Timnaʿ 52, 58, 59, 69, 70, 71 Sukkot 39, 108, 109, 167, 220 Tirza 123, 181, 182, 183, 184, 191, 231 Susa 174, 316, 318, 325, 329, 335, 336, Tmḥdn 167 379, 380, 397 Tripolis 383 Syene 361, 362, 363 Troja 7, 8, 157, 340, 378 Tsafata 167 Register der Orte | 475 Tsemaraim 167, 168 Xanten 77 Tsipori 255 Turku 124 Yadī / Yadīḫu 315 Tyrus 27, 82, 83, 84, 85, 86, 97, 161, Yafo s. Jaffa 167, 174, 189, 195, 196, 198, 205, 211, Yaṯrib / el-Medīna 315 214, 245, 257, 262, 307, 312, 341, Yavne 429 369, 379, 381, 382, 387, 383, 443 Yenoam 1 Yeruḥam 167, 168 Ugarit 63, 104, 378, 393 Yiḥam 167 Umm Qēs 77 Yurṣa 168 Ur 356 Utrecht 77 Zamarayn 184 Zēt Padalla 167f. Venedig 42, 43 Ziklag 66, 133, 158 Zimrin 184 Washington 124 Zürich 77